Bring mich irgendwo hin

Weil ich immer noch atme
Weil sich noch Etwas regt in mir drin
Weil ich langsam und stetig an Boden gewinn
Bring mich irgendwo hin
Wo man Zeit überwindet
Wo die Trauer verschwindet für einen Moment
Und man endlich erkennt
Aufstehen und Weitergehen

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Die Fensterbank am Ende des Flurs ist mir in den letzten Wochen ein treuer Freund gewesen. Hier habe ich gesessen wenn die Welt mir zuviel wurde, zu laut, wenn die Musik mich vor der Realität gerettet hat, für gute Gespräche mit den Schwestern oder einfach nur um aus dem Fenster zu starren.
Morgen geht es nach Hause. Zumindest fürs erste. Von hier aus steht das Angebot immer wieder in Intervallen zu kommen, wenn es nicht mehr geht. Auch wenn es eben schon in 2 Tagen nicht mehr gehen sollte. Etwas mehr werde ich ja wohl hoffentlich schaffen.
Aber mit diesem Wissen im Hinterkopf wird es vielleicht einfacher. Einfacher hier her zu kommen wenn es kippt. Einfacher Hilfe anzunehmen. Und vielleicht schwerer wieder an so einen Punkt zu kommen.
Ich muss es einfach versuchen. Versuchen stark zu sein, durchzuhalten, weiter zu kämpfen. Bis es wieder leichter wird. So einen Tiefpunkt… Ich glaube so weit war ich noch nie. Dass es über so lange Zeit so konstant pechschwarz war. Es kann dann ja eigentlich nur besser werden. Bunter.
In meinem Kopf ist viel Mist in letzter Zeit. Viel alter Kram, viel Angst und viel Unsicherheit. Nach außen merkt kaum jemand was. Ich kriege immer wieder gesagt, dass ich so stark wirke, so fröhlich und mit beiden Beinen im Leben stehend.
Dass es innerlich so viel anders ist kann kaum jemand verstehen. Auch ich oft nicht. Vielleicht muss ich diese Gegensätze akzeptieren. Akzeptieren, dass diese Krankheit mich eben mein Leben lang begleiten wird. Dass mein Leben eben genau dieser Balanceakt auf der Borderline ist. Grenzgängerin. Schwarz und Weiß. Leben und Sterben. Heile Haut und tiefe Schnitte.
Und neben dem akzeptieren muss ich wohl Wege finden damit umzugehen. Mich selbst vor mir zu schützen, immer wieder.
In den nächsten Wochen wird es schwer. Wahrscheinlich gehe ich dann einfach Wege, die ich sonst ungern gehe. Bedarfsmedis wenns kritisch wird, unter Leute, nicht allein sein. Keine Klingen kaufen. Gutes tun. Auf mich achten. Bis es wieder etwas mehr nebenbei läuft, bis es wieder okay wird. Bis es nicht mehr nur ums Überleben, sondern ums Leben geht. Auch, wenn ich keine Lust mehr habe. Wenn ich müde bin von Skills und kämpfen. Durchhalten, weiter atmen. Einfach weiter atmen. Ich weiß, dass es besser wird. Leichter. Zwar nicht direkt, aber es wird so sein. Das gibt ein bisschen die Kraft weiter zu machen.
Vor 15 Jahren habe ich das erste Mal bewusst selbst in meine eigene Haut geschnitten. Hätte ich damals gewusst, wie weit es geht, wie sehr mich die Selbstverletzung in ihren Klauen haben wird, hätte ich es anders gemacht?
Es bringt vermutlich nichts darüber nachzudenken.
Hier haben sie gefragt, der wievielte Suizidversuch es war. Und ehrlich – ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur, dass es wohl der kritischste war. 20 Minuten später… 20 Minuten sind nicht viel. Gemessen an einem ganzen Leben ist es sogar verdammt wenig. Vielleicht wäre es besser gewesen, der Notarzt hätte das nicht gesagt. Mit der Unwissenheit könnte ich wahrscheinlich besser umgehen.
So viele Jahre kämpfe ich nun schon. Mal ist es einfacher, mal ist es schwerer. Aber es ist eben oft doch ein Kampf. Vielleicht gehe ich irgendwann als Sieger aus dieser Schlacht hervor. Vielleicht ist es irgendwann wirklich mal vorbei. Man kann lernen damit zu leben. Es wird besser. All das sagen sie. So oft. Sie sind stark. Sie schaffen das.
Ehrlich? Ich weiß es nicht.

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