Es passt nicht. Es passt einfach hinten und vorne nicht. Ich sitze hier, innerlich so furchtbar kaputt und zerstört, doch meine Arme sind heil. Ich ertrage es kaum, denn ich kann diese beiden Dinge nicht miteinander in Einklang bringen. Ich kann es kaum aushalten, dass das Innere und das Äußere nicht zusammen passen.

Der Schmerz, der gerade in mir steckt, passt da überhaupt nicht rein. Da ist so viel Schmerz auf so wenig Raum. Und er ist nicht greifbar. Nicht sichtbar. Wunden sind das. Ich kann sie sehen und irgendwann auch spüren, ich kann sehen, dass da etwas kaputt ist. Und ich verstehe nicht, wie da so viel Schmerz sein kann in mir ohne heraus zu brechen. Ich warte darauf, dass sich mein Brustkorb öffnet und Welle um Welle hinausströmt, weil so viel kaputt sein doch einfach nicht in mich passen kann.

Innen und außen passt einfach nicht. So gar nicht.

Schon lange habe ich mich nicht mehr so zerfetzt gefühlt. So zerstört und instabil und voller Chaos. Die Klausuren treiben mich in den Wahnsinn, weil da einerseits immer noch diese allgegenwärtige Panik ist, die mich einfach umhaut und auch nicht davor Halt macht, dass ich lernen muss und Klausuren schreiben. Andererseits habe ich das Gefühl, dass alles aus meinem Kopf wieder raus fällt, als würde ich versuchen Wasser mit einem Sieb aufzufangen.

Und, vor allem, triggert es alte Erfahrungen. Worte in meinem Kopf, die so tief sitzen, dass selbst 12 Jahre nichts ändern konnten. Du kannst nichts. Du wirst nie etwas erreichen. Die anderen sind viel besser. Alle schreiben bessere Noten. Du bist dumm. Aus dir wird nichts werden, außer Putzfrau.

Es sitzt so tief in mir, dass ich nicht dagegen ankomme. Selbst nicht mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, einer guten noch dazu, nicht mit einem Schlussabschluss, der mich nun zum Studium befähigt, nicht mit all den Dingen, die ich bisher erreicht habe.

Gerade fühle ich mich angesichts des Lebens einfach überfordert. Unfähig. Wie soll ich jemals normal leben? Normal mit all diesen Dingen umgehen?

Meine Mutter hat mir heute morgen einen Apfel aufgeschnitten. Mein Vater hat mir extra meine Lieblingssorte Gummibärchen gekauft. Worte, die ich heute morgen vor der Klausur höre. Worte, die mich so unglaublich treffen. So sehr wünsche ich mir in diesen Krisenzeiten wenigstens eine normale Familie, die mich unterstützt, die mich ermutigt, die mir sagt, dass ich das schaffen kann, die an mich glaubt. Ein normales Leben, ein normales Aufwachsen in einem normalen Elternhaus. Wie gerne wäre ich heute einfach heim gekommen, hätte mich von meiner Mutter und meinem Vater drücken lassen, weil die erste Klausur hinter mir liegt, mich hingesetzt und gelernt. Stattdessen kämpfe ich darum mich nicht zu verletzen. Kämpfe darum weiter zu atmen, weiter zu leben.

Schmerz. Nichts als Tränen und Schmerz.

Ich hätte gerade so gerne jemanden hier, der mich einfach nur in den Arm nimmt.

Und jede Antwort fällt so schwer, zieht uns tiefer rein ins Meer

Es ist eine seltsame Zeit momentan. Zwischen Lernen und Panik und Kaffee trinken. Einerseits habe ich mir so immer das Erwachsensein vorgestellt. Wenn ich Menschen sah, die mit Freunden im Café saßen, dann war das immer ein Ziel für mich. Irgendwann auch mal mit Freunden da sitzen und Kaffee trinken und reden und lachen. Das tue ich momentan viel und ausgiebig mit D., Kaffee trinken und manchmal wie verrückt (haha, sind wir ja) lachen, manchmal über ernste Themen reden, aber vor allem einfach Zeit genießen.

Und gleichzeitig existiert das Chaos. Das Chaos in meinem Leben und in meinem Kopf. Und die Angst. Die Angst vor der Angst und die Angst vor der Angst vor der Angst. Deswegen sitze ich auch heute morgen ziemlich müde in der Ambulanz der Klinik bei der Ärztin, die letzte Woche AvD war, als ich abends in die Klinik kam. Sie schickt mich auf die Station und von dort gehe ich mit ein paar Tavor in der Tasche. Für den Notfall. Wenn alles andere nichts bringt, wenn die Angst mir wieder den Hals zuschnürt und ich mir sicher bin, dass ich sterben werde. Vielleicht lindert es die Angst vor der Angst, dass ich nun weiß da ist etwas für den absoluten Notfall. Auch wenn ich mir gerade wirklich Watte im Kopf wünsche, so lasse ich doch die Finger davon. Ich kenne mich und das letzte was ich jetzt brauchen kann ist ’ne Medikamentenabhängigkeit. Und es gibt auch Sicherheit angesichts der Klausuren vor mir, bei denen ich erfahrungsgemäß sowieso Panik haben werde. Und eine Panikattacke wegen Klausurpaniksymptomen will ich nun wirklich nicht haben.

Vielleicht ist heute wieder einer dieser Wendepunkte. Ich fange an zu weinen, als ich mit der Angst zusammengerollt im Bett liege. Ich weine um mich, um den Schmerz in mir, um den Horror der Nacht, in der ich in Obhut genommen wurde. Ich weine zum ersten Mal nur wegen diesem Abend und dem was er in mir auslöst. Nicht wegen dem davor oder dem dahinter, sondern einzig und allein wegen diesem Abend. Ich weine mit dem verängstigten Mädchen von damals, dass nicht versteht was geschieht, dass nicht in Einklang bringen kann, wie dieser Mensch vor mir, der mir soviel bedeutet, den ich so sehr liebe, mit dieser Kälte in den Augen vor mir stehen kann und mir sagt, dass er mich umbringen wird. Ich weine, weil bisher kein Platz war für die Traurigkeit und den Schmerz. Zusammengerollt auf meinem Bett, während dem Lernen für die Klausuren, auf dem Weg ins Bad, in der Küche, im Wohnzimmer. Immer und immer wieder kann ich die Tränen nicht zurück halten, weil der Schmerz einfach so endlos ist. Ich weine, weil ich derzeit so gerne einfach nur Platz und Raum fürs Lernen haben würde, weil es mich gerade so kaputt macht, weil die Angst zurück ist. Ich weine, weil ich nicht weiß wohin mit all diesen Gefühlen, weil ich nicht weiß, wie ich nach all diesen Jahren nun damit umgehen soll, weil es mich nun einholt. Ich weine aus so vielen Gründen und habe das Gefühl, dass es nie enden wird. Dass in mir ein endloses Meer aus Schmerz und Angst und Traurigkeit ist, welches niemals ausgeweint sein wird.

Ich weine, weil mir so sehr eine glückliche Kindheit fehlt. Weil ich so gerne einfach normal aufgewachsen wäre. Weil ich mich statt mit Klausurthemen mit Angst rumschlage.

Ich weine, weil ich so gerne einfach nicht mehr stark sein würde. Weil ich immer stark sein musste, seit ich denken kann. Weil ich keine Gefühle zeigen durfte, mich nicht angreifbar machen, niemals Schwäche zeigen. Loslassen ging nur über die Selbstverletzung. Schmerzen spüren, weinen, wütend sein, all das ging nur übers Schneiden. Und so gerne würde ich gerade diesen Weg gehen. Würde all das raus lassen durch Wunden in meiner Haut. Genau so gerne würde ich aufgeben, würde all dem Gefühlschaos so gerne ein Ende setzen, aufhören zu existieren. Würde so gerne aufgeben, einfach mal nicht stark sein müssen. Aufgeben und gehen, endlich gehen. Weil es mich immer wieder einholt, immer wieder umwirft. Weil es ein so endloser Kampf zu sein scheint. Weil ich immer und immer wieder falle. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Wo kommen all die Zweifel her
Die uns ins Herz geschlichen sind
Und uns in letzter Zeit so in Frage stellen
Sollen wir fliehen oder kämpfen
Geht es dir da so wie mir
Dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Angst

Manchmal möchte ich meinen Körper und meine Gefühle gerne anbrüllen, möchte darauf einschlagen und toben und sie irgendwie dazu bringen die rationalen Dinge in meinem Kopf doch bitte zu verstehen.

Zum Beispiel, dass ich nicht sterben werde. Nicht plötzlich abends aus heiterem Himmel auf meiner Couch. Doch genau das behaupten Körper und Gefühle. Ich werde sterben. Sofort.

Eine weitere Welle der Panik flutet über mich, ebbt ab, doch bevor sie richtig abflachen kann türmt sich wieder eine Welle auf und flutet über mich, reißt mich mit, nimmt mir die Luft, bringt mein Herz zum Rasen, meinen Verstand an den Rand des Wahnsinns, bevor es langsam wieder nachlässt und dann die Angst vor der Angst wieder in einer neuen Welle endet. So vergeht Welle um Welle und ich sitze ein wenig später mit der Ärztin von Dienst in der Psychiatrie im Arztzimmer auf Station. Zitternd und bebend und mit Herzrasen, während auch sie mir sagt, dass ich nicht sterben werde und ich zum ersten Mal seit Jahren wieder Tavor nehme, weil mir gerade ziemlich egal ist was passiert, Hauptsache diese Panik hört auf.

Tina fragt, ob ich sagen kann, was für eine Angst es ist. „Todesangst“ ist das einzige, dass ich heraus bekomme, und ich bin wieder 17 und bange um mein Leben. Mein Kopf weiß, dass ich nicht sterben werde. Der Rest von mir weiß es anscheinend nicht. Und so sitze ich kurz darauf auf der Station, zitternd und mit dem Igelball in der Hand, während eine Mitpatientin versucht mich abzulenken und mir von diesem und jenem erzählt, Schwester Sabine legt mir irgendwann eine Decke um die Schultern und steckt sie fest, weil ich so furchtbar friere, bis endlich langsam Ruhe einkehrt in mir, bis die Medikation endlich wirkt, bis da kaum noch was ist von der Angst. Was bleibt ist die endlose Kälte, die nun auch Stunden später unter 3 Decken noch zu spüren ist. Und es bleibt ein wenig mehr Angst vor der Angst, ein wenig mehr Angst vor dem nächsten Mal, an dem die Wellen über mir zusammen schlagen und ich wieder sterben werde.

Und es bleibt Wut. Wut darüber, dass mein Leben so kaputt ist wie es ist, dass ich so kaputt bin. Wut, weil ich ein Kind war, dass keinerlei Möglichkeiten hatte als sich anzupassen an die verrückte Welt, in der es aufwuchs, Wut, weil dieses Kind so viel Angst und Schmerz erleben musste, Wut, weil er all diese Dinge getan haben, die heute dazu führen, dass ich als Erwachsene immer noch sterbe.

Und Traurigkeit. Traurigkeit, weil dieses Kind das erleben musste, weil es keinen Ausweg gab, weil letztendlich Selbstverletzung und Selbsthass zum überlebensnotwendigen Mittel wurden, weil da bis heute so viel Selbsthass und der Wunsch mich zu zerstören sind, weil die über Jahre geschlagenen Wunden so viele Jahre länger brauchen um auch nur ansatzweise eine Kruste zu bilden, die bei der kleinsten Kleinigkeit wieder aufbricht.

In Nächten wie diesen möchte ich einfach nur verschwinden. Mich auflösen und nicht mehr existieren, weil ich so müde bin vom kämpfen, so müde von Therapie und Verhaltensänderungen und dem ständigen Arbeiten müssen an mir, obwohl ich für all diese Dinge doch nichts kann. Es kommt einer Verurteilung zu lebenslänglich gleich, denn es wird immer wieder Situationen geben, in denen mich diese Dinge beeinflussen. Egal wie viel Therapie ich mache, egal wie viel ich mich entwickeln werde. Es sind die dunklen Stunden, in denen das Damoklesschwert über meinem Kopf schwebt, in denen ich aufgeben möchte, weil der Kampf so sinnlos erscheint. Weil es keine Garantie gibt, weil ich vielleicht immer wieder in irgend einer Klinik auf irgend einem Stuhl irgend einem Arzt gegenüber sitzen werde, weil ich gerade sterbe. Oder gerade nicht sterbe, aber sterben will. Es erscheint so sinnlos zu kämpfen, Medikamente zu nehmen, mich nicht zu verletzen, Therapie zu machen, wenn es doch nie sicher sein wird, dass es okay ist. Oder besser wird. Oder vielleicht sogar gut sein könnte.

In den dunklen Stunden fehlt mir der Wille zu kämpfen, der Wille weiter zu machen. Damit meine ich gerade nicht, dass ich mich gerne umbringen würde, denn tatsächlich bin ich in Hinblick darauf erstaunlich sicher es nicht zu wollen (oder es ist nur die Tavorwatte in meinem Kopf oder die Erschöpfung nach der Panik). Ich will einfach nicht mehr existent sein. Verschwinden, ohne dass es irgendwelche Folgen für irgend jemanden hätte. Mich auflösen, als sei ich nie da gewesen.

Ich weiß, dass es andere Momente geben wird. Ich weiß, dass das nicht grundsätzlich meine Einstellung zum Leben ist.

Doch gerade, irgendwo zwischen der Angst und der Angst vor der Angst, während mein Körper es nicht schafft die Kälte los zu werden und meine Augen sich immer wieder mit Tränen füllen, da ist es einfach nur dunkel. Da mag ich mich auflösen und zu Nichts werden, nie existent gewesen sein.

Nie zurück, nur nach vorne gehen

Diesen Blumenstrauß bekam ich vor zwei Jahren und 4 Tagen von meiner besten Freundin. Nein, sie hat damals nicht schon früher zum Geburtstag gratuliert. Wobei? Eigentlich ja schon.

3 Jahre sind vergangen seit dem Suizidversuch. 3 Jahre und 4 Tage. Vor 3 Jahren und 4 Tagen lag ich auf der Intensivstation und wollte so sehr endlich ’ne Zigarette rauchen nach den merkwürdigen Stunden, die seit meinem Aufwachen zwischen Kabeln und Schläuchen vergangen waren.

Ein „ich bin froh, dass du lebst“ – Blumenstrauß.

Letzte Woche war ich kurz auf der Station. Denn die Verlängerung meines Lebensvertrags rückt langsam aber sicher näher und ich überlege schon, wer als Zeuge unterschreiben darf. Und zu meinem Glück ist auch genau die Person, die ich treffen wollte, im Dienst. Schwester Nathalie beantwortet meine Frage mit einem „Gerne“, fragt wie das Studium ist, wie es so läuft. Ich erzähle, dass es nur noch ungefähr 1,5 Monate sind bis zum 2. Jahr ohne Selbstverletzung.

„Hätten Sie das gedacht?“ Ich schüttel den Kopf und muss lächeln. „Frau Zitrone, ich kriege Gänsehaut!“ meint sie und schiebt „Es ist schön zu sehen, dass das was wir hier auf Station tun auch mal Früchte trägt!“ hinterher. Ihr bestelle bei Pfleger Arschkeks noch 682 Smileys to go und gehe zum ersten Mal seit langem wieder zur Achtsamkeit.

Es ist gut momentan. Da ist wieder Zeit für mich, Zeit für zwischenmenschlichen Kram wie mal Kaffee trinken, Zeit einfach daheim krank im Bett zu hängen (wobei ich das krank auch gerne los wäre), Zeit das Katerkind nach dem Aufwachen ausgiebig zu bekuscheln. Eigentlich sollte da auch Zeit zum lernen sein, doch in meinem aktuellen Fieberkopf ist dafür kein Platz.

Und trotzdem ist es manchmal einfach gar nicht gut. Trotzdem ist da manchmal kein Platz mehr in meinem Kopf vor lauter Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck. Aber vielleicht ist das okay. Vielleicht ist es okay, dass auch diese Dinge ihren Platz brauchen, immer noch und immer wieder. So oft sehe ich, wie viel sich in den letzten Jahren getan hat und sehe in solchen Momenten dann doch nur das negative, nämlich dass der Druck immer noch kommt, die Gedanken immer noch manchmal tagelang meinen Kopf beschäftigen. Und trotzdem ist es so viel besser, schon allein die Tatsache, dass der Druck nicht zu Selbstverletzung wird und die Suizidgedanken nicht zu einer Impulshandlung.

29 Jahre Leben. Und 3 Jahre Leben. Irgendwie wirklich eine Art doppelter Geburtstag.

Niemand kann mir diktieren, wohin es für mich geht
Niemand über den Wolken und niemand der hier unten lebt

Ich wollte nie wie all die Ander’n sein
Ich weiß besser, was ich will
Das entscheide ich allein
Wer ich bin und was mit mir passieren wird, entscheide ich alleine
Lass Brücken brennen und Herzen glühen
Nie zurück, nur nach vorne gehen

Panik

Craving deluxe. Ein solches verdammtes Verlangen. Ich kann mir verdammt gut vorstellen wie es sich anfühlt von einer Substanz abhängig zu sein, ein solch unglaubliches verdammtes Verlangen nach etwas zu haben. Auch wenn es bei mir substanzunabhängig ist, auch wenn mich nicht das Verlangen nach Heroin oder Tavor oder Tilidin treibt. Ich sehne mich nach dem Gefühl des Schneidens. So unglaublich, dass es körperlich spürbar ist, dass ich das Gefühl habe den Schmerz nicht mehr aushalten zu können, dass ich überempfindlich jeden Millimeter meiner unverletzten Haut fühle und plötzlich bestehe ich aus nichts anderem mehr als diesen Stellen, die so unglaublich präsent sind, die zu brennen scheinen. Ich löse mich auf in Verlangen und Haut und Haut und Verlangen.

—— einige Zeit Pause ——

Während dieser Zeit merke ich, dass eine Panikattacke wie eine Welle von hinten anrollt und mich unter sich zu begraben droht. Und es ist gut, dass ich es merke, denn so kann ich handeln, kann unter der beginnenden Panik hinweg tauchen und mich so vor der Welle retten.

—————————————

Wenn die Anspannungssymptome Panik auslösen, wenn sich plötzlich alles einengt auf immer kleiner werdendem Raum… So viele Jahre sind vergangen, seit ich eines Abends meine damalige Therapeutin anrief, weil ich gerade stundenlang durch den Regen gelaufen war und nicht wusste was mit mir passiert und dann auf dem Küchenboden meiner Tante die erste richtige Panikattacke meines Lebens hatte. So lange war die Angst nicht mehr mein täglicher Begleiter. Nun verfolgt sie mich wieder, in jedem Augenblick sprungbereit um mich anzugreifen.

Seit jenem Abend. Seit dem Abend, den ich schreiend und heulend und kotzend auf dem Badezimmerboden verbracht, zum ersten Mal seit langem mit Panikattacken.

Seit dem Abend, an dem Erinnerungen kamen, die ich gut 12 Jahre beiseite geschoben hatte. Erinnerungen an einen Abend voller Angst. Seit dem Abend, an dem ich wieder die Todesangst von damals spürte. Ich hab alles verbuddelt und so getan, als wäre es nichts dramatisches. Bis es mir um die Ohren fliegt. Bis es mir genau so um die Ohren fliegt wie die Missbrauchserinnerungen damals. Damals fingen die Flashbacks und Dissoziationen wieder an. Jetzt sind die Panikattacke wieder da.

Ich weiß immer noch nicht was ich tun soll. Mit jenem Abend hier am Bahnhof in der Realität und jenem Abend der Inobhutnahme damals. Was ich tun soll mit dem, dass es ausgelöst hat. Was ich tun soll mit den Gefühlen und Gedanken und Erinnerungen. Was ich tun soll mit dem Schmerz. Und der Angst. Und der Anspannung.

Wohin mit dem Selbstverletzungsdruck und der Suizidalität? Nochmal steh ich das nicht durch, nochmal so ’ne Krise schaffe ich einfach nicht. Nicht jetzt. Nicht so dermaßen instabil.

Ich mag aufgeben.

Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

und irgendwann wird im Vorbeigehen Schwarzweiß wieder Farbe

Und so wie es anfing hört es auch wieder auf. Plötzlich kommt da dieser Tag, an dem es besser ist. An dem das Aufstehen kein stundenlanger Kampf ist, an dem nicht direkt Selbstverletzungsdruck in meinen Kopf springt, noch bevor ich überhaupt aus dem Schlafzimmer bin, an dem nicht spätestens im Bad die ersten Suizidgedanken präsent sind.

Ich fühle mich anders. Es ist, als ob eine zähe und klebrige Masse, ähnlich wie Teer, an einem klebt und nach langer Zeit endlich beginnt an einem hinunter zu fließen. Es ist, als ob man gerade stundenlang einen schweren Gegenstand geschleppt hätte und ihn endlich abstellen kann. Ein wenig vergleichen kann ich es mit dem Gefühl vergleichen, welches ich habe, wenn ich im Flugzeug sitze und es startet. Die Schwere, die das Flugzeug und einen selbst auf dem Boden hält, verschwindet plötzlich und weicht einer unglaublichen Leichtigkeit. Oder dem Gefühl das mich durchströmt, wenn die ersten Blumenknospen aus der Erde schauen, wenn der Winter endlich dem Frühling weicht. Ja. Ungefähr so fühlt es sich an, wenn ich aus einer depressiven Phase wieder auftauche.

Rückblickend kann ich mir dann oftmals gar nicht mehr vorstellen, wie unglaublich schwer es war mich nicht zu verletzen. Wie unglaublich schwer es war weiter zu leben. Ich habe eine Ahnung davon, ein Gefühl, dass mich daran erinnert… Aber in der nächsten Phase oder Krise kann ich mir wieder nicht vorstellen, wie es jemals leichter sein konnte. Es ist besser geworden, nicht mehr ganz so aussichtslos und dunkel.

Meine erste so heftige Krise, bei der ich nicht in die Klinik musste, weil ich nicht mehr garantieren konnte mich an den Lebensvertrag zu halten. Das wird mir gerade erst beim Schreiben bewusst und ich muss lächeln. Und dann noch mehr, weil ich spüre, dass ich stolz auf mich bin, dass ich es auch schaffe stolz zu sein und das Gefühl so zu akzeptieren (und auch zu genießen!) wie es nun da ist, ohne es selbst direkt wieder klein reden zu wollen. Und dann sind es solche Dinge an denen ich sehen kann, dass ich mich weiter entwickle, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Und wenn ich doch grade bei dem positiven Kram bin… Ich kann länger garantieren, dass nichts passiert. Ich kann mich trotz einer 5, trotz nichts anderem im Kopf außer dem eigenen Tod, von Skill zu Skill, von Moment zu Moment hangeln, bis es wieder zu einer 4 wird, bis Atmen wieder ein wenig leichter fällt, bis da wieder ein Zentimeter weniger offene Notausgangstür möglich ist.

Gut sechs Wochen sind vergangen, seit es anfing schlechter zu werden. Vier Wochen davon war es eine ordentliche Krise. Vier Wochen hatte ich dauerhaft die Hand auf der Türklinke zum Notausgang Suizid, die Tür mal mehr, mal weniger geöffnet. Vier Wochen lang fast durchgehend Selbstverletzungsdruck. Doch es ist vorbei und wird hoffentlich nicht allzu schnell wieder so dunkel in mir.

Ein weiteres Mal gekämpft. Ein weiteres Mal eine Krise gemeistert. Ein weiteres Mal überlebt. Überlebende. Ein Wort, dass ich viel schöner und treffender finde als Opfer. Ich bin kein Opfer von Missbrauch. Ich habe Missbrauch überlebt. Ich lebe, trotz Missbrauch. Trotz allem, trotz dem ganzen Horror meiner Kindheit, trotz all dem Schmerz. Und mit alle dem.

Und die Zeit fängt wieder an
Das zu tun, was sie am besten kann
Im Vorbeigehen heilt sie meine Narben
Und ich kann nur darauf warten
Dass sie sich beeilt und irgendwann
Wird im Vorbeigehen Schwarzweiß wieder Farbe

weil dir nie jemand erklären konnte, wie man Vergangenheit in „Sonst“ verstaut

Vor einigen Jahren habe ich mit dem Linchen mal Narben angemalt. Es ging um die verquere Selbstwahrnehmung. Und weil sie aktuell mehr als verquer ist, weil ich mich so sehr nach neuen Wunden sehne, weil die Narben doch gar nicht schlimm sind und doch eh nur ein paar wenige, weil ich es so gar nicht sehen kann…

… hab ich mir vorhin Farbe geschnappt.

Und jede Narbe zahlt sich aus,
ist in schlechten Tagen Mahnmal
und in guter Zeit Applaus.

Es löst vieles aus. Es zeigt mir auf eine erschreckende Art und Weise, dass es vielleicht doch nicht so „wenig“ und so „harmlos“ ist. Es gibt mir ein wenig Bestätigung, dass die Vergangenheit wirklich schlimm war. Dass ich wirklich diesen Weg gehen musste um zu überleben. Und es macht mich traurig, weil es nötig war diesen Weg zu gehen um zu überleben. Es zeigt mir aber auch, dass ich stolz sein kann, denn seit langer Zeit sind dort keine frischen Wunden mehr.

Es sind viele Gefühle. Aber es hilft, es tut gut. Es bringt die Realität und meine Wahrnehmung ein wenig mehr in Einklang, es hilft dem Körpergefühl, es lenkt ab.

Im Anschluss schnappe ich mir im Bad die kleine Dose mit dem Peeling, das Frau S. mir damals in der dbt gemixt und in die Hand gedrückt hat. Ich rubbele mir damit und mit einer ordentlich kalten Ladung Wasser die Farbe von den Armen, spüre mich dabei so intensiv wie lange nicht mehr.

Vorhin hat es nicht funktioniert mit dem Schlafen. Aber nun bin ich deutlich weniger angespannt, deutlich mehr im Hier und Jetzt und in meinem Körper. So und mit einer Portion Bedarfsmedis klappt es nun hoffentlich.

Du kommst so selten oben an
und wenn dann nur an schlechten Tagen,
wenn man vom Leben gar nichts sehen kann.
Sind deine Taschen voller Staub,
weil dir nie jemand erklären konnt‘,
wie man Vergangenheit in „Sonst“ verstaut.

Mädchen, selbst wenn du verbrennst,
solang’s noch schimmert.
Bleibt hier alles halb so schlimm,
solang’s noch schimmert.
Nichts ist wichtig, nichts egal,
solang’s noch schimmert.
Solang du schimmerst!

Atmen

Ich komme vom Termin und es ist eigentlich okay. Trotz der schlaflosen Nacht, trotz den dröhnenden Schmerzen in meinem Kopf, trotz dem Wunsch mir einfach im nächsten Drogeriemarkt ein Päckchen Klingen zu kaufen. Es war gut zu reden, darüber, dass es mies ist, über Alltagskram, über Internetquatsch und einfach ich sein zu können. Im Gegensatz zu der Zeit in der Vorlesung kurz davor, wo ich versuche zu folgen, gnadenlos scheitere, Konversation betreibe und lächle, obwohl mir so sehr nach Zusammenbruch und Weinen ist.

Es ist okay bis ich den Bahnhof betrete. Dort pralle ich mit der Realität zusammen wie mit einer Wand. Menschen, die sich unterhalten, ein bellender Hund, ein brüllendes Kind, eine Durchsage, ein ejnfahrender Zug, das Quietschen der Räder eines Trolleys, eine quietschende Rolltreppe, Geruch von Zimtwaffeln und Pizza und Brötchen und Kaffee und betrunkenen Menschen und nach nassem Hund. Ohne Schlaf ist es mir kaum noch möglich Reize überhaupt noch zu filtern, noch viel weniger als sonst eh schon, ich will mich einfach nur noch in einer Ecke zusammen rollen und haltlos anfangen zu heulen.

An die Fahrt erinnere ich mich kaum. Vermutlich bin ich irgendwann einfach dissoziiert. So sehr ich diesen Zustand manchmal hasse, so willkommen ist er in anderen Momenten, wenn die Realität einfach unerträglich wird.

Zuhause umarme ich die Kloschüssel, das Katerkind springt mir auf den Rücken und setzt sich schimpfend auf meine Schulter, knabbert an meinem Ohr, miaut in den höchsten Tönen, bis ich endlich aufhöre mein Inneres nach außen zu befördern und ihn kraulen kann. Die Übelkeit begleitet mich nun schon seit dem letzten Abend in 2017 und es triggert Erinnerungen die wiederum Übelkeit triggern und wiederum Erinnerungen und wiederum Übelkeit. Es ist ein anstrengender Kreislauf und mein übermüdeter Körper macht es nicht besser.

Nun liege ich zusammengerollt im Bett mit dem Katerkind auf meinen Beinen, eingekuschelt in zwei Decken, mit Netflix und Wärmflasche. Ich bin müde, unglaublich müde, und will nur noch schlafen. Gleichzeitig brüllt in meinem Kopf eine Stimme immer und immer wieder, dass ich nicht schlafen kann, mich nicht im Bett vergraben, denn die Wohnung ist ein Schlachtfeld, ich müsste anfangen für die Prüfungen zu lernen, ich müsste dies und das und so viele Dinge und kann doch nicht einfach nur kaputt und müde sein. Es ist ein altbekannter Kampf gegen Glaubenssätze, gegen die alten Worte, die mir sagen, dass ich nur etwas wert bin wenn ich etwas leiste, wenn ich alles perfekt mache, wenn ich mir Anerkennung verdiene. Ich stehe mir selbst im Weg, fordere zu viel von mir und verurteile mich somit selbst zum Scheitern. Ich kann nur scheitern an diesen Glaubenssätzen, an diesen Anforderungen, die ich doch nie erfüllen konnte, weil sie unerfüllbar waren, schon immer. Weil ich es nie wert war, weil immer jemand besser, toller, schlauer war.

Ich versuche mir zu erlauben kaputt zu sein. Müde und zerschlagen und gerade einfach unfähig etwas zu leisten. Ich versuche mir selbst zu sagen, dass es okay ist, gegen die Worte meines Vaters im Kopf, gegen das starke Gefühl wertlos zu sein. Ich versuche einfach weiter zu atmen, ein und aus, versuche standhaft zu sein gegen die drängenden Suizidgedanken, versuche dem Selbstverletzungsdruck nicht nachzugeben. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Einatmen, ausatmen. Schritt für Schritt, Skill für Skill. Es geht vorbei.

Unglaublich schwer

Mir fehlen die Worte um zu beschreiben wie es gerade ist. Es gibt keine Worte die ausdrücken können was in mir vor sich geht.

Ich will einfach nur noch, dass es vorbei geht. Die Suizidalität. Die Gedanken an die Selbstverletzung. Die Antriebslosigkeit. Die Schlaflosigkeit.

Die vierte Nacht in Folge finde ich nicht in den Schlaf. Keine einzige Nacht in diesem Jahr habe ich bisher einfach nur geschlafen.

Es ist jede Nacht aufs Neue eine Gratwanderung. Die Suizidalität ist bei 5, auf der höchsten Stufe. Es ist kein Platz mehr in meinem Kopf für andere Gedanken. 5, das heißt ich muss entscheiden ob es funktioniert. Jede Minute und jede Minute und jede Minute. Ständig frage ich mich, ob es noch funktioniert. 5 und die Verantwortung tragen können? 5 und es nicht mehr können?

Es gibt Augenblicke in denen ich mir sicher bin, dass ich die Verantwortung gerade nicht tragen kann. In denen ich eigentlich den sicheren Rahmen der Klinik aufsuchen müsste. Doch in diesen Momenten liege ich einfach nur bewegungslos im Bett, atme ein und atme aus und atme ein und atme aus, bis ich den winzigen Schritt zurück geschafft habe in die Verantwortung. Sobald diese Momente länger werden, sobald diese Momente auftauchen, wenn ich nicht gerade erstarrt im Bett liege… Ja, dann muss ich wohl in die Klinik.

Ich will es nicht. Ich will es nicht, weil ich weiß, dass es nicht besser werden wird. Die Klinik wird es nicht besser machen. Ich will es nicht noch schwerer haben durch das Eingesperrtsein, durch die wenigen Möglichkeiten der Ablenkung, durch einfach so vieles.

Es ist so schwer auszuhalten momentan. So unglaublich schwer. Ich kämpfe mich durch jeden einzelnen Augenblick. Ich atme und kämpfe und kämpfe und atme. Einzig und allein der Gedanke daran, dass es vorbei gehen wird, hält mich noch.