Ich bin müde. Ich will in mein Bett. Doch gerade befinde ich mich nicht mal im selben Land wie mein Bett. Mich trennen noch etwa 100 km von meiner Hauptstadt. Noch über eine Stunde. Und dann muss ich von der Hauptstadt erst mal nach Hause kommen. Je nach Ankunft dauert das entweder etwas mehr als eine Stunde, oder auch fast 3. Ich hoffe, dass ich den früheren Zug noch kriege. 

Gestern morgen habe ich mit Fylgja gefrühstückt und bin dann in Richtung Klinik gezogen um mich mit Mira zu treffen. Wir waren im Café und im botanischen Garten und es war schön, den Menschen hinter den Wörtern ein wenig kennen zu lernen. 

Später saß ich hauptsächlich mit Puffi im Foyer, habe aber auch noch ein paar andere Mitpatienten immer mal wieder dabei gehabt. Schon vorher bin ich zum Büro meiner Psychologin, aber sie war leider nicht da. Als ich später eine Mitpatientin in die Richtung laufen sah, die auch bei ihr ist, habe ich einfach gehofft sie nach dem Termin dann zu erwischen und stapfte also nochmal in Richtung Büro, als die Mitpatientin zurück kam. Gerade als wir vor der Tür ankamen, kam meine Psychologin raus und ich verschwand mit ihr für ein paar Minuten im Büro, erzählte ein bisschen. Ich fand es schön, dass ich sie erwischt habe und dass ich ihr berichten konnte, dass es zuhause eigentlich echt ganz gut klappt. 

Später zogen wir ins Café, insgesamt zu sechst. Es war schön mit ein paar Menschen der „alten Truppe“ zusammen zu sitzen. Abends ging es dann zurück zu Fylgja, wir haben Flammkuchen gemacht und unseren IQ mit Dschungelcamp ein wenig gesenkt. 

Heute morgen hätte ich am liebsten einfach weiter geschlafen. Doch irgendwann habe ich mich aus dem Bett gequält, mit Fylgja erst mal geraucht und dann gefrühstückt und gequatscht. Anschließend brachte sie mich noch bis zur Bahn und wir haben uns voneinander verabschiedet. 

In der Klinik habe ich Puffpuff dann aufgesammelt und wir sind in die Stadt um uns dort mit U., einer ehemaligen Mitpatientin von uns, zu treffen. Wir waren im Café, sind durch die Stadt gebummelt. Mit Puffi bin ich dann zurück zur Klinik und wir haben dort noch ein wenig Zeit verbracht, bevor ich meinen Rucksack wieder aus ihrem Zimmer holte, Frau B. von der Pflege noch Tschüss sagte und wir zur Straßenbahn gingen. Beim letzten Drücken und Verabschieden musste ich mit den Tränen kämpfen. Als ich aus der Bahn ausstieg und die Treppen zum ZOB hinunter stieg, kullerten ein paar Tränen. Als ich dann im Bus sitze und wir los fahren,  höre ich auf gegen die Traurigkeit anzukämpfen und lasse die Tränen einfach laufen. Ich verlasse wieder einige Menschen, die mir unglaublich wichtig sind. Und ich vermisse die, die ich nicht sehen konnte. Und F. fehlt mir, weil sie die ganzen 14 Wochen an meiner Seite war und nun so weit weg ist. 

Es ist okay. Ich darf mich grade scheiße fühlen. Ich weiß, dass es auch wieder anders werden wird und ich lächeln kann, wenn ich an die tollen Menschen denke. Doch gerade kotzt mich die Entfernung einfach an. Außerdem bin ich müde und deswegen eh knatschig, hab keine Lust eventuell noch eine Stunde auf den Zug warten zu müssen, ich vermisse mein Katerkind und die Schweine und ich will Sommer. 

Vor der DBT hätte ich mich jetzt so lange selbst zerpflückt, weil mir diese Gefühle so gar nicht in den Kram passen, bis ich entweder unglaublichen Selbstverletzungsdruck oder extreme Suizidgedanken (oder beides) gehabt hätte. Ich wäre abgestürzt, weil die Tage so schön waren, es aber einfach nicht gut sein darf. 

Und nun fühle ich mich zwar grade ziemlich beschissen, aber ich akzeptiere es einfach und belasse es dabei. Ich zerpflücke mich nicht, reiße mich nicht in kleine Fetzen. Morgen wird es wieder besser sein, nach einer großen Portion Schlaf und dem ersten Abflachen der Traurigkeit und des Vermissens. Nun ist es eben wie es ist. Und ich sehne mich nach meinem Bett und meinen Fellnasen. 

Ankommen 

Irgendwas kleines und quietschendes hängt an mir und drückt mich fest. So verlief die erste Begrüßung auf Station von Puffi. Dann quietschte es wieder und C. drückte mich fest und mir noch einen Knutscher auf die Backe. Es folgen Umarmungen, Gequietsche, noch mehr Umarmungen, noch mehr Gequietsche. 

Zuvor saß ich nervös in der Küche. Wartete auf das Ende der Gruppe, schrieb und telefonierte mit K., versuchte meine Anspannung und die tausend verschiedenen Gefühle in mir in den Griff zu kriegen. 

Die Station zu betreten war merkwürdig. 14 Wochen habe ich dort gelebt, gekämpft, geschlafen. Und doch war da auch das Gefühl von einem Ende. Ich gehöre dort nicht mehr hin, nicht mehr als Patientin. Und das sage ich nicht mit Traurigkeit, sondern mit einer Portion Stolz. Denn ich habe die Therapie gemeistert, habe vieles erreicht, es ist zu Ende dort. Zumindest momentan, ob und wann ich das Wiederkommer-Programm in Anspruch nehmen werde steht noch in den Sternen. Aber es ist okay so. Es fühlt sich vertraut an, ich fühle mich in einem gewissen Maße dort sicher und wohl, aber es ist eben nicht mehr „meine“ Station. 

Mit den Mädels saß ich dann noch zusammen, wir haben Neuigkeiten ausgetauscht, Tatsachen erörtert und es fühlte sich an, als ob ich nie weg gewesen wäre. Ich freue mich auf morgen, zuerst werde ich mit der lieben Mira etwas unternehmen, später dann mit den Mädels zusammen sein. 

Fylgja wieder zu sehen war auch schön. Gemeinsam mit einer Freundin von ihr haben wir Ofenkartoffeln gemacht, zusammen in der Küche gesessen, geredet, gegessen. Es war eine schöne Atmosphäre. 

Und wenn man schon so lieb und toll das Gästezimmer hergerichtet bekommt, dann muss man einfach nicht mehr lange erklären, warum ich sie mag und mich hier wohl fühle.

Nun werde ich versuchen zu schlafen. Der Tag war lang und aufregend und ich bin eine ziemlich erledigte Zitrone. 

Katerkind und Überraschungsbesuch

Ein guter Tag. Ja, gestern war wirklich ein guter Tag. Aus dem Bett zu kommen war zwar schwer, aber danach lief es gut. Ich habe gebloggt (unschwer zu erkennen…), rumgehangen, war mit N. in der Bibliothek und habe mir zwei Bücher über adhs im Erwachsenenalter ausgeliehen, das kleine Winterschlafkaterchen gekrault. Wenn er auf meinem Schoß liegt, zusammengerollt und völlig entspannt, dann könnte ich ihn fressen vor lauter Liebe. Wenn dann Pfötchen, Schnurrhaare und der Schwanz anfangen zu zucken, weil er träumt, dann ist das einfach so süß, dass ich aufpassen muss nicht laut loszuquietschen um ihn zu wecken. 

Ich wollte schon immer ein Haustier haben. Als Baby und Kleinkind, zu der Zeit, als meine Eltern noch zusammen lebten, hatte ich eine Katze. Bzw. meine Mama hatte eine Katze und diese Katze liebte mich von Anfang an. Sie schlief immer in der Nähe meines Bettchens und stand oft auf den Hinterpfoten, die Vorderpfoten auf dem Rand meines Babybettes, und schaute hinein. Davon gibt es sogar Fotos. Erinnern kann ich mich nicht an sie, leider. Mein Vater wollte nie, dass ich Tiere habe. Meine Mutter hatte später nochmal eine Katze, die sich das obere Bett des Hochbettes als Schlafplatz auserkoren hatte. Das Bett schenkte mir der Vater meiner Schwester, meine Schwester war damals noch nicht auf der Welt. Lange Zeit war dies unser gemeinsames Bett und da ich leider nur selten dort war, nutze die Katze mein Bett zum schlafen. Und tat dies auch, wenn ich da war, angekuschelt an mich. Als ich zu meiner Notpflegefamilie kam war ich überglücklich, dass dort 2 Katzen und ein Hund lebten. Der Kater schlief fast jede Nacht bei mir, mit dem Hund ging ich oft spazieren. 

Auch bei meiner Pflegefamilie lebten 2 Katzen und ein Hund. Der Kater wurde mein bester Freund, schlief bei mir, hielt sich viel bei mir auf. Mit dem Hund war ich auch oft unterwegs und auch die Katze kuschelte sich gerne auf meinen Schoß, manchmal schlief sie gemeinsam mit dem Kater in meinem Bett. Und dann zogen zwei Meerchen bei mir ein. Seitdem habe ich immer Meerchen gehabt, bis heute. Ich kann es mir auch gar nicht mehr ohne vorstellen. Es sind zwar keine Tiere zum kuscheln, sie schlafen nicht in meinem Bett und spielen auch nicht mit mir, aber sie sind so süß und drollig und ich musste unglaublich oft schon lachen, weil sie irgendwas gemacht haben. Und es ist einfach schön sie nur zu beobachten oder einfach ihre Geräusche zu hören, zu wissen, dass man nicht alleine ist. Ich habe lange schon den Wunsch gehabt wieder ein Katzentier zu haben, allerdings nie konkrete Pläne gemacht. Und dann kam dieser Tag, an dem ich bei meiner Nachbarin vorbei schaute auf einen Kaffee und plötzlich in große runde Kulleraugen blickte. Das Fellhäufchen hinter diesen Augen war noch ein Baby von nur wenigen Monaten. Und sofort war ich verliebt in diese Augen. Als ich erfuhr, dass die Besitzerin in abgeben möchte, war ich völlig hin und weg und wusste direkt, dass dieser Fellhaufen bei mir einziehen wird. Zu dem Zeitpunkt war ich stationär in der Klinik und machte bei meiner Rückkehr dorthin alle wahnsinnig. Ich konnte meine Entlassung gar nicht schnell genug haben, fand es furchtbar die Tage noch durchzustehen. Dann wurde ich entlassen und hatte nur kurze Zeit später ein ängstliches und neugieriges Zitronenkaterchen bei mir sitzen. Ich rief Mama an und fragte, ob sie einfach so vorbei kommen möchte. Kurze Zeit später stand sie in meiner Küche und ich streckte ihr das Katerkind entgegen. Sie war sofort begeistert von ihm und wie fuhren einkaufen. Leckerlis, Spielzeug. Und seit diesem Tag bin ich stolze Katermama und immer noch unglaublich verliebt. 

Mittlerweile ist er um einiges größer und wird bald zwei Jahre alt. Und ich kann es mir nicht mehr vorstellen ohne ihn zu leben. Das fiel mir vor allem in der Klinikzeit auf. 14 Wochen ohne ihn schlafen, ohne ihn abends fernsehen, kein Miauen. Und auch kein Quietschen und Rascheln und Knabbern der Meeris. Es hat mir gefehlt und ich bin froh meine Tierchen wieder zu haben. 

Und es fiel mir furchtbar schwer sie vorhin zu verlassen, wenn auch nur für zwei Nächte. Denn ich bin nun in Freiburg. Meine Borderline-Mädels wissen allerdings noch nicht, dass ich schon vor habe heute vorbei zu schauen, es wird eine Überraschung. Ich habe es extra so geplant, dass ich auf Station auftauche, wenn sie Gruppe haben. Ich bin gespannt auf die Gesichter, wenn sich die Türe öffnet nach der Gruppe. Das wird ein Spaß! 

Gestern beim Telefonieren mit Puffi fiel es mir unglaublich schwer den Mund zu halten und nicht aus Versehen etwas zu verraten. Und noch schwerer fällt es mir gerade nicht in unserer Gruppe zu schreiben wie sehr ich rumhibbel und 5 Uhr herbeisehne,  weil ich endlich endlich endlich bei ihnen sein will, sie fest drücken und endlich wiedersehen. Nur F. weiß, dass ich heute schon dort sein werde, sie wohnt ja leider zu weit weg um einfach mal dort vorbei zu schauen. Und ich freue mich auf Fylgja. Und sowieso und überhaupt auch auf die Fahrt, auf Freiburg und darauf ein paar Leuten des Teams dort Hallo zu sagen. 

Ich sitze im Foyer. Unglaublich nervös. Über das Klinikgelände bin ich ganz vorsichtig geschlichen, in der Hoffnung niemanden von Station zu treffen. Gerade eben liefen zwei Mitpatientinnen an mir vorbei, doch ich habe mich schnell umgedreht und durch die Pflanzen hier im Foyer war ich gut genug versteckt, dass sie mich (hoffentlich) nicht gesehen haben. 

Es hat sich merkwürdig angefühlt hier anzukommen und durch die Stadt zu laufen. Fremd und gleichzeitig unglaublich vertraut. Ein seltsames Gefühl. Je näher ich der Klinik kam, desto chaotischer wurde es in mir. Ich habe hier einfach viele schöne Momente erlebt, viele Fortschritte gemacht. Und in den vier Wochen zuhause hat sich hier natürlich nichts geändert. Ich bin gespannt wer arbeitet. Gespannt auf die Gesichter meiner Mädels. Und ich freue mich so unglaublich sie zu drücken. 

Jahresrückblick

​Der Jahresrückblick. Liebgewonnene Tradition und immer ein schönes Resümee. 2016 war wild und turbulent und voller Höhen und Tiefen. Aber es endet mit Hoffnung und Zuversicht und genau das zählt letztendlich. 

Kommt gut hinüber ins neue Jahr meine lieben Leser. Feiert (oder feiert nicht) wie ihr es möchtet, achtet auf euch. Wir lesen uns in 2017.

Was hast du in diesem Jahr gelernt? Woran bist du gewachsen

Ich bin gewachsen an der DBT. Ich habe gelernt, dass Gefühle okay sind und manchmal sogar positiv. Gelernt meine Glaubenssätze zu hinterfragen und entgegengesetzt zu handeln. Gelernt meine Anspannung besser einzuschätzen und sie mit noch mehr Möglichkeiten zu handhaben. Gelernt die Notausgangstüre ein gewaltiges Stück zu schließen und Suizid nicht mehr als ständige Notlösung im Kopf zu haben. Gelernt auch mal nein zu sagen. Gelernt meine eigenen Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen und vor allem gegenüber mir selbst zu vertreten. Gelernt, dass es Menschen gibt, die mich nehmen wie ich bin und genau so mögen. Gelernt ein Stück weit mehr meine Vergangenheit zu akzeptieren. Gelernt mich öfter einfach mal okay zu finden und nicht ständig selbst zu zerpflücken. Gelernt den neuen Weg zu gehen. Gelernt stolz auf mich sein zu können. 


Womit hast du angefangen? 

Damit meine Zukunft zu planen und damit auch ein Leben, in dem ich mich wohlfühlen und leben kann.  Mit Gefühlen und Stolz sein und all dem Kram. Mit Verreisen. Mit Medis für/gegen/bei ADHS und der Auseinandersetzung mit dem Thema. Mit Selbstvalidierung.  


Worauf bist du stolz?

Auf mich. Darauf, dass ich all meinen Mut zusammen genommen habe, dass ich die 14 Wochen Therapie durchgezogen habe, obwohl ich mehr als einmal nicht mehr konnte und wollte, darauf, dass ich mich mit den schweren Themen auch auseinander gesetzt habe und bereit war daran zu arbeiten. Stolz, dass ich stolz sein kann. 


Womit aufgehört/abgeschlossen? 

Mit der Selbstverletzung. Damit mich zu sehr für andere zu verbiegen und dabei meine eigenen Grenzen zu überschreiten. Abgeschlossen mit dem Anspruch an mich selbst ein Leben zu führen wie alle anderen und mich ständig an „der Norm“ zu messen. Aufgehört zu schweigen. 


Schönster Moment des Jahres? 

Stolz sein können auf mich und die Dinge, die ich erreicht habe nach 14 Wochen DBT. Stolz sein können und es akzeptieren können, mich freuen können, es okay finden. Mit einem Schlag all die Veränderungen sehen, spüren, weinen vor Freude. 


Schlimmster Moment? (Und evtl. Erkenntnisse daraus?)

Die letzte Selbstverletzung. Die drängenden Suizidgedanken, die unglaubliche Anspannung, die selbst dadurch nicht wirklich besser wurde. Erkenntnis daraus, dass es so nicht weiter gehen kann, dass es anders werden muss, dass ich so nicht mehr weiter leben kann und will. 


Wem sagst du danke – und wofür?

Der kleinen Hexe. Für unzählige Stunden am Telefon, fürs Dasein, für alles. 

J., für viel Tee, für die Worte, für die Unterstützung, für ein weiteres Jahr da sein, für deine Mitfreude über meine Entwicklung, für unzählige WhatsApp-Nachrichten und dafür, dass du den Glauben an mich nie verloren hast. 

Chrissie. Fürs weltbeste beste Freundin sein. 

Meiner Therapeutin. Weil. 

Dem Team der Station P2. Fürs Mittragen und Unterstützen und mit mir den Weg gehen. 

Fylgja für viele schöne Momente, backen, kochen, quatschen, Känguru. 

Bibi für die Freundschaft, fürs zuhören, fürs dasein.

Genauso N. für die Freundschaft, für viele schöne Momente, Spaziergänge und für die tolle Kater- und Meeriversorgung in den 14 Wochen Klinik. 

Dem Team der Station 8. Besonders Frau K. Für alles. 

Und last but noch least: Puffpuff, F., L., A., K., C. und M., meinem Club der schwarzen Bänder, für die gemeinsame Zeit, weil ihr die Tollsten, Besten, Mutigsten und Verrücktesten seid. <3 


Was bringt 2017/ Was wünschst du dir für 2017?

Die Reha. Und damit hoffentlich noch ein Stückchen mehr Stabilität. 

Möglichkeiten den neuen Weg zu gehen, zu probieren und zu üben und zu schauen was funktioniert und was nicht. 

Ich wünsche mir, dass alles so klappt wie ich es möchte und ich anfangen kann zu studieren. 


Unvergessenswertes?

Die 14 Wochen Klinik. 

Hannover und Hamburg und H. endlich mal live treffen. 

Den Lieblingsösi wiedersehen. 

Die kleine Fee wiedersehen. 

Fylgja kennen lernen und viele tolle Momente gemeinsam. 

Berlin. Mitten im Schnee auf dem Flughafen Tempelhof stehen und sich so frei fühlen. 

Die kleine Hexe mal wieder treffen. 

Kreta. 

Der Umzug von WordPress auf meine eigene Seite. 

N. kennen lernen. 

Meine Kinder- und Jugendtherapeutin wieder treffen. 


Wandel 

Der letzte Abend. Ich sitze zum letzten Mal abends unten und rauche. Gleich werde ich zum letzten Mal ins Bett gehen hier. Werde zum letzten Mal die Augen schließen und zum letzten Mal hier aufwachen. 

Es ist unwirklich. Und auf der anderen Seite doch so real. 14 Wochen lang habe ich hier geschlafen, gekämpft, geweint, gelacht, geatmet und manchmal versucht nicht mehr zu atmen. Ich gehe als anderer Mensch und bin doch dieselbe geblieben. 

Noch immer kann ich nicht fassen, dass sich in dieser Zeit so vieles verändert hat. Ich gehe hier raus, stärker, mutiger, ein bisschen kämpferischer, hoffnungsvoller. 

Und es ist gut zu gehen. So schwer es mir fällt Abschied zu nehmen, die Klinik, die Stadt und vor allem die Menschen zu verlassen, trotz allem ist es gut genau nun zu gehen. Ich habe getan was ich konnte, mitgenommen was ging, mein Bestes gegeben und nun wird es Zeit sich dem Leben und dem Alltag zu stellen, zu schauen was funktioniert und was nicht, auszuprobieren, die Welt und mich zu entdecken. 

Und es tut gut mit dem Wissen zu gehen, dass ich wiederkommen kann. Nach einem Jahr oder zwei, dass ich an den Dingen arbeiten kann, die noch nicht so klappen, wenn ich es will und es nötig ist. 

Und genauso gut tut es zu wissen, dass es Menschen in meinem Leben gibt, die an mich glauben, mit mir meinen Weg gehen und immer da sein werden, auch wenn uns die Distanz trennt. 

Ich bin froh um all diese Stunden und Tage und Wochen hier. Um die schlimmen und die guten Momente. Um all die Erfahrungen. Und die Menschen, die ich kennen lernen durfte. 

Ich bin immer noch ich. Und doch eine andere. 

Stolz 

„Darf ich eine provokante Frage stellen?“ fragt meine Psychologin heute in unserem letzten Einzel. „Sind Sie stolz?“ 

„Ja.“ Und mir kommen die Tränen. 14 Wochen finden ein Ende. Unaufhaltsam. Und ja, ich bin stolz. 

Unser Einzel ist kurz. Es gibt nicht mehr viel zu besprechen. „So ist mir das am Liebsten.“ meint sie. Alles wichtige ist besprochen. Geklärt. Erledigt. Sie zieht eine Bilanz, eine ziemlich positive. Denkt an unsere ersten Stunden zurück. Vieles ist anders. 

Noch zwei Nächte hier. Die Zeit vergeht unheimlich schnell in den letzten Tagen. Ich freue mich auf zuhause. Ich habe Angst. Und ich bin traurig. Und alles darf da sein und hat seinen Platz. 

Ja. Ich bin stolz. Unglaublich stolz auf mich, auf meine Fortschritte und meine gewonnenen Kämpfe. 

Schöne Scheiße. 

Da ist das Ding. Uff. Ich kann es immer noch kaum glauben, kaum fassen, dass ich es wirklich hier liegen habe, dass ich es wirklich unterschrieben habe. 

Gestern im Einzel ruft meine Psychologin einfach mal kurz bei der Oberärztin an und bestellt sie rüber. Sie liest und unterschreibt den Vertrag. „Respekt.“ sagt sie und ich muss lächeln. Vor ein paar Wochen wäre es noch unvorstellbar gewesen. Sowas zu unterschreiben auf der einen Seite. Und sowas für so lange zu unterschreiben auf der anderen Seite. 

16 Monate sind lange. Aber durchdacht. Mein Ziel war ein Jahr. Weil in einem Jahr so vieles anders sein wird und ich weiß, dass ich ein Jahr schaffen kann. Doch in einem Jahr steht Weihnachten vor der Türe. Erfahrungsgemäß eine schwere Zeit. Genau wie der Jahreswechsel, der Februar mit meinem Geburtstag und dem „Jahrestag“ meines letzten Suizidversuchs und der März mit Ostern und der letzten Selbstverletzung. Also April. Da ist das größte Chaos rum. Der Frühling ist im Gange, die Welt wird wieder heller und wärmer und besser. Ein guter Zeitpunkt um zu beschließen, dass ich vielleicht doch noch ein Jahr, oder zwei oder drei oder vier, weiterleben will. 

Der Lebensvertrag war eine längere Sache. Ein Aushandeln von Möglichkeiten und auch viel „mir selber Steine in den Weg legen“. Ich habe kein Schlupfloch mehr. Ich muss in jedem Fall handeln, muss etwas tun und wenn alles nichts bringt ist der letzte Schritt dir Klinik. Es steht da, schwarz auf weiß, meine Bezugspflegerin wird ihn noch unterschreiben und meine ambulante Therapeutin. 4 Menschen, die als Zeugen meine Unterschrift bestätigen, die den Vertrag kennen, mich daran erinnern und halten werden. Es gibt keinen Ausweg aus dem Ding. Und ich weiß jetzt schon, dass der Moment kommen wird, an dem ich mich furchtbar aufrege, schimpfe und tobe, mich selbst, meine Psychologin und die Therapie hier verfluche, weil dieses doofe Ding mich am Leben hält. Und ich muss darüber lächeln, denn einfach sagen „ach scheiß auf den Wisch“ kann ich einfach nicht. Und genau das weiß meine Psychologin auch und findet es toll und sie weiß auch, dass ich mich  furchtbar ärgern werde. Und lächelt und findet es gut. Schöne Scheiße. 

Mein letztes Wochenende hier bricht an. Es werden immer mehr letzte Momente. Ich bin traurig und sentimental und mag eigentlich gar nicht gehen. Ich will die lieben Menschen hier nicht verlassen, will keine Distanz zwischen uns haben. 

Auf der anderen Seite freue ich mich aber auch. Ich bin therapiemüde, vermisse meine Wohnung, mein Bett und vor allem meine Schweinchen und meinen Zitronenkater einfach furchtbar, meine Freunde, meine Familie und meine Hauptstadt. Ich will die Dinge, die ich hier gelernt habe, endlich zuhause ausprobieren. Ich will leben, will mit beiden Beinen in meine Zukunft springen, will neu beginnen und weiter machen und beenden. 

Beides darf da sein. Die Traurigkeit und die Freude. Beides hat seinen Platz und seine Berechtigung. Und ich akzeptiere es und nehme es an und finde es sogar gut. 

So viel ist anders geworden in diesen letzten Wochen. Und das wird mir nochmal mit aller Wucht bewusst, als ich mit meiner Psychologin Weihnachten plane. „Wissen Sie, was ich dazu nun beigetragen habe?“  fragt sie nach dem Durchplanen und besprechen. „Ziemlich wenig.“ antworte ich ihr nach einem kurzen Moment. „Ich hätte eigentlich auch aufstehen und gehen können.“ erwidert sie. 

Und dann sage ich etwas, dass ich seit so vielen Jahren nicht mehr gesagt oder gedacht habe. „Dieses Weihnachten nehme ich keine Rasierklingen mit.“ Es wird das erste Weihnachten seit 16 Jahren sein, an dem ich mich ganz bewusst entscheide mich nicht zu verletzen, komme was wolle. Ich werde ohne Klingen hinfahren und es ohne Selbstverletzung durchstehen. Sonst war es zumindest immer eine Option, ein Strohhalm im Hintergrund, an den ich mich klammern konnte, ein Notausgang, ein Fluchtweg. 

14 Wochen finden ein Ende. Gleichzeitig findet ein neuer Abschnitt meines Lebens einen Anfang. Ich glaube nicht, dass ab nun alles gut sein wird. Ich werde beschissene Momente haben, tiefschwarze Stunden und furchtbar anstrengende Minuten. Ich werde weiterhin kämpfen müssen, manchmal um jeden Atemzug, manchmal vielleicht auch nur um jeden Tag oder jede Woche. Aber es gibt neue Wege. Neue Möglichkeiten. Neue Dinge. Es gibt Hoffnung und Lichtblicke und Kraft und Mut und Zuversicht. Ich glaube nicht, dass ab jetzt alles gut sein wird. Aber ich glaube daran, dass ich es schaffen kann. Mehr als sonst, mehr als an einem anderen Punkt jemals in meinem Leben

Schöne Scheiße.  

Let ‚em say we’re crazy, what do they know?

2 Wochen. 14 Tage. So viel Zeit bleibt mir noch hier. Nur noch. 

Und ich wundere mich ständig aufs neue. Ich erinnere mich noch, als mein Aufnahmetermin kam. Noch 5 Wochen bis zur Klinik. Das war so unglaublich viel Zeit. Und plötzlich waren es nur noch 14 Tage, 7 Tage, 2 Tage… Und 3 ½ Monate schienen so unendlich lang, so unvorstellbar, der Dezember so weit weg. Und nun sitze ich hier mit Schal und Jacke bei Minusgraden draußen, denke an den September, meine ersten Tage hier, die Sonne und die Hitze, und frage mich, wo die Zeit hin ist.

Gestern sitze ich mit meinem Puffreiskügelchen draußen und fange an zu heulen. Wir reden über Gefühle und den Lebensvertrag und es kommen Worte aus meinem Mund, die vor 3 Monaten noch so unvorstellbar gewesen sind. Und ich kann da sitzen und sagen warum ich heule, kann die Gefühle dahinter benennen und etwas anderes als Gefühlschaos fühlen oder Leere. Da sind Gefühle, mehrere, gleichzeitig, und sie sind alle da und dürfen da sein und ich darf weinen, weil es okay ist und angemessen. 

Später, nach der Skillsgruppe, sitze ich mit F. auf der Bank und heule schon wieder. Und wir reden und schauen uns an und müssen lachen, weil es so absurd ist auf der Bank zu sitzen und sich zu freuen weil man heult. Aber wir können sagen was wir fühlen: Stolz, Freude und auch Traurigkeit, weil unsere Zeit hier zuende geht. 

Und nun sitze ich schon wieder draußen und heule. Weil ich kaum fassen kann, was die Zeit hier verändert hat. Weil ich traurig bin, dass die Zeit zuende geht, glücklich so tolle Menschen kennen gelernt zu haben, stolz auf uns alle und auch weil ich Angst habe vor der Zeit zuhause. Und ich bin unglaublich froh, dass F. genau einen Tag nach mir kam, dass wir diese ganzen 14 Wochen gemeinsam erleben und am gleichen Tag gehen, denn ich könnte sie nicht hier lassen, zurück lassen oder gar erst nach ihr gehen. 

Es war der richtige Zeitpunkt. Einfach genau der richtige Zeitpunkt um hier her zu kommen. Einerseits für mich, weil einfach alles gepasst hat, weil ich einigermaßen stabil war und an einem Punkt, an dem ich bereit war meine Kraft zu opfern für den Kampf um mein Leben. Und weil die äußeren Umstände einfach so gut waren, weil ich in eine tolle Gruppe kam mit genau den richtigen Menschen, mit genau den richtigen Mitpatienten, die mittlerweile ein Stück kleine Familie sind. 

Es war genau so gut und richtig und wichtig. Und ich wünsche mir so sehr, dass ich all diese Erfahrungen und Fähigkeiten mitnehmen kann in mein Leben, dass ich genau so weiter machen und weiter kämpfen kann. Um mich und für mich. Mit ein paar mehr Menschen im Hintergrund, die mir so wichtig und so nah sind. 

2 Wochen. Zeit, die ich nutzen will und werde um noch zu tun was ich kann. Mir Weichen zu stellen für die Zukunft, Momente sammeln, die mir Kraft geben, genießen, mir Gutes tun, die positiven Dinge aufsaugen. 

Und es einfach auch okay finden, dass ich wohl in den nächsten Wochen einfach immer mal wieder anfangen werde zu heulen. Denn ich darf das und es ist völlig okay. Und Gefühle sind vielleicht doch nicht ganz so furchtbar und beängstigend und ungreifbar. 

Und hätte mir jemand das am Anfang der Therapie hier gesagt, dann hätte ich ihm das Skillsmanual an den Kopf geschmissen. Und in Zukunft werde ich das jedesmal tun, wenn eine von uns zweifelt. An sich oder am Leben oder an Gefühlen. 

Denn wir können alles erreichen. 

And we can build this dream together
standing strong forever
nothing’s gonna stop us now
and if this world runs out of lovers

we’ll still have each other
nothing’s gonna stop us, nothing’s gonna stop us,

All my windows still are broken but I’m standing on my feet

Ich lese meine Beiträge von letztem Jahr um diese Zeit. Und ich muss lächeln, denn es ist einiges anders. Und manches doch gleich. 

Vor einem Jahr kam ich grade aus einem Klinikintervall. War körperlich krank, antriebslos und habe stundenlang gegen Anspannung gekämpft. 

Die Angst, die die Weihnachtszeit mit sich bringt, ist immer noch da. Wieder. Wie jedes Jahr. Und ich denke an die Arbeit hier mit Glaubenssätzen. „Was hat sich seitdem geändert?“ wird dort gefragt. Die Zeiten, in denen ich Angst vor Weihnachten hatte und diese Angst auch berechtigt war, sind vorbei. Ich kann selbst entscheiden, wo ich mein Weihnachten verbringe. Ich kann frei zu meiner Mutter und meiner Schwester fahren, ich muss danach nicht zurück zu meinem Vater. Ich muss nicht darum betteln fahren zu dürfen, muss keine Angst haben, dass er plötzlich anders entscheidet und mich doch nicht fahren lässt. Was bleibt ist mein schlechtes Gewissen. Ich lasse ihn alleine. Ganz alleine an einem solchen Tag. Die Gefühle kann ich nicht ändern, sie sind da. Aber ich kann sie abschwächen. Realitätsüberprüfung. Lasse ich ihn wirklich im Stich? Nein. Ich bin gegangen um mich selbst zu schützen und ich schütze mich weiterhin, indem ich keinen Kontakt zu ihm habe. Ich tue das richtige, ich sorge für mich, ich achte auf meine Bedürfnisse. Er hat das nie getan und ich habe das Recht mich zu entscheiden und auch dementsprechend zu handeln. Trotzdem hat die Weihnachtszeit einfach einen bitteren Nachgeschmack. 

Und ich glaube auch, dass ich deutlich stabiler bin als noch vor einem Jahr. Nein. Ich weiß es. Ich fühle mich handlungsfähiger, nicht mehr so furchtbar mir selbst ausgeliefert. 

Und anders als letztes Jahr gibt es nun Pläne, Möglichkeiten, Hoffnung. Auch wenn noch einige Zeit vergehen wird bis zu einem möglichen Studium, so ist es doch ein Haltepunkt, ein Licht am Horizont, ein Ziel. Bis dahin werde ich von Zwischenziel zu Zwischenziel wandern, als erstes steht die Reha an. 

Trotz allem habe ich Angst. Angst, dass ich zuhause wieder in ein Loch falle. Dass ich es nicht schaffe. Dass Depression mich lähmt und Suizidgedanken mich wieder fesseln. Doch ich versuche so gut es geht für diese Fälle noch hier einen Plan zu entwickeln. 

Morgen will meine Psychologin mit mir den Lebensvertrag angehen. Ich habe im letzten Einzel angesprochen, dass ich einen Plan brauche für solche Momente wie Donnerstag, für eine 5 auf der diary card, für Momente in denen ich nicht einsehe, dass ich grade was tun muss, weil der Selbsthass überwiegt und ich es gerne bis zum Extrem treiben will. Und sie meinte, dass wir das ja super auch in den Lebensvertrag schreiben können. Möp. Ich weiß jetzt schon, dass ich mich sicherlich einige Male verfluchen werde dafür, dass ich ihr das gesagt habe. „Schreiben Sie mir dann doch mal ’ne Mail!“ meint sie dazu und lächelt. Ich weiß, dass ich mich so selbst kriegen kann, mich selbst austricksen. Ich mache keine halben Sachen. Und auch das weiß meine Psychologin und lächelt noch mehr, als ich mich genau darüber aufrege. Wenn ich etwas zusichere, dann halte ich mich daran. So hat schon Frau S. mich vor über 10 Jahren immer und immer wieder gekriegt und mich lebend von einem Termin zum anderen gezogen. So hat Schwester Nathalie mich schon oft gekriegt, auch andere vom Pflegepersonal. Und so kriegen sie mich hier auch immer, das haben sie mittlerweile gemerkt. Der Therapievertrag hält mich, wenn sonst nichts mehr hält. Und so sehr ich mich manchmal darüber ärgere, so sehr bin in anderen Momenten froh darüber, denn es ist mein eigenes persönliches Rettungsnetz, meine Notbremse. 

Also wird wohl etwas ähnliches, was hier bei einer 5 auf der diary card anläuft, in Zukunft auch zuhause anlaufen. Kann ich garantieren, dass ich es schaffe weiter zu leben? Wenn nein wird wohl die Klinik folgen, wenn ja dann eine VA und dementsprechend handeln. Ohne wenn und aber. Und ich hoffe, dass es mir helfen wird. Mich halten wird. Und das wird es vermutlich auch tun. 

Irgendwo wollen wir wohl noch die Gefühlsprotokolle unterkriegen. Damit auch das irgendwo steht, damit ich mich auch daran halte, wenn es nötig wird. 

Und ich werde auch die diary cards weiter führen (müssen), denn es steht in meinen Zielen für das nächste Jahr. Und diese Ziele werden Voraussetzung sein für eine eventuelle Wiederaufnahme als „Wiederkommer“ für 8 Wochen in frühstens einem Jahr. Diese Chance möchte ich eigentlich gerne nutzen, bis dahin schauen wie es ist und an was es noch hapert, bei welchen Dingen ich noch Unterstützung brauche. 

Vielen orientiert sich derzeit auf die Zukunft. Das ist neu für mich, denn so lange ging es nun ums Überleben, darum Tag um Tag um Tag irgendwie zu überstehen. Einen Monat zu planen, manchmal auch nur eine Woche, war kaum möglich. Und zu überlegen was in 3 Monaten, in 6 Monaten oder sogar in einem Jahr sein wird – ein Unding. Ich wusste ja noch nicht mal, ob ich leben will. Und wenn ja, dann wie ich das überhaupt schaffen soll. Ob ich leben will frage ich mich manchmal immer noch. Es gibt diese Momente durchaus und es wird sie wohl immer wieder geben. Doch sie sind weniger geworden und die Tage, an denen ich nur wenig oder manchmal sogar gar nicht an Suizid denke, werden immer mehr. Und vermutlich werde ich diese Frage selten definitiv beantworten können. Doch ich glaube ich kann es, mit Unterstützung, soweit schaffen, dass ich die Beantwortung dieser Frage auf die guten Tage verschiebe und an den schlechten einfach weiter mache. So gut es eben geht, vielleicht manchmal einfach nur mit weiteratmen und weiteratmen und von Minute zu Minute hangeln. Aber ich glaube ich baue mir gerade und in den kommenden 2 Wochen genug Wege um es zu schaffen und ziehe Mauern um Schlupflöcher und Notausgänge. Und vielleicht ist genau das wichtig. Nicht unbedingt die Tür zum Suizid komplett zu schließen (zumindest derzeit), sondern genug Hindernisse einzubauen um die Türe soweit zu öffnen, dass ich durchschlüpfen kann. 

Um die Frage nach dem Leben derzeit zu beantworten: ja. Ja, ich will leben. Ich will atmen und lachen und weiter machen und die schönen Momente genießen und die schlechten so unbeschadet wie möglich überleben. Ich will weiter gehen und weiter machen und gesünder werden und nach und nach immer mehr und mehr Tage ohne Suizidalität und Selbstverletzungsdruck haben. 

Ja. Ich will leben. 

You can take everything I have
You can break everything I am
Like I’m made of glass
Like I’m made of paper
Go on and try to tear me down
I will be rising from the ground
Like a skyscraper
Like a skyscraper

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Endlich finde ich die Zeit und Kraft zu schreiben von den letzten Tagen, es ist so vieles passiert, dass ich schon das Gefühl hatte bald zu platzen. 

Zuerst mal der Samstag. Im Vorfeld war da sehr viel Angst und Unsicherheit. Auch in Bezug auf Frau S., denn immerhin habe ich sie 8 Jahre nicht gesehen. Und eben die Angst vor der Fahrt, die Angst vor der Nähe und vor alten Gefühlen. 

Die Hinfahrt verlief dann doch ganz okay. Die Angst und Nervosität ließ sich ganz gut aushalten, ich habe viel Emotionssurfing probiert und mich viel abgelenkt. Als ich dann durch den Landkreis fuhr, als die Autokennzeichen plötzlich das so bekannte Kürzel zeigten, da wurde mir für einen Moment schon anders, aber es ging. Und es war gut einen Umweg zu fahren, dem Ort nicht ganz nah zu kommen. Und es war auch ein wenig Wehmut dabei, als ich dann wirklich den Rand des Schwarzwalds erreicht hatte, als es immer weiter hinein ging und einmal quer durch. Immerhin habe ich dort so viele Jahre gelebt und auch wenn es für mich nie wirklich Heimat war, so war es doch ein Stück Zuhause. Als ich dann zum letzten Teil meiner Reise kam, als die Orte vertraut wurden und die Dinge vor den Fenstern, da stieg die Nervosität unglaublich. Ich habe dann dort angekommen noch mit der kleinen Hexe telefoniert, war in dem Supermarkt, der immer noch dort steht wo er früher war und saß dann auf einer der Bänke, auf der ich auch früher saß. 

Und dann kam Frau S. und es fühlte sich nach wenigen Minuten wieder unglaublich vertraut und gut an. Wir haben viel geredet, ich habe viel erzählt. Von jetzt und wie es mir geht, von damals und von der Zeit zwischen damals und jetzt. Und ich habe auch über den Missbrauch geredet, zum ersten Mal völlig offen mit einem Menschen, über meine Gefühle, über die Angst die es immer noch macht, über die Zerrissenheit zwischen Wut und Liebe, über die Scham, über all den Kram der damit zusammenhängt. Und sie sagt wieder, dass es ihr schon damals eigentlich klar war, dass ich aber auf ihre Nachfragen hin so geblockt habe, dass sie merkte es ist gerade einfach besser so. „Es hätte ja auch niemand auffangen können“ sagt sie und sie hat Recht. Damals war ich so sehr am Kämpfen, so sehr am Überleben, dass dafür kein Platz gewesen ist, dass ich es einfach auch nicht überlebt hätte. Und ich bin froh und dankbar, dass sie mich damals so geschützt hat. Wir laufen lange durch die Natur, reden, reden,  reden. Sie zeigt mir ihre neuen Praxisräume, ich zeige ihr Bilder von meinen Tieren. Ich erzähle von meiner Schwester, Frau S. meint „Ja, sie war dir damals schon unglaublich wichtig.“ und ich nicke und lächle. Sie findet es toll, dass ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, einen Schulabschluss habe, in meinem Beruf gearbeitet habe. Trotz allem. Wir sitzen im Café und trinken und essen und reden und reden. Sie findet es schön, dass ich meinen Humor nicht verloren habe, ich finde es schön, dass sie meinen Humor immer noch versteht.

Nach fast 6 Stunden begleitet sie mich noch zum Zug und winkt mir. Wir haben beschlossen, dass bis zum nächsten Treffen keine 8 Jahre mehr vergehen werden.

Die Rückfahrt hat mich dann doch noch ein wenig gestresst, denn es ist Wasen. Betrunkene Menschen in Massen, die sich alle in einen Zug quetschen… es stresst mich einfach. Aber dank Musik und Augen zu hat es irgendwie funktioniert und ich bin mit einer tiefen Zufriedenheit wieder in der Klinik angekommen. Zum einen, weil es so unglaublich gut tat Frau S. zu sehen und zu reden, zum anderen, weil ich es geschafft – und zwar gut geschafft – habe dort hin zu fahren.

Der Sonntag war dann ein wenig anstrengend. Wir wollten in den Tierpark fahren und haben das auch gemacht, trotz Regen. Aber irgendwann war es einfach nur noch kalt und nass und bäh und ich habe auch die Erschöpfung von Samstag deutlich gemerkt. Zurück in der Klinik brauchte ich erst mal eine heiße Dusche und eine Mütze Schlaf. Trotzdem war es schön dort und wir hatten eine gute Zeit, abgesehen vom Regen und der Kälte.
Heute ging es dann in der Einzeltherapie los mit dem großen bösen Thema „Gefühle“… Frau Psychologin erklärte mir wie angemessene Gefühle in einer Situation durch die Glaubenssätze zu Gefühlen werden, die einfach nicht mehr passen. So wie es oft im Vorfeld einer Selbstverletzung kippt und ich von etwas angemessenem wie Ärger zu Selbsthass schwanke, oder auch teilweise von Freude ins andere Extrem kippe. In meinem Kopf läuft automatisch so viel ab, dass mir das ganze oft passiert. 

Ich bin nicht in Ordnung. Ich bin falsch. Meine Gefühle sind falsch. Ich darf keine Gefühle haben. Ich darf keine Meinung haben. Ich bin Schuld. Ich habe es verdient. All das sind Dinge, die so tief in mir verwurzelt sind, dass ich ihnen kaum etwas entgegensetzen kann. Dass ich automatisch so handle, so denke, so fühle. Doch ich habe momentan das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg bin um auch da etwas zu ändern.

Es geht voran und es geht weiter. Manchmal tut es weh und mag ich aufgeben. Doch es geht weiter. Und manchmal kann ich auch akzeptieren, dass es nun okay ist. Dass hier und jetzt der richtige Zeitpunkt ist um weiter zu gehen. Es ist okay, dass manche Dinge nun erst kommen und nun erst Platz und Raum finden um da zu sein. Es hätte ja auch niemand auffangen können. Hier und jetzt ist es okay auch mal nicht okay zu sein. Zeit zu brauchen. Es ist okay zu stolpern und hinzufallen. Aber es ist auch okay wieder aufzustehen und weitet zu machen. 

Ich bin der Typ, der nach den guten Zeiten schürft
Und wenn ich merk, dass meine Jugend Falten wirft
Such ich mein Yukon, wo die Reise einst begann
Und hier fang ich, hier fang ich an
Hier geht’s zum Rest des Lebens
Und danach such ich eben
Und ich grab, so tief ich kann