abends 

Es ist Abend und ich stürze ab. Wie so oft. Schon im Abendkontakt habe ich es gesagt, schon da hatte ich im Gefühl, dass da heute nicht gut geht. Warum genau es so ist weiß ich immer noch nicht. Ich habe versucht etwas dagegen zu tun. Ich habe mit der kleinen Hexe telefoniert, kurz noch mit meiner Schwester, ich habe eine Katze geflauscht und trotz allem kippt es. 

Ich bin es nicht wert, dass es mir gut geht. 

Ich stelle mich doch nur an. Ich muss mich doch nur zusammen reißen. Schließlich habe ich schon so lange nicht mehr geschnitten. Also kann es mir ja nicht schlecht gehen. 

Ohne Wunden darf es mir nicht schlecht gehen. Ich habe kein Recht hier zu sein. 

Und während ich so drüber nachdenke kommt mir in den Sinn, dass es eigentlich immer so war. Die Abende sind schlecht. Da kommt er von der Arbeit, da darf ich nicht mehr sein, da darf ich keine eigenständige Person mehr sein mit Gefühlen und Gedanken und einer eigenen Meinung. Vielleicht hat es damit zu tun. Es darf keinen guten Tag geben, kein gutes Ende. So viele Jahre. 

Ich denke an Schwester Nathalies Zettel. Der Tag war gut und bleibt auch gut. Auch ein Stück Selbstwert. Ich bin mir selbst genug wert um einen guten Tag zu haben, um nicht abzustürzen, um einfach okay zu sein. Schweres Thema. Sehr. 

Ich nehme ein wenig Anspannung raus, indem ich meinen Arm mit dem Gummiband quäle. Mir Finalgon drauf schmiere. Mir immer und immer wieder sage, dass es gut sein darf. Dass es okay ist. Ich okay bin. Einfach einatme und ausatme und aushalte und schreibe. 

Ich habe mit der Krankenpflegerin, die gerade noch Dienst hat, ein wenig geredet. Über die Gedanken im Kopf und alten Kram, der da mitschwingt, über Gefühle und übers Bloggen. Das tat gut und hat mich abgelenkt. Ich habe meine Medis schon genommen, werde bald wohl auch endgültig ins Bett krabbeln. 

Morgen Abend wollen wir „Bordis“ zusammen weg gehen. Ein wenig raus kommen, was trinken (leider ja ohne Alkohol…), zusammen sitzen, quatschen. Ich versuche daran zu denken, versuche an mein Wochenende daheim und meinen Kater zu denken, freue mich darauf, dass meine Schwester mich besuchen kommen will. Positives sehen, an die schönen und lebenswerten Dinge denken. 

Der Tag war gut und bleibt auch gut. Schritt für Schritt, Tag für Tag, Skill für Skill. 

5

Ich stehe in der Türe zum Pflegestützpunkt. „Ich bräuchte Sie mal eben…“ sage ich zum Pfleger und verschwinde mit ihm im Nebenraum. Es fällt mir schwer die Worte auszusprechen, es fällt mir schwer zu sagen, was los ist. 

„Ich habe Suizidgedanken. Ziemlich heftige Suizidgedanken.“ Dann folgt das Prozedere, dass eben bei einer 5 im Bezug auf Suizidgedanken folgt. Ich muss auf Station bleiben, bis die Ärztin kommt, die der Pfleger direkt angerufen hat. Natürlich hat er sich vorher versichert, dass er die Türe nicht Absperren muss, dass ich nicht einfach abhaue. Und dass ich nichts anstelle in der Zeit. 

Die Ärztin kommt und ich sitze wieder im Nebenraum mit ihr und dem Pfleger. Es wird geklärt, ob der Therapievertrag noch steht. Ob ich versichern kann, dass ich noch in der Lage bin nichts anzustellen. Ich nicke. „Ja. Der Therapievertrag steht.“

Die  Ärztin drückt mir trotzdem begleiteten Ausgang aufs Auge, meine nächste Zigarette rauche ich also in Pfleger-Begleitung. Davor hab ich noch eine Dipi genommen und beim Hochgehen merke ich schon, dass die Wirkung einsetzt. Auf der Station kippe ich dann ins Bett und bin erstmal weg. Wach werde ich, als die Oberärztin neben meinem Bett steht und meinen Namen sagt. Ich versuche die Augen offen zu halten und folge ihr, dann sitze ich wieder auf einem Stuhl. Mit Ärztin, Oberärztin und Pfleger. Die Oberärztin möchte, dass ich eine VA schreibe. 

Das tue ich dann auch. Und verbringe den Rest des gestrigen Tages damit mich irgendwie wach zu halten, die Augen nicht zufallen zu lassen. 

Heute ist es deutlich besser. Ich habe eigentlich kaum Anspannung, fühle mich zwar noch ziemlich matschig wegen der Dipi, aber es geht mir gut. Bis zum Einzel. Die gestrigen Suizidgedanken sind Thema, die Psychologin will zusammen mit der Oberärztin und meiner Bezugspflegerin ein Gespräch führen. Prima. Die Anspannung schießt hoch, ich mag mich verstecken vor der Welt und allem. Trotzdem schaffe ich es zur Ruhe zu kommen, ein wenig zu schlafen. Und nun sitze ich nervös auf dem Flur rum. Warte, dass wir das Gespräch beginnen. Eigentlich hätte es vor 8 Minuten schon anfangen sollen. Ich bin angespannt, unglaublich. Ich mag mich verkriechen. Verstecken. Weglaufen. 

Unfair

Unfair. 

Dieses Wort habe ich nun schon oft gehört seit ich hier bin. Und ich denke es mir auch oft. 

Unfair. 

Es ist einfach unfair. Ich muss mit etwas leben, an dem ich eigentlich keine Schuld trage. Eigentlich? Nein. Ich muss mit etwas leben, an dem ich keine Schuld trage. Eine Mischung aus biologischen und exogene Faktoren hat dazu beigetragen, dass ich bin wie ich bin. Das ich leben muss mit Borderline. Leben kann trotz Borderline. Vielleicht irgendwann auch ein ‚Leben kann mit Borderline‘. 

Ja, es ist unfair. Das sagt die Ärztin, die Oberärztin, das Pflegeteam, meine Therapeutin zuhause, meine Mitpatienten. Das sage ich. Das fühle ich. 

Ich lerne hier gerade was nötig ist, damit ich ohne dysfunktionales Verhalten auskommen kann. 

Jeden Tag darauf achten, dass ich genügend esse, trinke, schlafe. Etwas gegen Kopfschmerzen und sonstigen körperlichen Kram tun. Mir genug Zeit für mich nehmen. Alkohol, Drogen, Medikamente meiden. Meine Vulnerabilitätsfaktoren also verringern. 

Immer wieder in mich rein hören. Wo ist meine Anspannung? Ist es noch okay? Ist sie noch in einem Bereich, mit dem ich umgehen kann? Muss ich schon etwas tun? Und wo ist die Anspannung nun? Muss ich nun etwas tun? 

Handeln. Rechtzeitig. Mich rechtzeitig aus der Anspannung ziehen, skillen und skillen und skillen, bis ich wieder klar komme mit mir und meinem Kopf und meinen Gefühlen. 

Planen. Was kommt heute, dass mich umhauen könnte? Was kann ich dagegen tun? Bestenfalls alle möglichen Szenarien inklusive Handlungsmöglichkeiten im Kopf durchspielen. 

Und dann nebenbei eben noch aushalten, damit rechnen, dass plötzlich irgendwas passiert, dass ich plötzlich in Hochspannung gerate durch eine Situation und dann schauen muss, wie ich konstruktiv bleiben kann. 

Es ist ein Kampf. Es ist ein ständiges achtsam-sein-müssen. Manchmal fühlt es sich so an, als ob dauernd ein kleines Kind dabei ist, auf das ich achtgeben muss, weil es die Welt und ihre Gefahren nicht kennt. Und im Prinzip ist es auch so. Ich muss für mich selbst sorgen und auf mich aufpassen, damit ich nicht in Situationen und Bereiche komme, in denen ich nicht mehr auf mich aufpassen kann. 

Und das ganze so nebenbei. Denn die normalen Dinge des Lebens müssen ja auch noch funktionieren. 

Es ist unfair. 

Aber ich kann mich entscheiden, ob ich es unfair finde und dabei belasse, oder ob ich trotz dieser Unfairness etwas tue um damit leben zu können. 

Trotz Borderline. 

Mit Borderline. 

Yes, I’m on way

Da sind seine Hände. Sein Geruch. Und plötzlich ein unglaublicher Schmerz in mir. Ich schreie. 

Kurz darauf der stechende Geruch von Ammoniak in meiner Nase. Meine Fingernägel, die sich in den Handrücken der anderen Hand graben. Meine Bettdecke. Sonnenstrahlen. Die Schwester, die Mittagsschicht hat. Mein Zimmer auf der Station. Das Jahr 2016. 

Ich brauche lange um wieder in der Realität anzukommen und die Bilder abzuschütteln. Ich brauche erstmal eine Weile um zu stehen und eine Tasse Wasser, die Säure im CenterShock, die mich im Körper bleiben lässt, 20 Minuten draußen mit lauter Musik auf den Ohren und eine ganze Weile unter der Dusche um die letzten Fetzen abzuschütteln. Dann sinke ich bei der Schwester auf den Stuhl und fühle mich erst mal erledigt. „Können Sie auf sich stolz sein?“ fragt sie mich. „Manchmal.“ sage ich und schaue sie an. „Seien Sie es jetzt!“ antwortet sie lächelnd. 

Und ja. Ich sitze draußen auf der Bank in der Sonne, mit nassen Haaren unter der Kapuze und Zigarette in den Finger und lächle, denn ich bin doch ein wenig stolz auf mich, dass ich mir nicht das nächstgreifbare halbwegs scharfe Ding in den Arm gerammt habe. Ich telefoniere mit meinem Katerkind, der ziemlich verwirrt über meine Stimme ohne meinen Körper ist, dann aber doch miaut und feststellt, dass ich scheinbar im Telefon stecke. 

Kurz drauf warte ich auf mein Einzel bei der Vertretungsärztin. Und warte. Und warte. Und stehe dann so unter Anspannung, denn sie hat die Zeit verpeilt, dass nur noch 15 Minuten bleiben bis zur Gruppe. Also macht das Einzel keinen Sinn mehr und ich rege mich erst mal gründlich auf bei ihr. Meine Anspannung klebt wieder knapp unter der Decke und ich komme nur sehr schwer wieder raus. Ich will mich verletzen, ich will am liebsten alles hinschmeißen und heim fahren. 

Beim Abendkontakt kotze ich mich aus. Über meine kranke Ärztin (die ja nichts fürs krank sein kann) und die Tatsache, dass ich kein Einzel in der Woche hatte bisher. Darüber, dass sich die Stufe zwei nun nochmal um eine Woche verschieben wird. Darüber, dass auch die Körpertherapeutin nicht da ist (wofür sie ja auch nichts kann) und die Körpertherapie ausfällt. Und darüber, dass ich schneiden will, alles hinwerfen, schreien, wüten, irgendwas kaputt machen. 

Im Anschluss verarbeite ich eine Zeitung zu Konfetti, warte drauf, dass die Medis wirken, versuche den Druck auszuhalten. Ich will in den nächsten Supermarkt marschieren und Klingen kaufen. Sofort. Und irgendwann schnappe ich mir meinen Geldbeutel, marschiere in den nächsten Supermarkt und kaufe mir… Eine Tafel Schokolade! Und dann wird es endlich besser und ich verbringe noch eine Weile mit Buch und Schokolade, bevor ich meine Nachtmedis nehme und mich ins Bett kuschel. 

Gestern war also ein anstrengender Tag. Und das merke ich auch abends, denn ich bin total erledigt. 

Auch heute bin ich noch ziemlich Matsch. Es kostet Kraft eine solche Anspannung zu haben und es kostet noch mehr Kraft sie auszuhalten und da auch wieder raus zu kommen. 

Heute morgen schoss die Anspannung dann schlagartig wieder in die Höhe, als ich bei der Medikamenteneinnahne einen Zettel mit einem MRT-Termin in die Hand gedrückt bekommen. Ich. Eine enge Röhre. Eine enge laute Röhre. Niemals! Ich gehe angespannt in die Oberarztvisite und spreche das an. Auch, dass mein letztes MRT noch kein Jahrhundert her ist und ohne Befund war. Und das davor auch. Genau wie das davor. Also muss ich dort nicht hin und bin erstmal unglaublich erleichtert. Die Oberärztin lobt mich, dass es ohne Selbstverletzung geklappt hat, obwohl meine Woche echt schwer war. Es tut gut das zu hören. Und auch im Vertretungseinzel kriege ich gesagt, dass ich mich belohnen soll, stolz auf mich sein soll. Ich muss lächeln, denn wir haben ein paar Minuten vorher noch über Selbstwert gesprochen und welch schweres Thema das ist. 

Heute Abend werde ich mit Mitpatienten in eine Kneipe gehen und das Fußballspiel schauen. Bis 23 Uhr sollen wir zurück sein, ich finde die Ausgangsregelungen hier toll. Wenn solche Dinge anstehen kann man einen verlängerten Ausgang bekommen und so eben eine Stunde länger unterwegs sein. Ich denke, dass es gut tun wird. Raus gehen, den Kopf frei kriegen, beim Fußball mitfiebern als Dortmunfan unter lauter Freiburgern. Das Wochenende werde ich eher ruhig verbringen. Samstags will eine Freundin kommen, am Sonntag setze ich mich mit F. zusammen zum VA-Schreiben und genieße vielleicht einfach das (angekündigte) schöne Wetter und einen Tag Ruhe und Freizeit. 

Es ist ein Kampf aktuell, immer wieder aufs Neue. Mir war klar, dass es nicht leicht werden wird hier. Aber es funktioniert und ich werde toll unterstützt. Auf der diary card gibt es den Punkt „Entscheidung für den neuen Weg“. Und ich bin entschieden ihn zu gehen, definitiv. 

Not the snow, not the rain 
Can change my mind 
The sun will come out, wait and see 
And the feeling of the wind in your face 
Can lift your heart 
Oh there’s nowhere I would rather be

Bäh 

Sonntag 

Gestern morgen dauert es lange bis ich meine Augen öffnen und aus dem Bett krabbeln kann. Ich habe Bedarf genommen und bin einfach nur noch ins Bett gekippt. Schon Donnerstag  war es schwer nach meinem Einzel. Wir haben meine Verhaltensanalyse vom Suizidversuch besprochen und mir steigen die Tränen in die Augen, als die Ärztin meint, dass dieses Gefühl nichts wert zu sein wohl lange Bestandteil meines Lebens war und sich tief in mich gefressen hat. Die Gedanken begleiteten mich bis Freitag, als ich mit einer Mitpatientin draußen sitze und rede kommt es wieder hoch und ich heule erst mal eine Weile bei der Pflege. Nur wenige Stunden später ruft N. mich an und erzählt mir traurig, dass meine Lilly gestorben ist. Also heule ich wieder und beschließe zusammen mit meiner Bezugspflegerin, dass es heute einfach reicht und der Griff zum Bedarf absolut in Ordnung ist. Und nur kurz später kann ich meine Augen einfach nicht mehr aufhalten und verkrieche mich ins Bett. Meine Mitpatienten sind einfach toll. Ich werde in den Arm genommen und getröstet. Die Pflege reagiert verständnisvoll auf meinen Wunsch einfach nur noch im Zimmer zu verschwinden und Ruhe zu haben. 

Gestern war es besser.  Das Gefühl überfordert zu sein mit dem Chaos in mir ist der Traurigkeit gewichen. Und das ist auch okay. Mit Gefühlen, die gerade aufgrund der aktuellen Situation einfach angebracht sind, komme ich doch meistens recht gut klar. 

Irgendwann habe ich mich dann auf den Weg gemacht um Mama am Bahnhof aufzusammeln. Wir hatten einen echt schönen Tag, sind viel rumspaziert, waren Essen und haben Kaffee getrunken und geredet über alles Mögliche. 

Heute bin ich einfach nur müde. Weil gestern ein langer Tag war und weil das Wetter einfach nur zum im Bett bleiben ist. Und genau dorthin werde ich nach dem Essen nochmal für eine Weile verschwinden, mich in meine Decken kuscheln und ein wenig schlafen, nachdem ich heute morgen schon mit meiner Verhaltensanalyse gekämpft habe. Später will ich mich noch in die Badewanne verziehen mit einem Buch, ein wenig entspannen und mir Gutes tun. 

Mittwoch 

Mein Körper streikt. Schon eine Weile habe ich Krankheitsgefühl, gestern ging es noch, heute fühle ich mich nur ausgekotzt. Kraftlos, matt, müde. In den letzten Tagen habe ich viel mit Anspannung und Druck gekämpft. Erfolgreich. Und so kam und ging der Tag an dem ich mich seit einem halben Jahr nicht mehr verletzt habe. Ich habe es erfolgreich geschafft mich nicht zu verletzen sondern zu skillen, durchzuhalten, weiter zu machen. 

Meine Ärztin ist auch krank, deswegen gibt es grade keine Einzeltherapie. Blöd, denn ich will endlich voran kommen und in Stufe 2, damit ich weiter machen kann in der DBT, an den anderen Gruppen auch teilnehmen kann… Ich hoffe einfach, dass sie schnell wieder da ist. Und auch, dass ich bald wieder fitter bin und mich weiter als zwanzig Meter vom Bett entfernen kann. 

Verhaltensanalysen und andere Katastrophen 

Beim Blick auf den Plan für heute stelle ich fest, dass ja schon Mittwoch ist. Also bin ich nun eine Woche hier. Es kommt mir gar nicht so vor. Einerseits habe ich das Gefühl, dass ich gerade erst gestern hier ankam und überfordert auf mein Bett sank, andererseits fühlt es sich so an, als ob ich schon mehrere Wochen hier bin. 

Unsere Borderline-Gruppe hat momentan eine super harmonische Zusammensetzung. Heute kam jemand neues, damit sind wir wieder zu fünft. Ich bin gespannt auf sie und ob die Gruppe so harmonisch bleibt. Auch mit den anderen Patienten auf der Station verstehe ich mich gut. Es gibt niemanden, bei dem ich sagen würde ich kann ihn überhaupt nicht ausstehen. Klar habe ich mit manchen mehr zu tun als mit anderen, aber im Großen und Ganzen fühle ich mich hier wirklich wohl. Das Personal ist einfach nett, mein erstes Pflege-Einzel gestern war total gut und produktiv. Die Therapien machen Spaß und haben auch einen Sinn für mich. Schon alleine aus der einen Stunde Körpertherapie gestern konnte ich vieles mitnehmen. 

Heute morgen habe ich meine „Hausaufgaben“ für das nächste Einzel erledigt. Eine Verhaltensanalyse schreiben vom letzten Suizidversuch. Es ist schon erstaunlich wie schnell man Gefühle und Gedanken, die schon 1 ½ Jahre zurück liegen, plötzlich wieder so intensiv spüren kann. Ich sitze auf dem Bett und schreibe und fühle die Verzweiflung, die Angst, den Schmerz. Ich bin froh, dass ich das erledigt habe. Nun fehlt nur noch die Verhaltensanalyse von der letzten Selbstverletzung. Und an dieser Stelle will ich stolz verkünden, dass ich bereits seit 25 Wochen nicht mehr geschnitten habe! Es fühlt sich so unwirklich an, so unvorstellbar weit weg. Und gleichzeitig denke ich auch daran, dass es sich irgendwie anfühlt, als ob es erst wenige Tage her wäre. Genauso verkorkst wie das Zeitverhältnis im Bezug auf meine Aufenthaltsdauer hier. 

Am Samstag will meine Mama kommen. Einerseits freue ich mich total darauf, andererseits habe ich auch ein wenig Angst. Ich mag mit ihr nicht über die Themen reden, die mich hier her geführt haben. Nicht über Selbstverletzung und meinen Vater und sonstigen Kram. Ich will keine Diskussion führen, dass ich eigentlich gar keine Therapie brauche, dass ich keine großen Probleme habe. Ich hoffe einfach, dass es ein schöner Tag wird, dass wir viel draußen und unterwegs sein können. 

Morgen und übermorgen steht nicht allzu viel auf meinem Plan. Ich hoffe auf ein paar ruhige Stunden, in denen ich vielleicht die Möglichkeit finde zu lesen und mir selbst Gutes zu tun. 

Diary cards und andere Katastrophen 

Gestern begann meine erste „richtige“  Woche und der Tag hatte es auch in sich. Nach Visite und Sport und Mittagessen hatte ich ein Gespräch mit einer Psychologin der einen Studie, an der ich teilnehme. Es geht um die Wirkung von Oxytocin auf Borderliner. Dazu ist im Vorfeld ein ausführliches Diagnostikgespräch angesetzt. Das ganze war okay, bis es an die Fragen zu Traumata ging. Die Anspannung schoss kurz danach so in die Höhe, dass ich mich auf dem Weg zurück zur Station erstmal auf eine Bank setzen musste, mit Zigarette und Gummiband. Nachdem beide Unterarme aussahen wie nach einem Sonnenbrand war es dann halbwegs okay. Und auf der Station erwartete mich ein tolles Paket von N. aus der Heimat. Nun bin ich stolze Besitzerin eines „Isch war’s nidd!“-Shirts, damit hier auch jeder direkt weiß wo ich her komme (und natürlich, dass ich es nicht war – egal was…). Außerdem waren noch ein paar tolle Dinge drin, ich habe mich riesig gefreut und meine Anspannung war dann auch nochmal ein wenig erträglicher. Im Anschluss stand das Einzel mit meiner Ärztin an. Es ging teilweise um Biografie, ein wenig um die bio-soziale Theorie zu Borderline und um die berühmten Anfälligkeitsfaktoren für dysfunktionales Verhalten. Bis zum nächsten Einzel soll ich eine Verhaltensanalyse schreiben (jaaaa! Begeisterung!) zu meinem letzten Suizidversuch. Bäh! 

Das ganze war dann irgendwann zu viel für meinen Kopf und ich bekam Kopfschmerzen und bald darauf begannen alle Zähne gleichzeitig zu schmerzen, ein klares Zeichen für einen Migräneanfall. Also habe ich die meiste restliche Zeit heute in der Horizontalen unter meiner Kuscheldecke verbracht.

Übrigens gibt es hier jeden Abend den sogenannten Abendkontakt, mit insgesamt 4 Blättern taucht man bei der Pflege auf und bespricht anhand dessen den Tag. Diary card, Spannungskurve, Zustandsbarometer (wie ist die Stimmung jeweils morgens, mittags und abends) und Trinkprotokoll (ich habe das Bedürfnis einfach zwischendrin mal Wodka aufzuschreiben…). Also habe ich jetzt schon einen Stapel Blätter und mir dafür vorsorglich am Samstag schon einen Ordner gekauft, bevor ich gar keine Übersicht mehr habe. 

Es ist okay hier zu sein, die meiste Zeit fühlt es sich gut an. Ich habe Zuversicht, dass das ganze mir helfen wird. 

Heute treffe ich D., die ich aus dem Forum kenne. Wir schreiben schon eine ganze Weile miteinander und sie wohnt hier in der Nähe, also kann ich sie endlich mal in live kennen lernen. Ich freu mich schon drauf. Außerdem steht ein Batzen an Kram an, meine erste Körpertherapie zum Beispiel und meine erste Achtsamkeitsgruppe. Und mein erstes Pflege-Einzel mit meiner Bezugspflegerin. 

Ich sitze draußen, winke der Nachtschwester zum Feierabend zu, als sie das Haus verlässt, rauche eine Zigarette und habe das Geräusch der Sprenkler im Ohr, die gerade das viele Grün vorm Eingang benetzen. Es ist ein guter Morgen. Und das sage ich um kurz vor 8, Langschläfer und absoluter Morgenmuffel. Doch hier funktioniert es, ich stehe um kurz nach 7 auf und bin sogar wach. Meist kriege ich ein paar Stunden später ein Müdigkeitstief, das ist aber auch bedingt durch die Medis. 

Übrigens habe ich vor einer Weile meiner ehemaligen Therapeutin geschrieben, dass ich hier bin und sie gerne treffen würde. Ich war ziemlich hibbelig, da wir seit dem Ende der Therapie zwar regelmäßig Mailkontakt hatten, ich mir aber nicht sicher war ob sie einem Treffen zustimmen würde. Doch sie würde mich gerne treffen und ich freue mich so unglaublich, dass ich sie nach 8 Jahren nochmal sehen werde. Schwierig ist nur, dass die Bahn mich auf dem Weg zu ihr auch durch den Ort tragen wird, in dem ich aufgewachsen bin. Ich kann von dort aus sogar das Haus sehen, in dem mein Vater lebt. Ich werde durch den Ort fahren, in dem ich jahrelang zur Schule ging. Aber das ist es mir wert. Die Freude überwiegt im Vergleich zur Angst. 

Und jede Narbe zahlt sich aus, ist in schlechten Tagen Mahnmal und in guter Zeit Applaus.

Der zweite Tag in der Klinik läuft. Ich lebe noch. 

Die Panik gestern war nicht so schlimm wie befürchtet. Vielleicht auch weil ich nicht alleine war. Kurz vor der Klinik hatte ich das Bedürfnis mich einfach umzudrehen und zu gehen. Und plötzlich fand ich mich auf dem Klinikbett sitzend wieder und es ist schon nachmittag. Alles ging viel zu schnell für meinen Kopf und es fällt mir auch heute noch unglaublich schwer meine Gedanken zu ordnen oder ihnen zu folgen. Es ist so viel Input, so viele neue Gesichter, so viele Orte und Dinge, die ich kennen lerne. Ich fühle mich überfordert, völlig, und verkrieche mich die meiste Zeit in meinem Zimmer. Es ist nicht unbedingt negativ, sondern einfach nur viel. Trotzdem habe ich heute immer wieder den Wunsch zu schneiden. Nicht unbedingt wegen der Anspannung, sondern weil es mir so fehlt. Und vielleicht um auch ein wenig Entlastung zu finden. 

Zuhause wegzufahren war schlimm. Die Türe endgültig zu schließen, die Sachen in Mamas Auto zu laden… In der Nacht zuvor hatte ich nur bis halb 2 geschlafen und war dementsprechend müde. Die Fahrt war ganz okay und ich war froh, dass ich N. dabei hatte. Auch die Nacht im Hotel war kurz, ich konnte irgendwann nicht mehr wirklich weiter schlafen. 

Mein Zimmer teile ich mir mit einem netten Mädel. Sie hat kein Borderline und ich bin ganz froh, dass wir unterschiedliches Chaos in uns tragen. Vielleicht wäre mir das sonst doch zu viel. Meine Ärztin, die auch die Einzelgespräche mit mir machen wird, ist auch sehr nett. Den Oberarzt habe ich schon kennen gelernt, ebenso wie gefühlt 50 andere Menschen, deren Namen ich mir nicht merken kann. 

Auch die Pfleger und Schwestern sind bisher durchweg sehr nett und offen. Ich glaube, dass ich mit ihnen gut auskommen werde. 

Ein wenig blöd finde ich, dass sich die Toiletten auf dem Flur befinden. Im Zimmer selber haben wir nur ein Waschbecken. Aber es gibt kostenlos WLAN und das ganze funktioniert auch und das sogar ziemlich schnell, ich kann weiterhin meine Serien streamen ohne Probleme. 

Sonst gibt es noch einen Aufenthaltesraum mit TV, PC, Büchern und Spielen. Und einen weiteren kleinen Raum, in dem entweder Studien stattfinden oder man sich auch zurückziehen kann. Eine Küche mit Kühlschrank, Mikrowelle, Kaffeemaschine (entkoffeiniert, wer kommt auf so eine Idee?!), heißes Wasser spuckt sie auch aus, und einem Wasserspender. Um die Klinik ist es schön grün, es gibt viele Bänke um rumzusitzen und das schöne Wetter zu genießen. In der Nähe habe ich auch mehrere Möglichkeiten zum einkaufen und auch die Altstadt ist nicht allzu weit entfernt. 

Heute Mittag habe ich mein erstes Einzelgespräch, wir wollen die Therapie planen und den Behandlungsvertrag besprechen, irgendwann wollte einer der Pfleger mit mir noch die Mappe besprechen, die ich in die Hand gedrückt bekommen habe gestern. Genau wie noch tausend anderer Dinge, die ich noch durchlesen, ausfüllen und unterschreiben muss. Im Rahmen meines Aufenthalts hier werde ich an zwei Studien teilnehmen, ich finde das ganze ziemlich interessant. Vielleicht schreibe ich dazu demnächst mehr. Zwischen dem Mittagessen und dem Gespräch will ich kurz in den Supermarkt und ein paar Dinge kaufen, am Besten 3 Kilo Schokolade um meine Nerven zu beruhigen. 

So versuche ich mich hier zurechtzufinden und mich den vielen neuen Eindrücken irgendwie klarzukommen. Heute Abend will ich versuchen mich mal in den Aufenthaltesraum zu setzen, die Mitpatienten vielleicht mal kennen lernen, mich nicht allzu viel zu verkriechen. Auch wenn ich vermutlich schon wieder früh so müde bin, dass ich ins Bett kippe. 

Viel neues. Ein neuer Weg. Weitergehen. Ich habe Hoffnung. 

Mädchen, selbst wenn du verbrennst,
solang es noch schimmert.
Bleibt hier alles halb so schlimm,
solang es noch schimmert.
Nichts ist wichtig, nichts egal,
solang es noch schimmert.
Solang du schimmerst!

Auf und davon. 

Guten Morgen Welt. Heute ist der Tag vor dem Tag der Tage. Heute fahre ich nach Freiburg, morgen werde ich aufgenommen. 

Ich bin wach seit halb 2. Kann nicht mehr schlafen, kriege nichts hin. Ich sitze einfach nur hier und atme und hoffe, dass die Stunden nicht vergehen, dass der Zeitpunkt an dem ich fahren muss einfach nicht kommt. 

Aber er wird kommen und deswegen muss ich bald die letzten Vorbereitungen treffen. Brötchen aufbacken und belegen für die Fahrt. Die restlichen Sachen vom Wäscheständer pflücken und in den Koffer packen. Das gespülte Geschirr in den Schrank räumen. Die Stecker ziehen von den Dingen, die nicht laufen müssen während ich weg bin. Die Tiere wieder und wieder kraulen und wieder und wieder die Tränen vom Gesicht wischen. Etwas mehr als 3 Wochen wird es dauern bis ich wieder hier sein werde. Nur kurz, aber immerhin. Es werden lange Wochen ohne meine Tierchen. 

Nun wo es bald los geht ist die Panik ein wenig verflogen. Ich würde am liebsten direkt los fahren, damit ich es hinter mir habe. Ich hätte am aller liebsten schon Mittwoch und das ganze hinter mir. 

Mal sehen, vielleicht schaffe ich es am Mittwoch ja einen Beitrag zu tippen. Falls ich den Tag überlebe… 

Angst. Panik. Horror. 

Ich packe meinen Koffer und nehme mit… 

Den Herrn Kater. 

 

Zumindest würde ich gerne. Leider muss ich ihn zurücklassen. 

Stattdessen suche ich Klamotten zusammen, schmeiße noch eine Ladung Wäsche an, plünder mein Bad, rolle meine Kuscheldecke zusammen, schmeiße Block und Stifte in den Koffer und packe noch Briefumschläge drauf. Zwischendurch sinke ich immer wieder mit Zigarette aufs Sofa. Drücke mich davor die Wohnung aufzuräumen, das Geschirr zu spülen. Drücke mich vor den letzten Vorbereitungen. Fülle immerhin den Befreiungsantrag für die Krankenkasse aus. Schmeiße die Finalgon in den Kulturbeutel, man weiß ja nie ob die sowas haben, packe ein paar Migränetabletten in das Döschen am Schlüsselbund, man weiß ja nie wie lange ich dort fragen muss, bis ich welche kriege. Meine Klinikberichte müssen noch mit. Habe ich Shampoo eingepackt? Wo ist eigentlich meine Wimperntusche? Welche Bücher nehme ich eigentlich mit? Und welche Kuscheltiere? Und wo zum Teufel ist meine Powerbank? Reichen zwei Tüten Heu für die nächsten 14 Tage? Und soll ich nicht sicherheitshalber für den absoluten Notfall ein paar Rasierklingen mitnehmen? 

Ich möchte mich verkriechen. Ich will nicht packen, ich will nicht vorbereiten und ich will schon gar nicht morgen fahren. Ich will dort anrufen und absagen. Brauche ich das überhaupt? Bin ich wirklich so krank? Krank genug um so viele Wochen stationär behandelt werden zu müssen? Nehme ich nicht jemandem einen Platz weg, der es viel nötiger braucht? Schaffe ich das alles überhaupt? Kriege ich das hin? Wenn ich doch nun am liebsten schon absagen will, macht es dann überhaupt einen Sinn? 

Ich weiß, dass diese Gedanken völliger Müll sind. Mein Kopf weiß, dass diese Gedanken nur entstehen, weil ich wahnsinnige Angst vor diesem Schritt habe. Vor dem Unbekannten. Vor der langen Zeit. Vor dem ganzen Neuen und der ganzen Konfrontation mit mir und meiner Krankheit. Vor der Nähe zu den Orten meiner Kindheit. Vor fremden Menschen. Vor so quasi allem was mich dort erwartet. 

Ich sitze auf meinem Sofa. Zitternd. Ich kann nicht aufhören. Ich fühle mich, als würde ich gleich zusammenbrechen. Ich schlucke eine Seroquel. Ich muss runter kommen, sonst drehe ich hier durch. Vielleicht hilft es. Hoffentlich hilft es. Packen. Aufräumen. Weiter machen. Handeln. Nicht durchdrehen, nicht zusammenbrechen. Einatmen und ausatmen. Ich schaffe das. Ich schaffe das. Ich schaffe das. Aber was wenn nicht?