Wer zu nah zur Sonne fliegt, muss verstehen, dass manchmal das Feuer siegt

Dbt-Stadt. ❤️ Es ist ein Gefühl von „nach Hause kommen“, denn im letzten Jahr wuchs mir die Stadt ans Herz in den 3,5 Monaten, die ich hier verbrachte. Ich mag die Stadt mit der Fußgängerzone und dem vielen Grün überall, die Cafés und Plätze. Und nicht zuletzt liebe ich diese Stadt, weil hier einige wunderbare Menschen leben, die in den letzten Monaten mein Leben unglaublich bereichert und bunter gemacht haben. Ich mag den Dialekt hier, weil er mich an meine Kindheit erinnert und mittlerweile auch keine negativen Dinge mehr triggert, sondern mich schmunzeln lässt, weil ich den Dialekt mit dem ich so viele Jahre lang aufwuchs immer noch nicht ganz los bin, meinen Heimatdialekt oft noch damit ergänze und hier schnell wieder meinen Dialekt „vergesse“. Ich mag die Stadt, weil sie mein Leben verändert hat, nicht als Stadt selbst, sondern durch die dbt und die Menschen, die ich kennen lernen durfte.

Das Klinikgelände, die Klinik und letztendlich die Station zu betreten, die für 14 Wochen mein „Zuhause“ war fühlt sich nach wie vor seltsam an. Eine Mischung aus Gewohnheit und fremdem, aus Sicherheit und Wehmut. Kein schlechtes Gefühl, aber immer noch merkwürdig und neu.

Es ist schön die bekannten Gesichter im Dienst auf Station zu treffen, Hände zu schütteln und die Freude zu spüren, dass man mal vorbei kommt und Positives berichtet.

Und am wertvollsten sind die Menschen, die ich drücke und umarme und knutsche und bei mir habe. Und dabei auch die beiden Mädels im Herzen dabei zu haben, die leider nicht hier sein können.

Am Donnerstagmorgen bin ich mehr aus der Wohnung und Richtung Hauptstadt getorkelt als gegangen und gefahren. Die Nacht war mit 1 ½ Stunden Schlaf viel zu kurz. Mit Mühe schaffe ich den Weg vom daheim zum Bus, zum Bahnhof, zur Straßenbahn und zum Psychiater. Als ich aus dem Aufzug trete renne ich in eine Menschenmasse. Ich möchte in Tränen ausbrechen, umdrehen und fliehen. Doch auf die letzten Meter des Dauerkrankenscheins nun eine Lücke haben ist blöd, also bahne ich mir meinen Weg in die Praxis und ziehe eine Nummer. 035. Die Arzthelferin, die schon kurz vorm Nervenzusammenbruch steht, weil sie die Flut an Patienten allein bewältigen muss, ruft nach der Nummer 8. Und ich muss wieder die Tränen nieder kämpfen, denn es überfordert mich völlig zwischen diesen ganzen Menschen zu sein, warten zu müssen.

„Ich hab ein wenig Mist gebaut“ murmle ich, als ich meinem Psychiater gegenüber sitze. Sein Blick fällt automatisch auf meine Arme, er zieht skeptisch eine Augenbraue hoch, als ihm auffällt, dass ich lange Ärmel trage.

„Nee. Nicht diesen Mist.“ Und dann erzähle ich ihm von den vergessenen Medis, von den Symptomen und von der Krisenintervention. Er schüttelt immer wieder den Kopf, fragt nach, ob ich tatsächlich von der Dosis komplett auf 0 bin, fragt mehrfach nach ob die in der Klinik wirklich so schnell wieder hoch gegangen sind. Ich soll mir Zeit lassen mit der letzten Dosissteigerung meint er, wenn ich merke, dass mein Körper nicht mit macht.

Danach zu meiner Mutter zu kommen stellt sich als große Herausforderung dar. WM-Rallye. Der deutsche Lauf findet bei uns statt, die Stadtautobahn ist gesperrt, die Innenstadt auch teilweise. Über eine Stunde warte ich auf einen Bus, der eigentlich alle 10 Minuten fährt.

Um 16.30 Uhr bin ich verabredet mit dem Mann einer Mitpatientin aus der dbt. Doch auch er muss mit der gesperrten Stadt kämpfen und bis wir endlich mit dem Auto raus sind aus der Stadt vergehen gefühlt mehrere Stunden.

Abends kann ich dann endlich die Muddi an mich drücken und quietschen und mit ihr draußen sitzen und reden und lachen und mich einfach gut fühlen.

Am Freitagmorgen fahren wir gemeinsam in die Dbt-Stadt, überraschen Puffi und treffen auf A. und B., sagen der Station Hallo und verbringen einen tollen Tag gemeinsam, rennen durch den Regen und verstecken uns im Raucherpavillon vor dem Unwetter, dass über die Stadt fegt.

Bei A. und Puffi schlafe ich dann auch, wir machen uns schöne Stunden daheim und in der Stadt und beim Kartenspielen draußen in der Sonne. Es tut gut tolle Menschen um mich zu haben, einfach ich sein zu können, nichts erklären zu müssen.

Nun sitze ich im Bus auf der altbekannten Linie in Richtung nach Hause. Bald werden wir über die Grenze fahren und mit jeder Minute bin ich weiter weg von der Dbt-Stadt und näher an meiner Heimat. Die Tage taten unglaublich gut, haben mich auftanken und durchatmen lassen, grade nach dem Chaos der letzten Woche. Lange habe ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt wie in diesen Tagen hier. Wenn ich wieder komme, dann werde ich offiziell Studentin sein.

Und so lasse ich mit der Stadt auch ein Stück Vergangenheit hinter mir und starte in die letzten Wochen „krank sein“.

Und die Zeit fängt wieder an das zu tun, was sie am besten kann

Im Vorbeigehen heilt sie meine Narben

Und ich kann nur darauf warten, dass sie sich beeilt und irgendwann wird im Vorbeigehen

Schwarz-Weiß wieder Farbe

Wer hätte das gedacht…

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“ meint Pfleger Kai heute lächelnd, als ich am Pflegestützpunkt lehne und ihm von den 491 Tagen ohne Selbstverletzung berichte. „Und wer hätte das vor 2 ½ Jahren gedacht, dass ich nun studieren gehe…“ antworte ich, ebenfalls lächelnd.

Er meint, dass ich mir was drauf einbilden kann, dass ich einen der Studienplätze habe, auf den sich über 10 Menschen beworben haben. Über 1000 Bewerber auf ungefähr 100 Plätze, ich fasse es immer noch nicht wirklich.

Und so stehe ich auf der Station, die so lange quasi Mittelpunkt meines Lebens war, werde ein kleines bisschen sentimental und bin stolz auf mich.

„Vielleicht haben wir dann ja doch irgendwas richtig gemacht“ meint Pfleger Kai. Und das haben sie. Auch wenn es manchmal heute noch beschissen ist und ich alles hinwerfen mag, so ist es doch so sehr anders als damals. Ich bin dem Team unglaublich dankbar. Für all die Momente, in denen ich sie gehasst habe. Und natürlich für all die Momente, in denen sie einfach da waren. Vielleicht schreibe ich ihnen das. Wenn das Studium beginnt, wenn ich tatsächlich in der Uni sitze, wenn mein Leben tatsächlich weiter geht.

Es wird immer wieder Abstürze geben. Tiefpunkte. Doch da ist nun ein neuer Halt. Ein neues Ziel. Etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Kämpfen für meinen Traum, für mein Ziel. Es geht weiter und ich bin froh darüber.

Ich habe diese Zeit gebraucht. Ich habe Zeit gebraucht um wieder auf die Beine zu kommen, um klar zu kommen, um mich selbst zu finden und einen Weg mit dem Trauma umzugehen, es zu akzeptieren, anfangen es zu verarbeiten. So scheiße es war so komplett abzustürzen, so hatte es nicht nur negative Seiten. Ich habe unglaublich viel gekämpft in diesen ganzen Monaten, unglaublich viel gelernt und wundervolle Menschen kennen gelernt. Ich bin stärker geworden und ich weiß, welchen Weg ich gehen möchte.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles nur ein Traum ist. Dass ich aufwache und feststelle, dass ich doch nicht studieren gehe, dass ich doch immer noch in so einem Loch hänge. Es wird noch dauern, bis ich das wirklich realisiert habe. Vermutlich werde ich es erst richtig fassen können, wenn ich dann tatsächlich auf dem Campus stehe, wenn ich in meiner ersten Vorlesung sitze.

Zwischendurch blitzt immer wieder der Gedanke auf, dass es nicht sein kann. Dass es nicht sein darf. Dass es mir nicht gut gehen darf, dass ich das nicht aushalte. Ich kämpfe dagegen, versuche diese Gedanken auszuhalten und mir zu sagen, dass die Gefühle da nicht hin gehören. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Früher hätte ich mich verletzen müssen, weil ich das nicht aushalte. Weil es nicht sein kann, dass es gut läuft. Dass es funktioniert.

Ich habe so viel gelernt in dieser ganzen Zeit.

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“

Es endet. Es beginnt neu.

Seit Januar 2015 bin ich krank geschrieben.

Im Februar 2015 versuchte ich mir das Leben zu nehmen.

Im März 2015 bekam ich die Kündigung.

Ich war unzählige Male zur stationären Krisenintervention.

Ich war unzählige Male in der Notfallchirurgie zum Nähen und habe mich noch öfter selbst verletzt.

Ich habe keine Zukunft gesehen, keine Hoffnung gehabt.

Ich habe 14 Wochen DBT gemacht.

Ich habe 7 Wochen Reha mit Traumatherapieschwerpunkt gemacht.

Über 2 Jahre sind vergangen. Über 2 Jahre, in denen ich „hauptberuflich krank“ war. Über 2 Jahre, in denen meine Krankheit mein Leben bestimmte.

Es endet. Es beginnt neu.

Ich werde studieren gehen. Ich habe tatsächlich eine Zusage bekommen. Ich habe einen Studienplatz und kann mich immatrikulieren.

Neuanfang. Fortschritt. Weiter gehen.

Es endet.

Es beginnt neu.

Kurzurlaub 

Ich sitze im knallgrünen Fernbus, die Sonne geht langsam hinter den Hügeln der Vogesen unter und ich bin wieder auf dem Weg nach Hause. 

Am Freitag musste ich früh aus dem Haus, da Dank der Baustelle an der Bahnstrecke die Fahrerei derzeit ein wenig komplizierter ist. Voll bepackt bin ich dann bei meiner Therapeutin aufgeschlagen. Ich habe ihr von den furchtbaren Tagen und Stunden erzählt in der letzten Zeit, habe ein wenig von meiner verkorksten Familie erzählt und habe sie sprachlos gemacht mit einigen Dingen, die ich über mich selbst, den Missbrauch und die vergangenen Tage erzählt habe. Sie kommt aktuell noch nicht so wirklich mit mit meinen Therapieerfolgen, schüttelt verwundert den Kopf wenn ich von Selbstfürsorge rede oder kurz auf traumatische Dinge eingehe, ohne dabei völlig wegzudriften oder Worte zu suchen oder das Thema direkt von Anfang an zu meiden. Es war erst die dritte Sitzung seit der dbt, die zweite seit der Traumatherapie. 

Danach mache ich mich auf direktem Weg auf zum Fernreisebusbahnhof (was ein Wort!), steige kurz darauf in den Bus und bin auf dem Weg in die dbt-Stadt. Mit jedem Kilometer werde ich hibbeliger und muss mich beherrschen, um den Busfahrer nicht anzufeuern ein wenig mehr Gas zu geben. Dann kommt die Autobahnabfahrt, dann die Stadt und dann der Busbahnhof in Sicht und kurz darauf drücke ich F. und A. an mich. 

Am Samstag sammeln wir noch C. und M. auf, verbringen Zeit in der Stadt bis Ch. zu uns stößt und wir endlich wieder komplett sind, endlich wieder alle zusammen, bis wir uns drücken und quietschen und freuen und nicht mehr aus lachen und freuen und allem raus kommen. Wir verbringen einen wunderschönen Tag zusammen, schocken einen der Pfleger auf Station, weil wir plötzlich alle dort auftauchen (er hat sich aber auch kurz darauf vom Schock erholt und sehr gefreut), sitzen zusammen im botanischen Garten und essen, machen Fotos und malen die Straße vor der Klinik mit Kreide an. Irgendwann wird es leider wieder Zeit für den Abschied, Ch. und M. fahren wieder, während wir verbliebenen 4 noch Zeit miteinander verbringen bis C. zurück in die Klinik muss. 

Den Sonntag verbringen wir dann größtenteils zu viert, bis F. dann auch wieder auf Richtung Heimat muss. Am Abend verabschiede ich mich für die Nacht dann auch von C., mit A. bastel ich und mampfe und schaue TV. 

Heute morgen bin ich dann los gezogen und habe die liebe fylgja besucht und gemeinsam mit ihr zu ihrem Geburtstag gebruncht, geraucht und gequatscht. 

Und dann hieß es auch schon wieder Sachen packen und mit A. noch zu C. in die Klinik. In der Klinik bin ich dann erst den so gewohnten Weg in den zweiten Stock des Nebengebäudes gegangen und habe meiner ehemaligen Therapeutin Fr. K. einen Besuch abgestattet. Ich saß in ihrem Büro, habe erzählt, von uns Mädels, von mir, von der schweren Zeit vor dem Wochenende und auch, dass diese fruchtbaren Tage dazu gut waren mir zu zeigen, wie verdammt viel ich eigentlich schon erreicht habe. Ich schaffe es trotzdem noch irgendwie für mich zu sorgen, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen, ich bin in keine suizidale Krise gestürzt, ich habe mich nicht verletzt. Sie freut sich über meinen Besuch und meine Erzählungen. 

Irgendwann muss A. los und ich drücke sie fest zum Abschied, verbringe noch ein wenig Zeit mit C., bis sie mich bis zur Straßenbahn begleitet und ich auch sie ein letztes Mal drücke. Kurz darauf bin ich am Bahnhof und steige ein wenig später in den Bus, der mich wieder zu meiner Hauptstadt tragen wird. 

Die Tage waren so unglaublich schön. Ich habe jeden Moment aufgesaugt, habe jedes Lachen und Kichern und Umarmen und jedes Gespräch und auch die ernsten Momente so genossen. Unsere kleine Gang gibt mir so viel Kraft und Rückhalt und Energie und Wärme und es tat unglaublich gut mit Menschen unterwegs zu sein, denen man nicht erst stundenlang etwas erklären muss, Menschen, die einen verstehen und so nehmen wie man ist und die den schweren Weg durch die dbt mit einem gemeinsam gegangen sind. Und es war auch schön fylgja wieder zu sehen, weil ich sie und unsere Gespräche unglaublich mag und die gemeinsame Zeit genieße. 

Ich fahre also mit vielen tollen Momenten im Gepäck zurück in die Heimat, voller Wärme und auch mit Zuversicht, dass es nun wieder bergauf gehen wird. Auch wenn ich unglaublich traurig bin, weil ich nun diese Menschen nicht bei mir habe. Aber ich weiß ja, wo ich sie finden kann und dass sie trotz der Entfernung immer ganz nah sind. 

Und so sehr der Abschied schmerzt, so freue ich mich doch auf den verrückten Zitronenkater und die Meeris und mein Zuhause und auch auf die Menschen dort in der Nähe. 

Ein wenig Farbe

Heute gab es ein wenig Licht in der Dunkelheit, ein wenig Farbe in der aktuellen Schwärze. 

Ich war zuerst mit N. in der Stadt Eis essen und die Sonne genießen, anschließend ging es dann zum Tintenmann. Nun habe ich also wieder frisch Farbe unter der Haut, habe meine Belohnung für das Jahr auf dem Arm. 

Die Farbe sieht momentan noch nicht so ‚gut‘ aus, das letztendliche Resultat gibt es erst in 3 bis 4 Wochen, wenn es verheilt ist. Aber es gefällt mir trotzdem schon. 

Und so gehe ich heute zum ersten Mal seit über einem Jahr wieder mit schmerzenden Wunden ins Bett. Wenn auch aus anderen Gründen. 

Tinte. 

In den letzten Tagen klappt es wieder aktiver zu sein. Auch wenn die Antriebslosigkeit mich oft noch lähmt, ich kriege einige Dinge mittlerweile doch wieder auf die Reihe, schlafe und esse wieder halbwegs normal und gewinne in kleinen Schritten die Macht über das Chaos in meinen vier Wänden. 

Bald gibt es dann auch die Belohnung für mein Jahr ohne Selbstverletzung. Der Termin für die Tinte unter die Haut steht, ich bin schon furchtbar aufgeregt und würde am liebsten direkt loslegen. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, denn seit die Idee des Tattoos in meinem Kopf ist war klar, dass ich auch ein Semikolon dabei haben möchte. Ich fand die Idee hinter dem project semicolon von Anfang an toll. Umso trauriger ist es, dass die Gründerin der Idee und letztendlich auch der Organisation vor einigen Tagen starb – durch Suizid. Es ist schade, denn sie hat so vielen Menschen dadurch Halt und Mut gegeben, auch mir. 

Ab nächster Woche werde ich wieder in die Reha-Klinik fahren, zur Nachsorge. Zweimal die Woche findet eine Gruppe statt, ich bin gespannt was mich dort erwartet. Vielleicht habe ich ja irgendwann auch mal Zeit noch beim Therapeuten vorbei zu schauen. 

Und so vergehen die Tage und ich bin erstaunt, dass ich so wenig Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken habe. Es ist, bis auf sie Antriebslosigkeit, ziemlich stabil in den letzten Tagen und ich bin froh, dass ich mich von mir selbst erholen kann. Vor der dbt gab es solche Zeiten kaum, vor allem nicht über mehrere Tage. Doch an Selbstverletzung habe ich nun wirklich nicht mehr gedacht und es ist erstaunlich, wie wenig es mir aktuell fehlt. Und da heute sowieso nichts im TV läuft und ich auch ziemlich erledigt bin, werde ich jetzt mit Buch ins Bett wandern und noch ein wenig lesen, denn das habe ich in letzter Zeit viel zu wenig getan. 

1 Jahr 

Dieses Bild entstand, als ich anfing aufzuhören. Einer der ersten Smileys, die Pfleger Arschkeks mir damals auf den Arm malte. 

Und heute habe ich es tatsächlich geschafft, ich habe mich ein Jahr lang nicht verletzt. Verdammte 365 Tage, 52 Wochen, 12 Monate. 

Viel mehr gibt es heute nicht zu sagen. Außer: ich bin verdammt scheiße stolz! 

Wegfahren und Heimkehren 

Auf dem Weg zur Klinik renne ich fast in meine ehemalige Therapeutin, weil sie gerade den Supermarkt verlässt, in den wir rein wollen. Ich quietsche erst mal und freue mich, dass ich ihr zufällig nun schon über den Weg laufe und mir so die spätere Suche nach ihr spare. Wir reden ein wenig und es ist schön ein paar Worte mit ihr zu wechseln, ihr zu sagen, dass es wirklich okay ist momentan, es ist schön zu sehen, dass sie sich freut. 

Mich von Puffi zu verabschieden ist schmerzhaft, denn ich würde sie so gerne viel öfter sehen, ihr Halt geben und für sie da sein, nicht nur so aus der Entfernung. Ich drücke sie fest an mich mit Tränen in den Augen und wir versprechen uns, dass wir uns nächsten Monat wieder sehen. 

Als ich kurz auf der Station vorbei schneie, treffe ich im Pflegestützpunkt auf gefühlt die halbe Belegschaft der Station, freue mich, dass auch meine Bezugspflegerin da ist, erzähle ein wenig und ziehe noch kurz mit Mira vor die Türe um ein wenig zu quatschen und sie dann zum Abschied zu drücken. Wenn ich das nächste Mal in die dbt-Stadt fahre,l wird niemand mehr auf der Station sein den ich kenne, alle sind entlassen. 

Als ich mich schließlich am Bahnhof auch von A. verabschiede und in den Bus steige, würde ich am liebsten noch bleiben. So schön waren die Tage, so gut tat mir die Zeit. Doch ich muss wieder nach Hause, muss zu meinen Tierchen, muss mich um meinen Kram kümmern. 

Doch ich habe wieder einmal gemerkt, wie gut mir Wegfahren tut. Einfach ein paar Tage etwas anderes sehen, Dinge tun, die mir gut tun und etwas gestärkter wieder nach Hause kommen. Und ich werde das definitiv beibehalten, Kurztrips durch die Gegend, andere Orte und liebe Menschen sehen. 

Und so sitze ich lächelnd im Bus, lasse mich von der Sonne bescheinen, genieße die Musik auf den Ohren, während wir Kilometer um Kilometer zurück legen und die französische Landschaft am Fenster vorbei zieht. 

Laut Busfahrer liegen wir gut in der Zeit und erreichen meine Hauptstadt früher als geplant. Je nach Uhrzeit und Verbindung nach Hause hüpfe ich dann vielleicht noch kurz in der Hauptstadt in den Supermarkt und besorge etwas kleines zu essen für heute abend und Grünzeug für die Fellpopos. Der Herr Kater wird bei meinem Eintreffen zuhause vermutlich nur Millimeter entfernt vom Hungertod sein, also eigentlich wie immer. Ich freue mich auf ihn und sein Fell und seinen Geruch und sein Schnurren, freue mich auf das Quietschen der Fellpopos und auf meine Wohnung. Mittlerweile ist dieser Ort für mich Zuhause geworden, nicht zuletzt durch die Tiere. Und genauso wie ich das Wegfahren genieße, genieße ich auch das Heimkehren. 

In nicht mehr ganz einem Monat werde ich den Weg wieder in die andere Richtung fahren, werde die dbt-Stadt und die Menschen dort besuchen und mit A. gemeinsam unser Jahr ohne Selbstverletzung feiern. 

Wofür es sich zu leben lohnt

Ich sitze auf der Bank vor der Klinik, atme ein und aus und blicke auf den großen Baum vor meiner Nase. So oft saß ich an dieser Stelle während der dbt, in sämtlichen Gefühlslagen und Anspannungszustände. 

So sitze ich da, mit Zigarette und Energy, atme ein und aus und denke an den Moment, als ich zum ersten Mal dort saß, vor dem Vorgespräch, angespannt, panisch, kurz davor die Flucht zu ergreifen. 

Nun bin ich fast genauso lange wieder zuhause wie ich in der Klinik war. Fast 14 Wochen sind seit meiner Entlassung vergangen und es fühlt sich nach so viel mehr an. 7 Monate sind vergangen seit dem Beginn der dbt, 7 Monate, in denen so vieles passiert ist, sich so viel bewegt hat. Und auch in der Zeit danach hat sich so viel getan. Es ist teilweise für mich immer noch nicht nachvollziehen, dass sich in so kurzer Zeit soviel ändern kann und ich frage mich oft, ob da nicht doch irgendwann wieder der große Knall kommt und mich zurück wirft. Ich wage es kaum dem Frieden zu trauen, weil es so ungewohnt ist so zu leben. Ohne die 24/7 an Anspannung, ohne ständigen Selbstverletzungsdruck, ohne ständige Suizidgedanken. 

Ich sitze auf der Bank, lächle und bin tatsächlich einfach nur stolz. Ohne das Gefühl direkt wieder wegschieben zu wollen, ohne direkt Gründe zu suchen, die mir zeigen, dass ich noch so viel an mir arbeiten muss. Ich sitze einfach nur da und bin stolz auf mich, auf die vergangenen Wochen zuhause, auf die Traumatherapie, auf die dbt, auf die ganzen Jahre, die ich nun schon kämpfe und nicht aufgebe. Einfach stolz auf mich. 

Es fühlt sich merkwürdig an auf die Station zu gehen, die 14 Wochen meine Heimat war. Es fühlt sich merkwürdig an dort zu sein, auf den so bekannten Knopf im Aufzug zu drücken, die so bekannte Tür zu öffnen. Fremd und doch gleichzeitig so vertraut. 

Seit ich am Samstag hier ankam genieße ich jede Sekunde. Ich genieße die Zeit mit A., ich genieße die Momente alleine, die Zeit mit der lieben Mira, die Zeit mit Puffi und die Zeit, die C., A., Puffi und ich auf der Geschlossenen und dort im Garten verbringen. Ich genieße jeden Augenblick mit den tollen Menschen um mich rum und in dieser Stadt, die für mich ein Stück Freiheit bedeutet, weil hier der Weg in ein neues Leben seinen Anfang fand. 

Ich genieße es einfach zu lachen und verrückt zu sein und zu atmen und zu leben. Und es ist so unglaublich schön, dass ich das kann, dass ich weiter gekämpft habe für solche Momente. Denn genau diese Momente sind es, für die ich leben möchte. 

Vorbei 

Es ist vorbei. Ich wage es kaum diese Worte zu tippen, aus Angst, dass es vielleicht doch nicht vorbei ist. 

Der unglaubliche Selbstverletzungsdruck ist verschwunden. Das merke ich auf dem Weg von der Klinik zum Bus, während die Sonne mir ins Gesicht scheint und meine Jacke an meinem Beutel baumelt. Und es ist so unglaublich erleichternd, dass ich am liebsten laut jubeln würde. 

Die Gedanken und das körperliche Gefühl des Drucks haben mich nun eine Woche begleitet und es fühlt sich merkwürdig an, wenn es weniger wird. Es ist immer noch Selbstverletzungsdruck da, aber zum ersten Mal seit einer Woche schreibe ich heute eine 3 auf die diary card und keine 4 oder 5. Es fällt so vieles plötzlich von mir ab. 

Und, verdammt, ich bin stolz. Ich bin stolz auf mich, dass ich nicht aufgegeben habe, obwohl ich mehr als einmal so kurz davor war. Ja, ich bin wirklich stolz. 

Ich hoffe nun einfach, dass es erstmal reicht, dass es erstmal genug war. Ich brauche eine Pause, muss durchatmen, Kraft tanken. 

Morgen werde ich statt zur Klinik zu meinem Drogendealer fahren. Ich brauche mal wieder Medis und einen neuen Krankenschein und auch ein wenig einfach ihn und die Gewissheit, dass er einfach da ist. 

Und am Mittwoch werde ich dann meine Schlüssel in der Klinik abgegeben, mich von meinen Mitpatienten verabschieden, ein letztes Mal die Massage genießen und dann mein letztes Einzel haben. Es schmerzt ein wenig, denn manche Menschen werden mir fehlen, die Traumagruppe wird mir fehlen (inklusive Therapeutin), die Massage, die Gespräche mit dem Therapeuten. Doch ich freue mich auch, denn es ist ein weiteres Stückchen Weg, das ich hinter mich gebracht habe, ein klein wenig weniger Anstrengung in der nächsten Zeit, ein wenig Durchatmen. Mal sehen was die Zeit so bringen wird.