Es ist zu früh. Ich fühle mich zerschlagen. Mein Kopf schmerzt. Das tut er nun den dritten Tag in Folge und ich glaube ich werde krank. 

Schon bevor ich los fahre weiß ich, dass ich heute nicht den ganzen Tag aushalten werde. Ich werde bleiben bis zur letzten Blutzuckermessung und dann PMR und Körpererfahrung sausen lassen. Morgen und Donnerstag sieht mein Plan zum Glück etwas leerer aus und ich habe bis dahin hoffentlich auch wieder mehr Kraft und weniger Kopfschmerzen. 

Nach dem Frühtreff spreche ich die Co-Therapeutin an und sage ihr, dass ich das heute nicht schaffe. Ich sage ihr, dass ich nach der Blutzuckermessung gehen werde und sie lächelt mich an und wünscht mir, dass es morgen besser sein wird. 

Ich habe endlich etwas gegessen. Vor der Messung durfte ich ja nicht. Nun bin ich gespannt, was mein Blutzucker so mitteilen wird. Bei der Blutabnahme zu Beginn hier war der Wert leicht erhöht, vermutlich habe ich zu spät noch irgendwas gegessen, jedenfalls war hier erstmal Drama. Genauso interessant fand die Oberärztin aber auch den Drogentest. Erstmal war sie verwirrt über die Anordnung (der Arzt war der Meinung, dass „vor ungefähr einem Jahr mal gekifft“ sicherlich einen regelmäßigen Drogenkonsum bedeutet) und dann noch verwirrter darüber, dass er negativ ausfiel. Einen Arzt, der sich über einem negativen Drogentest beschwert, habe ich zuvor auch noch nicht erlebt. Aber es ist verständlich, denn eigentlich müsste der Test auf Amphetamine positiv sein, ich nehme immerhin Methylphenidat. Naja. 

Nun hänge ich im Eingangsbereich auf dem Sofa. Ich fühle mich wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Einzig positiv: ich bin zu Matsch für Anspannung. 

Ich warte auf den Beginn der Bewegungsgruppe. Aber auch nur, damit ich mich abmelden kann. Warum die Gruppe für draußen bei mir auf dem Plan steht verstehe ich absolut nicht, ich habe von Anfang an gesagt, dass ich bei unebenem Gelände Probleme habe mit dem Sprunggelenk, bei den Temperaturen erst recht. Draußen rumzujoggen ist also das letzte was ich machen werde, erst recht an einem solchen Tag wie heute. 

Stattdessen werde ich in aller Ruhe nach Hause fahren. Mich eine Weile im Bett verkrümeln, ein wenig schlafen, Kraft tanken. Dann Gemüse schnibbeln und Kartoffeln schälen und Kartoffelsuppe kochen. Den Kater ein wenig bespaßen, bekuscheln. Vielleicht das Außengehege der Schweinenasen in der Wohnung aufbauen und ihnen ein wenig Auslauf gönnen. Und dem Kater vermutlich ein wenig Spaß. 

Gutes tun. Heute ganz viel. Ich brauche es so sehr, Selbstfürsorge, auf mich achten. An solchen Tagen sehne ich mich unglaublich danach einfach nochmal Kind zu sein, mich im Bett verkriechen zu können, mir von Mama Kamillentee bringen zu lassen, Geschichten auf Kassette zu hören und mir von ihr etwas vorlesen zu lassen. Das sind die einzigen positiven Erinnerungen, die ich an Kranksein als Kind habe, die Momente, in denen ich bei ihr war. Bei meinem Vater musste ich immer zur Schule, egal wie es mir ging. Nur eine Sache ist mir positiv im Gedächtnis hängen geblieben, als ich einmal völlig fertig abends im Bett lag und mich fühlte als würde ich sterben, brachte er mir eine CD-Sammlung mit Kindergeschichten vom Einkaufen mit. Für mich war das wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag gleichzeitig. 

In den letzten Tagen denke ich oft darüber nach, dass ich doch auch mal die positiven Erinnerungen aufschreiben müsste. Doch da ist so wenig, dass nicht von irgendwas getrübt ist. 

Mein Vater hatte die Angewohnheit sich mittags hinzulegen am Wochenende. Diese Stunden waren für mich als Kind immer qualvoll, weil ich mich so beschäftigen musste, dass er nicht aufwacht. Raus gehen fiel deswegen auch oft flach, denn das war zu laut. Und in den ersten Jahren hatte ich noch nicht mal ein eigenes Zimmer. 

Also flüchtete ich mich in meine Phantasiewelt. Spielte Geschichten nach, stundenlang, begleitet von Kassetten und den Geschichten. 

Später waren diese Stunden für mich eine Erlösung. Ich musste nicht aufpassen, nicht auf der Hut sein. Ich las stundenlang, später schlich ich leise ins Wohnzimmer und holte das Telefon, telefonierte heimlich mit meiner Mama oder mit meiner Therapeutin, wenn ich die Welt gerade nicht aushielt. 

In einer Stunde habe ich Traumagruppe. Dann Essen, ein wenig warten, Blutzuckermessung, ab nach Hause. Es zieht sich, aber es ist absehbar und es macht es mir leichter, dass ich nicht so lange aushalten muss heute, mich nicht quälen muss. 

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