I’m a survivor

Ich mag das Wort „Opfer“ nicht. Spätestens seit es in den letzten Jahren unter Jugendlichen gebräuchlich wurde als Synonym für uncool, aber eigentlich schon immer. Ich muss dabei automatisch an Opfergaben denken, welche Götter besänftigen sollten.

Ich fühle mich nicht als Opfer. Für mich impliziert dieses Wort automatisch Hilflosigkeit, keine Möglichkeit zu handeln. Natürlich war es so. Natürlich war ich hilflos, hatte keine Möglichkeit mich zu wehren. Doch neben diesen Dingen habe ich eins geschafft – zu überleben. Das wiegt für mich so viel mehr. Es zeigt Stärke und Kraft, Resilienz und Lebenswillen. So viel wichtiger, denn diese Dinge kommen von mir. In die Rolle der Hilflosigkeit wurde ich gedrängt. Doch überlebt habe ich aus eigener Kraft.

Ich bin kein Missbrauchsopfer. Ich habe Missbrauch überlebt.

Nicht unbeschadet, nein. Da ist vieles zerstört worden, da gab es viele ungesunde Wege damit umzugehen. Teilweise gibt es die bis heute. Aber, trotz allem, ich lebe. Ich bin hier, ich atme, ich überlebe nicht nur, sondern lebe mein Leben und versuche jeden Tag das Beste daraus zu machen. Trotz oder gerade wegen meiner Vergangenheit.

Man bleibt nicht einfach hilflos zurück. Missbrauch weckt so viel mehr. Wut, Hass, Aggression, nicht nur passive Gefühle. Und natürlich fühle ich mich manchmal grausam, habe manchmal das Gefühl, dass ich das alles verdient habe, zerfließe in Selbstmitleid. Doch da ist so viel mehr. Die Wut und die Stärke, der Drang mein Leben zurück zu gewinnen.

Ich schweige nicht mehr. Ich rede und schreibe über die Dinge die passiert sind. Ich handle, ich kämpfe gegen die Dämonen. Ich kämpfe für mich. Ich bin kein passives Opfer mehr.

Ich habe überlebt.

I’m a survivor, I’m not gon‘ give up
I’m not gon‘ stop, I’m gon‘ work harder
I’m a survivor, I’m gonna make it
I will survive, keep on survivin‘

10 Jahre

Wie viele Jahre brauchen manche Verletzungen eigentlich, bis sie heilen? Heilen sie jemals? Wird es irgendwann okay sein? Fragen, die ich mir stelle, während ich schlaflos im Bett liege.

Über 10 Jahre sind vergangen, seit ich meinen Vater gesehen habe. Wenn ich mir vor Augen führe, wie lange 10 Jahre sind, dann kommt es mir unglaublich ewig vor. Dann fühlt es sich so weit weg an. Doch eigentlich kommt es mir überhaupt nicht so lange vor. Eigentlich ist es furchtbar schwer zu glauben, dass wirklich so viel Zeit vergangen sein soll.

Ich bin mehr oder weniger die meiste Zeit über „symptomfrei“. Ich verletze mich nicht, ich bin nicht akut suizidal, ich habe selten Flashback und auch momentan selten Panik. Und doch fühle ich mich in manchen Momenten unglaublich kaputt. In den Momenten, in denen ich mich mittlerweile zum Beispiel beherrschen kann. Ich denen ich weiß, dass ich in Sicherheit ist und die Vergangenheit vorbei. In den Augenblicken, in denen ich mir gern eine Klinge in den Arm stecken möchte, aber so viel Raum zwischen dem Wunsch und der Tat liegt. Ich weiß, dass ich weiter bin. Gesünder. Nicht mehr ganz so kaputt. Doch wo fängt das „Gesund-Sein“ denn an? Ist es das? Die Kontrolle nicht mehr ständig verlieren, in der Realität bleiben können, meinen Impulsen nicht nachgeben? Wird es immer so bleiben? Oder wird es besser werden, einfacher, werden die Momente in denen ich mir die Selbstverletzung herbeisehne weniger werden oder fast ganz verschwinden? Wird es besser, wenn nochmal 10 Jahre vergehen? Und bin ich gesund, wenn 20 oder 30 Jahre vergangen sein werden?

Bald hat er wieder Geburtstag. Der Tag wird kommen und gehen und vielleicht merke ich es nicht einmal. Vielleicht fällt es mir ein paar Tage später beim Blick aufs Datum auf. Doch egal wieviel Zeit vergangen ist, in mir taucht wieder der Wunsch auf mich zu melden. Und damit auch die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass mein Kopf doch nur wirres Zeug produziert und meine Gefühle seltsamen Kram machen. Dass alles vielleicht doch nicht so schlimm war. Ich versuche mich in die Gedanken zu flüchten, die mir jahrelang das Überleben ermöglicht haben. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagte meine Therapeutin immer. Ich versuche die Schuld bei mir zu finden. Versuche sein Verhalten und seine Taten mit meinen Fehlern zu erklären. Vielleicht bin ich doch einfach nur verrückt und schlecht und undankbar.

Doch in mir sitzt der Teil, der dabei den Kopf schüttelt. Ich weiß, dass ich nur versuche zu überleben, indem ich diese Dinge denke. Ich weiß, dass ich nur so überlebt habe. Eigentlich wusste ich es schon immer, doch ich habe es so tief vergraben, dass Jahre vergehen mussten, bis ich es schaffe all die Erinnerungen zuzulassen.

Und ich weiß, dass es okay ist. Dass es okay ist mich nicht zu melden, diese Schutzmauer um mich zu ziehen, ihn nicht in meinem Leben haben zu wollen. Und trotzdem tut es weh, weil ich mir einen Vater wünsche, der da ist. Der stolz auf mich ist, der mir zur Seite steht und mich unterstützt, der die Dinge tut, die ein Vater tun sollte.

Ich weiß nicht, ob es jemals aufhören wird wehzutun. Ob ich mich jemals nicht auch gleichzeitig furchtbar fühlen werde, weil ich meine Grenzen schütze. 10 Jahre sind dafür scheinbar nicht genug Zeit.

Two lovers stand together now.

Es ist ein wenig still geworden hier.

Weil plötzlich andere Dinge viel mehr Raum einnehmen als all die schlimmen Sachen.

Weil plötzlich so wenig Zeit ist für alles, was mit Krankheit und Krisen zu tun hat.

Weil plötzlich jede freie Sekunde anders genutzt wird.

Weil da plötzlich dieser Mensch ist, der so viel Liebe und Wärme in mein Leben bringt, dass ich es immer noch kaum glauben kann.

Weil da plötzlich dieser Mensch ist, der mein Herz zum hüpfen bringt.

Weil da plötzlich dieser Mensch ist, mit dem alles so leicht erscheint, mit dem alles möglich scheint, mit dem so viel Geborgenheit und Angekommen-Fühlen Einzug in mein Leben hält.

Barefoot through the sinking sand.
You and me just hand in hand.
Say we’ve got the strength to fight.
Come walk with me…

Worte zerstören mehr als Taten

In den letzten Wochen kommt es immer häufiger vor, dass plötzlich seine Worte in meinen Kopf hallen. Wenn ich durch die Stadt gehe, wenn ich im Zug unterwegs bin, wenn ich in einer Vorlesung sitze.

Ohne konkreten Trigger, sie sind einfach plötzlich da. Sie dröhnen in meinem Kopf, so unglaublich laut, wiederholen sich immer und immer wieder. Worte, die tief in mir verwurzelt sind, die durch die Jahre zu einer Gewissheit wurden, zu Wahrheit, zu Realität. Aber auch Worte, die ich aus meinen Erinnerungen verbannt habe, an Stellen, aus denen sie plötzlich hervor schießen und sich nicht mehr vergraben lassen.

Du bist nichts wert.

Aus dir wird nie etwas werden.

Du wirst nur Bäckereifachverkäuferin oder Putzfrau bei McDonalds.

Du bist eine Schlampe.

Du bist genauso gestört wie deine Mutter.

Du hast niemanden außer mir. Niemand will dich.

Wenn du weg gehst bist du ganz allein. Du hast niemanden.

Du bist Schuld, dass ich dich geschlagen habe.

XY ist so ein liebes und hübsches Mädchen. Die Eltern haben bestimmt keinen Ärger mit ihr. Nimm dir ein Beispiel.

In deinem Alter hat man keine Probleme. Ich habe wirkliche Probleme, deine sind lächerlich.

Du bist ganz schön fett.

Worte, die ich so oft gehört habe. Neben den Situationen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden.

Sommer, durch die offene Terrassentür kommen Fliegen in die Wohnung. Ich verscheuche welche. Fliegen fliegen eben immer zu Scheiße. sagt er.

Die erste Englischarbeit in der fünften Klasse. Wie er da sitzt und mich abwechselnd auslacht und beschimpft. Wie dumm kann man sein das Wort falsch zu schreiben.

Wie er reagiert, als er erfährt, dass meine Mutter wieder schwanger ist. Deine Mutter hat ein neues Kind. Sie braucht dich nicht mehr.

Als ich ein Bild für einen Malwettbewerb malen soll in der Grundschule. Dir muss doch klar sein, dass man die Striche nicht in eine Richtung macht, da sieht man ja die einzelnen Striche. Das sieht scheiße aus! Du bist zu nichts zu gebrauchen.

So viele Momente, in denen er mich mehr verletzt hat, als die körperliche Gewalt es jemals konnte. Worte, die über 14 Jahre mein Selbstbewusstsein zerfressen haben, die auch heute noch mein Bild von mir selbst bestimmen.

Wenn das Leben grad zu allem schweigt

Suizidalität. Immer noch so ein Ding, mit dem ich einen Weg finden muss.

Ich bin chronisch suizidal. Eigentlich ist das kein Ja oder Nein, sondern eine konstante Grauzone. Auch an guten Tagen, an denen alles irgendwie okay ist, bin ich trotz allem suizidal.

Das bedeutet nicht, dass ich jeden Tag kurz davor bin mich von einer Brücke zu stürzen. An den meisten Tagen ist sogar relativ klar, dass ich es definitiv nicht tun werde. Trotz der Suizidalität. Es gibt diese Gedanken und Gefühle einfach jeden Tag. Mal mehr, mal weniger, aber sie sind da. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie über längere Zeit mal verschwunden waren. Aber es geht beides. Ich kann sowohl darüber nachdenken, dass ich eigentlich nicht mehr leben möchte, als auch leben. Ich kann trotz dieser Gedanken klar sagen, dass sie da sind, aber mich nicht zum Handeln zwingen.

Damit irgendwie umzugehen, sie zu akzeptieren und vor allem eben nicht zu handeln, das war ein weiter Weg. Mittlerweile weiß ich, dass meine Gefühle nicht immer zwingend eine Handlung erfordern, manchmal sogar im Gegenteil. Manchmal ist es gesünder eben nicht zu handeln. Und damit meine ich auch dagegen anzukämpfen. Denn es ist ein Kampf gegen Windmühlen, ein Anrennen gegen mich selbst, das ich nur verlieren kann.

Die Gedanken sind da und es ist okay. Ich schaffe es damit zu leben, sie zu bemerken und meistens zu akzeptieren und einfach Gedanken sein zu lassen.

Das funktioniert allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ich merke mittlerweile eigentlich relativ gut, wann der Wendepunkt kommt, an dem diese Gedanken mehr sind als meine alltäglichen Begleiter. Sie werden lauter, intensiver, häufiger. Und: sie bleiben keine Gedanken. Sie werden zu Überlegungen, zu Plänen, zu einer Option.

Und ich weiß auch, wann es passiert. In den Momenten, in denen mir die Kraft fehlt, einen Ausgleich zu finden. In den Stunden, in denen mich Dunkelheit beherrscht und ich kämpfen muss um die kleinsten Dinge zu schaffen. An den Tagen, die nur aus aufstehen, Fassade aufrecht erhalten und wieder schlafen gehen bestehen. Wenn alles schwer wird und unglaublich anstrengend und ich es nicht schaffe etwas positives in dem endlosen Aufeinanderfolgen der Minuten zu finden. Wenn alles eine Qual ist, vom Aufstehen am Morgen übers Anziehen bis zum Schlafengehen, wenn allein die Vorstellung etwas zu kochen oder einzukaufen oder auch nur irgendwas zu tun mich schon völlig verzweifeln lässt. In Krisen werden die Gedanken so unglaublich laut, das alles andere so klein wird.

Ich weiß, dass es vorbei geht. Doch mit jedem Tag scheint es unerträglicher zu werden, schmerzhafter, dunkler. Bis ich das Gefühl habe, dass die Dunkelheit der Gedanken mir jedes Licht nimmt, jedes bisschen Sauerstoff durch die Schwere aus meinen Lungen gepresst wird, jede Hoffnung auf eine Besserung von Schmerz betäubt ist.

Ich habe Angst davor. Ich habe Angst nicht rechtzeitig zu bemerken, wann meine Kraft zuende ist. Ich habe Angst davor, dass es mich plötzlich umwirft und ich nicht mehr in der Lage bin zu handeln. Ich habe Angst, dass ich auf diesem scheinbar ausweglosen Fall nach unten den letzten Halt verpasse.

Gerade ist alles trüb und dunkel und schwer. All die Dinge, die sonst Spaß machen, versinken in einem endlosen Nebel aus Schmerz und Suizidgedanken und Hoffnungslosigkeit.

Noch ist da dieser kleine Teil in mir, der brüllend kämpft, der um jeden schönen Moment ringt, der mit aller Macht versucht sich gegen die Dunkelheit zu stemmen. Doch mit jedem Tag in diesem Chaos aus Gedanken und Gefühlen wird er schwächer und schwächer und die Angst, der Schmerz und die Hoffnungslosigkeit fressen Löcher in ihn.

Es ist ein unglaublich labiles Konstrukt derzeit, auf dem mein Leben vor sich hin balanciert. Ich bin unglaublich müde vom Kämpfen und Starksein und würde so gerne einfach nur schlafen. Schlafen, bis es vorbei ist, bis es wieder besser wird, bis ich wieder die Kraft habe zu leben.

Noch klammere ich mich daran, dass es enden wird. Dass es immer geendet hat, dass es immer wieder vorbei ging. Das ist mein Halt, mein Rettungsanker. Und ich hoffe einfach, dass es vorbei geht, bevor ich die Kraft und die Hoffnung verliere.

~ Sei nicht so hart zu dir selbst
Auch wenn dich gar nichts mehr hält
Du brauchst nur weiter zu gehen
Komm nicht auf Scherben zum Stehen ~

Albtraum

Die Dämonen der Vergangenheit haben sich wieder mal in meine Träume geschlichen. Ich wache schreiend auf, mit Herzrasen, Panik, Zittern. Breche im gleichen Moment in Tränen aus und heule und schluchze unkontrolliert, während der Zitronenkater mir vor Schreck über meinen Schrei in den Arm beißt und dann verwirrt und mit großen Augen vor mir sitzt, mich anbrüllt, weil er nicht versteht was plötzlich los ist.

Wenig später krabbelt er auf meinen Schoß, miaut erbärmlich, will gekrault werden und holt mich mit seinem Schnurren ein wenig in die Realität zurück, die mir gerade so sehr entgleitet.

In meinem Traum vermischen sich Realität und Vergangenheit. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, sondern so alt wie jetzt. Dennoch finde ich mich in meinem alten Kinderzimmer wieder, verändert aber doch so vertraut. Mein Vater flippt aus, zerstört in seiner Raserei Dinge, bis ich fliehe, raus aus der Wohnung, wie vor so vielen Jahren. Der Schlüssel zur Wohnung ist seltsamerweise der zur Wohnung meiner Mutter, am Schlüsselband und mit dem Anhänger, den mein Schlüssel von ihr in der Gegenwart hat.

Ich rufe die Polizei um mich zu schützen. Anders als in den ganzen Jahren, in denen ich keine Möglichkeit hatte mich zu schützen. Während ich warte sehe ich gleichzeitig, wie er mein Zimmer durchwühlt, Briefe liest, meinen Laptop öffnet (der auch nur in der Gegenwart existiert) und Mails liest. Ich fühle mich hilflos ausgeliefert und will nicht, dass er sich bis in mein Innerstes vorarbeitet, Dinge liest, die so intim sind, die nichts zu suchen haben im Kontext mit ihm.

Als ich hochschrecke bleibt das Gefühl der Angst vor ihm, die Angst vor seinen Ausbrüchen und das Gefühl völlig schutzlos zu sein, weil er so tief in meine Privatsphäre eingedrungen ist. Ich bin gefangen in den Bildern der Vergangenheit, in der alten Angst. Es fällt mir unglaublich schwer in der Realität zu bleiben, während Träne um Träne fließt.

2 Jahre.

und plötzlich sind es 730 Tage. 2 Jahre. Noch so unvorstellbar damals, heute trotzdem noch unwirklich.

Ich kann mich nicht mehr an die letzte Selbstverletzung erinnern. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich damals überhaupt im Kopf hatte, dass es eventuell die letzte sein könnte. Ich wusste nur, dass es so nicht weiter gehen kann. Dass ich nicht will, dass es so weiter geht. Ohne Kontrolle darüber, ohne die Möglichkeit etwas zu steuern. Mit Chirurgie nach Chirurgie nach Chirurgie, ständigen Wunden und Fäden, mit einem Leben zwischen Wunden versorgen, Verband wechseln und dem Gedanken an den nächsten Schnitt.

2 Jahre. 730 Tage. Unwirklich, ja. Aber ich bin stolz. Unglaublich stolz auf jeden Tag, an dem ich gekämpft und nicht nachgegeben habe.

Kurzurlaub

Draußen lassen der Schnee und die Lichter der Großstadt die Nacht nicht dunkel erscheinen. Ich betrachte die vorbeiziehenden Häuser und Tramhaltestellen und bin froh, dass ich im Warmen bin.

Etwas mehr als 7 Stunden trennen mich von meiner Hauptstadt. 450 km sind es von München bis Zuhause.

Am Freitag bin ich losgefahren, in strahlendem Sonnenschein. Nun liegt Schnee, sowohl hier als auch daheim. Hinter mir liegt ein tolles Wochenende, dass einfach nur gut tat. Liebe Menschen, mich einfach nur willkommen und okay fühlen, so wie ich bin. Lachen, trinken, quatschen. Und schlafen, ich konnte endlich wieder schlafen! Die Tage haben mir viel Kraft zurück gegeben, die mir in den Wochen vorher abhanden gekommen ist. Es war genau der richtige Zeitpunkt zum Wegfahren. Genau der richtige Zeitpunkt für liebe Menschen.

Am Sonntag habe ich mich auch mit meiner Tante getroffen, wir waren frühstücken und haben viel geredet. Über meinen Vater, mich, sie, meine Familie. Auch über meine Oma und ich kann in dem Moment die Tränen nicht mehr zurück halten. Es schmerzt, dass da kein Kontakt mehr ist. Ich verstehe, dass sie nicht vergessen kann, dass ich es über einige Jahre hinweg einfach nicht geschafft habe mich zu melden. Und ich kann auch verstehen, dass es zuviel ist, was ich da mitbringe. Immerhin ist es ihr Sohn, der all diese Dinge getan hat. Ich verstehe es und akzeptiere es, aber es schmerzt dennoch, denn sie bedeutet mir viel.

Umso mehr freue ich mich, dass es zwischen mir und meiner Tante wieder sowas wie Kontakt gibt. Es tut gut sie zu sehen und mit ihr zu reden, denn auch sie bedeutet mir viel und hat gerade in den letzten Horrorjahren bei meinem Vater vieles für mich getan und mich unterstützt.

Es waren gute Tage in München. Eine gute Zeit, die mich ein Stück gestärkter heim fahren lässt. Gestärkter und froh, um die Menschen, die ich in meinem Leben habe.

Danke Nc und Rauschkugel und Zwerg fürs Obdach gewähren und feines Essen und die gemeinsame Zeit. Und an Bimsi für den schönen gemeinsamen Abend. ❤️

Dunkel

Es ist schwer. Atmen. Aufstehen. Einkaufen. Essen. Alles. Das Leben an sich.

Ich kriege nichts hin. Außer den nötigsten Dingen. Mich in den Supermarkt schleppen, damit meine Tiere etwas zu essen haben. Einmal am Tag wenigstens halbwegs irgendwas essen. Alles andere bleibt liegen. Die Wohnung, die zu regelnden Dinge, ich. Ich mag mich selbst nicht, weil ich es schon den zweiten Tag nicht schaffe zu duschen, aber es geht einfach nicht. Allein die Vorstellung ins Bad zu gehen, auszuziehen, unter die Dusche stellen… All das scheint so unüberwindbar anstrengend. Ich würde mir gern was gutes tun. Mit einem tollen Shampoo duschen, mir die Nägel lackieren… Doch die Kraft fehlt. Alles ist anstrengend, so sehr, als würde ich mich nicht durch Luft, sondern durch eine zähe klebrige Masse bewegen.

Ich weiß, dass gerade das Drumrum wichtig ist um nicht völlig zu versinken. Raus gehen, Essen, mich um mich kümmern, mir gutes tun… Doch nur daran zu denken ist schon unglaublich anstrengend und kräftezehrend.

Es wird Mittag und Abend und Nacht. Ich kriege viel zu wenig hin, würde so gerne viel mehr leisten. Stattdessen schreibe ich ein wenig an meinem Exposé (zu wenig…), bis mich der Medikinet-Rebound zu sehr umtreibt und ich mich nicht mehr konzentrieren kann.

Es wird Mitternacht und es wird 4 Uhr. Vogelzwitschern ist zu hören und hin und wieder ein Auto, die Welt um mich herum erwacht, während ich noch keine einzige Minute geschlafen habe. Der Zitronenkater schaut mich aus verschlafenen Augen an, streckt sich und rollt sich auf meinem Schoß wieder zusammen. Sein Gewicht ist beruhigend, genau wie sein Schnurren. Seine Wärme schafft es zu den verletzen Winkeln meiner Selbst vorzudringen, die gerade so sehr bröckeln und auseinander fallen.

Der Schmerz wird von Tag zu Tag größer. Die kleine Zitrone in mir brüllt mit jedem Tag lauter, schreit mir ihren Schmerz in die Ohren und zerbricht mit jedem Moment ein wenig mehr. Und ich schaffe es nicht diesem Schmerz etwas entgegen zu setzen, schaffe es nicht mich selbst aufzufangen. Seit diesem Abend am Bahnhof wird es schlimmer und schlimmer und ich brauche so dringend einen Ort, an dem ich das alles lassen kann… Und habe doch gleichzeitig eine solche Angst davor. Angst, dass alle Dämme brechen, wenn ich auch nur ein Wort davon ausspreche, wie es derzeit in mir aussieht. Ich habe Angst, dass es sich dann nicht mehr aufhalten lässt, dass Welle um Welle von Schmerz mich umspülen, gefolgt von Angst, von Wut, von Trauer, von dieser unglaublichen Verzweiflung, die in mir wütet.

Und obwohl ich die Gefühle meiner Kindheit und Jugend so weit von mir weg geschoben habe, dass mir meistens komplett der Zugang dazu fehlt, so weiß ich gerade doch genau, dass es sich anfühlt wie damals. Nach Außen stark, im Inneren so furchtbar kaputt und zerstört, ohne Halt und Sicherheit, völlig ausgeliefert. Die Gefühle gerade sind genau die Gefühle von damals. Damals habe ich mich in die Sicherheit der Selbstverletzung und den Halt der Suizidgedanken geflüchtet. Heute fehlt das Schneiden. Was bleibt ist die Sicherheit, dass ich es beenden kann wenn ich will. Könnte, wenn ich wollte. Und so sehr es auch Sicherheit gibt, so sehr macht es mir auch Angst, denn ich habe das Gefühl, dass mit jedem Tag ein kleines Stückchen weniger zwischen „ich könnte“ und „ich werde“ liegt.

And I’m too young for this

Es ist anstrengend momentan. Es schwankt von gut zu okay zu furchtbar zu okay zu gut. Ständig. Ich weiß nicht, seit wann genau ich eigentlich chronisch suizidal bin, aber es sind definitiv schon über 10 Jahre… Doch so häufig wie momentan hat es mich schon lange nicht mehr umgeworfen. Vielleicht, weil das Ende des Lebensvertrags vor der Tür steht, weil ich mich mit der Verlängerung auseinander setzen muss. Der Termin mit Schwester Nathalie steht, bis dahin wird der neue Lebensvertrag fertig sein. Ich überlege noch, wen ich sonst als Zeuge unterschreiben lasse. Meine Therapeutin fällt weg, denn sie ist nun nicht mehr meine Therapeutin. Und das stimmt mich traurig, denn gerade fehlt es mir so sehr einen Platz für das Chaos in meinem Kopf zu haben. Einen Platz für die Angst und die Dämonen der Vergangenheit, für die Erinnerungen und die Flashbacks und diese verdammten Suizidgedanken.

Es kann so schnell kippen momentan. Vor allem, weil die Panik mich immer wieder so plötzlich anspringt. Zum Beispiel am Donnerstag in der Achtsamkeit, wo der Butterpfirsichkeks mich danach zum Glück nach draußen und im Anschluss auf die Station begleitet hat, bevor wir zusammen in die Stadt gezogen sind und die Panik irgendwann endlich nachließ.

Die Panik macht es so schwer momentan, weil die Angst vor der Angst mich blockiert. Ich traue mich so viel weniger hinaus, weniger in die Hauptstadt, weniger unter Menschen, weil ich Angst habe, dass ich Angst kriege. Es funktioniert mit Menschen, die davon wissen. Dann kann ich ein wenig los lassen, weil ich weiß, dass ich im Notfall nix erklären muss.

Am Freitag hätte ich eigentlich einen Termin bei meinem Psychiater gehabt. Endlich. Ihm endlich erzählen von dem was passiert ist, von der wiedergekehrten Panik, von der Angst vor der Angst, den Schlafproblemen derzeit und der Suizidalität… Vorhin hat er abgesagt. Die Praxis ist zu, das komplette Team krank. Meine Welt stürzt mal wieder zusammen, weil ich mich so sehr an diesem Termin festgehalten habe. Weil ein neuer Termin vermutlich auch wieder erst in mehreren Wochen sein wird… Weil es noch mehr Wochen und noch mehr Wochen werden, bevor ich mit diesem Chaos endlich irgendwo hin kann.

Das alles lähmt mich derzeit so sehr, dass ich kaum die Dinge geregelt kriege, die ich tun will.

Aufräumen zum Beispiel. Seit gestern ist meine Wohnung endlich wieder meine Wohnung. Mein ehemaliger Untermieter hat seinen Scheiß endlich abgeholt und ich staune jedes Mal, wenn ich in die Küche gehe, wie groß sie plötzlich wieder ist, wie viel Boden ich habe. Es fühlt sich unglaublich gut an wieder mein Reich zu haben, ganz für mich alleine.

Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht, weil ich gerne mehr tun würde. Mir mein Reich endlich wieder aneignen, aufräumen, Ordnung schaffen, meine sicheren vier Wände zurückerobern. Oder mein Exposé schreiben. Oder mehr Freunde treffen. Oder oder oder. Die Ansprüche an mich selbst kollidieren wieder völlig mit den Dingen, die ich gerade zu leisten vermag.

Ich finde mich selbst unglaublich anstrengend. Weil es so sehr schwankt, weil ich aktuell viel rumjammer, weil ich mich selbst als Belastung empfinde. Weil ich übervorsichtig bin, was ich anderen Menschen anvertraue, aus Angst, dass ich zuviel bin. Weil Ablehnung gerade nicht zu ertragen wäre. Weil die kleine Zitrone in mir gerade so unglaublich verletzt ist, so unglaublich ängstlich und traurig und alleine. Weil ich mir so sehr wünsche, dass mir jemand sagt, dass ich okay bin so, dass ich okay sein darf, dass es okay ist zu leben und Gefühle zu haben und dass ich reden darf, schreiben darf, dass es okay ist nicht mehr zu schweigen.

Weil gerade alles so sehr wankt. Weil es meine Grundfesten erschüttert, mir das Fundament wegbröckelt, weil der alte Schmerz alles unterspült.

Die alten Stürme werfen mich hin und her, wie ein kleines Boot auf hoher See. Ohne Halt, ohne sicheren Hafen.

~ Look, five deep cuts on my arm
Where you touched, hands are razorblades
Five bleeding wounds, always fresh
Bleed out life ‚til it’s gone

And I’m too young for this
Slowly I am faiting as my innocence
Leaves me and I’m aching
As I start to die, a painful death
A slow decay, because you raped my soul today ~

– my glorious