hier & jetzt

Studium (lateinisch studere „[nach etwas] streben, sich [um etwas] bemühen“)

Und so fühlt es sich auch an. Ich bemühe mich um einen geregelten Tagesablauf, um Kommunikation mit meinen Mitmenschen, um aktives Zuhören. Ich bemühe mich nicht durchzudrehen angesichts der Masse an Menschen, darum nicht einfach abzuschalten und zu dissoziieren.

Und ich muss oft an die Oberärztin aus der dbt denken, die von einem neuen Programm sprach im Bezug auf Borderlinetherapie. ACES – Accepting the Challenges of Exiting the System. Raus aus dem „System Krankheit“, so tun als ob man einfach gesund wäre. Denn genau das tue ich, ich tue so, als ob ich ein völlig normaler Student sei. Und vielleicht bin ich gar nicht so unnormal, also von der Norm abweichend, denn gerade im sozialen Bereich studieren viele mit der ein oder anderen Macke, bei einigen meiner Kommilitonen fielen mir auch schon eindeutige Narben auf. Vielleicht nicht so offensichtlich wie meine, da dezenter und weniger und nur an einer Stelle, aber dennoch.

Abseits vom ganzen Theoriekram, der einfach noch keinen Bezug zu meiner Lebenswirklichkeit und der sozialen Arbeit hat, ist es auch interessant und spannend. Es gefällt mir zu beobachten, wie wir über Gerechtigkeit diskutieren, wie die vielen verschiedenen Charaktere ihre Meinungen vertreten. Es macht Spaß mit verschiedenen Menschen die Raucherpause zu verbringen oder zu essen, mit Leuten die gerade erst von der Schulbank gefallen sind und mit welchen, die schon seit über 20 Jahren im Berufsleben stehen (oder standen), mit welchen die vorher etwas anderes studiert haben oder welchen, die nebenbei noch ihre Kinder großziehen.

Es fühlt sich gut und richtig an momentan. Vielleicht waren die drei Jahre „Umweg“ genau deswegen sinnvoll, weil hier und jetzt der richtige Zeitpunkt für das ist, was ich tue.

Ich war schon lange nicht mehr so fertig und an meinen Grenzen. Aber ich war auch schon lange nicht mehr so zufrieden und glücklich und habe mich schon lange nicht mehr so am richtigen Platz gefühlt.

Und gerad‘ deswegen: auf das Leben!

Die Zeit fliegt. Vor einem Jahr saß ich noch halbwegs verwirrt und orientierungslos angesichts der Zukunft ungefähr um diese Uhrzeit auf einem Klinikflur und wartete auf die Visite. Heute sitze ich ziemlich verwirrt und müde in einem Zug, auf dem Weg in die Hauptstadt und von dort dann zum Campus. Ich studiere. Tatsächlich, wahrhaftig. Ich zeige den Studentenausweis statt der Fahrkarte, die mich in den letzten 3 Jahren begleitet hat. Ich fahre nicht mehr nur in die Hauptstadt, weil ich zur Therapie muss oder zum Psychiater oder jemanden treffe. Mein Psychiater hat mir den letzten Krankenschein ausgestellt. Mit einem erleichterten Seufzer, da die fast dreijährige Routine von monatlichem Termin und Krankenschein nun ein Ende hat. Gefühlt steht mein Leben grade Kopf. Umbruch, Neuanfang, Ende, was auch immer. So viel gleichzeitig und so gesund. Fortschritte noch und nöcher könnte man sagen. „Fortschritt“ sagt auch der Psychiater, als ich anspreche, dass ich die Medis zur Nacht reduzieren möchte. Ich frage mich, wie ich eigentlich mit der viel höheren Dosis und dann auch noch morgens, mittags, abends und nachts, funktionieren konnte. Arbeiten konnte. „Fortschritt“ sagt er und vermutlich ist es das. Schon in der dbt habe ich die Medis reduziert, weil ich gemerkt habe, dass da keine hohe Anspannung mehr ist, die sie runter holen könnten. Nun habe ich also die Hälfte der Minidosis und schlafe trotzdem. Die ersten Nächte waren blöd und zu kurz und unruhig, aber nun schlafe ich eigentlich genauso gut (oder vielleicht auch besser). Vielleicht, wenn das mit dem Studium ein wenig mehr Routine ist, vielleicht lasse ich den Rest dann auch weg. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich richtig an. So im Großen und Ganzen. Vielleicht bin ich angekommen. Vielleicht ist das hier und jetzt genau der richtige Weg. Der neue Weg. Der gesunde Weg. Und weil es grade so gut passt gibt es laut und mit voller Wucht nun auf das Leben umme Ohren.

„Normal ist auch nur ein Wort.“

555 Tage ohne Selbstverletzung. Eine weitere schöne Zahl, ein weiterer Grund stolz zu sein und zu feiern.

Und passend dazu ein paar tolle Worte von Nicholas Müller.

Sie haben einmal gesagt: ‚Normal ist auch nur ein Wort.‘ Hat der Begriff für Sie überhaupt eine Bedeutung?:

Nur in Alltagsdingen. Normal druckt man auf Waschmittelverpackungen, wenn 25 Prozent mehr Inhalt ‚als normal‘ drin steckt. Klar, ich habe mir zwischenzeitlich nichts mehr als Normalität gewünscht. Aber letzten Endes ist das eine Definitionssache. So, wie ich jetzt bin, wie ich lebe, fühle ich mich normal. Aber das passt bestimmt nicht in die Schemata anderer Menschen. Normal ist ein Begriff, der impliziert, dass man funktioniert. Deswegen mag ich das Wort nicht. Wie man funktioniert, das fragen die wenigsten.

Nicholas Müller im stern-Interview.

Davor und danach

Vor einem Jahr verließ ich mit gepackten Koffern mein Zuhause. Vor einem Jahr drückte ich den Zitronenkater fest an mich, weil vor mir 14 Wochen dbt lagen, weil ich 14 Wochen lang nur ab und an über Nacht heimkehren würde.

Morgen wird es ein Jahr her sein, dass ich die Klinik betrat und mich auf die 14 Wochen dort einließ.

Seit einem Jahr gibt es ein Davor und ein Danach.

Ich habe immer noch Borderline. Aber ich habe auch ein Leben damit. Nicht mehr dagegen, sondern trotz und mit.

Manchmal komme ich nicht mit. Manchmal geht mir das alles zu schnell. sagte ich heute in der Therapie. Denn was sich in diesen 14 Wochen und seitdem getan hat ist so viel, manchmal viel zu viel für mich. Es ist so neu, so positiv. Auch wenn es diese beschissenen Momente immer noch gibt. Natürlich. Sie gehen nicht weh, plötzlich. Aber sie sind seltener. Anders. Damals habe ich den neuen Weg vorsichtig betreten. Zaghaft. Schritt für Schritt. In den letzten Monaten fühlt es sich an, als würde ich diesen Weg entlang stürmen, sprinten, keinen Halt mehr einlegen. Es passiert so viel gesundes, dass ich es kaum schaffe hinterher zu kommen.

Es ist ein Balanceakt. Immer und immer wieder und immer noch. Die Balance finden zwischen Kranksein und Gesundsein. Zwischen es ist gut und es darf nicht gut sein. Es gibt etwas dazwischen, zwischen all diesen Extremen. Das habe ich gelernt. Und diesen Mittelweg versuche ich gerade zu finden, versuche den Tanz auf dem Seil, gehe auf dem schmalen Grad zwischen schwarz und weiß.

Und es ist okay. Es ist okay, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass es zu schnell passiert. Es ist okay, dass ich mich manchmal in die Sicherheit flüchten will, die mir die Selbstverletzung, die Suizidgedanken und all das gegeben haben. Es ist okay, dass ich mich nach dem sehne, dass so lange mein Leben bestimmt hat. Aber es ist auch okay, dass ich einen anderen Weg gehe. Und es ist okay Angst zu haben. Und es ist okay mich auch gleichzeitig darauf zu freuen.

Ein bisschen mehr als 5 Wochen. Dann geht es los. Dann startet, was vor einem Jahr nicht mehr als ein Gedanke in meinen Kopf war, ein Gedanke, der so unrealistisch schien.

1 Jahr ist vergangen. Seitdem habe ich eine zweite Heimat gefunden. Menschen, die für mich Halt und Familie sind. Und ich gehe meinen Weg. Den neuen Weg. Mit Angst. Aber auch mit Stolz.

Wer zu nah zur Sonne fliegt, muss verstehen, dass manchmal das Feuer siegt

Dbt-Stadt. ❤️ Es ist ein Gefühl von „nach Hause kommen“, denn im letzten Jahr wuchs mir die Stadt ans Herz in den 3,5 Monaten, die ich hier verbrachte. Ich mag die Stadt mit der Fußgängerzone und dem vielen Grün überall, die Cafés und Plätze. Und nicht zuletzt liebe ich diese Stadt, weil hier einige wunderbare Menschen leben, die in den letzten Monaten mein Leben unglaublich bereichert und bunter gemacht haben. Ich mag den Dialekt hier, weil er mich an meine Kindheit erinnert und mittlerweile auch keine negativen Dinge mehr triggert, sondern mich schmunzeln lässt, weil ich den Dialekt mit dem ich so viele Jahre lang aufwuchs immer noch nicht ganz los bin, meinen Heimatdialekt oft noch damit ergänze und hier schnell wieder meinen Dialekt „vergesse“. Ich mag die Stadt, weil sie mein Leben verändert hat, nicht als Stadt selbst, sondern durch die dbt und die Menschen, die ich kennen lernen durfte.

Das Klinikgelände, die Klinik und letztendlich die Station zu betreten, die für 14 Wochen mein „Zuhause“ war fühlt sich nach wie vor seltsam an. Eine Mischung aus Gewohnheit und fremdem, aus Sicherheit und Wehmut. Kein schlechtes Gefühl, aber immer noch merkwürdig und neu.

Es ist schön die bekannten Gesichter im Dienst auf Station zu treffen, Hände zu schütteln und die Freude zu spüren, dass man mal vorbei kommt und Positives berichtet.

Und am wertvollsten sind die Menschen, die ich drücke und umarme und knutsche und bei mir habe. Und dabei auch die beiden Mädels im Herzen dabei zu haben, die leider nicht hier sein können.

Am Donnerstagmorgen bin ich mehr aus der Wohnung und Richtung Hauptstadt getorkelt als gegangen und gefahren. Die Nacht war mit 1 ½ Stunden Schlaf viel zu kurz. Mit Mühe schaffe ich den Weg vom daheim zum Bus, zum Bahnhof, zur Straßenbahn und zum Psychiater. Als ich aus dem Aufzug trete renne ich in eine Menschenmasse. Ich möchte in Tränen ausbrechen, umdrehen und fliehen. Doch auf die letzten Meter des Dauerkrankenscheins nun eine Lücke haben ist blöd, also bahne ich mir meinen Weg in die Praxis und ziehe eine Nummer. 035. Die Arzthelferin, die schon kurz vorm Nervenzusammenbruch steht, weil sie die Flut an Patienten allein bewältigen muss, ruft nach der Nummer 8. Und ich muss wieder die Tränen nieder kämpfen, denn es überfordert mich völlig zwischen diesen ganzen Menschen zu sein, warten zu müssen.

„Ich hab ein wenig Mist gebaut“ murmle ich, als ich meinem Psychiater gegenüber sitze. Sein Blick fällt automatisch auf meine Arme, er zieht skeptisch eine Augenbraue hoch, als ihm auffällt, dass ich lange Ärmel trage.

„Nee. Nicht diesen Mist.“ Und dann erzähle ich ihm von den vergessenen Medis, von den Symptomen und von der Krisenintervention. Er schüttelt immer wieder den Kopf, fragt nach, ob ich tatsächlich von der Dosis komplett auf 0 bin, fragt mehrfach nach ob die in der Klinik wirklich so schnell wieder hoch gegangen sind. Ich soll mir Zeit lassen mit der letzten Dosissteigerung meint er, wenn ich merke, dass mein Körper nicht mit macht.

Danach zu meiner Mutter zu kommen stellt sich als große Herausforderung dar. WM-Rallye. Der deutsche Lauf findet bei uns statt, die Stadtautobahn ist gesperrt, die Innenstadt auch teilweise. Über eine Stunde warte ich auf einen Bus, der eigentlich alle 10 Minuten fährt.

Um 16.30 Uhr bin ich verabredet mit dem Mann einer Mitpatientin aus der dbt. Doch auch er muss mit der gesperrten Stadt kämpfen und bis wir endlich mit dem Auto raus sind aus der Stadt vergehen gefühlt mehrere Stunden.

Abends kann ich dann endlich die Muddi an mich drücken und quietschen und mit ihr draußen sitzen und reden und lachen und mich einfach gut fühlen.

Am Freitagmorgen fahren wir gemeinsam in die Dbt-Stadt, überraschen Puffi und treffen auf A. und B., sagen der Station Hallo und verbringen einen tollen Tag gemeinsam, rennen durch den Regen und verstecken uns im Raucherpavillon vor dem Unwetter, dass über die Stadt fegt.

Bei A. und Puffi schlafe ich dann auch, wir machen uns schöne Stunden daheim und in der Stadt und beim Kartenspielen draußen in der Sonne. Es tut gut tolle Menschen um mich zu haben, einfach ich sein zu können, nichts erklären zu müssen.

Nun sitze ich im Bus auf der altbekannten Linie in Richtung nach Hause. Bald werden wir über die Grenze fahren und mit jeder Minute bin ich weiter weg von der Dbt-Stadt und näher an meiner Heimat. Die Tage taten unglaublich gut, haben mich auftanken und durchatmen lassen, grade nach dem Chaos der letzten Woche. Lange habe ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt wie in diesen Tagen hier. Wenn ich wieder komme, dann werde ich offiziell Studentin sein.

Und so lasse ich mit der Stadt auch ein Stück Vergangenheit hinter mir und starte in die letzten Wochen „krank sein“.

Und die Zeit fängt wieder an das zu tun, was sie am besten kann

Im Vorbeigehen heilt sie meine Narben

Und ich kann nur darauf warten, dass sie sich beeilt und irgendwann wird im Vorbeigehen

Schwarz-Weiß wieder Farbe

Wer hätte das gedacht…

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“ meint Pfleger Kai heute lächelnd, als ich am Pflegestützpunkt lehne und ihm von den 491 Tagen ohne Selbstverletzung berichte. „Und wer hätte das vor 2 ½ Jahren gedacht, dass ich nun studieren gehe…“ antworte ich, ebenfalls lächelnd.

Er meint, dass ich mir was drauf einbilden kann, dass ich einen der Studienplätze habe, auf den sich über 10 Menschen beworben haben. Über 1000 Bewerber auf ungefähr 100 Plätze, ich fasse es immer noch nicht wirklich.

Und so stehe ich auf der Station, die so lange quasi Mittelpunkt meines Lebens war, werde ein kleines bisschen sentimental und bin stolz auf mich.

„Vielleicht haben wir dann ja doch irgendwas richtig gemacht“ meint Pfleger Kai. Und das haben sie. Auch wenn es manchmal heute noch beschissen ist und ich alles hinwerfen mag, so ist es doch so sehr anders als damals. Ich bin dem Team unglaublich dankbar. Für all die Momente, in denen ich sie gehasst habe. Und natürlich für all die Momente, in denen sie einfach da waren. Vielleicht schreibe ich ihnen das. Wenn das Studium beginnt, wenn ich tatsächlich in der Uni sitze, wenn mein Leben tatsächlich weiter geht.

Es wird immer wieder Abstürze geben. Tiefpunkte. Doch da ist nun ein neuer Halt. Ein neues Ziel. Etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Kämpfen für meinen Traum, für mein Ziel. Es geht weiter und ich bin froh darüber.

Ich habe diese Zeit gebraucht. Ich habe Zeit gebraucht um wieder auf die Beine zu kommen, um klar zu kommen, um mich selbst zu finden und einen Weg mit dem Trauma umzugehen, es zu akzeptieren, anfangen es zu verarbeiten. So scheiße es war so komplett abzustürzen, so hatte es nicht nur negative Seiten. Ich habe unglaublich viel gekämpft in diesen ganzen Monaten, unglaublich viel gelernt und wundervolle Menschen kennen gelernt. Ich bin stärker geworden und ich weiß, welchen Weg ich gehen möchte.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles nur ein Traum ist. Dass ich aufwache und feststelle, dass ich doch nicht studieren gehe, dass ich doch immer noch in so einem Loch hänge. Es wird noch dauern, bis ich das wirklich realisiert habe. Vermutlich werde ich es erst richtig fassen können, wenn ich dann tatsächlich auf dem Campus stehe, wenn ich in meiner ersten Vorlesung sitze.

Zwischendurch blitzt immer wieder der Gedanke auf, dass es nicht sein kann. Dass es nicht sein darf. Dass es mir nicht gut gehen darf, dass ich das nicht aushalte. Ich kämpfe dagegen, versuche diese Gedanken auszuhalten und mir zu sagen, dass die Gefühle da nicht hin gehören. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Früher hätte ich mich verletzen müssen, weil ich das nicht aushalte. Weil es nicht sein kann, dass es gut läuft. Dass es funktioniert.

Ich habe so viel gelernt in dieser ganzen Zeit.

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“

Es endet. Es beginnt neu.

Seit Januar 2015 bin ich krank geschrieben.

Im Februar 2015 versuchte ich mir das Leben zu nehmen.

Im März 2015 bekam ich die Kündigung.

Ich war unzählige Male zur stationären Krisenintervention.

Ich war unzählige Male in der Notfallchirurgie zum Nähen und habe mich noch öfter selbst verletzt.

Ich habe keine Zukunft gesehen, keine Hoffnung gehabt.

Ich habe 14 Wochen DBT gemacht.

Ich habe 7 Wochen Reha mit Traumatherapieschwerpunkt gemacht.

Über 2 Jahre sind vergangen. Über 2 Jahre, in denen ich „hauptberuflich krank“ war. Über 2 Jahre, in denen meine Krankheit mein Leben bestimmte.

Es endet. Es beginnt neu.

Ich werde studieren gehen. Ich habe tatsächlich eine Zusage bekommen. Ich habe einen Studienplatz und kann mich immatrikulieren.

Neuanfang. Fortschritt. Weiter gehen.

Es endet.

Es beginnt neu.

Kurzurlaub 

Ich sitze im knallgrünen Fernbus, die Sonne geht langsam hinter den Hügeln der Vogesen unter und ich bin wieder auf dem Weg nach Hause. 

Am Freitag musste ich früh aus dem Haus, da Dank der Baustelle an der Bahnstrecke die Fahrerei derzeit ein wenig komplizierter ist. Voll bepackt bin ich dann bei meiner Therapeutin aufgeschlagen. Ich habe ihr von den furchtbaren Tagen und Stunden erzählt in der letzten Zeit, habe ein wenig von meiner verkorksten Familie erzählt und habe sie sprachlos gemacht mit einigen Dingen, die ich über mich selbst, den Missbrauch und die vergangenen Tage erzählt habe. Sie kommt aktuell noch nicht so wirklich mit mit meinen Therapieerfolgen, schüttelt verwundert den Kopf wenn ich von Selbstfürsorge rede oder kurz auf traumatische Dinge eingehe, ohne dabei völlig wegzudriften oder Worte zu suchen oder das Thema direkt von Anfang an zu meiden. Es war erst die dritte Sitzung seit der dbt, die zweite seit der Traumatherapie. 

Danach mache ich mich auf direktem Weg auf zum Fernreisebusbahnhof (was ein Wort!), steige kurz darauf in den Bus und bin auf dem Weg in die dbt-Stadt. Mit jedem Kilometer werde ich hibbeliger und muss mich beherrschen, um den Busfahrer nicht anzufeuern ein wenig mehr Gas zu geben. Dann kommt die Autobahnabfahrt, dann die Stadt und dann der Busbahnhof in Sicht und kurz darauf drücke ich F. und A. an mich. 

Am Samstag sammeln wir noch C. und M. auf, verbringen Zeit in der Stadt bis Ch. zu uns stößt und wir endlich wieder komplett sind, endlich wieder alle zusammen, bis wir uns drücken und quietschen und freuen und nicht mehr aus lachen und freuen und allem raus kommen. Wir verbringen einen wunderschönen Tag zusammen, schocken einen der Pfleger auf Station, weil wir plötzlich alle dort auftauchen (er hat sich aber auch kurz darauf vom Schock erholt und sehr gefreut), sitzen zusammen im botanischen Garten und essen, machen Fotos und malen die Straße vor der Klinik mit Kreide an. Irgendwann wird es leider wieder Zeit für den Abschied, Ch. und M. fahren wieder, während wir verbliebenen 4 noch Zeit miteinander verbringen bis C. zurück in die Klinik muss. 

Den Sonntag verbringen wir dann größtenteils zu viert, bis F. dann auch wieder auf Richtung Heimat muss. Am Abend verabschiede ich mich für die Nacht dann auch von C., mit A. bastel ich und mampfe und schaue TV. 

Heute morgen bin ich dann los gezogen und habe die liebe fylgja besucht und gemeinsam mit ihr zu ihrem Geburtstag gebruncht, geraucht und gequatscht. 

Und dann hieß es auch schon wieder Sachen packen und mit A. noch zu C. in die Klinik. In der Klinik bin ich dann erst den so gewohnten Weg in den zweiten Stock des Nebengebäudes gegangen und habe meiner ehemaligen Therapeutin Fr. K. einen Besuch abgestattet. Ich saß in ihrem Büro, habe erzählt, von uns Mädels, von mir, von der schweren Zeit vor dem Wochenende und auch, dass diese fruchtbaren Tage dazu gut waren mir zu zeigen, wie verdammt viel ich eigentlich schon erreicht habe. Ich schaffe es trotzdem noch irgendwie für mich zu sorgen, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen, ich bin in keine suizidale Krise gestürzt, ich habe mich nicht verletzt. Sie freut sich über meinen Besuch und meine Erzählungen. 

Irgendwann muss A. los und ich drücke sie fest zum Abschied, verbringe noch ein wenig Zeit mit C., bis sie mich bis zur Straßenbahn begleitet und ich auch sie ein letztes Mal drücke. Kurz darauf bin ich am Bahnhof und steige ein wenig später in den Bus, der mich wieder zu meiner Hauptstadt tragen wird. 

Die Tage waren so unglaublich schön. Ich habe jeden Moment aufgesaugt, habe jedes Lachen und Kichern und Umarmen und jedes Gespräch und auch die ernsten Momente so genossen. Unsere kleine Gang gibt mir so viel Kraft und Rückhalt und Energie und Wärme und es tat unglaublich gut mit Menschen unterwegs zu sein, denen man nicht erst stundenlang etwas erklären muss, Menschen, die einen verstehen und so nehmen wie man ist und die den schweren Weg durch die dbt mit einem gemeinsam gegangen sind. Und es war auch schön fylgja wieder zu sehen, weil ich sie und unsere Gespräche unglaublich mag und die gemeinsame Zeit genieße. 

Ich fahre also mit vielen tollen Momenten im Gepäck zurück in die Heimat, voller Wärme und auch mit Zuversicht, dass es nun wieder bergauf gehen wird. Auch wenn ich unglaublich traurig bin, weil ich nun diese Menschen nicht bei mir habe. Aber ich weiß ja, wo ich sie finden kann und dass sie trotz der Entfernung immer ganz nah sind. 

Und so sehr der Abschied schmerzt, so freue ich mich doch auf den verrückten Zitronenkater und die Meeris und mein Zuhause und auch auf die Menschen dort in der Nähe. 

Ein wenig Farbe

Heute gab es ein wenig Licht in der Dunkelheit, ein wenig Farbe in der aktuellen Schwärze. 

Ich war zuerst mit N. in der Stadt Eis essen und die Sonne genießen, anschließend ging es dann zum Tintenmann. Nun habe ich also wieder frisch Farbe unter der Haut, habe meine Belohnung für das Jahr auf dem Arm. 

Die Farbe sieht momentan noch nicht so ‚gut‘ aus, das letztendliche Resultat gibt es erst in 3 bis 4 Wochen, wenn es verheilt ist. Aber es gefällt mir trotzdem schon. 

Und so gehe ich heute zum ersten Mal seit über einem Jahr wieder mit schmerzenden Wunden ins Bett. Wenn auch aus anderen Gründen. 

Tinte. 

In den letzten Tagen klappt es wieder aktiver zu sein. Auch wenn die Antriebslosigkeit mich oft noch lähmt, ich kriege einige Dinge mittlerweile doch wieder auf die Reihe, schlafe und esse wieder halbwegs normal und gewinne in kleinen Schritten die Macht über das Chaos in meinen vier Wänden. 

Bald gibt es dann auch die Belohnung für mein Jahr ohne Selbstverletzung. Der Termin für die Tinte unter die Haut steht, ich bin schon furchtbar aufgeregt und würde am liebsten direkt loslegen. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, denn seit die Idee des Tattoos in meinem Kopf ist war klar, dass ich auch ein Semikolon dabei haben möchte. Ich fand die Idee hinter dem project semicolon von Anfang an toll. Umso trauriger ist es, dass die Gründerin der Idee und letztendlich auch der Organisation vor einigen Tagen starb – durch Suizid. Es ist schade, denn sie hat so vielen Menschen dadurch Halt und Mut gegeben, auch mir. 

Ab nächster Woche werde ich wieder in die Reha-Klinik fahren, zur Nachsorge. Zweimal die Woche findet eine Gruppe statt, ich bin gespannt was mich dort erwartet. Vielleicht habe ich ja irgendwann auch mal Zeit noch beim Therapeuten vorbei zu schauen. 

Und so vergehen die Tage und ich bin erstaunt, dass ich so wenig Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken habe. Es ist, bis auf sie Antriebslosigkeit, ziemlich stabil in den letzten Tagen und ich bin froh, dass ich mich von mir selbst erholen kann. Vor der dbt gab es solche Zeiten kaum, vor allem nicht über mehrere Tage. Doch an Selbstverletzung habe ich nun wirklich nicht mehr gedacht und es ist erstaunlich, wie wenig es mir aktuell fehlt. Und da heute sowieso nichts im TV läuft und ich auch ziemlich erledigt bin, werde ich jetzt mit Buch ins Bett wandern und noch ein wenig lesen, denn das habe ich in letzter Zeit viel zu wenig getan.