Ein wenig Farbe

Heute gab es ein wenig Licht in der Dunkelheit, ein wenig Farbe in der aktuellen Schwärze. 

Ich war zuerst mit N. in der Stadt Eis essen und die Sonne genießen, anschließend ging es dann zum Tintenmann. Nun habe ich also wieder frisch Farbe unter der Haut, habe meine Belohnung für das Jahr auf dem Arm. 

Die Farbe sieht momentan noch nicht so ‚gut‘ aus, das letztendliche Resultat gibt es erst in 3 bis 4 Wochen, wenn es verheilt ist. Aber es gefällt mir trotzdem schon. 

Und so gehe ich heute zum ersten Mal seit über einem Jahr wieder mit schmerzenden Wunden ins Bett. Wenn auch aus anderen Gründen. 

Tinte. 

In den letzten Tagen klappt es wieder aktiver zu sein. Auch wenn die Antriebslosigkeit mich oft noch lähmt, ich kriege einige Dinge mittlerweile doch wieder auf die Reihe, schlafe und esse wieder halbwegs normal und gewinne in kleinen Schritten die Macht über das Chaos in meinen vier Wänden. 

Bald gibt es dann auch die Belohnung für mein Jahr ohne Selbstverletzung. Der Termin für die Tinte unter die Haut steht, ich bin schon furchtbar aufgeregt und würde am liebsten direkt loslegen. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, denn seit die Idee des Tattoos in meinem Kopf ist war klar, dass ich auch ein Semikolon dabei haben möchte. Ich fand die Idee hinter dem project semicolon von Anfang an toll. Umso trauriger ist es, dass die Gründerin der Idee und letztendlich auch der Organisation vor einigen Tagen starb – durch Suizid. Es ist schade, denn sie hat so vielen Menschen dadurch Halt und Mut gegeben, auch mir. 

Ab nächster Woche werde ich wieder in die Reha-Klinik fahren, zur Nachsorge. Zweimal die Woche findet eine Gruppe statt, ich bin gespannt was mich dort erwartet. Vielleicht habe ich ja irgendwann auch mal Zeit noch beim Therapeuten vorbei zu schauen. 

Und so vergehen die Tage und ich bin erstaunt, dass ich so wenig Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken habe. Es ist, bis auf sie Antriebslosigkeit, ziemlich stabil in den letzten Tagen und ich bin froh, dass ich mich von mir selbst erholen kann. Vor der dbt gab es solche Zeiten kaum, vor allem nicht über mehrere Tage. Doch an Selbstverletzung habe ich nun wirklich nicht mehr gedacht und es ist erstaunlich, wie wenig es mir aktuell fehlt. Und da heute sowieso nichts im TV läuft und ich auch ziemlich erledigt bin, werde ich jetzt mit Buch ins Bett wandern und noch ein wenig lesen, denn das habe ich in letzter Zeit viel zu wenig getan. 

1 Jahr 

Dieses Bild entstand, als ich anfing aufzuhören. Einer der ersten Smileys, die Pfleger Arschkeks mir damals auf den Arm malte. 

Und heute habe ich es tatsächlich geschafft, ich habe mich ein Jahr lang nicht verletzt. Verdammte 365 Tage, 52 Wochen, 12 Monate. 

Viel mehr gibt es heute nicht zu sagen. Außer: ich bin verdammt scheiße stolz! 

Wegfahren und Heimkehren 

Auf dem Weg zur Klinik renne ich fast in meine ehemalige Therapeutin, weil sie gerade den Supermarkt verlässt, in den wir rein wollen. Ich quietsche erst mal und freue mich, dass ich ihr zufällig nun schon über den Weg laufe und mir so die spätere Suche nach ihr spare. Wir reden ein wenig und es ist schön ein paar Worte mit ihr zu wechseln, ihr zu sagen, dass es wirklich okay ist momentan, es ist schön zu sehen, dass sie sich freut. 

Mich von Puffi zu verabschieden ist schmerzhaft, denn ich würde sie so gerne viel öfter sehen, ihr Halt geben und für sie da sein, nicht nur so aus der Entfernung. Ich drücke sie fest an mich mit Tränen in den Augen und wir versprechen uns, dass wir uns nächsten Monat wieder sehen. 

Als ich kurz auf der Station vorbei schneie, treffe ich im Pflegestützpunkt auf gefühlt die halbe Belegschaft der Station, freue mich, dass auch meine Bezugspflegerin da ist, erzähle ein wenig und ziehe noch kurz mit Mira vor die Türe um ein wenig zu quatschen und sie dann zum Abschied zu drücken. Wenn ich das nächste Mal in die dbt-Stadt fahre,l wird niemand mehr auf der Station sein den ich kenne, alle sind entlassen. 

Als ich mich schließlich am Bahnhof auch von A. verabschiede und in den Bus steige, würde ich am liebsten noch bleiben. So schön waren die Tage, so gut tat mir die Zeit. Doch ich muss wieder nach Hause, muss zu meinen Tierchen, muss mich um meinen Kram kümmern. 

Doch ich habe wieder einmal gemerkt, wie gut mir Wegfahren tut. Einfach ein paar Tage etwas anderes sehen, Dinge tun, die mir gut tun und etwas gestärkter wieder nach Hause kommen. Und ich werde das definitiv beibehalten, Kurztrips durch die Gegend, andere Orte und liebe Menschen sehen. 

Und so sitze ich lächelnd im Bus, lasse mich von der Sonne bescheinen, genieße die Musik auf den Ohren, während wir Kilometer um Kilometer zurück legen und die französische Landschaft am Fenster vorbei zieht. 

Laut Busfahrer liegen wir gut in der Zeit und erreichen meine Hauptstadt früher als geplant. Je nach Uhrzeit und Verbindung nach Hause hüpfe ich dann vielleicht noch kurz in der Hauptstadt in den Supermarkt und besorge etwas kleines zu essen für heute abend und Grünzeug für die Fellpopos. Der Herr Kater wird bei meinem Eintreffen zuhause vermutlich nur Millimeter entfernt vom Hungertod sein, also eigentlich wie immer. Ich freue mich auf ihn und sein Fell und seinen Geruch und sein Schnurren, freue mich auf das Quietschen der Fellpopos und auf meine Wohnung. Mittlerweile ist dieser Ort für mich Zuhause geworden, nicht zuletzt durch die Tiere. Und genauso wie ich das Wegfahren genieße, genieße ich auch das Heimkehren. 

In nicht mehr ganz einem Monat werde ich den Weg wieder in die andere Richtung fahren, werde die dbt-Stadt und die Menschen dort besuchen und mit A. gemeinsam unser Jahr ohne Selbstverletzung feiern. 

Wofür es sich zu leben lohnt

Ich sitze auf der Bank vor der Klinik, atme ein und aus und blicke auf den großen Baum vor meiner Nase. So oft saß ich an dieser Stelle während der dbt, in sämtlichen Gefühlslagen und Anspannungszustände. 

So sitze ich da, mit Zigarette und Energy, atme ein und aus und denke an den Moment, als ich zum ersten Mal dort saß, vor dem Vorgespräch, angespannt, panisch, kurz davor die Flucht zu ergreifen. 

Nun bin ich fast genauso lange wieder zuhause wie ich in der Klinik war. Fast 14 Wochen sind seit meiner Entlassung vergangen und es fühlt sich nach so viel mehr an. 7 Monate sind vergangen seit dem Beginn der dbt, 7 Monate, in denen so vieles passiert ist, sich so viel bewegt hat. Und auch in der Zeit danach hat sich so viel getan. Es ist teilweise für mich immer noch nicht nachvollziehen, dass sich in so kurzer Zeit soviel ändern kann und ich frage mich oft, ob da nicht doch irgendwann wieder der große Knall kommt und mich zurück wirft. Ich wage es kaum dem Frieden zu trauen, weil es so ungewohnt ist so zu leben. Ohne die 24/7 an Anspannung, ohne ständigen Selbstverletzungsdruck, ohne ständige Suizidgedanken. 

Ich sitze auf der Bank, lächle und bin tatsächlich einfach nur stolz. Ohne das Gefühl direkt wieder wegschieben zu wollen, ohne direkt Gründe zu suchen, die mir zeigen, dass ich noch so viel an mir arbeiten muss. Ich sitze einfach nur da und bin stolz auf mich, auf die vergangenen Wochen zuhause, auf die Traumatherapie, auf die dbt, auf die ganzen Jahre, die ich nun schon kämpfe und nicht aufgebe. Einfach stolz auf mich. 

Es fühlt sich merkwürdig an auf die Station zu gehen, die 14 Wochen meine Heimat war. Es fühlt sich merkwürdig an dort zu sein, auf den so bekannten Knopf im Aufzug zu drücken, die so bekannte Tür zu öffnen. Fremd und doch gleichzeitig so vertraut. 

Seit ich am Samstag hier ankam genieße ich jede Sekunde. Ich genieße die Zeit mit A., ich genieße die Momente alleine, die Zeit mit der lieben Mira, die Zeit mit Puffi und die Zeit, die C., A., Puffi und ich auf der Geschlossenen und dort im Garten verbringen. Ich genieße jeden Augenblick mit den tollen Menschen um mich rum und in dieser Stadt, die für mich ein Stück Freiheit bedeutet, weil hier der Weg in ein neues Leben seinen Anfang fand. 

Ich genieße es einfach zu lachen und verrückt zu sein und zu atmen und zu leben. Und es ist so unglaublich schön, dass ich das kann, dass ich weiter gekämpft habe für solche Momente. Denn genau diese Momente sind es, für die ich leben möchte. 

Vorbei 

Es ist vorbei. Ich wage es kaum diese Worte zu tippen, aus Angst, dass es vielleicht doch nicht vorbei ist. 

Der unglaubliche Selbstverletzungsdruck ist verschwunden. Das merke ich auf dem Weg von der Klinik zum Bus, während die Sonne mir ins Gesicht scheint und meine Jacke an meinem Beutel baumelt. Und es ist so unglaublich erleichternd, dass ich am liebsten laut jubeln würde. 

Die Gedanken und das körperliche Gefühl des Drucks haben mich nun eine Woche begleitet und es fühlt sich merkwürdig an, wenn es weniger wird. Es ist immer noch Selbstverletzungsdruck da, aber zum ersten Mal seit einer Woche schreibe ich heute eine 3 auf die diary card und keine 4 oder 5. Es fällt so vieles plötzlich von mir ab. 

Und, verdammt, ich bin stolz. Ich bin stolz auf mich, dass ich nicht aufgegeben habe, obwohl ich mehr als einmal so kurz davor war. Ja, ich bin wirklich stolz. 

Ich hoffe nun einfach, dass es erstmal reicht, dass es erstmal genug war. Ich brauche eine Pause, muss durchatmen, Kraft tanken. 

Morgen werde ich statt zur Klinik zu meinem Drogendealer fahren. Ich brauche mal wieder Medis und einen neuen Krankenschein und auch ein wenig einfach ihn und die Gewissheit, dass er einfach da ist. 

Und am Mittwoch werde ich dann meine Schlüssel in der Klinik abgegeben, mich von meinen Mitpatienten verabschieden, ein letztes Mal die Massage genießen und dann mein letztes Einzel haben. Es schmerzt ein wenig, denn manche Menschen werden mir fehlen, die Traumagruppe wird mir fehlen (inklusive Therapeutin), die Massage, die Gespräche mit dem Therapeuten. Doch ich freue mich auch, denn es ist ein weiteres Stückchen Weg, das ich hinter mich gebracht habe, ein klein wenig weniger Anstrengung in der nächsten Zeit, ein wenig Durchatmen. Mal sehen was die Zeit so bringen wird.  

Denn der Weg ist lang

Musik. Wie oft habe ich schon darüber geschrieben… In der letzten Zeit habe ich meine Angewohnheit mit Liedtexten zu bloggen etwas vernachlässigt. Vorsatz für das neue Jahr: öfter mal wieder tun. 

Mein erstes Konzert habe ich mit ungefähr 4 Jahren besucht. Auf den Schultern meines Vaters. Die Liedtexte konnte ich fast alle mitsingen, sehr zur Belustigung der umstehenden Menschen. 

Vielleicht hat sich schon damals gezeigt, dass mein Gehirn irgendwann zu 80% von Lyrics eingenommen sein wird. Manchmal ist es furchtbar, Lieder, die ich ewig nicht mehr gehört habe, sind in irgendwelchen Gehirnwindungen eingebrannt. 

Und um den Bogen von meinem allerersten Konzert zu der Gegenwart zu ziehen: für eben jenen Künstler habe ich vorhin Tickets bestellt. 

Klaus Lage. 

Meine Sympathie für seine Musik beruht definitiv auf den Musikvorlieben meiner Eltern. Denn „1000 mal berührt“ und auch Schimanski gehören in ihre Zeit und so auch Klaus Lage. Seine CDs aus der früheren Zeit kenne ich von vorne bis hinten auswendig. Inklusive Text. 

An dem Tag, an dem meine Uroma beerdigt wurde, lief seine CD auf der Rückfahrt. Ich weiß es noch ganz genau. An diesem Tag fuhren wir von BaWü in meine Hauptstadt. Ich bettelte, dass ich meine Mama sehen darf. Als ich vor der Tür stand, klingelte und sie öffnete, wusste ich genau, dass etwas nicht stimmte. Und so war es. Meine andere Uroma war gestorben. So war dies ein trauriger Tag für mich. Ich verlor meine beiden ältesten Verwandten innerhalb kurzer Zeit. Auf dem Rückweg, es war schon dunkel, blickte ich aus dem Autofenster, sah die Sterne, und Klaus Lage lief. 

Solche Momente brennen sich ins Hirn und kommen immer wieder hoch. Mittlerweile schmerzt es nicht mehr so sehr, auch wenn ich meine beiden Uromas oftmals sehr vermisse. 

Musik war schon immer ein Teil in meinem Leben. Ob bei den Autofahrten als Kind, wenn ich laut Lieder mitsang, später um die Gedanken in meinem Kopf zu übertönen, bei Konzerten und Festivals, in schönen und in schlechten Momenten. Mit Musik kann ich mich selbst unglaublich beeinflussen. Ob ich bei Ska-P durch die Wohnung tanze, mit den Broilers um die Wette brülle oder dem Soundtrack vom Herrn der Ringe auf dem Bett liege und nur atme. 

Viele Lieder meide ich. Oder höre sie nur in bestimmten Situationen. So gibt es Lieder, die mich an jeden Liebeskummer meines Lebens erinnern, Lieder, die mit verschiedenen Situationen zusammen hängen, Lieder, die in schweren Zeiten in meinen Ohren dröhnten. 

Ich freue mich, wenn ein neues Album erscheint, manchmal sehne ich den Tag herbei und bin unglaublich neugierig. Ich singe bei meinen liebsten Künstlern laut auf Konzerten mit, ich bin traurig, wenn sich eine Band auflöst, die ich gerne mag. Und in der letzten Zeit trauere ich um tolle Künstler, die sterben. 

Meine Mama sagte vorhin am Telefon zu mir, dass man ja nicht wisse, wie lange man noch die Gelegenheit hat, einen Künstler zu sehen. Und bei vielen der Helden meiner Kindheit und Jugend trifft das zu, einige sind schon gestorben. Was von ihnen bleibt ist die Musik. 

Ja. Musik. Musik und Bücher, ohne könnte ich nicht leben. 

Oftmals habe ich beim Schreiben von etwas plötzlich den Songtext aufgeschrieben, weil ich währenddessen Musik gehört habe. In der Schule hat es mich oft gerettet, dass ich stundenlang Texte von allen möglichen Liedern auf den Block gekritzelt habe, um mich in der Realität zu halten, um mich abzulenken. Es gibt Texte, die sind so sehr Teil meines Lebens geworden, Lieder, die mir viel bedeuten. Sei es nun „ganz egal ob ich Blut schwitz, bittere Tränen wein, alles erträglich, es muss nur immer Musik da sein“ aus 33rpm ist oder „tell everybody I’m on my way and I’m loving every step I take“ von Bärenbrüder, „du bist zu weit um umzudrehen“ von Rosenstolz. Oder wenn Jennifer Rostock in meine Ohren brüllt oder Nicholas Müller mich mit seiner Stimme und seinen Texten einnimmt. 

Ach, ich könnte stundenlang über Musik und Texte schreiben. Ich muss öfter mal die Musik aufdrehen. Und öfter mal zu Konzerten gehen. Und zu Festivals. Schließlich habe ich noch ein wenig (wenn auch nicht mehr allzu viel) Platz für Bändchen an meinen Handgelenken. 

Nun werde ich aber, natürlich untermalt von Musik, ein wenig in meiner Wohnung rumwuseln. Kurz einkaufen muss ich noch, vor allem Grünzeug für die Quietschies (ist dieser Scheiß so teuer im Winter! Ich geh noch bankrott an Futter für meine Viecher!). N. will später vorbei kommen. Heute Abend will ich mal wieder lange mit meiner kleinen Hexe telefonieren. Und am Wochenende muss ich wohl zu Mama, ihr Handy (bzw mein altes Handy) unterstützt nun kein WhatsApp mehr und ich muss mal schauen, ob ich mit einem custom rom ein neueres Android draufspielen kann. 

Mir geht es gut. Vieles ist anstrengend, aber es funktioniert zuhause größtenteils wirklich gut. Ich hätte das nicht gedacht und ich bin immer wieder aufs neue erstaunt, wieviel sich in diesen 14 Wochen DBT geändert hat. Vieles zeigt sich nun erst im Alltag, vieles wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen, es wird sich zeigen, ob auch langfristig etwas anders ist, ob ich im Alltag bestehen kann mit den Anforderungen einer Arbeit oder eines Studiums. Aber ich bin guter Dinge. Ich lebe. Ich bin vom Überleben zum Leben gewechselt, das Verhältnis der Tage hat sich gedreht. Die Tage, an denen ich früher um jeden Atemzug kämpfen musste sind so viel seltener, die Tage an denen ich einfach lebe und genieße und klar komme sind so viel mehr. Es ist schön das zu spüren. So unglaublich schön. 

Und der Weg ist lang
und der Aufstieg schwer
seit ich auf diesen Weg kam
ist schon so lange her
ja, der Weg ist lang
und er windet sich sehr
und dem Glück das begann,
schau ich hinterher.

Geiler Scheiß! 

301 Tage. 43 Wochen. 

Vor noch einem Jahr unvorstellbar. Und auch heute noch unwirklich und ein riesen „Wow!“. Und Stolz. Ja, verdammt, ich bin stolz darauf! Holy shit!

Ich bin müde. Ich will in mein Bett. Doch gerade befinde ich mich nicht mal im selben Land wie mein Bett. Mich trennen noch etwa 100 km von meiner Hauptstadt. Noch über eine Stunde. Und dann muss ich von der Hauptstadt erst mal nach Hause kommen. Je nach Ankunft dauert das entweder etwas mehr als eine Stunde, oder auch fast 3. Ich hoffe, dass ich den früheren Zug noch kriege. 

Gestern morgen habe ich mit Fylgja gefrühstückt und bin dann in Richtung Klinik gezogen um mich mit Mira zu treffen. Wir waren im Café und im botanischen Garten und es war schön, den Menschen hinter den Wörtern ein wenig kennen zu lernen. 

Später saß ich hauptsächlich mit Puffi im Foyer, habe aber auch noch ein paar andere Mitpatienten immer mal wieder dabei gehabt. Schon vorher bin ich zum Büro meiner Psychologin, aber sie war leider nicht da. Als ich später eine Mitpatientin in die Richtung laufen sah, die auch bei ihr ist, habe ich einfach gehofft sie nach dem Termin dann zu erwischen und stapfte also nochmal in Richtung Büro, als die Mitpatientin zurück kam. Gerade als wir vor der Tür ankamen, kam meine Psychologin raus und ich verschwand mit ihr für ein paar Minuten im Büro, erzählte ein bisschen. Ich fand es schön, dass ich sie erwischt habe und dass ich ihr berichten konnte, dass es zuhause eigentlich echt ganz gut klappt. 

Später zogen wir ins Café, insgesamt zu sechst. Es war schön mit ein paar Menschen der „alten Truppe“ zusammen zu sitzen. Abends ging es dann zurück zu Fylgja, wir haben Flammkuchen gemacht und unseren IQ mit Dschungelcamp ein wenig gesenkt. 

Heute morgen hätte ich am liebsten einfach weiter geschlafen. Doch irgendwann habe ich mich aus dem Bett gequält, mit Fylgja erst mal geraucht und dann gefrühstückt und gequatscht. Anschließend brachte sie mich noch bis zur Bahn und wir haben uns voneinander verabschiedet. 

In der Klinik habe ich Puffpuff dann aufgesammelt und wir sind in die Stadt um uns dort mit U., einer ehemaligen Mitpatientin von uns, zu treffen. Wir waren im Café, sind durch die Stadt gebummelt. Mit Puffi bin ich dann zurück zur Klinik und wir haben dort noch ein wenig Zeit verbracht, bevor ich meinen Rucksack wieder aus ihrem Zimmer holte, Frau B. von der Pflege noch Tschüss sagte und wir zur Straßenbahn gingen. Beim letzten Drücken und Verabschieden musste ich mit den Tränen kämpfen. Als ich aus der Bahn ausstieg und die Treppen zum ZOB hinunter stieg, kullerten ein paar Tränen. Als ich dann im Bus sitze und wir los fahren,  höre ich auf gegen die Traurigkeit anzukämpfen und lasse die Tränen einfach laufen. Ich verlasse wieder einige Menschen, die mir unglaublich wichtig sind. Und ich vermisse die, die ich nicht sehen konnte. Und F. fehlt mir, weil sie die ganzen 14 Wochen an meiner Seite war und nun so weit weg ist. 

Es ist okay. Ich darf mich grade scheiße fühlen. Ich weiß, dass es auch wieder anders werden wird und ich lächeln kann, wenn ich an die tollen Menschen denke. Doch gerade kotzt mich die Entfernung einfach an. Außerdem bin ich müde und deswegen eh knatschig, hab keine Lust eventuell noch eine Stunde auf den Zug warten zu müssen, ich vermisse mein Katerkind und die Schweine und ich will Sommer. 

Vor der DBT hätte ich mich jetzt so lange selbst zerpflückt, weil mir diese Gefühle so gar nicht in den Kram passen, bis ich entweder unglaublichen Selbstverletzungsdruck oder extreme Suizidgedanken (oder beides) gehabt hätte. Ich wäre abgestürzt, weil die Tage so schön waren, es aber einfach nicht gut sein darf. 

Und nun fühle ich mich zwar grade ziemlich beschissen, aber ich akzeptiere es einfach und belasse es dabei. Ich zerpflücke mich nicht, reiße mich nicht in kleine Fetzen. Morgen wird es wieder besser sein, nach einer großen Portion Schlaf und dem ersten Abflachen der Traurigkeit und des Vermissens. Nun ist es eben wie es ist. Und ich sehne mich nach meinem Bett und meinen Fellnasen.