und jetzt geht der Fallschirm auf

Ich fahre nach Hause. Vielleicht zum letzten Mal. Es sind nur noch drei Wochenenden bis zur Entlassung. Und ich würde sie gerne mit meinen Mitpatienten, ehemaligen Mitpatienten und Freunden verbringen, möchte die Zeit nutzen, die schönen Momente bewahren und aufsaugen. Fest steht, dass ich wieder kommen werde. Nach Freiburg. Ich will im Januar nochmal auf der Station vorbei schauen und meine zwei bis dahin noch verbliebenen Mitpatientinnen besuchen, der lieben Mira mal Hallo sagen, A. treffen, die trotz ihrer Entlassung immer noch Teil von uns ist, mein Puffreiskügelchen besuchen und Fylgja. Und ich werde versuchen das regelmäßig zu tun, ich möchte die Kontakte behalten, möchte die lieben Menschen weiterhin in meinem Leben haben, trotz der Distanz. Und ich werde wohl dann auch nach Bayern fahren, F. besuchen und sie nötigen mich zu besuchen. 😉 

Viele Mitglieder des Teams sagen, dass wir uns nicht so sehr aneinander gewöhnen sollen. Wir würden uns eh nicht mehr sehen. Ich glaube nicht daran. Unsere „Truppe“ war und ist etwas besonders und ich glaube, dass einige von uns es schaffen werden den Kontakt aufrecht zu erhalten. Denn wir wollen es. Und ich habe erlebt, dass solche Kontakte lange halten können. Mit S. habe ich seit nun 10 Jahren Kontakt, seit wir aus der KiJu entlassen wurden. Auch von den anderen dort höre ich immer noch einige Male im Jahr etwas. Mit einigen Menschen aus der Psychiatrie verbindet mich seit nun auch bald zwei Jahren auch eine Freundschaft. Klar ist es anstrengend soziale Kontakte über die Distanz aufrecht zu erhalten, klar werden sich manche Kontakte verlaufen, aber einige werden bestehen bleiben. 

Nach Hause. Ich freue mich. Ich werde heute meinen üblichen Kram erledigen. Ankommen, Mama irgendwie wieder los werden, meine Tierchen versorgen, meine Wohnung ein wenig vom Katerchaos befreien. Ich will einen Freund in der Klinik besuchen (soviel zu Klinikfreundschaften), der leider grade wieder dort ist, auf dem Rückweg einkaufen. Und dann einen gemütlichen Abend verbringen auf dem Sofa, mit TV und Katerkind und Nichtstun. 

Morgen werde ich mit Bibi zu N. fahren, Geburtstag nachfeiern. Und dann geht es auch fast schon wieder zurück in Richtung Klinik. 

Gestern Abend saß ich mit Herrn N. beim Abendkontakt. Er blickte auf meine diary card, lächelte, begann den Satz mit seinem üblichen „Hey“ und erzählte mir, dass es doch wirklich gut läuft. Dinge, die manchmal nicht gesehen werden meint er, denn normalerweise schaut man doch ständig wo es grade brennt und wenn es dann mal läuft, dann beachtet es keiner. Ich muss lächeln und sage ihm, dass meine Psychologin es schon sieht, anerkennt, mich darauf hinweist, damit ich es auch sehe. 

Ich erzähle ihm von der Plötzlichkeit, mit der vormittags auf einmal Suizidgedanken in meinem Kopf waren, drängend und aus dem Nichts. Er meint, dass ich es vielleicht anders sehen muss. Ich soll mich nicht fragen, warum sie nun plötzlich da waren, sondern eher sehen, dass sie eben so lange nicht da waren. Vielleicht manchmal unterschwellig, vielleicht für Momente ein wenig mehr, manchmal sogar gar nicht. Aber sie sind weniger, deutlich. „Ich kann mich erinnern, dass wir andere Gespräche schon geführt haben an einem solchen Punkt. Da ging es dann um eine 5 auf der diary card. Und so erlebe ich Sie gerade nicht. Es belastet Sie, aber Sie sind klar, Sie wissen was zu tun ist, es geht um keine 5.“ Er fragt mich, ob ich das Monster am Wegesrand kenne. Ich schüttel den Kopf und er kramt in seinem Fach, legt mir ein Blatt vor die Nase und verdeckt den unteren Teil. 

„Wo wollen Sie hin?“ fragt er mich. „Hinter das Monster, dorthin wo die Sonne scheint“ antworte ich ihm. „Und wie machen Sie das?“ will er wissen. Ich überlege. „Monster verjagen?“ Er schüttelt den Kopf. „Funktioniert nicht.“meint er.“ Außerdem geht die Sonne bald schon unter. Sie haben nicht ewig Zeit um für heute an dem Monster vorbei zu kommen.“ Also überlege ich weiter. „Mit Schokolade bestechen? Schokolade funktioniert immer! Oder… Hmmmm. Vielleicht frage ich es einfach, ob es mitkommen mag?“ Herr N. lächelt. Und deckt den Rest der Seite auf. 

„Wow. Dass Sie da so schnell drauf gekommen sind!“ sagt er lächelnd. „Kopieren Sie mir das? Ich will es mir daheim aufhängen.“ sage ich zu ihm und er drückt mir wenige Augenblicke später die Kopie in die Hand. Wir reden noch kurz und ich gehe mit einem besseren Gefühl wieder den Flur entlang in den Aufenthaltsraum. 

Ich bin mit Hoffnung im September in die Klinik gefahren. Mit der Hoffnung auf Möglichkeiten mit mir und meinem Leben besser umzugehen, mit der Hoffnung manche Situationen besser meistern zu können. Und heute fahre ich in mein Wochenende mit der Gewissheit, dass es da ein lebenswertes Leben vor mir gibt, mit der Sicherheit, dass ich vieles meistern kann, mit der Sicherheit, dass ich leben und meinen Weg gehen kann. Mit dem Monster. Mit Borderline.

 

Aufstehen, Atmen, Anziehen und Hingehen.
Zurückkommen, Essen und Einsehen
zum Schluss:
dass man weitermachen muss

Und wir rennen um unser Leben, Du davon und ich entgegen.

Seit gestern ist es leichter. Endlich. 

Am Freitag bin ich ein wenig mit einer Mitpatientin aneinander geraten, die ich eigentlich sehr gerne hab. Durch ein doofes Missverständnis war sie sauer auf mich, als ich versuchte das ganze zu klären, schoss sie um sich und ich in meiner Verletztheit und Wut schoss eben zurück. Borderliner, Impulsivität, extreme Gefühle. Wie das ganze eben so läuft. Ich weiß, dass ich sie verletzt habe. Sie sieht nicht, dass sie mich auch verletzt hat. Sie hat sich leider hinter dieser Mauer aus Wut und Kränkung verschanzt und war nicht zu einer Klärung bereit. Das tat mir sehr weh, ich habe mich entschuldigt, ihr gesagt, dass es nicht gewollt war, aber sie sah nur ihre Verletztheit und sonst nichts. Und (vielleicht unbewusst) hat sie mich weiter verletzt. Dadurch, dass sie mich völlig ignorierte, sich demonstrativ an einen anderen Tisch setzte und dort lautstark Gespräche führte und lachte. Dadurch, dass sie am Abend vorher anfing sich immer dann von Menschen zu verabschieden, sie zu umarmen und alles, wenn ich in die Nähe kam. Dadurch, dass sie erzählte, dass Team steht hinter ihr und unterstützt sie völlig und findet ihre Reaktion angemessen. Dadurch, dass sie einfach nicht in der Bezugsgruppe erschien und damit auch die anderen irgendwie verletzte. Es waren so viele kleine Dinge, die die letzten Tage für mich unglaublich schwer und anstrengend machten. 

Meine Bezugspflegerin legte unser Einzel dann zum Glück genau so, dass ich den Abschied umgehen konnte. Ich habe sie nochmal umarmt und ihr alles Gute gewünscht, weil sie mir einfach wichtig ist und ich sie mag, trotz meinem Schmerz. Es war mir wichtig das zu tun und es tat mir auch gut, aber ich war froh ihren Weggang nicht zu erleben. 

Im Einzel habe ich auch thematisiert, wie sehr mich ihre Äußerungen verletzt haben. Wie weh es tat, als sie Menschen, die ich mag, erzählte dass ich total falsch reagiere und das Team das auch sagt. Meine Bezugspflegerin musste lachen, denn es ist eigentlich andersrum. Das Team sieht, wie sehr ich kämpfe und mich bemühe um Funktionalität. Und sie haben sich bemüht ihr zu helfen das Ganze zu klären, anders zu handeln, aber sie blockte ab. Ich wusste zwar, dass ihre Äußerungen ziemlich die Tatsachen verdrehen, trotzdem tat es gut es auch nochmal von der Pflege zu hören. 

Heute kam Herr E. nochmal auf mich zu, das hat er auch vorgestern schon getan, um mit mir über die Situation zu sprechen, zu fragen, ob ich etwas brauche, ob das Team mich unterstützen kann. Heute wollte er wissen wie es nun ist, wie es mir geht und daraufhin dann nochmal genau die Punkte, an denen es mir möglich war anders zu handeln, den neuen Weg zu gehen, funktional zu handeln. Und größtenteils war es eine Sache, die sich zwar unglaublich einfach anhört, aber unglaublich schwer ist: die Entscheidung für den neuen Weg. Ich will anders handeln. Ich will etwas verändern. Und er sagt auch, dass man das merkt. Und das sagt auch meine Psychologin. Und meine Bezugspflegerin. Und die anderen Pfleger. Und die Ärzte. Und sowieso und überhaupt. Da ist meine „Sturheit“ auch mal ganz positiv. Wenn ich etwas wirklich will, dann will ich es eben. Auch wenn da zwischendurch Momente sind, in denen ich kämpfen muss und auch Momente, in denen ich es anders sehe, aber im Großen und Ganzen will ich es dann schaffen. Vielleicht schreibe ich doch noch eine funktionale Anders-VA zu einer (oder auch mehreren) Situation(en) der letzten Tage. 

Seit ich nicht mehr ständig mit ihr konfrontiert bin und (unbewusst) verletzt werden ist es eben nun deutlich besser. Ich habe das Gefühl endlich wieder genug Raum und Luft zum Atmen zu haben, fühle mich nicht mehr so furchtbar hin und her gerissen zwischen „um ihre Entschuldigung betteln“ und „auf mich achten“. Gehandelt habe ich funktional, getan was nötig war aber auch nicht mehr und an dem Punkt laut „Stop“ gerufen, als sich Entschuldigen zu betteln und rechtfertigen geworden wäre. Ich habe auf meine Selbstachtung Wert gelegt, habe mich selbst geschützt und habe das auch geschafft. Und darauf bin ich stolz. 

Morgen ist mein Therapieplan leer und ich nutze die Möglichkeit und treffe mich mit der lieben Fylgja. Wir wollen kochen und zusammen ein wenig Zeit verbringen, ich freue mich schon drauf. Abends ziehe ich dann noch mit F. ein bisschen durch die Stadt. Am Samstag geht es dann auf in Richtung Heimat. Ich freue mich unendlich auf meine Tiere und meine eigenen 4 Wände und auf meine Freunde. 

Es sind nun noch 4 Wochen hier. Nur. Ich möchte nicht schon gehen. Auf der anderen Seite freue ich mich auf zuhause, auf mein Umfeld, meine Freunde, meine Tiere, meine Familie. Und darauf die Dinge, die ich hier gelernt habe, auch zuhause umzusetzen. Aber es macht auch Angst. Angst, dass es hier so gut klappt und daheim nicht. Angst, dass ich wieder abstürze. Aber das ist auch etwas, was ich ganz gut hier in den nächsten Wochen noch besprechen kann und auch mit meiner Psychologin gemeinsam anschauen werde. Präventionsstrategien entwickeln. Handlungsstrategien. Krisenpläne. Ich bin optimistisch. Trotz der Angst. 

Um das hier zu versteh’n
Braucht es Hirne und Herzen
Von nie da gewesener Größe,
Braucht es Tränen und Schmerzen.
Ich müsst‘ es selber seh’n,
um das hier zu versteh’n.
Um das hier zu versteh’n,
braucht es Arme und Hände
Von nie da gewesener Stärke,
braucht es Fäuste, braucht es Wände.
Und dann nach Hause geh’n,
um das hier zu versteh’n.

Coming back to where you started is not the same as never leaving.

Ich sitze gestern im Einzel und bespreche mit Frau O. die funktionale VA von Samstag. Anders-VA nannte Frau S. sie und auch ich finde das momentan noch besser. Denn das ist Fakt, ich habe anders gehandelt. Wir besprechen einige Punkte genauer. Wie das war, als ich da auf dem Boden saß mit der Klinge am Arm. Was mich davon abhielt. Und sie sagt etwas, das für mich sehr wichtig ist. „Sie haben eine Wahl.“ Denn genau so ist es. Ich kann mittlerweile entscheiden. Nicht Stunden vorher schon, sondern wirklich bis kurz davor. Und damit kann ich auch handeln, eine Option, die ich lange nicht hatte. Als sie fragt, wie ich mich im Anschluss fühlte, kommt bei mir die automatische Standardantwort. Gefühlswirrwarr. Doch direkt nachdem ich es ausgesprochen habe stelle ich fest, dass es gar nicht so war. Da waren Gefühle, unterschiedliche, und ich kann sie wirklich differenzieren und benennen. Einerseits Ärger, weil ich doch schon quasi dabei war und es nicht getan habe. Der destruktive Teil, der sich zu Wort meldet. Dann aber auch Traurigkeit, weil es die Option der Selbstverletzung in meinem Leben überhaupt gibt. Und damit verbunden auch Wut, Wut auf meinen Vater, weil er war wie er war und die Option der Selbstverletzung erst zu einer Option machte. Und, ganz minimal und wie ein winziges Flämmchen, dass beim kleinsten Lufthauch erlischt, ist da auch Stolz. Und ich habe ihn wahrgenommen und angenommen. Nicht weggeschoben, nicht kleingeredet, er durfte da sein und seinen Platz haben. 

Die Tage sind schwierig. Ich kämpfe und skille und skille und kämpfe. Heute Abend gibt es ein High Five von meiner Bezugspflegerin beim Abendkontakt, weil ich noch eine Stunde zuvor heulend vor ihr stand, mich nicht beruhigen konnte, so voller Selbstverletzungsdrang und Selbsthass und Schuld und Traurigkeit. Sie sagt, dass ich weinen soll. Weinen darf. Dass es toll ist, dass ich zu ihr komme, mir erlaube schwach zu sein und Hilfe annehme. Und sie sagt, dass es auch okay sein darf. Dass ich okay sein darf. Dass ich skillen darf und muss und soll, egal wie laut gerade alles in mir brüllt, dass ich die Anspannung steigen lassen soll bis zur Explosion, bis zur unvermeidbaren Selbstverletzung. 

Ich bekomme viel positive Rückmeldung in den letzten Tagen. Weil es zwar beschissen ist, aber dennoch gut läuft. Weil ich kämpfe gegen unglaublich tief verankerte Glaubenssätze, weil ich kämpfe für mich und für mein Leben. Und ich versuche es anzunehmen, versuche zu verstehen, dass es Menschen gibt, die mich mögen, dass ich okay sein kann und okay sein darf, dass ich mich selbst wertschätzen darf, so viele Dinge, die sich neu anfühlen, ungewohnt, irgendwie falsch aber dennoch richtig und auch gut. 

Ich habe heute morgen begonnen ein weiteres Medikament zu nehmen. Gegen/wegen adhs. Vielleicht macht es einige Dinge in meinem Leben leichter, die vorher einfach noch nebenbei wahnsinnig anstrengend waren. 

Eins habe ich in diesen zehn Wochen hier bisher definitiv gelernt: ich werde nie wieder an bestimmten Punkten ankommen, denn ich gehe einen anderen Weg, einen neuen Weg. Ich habe zu viel gelernt um wieder am Anfang zu stehen. Ich werde vielleicht stolpern, vielleicht hinfallen, vielleicht auch mal eine Weile liegen bleiben, aber es wird nie wieder so sein wie es mal war. Und es fühlt sich verdammt richtig an. 

Dorthin zurückzugehen, wo man begonnen hat, ist nicht das Gleiche, wie nie zu gehen. 

Coming back to where you started is not the same as never leaving.
~Terry Pratchett – A hat full of sky

Vielleicht sieht man gleich schon das Meer

Heute habe ich etwas getan, was ich wirklich schon lange Zeit nicht mehr gemacht habe. Ich bin einfach in den Supermarkt marschiert, schnurstracks in die Drogerieabteilung, ab zur Kasse und zurück in die Klinik. Und dort dann zielstrebig über den Flur und direkt ins Bad. 

Tja. Und dann saß ich da eben, mit der Klinge in der Hand. Setzte sie auf meine Haut… Und heulte los. 

Kurz danach sitze ich vorm Pflegestützpunkt und warte auf die Schwester. Ihr drücke ich die Klingen in die Hand und wir überlegen, was mir helfen könnte. Schon mittags hat sie mir ein Peeling gemixt mit Lavendelduft, nachdem sie nicht gefragt hatte, welchen Duft ich gerne mag. Also verziehe ich mich nach einem kurzen Heulausbruch im Zimmer unter die Dusche, dusche abwechselnd heiß und kalt und bearbeite meine Arme, die förmlich nach neuen Schnitten schreien, einfach mit Peeling. Und danach ist es tatsächlich ein wenig besser. Wir reden noch viel über den Abend verteilt. Ich mag sie und ihre Art wirklich gerne und die Dinge, die sie mir sagt, tun mir auch wirklich gut und helfen mir weiter. Ich bin froh, dass sie meine Bezugspflege vertreten hat, denn ich kann mit ihr wirklich offen und ehrlich reden über die Dinge, die in mir los sind. 

Wir reden auch über das ätzende Thema Suizidalität und Notausgang schließen. Sie versteht, dass es mir Angst macht, sagt aber auch nochmal, wie sehr dieses Offenhalten mich hindert. Denn es ist wirklich so, ich habe ständig eine Hand am Türgriff, will diesen Weg nicht schließen aber kann so auch nicht weit weg von dieser Tür. Es ist immer im Hinterkopf, wenn ich mich auf neue Dinge einlasse, wenn Unbekanntes vor mir liegt. „Und vielleicht können Sie irgendwann ja nicht nur die Steine auf dem neuen Weg sehen. Sondern auch Margeriten. Und Gänseblümchen.“ Ich muss lächeln. 

Auch im Einzel am Freitag war der Notausgang Thema. Und ich fange an zu weinen. Die Psychologin fragt was los ist. Und da ist einfach ganz viel Angst. Angst, dass ich noch etwas loslassen muss. „Ich bin doch schon dabei die Selbstverletzung loszulassen.“ sagte ich dort und auch heute nochmal. „Suizidalität hat Vorrang vor Selbstverletzung.“sagte Frau S. vorhin. Und dass ich das doch auch für mich nochmal überdenken soll. Und sie hat Recht und vielleicht macht es weniger Angst, dass alles so zu sehen. Dass ich die Suizidalität loslasse uns gleichzeitig versuche mit Situationen anders umzugehen. Denn ich kann wohl besser damit leben zu sagen, dass es möglich ist, dass ich mich nochmal verletze als mit der Option nochmal einen Suizidversuch hinzulegen. „Hinfallen ist keine Schande. Aber es geht darum wieder aufzustehen. Nicht liegenzubleiben und noch Purzelbäume rückwärts zu schlagen auf den alten Weg.“ sagt Frau S. und hat wieder mal so verdammt Recht. 

Die Psychologin lobt mich viel. Dafür, dass ich das Thema Gefühle durchgezogen habe, dass ich mich sogar mit Selbstwert auseinander gesetzt habe, dass ich in der Skillsgruppe nicht einfach aufgestanden und gegangen bin, obwohl sie gemerkt hat, wie schwer mir das fiel. Sie meint, dass ich die Notausgangstüre schon um so viel weiter zu habe als noch am Anfang. Dass wirklich nur noch das letzte bisschen fehlt um sie ins Schloss fallen zu lassen. Es ist tatsächlich so und wenn sie aus dem Urlaub zurück ist, werden wir schauen, was mir noch helfen kann auf den letzten Millimetern. 

Und ich sage ihr, dass ich eigentlich die Nase voll habe von Selbstwert und all dem. Aber das doofe ist einfach, dass ich aus der Sache nicht mehr raus komme. Der neue Weg ist noch zu ungewohnt, um ihn als okay und angenehm zu empfinden, der alte Weg ist aber quasi schon verlassen. Und egal wie ich handel und was ich tue, es ist eben der neue Weg und damit automatisch etwas Gutes für mich. „Seien Sie ein wenig netter zu sich selbst.“ wünscht sie mir für mein Wochenende. 

Und obwohl es gerade schwer ist und obwohl ich richtig viel tun muss, damit es gerade nicht dysfunktional wird, schaffe ich es irgendwie. Ich habe es geschafft mich nicht zu verletzen und sitze halbwegs okay auf dem Sofa. Ich atme und atme und versuche mein Bestes und versuche mich und meine Entscheidung für den neuen Weg einfach okay zu finden. 

So lange der Weg sich auch anfühlt
So steil dieser Aufstieg auch ist
Ich bin mir sich er beginnt immer mit dem ersten Schritt

“Wo die Angst ist, da geht es lang.”

Ich sitze bei meinem Einzel und wir überlegen, an was man noch arbeiten müsste und könnte. Ich kann besser mit Anspannungszustände umgehen und habe nun einige Skills an der Hand, um es besser auszuhalten. Ich kann mit einigen Gefühlen besser umgehen, lasse Gefühle zu und kann auch für mich klar kriegen, ob sie nun angemessen sind oder nicht. Ich schaffe es auch immer besser meine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihnen entsprechend zu handeln. Probleme macht das alles allerdings immernoch, wenn es um meine Glaubenssätze geht. Wenn ich mich als falsch empfinde, denke, dass ich das Problem bin, dass ich Schuld an etwas habe, dass es mir nicht gut gehen darf. Also wird das nochmal Thema werden. Und damit verbunden auch das Thema Selbstwert. 

Und das auch schon enorm auf die Probe gestellt. Nach dem Essen am Montag baten mich vier Mitpatientinnen, dass ich doch noch kurz dableiben soll. In meinem Kopf ging natürlich direkt wieder das Chaos los. Was habe ich angestellt, was ist nur los? Und dann bekam ich ein Päckchen in die Hand gedrückt. Drinnen war ein Einhornkissen. 

„Weil du bist wie du bist.“ bekomme ich als Antwort auf meine Frage, womit ich das denn verdient habe. Und ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll dazu, ich kann nur noch quietschen und mich freuen. 

Dienstag war der Selbstwert dann auch Thema in der Skillsgruppe. Jeder schrieb seinen Namen auf einen Zettel und dieser Zettel wanderte dann einmal durch die Runde und jeder schrieb etwas positives zu der Person. Und am Ende kam da ein Zettel an mir lieben Dingen von 3 Mitpatienten, meiner Therapeutin und meiner Bezugspflegerin. Das überfordert mich dann endgültig und es kippt. Ich sitze mit einem solchen Selbstverletzungsdruck den Rest des Abends im Aufenthaltsraum, ist will mich vor lauter Selbsthass nur noch zerschneiden. Doch ich habe es überstanden und mittlerweile ist es nicht mehr ganz so schlimm. 

Heute in der Bezugspflege war es dann wieder Thema. Und ich bekam so viel Lob und positive Rückmeldung, dass ich irgendwann „Stop!“ sagen musste, weil es mir echt zu viel wurde. Aber ich konnte es teilweise tatsächlich annehmen und es tat gut zu wissen, was die Personalseite und besonders meine Bezugspflegerin so über mich denkt.  

In der nächsten Woche habe ich Vertretung der Einzel bei meiner Ärztin. Die Psychologin ist weg und wir werden in der Woche wohl in Richtung Stufe 3 planen. In Richtung Zukunft. Es macht Angst, aber nicht mehr so sehr wie noch vor ein paar Wochen. Auch wenn ich wahnsinnige Angst vor der Entlassung hier habe, so ist da doch Zuversicht und Mut. Und in Stufe 3 wird es um die Dinge gehen, die mir helfen können, dass es daheim auch gut klappt. 

Ich bin seit 9 Wochen hier. Die Zeit vergeht wahnsinnig schnell und manchmal trotzdem quälend langsam. Ich versuche mir viel Zeit für mich zu nehmen. Zeit, in der ich nicht mindestens 3 Dinge gleichzeitig tue, um meinen Kopf zu beschäftigen und Ruhe zu haben. Achtsamer sein. Mal nur eine Sache tun. Es fällt mir oftmals immer noch schwer, aber es klappt immer besser. Einfach nur in der Wanne liegen und lesen. Einfach mal vor dem Fernseher hängen und sonst nichts tun. Einfach mal im Zimmer sitzen und Musik hören. Es sind die kleinen Dinge, die mir momentan Halt geben und gut tun, die mir zeigen, wie viel sich verändert hat in den letzten Wochen.

“Wo die Angst ist, da geht es lang.” Das habe ich nun schon öfter gehört in der letzten Zeit. Dass genau die Dinge, die sich total falsch und merkwürdig anfühlen, manchmal eben genau der richtige Weg sind. Und ich glaube genau dahin will ich. Dorthin wo die Angst ist. Und darüber hinaus. 

Wochenende 

Ich bin wieder in der Klinik angekommen und liege im Bett. Es war ein schönes Wochenende, auch wenn es etwas turbulent war gestern. 

Ich fuhr nicht alleine los, sondern mit F. gemeinsam zu mir. In der Hauptstadt angekommen gingen wir erst mal shoppen, bevor Mama und aufgabelte und wir irgendwann endlich bei mir zuhause waren. Als ich meine Möhrenschweine zum Krallenschneiden aus ihrem Zuhause holte, stellte ich fest, dass Flöckchens Vorderpfötchen größer waren als normal. Um einiges größer. Nach viel Blut (und auch Eiter) war dann klar, dass ich die kleine Fellnase wohl zum Tierarzt bringen muss, denn sie hat beide Füßchen entzündet. Und samstags am Nachmittag einen Tierarzt brauchen endet in der Tierklinik. Also auf dorthin, zum Glück hab ich tolle Freunde, die mich dann auch bei sowas unterstützen und mich fahren. Bibi sammelte uns ein und ab ging es, nach ewigem Warten und Untersuchung und ’ner Menge Geld waren wir dann irgendwann auch endlich wieder zuhause. Ich fühle mich gar nicht gut bei dem Gedanken, dass mein Schweinchen nun Medikamente und Fürsorge braucht und ich nicht da bin. Ich bin mir zwar sicher, dass N. das ganze gut machen wird, trotzdem wäre ich lieber da und würde die Quietschnase versorgen. *seufz*

Der heutige Tag war dann relativ ruhig. Viel gammeln und Kater kraulen und Shisha rauchen. Das tat unglaublich gut und war auch echt nötig. 

Und nun bin ich eben wieder hier. Teilweise froh und teilweise traurig. Meine Tiere fehlen mir enorm, es fehlt mir selbst zu kochen und in der Nähe meiner Freunde zu sein, ich vermisse es auch mal alleine zu sein (denn die Möglichkeit hat man hier ja kaum…). Trotzdem bin ich froh, dass ich noch ein paar Wochen hier habe um weiter zu kommen und an mir zu arbeiten. 

ich kann’s nicht sehen, kann’s nur fühlen

Freitag . Quasi Wochenende, zumindest hier in der Klinik. Freitags steht meist wenig auf dem Plan, mein Psychologen-Einzel ist normalerweise mittags, fand aber schon gestern statt, weil sie heute frei hat. Also bin ich heute morgen nur kurz aus dem Bett gepurzelt um zu rauchen, zu frühstücken und Medis zu nehmen und dann noch mal unter den Decken verschwunden bis zu meinem Termin mit der Sozialarbeiterin. Dort hat sie über meinen Widerspruch für die Rentenversicherung drüber gelesen, einen Satz mit mir zuende geschrieben, bei dem mir keine Formulierung einfiel, ein Wort geändert und das ganze ausgedruckt. Ich habe unterschrieben und den Brief direkt eingetütet und weggeschickt. Fürs erste ist das also mal erledigt. 

Danach war ich kurz einkaufen und habe bis zum Essen gepuzzlet. Bis um 3 Uhr kann ich mich jetzt nochmal im Bett vergraben. Körperlich fühle ich mich unfit. Ich glaube eine Erkältung ist im Anmarsch, mein Kopf schmerzt, mein Hals kratzt, meine Nase läuft. Das trägt dazu bei, dass die letzten Tage anstrengender waren. Aber dennoch okay. Es tut gut einfach mal mehrere Tage ohne Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck durch die Gegend zu laufen, gut zu schlafen und nicht ständig unter hoher Anspannung zu stehen. Auch wenn ich Angst habe vor dem Zeitpunkt, an dem es wieder kippt. Ich habe Angst wieder abzustürzen. Wieder jede Minute kämpfen zu müssen. Angst vor den allmächtig erscheinenden Suizidgedanken, vor dem Selbstverletzungsdruck. Trotz allem versuche ich es zu genießen, versuche nicht daran zu denken. Die Angst lähmt mich nur, führt dazu, dass es noch viel früher dazu kommt als eh schon. 

Angst ist sowieso ein großes Thema. Ich habe Angst vor der Entlassung. Angst vor der Zukunft. Angst vor all diesen unbekannten Dingen, die vor mir liegen. Und auch Angst vor den Dingen, die in mir sind, vor den Dingen, die sich momentan in mir ändern, vor den Dingen, die sich noch ändern werden. Aber neben der Angst ist mittlerweile auch ein wenig Mut da. Mut und Hoffnung und Zuversicht. Und Neugier und Abenteuerlust. Es wird werden. Ganz bestimmt. 

Es gibt ’nen Weg hier raus,
doch der ist steinig und lang
und gesäumt von Geschichten
und dem altbekannten Zwang,
sich das Schweigen zu erklären
und die Blicke und die Fragen
die den Kopf nicht ruhen lassen,
an schier endlos langen Tagen.

Wenn du das hier schaffst, erzähl mir: wo es hinführt, wie es war.

Es fühlt sich schon ein wenig merkwürdig an, wenn etwas, das man sein ganzes Leben lang schon mit sich rum trägt, plötzlich einen Namen bekommt. Oder sogar eine Krankheit ist. Aber anders als die BPS-Diagnose haut mich die Diagnose ADHS nicht total um. Zum einen mag es wohl an den 8 Jahren liegen, die seitdem vergangen sind. Als ich mit 19 zur Borderline-Diagnostik ging war zwar klar, dass ich höchstwahrscheinlich die Kriterien erfülle, aber es war eben dann doch ein Schock. Ich habe mich gefragt wer ich eigentlich bin, fühlte mich in den Grundfesten meines Ichs zerrüttelt. Es war für mich damals gleichbedeutend mit „keine Persönlichkeit haben“. Vielleicht auch, weil ich damals gar nicht wusste wer ich bin, wer ich sein will, wohin ich mit mir und meinem Leben soll. Nun weiß ich, dass einige meiner Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken eben beeinflusst werden von ADHS. Nur weil das ganze nun einen Namen hat ändert sich nichts, denn ich bin so seit ich eben bin. 

Seit ich denken kann bin ich ein chaotischer Mensch. Ich hatte selten ein aufgeräumtes Zimmer, schon in der Grundschule kaum Struktur in meinem Kram, konnte mich für manche Sachen stundenlang begeistern und fand anderes unglaublich langweilig, ertrug langes Stillsitzen fast gar nicht und konnte meinem eigenen Denken oft nicht folgen. 

Heute ist es ein wenig anders. Warten finde ich immer noch furchtbar, lange Zug- oder Autofahrten überstehe ich meistens nur mit viel lesen oder schlafen. Dinge, die mich nicht interessieren, über die ich aber informiert sein sollte, haue ich mir trotz allem in den Kopf. Doch ich kann immer noch völlig in einer Sache verschwinden und die Welt um mich vergessen. Genauso wie ich Termine, Dinge oder Tätigkeiten vergesse. Eine gewisse Ordnung habe ich mir angewöhnt, vor allem eben in Unterlagen, da ich sonst nichts mehr finde. Ich springe im Kino oder im Wartezimmer nicht auf und renne rum, weil mein Kopf weiß, dass man das nicht tut. Ich suche meinen Schlüssel instinktiv im Kühlschrank, weil er da oft liegt. Bevor ich das Haus verlasse gehe ich meine übliche Checkliste im Kopf durch. Schlüssel, Handy, Fahrkarte, Geldbeutel? Ich vergesse Anträge rechtzeitig zu stellen und manchmal auch, dass ich gerade auf dem Weg zum Klo war, ich stelle beim Bettmachen fest, dass meine Wohnung geputzt werden muss und dabei dann, dass die Schublade klemmt und habe nachher höchstwahrscheinlich die gesamten Schubladen in der Wohnung repariert, aber weder das Bett gemacht, noch geputzt. 

Ich habe gelernt, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt von Borderline und ADHS. Probleme in der Affektregulation und Impulskontrolle, Aufmerksamkeitsprobleme, Anspannungszustände. Typisch für ADHS ist dann die Hyperaktivität, die bei mir eher in innerlicher Unruhe zum Vorschein kommt (schließlich macht man sowas ja nicht!) oder das Chaos. Typisch für die BPS sind dann hingegen wieder die Selbstverletzung und die Suizidalität. 

Nachdem die Diagnostik abgeschlossen war, kamen wir zu dem „Und was machen wir nun damit?“. Klar ist, dass man manche Dinge nun differenzierter betrachten kann. Anspannung zum Beispiel. Typisch für Borderline ist ja meistens, dass die Anspannung, wenn sie denn mal oben ist, auch nur langsam wieder abfällt und sich da oben gerne potenziert, wenn noch irgendetwas dazu kommt. Typisch ADHS ist dann eher, dass die Anspannung relativ schnell wieder abfällt, weil man schon wieder in einer ganz anderen Situation oder Tätigkeiten steckt. 

Die Tage hier vergehen. Die letzte Woche war gut. Gestern Abend saß ich tatsächlich da und musste überlegen, ob ich Suizidgedanken hatte. Und da waren tatsächlich keine. Seit Ewigkeiten ein Tag, an dem es nicht im Kopf war. An dem dieser Notausgang nicht zumindest ein klein wenig offen stand. Ein merkwürdiges und ungewohntes Gefühl. Aber doch auch einfach mal schön. 

Draußen wird es Herbst. Die Blätter fallen, silberne Spinnenfäden ziehen sich durch die Luft. Es war ein schöner Tag gestern.  Ein guter Tag um zu genießen, Dinge zu tun, die einem gut tun. Ein Tag Erholung mitten im Therapiealltag. Mit der Vertretung meiner Bezugspflege war ich im botanischen Garten Runden drehen während dem Gespräch über alles mögliche, über Glaubenssätze und Veränderung und neue Wege und Kränkung und Wut und Selbsthass. Ich bekomme die Rückmeldung, dass ich es gut mache, dass ich viel mache, dass ich an mir arbeite. Ich kann gar nicht glauben, dass ich in 6 Wochen schon wieder meine Koffer packen werde und heimfahre. Und doch bin ich zuversichtlich, dass ich in den Wochen noch einiges lernen werde, bin zuversichtlicher, wenn ich an die Zukunft denke. Ich spiele mit dem Gedanken zu studieren, mir diese Zeit zu nehmen zwischen krank sein und Arbeitsleben. Zeit um auch an mir zu arbeiten und Dinge zu bearbeiten. Und meinen Traum von einem Studium zu verwirklichen, meinen Traum vom arbeiten im sozialen Bereich, mit mehr Möglichkeiten als ich sie derzeit mit meiner Ausbildung habe. Davor steht ein Berg an Planung und Überlegungen, ich muss mich informieren ob mir elternunabhängiges Bafög zusteht. Denn sonst macht es keinen Sinn, von meinem Vater bekomme ich eh kein Geld. Aber es ist eine Perspektive, die momentan immer wahrscheinlicher wird und ich werde mich im Januar dann wohl mal informieren. 

Viel positives. Derzeit ist es größtenteils auch einfach positiv und es tut gut. „Versuchen Sie es einfach zu genießen und nicht daran zu denken, dass es wieder anders werden könnte.“ sagte die Schwester gestern zu mir. Und genau das versuche ich. 

Und das ist ernst gemeint: Es geht bis zum Ende weiter.
Keinen kümmert’s was, aber es hält was es verspricht.

Ein „was immer hier passiert, macht endlich Sinn“

Meine letzte Woche war anstrengend. Für dieses Wochenende habe ich mir vorgenommen mal montags in der Visite nicht mit den Worten „Ich habe gehört Sie hatten ein anstrengendes Wochenende.“ von meiner Therapeutin begrüßt zu werden. 

Bisher klappt das auch gut. Ich versuche mir viel Gutes zu tun, auf meine eigenen Bedürfnisse zu achten (und sie auch ernst zu nehmen) und eine Menge zu schlafen. 

Ich merke jeden Abend, dass das hier kein Spaziergang ist. Dass die Therapie Dinge in mir bewegt, die anstrengend sind und manchmal auch zu dunkel für mich. Jeden Abend bin ich froh, wenn ich in mein Bett kippen kann, wenn der Tag und die Therapien vorbei sind. Besonders die Einzel sind anstrengend. Sowohl mit der Therapeutin, als auch mit der Bezugspflege. Oder die Oberarztvisiten. Oder oder oder. Es ist viel, es ist anstrengend. Aber es ist gut und allein das zählt. Ich komme weiter, habe das Gefühl an Punkten zu arbeiten an denen ich wirklich was ändern kann. Ich beginne mich und mein Verhalten zu verstehen, Gefühle wahrzunehmen wenn ich sonst dachte, dass da keine sind. Ich schreibe Verhaltensanalysen und Gefühlsprotokolle und sehe die Zusammenhänge zwischen Ereignissen und meiner Anspannung, zwischen meinen Gedanken und der Suizidalität, zwischen Gefühlen und Glaubenssätzen. Ich bin froh, dass ich hier bin, dass ich die DBT mache, dass ich hier unterstützt und ernstgenommen werde. Ich fühle mich am richtigen Platz und beim Gedanken, dass die Hälfte der Therapie nun schon vorbei ist, wird mir ein wenig übel. Aber zum ersten Mal seit langem kann ich wieder ein wenig optimistisch in die Zukunft blicken. 

Was, wenn mir die Worte fehl’n
Wenn ich doch nur erklären will
Dass alles gut ist, nah und richtig
Wichtig, selig, endlich still
Es scheint als wär’s tatsächlich so
Das, was Dir am nächsten ist, 
Ist furchtbar schwer zu formulieren
Weil’s hunderttausend Seiten misst

dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Gestern stürzte das so labile Konstrukt meiner Selbst einfach in sich zusammen. Schon seit nun einem ganzen Haufen von Tagen kämpfe ich, atme, kämpfe, halte aus, skille, atme, kämpfe, skille. Ich bin nicht mehr sicher, woher ich eigentlich die Kraft dafür nehme. 

Gestern dann brach einfach alles zusammen. Die Schwester reichte mir das Tablett bei der Essensausgabe mit den Worten „Da haben Sie immerhin schonmal Ihr Essen, dann können Sie nicht mehr so viel reden.“ Ich stand einfach nur da, perplex, getroffen, kurz vorm Tablett-trifft-Schwester. Ich habe versucht mich zusammen zu reißen, nicht zu eskalieren. „Danke, nun habe ich Anspannung.“ erwiderte ich. Was dann kam war für mich so unerwartet und heftig, dass ich immer noch nicht weiß wie ich es geschafft habe ohne jemanden zu töten. „Die hatten Sie ja vorher eh schon.“ 

Bämm. 

Ich bin gegangen. Raus, schnurstracks, bevor ich eskaliere, im Impuls darauf etwas sage, handgreiflich werde. Ich konnte nur noch daran denken mich zu verletzen. Tief. Viel. 

Zum Glück kam eine Mitpatientin mir nach. Wir setzten uns auf eine Bank, redeten, schwiegen. Ich versuchte mich soweit zu beruhigen, dass ich nochmal auf die Station gehen und skillen konnte, ohne dass ich ausflippe. Habe das dann getan. Ging raus, einfach raus und bewegen, telefonierte mit der kleinen Hexe, rauchte, atmete. 

Wieder auf Station vergrub ich mich erstmal im Klo, weil ich sonst nirgends in Ruhe heulen konnte. Die Schwester kam, klopfte, meinte, dass ich gerne kommen kann wenn ich soweit bin. 

Ich krabbelte einfach erst mal ins Bett. Decke über den Kopf. Bis sie neben mir stand, mit mir redete, mich bat mit ins Stationszimmer zu kommen. 

Sie entschuldigte sich. Ich sagte ihr, dass sie genau die Punkte getroffen hat, die so tief sitzen in mir, genau die Sätze sagte, die ich immer zu hören bekam, die Gefühle auslöste, die meine ganze Kindheit und Jugend bestimmten. 

Sei ruhig. Du bist nicht wichtig. Du darfst nicht reden, nichts sagen. Wie es dir geht ist egal. Sei unsichtbar. Fall nicht auf. Schweige. Wenn es dir schlecht geht, dann ist es dein Problem. Deine Schuld. Du bist falsch, nicht die anderen. 

Und nun muss ich damit klar kommen. Ich saß gestern da und heulte und sie verstand relativ schnell, dass ich ihre Entschuldigung nicht annehmen kann. Und dass ich mich nur noch verletzen will. Verletzen und sterben. Verschwinden. Mich auflösen. Daraufhin rief sie den AvD. Mehr als eine Stunde lang durfte ich auf ihn warten. In der Zeit nicht von Station. Warten und sitzen und sitzen und warten. Der Therapievertrag steht, daran bestand für mich kein Zweifel. Heute morgen kam dann der nächste AvD, abklären wie es gerade ist, ob ich wieder halbwegs okay bin. Naja. Die Suizidalität ist nicht mehr bei 5, aber eine 4 ist nicht besser. Ich mag verschwinden und nicht mehr existieren. Ich kämpfe unglaublich mit den alten Gedanken und Gefühlen in mir. Da ist sehr viel Selbsthass. Das Gefühl keine Unterstützung verdient zu haben. Die Gedanken, dass es mir nicht besser gehen darf. Wozu denn auch? Ich bin doch egal. Und ich fühle mich wie innerlich blockiert. Ich schaffe es nicht mehr hinzugehen und zu sagen, dass es scheiße ist. Es war schon vorher schwer, aber nun funktioniert es irgendwie gar nicht mehr und ich komme nicht dagegen an. Ich schaffe es einfach nicht. Denn wozu auch? Ich bin doch egal. 

Wohin gehen Gedanken, wenn man sie verliert?
Wie klingt ein Lied, wenn es niemand hört?
Muss man für alles irgendwann bezahlen?
Muss bei jedem Sieg auch immer ein Verlierer sein?