It’s the final countdown

In 30 Stunden werde ich schon unterwegs sein. Kurz vor der Grenze, fast schon in Frankreich, um am Ende in BaWü anzukommen. Dort werde ich eine Nacht im Hotel verbringen und in 54 Stunden schon in der Klinik stehen und aufgenommen sein. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Gerade fühle ich einfach nur nichts. 

Es gibt noch scheinbar endlos viel zu erledigen. Gestern hat Migräne mich ausgeschaltet, ich war nur zu wenig in der Lage. Heute muss ich fertig packen und die Wohnung in Ordnung bringen, zumindest soweit, dass ich in etwas mehr als 3 Wochen hier auftauchen kann ohne einen Schock zu kriegen. 

Gerade wurde ich wach, bewegte mich und bekam vom auf den Füßen schlafenden Kater eine Pfote samt Krallen in den Zeh gehauen, da der wohl unter der Bettdecke hervor schaute. Nett, wirklich. Und so liege ich mit schmerzendem Zeh und leerem Kopf in meinem Bett. Zum Aufstehen ist es noch viel zu früh, denn sonderlich viel kann ich um diese Uhrzeit eh noch nicht machen. Der Supermarkt öffnet erst um 7, Wäsche waschen ist zu früh, fürs aufräumen habe ich die Augen noch nicht weit genug auf. Also bleibe ich eben noch im Bett, versuche noch ein wenig weiter zu schlafen, trotz der Angst, die langsam in mir hochkriecht. Die Zeit vergeht viel zu schnell. 

We’re leaving ground
Will things ever be the same again?

Klar hab ich Angst und klar weiß ich’s besser

Mein unglaubliches Talent mich selbst von den zu erledigenden Dingen abzulenken und so einen ganzen Tag zu vertrödeln wurde heute auf eine enorme Probe gestellt. Mein neues Baby kam an, ein neues Tablet.

Mein letztes ging leider beim Einbruch drauf und durch die wunderbare Unterstützung der Frau Sozialarbeiterin aus der Klinik habe ich ein neues finanziert bekommen. Es gibt bei uns im Landkreis einen Verein, der Unterstützung in solchen Fällen leistet, allerdings nur zweckgebunden. Beim Gespräch mit der Mitarbeiterin dort kam die Frage auf, was ich den gerne ersetzen würde. Angesichts des anstehenden Klinikaufenthalts war die Frage nicht schwer zu beantworten. Ein neues Tablet sollte her. Nach Absprache mit der Chefin sagte mir die Mitarbeiterin finanzielle Unterstützung zu und so begann ich im Internet zu forschen. Bei der Vielzahl an verfügbaren Geräten fällt die Auswahl schwer. Welche Anforderungen stelle ich überhaupt? Auf dem Kindle stört mich am meisten die fehlende Möglichkeit der mobilen Datenverbindung und Speichererweiterung. Das musste also gegeben sein. Klar mit Android OS, iOS mag ich aus Prinzip nicht und mit Windows auf dem PC bin ich genug bedient. Toll wäre eine externe Tastatur. Und natürlich ein gutes Display, tolles Soundsystem, !möglichst unendlich Speicher… das Gerät meiner Wünsche wäre vermutlich unbezahlbar. Nach einigem Suchen stieß ich dann auf das Gerät, mit dem ich nun diesen Beitrag tippe. Über den Herstellershop selber hätte es keine finanziellen Möglichkeiten deutlich gesprengt, außerdem ist die zusätzlich erhältliche Tastatur mit integriertem Soundsystem dort nicht mehr verfügbar. Also ab in die bekannten Online-Shops und dort stieß ich tatsächlich auf eine unglaublich günstige Kombination des Wunschgerätes inklusive Tastatur. Verkauft als B-Ware, also entweder Ausstellungsstück oder beschädigte Verpackung, alles Dinge mit denen ich für rund 100 Euro Ersparnis durchaus leben kann. Und so bin ich nun stolze Besitzerin eines neuen feinen Tablets. Die meisten Apps habe ich schon installiert, das Gröbste ist eingerichtet. Eine wunderbare Möglichkeit sich davor zu drücken endlich mal beginnen zu packen oder die Wohnung in einen verlassbaren Zustand zu versetzen. Wozu auch? Ich werde mich unter der Bettdecke verstecken und den Termin einfach sausen lassen. Denn immerhin fahre ich am Dienstag. Eventuell. 

Wenn ich meine Tiere betrachte mag mein Herz fast zerspringen. Ich werde sie über 3 Wochen lang nicht sehen. Ich weiß, dass sie in guten Händen sind. Aber vor lauter Sehnsucht könnte ich nun schon anfangen zu heulen. Ich mag sie nicht verlassen, nicht so lange nicht sehen. Ich sehne den Dezember herbei, den Tag an dem ich zurück komme, die Türe schließe und nie wieder so furchtbar lange ohne sie sein werde. Die Schweinchen kommen sicherlich besser ohne mich klar als der Herr Kater. Er wird alleine im leeren Bett schlafen, wird alleine aufwachen. Er wird 3 Monate älter werden und das alles ohne mich. Ich bin froh, dass er regelmäßig Besuch zum spielen und kuscheln bekommen wird, ansonsten wäre ich auch nicht gefahren. 

Während ich packe und Kram sortiere und suche, wandert der Herr Kater in meinen Koffer, macht es sich dort gemütlich und schaut mich mit großen Augen an. Und am liebsten würde ich den Deckel zu machen und ihn mitnehmen. 

Momentan ist es weniger die Angst, die mir zu schaffen macht, als die jetzt schon beginnende Sehnsucht. Nach den Tieren, nach meiner Wohnung, nach meinen Freunden, meiner Familie, nach all den gewohnten Dingen hier. Aber ich weiß, dass es mich weiter bringen wird, dass die Wochen dort mich ein Stück weiter an den Punkt bringen, an dem ich ein halbwegs normales Leben führen kann. Es ist nötig und gut und wichtig. Und ich werde dann hin kriegen. Chakka, wie Schwester Nathalie nun sagen würde. 

Hab gesung und ich hab geschrie’n,
hab gehasst und verflucht und das Weite gesucht,
um am Ende hier zu steh’n:
Den Kopf im Wind, den Arm um’s Glück gelegt,
die Beine am Boden und Tonnen Geduld,
weil’s immer zu früh ist zu geh’n.

Wir stecken alle in der Scheiße (jeder halt auf seine Weise)

„Das einzige was Sie dort finden können ist sich selbst.“ sagt die Therapeutin nochmal. „Und das kann niemals negativ sein.“ hängt sie an. 

Ich habe meine letzte Therapiestunde für dieses Jahr. Für dieses Jahr. Es fühlt sich merkwürdig an das zu sagen und zu schreiben. Vor allem da noch August ist.Es ist merkwürdig geplante Vorhaben mit einem ’nächstes Jahr‘  zu kommentieren. 

Und so erlebe ich momentan viele ‚letzten Male‘ für dieses Jahr. Das letzte Mal in die Praxis des Psychiaters gehen. Ich sage ihm, dass sich das ganze so merkwürdig anfühlt. Dass ’nächstes Jahr‘ so weit weg scheint. Er grinst und meint „Dann sehen wir uns also nächstes Jahr Frau Zitrone!“. Er wünscht mir alles Gute für die Zeit. Freut sich für mich. 

Auch die Therapeutin wünscht mir eine gute Zeit. Nette Zimmernachbarn. „Sie können mir ja mal schreiben wenn sie möchten“. 

Aufbruch. Weitergehen. Alles fühlt sich momentan danach an. Bald werden zu den ganzen letzten Malen viele erste Male kommen. Die Übernachtung ist gebucht. Die Einweisung liegt hier. Ich habe alles geregelt, was ich vorher noch regeln musste. Aufbruch. Weitergehen. 

Und mit jedem Tag nimmt die Panik zu. Nun sind es nicht mehr Wochen, es sind nur noch Tage. Es rückt näher und näher und ich mag eigentlich nur noch in eine Höhle kriechen und nicht mehr raus kommen. In manchen Momenten möchte ich eine Mail dort hin schicken, sagen, dass ich den Termin nicht wahrnehmen werde. Einfach nur, weil die Angst mich so sehr lähmt, umklammert und gefangen hält. 

Die Therapeutin fragt, welche Erwartungen und Ziele ich habe. Ich sage ihr, dass ich dieses letzte Schlupfloch, diese kleine Hintertür gerne schließen würde. Dieses „wenn alles scheiße ist kann ich mich immer noch umbringen“. Sie fragt mich wieso ich das gerne möchte. Ich erkläre es ihr und am Ende nenne ich eigentlich den wichtigsten Punkt. „Damit würde ich ihm eine Macht einräumen, die er in meinem Leben nicht haben darf. Die er nie hätte haben dürfen und nie wieder haben darf. Diese Macht über mich und auch über meinen Körper, wenn ich mich verletze.“ Denn trotz der vielen Kilometer ist er manchmal doch ständig da und hat dieselbe Macht über mich wie damals. Und ich habe verstanden, dass die ganzen Kilometer daran nichts ändern werden, auch wenn ich am liebsten mehrere Kontinente zwischen uns wissen würde. 

Es sind so viele kleine und große Dinge, die ich erreichen möchte. Weitergehen. Ich weiß, dass ich mit mehr Kompetenz und Stärke zurückkehren werde. Was ich sonst noch mitnehme, dass wird die Zeit zeigen. 

Nur noch Tage. Aufbruch. Weitergehen. 

Ich werde versuchen die Tage hier mit viel positivem zu füllen. Mit viel Katerkind und Meeris und Freunden und Momenten, die mir gut tun. Die mich von der Angst ablenken. 

Gestern zogen zwei kleine Meerchen bei mir ein. 

Ein kleines Rosettenmeeri und ein Schopfschweinchen. Einen wirklichen Namen haben sie noch nicht, auch wenn ich bei dem einen zu ‚Caramell‘ tendiere (wegen der Farbe), bei dem anderen zu ‚Karo‘ oder such ‚Caro‘, weil es auf dem Rücken aussieht wie ein Karomuster, an der Stelle an der die Farben sich abwechseln. Sie sind noch ein wenig ängstlich (kein Wunder, gestern zogen sie erst vom Besitzer in den Laden und dann zu mir), außerdem sitzt da ein großes Monster im Meerizuhause und versucht vor lauter Begeisterung mit allen Meeris gleichzeitig zu spielen. Das Katerkind findet das neue Leben in der Bude äußerst interessant, die Nacht hat er bei den Schweinen verbracht und versucht immer wieder mit ihnen Fangen zu spielen. Vermutlich wird er bald merken, dass auch die neuen Meeris nicht dafür zu begeistern sind. 

Mein alter Herr ist ganz happy vor lauter Glück, heute morgen lag er zwischen den zwei Kleinen und schlief selig. Gestern habe ich noch mit K. darüber gesprochen, dass er wohl alles überlebt. Bisher sind es zwei seiner Partnerinnen und zwei der Kinder, er ist wirklich auf dem besten Weg ein uralter Senior zu werden. 

Morgen wird meine Schwester kommen und wir werden uns voneinander verabschieden. Ich weiß nicht, ob ich die bis Weihnachten nochmal zu sehen kriege, wenn sie nicht auf der Arbeit ist hat sie ständig etwas vor, ist mit ihrem Freund oder Freunden unterwegs, fährt zu ihrem Vater oder treibt sich sonst wo rum. Es ist manchmal immer noch schwer für mich zu sehen, wie schnell sie doch groß und erwachsen wurde. Vor allem da mein Vater mir die Chance geraubt hat mehr an ihrem Leben teilzuhaben. Wirklich konstant da bin ich für sie erst seit 8 Jahren. Und da war sie schon mitten in der Pubertät und auf dem Weg zum erwachsen werden. 

Noch 4 Nächte werde ich in meinem eigenen Bett verbringen. 4 Mal werde ich unter meine Decken krabbeln und aufstehen. Die Zeit vergeht viel zu schnell… 

Was deine Schmerzen schlimmer macht,
Das hast du dir selbst beigebracht.
Es gibt kein Maß für jemand sein,
Doch für Verständnis und für Zeit.
Und für den Rest Gerechtigkeit.

Extrafarben 

Lange habe ich schon darüber nachgedacht und nun ist es soweit. Nach 7 Jahren bloggen zieht das Zitronenkind auf seine eigene Domain um. Noch bin ich am kucken und machen und installieren, meine Domain existiert schon und wird dann wohl auch bald mit meinem Blog online gehen. 

Ein neuer Abschnitt also, auch hier. Vielleicht einen Schritt weiter weg von der Krankheit und einen Schritt mehr ins Leben. Es geht weiter und es geht voran und das soll es auch in allen Bereichen tun. 

Natürlich werdet ihr hier alles weitere erfahren, vermutlich werde ich hier allerdings alle Beiträge löschen und nur noch einen Infopost über den Umzug stehen lassen.
Ansonsten bin ich wieder daheim seit einer kleinen Weile. Der Abschied war gut heute, Jan und Tina und Kathrin haben mir alles Gute  gewünscht, Tina verabschiedete sich mit einem „Ich will einen Anruf!“. Die Psychopeutin hat mir die Hand fest gedrückt und mir alles Gute für den Weg gewünscht und die Ärztin vertraut darauf, dass ich das alles schaffen werde. Es fühlte sich komisch an zu gehen und zu wissen, dass ich in 6 Wochen definitiv nicht wieder dort sein werde, sondern dass nun erst mal das Jahr zuende gehen wird. Ich bin ein bisschen wehmütig, ziemlich panisch und ängstlich, aber mit jedem Moment mehr auch ein Stück zuversichtlicher. Es geht weiter ein Stück Richtung Zukunft und Leben, vor allem geht es einfach weiter. 

Warum geht man weg? Damit man wiederkommen kann. Damit man den Ort, von dem man gekommen ist, mit anderen Augen sehen kann, und mit ein paar Extrafarben. ~ Terry Pratchett 

Die Reise geht weiter. 

In die Ergotherapie gehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Am Ende drücken die Therapeutin und ich uns fest. Es war meine letzte Ergotherapie bei ihr, denn wenn ich wieder komme wird sie in Rente sein und jemand neues die Ergo leiten. Ich mochte ihre Stunden sehr, denn sie ließ es einem frei zu tun wonach einem stand. Wollte man etwas neues probieren so half sie einem, nahm sich Zeit. Oftmals saß ich auch antriebslos dort und habe einfach nur Kaffee getrunken. Oder ein offenes Ohr gesucht, dass sie einem immer bot. Sie hat eine unglaubliche ruhige Art an sich, die mir immer gut tat. Sie drückt mir einen Zettel mit ihrer Adresse in die Hand. „Ich freue mich über viele Karten aus Freiburg!“ sagt sie. Denn Freiburg war früher immer ihr Traum, dort zu leben und zu arbeiten. „Dann kann ich wieder träumen und vielleicht ist es ja so, als ob ich doch dort gewesen wäre.“ 

Insgesamt stimmen die Tage mich sehr melancholisch. Über allem hängt der Aufbruch, das Weitergehen, das Ende von etwas und der Neubeginn. Es ist nicht unbedingt ein negatives Gefühl, eher eine Mischung aus Wehmut und Hoffnung, Schmerz und Zuversicht, Traurigkeit und Mut, Schmerz und Stärke. 

Nach der Ergo und dem Patientenforum verziehe ich mich wieder unter meine Decken. Mein Kopf dröhnt seit dem Aufstehen und ich habe das Gefühl, dass er jeden Moment explodieren könnte. Ein Mitpatient, der einfach nur redet wie ein Wasserfall, während dem Frühstück, der Ergo und dem Forum, macht das ganze nicht besser. Ich finde jedoch keine Ruhe, draußen ist es laut und dann stehen ständig Leute im Zimmer auf der Suche nach meiner Zimmernachbarin. Als ich endlich einschlafe kommt auch schon Pfleger Jan und weckt mich sanft fürs Mittagessen. Auch da redet der Wasserfall weiter und mir vergeht der Appetit. Trotzdem zwinge ich mich ein wenig zu essen und verkrümel mich danach mit einer erneuten Ladung Ibu wieder ins Bett. 

Morgen geht es nach Hause. Ich freue mich drauf nach nun fast 3 Wochen wieder in meinem Bett schlafen zu können mit meinem Katerkind, auf das Quietschen der Meeris und auf meine 4 Wände. Es steht vermutlich erstmal aufräumen an, denn während meines Urlaubs hat das Miaumonster meinen Kleiderschrank ausgeräumt und sonst auch Chaos angestellt, dass ich wieder beseitigen muss. Aber hauptsächlich werde ich einfach erst mal genießen wieder zuhause zu sein. 

Während ich draußen vor der Türe sitze, mit einer Zigarette in der Hand und Musik auf den Ohren, klingelt mein Telefon. Die Nummer versetzt mir erstmal einen kleinen Schock, denn bei jeder 7 vorne denke ich sofort an Bawü und meinen Vater. Aber die Nummer ist mir bekannt. Es ist Freiburg. Und so sitze ich kurz darauf völlig überfordert auf der Bank, immer noch mit Zigarette in der Hand. Ich habe einen Termin. Anfang September wird es nun sicher losgehen. Das macht erstmal Anspannung. Und Angst. „Was macht Ihnen den Angst?“ fragt Pfleger Kai. „Dass ich das nicht schaffe…“ antworte ich ihm. „Sie schaffen das! Da bin ich mir absolut sicher!“ meint er. Er ermutigt mich, sagt mir nochmal, dass ich mich jederzeit melden darf und die Klinik nach meinem Aufenthalt da sein wird. Schwester Sabine macht mir Mut und redet mir gut zu, sie sagt auch, dass ich ja anrufen kann wenn bis dahin etwas ist und auch wenn ich dort bin. 

Am Abend stürzt mein Kreislauf ab. Und ausnahmsweise nicht, weil der Blutdruck zu niedrig, sondern weil er viel zu hoch ist. Ich klappe zusammen und Kai befördert mich ins Bett. Als ich aufstehen will, weil mir übel wird, kollidiere ich mit dem Schrank und dem Boden und sehe plötzlich 4 Beinpaare vor meinen Augen. Sonja schimpft, während ich wieder ins Bett bugsiert werde. „Klingeln Sie wenn etwas ist!“ ermahnt sie mich. Als ich später auf wackeligen Beinen an den Schwesternsitz wanke schimpft sie wieder los. „Zitrone, also wirklich! Du sollst doch ins Bett!“ Aber es geht mir schon besser. Sie misst mir nochmals den Blutdruck, der deutlich besser, aber immer noch zu hoch ist. „Ach, ich muss Ihnen was sagen Frau Zitrone. Gestern als Sie da so standen sagte ich zu Angelika, dass Sie ja immer hübscher werden. So richtig mit Strahlen in den Augen. Und dass ich Ihnen das unbedingt sagen muss! Es ist doch schon so viel besser, oder nicht? Sie machen das prima!“ Ich muss lächeln. Ich mag Schwester Sonja gerne, sie hat eine herzliche und witzige Art an sich und war bei meinem allerersten Aufenthalt hier im Nachtdienst und nahm mir die Angst vor der Klinik. Sie kann manchmal auch richtig toben, aber das ist grundsätzlich nie böse gemeint. 

Und so liege ich nun im Bett. Vieles hat sich getan in der Woche hier. Ich gehe mit einer Perspektive für die Zukunft hier raus, mit Angst –  aber auch mit Zuversicht. 

Deep roots are not reached by the frost.

Die Psychologin gestern sagte etwas, dass mir im Kopf geblieben ist. Es ging um die Suizidalität. Sie sah mich an und sagte mir ins Gesicht, dass es so scheint als wäre es für mich ein Ausweg, eine Möglichkeit, ein Hintertürchen, dass ich mir offen halte. „Und wenn es noch beschissener wird, dann kann ich mich ja immer noch umbringen.“ Sie hat so Recht mit diesen Worten. „Sie müssen diese Hintertür schließen“ meint sie. Und ich glaube, dass sie damit ziemlich genau den Punkt getroffen hat um den sich so viel dreht.
Aufgeben ist keine Option habe ich in letzter Zeit oft gesagt. Und ich glaube ich muss da wirklich durch, muss diesen Weg für mich von der Möglichkeit zum No-Go machen. Sonst wird dieses ständige Chaos und die Gedanken daran nicht weggehen. Sie meint, dass es natürlich immer wieder in manchen Situationen so kommen kann. Aber das eben genau das dann weg gehen kann, dieses ständige. Und es macht gleichzeitig so große Angst. Denn es ist eben der letzte Weg, den ich gehen kann wenn nichts mehr geht. Das letzte Mittel um das alles zu beenden, wenn es nicht mehr aushaltbar ist.
Vielleicht ist es deswegen nun auch wieder extremer geworden. Ich habe einen Weg schon aufgegeben, bin dabei ihn aufzugeben: das Schneiden.
Warum ist das alles nur so schwer? Manchmal mag ich einfach ein Loch graben und darin verschwinden.

Heute morgen habe ich bei meiner ehemaligen Arbeit angerufen, weil die Unterlagen fürs Amt immer noch nicht da sind. Die zuständige Dame ist im Urlaub, die Kollegin kann sich nicht an einen Brief von mir erinnern. Ich soll am Montag nochmal anrufen.
Da kriege ich es endlich mal hin etwas zeitnah zu erledigen und mich zu kümmern, dann hängt es an anderen Stellen. Prima.
Also warte ich den Montag ab und schaue dann, ob ich nochmal aufs Amt muss weil ich die Unterlagen nochmal hin schicken muss oder nicht.
Bei den Donots im Merch habe ich angerufen und gefragt was mein Paket macht (letzte Woche gab es eine „Wir signieren alles“ Aktion) und sie sagte mir, dass sie seit einer Woche dabei sind die Pakete zu packen, heute aber eine ganze Ladung raus ginge. Und schwupps kommt kurz darauf die Mail, dass das Paket nun unterwegs ist.
Und den Psychopeut habe ich versucht anzurufen, weil Freiburg Berichte will, ihn nicht erreicht und später dann vergessen, dass ich anrufen wollte.
Meine Wohnung habe ich ein wenig aufgeräumt (mit der kleinen Hexe am Telefon), war einkaufen und habe sogar was gegessen. In der Apotheke habe ich mir solche Einweg-Kühlakkus besorgt, die man knicken kann. Eigentlich sind sie für Sportverletzungen oder sowas, aber ich mag probieren ob ich sie als Skill nutzen kann. Denn einen Eiswürfel habe ich unterwegs nun leider selten dabei.

Ansonsten ist es heute wieder viel aushalten. Einatmen und ausatmen. Aushalten, dass ich mich mal wieder verletzen mag ohne Druck zu haben. Aushalten, dass ich mir denke, dass es eh nie gut wird und ich besser direkt gehe anstatt mich weiter zu quälen. Aushalten, dass mir zwischendurch immer mal wieder die Kraft fehlt etwas zu tun und ich gerade eben nur aushalten kann.

Ich spiele mit dem Gedanken mir nach der DBT ein Tattoo zu schenken. Ich hätte schon lange gerne ein Semikolon, weil mir die Bedeutung dahinter so unglaublich gut gefällt und sie auch so unglaublich gut passt.
A semicolon is used when an author could’ve ended a sentence but chose not to. 
You are the author and the sentence is your life. 
Vielleicht auch als Zeichen für mich selbst, als Vertrag mit mir selbst, dass es diese Hintertür nicht mehr gibt.
Außerdem denke ich drüber nach mir einen Satz aus einem Gedicht aus dem Herrn der Ringe dazu machen zu lassen.
Not all those who wander are lost.
Mal sehen. Aber der Gedanke mich zu belohnen für das Durchhalten und auch ein Zeichen für eine Art Neuanfang, für einen neuen Weg zu setzen, gefällt mir sehr.

All that is gold does not glitter,
Not all those who wander are lost;
The old that is strong does not wither,
Deep roots are not reached by the frost.
From the ashes a fire shall be woken,
A light from the shadows shall spring;
Renewed shall be blade that was broken,
The crownless again shall be king.

Freiburg

Als mein Wecker zum ersten Mal klingelt habe ich das Gefühl nur wenige Stunden geschlafen zu haben. Dann fällt mir ein, dass es ja tatsächlich so ist. Immerhin habe ich nicht verschlafen und stehe um kurz nach 5 dann tatsächlich auf, wanke ins Bad und füttere auf dem Weg die Meeris und dann den Terrorkater.

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N. sammelt mich bei mir auf und bringt mich netterweise zum Bahnhof, da die Verbindung so früh einfach grausam ist. Wir trinken am Gleis noch einen Kaffee (bzw. ich eine Dose Energy) und dann ziehe ich los. In der Hauptstadt kaufe ich noch kurz Getränke für die Fahrt, ein Notizbuch und Kugelschreiber, da ich meine Sachen natürlich habe zuhause liegen lassen und sonst vermutlich in Freiburg all die Dinge vergesse, die ich fragen will.
Dann laufe ich zum Fernreisebusbahnhof, denn der Bus dorthin braucht noch fast zehn Minuten bis er kommt und ich habe die Befürchtung in der Zeit einfach einzuschlafen. Zu Fuß bin ich auch schneller.
Nach den ersten paar Kilometern bekomme ich ein komisches Gefühl im Bauch. Und dann merke ich auch wieso. Das ist die Strecke, die „nach Hause“ führte so viele Jahre. Die Strecke in die falsche Richtung, über Straßburg und Kehl und einmal bis zum höchsten Berg des Schwarzwalds und dann wieder nach unten und dann war er da, der Ort an dem ich lebte. Bis Kehl ist die Strecke gleich heute. Und es fühlt sich merkwürdig an, denn seit 9 Jahren bin ich diese Strecke nicht mehr gefahren. Als sich die Autobahn endlich teilt und wir den Weg Richtung Basel nehmen, legt sich das ungute Gefühl langsam. Stattdessen betrachte ich die Ausläufer des Gebirges, dass so lange Teil meiner Heimat war, an denen wir entlang fahren, habe Musik auf den Ohren und will das Gespräch einfach hinter mir haben.

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Vom Bahnhof in Freiburg gehe ich die 20 Minuten bis zur Klinik zu Fuß. Nach dem langen sitzen tut das gut, die Luft ist schwülwarm, das Gehen beruhigt mich ein wenig.
Als ich dann vor der Klinik stehe steigt die Panik wieder in mir auf. Wie wird es wohl, wie werde ich die Klinik finden und die Station und die Psychologin, wie lange wird es wohl noch dauern bis ich stationär aufgenommen werden kann, unendlich viele Dinge schwirren in meinem Kopf rum. Ich will umdrehen und fliehen, doch dann killt mich sicherlich der Psychopeut und bestimmt auch Nathalie, sowie ein paar andere Menschen. Außerdem mag ich eigentlich keine 20 Euro für nichts ausgeben. Also suche ich mir eine Bank, betrachte das Geschehen, versuche ruhig zu bleiben. Atmen. Rauchen. Dableiben. Atmen. Ein und aus. Atemzug um Atemzug und Moment für Moment. Es wird gut werden. Es kann nichts passieren. Alles ist okay.
Ich melde mich in der Ambulanz an, lasse mir erklären wo ich hin muss und suche das Zimmer der Therapeutin, bei der ich einen Termin habe. Ich bin zu früh und habe immer mehr Panik, also nehme ich erstmal von den Quetiapin. Dipi habe ich keine dabei, sonst hätte ich davon welche genommen.
Als sie dann auftaucht und wir in ihr Zimmer gegangen sind sagt sie mir erst mal etwas sehr wichtiges. Das es nichts gibt, was ich dort und auch später in der Therapie erzähle, wofür ich mich schämen müsste. Das tut erst mal sehr gut.
Sie fragt viele Dinge, Symptome und woran ich gerne arbeiten würde, über mein Leben und meinen psychiatrischen „Werdegang“.
Danach gehen wir rüber zur Station. Die kann ich leider nicht anschauen, weil dort gerade irgendwas ist, aber alles macht einen netten Eindruck. Der Arzt der Station ist auch nett, fragt noch ein paar Dinge und meint, genau wie die Therapeutin, dass das Konzept der Station gut für mich passen würde. So wie es aussieht kann ich im September in die stationäre DBT starten.
Danach bin ich einfach nur erledigt und müde. Ich buche kurzerhand meine Fahrt um, weil ich den früheren Bus noch kriege, laufe zurück an den Bahnhof, esse dort was und steige in den Bus. Bis kurz vor Straßburg schlafe ich, dann weckt mich ein französischer Polizist. Ausweiskontrolle. Ab da kann ich leider nicht weiter schlafen, also schaue ich Filme und aus dem Fenster. Als wir uns der Grenze nähren muss ich automatisch lächeln. Wie so oft auf dieser Strecke, je näher meine Hauptstadt kam in den ganzen Jahren, desto mehr musste ich lächeln und es hat sich in all den Jahren nicht geändert.

Ich habe ein wenig in meinen instagram-Bildern gestöbert. Da gibt es eins auf dem meine twloha-Bänder drauf sind, mit Arm. Die Narben darauf sind noch nicht sehr alt und heben sich deutlich von der Haut ab.
Ich schaue meinen Arm an. Und muss bei eine paar Narbe doch etwas genauer schauen, ob sie tatsächlich noch da sind. Das Bild ist etwas über ein Jahr alt. Und ich halte es mal wieder kaum aus, dass die Narben verblassen. Das ist so verrückt, dass ich mich über mich selbst ärgere. Ich creme meine Narben ein und tue einiges, damit sie nicht mehr so auffallen und nicht mehr so schmerzen. Das steht in einem solch krassen Gegensatz zueinander, dass ich manchmal nicht weiß wie diese zwei Dinge gleichzeitig existieren können. Ich würde so gerne den ganzen innerlichen Schmerz, das ganze innerliche Chaos nach außen tragen, für mich sichtbar machen. Es fühlt sich so unaushaltbar an das alles nur innerlich zu spüren und auszuhalten.

In 5 Stunden werde ich am Bahnhof sein und Richtung Hauptstadt fahren. Eigentlich wollte ich um diese Zeit schlafen und eigentlich habe ich das auch schon getan. Knapp 3 Stunden lang, dann ist der Terrorkater wie blöde durchs Bett gefegt, den Schrank hoch, den Schrank runter, unter meiner Decke durch und das Ganze von vorn. Zwischendurch hat er kurz Halt gemacht um mir in die Zehen zu beißen. Da konnte ich einfach nicht mehr schlafen, trotz Medis und unglaublicher Müdigkeit.
Ich überlege immer noch, ob es sich lohnt für knapp 4 Stunden ins Bett zu gehen. Wenn ich aber an den langen Tag vor mir denke, dann scheint die Idee wach zu bleiben ziemlich anstrengend. Also krabbel ich wieder ins Bett und hoffe einfach, dass ich noch ein paar Stunden Schlaf bekommen werde. 3 Stunden bin ich mit dem Bus unterwegs, vom Busbahnhof bis zur Ambulanz der Psychiatrie sind es zu Fuß ca. 30 Minuten. Wenn alles planmäßig funktioniert habe ich also noch eine Stunde Luft, in der ich dann in Ruhe schauen kann wo genau ich hin muss und vielleicht ein bisschen das Gelände anzuschauen. Ich bin froh, dass es sehr zentral liegt, 14 Wochen irgendwo abgeschieden würde ich vermutlich nicht aushalten.
Ich weiß nicht, was mir lieber wäre. Wenn sie mir sagen, dass ich noch ein Jahr warten muss auf einen Platz oder wenn sie meinen, ich könnte quasi direkt kommen sobald ich kann. Beides macht Angst. Ich mag mich immer noch so gerne verkriechen, schlafen und den Termin ignorieren. A. schrieb vor ein paar Tagen, dass der richtige Weg immer der ist, der Angst macht. Und ich will weiter gehen und weiter kommen. So kann es nicht ewig weiter gehen.
Also versuche ich eben ein wenig zu schlafen, werde totmüde die Reise auf mich nehmen, werde das durchziehen und heute Abend hoffentlich ein wenig schlauer und beruhigter wieder die Heimfahrt antreten.

Doch auf dem Weg zu meinem Ziel musste ich lernen, dass auch ich verlieren kann

Gestern:
Ich will schneiden. Suchtdruck meint Schwester Laura. Und vermutlich ist es sowas in die Richtung. Ich hatte (abgesehen vom Rauchen, was ich ja immer noch tue) eigentlich noch nie ein wirkliches Suchtproblem und kann das deswegen nicht beurteilen. Aber wenn einem etwas einfach so unglaublich fehlt, dass man es nicht aus dem Kopf kriegt und es fast schon körperlich weh tut, dann ist es wohl Suchtdruck. Es ist anstrengend, weil Skills quasi nicht helfen. Denn ich habe keine sonderliche Anspannung. Helfen tut der Schmerz der Finalgon. Und einfach ablenken, so viel wie möglich.

In der Ergo haben wir heute Pizza gemacht. Ein Mitpatient und ich und die Ergotherapeutin. Das tat gut und war lustig, wir haben viel gelacht und gequatscht.
Zum Sport war ich nicht, da ich (wie momentan jeden Tag) wieder Kopfschmerzen ohne Ende hatte. Das Wetter ist unerträglich drückend, es gewittert jeden Tag aber der Regen bringt keinerlei Abkühlung. In vielen Städten um mich rum sind immer wieder THW, Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei im Einsatz. Flüsse treten über die Ufer, Keller laufen voll, Menschen werden verletzt. Es ist nicht mehr normal was derzeit passiert.

Der Druck wird immer extremer. Ich weiß nicht wohin damit und wohin mit mir. In Supermarkt muss ich mich zusammenreißen, dass ich keine Klingen kaufe. Zum Glück ist Bibi dabei und hält mich davon ab.
Pfleger Arschkeks fragt, was er tun könnte. Und schiebt direkt hinterher „Das Kontingent der doofen Antworten ist für heute erschöpft“, weil ich ihm zuvor auf die Frage, ob er mir was geben kann, mit „Klingen“ geantwortet habe. Er fragt Kai, ob er noch mit den Patienten auf den Balkon zum Rauchen geht, weil eigentlich schon Nachtruhe ist. „Überlegen Sie sich an der frischen Luft was, ich tue alles was mir möglich ist“ meint er.
Nach dem Rauchen frage ich also nach noch mehr Finalgon, nach einem gefrorenen Coolpack und einen Smiley.

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Ich will es aushalten und schaffen. Ein paar Stunden vorher saß ich noch mit dem Glas im Bad und wollte gar nichts mehr aushalten, wollte einfach aufgeben, aber habe es dann doch geschafft wieder raus zu gehen, in den Tagesraum, unter Menschen.
Und so schlafe ich irgendwann ein, fest eingewickelt in die Decke, damit die Wärme das Brennen der Finalgon noch verstärkt, mit Coolpack in der Armbeuge und Hörbuch im Ohr.

Heute:
Heute beginnt ziemlich früh, schon um kurz nach 5. Eine der Mitpatientinnen möchte der ganzen Klinik wohl mitteilen, dass sie wach ist. Ich gehe rauchen und wieder ins Bett, um noch ein paar Stunden Schlaf zu kriegen. Irgendwann höre ich Schwester Nathalie meinen Namen rufen und merke, wie sie am Bett rüttelt, ich ziehe zum Frühstück, ziehe mich danach an und falle in den Frühsport, von dort aus dann zur Ergo und dann in die Visite. Die ist schnell rum, denn viel mehr als „Heute ist es gut“ und „bis Ende Juli“ gibt es nicht zu sagen, abgesehen von den Dingen, die ich in der Zwischenzeit erledigen muss. Nach Freiburg fahren und in Mannheim nochmal nachhören und vielleicht auch dort hin fahren wenn möglich, dass sind Voraussetzungen für die nächste Aufnahme. Auf meiner eigenen Liste stehen ein paar Dinge mehr, beispielsweise der Arbeitsamtkram und vor allem der Urlaub. Erst als ich die Worte „Heute ist es gut“ ausspreche merke ich, dass es heute wirklich gut ist. Die Sehnsucht nach dem Schneiden ist verschwunden und es fühlt sich so unglaublich gut an, dass dieses Gefühl weg ist. Und dass ich es geschafft habe durchzuhalten.
Die Panik im Bezug auf Freiburg hat sich ein wenig gelegt. Ich versuche darauf zu vertrauen, dass es schon werden wird, versuche zu vertrauen, dass ich mein Netz nicht verlieren werde, versuche zu vertrauen auf die Worte, die Nathalie und der Psychopeut mir sagten.

Ich hab geglaubt, dass ich es ändern kann
Kein Weg sei mir zu lang
Ich hab geglaubt, es gäb kein Ziel
Das ich nicht erreichen kann

Ich versuche daran zu glauben, dass ich es schaffen kann. Dass ich den Weg zurück in mein Leben finde.

Ich hab geglaubt, das Leben sei mein Spiel
Doch auf dem Weg zu meinem Ziel
Musste ich lernen, dass auch ich verlieren kann

Ich versuche daran zu glauben, dass ich soweit wieder gesund werden kann, dass ich keine Klinik mehr brauche, dass ich meinen Weg gehen kann, dass ich nicht mehr so oft abstürze.

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Ich versuche daran zu glauben, dass die Zeiten, in denen mir die Selbstverletzung so fehlt, seltener werden, dass ich irgendwann nicht mehr ständig daran denken muss, dass die Narben verblassen, dass aus roten Linien irgendwann weiße werden.

Auf dieser Bühne war ich der Held
König und der Herr der Welt
Machte die Regeln ohne Kompromiss
Nährte was mich aus dem Alltag riss
Mit eiserner Hand führte ich Regie
Strich jede Rolle, die mir nicht gefiel
Doch wo ein König ist
Wird stets ein Henker sein.

Ich versuche daran zu glauben, dass es mir gut tun wird, dass ich daran wachsen werde, dass es mir genügend Hilfsmittel gibt um in eine Traumatherapie zu starten und sie durchzuhalten.
Ich versuche einfach weiter zu machen. Zu hoffen, zu kämpfen. Tag für Tag und Schritt für Schritt, Moment für Moment und Skill für Skill. Ich habe schon so viel aus der Intervalltherapie mitgekommen, so viele Fortschritt gemacht. Ich werde das schaffen. Ich werde diesen Weg gehen und ich werde irgendwann nicht mehr gegen, sondern mit Borderline leben.

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘

Alles tanzt um dich rum, aber du wünscht dich weg von hier.

Gestern kam eine Mail aus Freiburg. Ob ich am Montag kommen könnte für ein Vorgespräch. Bevor mein Hirn es sich anders überlegen konnte habe ich die Fernbusapp angeworfen, habe nach einer möglichen Verbindung geschaut und dann geantwortet, dass ich am Montag komme.
Danach bin ich erst mal fertig. Und stürze ab. Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, dass es nun einen Schritt weiter geht, dass das lange erwartete Ziel in greifbarere Nähe rückt. Damit fehlt irgendwas, ich habe Angst vor dem Danach, Angst was kommt nach der DBT.
Schwester Nathalie ist zu Glück da, redet mit mir, versucht mir die Angst zu nehmen. Sie sagt, dass niemand erwartet, dass ich danach wieder völlig fit bin, dass diesen Anspruch niemand hat. Dass es ein erstes Ziel ist, ein Anfang, eine Möglichkeit. Dass die Klinik danach immer noch steht und Anlaufpunkt bleibt. Dass Freiburg mit mir gemeinsam überlegen kann, wie es weitergehen kann. Sie hilft mir ein wenig mit ihren Worten, mit ihrer Art. Es hilft, dass sie in diesem Moment vom Sie aufs Du wechselt, dass sie so nah an meinen Gefühlen ist und mir einfach zuhört und da ist.
Heute habe ich mit dem Psychopeut geredet. Auch er sagt mir nochmal, dass niemand dann verlangt, dass ich nie mehr Hilfe brauche. Ich sage, dass ich gerne die Traumatherapie machen würde. Und am liebsten zwischen DBT und Traumatherapie weiter Intervalltherapie hier, je nachdem wie es ist eventuell mit einem längeren Intervall. Er meint, dass das eine Möglichkeit wäre.
Gestern war ich noch furchtbar wütend auf ihn und hätte am liebsten niemals mehr ein Wort mit ihm geredet. Er wollte ja montags die VA besprechen, ich bin ihm erst die ganze Zeit nach gelaufen und wollte nach einem Gespräch fragen, da kam immer nur „einen Moment“ sobald ich den Mund aufmachen wollte und er war schon wieder verschwunden. Als ich ihn dann endlich mal erwischt habe und fragte, ob er Zeit habe, fragte er wieso, ich entgegnete, dass er doch die VA besprechen wollte und bekam als Antwort ein „Ich habe noch andere Patienten“ in einem ziemlich ätzenden Ton. Wuuuuhaaaa! Ich war so geladen, habe mich in der Ergo ausgekotzt und bei Nathalie, habe irgendwann Dipi genommen, weil ich es nicht mehr aushalten konnte. Heute war es dann wieder einigermaßen okay, auch wenn ich ihm bei der Visite am liebsten für einen Moment ins Gesicht gesprungen wäre.
Sonst lief der Tag ganz okay. Die Panik von dem Danach ist nicht mehr so groß, nicht mehr so extrem. Ich habe auch das Gefühl langsam Ruhe hier zu finden und runter zu kommen. Die Anspannung ist heute zum ersten Mal echt okay, genau wie die Suizidgedanken. Endlich.

Alles schwarz in dem Haus, nur in deinem Zimmer brennt noch Licht.
Der Raum voller Rauch
so wie du dir den Kopf zerbrichst.
Hier ist Einsturzgefahr, wie du Löcher in die Decke starrst
und übersiehst dabei die ersten Sonnenstrahlen.
Du glaubst
Du bist nicht gut genug
und du denkst dich klein
weil du dir nicht reichst.