Anders 

Abend Nummer 5 in der Klinik geht zuende. Noch zwei weitere Abende liegen vor mir, am Freitag werde ich nach Hause gehen. 

Ich habe in den letzten Tagen viel mit dem Pflegepersonal geredet. Mal über Belangloses, mal über die vergangene Zeit hier, mal über den aktuellen Kram. Immer wieder habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich nicht versagt habe. Dass ich richtig gehandelt habe, es die richtige Entscheidung war, es absolut okay ist, keiner vom Team es als Rückschritt sieht… Es tut gut diese Worte zu hören und langsam schaffe ich es auch damit gegen das Gefühl des Versagens anzukommen. Und langsam nehmen die Suizidgedanken auch weniger Raum ein, der Selbstverletzungsdruck wird weniger, es tut sich was. Abgesehen von den Momenten, in denen mich irgendwas umhaut, wie beispielsweise die Oberärztin, die heute mit der Entlassung um die Ecke kam, da es gerade ziemlich voll ist. Schließlich ist am Feiertag ja eh kein Programm und so. Ich sagte ihr, dass ich grade eher den sicheren Rahmen brauche als die Therapien. Sie meinte, dass sie nochmal schaut, ob sie es anderweitig lösen kann, aber gegebenenfalls nochmal am Mittag auf mich zukommt. Mit diesem Gespräch traf sie genau in die Wunde, die das Gefühl versagt zu haben, hinterlassen hat, traf genau in das „stell dich nicht so an“ und „du hast keine Hilfe verdient“. Ich war völlig neben der Spur danach, fragte Schwester Nathalie nach ein paar Minuten Zeit und als sie dann zwischendurch diese paar Minuten hatte, sprach ich ihr gegenüber diese Gefühle aus, sagte, dass ich grade am allerliebsten heim gehen würde und Mist bauen, sagte ihr, wie sehr ich gerade kämpfen muss. Völlig Heimatfilm statt Tagesschau. Es half und tat gut und auch von ihr hörte ich nochmal, dass ich nicht versagt habe, dass es gut und richtig war. Sie ließ sich noch die Hand drauf geben, dass ich nicht einfach nach Hause verschwinde und Mist mache. Danach war es besser. Die Anspannung ließ langsam nach, nachdem ich eine Runde draußen war und anschließend skillte und mir von Pfleger Arschkeks einen „Akut-Smiley“ malen ließ.

Danach war ich erstmal einfach nur unglaublich müde und fiel ins Bett, stand irgendwann wieder auf und ging kurz einkaufen (mein „Ich brauche Schokolade“ – Symptom taucht wirklich fast nur dann auf, wenn ich stationär irgendwo bin…) und fragte dann Pfleger Thorsten, ob er mit auf den Balkon kommt, denn das Wetter war so schön und als Raucher ist es auf dem Balkon auch um einiges angenehmer als im Raucherraum. 

So saß ich dann dort mit meinen dbt-Unterlagen und dem Manual und Block und Stift, um die „Hausaufgaben“ zu erledigen, die Sabine mir gegeben hatte: Eine Art Krisenplan zu schreiben für mögliche Krisenintervention hier, was hilft, was hilft nicht, was ist gut in welchen Situationen. Den habe ich ihr in die Hand gedrückt vorhin und sie will ihn weiter geben ans Team für die Teambesprechung morgen. Neben dem Schreiben quatschte ich mit Thorsten, rauchte, versuchte immer wieder den Faden zu finden und genoss die Sonne. Es tat gut und holte mich fast völlig aus dem morgendlichen Drama raus. 

Nach dem Essen kam dann noch N. vorbei und wir saßen draußen, den Abend habe ich mit meinen Mitpatienten auf dem Balkon verbracht. Und gerade ist es wirklich halbwegs okay hier zu sein, es sind nur noch zwei Tage, die ich allerdings für mich nutzen möchte, aber es ist auch okay dann wieder zu gehen und zuhause weiter zu machen. 

Letztendlich war es die einzig richtige Entscheidung hier her zu kommen. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald das komplett so zu sehen, vielleicht kommt es auch im Gefühl noch an. Und vielleicht schreibe ich doch eine funktionale VA dazu. Oder eher eine „Anders-VA“, wie Frau S. sie immer nannte und was ich auch besser und treffender finde. Denn ich habe nicht gehandelt wie früher, habe den neuen Weg gewählt, habe mich entschieden, nicht mehr in den alten Mustern zu bleiben, habe nicht mehr so reagiert. Sondern eben anders. 

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