Und das war er also, der heilige Abend. Tag 1 von 3 ist vorbei.
Ich liege in Mamas Bett und will schneiden. Will weinen. Will in die Küche gehen, im T-Shirt, ihr meine Arme hinhalten und laut rufen „da, das hat er mir angetan, so schlimm war es und ist es immernoch.“ Stattdessen verstecke ich meine Narben weiterhin unter langen Ärmeln, sage ihr ruhig, dass ich nichts von ihm hören möchte, wenn sie wieder somit anfängt, lächle wenn meine Schwester von Weihnachtsfesten erzählt, die ich nicht miterleben durfte, lächle, wenn sie von Weihnachten bei unserer Oma und unserer Uroma spricht, von so vielen Momenten, in denen ich nicht da war, in denen ich innerlich schreiend bei ihm saß und meine Familie so furchtbar vermisste.
Ich will schneiden, weil der innerliche Schmerz so furchtbar ist. Ich will schneiden, weil ich das Gefühl habe das nicht auszuhalten. Doch ich versuche mich zusammen zu reißen, versuche mich abzulenken, denn unbemerkt komme ich heute Nacht nicht in ein Krankenhaus. Und ich weiß, dass ich es nicht schaffen würde nur oberflächlich zu schneiden.
Ich habe meine Medis genommen und hoffe, dass sie bald wirken. Wenn nicht werfe ich Bedarf hinterher. Ich kuschel mich in die Decke, die nach Mamas Waschmittel riecht, kuschel mich an das Pummeleinhorn, dass meine Schwester mir geschenkt hat, versuche meine Gedanken bei der Folge walking dead zu lassen, die läuft, versuche es auszuhalten indem ich es hier aufschreibe.
Manchmal zerreißt es mich fast, wenn ich weiß, dass die Mutter, die ich jahrelang vermisst habe und so sehr gebraucht hätte, hier direkt nebenan ist. Oder sonst auch nur einige Kilometer entfernt. Es zerreißt mich, das zu wissen und auf der anderen Seite zu wissen, dass sie das eben nicht kann. Meine Vergangenheit verstehen, akzeptieren und mittragen. Mich tragen. Da sein, so wie eine Mutter da sein sollte. Und dann könnte ich wieder weinen und will ihr meine Arme unter die Nase halten, will sie schütteln, anbrüllen, ihr sagen wie sehr ich sie bräuchte und wie wichtig es wäre, dass sie endlichendlichendlich akzeptiert was er mir angetan hat und ihn nicht ständig in Schutz nimmt und alles schön redet.
Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass sie das nicht kann und wahrscheinlich auch nie können wird. Vielleicht muss ich das akzeptieren, genauso wie ich damals akzeptieren musste, dass er nicht der Vater sein kann, den sich ein Kind wünscht.
Ich will nur heil durch diese Nacht kommen. Durch diese und die nächste, durch die Tage, bis ich mich wieder nach Hause in meine 4 Wände flüchten kann, in meine Sicherheit.

1 Comment

Kommentar verfassen