Der Therapeut wollte, dass ich meine DBT-Unterlagen mitbringe, also knalle ich ihm gestern einen dicken Ordner auf den Tisch. Er ist beeindruckt, denn er kennt zwar das DBT-Konzept aus einer anderen Klinik, aber so detailliert und so intensiv machen sie es dort nicht. „Nun verstehe ich, warum sie da nicht hin wollten.“ meint er schmunzelnd. Wir besprechen die Dinge, die ich immer noch einsetze und die mir helfen. Und das sind ganz schön viele, eigentlich dachte ich mir in den letzten Tagen, dass ich mal mehr der Inhalte wieder nutzen sollte. 

Er fragt nach den traumatischen Erlebnissen. Welche davon am meisten präsent sind, welche am stärksten immer wieder hoch kommen. Bis zur nächsten Stunde soll ich die Situationen mit einer Überschrift benennen, wie in der Zeitung. Vielleicht hätte ich fragen sollen, ob er nun Bild-Schlagzeilen oder Zeit-Überschriften meint.

Ich unterhalte mich nach der Stabilisierungsgruppe noch mit zwei Mitpatientinnen. Beide sind auch in der Traumagruppe und außerdem auch in meinem Team. Ich mag sie und von den wenigen Dingen, die ich bisher erfahren habe, kann ich ahnen, dass wir ähnliche Dinge mit uns herumschleppen. 

Viel steht gestern nicht auf meinem Plan, ich habe in der Zwischenzeit 3 Stunden frei. Die Zeit nutze ich um einen Teil des Fragebogens auszufüllen, den ich bekommen habe. Zwischendurch muss ich Mama anrufen, denn ich weiß beim besten Willen nicht, wann ich anfing zu laufen (mit 9 Monaten, ich hatte es wohl eilig!) oder zu sprechen (mein erstes Wort beglückte mit 10 Monaten die Welt, seitdem habe ich nicht mehr aufgehört). Die anderen Fragen sind teilweise leicht (welche Probleme haben sie derzeit, wo haben sie gearbeitet, welche Schulen haben sie besucht) und schwer (nennen Sie typische Eigenschaften Ihrer Eltern, wie war die Atmosphäre im Haushalt der Eltern, während sie aufwuchsen, welche Werte wurden Ihnen vermittelt) zu beantworten. Vor allem die Eigenschaften und die Werte machen mir zu schaffen. Alle Werte, die ich von meinem Vater gelernt habe, habe ich entweder sehr schmerzhaft gelernt oder entwickelt, weil er ein Negativbeispiel war. Schöne Scheiße. Mit diesen Fragen werde ich mich wohl noch ein wenig länger auseinandersetzen müssen um sie zu beantworten. 

In der Stabilisierungsgruppe bin ich teilweise kurz davor einer Mitpatientin meinen Ball an den Kopf zu werfen. Sämtliche Skills und Fertigkeiten, die sie nutzt, nennt sie auf dem Hintergrund der Selbstschädigung. Sie nutzt dies und jenes, aber solange bis sie davon Schaden davon trägt. Ich nehme dem Therapeuten die Worte vorne weg, als ich die Definition von Skills nenne. Als sie dann noch erwähnt, dass sie ein Meerschweinchen hat, da mag ich platzen. EIN! Das arme Tierchen. Ich verstehe nicht, wie man sowas tun kann, wie man Tiere, die eigentlich in Gruppen leben, alleine halten kann. 

Als ich heute morgen aufwache steht der Zitronenkater auf meiner Brust und seine Nase berührt meine. Ich blicke direkt in seine Augen und er miaut mich begeistert an, weil ich wach bin und es nun wohl Futter gibt. Nachdem meine Tierchen versorgt sind, setze ich mich erstmal auf mein Sofa. Neben ein Päckchen, dass gestern ankam. Erst da fällt mir ein, welcher Tag heute ist. 

Kurz darauf sitze ich lächelnd auf dem Sofa, Konfetti um mich herum, das Katerkind jagt Luftschlangen durch die Wohnung. Die liebe Fylgja hat es wieder mal geschafft mich zum lächeln zu bringen und zu grinsen wie eine Honigkuchenzitrone. 

Den Weg zur Klinik versüßt mir nun das neue Album der Broilers, eine richtig feine Sache, wenn eine der Lieblingsbands am Geburtstag ein neues Album veröffentlicht. 

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