All my windows still are broken but I’m standing on my feet

Ich lese meine Beiträge von letztem Jahr um diese Zeit. Und ich muss lächeln, denn es ist einiges anders. Und manches doch gleich. 

Vor einem Jahr kam ich grade aus einem Klinikintervall. War körperlich krank, antriebslos und habe stundenlang gegen Anspannung gekämpft. 

Die Angst, die die Weihnachtszeit mit sich bringt, ist immer noch da. Wieder. Wie jedes Jahr. Und ich denke an die Arbeit hier mit Glaubenssätzen. „Was hat sich seitdem geändert?“ wird dort gefragt. Die Zeiten, in denen ich Angst vor Weihnachten hatte und diese Angst auch berechtigt war, sind vorbei. Ich kann selbst entscheiden, wo ich mein Weihnachten verbringe. Ich kann frei zu meiner Mutter und meiner Schwester fahren, ich muss danach nicht zurück zu meinem Vater. Ich muss nicht darum betteln fahren zu dürfen, muss keine Angst haben, dass er plötzlich anders entscheidet und mich doch nicht fahren lässt. Was bleibt ist mein schlechtes Gewissen. Ich lasse ihn alleine. Ganz alleine an einem solchen Tag. Die Gefühle kann ich nicht ändern, sie sind da. Aber ich kann sie abschwächen. Realitätsüberprüfung. Lasse ich ihn wirklich im Stich? Nein. Ich bin gegangen um mich selbst zu schützen und ich schütze mich weiterhin, indem ich keinen Kontakt zu ihm habe. Ich tue das richtige, ich sorge für mich, ich achte auf meine Bedürfnisse. Er hat das nie getan und ich habe das Recht mich zu entscheiden und auch dementsprechend zu handeln. Trotzdem hat die Weihnachtszeit einfach einen bitteren Nachgeschmack. 

Und ich glaube auch, dass ich deutlich stabiler bin als noch vor einem Jahr. Nein. Ich weiß es. Ich fühle mich handlungsfähiger, nicht mehr so furchtbar mir selbst ausgeliefert. 

Und anders als letztes Jahr gibt es nun Pläne, Möglichkeiten, Hoffnung. Auch wenn noch einige Zeit vergehen wird bis zu einem möglichen Studium, so ist es doch ein Haltepunkt, ein Licht am Horizont, ein Ziel. Bis dahin werde ich von Zwischenziel zu Zwischenziel wandern, als erstes steht die Reha an. 

Trotz allem habe ich Angst. Angst, dass ich zuhause wieder in ein Loch falle. Dass ich es nicht schaffe. Dass Depression mich lähmt und Suizidgedanken mich wieder fesseln. Doch ich versuche so gut es geht für diese Fälle noch hier einen Plan zu entwickeln. 

Morgen will meine Psychologin mit mir den Lebensvertrag angehen. Ich habe im letzten Einzel angesprochen, dass ich einen Plan brauche für solche Momente wie Donnerstag, für eine 5 auf der diary card, für Momente in denen ich nicht einsehe, dass ich grade was tun muss, weil der Selbsthass überwiegt und ich es gerne bis zum Extrem treiben will. Und sie meinte, dass wir das ja super auch in den Lebensvertrag schreiben können. Möp. Ich weiß jetzt schon, dass ich mich sicherlich einige Male verfluchen werde dafür, dass ich ihr das gesagt habe. „Schreiben Sie mir dann doch mal ’ne Mail!“ meint sie dazu und lächelt. Ich weiß, dass ich mich so selbst kriegen kann, mich selbst austricksen. Ich mache keine halben Sachen. Und auch das weiß meine Psychologin und lächelt noch mehr, als ich mich genau darüber aufrege. Wenn ich etwas zusichere, dann halte ich mich daran. So hat schon Frau S. mich vor über 10 Jahren immer und immer wieder gekriegt und mich lebend von einem Termin zum anderen gezogen. So hat Schwester Nathalie mich schon oft gekriegt, auch andere vom Pflegepersonal. Und so kriegen sie mich hier auch immer, das haben sie mittlerweile gemerkt. Der Therapievertrag hält mich, wenn sonst nichts mehr hält. Und so sehr ich mich manchmal darüber ärgere, so sehr bin in anderen Momenten froh darüber, denn es ist mein eigenes persönliches Rettungsnetz, meine Notbremse. 

Also wird wohl etwas ähnliches, was hier bei einer 5 auf der diary card anläuft, in Zukunft auch zuhause anlaufen. Kann ich garantieren, dass ich es schaffe weiter zu leben? Wenn nein wird wohl die Klinik folgen, wenn ja dann eine VA und dementsprechend handeln. Ohne wenn und aber. Und ich hoffe, dass es mir helfen wird. Mich halten wird. Und das wird es vermutlich auch tun. 

Irgendwo wollen wir wohl noch die Gefühlsprotokolle unterkriegen. Damit auch das irgendwo steht, damit ich mich auch daran halte, wenn es nötig wird. 

Und ich werde auch die diary cards weiter führen (müssen), denn es steht in meinen Zielen für das nächste Jahr. Und diese Ziele werden Voraussetzung sein für eine eventuelle Wiederaufnahme als „Wiederkommer“ für 8 Wochen in frühstens einem Jahr. Diese Chance möchte ich eigentlich gerne nutzen, bis dahin schauen wie es ist und an was es noch hapert, bei welchen Dingen ich noch Unterstützung brauche. 

Vielen orientiert sich derzeit auf die Zukunft. Das ist neu für mich, denn so lange ging es nun ums Überleben, darum Tag um Tag um Tag irgendwie zu überstehen. Einen Monat zu planen, manchmal auch nur eine Woche, war kaum möglich. Und zu überlegen was in 3 Monaten, in 6 Monaten oder sogar in einem Jahr sein wird – ein Unding. Ich wusste ja noch nicht mal, ob ich leben will. Und wenn ja, dann wie ich das überhaupt schaffen soll. Ob ich leben will frage ich mich manchmal immer noch. Es gibt diese Momente durchaus und es wird sie wohl immer wieder geben. Doch sie sind weniger geworden und die Tage, an denen ich nur wenig oder manchmal sogar gar nicht an Suizid denke, werden immer mehr. Und vermutlich werde ich diese Frage selten definitiv beantworten können. Doch ich glaube ich kann es, mit Unterstützung, soweit schaffen, dass ich die Beantwortung dieser Frage auf die guten Tage verschiebe und an den schlechten einfach weiter mache. So gut es eben geht, vielleicht manchmal einfach nur mit weiteratmen und weiteratmen und von Minute zu Minute hangeln. Aber ich glaube ich baue mir gerade und in den kommenden 2 Wochen genug Wege um es zu schaffen und ziehe Mauern um Schlupflöcher und Notausgänge. Und vielleicht ist genau das wichtig. Nicht unbedingt die Tür zum Suizid komplett zu schließen (zumindest derzeit), sondern genug Hindernisse einzubauen um die Türe soweit zu öffnen, dass ich durchschlüpfen kann. 

Um die Frage nach dem Leben derzeit zu beantworten: ja. Ja, ich will leben. Ich will atmen und lachen und weiter machen und die schönen Momente genießen und die schlechten so unbeschadet wie möglich überleben. Ich will weiter gehen und weiter machen und gesünder werden und nach und nach immer mehr und mehr Tage ohne Suizidalität und Selbstverletzungsdruck haben. 

Ja. Ich will leben. 

You can take everything I have
You can break everything I am
Like I’m made of glass
Like I’m made of paper
Go on and try to tear me down
I will be rising from the ground
Like a skyscraper
Like a skyscraper

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