and feels like she’s alone here in hell

Auf Station ist es momentan unglaublich unruhig. Das trägt nicht gerade dazu bei, dass meine Anspannung in einem niedrigen Bereich bleibt.
Ich hatte heute lieben Besuch und das tat auch unglaublich gut. Ein wenig Ablenkung, mal was anderes sehen und hören, auf andere Gedanken kommen.

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Ansonsten versuche ich mich daran festzuhalten. Einfach weiter machen. Tag für Tag, Minute für Minute, Schritt für Schritt und Skill für Skill. Es geht weiter, es geht immer weiter.

Ich muss viel an meinen Vater denken. Manchmal auch an die schönen Momente, und dann denke ich mir, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er sich vielleicht doch bemüht hat, mir eine schöne Kindheit zu bieten. Und ja, das hat er auch tatsächlich. Nur gab es da diese vielen anderen Momente, in denen es nicht so war. Ich denen ihm meine Gefühle, meine Bedürfnisse, mein Wohl völlig egal waren. Und die überwiegen leider. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, die schönen Momente und all das Schlimme gemeinsam zu sehen, als Ganzes. Und nicht nur entweder die schönen Momente, bei deren Erinnerung ich am liebsten direkt bei ihm anrufen und den Kontakt zu ihm suchen würde, oder die schlechten, in denen ich ihn so sehr hasse. Vielleicht kann ich irgendwann sagen, dass es Momente gab, die doch okay waren. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Mir fehlen so viele Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend, an viele Dinge erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Manchmal wüsste ich gerne, was hinter dieser Leere steckt, welche Momente und Augenblicke. Und manchmal bin ich mir relativ sicher, dass ich es niemals wissen will.
Und genau so, wie ich an viele Momente mit meinem Vater denken muss, denke ich an die wenigen Momente mit meiner Mutter und meiner Schwester.
Es gab da ein Weihnachten, da kam ich bei meiner Mutter an und sobald mein Vater das Haus verlassen hatte habe ich mich an sie geklammert und nur geweint. Ich habe gesagt, dass ich nie wieder zurück will zu ihm, nie wieder von ihr weg.
Oder der Sommer, in dem ich noch Ferien hatte und meine Schwester schon wieder zur Schule musste. Sie war damals vielleicht 7 oder 8, ich also 12 oder 13. Ich habe sie von der Schule abgeholt, meine Mama musste arbeiten. Wir haben uns Zuhause Rührei gemacht, ihre Hausaufgaben erledigt und dann gespielt oder sind gemeinsam auf den Spielplatz oder unseren Großonkel in seinem Geschäft besuchen gegangen.
Oder der Sommer, in dem meine Schwester schon Ferien hatte und ich noch zur Schule musste, und sie mich das erste und einzige Mal in meinem „Zuhause“ besuchte. Ich nahm sie die letzten paar Schultage mit in meine Schule, zeigte ihr die Welt, in der ich lebte. Es war schön sie bei mir zu haben. Bis heute lachen wir über manche Momente, zum Beispiel als mein Klassenkamerad auf dem Schulfest so betrunken war, dass er ihr, die huckepack auf meinem Rücken hing, statt der Hand den Fuß schüttelte.
Wenn ich mit anderen Menschen zusammen sitze und die Sprache auf Erlebnisse in der Kindheit kommt, dann haben viele meiner Erinnerungen einen üblen Beigeschmack. Wenn ich ansetzte zu erzählen „Ich war mit meinem Vater…“ oder etwas ähnliches, dann zieht sich mein Magen immer zusammen. Die schönen Momente kriegen einen dunklen Schatten, der oftmals alles Schöne einfach erstickt. Das macht mich meistens traurig und ich mag gar nicht mehr weiter erzählen, höre lieber zu und lächle, damit ich nicht anfange zu heulen wenn andere von diesen vielen tollen Momenten und dem guten Verhältnis zu ihren Eltern erzählen. Ich frage mich, ob das irgendwann besser wird. Meinen Vater hat seine Kindheit lange beeinflusst, vermutlich tut sie das immer noch. Wie oft erzählte er davon, dass sein Vater gewalttätig wurde, ihn verprügelte und schlug und behandelte wie Dreck. Und ich saß dann da, strich über die blauen Flecken von seinen Schlägen, die unter meiner Kleidung verborgen waren oder über die Schnitte unter meinen Ärmeln, die ich mich abends weinend im Bett auf meinen Armen zugefügt habe, weil er mich so sehr beleidigt und beschimpft hatte. Ich saß da und versuchte diese Gegensätze irgendwie miteinander in Einklang zu bringen, die Logik dahinter zu finden. Aber das funktionierte einfach nicht. Und so versuchte ich es einfach als Baustein in die verkorkste Welt meiner Kindheit und Jugend einzubauen, versuchte noch mehr keinen falschen Schritt, keine falsche Bewegung zu machen und kein falsches Wort zu sagen, versuchte noch mehr alles zu tun, damit weder Schläge noch verletzende Worte kamen. Natürlich erfolglos. Nach den ganzen Jahren, in denen er mir jedesmal einen Grund nannte, warum er dies oder jenes getan hatte, einen Grund, der mir die Schuld gab, nach diesen ganzen Jahren glaubte ich wirklich daran, dass es meine Schuld war, dass ich nicht okay bin, dass ich nur Fehler mache. Und so versuchte ich noch mehr das Richtige zu tun. Heute weiß ich, dass es kein Richtig gab. Dass es egal war, denn je nach Stimmung waren Dinge, die vor einer Woche noch richtig waren, plötzlich falsch.
Ich weiß nicht, wann ich begriffen habe, dass mein Leben und mein Zuhause nicht normal sind. Vielleicht, als mein Lehrer mir mal einen Bericht in die Hand drückte, in dem zu lesen war, dass andere Menschen sich auch selbst verletzen. Dass ich nicht der einzige Mensch auf Erden bin, und dass die Gründe oftmals in einer Traumatisierung liegen. Oder als Freunde mir erzählten, dass der Vater/die Mutter sie noch nie geschlagen hatte. Oder als wir in der Schule irgendwann mal von Kinderrechten redeten. Bis dahin war ich mir sicher, dass alle Kinder geschlagen werden, war mir sicher, dass Kinder Eigentum ihrer Eltern sind und tun müssen, was diese sagen, und wenn die etwas falsch machen, dann müssen sie bestraft werden. Für mich war das damals ein ziemlicher Schock. Auch wenn ich irgendwo in mir drin immer ahnte, dass die Dinge, die mein Vater tat, nicht in Ordnung waren, so habe ich diese Gedanken doch immer wieder verdrängt.
Verkorkste Welt. Meine Kindheit und Jugend war wohl einfach zu wirr, als dass ich hätte gesund aufwachsen können. Und doch kriege ich oft gesagt, dass ich trotz diesem Wirrwarr und den Traumatisierungen erstaunlich „gesund“ bin, doch erstaunlich viel hinbekommen hätte. Ich kann das oftmals nicht sehen und würdigen, denn es war „normal“ Zuhause, dass ich etwas leisten muss, Dinge schaffen muss, um wenigstens manchmal ein klein wenig Anerkennung zu bekommen. Deswegen tut es mir auch heute so unglaublich gut, wenn ich für etwas gelobt werde, dass ich geschafft habe. Zum Beispiel hier vom Personal, wenn ich Momente voller hoher Anspannung schaffe ohne mich zu verletzen. Oder von Freunden, weil ich produktiv war und viel erledigt bekommen habe. Oder von Mama, die mir sagt, wie schön ich meine Wohnung eingerichtet habe. Oder, oder, oder. Auch wenn es mir oft schwer fällt das anzunehmen und ähnlich zu sehen, so tut es doch immer wieder gut. Und nun werde ich mich ins Bett kuscheln und versuchen zu schlafen.

She stands up straight
and takes some air
it’s just another bad day

And then she screams out loud
You’ve made a mess of your life
You won’t make a mess of mine

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