In den Straßen von Berlin

Ich bin erledigt. Völlig. Aber positiv erledigt.
Mit jeder Minute mehr hier spüre ich, dass es die richtige Entscheidung war hier her zu fahren.
Ich mag die Selbstverständlichkeit, mit der meine Füße mich vom ZOB zur U-Bahn und von der Haltestelle zum Hostel getragen haben.
Die Selbstverständlichkeit, mit der ich den Weg an den Botschaften und frierenden Polizisten gegangen bin in Richtung Unter den Linden und zum Brandenburger Tor. Und den bekannten Geruch und das Geräusch der U-Bahnen, der Menschen um einen rum.
Nun sitze ich frisch geduscht in bequemen Klamotten in der Lobby rum und schaue Walking Dead und schreibe hier. Gleich werde ich ein letztes Mal für heute vor die Türe gehen und eine rauchen und dann ins Zimmer tapsen und in mein Bett fallen. Bevor ich schlafen kann, muss ich eben dieses allerdings ein wenig frei räumen, da ziemlich viel darauf verstreut liegt.
Bisher habe ich 2 meiner Mitbewohner kennen gelernt. Ein Texaner, der spontan nach Griechenland flog und dort Lust auf Currywurst bekam. Nun wird er ein Semester in Berlin verbringen, bevor er in Texas weiter studiert.
Der andere ist ein Mann im mittleren Alter, der beruflich in Berlin ist. Von ihm bekam ich etwas zu hören, was ich bisher noch nicht gehört habe. „Was hast du da an den Armen? Das sieht ja interessant aus.“ Als interessant würde ich das Muster auf meinen Armen nun nicht bezeichnen.
Bevor ich dann unter meine Decken krabbel werde ich mir ein Wärmepflaster auf den Rücken packen, denn der ist von 11 Stunden Bus, den ganzen Tag rumrennen und die kleine Hexe im Rollstuhl schieben ordentlich erledigt und hat mich die letzten Meter zum Hostel fast umgebracht.
Ich war unglaublich viel unterwegs heute. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich eine quasi schlaflose Nacht hinter mir habe und seit nun fast 40 Stunden auf den Beinen bin.

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Ich mag die Selbstverständlichkeit, mit der meine Füße mich einfach weiter getragen haben, trotz der Schmerzen.
Ich mag es um halb zehn abends in den Supermarkt zu gehen, weil ich noch eine Cola will.
Ich mag es mich mit den Menschen treiben zu lassen.
Und es fühlt sich gut an jetzt zu unglaublich erledigt hier zu sitzen. Unglaublich erledigt, aber unglaublich frei und glücklich.

Hat dein Herz auch Narben
Deine Tür bleibt immer auf
Ob du weißt, wie gut du tust
Bei dir regnet’s auch im Sommer
Und dein Schnee wird so schnell grau
Und du schreist, wenn du fluchst

Spontane 740 Kilometer

19.01.2015 – 11.05 Uhr

Ich kann nicht veröffentlichen, was ich heute und morgen früh schreiben werde. Zumindest jetzt noch nicht. Denn ich fahre nach Berlin, in 8 Stunden werde ich mich auf den Weg machen. Und in Berlin will ich die kleine Hexe überraschen, die dort nach einer OP im Krankenhaus rumhängt. Da sie jeden meiner Einträge liest kann ich es eben erst veröffentlichen, wenn ich bei ihr bin.
Nach Berlin zu fahren war erst ein wirrer Gedanke in meinem Kopf. Als es dann anfing psychisch schlimmer zu werden, wurde der Gedanke, dass ich raus muss, immer stärker. Und so habe ich nun einfach kurz entschlossen Hin- und Rückfahrt gebucht, habe im Hostel für zwei Nächte reserviert und werde morgen früh gegen 7 Uhr in Berlin ankommen.
Es fühlt sich gut an, einfach völlig spontan mal weg zu fahren. Nicht großartig planen, einfach dem Impuls raus zu müssen zu folgen.
Die kranke Keksdame allein zu lassen fällt mir schon schwer, aber ich habe meiner Nachbarin erklärt, wie sie ihr die Schmerzmittel geben muss, habe ihr zwanzig Mal versichert, dass Keks nun nicht in den nächsten 3 Tagen sterben wird, habe ihr gesagt wann ich fahre und wann ich wieder komme, meinen Haustürschlüssel hat sie sowieso seit einiger Zeit.
Und so sitze ich hier und freue mich und kann noch gar nicht richtig glauben, dass ich morgen in Berlin sein werde. Ich habe sie vermisst, die große Stadt. Auch wenn ich dort nicht auf Dauer leben mag, so ist es doch schön durch die Straßen zu streifen, mit der Bahn zu fahren, zu wissen, dass so viele Menschen dort von A nach B unterwegs sind und ein paar davon die gleichen Gedanken im Kopf haben wie man selbst. In München habe ich das schon immer so gern getan. Einfach durch die Stadt laufen, mich treiben lassen. Das hat mir immer unglaublich gut getan und ich glaube auch die Tage in Berlin werden mir gut tun.
Nun bleibe ich noch ein wenig auf dem Sofa hängen, mit Katerkind und Dschungelcamp am PC, schreibe eine Liste mit Dingen, die ich mitnehmen will und nicht vergessen sollte. Medis zum Beispiel, ohne die wäre es ziemlich doof.

19.01.2015 – 15.42 Uhr

In zwei Stunden bin ich schon aus der Türe raus und warte auf den Bus. Ich habe extra so geplant, dass ich auch bei Verspätung von Bus und Bahn noch rechtzeitig ankomme. Ich werde noch am Bahnhof etwas kleines zum Knabbern für die Fahrt kaufen und mich dann zum Fernreisebusbahnhof aufmachen. Über Mainz, Frankfurt und Leipzig werde ich dann nach Berlin fahren. Ich bin so hibbelig, mag am Liebsten jetzt direkt schon los. Aber ich habe extra so geplant, dass ich über Nacht fahre. Hoffentlich kann ich ein wenig schlafen, mit Seroquel sollte es eigentlich möglich sein. Ich bin gespannt, wie viele Leute mit mir unterwegs sein werden. Und ob der Busfahrer auch halbwegs anständig fahren kann. Und wie immer finde ich es schade, dass ich beim fahren nicht lesen kann, weil mir sonst furchtbar schlecht wird. (und vorsorglich stopfe ich mir grade mcp in die Tasche…) Also muss ich mir die Zeit mit Hörbuch, Musik, Filmen/Serien oder aus dem Fenster schauen vertreiben. Aber auch das kriege ich hin. Dafür kann ich einfach sitzen bleiben, muss nicht umsteigen und kein Gepäck von Gleis 1 zu Gleis 18 schleppen. Die Strecke vom ZOB zum Hostel kenne ich, vom Hostel zur Charite sind es zu Fuß ca. 20 Minuten. Ich werde morgen früh vermutlich erst mal mein Gepäck im Hostel abladen, einchecken kann ich erst gegen Nachmittag. Aber mein Gepäck bin ich dann los und kann Richtung Charite tapsen und die kleine Hexe überraschen. Ich freue mich unglaublich auf ihr Gesicht!
Gleich mache ich mich daran, den Rest meiner Liste abzuarbeiten, damit ich nachher keine Zeitprobleme kriege, werde Müll, gelben Sack und Meeristreu raus bringen (weil sonst der Zitronenkater das alles bestimmt verteilt), mich langsam anziehen (extra 2 Hosen, denn da oben ist es noch eine Idee kälter als hier…), Katerkind knuddeln und von den Meeris verabschieden, nochmal überlegen, ob ich alles habe und dann losziehen. Voooorfreudeeee!

19.01.2015 – 18.11 Uhr

Ich bin unterwegs. Der Bus hatte Verspätung, die Bahn hatte Verspätung. Aber da ich den ÖPNV hier kenne, bin ich extra eine Stunde früher los. Und so sitze ich nun voller Aufregung im Zug in die Hauptstadt. Vermutlich wird die Aufregung sich erst legen, wenn ich morgen vor der kleinen Hexe stehe. Zuletzt gesehen haben wir uns 2009 gesehen. Das scheint Ewigkeiten her…

19.01.2015 – 23.50 Uhr

Hallo Frankfurt. Die Fahrt war bis hier her eigentlich wirklich angenehm. Ich habe einen Film geschaut, mittlerweile höre ich in die Kuscheldecke gewickelt Hörbuch. Ich fahre mit einem Doppeldecker und habe einen Platz oben in der ersten Reihe ergattert und so eine wunderbare Aussicht. Wenn wir hier wieder starten werde ich versuchen ein wenig zu schlafen, damit ich morgen halbwegs fit bin und nicht den ganzen Tag in den Seilen hänge. Es tut unglaublich gut unterwegs zu sein, zu wissen, dass ich in 7 Stunden in Berlin sein werde. Ich freue mich.

20.01.2015 – 1.51 Uhr

Ich öffne die Augen und alles ist weiß. Schnee, überall Schnee. Beim Blick auf die Autobahnschilder bin ich mir nicht ganz so sicher, ob wir in uns noch in Deutschland befinden (und ich habe nur noch G als Handyverbindung. Ich bin ja relativ 4G verwöhnt und freunde mich auch mit H an, E lässt mich fluchen, aber G?! Das hatte ich seit Jahren nicht mehr). Dann lese ich Eisenach und weiß nun also, dass wir im Osten Deutschlands rumfahren und in der Nähe von Erfurt sind. Das nächste Schild sagt 372 km bis Berlin. An der nächsten Raststätte vertrete ich mir die Beine, rauche und kaufe mir eine heiße Schokolade. Mit der sitze ich nun wieder im Bus und es geht weiter durch verschneite Landschaften. Ganz selten sieht man einen Autofahrer, es sind fast nur Lkws unterwegs. Der Mann auf der anderen Seite des Ganges lässt immer wieder einen lauten Schnarcher von sich hören.
Und ich lächle. Ich sitze hier, fahre durch Schnee und lächle und trinke heiße Schokolade und fühle mich das erste Mal seit langem wieder völlig okay. Es war die richtige Entscheidung.
Nächster Halt: Leipzig. In ca. 2 ½ Stunden.

20.01.2015 – 4.50 Uhr

Guten Morgen Leipzig. Ich überlege, ob ich die Augen einfach auflassen soll. Effektiv geschlafen habe ich vielleicht eine Stunde. Den Rest der Zeit gedöst oder Hörbuch/Musik gehört. 2 Stunden noch. Vielleicht bleibe ich wirklich wach und schaue dabei zu, wie Berlin immer näher rückt.
Vermutlich werde ich dann erst mal ins Backwerk fallen und etwas essen. Nachdem das Rumhibbeln und die Aufregung nun ein wenig besser geworden ist, kann ich vielleicht auch was essen.
Kurz vor Leipzig hat es begonnen zu schneien. Der Wetterbericht sagt, dass es auch in Berlin schneit. Ich bin gespannt.
Vor allem freue ich mich einfach unglaublich darauf wieder in Berlin zu sein.

20.01.2015 – 11.22 Uhr

Ich glaube, dass ich nun endlich da bin wo ich hin wollte. Wenn nicht, dann werfe ich mich hier auf den Boden und schreie.
Ich habe mein Gepäck im Hostel abgeladen und habe in der Charité angerufen. Die haben ja mehrere Gebäude in Berlin verteilt. „Ja, genau, die liegt bei uns im Haupthaus.“ Ich also auf Richtung Mitte. Dort angekommen erklärt mir eine unfreundliche Dame, dass es weder die Patientin noch die Station in ganz Berlin gibt. Ich bitte sie nochmals zu schauen, buchstabiere den Namen und schreibe ihn schließlich auf. Sie sagt mir, dass ich in das Haus in Steglitz muss. Also mache ich mich auf den Weg nach Steglitz. Irgendwann vibriert die fitbit, meine 10000 Schritte habe ich voll. In Steglitz tapse ich an die Info und habe einen netten Pförtner vor mir, der verständnislos den Kopf schüttelt und was von Kollegen murmelt, die keine Lust auf ihren Job haben. Er schreibt mir die Adresse in Wedding auf, zu der ich muss, und ruft sicherheitshalber nochmal dort an. Dann erklärt er mir noch freundlich, wie ich am schnellsten dort hin komme.
Nun sitze ich erst mal hier und schreibe. Die kleine Hexe hat Physio und ich hoffe sie ahnt noch nicht, dass ich wirklich in Berlin bin. Zwischendurch war mir echt nach Heulen und Schreien zumute. Ich bin übermüdet, will endlich meine kleine Hexe drücken, brauche Koffein und Wärme.
Aber trotz allem ist es unglaublich schön hier zu sein, auch wenn ich völlig gestresst bin grade und mich nun erst mal zehn Minuten setze und durchatme und Achtsamkeitsübungen mache. Und wenn ich mich hier mitten in die Eingangshalle stellen muss und Qi Gong mache, mir egal. Herr Achtsamkeitstherapeut fände es bestimmt toll.

Und alles Schlechte lässt man zieh’n

Sobald ich mich irgendwo hinsetze krabbelt der Zitronenkater auf meinen Schoß. Ich schaue ihn an und muss daran denken, dass dieser schnurrende Haufen Fell mal so klein war, dass ich ihn beim spielen mit einer Hand hochheben konnte. Jetzt ist der Herr schon 8 Monate alt, passt nicht mehr in jede kleine Ecke und verursacht blaue Flecken, wenn er von der Fensterbank auf mich springt, während ich im Bett liege. Ich hab mich damals sofort in seine großen Kulleraugen verliebt. Seine Ängstlichkeit ist mittlerweile fast ganz verflogen. Während er früher unter das Bett sprintete, wenn im Flur etwas zu hören war, läuft er mittlerweile zur Tür und freut sich, wenn jemand hier klingelt und er etwas zum beschnuppern hat. Den Hund meiner Nachbarin faucht er mutig an und stellt sich ihm in den Weg, früher hat er sich möglichst weit vor ihm versteckt. Die Meeris findet er immer noch toll, er schläft gerne bei ihnen, klaut ihnen immer noch gerne den Salat und die Gurken und stubst sie manchmal mit der Pfote an und freut sich, wenn sie protestierend quietschen. Er kämpft immer noch liebend gerne mit meinem Drachenbaum und trägt die Blätter wie eine Kriegsbeute durch die Gegend, springt immer noch frech in den Kühlschrank und würde beim kochen am liebsten in den Topf oder die Pfanne springen, er räumt immer noch gerne den gelben Sack aus und verteilt den Inhalt in der ganzen Wohnung. Er ist ein freches, verfressenes und neugieriges Katzenkind. Ich liebe ihn unglaublich. So unerwartet wie er Teil meines Lebens wurde, so wunderbar ist es nun ihn in ebendiesem zu haben. Er bringt mich zum lachen, zum lächeln, zum wütend werden und zur Verzweiflung, wenn er den ganzen Tag in seiner Katzensprache vor sich hin plaudert. Er macht mein Leben bunter, chaotischer und wärmer. Und jedes Mal, wenn er auf meinem Schoß, meinem Bauch oder meinen Beinen einschläft, voller Vertrauen, dass ihm bei mir nichts passiert, weiß ich, dass es die absolut richtige Entscheidung war ihn bei mir aufzunehmen.

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Ich habe mal wieder eine unruhige Nacht hinter mir. Mein Bett sieht aus, als ob darin ein Kampf stattgefunden hätte. Das Bettlaken ist halb von der Matratze unten, die Kissen sind verstreut, genauso wie die Kuscheltiere, die Schlafbanane hat beschlossen außerhalb des Bettes zu wohnen und ich wache müde, mit Rückenschmerzen und völlig verstrubbelt auf. Mein Schlafphasenwecker erzählt mir, dass ich fast gar nicht im Tiefschlaf war, fitbit sieht es nicht anders und Katerkind sitzt auch mit vorwurfsvollem Blick neben meinem Kopfkissen. Ich weiß nicht was das ist, das mich derzeit zu solch unruhigen Nächten bringt. Ich weiß auch nicht, ob ich es wissen will. Seit ich die Quetiapin nehme, vorallem seit die Dosis erhöht wurde, habe ich eigentlich meistens tief geschlafen und bin kaum aufgewacht. Davor war ich nachts mindestens einmal wach. Problematisch war meist eher das einschlafen, aber wenn ich mal geschlafen habe dann schlief ich auch. Nun könnte ich vermutlich genauso gut einfach wach bleiben und wäre dann genauso erholt. Nämlich gar nicht. Dafür bin ich dann gegen 18 Uhr so müde, dass ich die Augen kaum noch aufhalten kann. Morgen muss ich in die Hauptstadt, ich brauche eine Überweisung vom Psychiater. Vielleicht versuche ich heute Abend länger durchzuhalten, morgen muss ich dann früh aufstehen und wenn ich dann wach bleibe bis mindestens 22 Uhr, vielleicht schlafe ich dann mal tiefer und ruhiger.
Wenn ich träume, dann verfolgt mich in den letzten Nächten immer der selbe Traum. Ich fahre an meinem Geburtstag zu Mama und da steht mein Vater im Wohnzimmer. Immer und immer wieder träume ich das und überlege mittlerweile, ob ich wirklich zu Mama fahre oder ihr nicht einfach erkläre, dass sie hier her kommen soll. Er hat weder meine neue Adresse, noch meine neue Telefonnummer, auf dem Handy ist er blockiert. Wenn meine Mutter nicht so wäre wie sie ist, dann würde ich mir keine Sorgen machen. „Ach C., ich will ihr doch nur was kleines schicken.“ Ich kenne meinen Vater und ich kenne meine Mutter. Bisher hat die Drohung, dass ich dann nicht mehr mit ihr rede, sie davon abgehalten etwas Preis zu geben. Ich glaube ich würde vor Wut alles erreichbare durch die Gegend pfeffern, wenn sie ihm wirklich meine Adresse geben sollte. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto größer wird meine Angst, und das will ich nicht.
Stattdessen verkrümel ich mich noch ein wenig auf mein Sofa, räume dann ein wenig auf und kehre (die Meerchen könnten ihren Dreck echt mal selbst weg machen), spüle mein Geschirr und beschenke mich gegen Abend dann mit einer Wii, die ich super günstig bei den eBay Kleinanzeigen entdeckt habe. Juhu.

Es sind die guten Zeiten
Die uns am Ende noch erhalten bleiben
Und zusammen schweißen für ein Leben lang
Es sind die guten Tage
Und nur die Besten der Momente bleiben dir und mir am Ende

2015. Ein Rückblick.

In „meinem“ Forum gibt es seit Jahren die Tradition des Jahresrückblicks. Ich habe diese Tradition liebgewonnen, habe eigentlich jedes Jahr einen Jahresrückblick geschrieben, manchmal im Forum, manchmal im Blog, manchmal nur für mich.
Lange habe ich überlegt, ob ich einen für dieses Jahr schreiben möchte. Vor Silvester war es mir zu heikel, weil es ja doch ein wenig von melancholisch werden hat. Doch nun habe ich Lust darauf, mag zurückblicken und schreiben.

Was hast du in diesem Jahr gelernt? Woran bist du gewachsen?
Das Wichtigste, was ich gelernt habe, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Es geht immer weiter.
Ich habe viel über mich selbst gelernt. Viele Grundlagen, um mit mir und der Selbstverletzung und den Suizidgedanken umzugehen. Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, denen ich vertrauen kann und die mich so akzeptieren, wie ich bin. Ich habe gelernt offener durchs Leben zu gehen, mich auf fremde Situationen eher einzulassen. Ein wenig auch mehr auf mich stolz zu sein und auf mich zu achten. Und auch mir Gutes zu tun.

Womit hast du angefangen?
Damit mir Hilfe zu suchen, die Weichen zu stellen für eine DBT. Damit, alleine zu leben und mein Leben alleine zu gestalten. Ich habe angefangen, aktiv etwas gegen die Dämonen der Vergangenheit zu tun und mich nicht mehr nur davor zu verstecken. Damit, mir Gutes zu tun, egal wie schwer es fällt.

Worauf bist du stolz?
Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe mir Hilfe zu suchen und diesen Weg auch gehe, so schwer es manchmal ist. Ich bin stolz auf die Entwicklung, die ich im letzten Jahr gemacht habe. Ich bin stolz auf jeden Moment ohne Selbstverletzung, auf jeden Moment, der nicht von der Vergangenheit bestimmt wurde. Stolz auf jede Minute, die ich völlig unter Hochspannung ausgehalten habe. Stolz darauf, dass ich jeden Tag aufs neue atme und lebe.

Womit aufgehört/abgeschlossen?
Mit vielen Freundschaften habe ich abgeschlossen, weil ich eingesehen habe, dass es manchmal an der Zeit ist alleine weiter zu gehen. Ich habe aufgehört mich selbst zu vernachlässigen bei dem Versuch möglichst normal zu sein und zu funktionieren. Abgeschlossen mit der Beziehung und dem dazugehörigen Liebeskummer, der sich noch durch das Jahr zog. Und endgültig damit aufgehört, meine Vergangenheit nicht akzeptieren zu wollen, denn es ändert nichts daran, dass es geschehen ist.

Schönster Moment des Jahres?
Einen schönsten Moment gab es nicht, eher mehrere kleine, für mich aber unglaublich schöne Momente.
Der Einzug in meine vier Wände. Als das kleine Fellbündel bei mir einzog. Neue Menschen kennen lernen und in meinem Leben haben. „Alte“ Menschen wieder in meinem Leben haben. Und noch so viele mehr…

Schlimmster Moment? (Und evtl. Erkenntnisse daraus?)
Der 2. Februar, als ich voller Schläuche und Kabel auf der Intensivstation vollends zu mir kam. Der Moment, in dem die Erinnerungen an die Stunden davor wieder kamen, an das, was ich getan habe. Meine Schwester danach zu sehen, ihre Augen voller Angst und Sorge. Chrissie danach zu sehen, zu hören welche Angst sie in dieser Nacht um mich hatte. Schwester Nathalie und Schwester Sabine danach zu sehen, die in dieser Nacht Dienst hatten und mich zu erklären.
Die Erkenntnis daraus ist, dass ich an diesen Punkt nicht mehr kommen möchte. Dass ich nie wieder so sehr die Kontrolle über mich verlieren will, nie wieder in eine Situation kommen mag, in der ich völlig der Kontrolle anderer unterworfen bin. Und auch die Erkenntnis, dass ich wahnsinnig verständnisvolle Menschen um mich habe. Meine Schwester, die mir verzeiht, Chrissie, die einfach nur froh ist, und Nathalie und Sabine, die mir zwar mehrmals eindringlich erzählen, was hätte schief gehen können, mir aber keine Vorwürfe machen.

Wem sagst du danke – und wofür?
Chrissie. Wie eigentlich in jedem Jahr. Du bist und bleibst die beste beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Danke für all diese Momente mit dir. Danke für diese eine Nacht. Danke für ein weiteres Jahr mit dir an meiner Seite.
Kat. Danke, dass wir immer noch Kontakt haben und normal miteinander umgehen können, danke für viele lustige Momente, danke, dass du immer noch ein Teil meines Lebens bist.
Meiner Schwester. Dafür, dass sie einfach da ist, dass sie mich nach dieser Nacht im Februar so oft besuchen kam. Für ihr Verständnis, dass ich unserer Mutter nicht alles erzählen möchte. Für ihr stillschweigendes Mitwissen über neue Narben und Klinikaufenthalte. Für die unerschütterliche Liebe zwischen uns.
J. dafür, dass du ein weiteres Jahr da warst, mir liebe Worte und manchmal auch Arschtritte geschickt hast, für Tee und Filmabende und Besuche und einfach dafür, dass du du bist.
Lili. Für unzählige Stunden am Telefon, fürs Dasein in schönen und schlechten Momenten, dafür, dass unsere Freundschaft auch nach langer Zeit der Stille immer noch so wunderbar und tief ist.
M. fürs shishen und essen gehen und trinken und Borderline-Witze machen und für die ganzen schönen Treffen im letzten Jahr.
J. & K. für die letzten Wochen und die Momente, dafür, dass ihr da seid und es sich anfühlt, als ob wir uns schon Jahre kennen würden.
Dem ganzen Team der Station , dafür, dass sie immer an mich glauben, auch wenn ich es manchmal nicht tue. Für Telefonate mitten in der Nacht, fürs mich in Hochspannung aushalten und mit mir gemeinsam durchhalten, für viele lustige Momente und viele Tiefs, dafür, dass sie Tag für Tag (und manchmal auch Nacht für Nacht) so viel mehr machen als nur einen Job, sondern mit so viel Verständnis, Geduld und Spaß da sind, auch wenn es manchmal richtig turbulent und anstrengend ist auf Station. (Das dürfen Sie auch gerne weitergeben Nathalie. 😉 )
Und sonst allen Menschen, die mich im letzten Jahr unterstützt und begleitet haben, hier im Blog liebe Worte hinterlassen haben oder mir aufmunternde Nachrichten schickten. Danke.

Was bringt 2016/ Was wünschst du dir für 2016?
Weitergehen. Ein Stück mehr in meinem Leben ankommen. Ein Stück gesunder werden. Kämpfen, atmen, weitermachen, weniger selbst verletzen. Tag für Tag, Schritt für Schritt.

Unvergessenswertes?
Der Sommer im Garten, mit Meeris und Katerkind.
Die erste Nacht in meiner Wohnung.
Einige Teedates.
Die Telefonate mit Lili.
Der Besuch vom kleinen Bruder.
Die Frankfurter Buchmesse mit P.
Das erste Mal den Zitronenkater sehen und mich sofort verlieben.
Nevas Besuche.
Und noch so viele Momente mehr…

 

Insgesamt gesehen war 2015 ein sehr turbulentes Jahr, ein Jahr mit vielen Tiefpunkten, aber auch wunderbaren Momenten, die mir gezeigt haben wie lebenswert das alles ist. Ich war ganz unten und bin da wieder raus gekommen, habe vieles erreicht und bin nun an einem Punkt, der vor genau einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre.
Es geht weiter. Auch wenn ich manchmal zweifle und falle und aufgeben mag. Es geht weiter. Es geht immer weiter. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

 

Das ist bloß ’ne Geschichte, eine von 10 Millionen

Mein Bett. Meine Decken, meine Kopfkissen, meine Schlafbanane, mein Katerkind. Ich liege im Bett, denn ich bin immer noch furchtbar müde. Schlafen vorhin hat nicht funktioniert, vielleicht funktioniert es ja jetzt. Auf dem Sofa sind mir jedenfalls in den letzten Minuten ständig die Augen zugefallen.
Es tut gut wieder hier zu sein. Ich habe ein wenig Ordnung und mein Sofa sauber gemacht, habe mir die eingefrorene Portion meiner Käse-Lauch-Suppe aufgetaut und warm gemacht und gefuttert, habe ein wenig fern gesehen und ein wenig am PC gehongen. Alles in allem nicht so außerordentlich produktiv, aber ich finde es okay. Und es ist gerade auch okay, dass ich es okay finde.
Der Psychopeut sagte heute im Gespräch auch, dass es doch verständlich sei. Wenn man so viele Jahre so viel schlimmes erlebt hat, dann hält man es oft kaum aus wenn es scheiße ist. Aber eben auch nicht, wenn es gut ist. Vielleicht hat das ein bisschen dieses „ich bin doch total bekloppt“ gemildert. Denn im Prinzip ist es einfach paradox, ich kämpfe dafür, dass es mir gut geht und wenn es dann so ist, dann ist es auch scheiße.
Heute habe ich übrigens zwei Zeitschriften durchgeblättert und dort die jährlich auftauchenden Jahreshoroskope gelesen. Prinzipiell lese ich Horoskope gerne, gebe dem Ganzen aber nicht wirklich Bedeutung. Heute musste ich dann aber doch schmunzeln. In beiden Zeitschriften stand, dass mein Thema dieses Jahr „Abgrenzung“ sein wird. Vielleicht ist ja doch was dran.
M. meinte als ich ging dann, dass ich mich doch mal melden soll oder zu Besuch in der Klinik vorbei kommen. Und ich antworte nur, dass ich A. am Donnerstag nach der Achtsamkeit besuchen werde und frage mich, ob sie vergessen hat, was in den letzten Tagen geschehen ist, ob sie es so sehr anders sieht oder ob sie so einfach versucht wieder einen Zugang zu mir und unserer Freundschaft zu finden. Und dann denke ich mir, dass es mir im Moment einfach egal ist. Und ich bin zufrieden mit dieser Einstellung, denn alles andere tut mir derzeit nicht gut.

Hier geht’s um dich allein, hier geht’s darum zum ersten Mal so richtig stark zu sein, hier geht’s um dich allein, nicht um die andern, nicht um die andern mein Freund.

There were times in my life I was down on my knees, now it’s over

Ich bin wieder daheim. Juhu! Auch wenn es hier aussieht wie Kraut und Rüben (Arschkeks von Zitronenkater!).
Aber Zuhause. Katerkind und Meeris, mein Bett, mein Sitzsack, mein Sofa und WLAN.
Gleich werfe ich mich erst mal ins Bett. Ich habe seit gestern unterschwellig Kopfschmerzen (kein Wunder bei der Heulerei) und bin seit dem Mittagessen auch furchtbar müde. Da hatte ich auf Station allerdings schon kein Bett mehr…
Übrigens: niemals Nathalie von Neujahrsvorsätzen erzählen. Sie streckte mir direkt die Hand hin, als ich gestern erzählte, dass ich weniger Energydrinks trinken will. „Und das Zeug lassen Sie auch weg!“ Tja, nun habe ich ihr also die Hand drauf gegeben.
Der Herr Psychopeut hat heute noch mit mir gesprochen und ich habe ihm auch von der Angst erzählt, die ich habe vor dem „danach“. Vor dem, was nach der DBT kommt. Er hat mir nochmals versichert, dass ich auch danach jederzeit kommen kann und die Türen für mich offen stehen, ich habe gesagt, dass ich eventuell eine Traumatherapie anhängen möchte und er meinte, dass man im Team und im Gespräch ja auch kucken kann, ob ich nach der DBT weiterhin Intervalltherapie machen kann bis eventuell zu einer Traumatherapie, dann mit größeren Abständen als derzeit, wenn es passt.
Ich werde diesmal versuchen 6 Wochen daheim anzustreben. Wenn es nicht klappt, dann ist es auch okay, ich werde mich da selbst nicht total unter Druck setzen, weil ich dann letztendlich zwar 6 Wochen schaffe, aber das ganze vermutlich mit zerschnittenen Armen und völlig am Ende. Und das ist ja nicht der Sinn der Sache.
Und nun kuschel ich mich erst mal in mein Bett, bevor ich dann das Zitronenkaterchaos beseitige. Einkaufen und Meeris mache ich morgen, dafür habe ich heute gar keinen Nerv und das Wetter ist mir auch viel zu schlecht um nochmal vor die Türe zu gehen. Es läuft ja nicht weg. Heute ist ankommen angesagt, Gutes tun und das aushalten. „Chakka, Sie schaffen das!“ sagt Nathalie zum Abschied.

I’m back in the picture,
back in the picture

Nichts bleibt jemals stehen

Meine Nacht war dann irgendwann noch ganz in Ordnung. Ich war zwar noch bis 5 Uhr wach, danach habe ich aber geschlafen und, soweit ich weiß, auch nicht schlecht geträumt. Irgendwann bin ich dann auch in die Gänge gekommen, habe eine erste Ladung Wäsche angeworfen und bin in die Klinik getappt, habe einer Freundin Zigaretten gebracht, mit ihr einen Kaffee getrunken und bin auf dem Rückweg noch Futter für meine 4 Monster kaufen gegangen, habe die 2. Maschine Wäsche angeworfen und die erste aufgehängt.

Als ich so in der Klinik am Schwesternsitz stand und ein wenig mit Schwester Tina redete, meinte sie plötzlich „hier hängt ein Brief für Sie.“ Zuerst war ich erstaunt, dann habe ich angefangen zu grinsen. Schon bevor ich ihn in der Hand hatte musste ich an Schwester Nathalie denken und ihre Worte gestern. Und ich hatte Recht.

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Vielen lieben Dank. Ich habe mich riesig gefreut und muss immer noch grinsen, wenn ich die mittlerweile 3 Zettel sehe. Am liebsten würde ich Nathalie nun dafür fest drücken.
Tina sagte, dass wir das hinkriegen mit den Silvestertagen, auch ohne schneiden. Und ich habe das erste Mal ein wenig Zuversicht, dass ich es vielleicht ohne neue Wunden ins neue Jahr schaffen kann. Tag für Tag. Minute für Minute. Schritt für Schritt. Skill für Skill.
Morgen werde ich also wieder in die Klinik gehen. „Wie, morgen schon?“ fragte der Chefarzt, als ich ihm heute über den Weg gelaufen bin. „Ist schon wieder so viel Zeit vergangen?“. Ja. Es sind wieder 5 Wochen rum. Und es sind 5 ½ Wochen ohne schneiden. Also werde ich morgen früh aufstehen, werde meine Sachen packen, lade mir noch ein paar Videos auf den Kindle, schnappe mir Pummeleinhorn und Kuscheldecke, knutsche meinen Kater und meine Meeris und tapse in die Klinik. Sicherheit für die fruchtbaren Tage, hoffentlich. Am allerliebsten würde ich mich unter der Decke verkrümeln und erst wieder raus kommen, wenn alles vorbei ist. Aber so oder so, es wird vorbei gehen. Tag für Tag und Schritt für Schritt.

Wenn der Boden unter deinen Füßen bricht
Gibt’s keinen Haltegriff
Ob du loslässt oder ob du kämpfst
Es reißt dich einfach mit

Für immer reicht genau bis hier

Gestern war es wirklich schön. Ich musste mir zwar noch eine Tablette genehmigen, weil ich die Menschenmassen sonst nicht ausgehalten hätte und Amok gelaufen wäre, aber sonst ging es. Und dann habe ich einfach das Beste getan, was ich nach dem Start in den Tag tun konnte: mir Gutes getan. Ich habe mich gefreut M. wieder zu sehen und mit ihr unterwegs zu sein, wir haben Glühwein getrunken und Knecht Ruprecht, sind durch die Stadt gelaufen und waren in einem Klamottenladen. Ich bin nun stolze Besitzerin von mehreren neuen Sachen, hauptsächlich mit Minions drauf (hach <3) und eine Krümelmosterhose (hach <3). Bequeme Klamotten für die anstehenden furchtbaren Tage. Je näher diese Tage rücken, desto furchtbarer fühle ich mich. Deswegen habe ich mir für heute einige Sachen vorgenommen, die ich erledigen will. Hauptsächlich aufräumen, ein paar Dinge tun wie Router ans neue Kabel anschließen und mein Kabelwirrwarr sortieren, weil derzeit alles auf meiner Funksteckdose hängt und das nicht soll, kochen sollte ich auch. Einkaufen war ich schon. Dann warte ich noch auf Pakete Nr. 2 und 3, eins für mich mit Tierkram und eins für die Nachbarin, die nicht da ist, Paket Nr. 1 mit den restlichen Geschenken für mein Schwesterherz kam schon an.
Den Tag füllen mit konstruktiven Dingen, damit die destruktiven keinen Platz haben. Ich habe mir die ganzen Einzelpunkte auf einen Zettel geschrieben. Sowas wie Sofa aufräumen, Wohnzimmertisch aufräumen und Wohnzimmer fegen. Das macht es einfacher, weil die Häppchen kleiner sind und ich so immer wieder zwischendurch etwas durchstreichen kann. Wenn da nur "Wohnzimmer" stehen würde, dann würde ich vermutlich ein wenig machen und hätte dann keine Lust mehr. Sich selbst austricksen funktioniert manchmal ganz gut. Und da mir die Motivation fehlt mich mal dranzumachen werde ich mir selbst ein Ultimatum stellen. Wenn ich mal angefangen habe, dann ist es in Ordnung, nur bis zum Anfangen dauert es. Vielleicht klappt es ja mit einer festgelegten Uhrzeit.
Morgen will ich mir dann viel Gutes tun, Kraft tanken für die drei Weihnachtstage. Wenn die rum sind kann ich erst mal durchatmen. Dann habe ich noch 2 Tage Zuhause, die ich irgendwie überleben muss, bevor es in die Klinik geht. Zum Glück schon am 29., jeder Tag mehr wäre ein absoluter Kampf und die zwei Tage werden schon schwer genug. Aber ich will es lebend durchstehen und dem nächsten Jahr die Chance geben besser zu werden als 2015. Ich weiß, dass ich es kann und die Kraft habe es zu schaffen, auch wenn der Selbstverletzungsdruck und die Suizidgedanken enorm werden und ich in den Momenten dann wirklich nur noch schneiden/sterben will, weil für nichts anderes Platz ist.
Und nun gönne ich mir noch ein wenig Zeit zum gammeln, bevor ich durchstarte und konstruktiv bin.

Wir können rennen
wir dürfen stolpern
Man hat’s noch nicht verloren
nur wenn man’s vermisst

Mit all deine Farben und deinen Narben

In den letzten Tagen habe ich mir selbst erlaubt mir ein paar Dinge zu gönnen. Einen neuen Geldbeutel, eine neue Hülle fürs Handy, ein Regalbrett für die Küche, Unterbaulampen für die Küche, ein neues Minions-Poster und ein paar Kleinigkeiten.
Die Lampen habe ich gerade an die Schränke geschraubt, gleich werde ich die Wand durchlöchern um das Regalbrett festzumachen, damit habe ich dann mehr Platz um Mikrowelle, Toaster und Wasserkocher zu verstauen. Vielleicht nutze ich einen Teil der roten Folie, die hoch übrig ist, um die Waschmaschine zu bekleben. Mal sehen. Ansonsten erkläre ich diesen Tag zu einem „in aller Ruhe Zuhause Zeug erledigen“ – Tag. Ich muss mein Papier mal raus bringen und klein machen, sollte mal was essen, mein Geschirr will gespült werden. Mein Bett will ich frisch beziehen und die Wäsche waschen. Haushaltskram eben. Auch wenn ich zwischendurch immer mal wieder enorm durchhänge und es mir schwer fällt mich zum weitermachen zu motivieren habe ich eigentlich genug Antrieb um das alles hinzukriegen. Und meine Schubladen und Kisten will ich sortieren, denn mit der Zeit wandert alles dann doch dort hin, wo es eigentlich nicht sein sollte. Und vielleicht schaffe ich es ja auch noch mein Hängeschlauchregal im Bad aufzuräumen und zu sortieren, denn dort fliegt auch alles wild durcheinander. Handcreme und Labello muss ich in den nächsten Jahren definitiv nicht mehr kaufen, davon hab ich beim Schubladenaufräumen im Bad vor ein paar Wochen genug gefunden.

Nachdem ich in den letzten Tagen relativ viel unterwegs war, tut es jetzt auch mal gut Zuhause zu sein. Vor allem Zuhause zu sein und trotzdem etwas hinzukriegen. Und obwohl ich in letzter Zeit ganz gerne unter Menschen bin und meine Freunde echt mag, bin ich auch mal froh eine Weile meine Ruhe zu haben, abgesehen vom maunzenden Katerkind und den quietschenden Meeris. Einfach ein Tag nur für mich, an dem ich mit Gutes tue indem ich ein paar Dinge erledige.
Und heute Abend werde ich mich mit Tee und Kerzen auf mein Sofa kuscheln und fernsehen.

Ich seh deinen Stolz und deine Wut
dein großes Herz, deinen Löwenmut

Du bist das Recht, du bist das, was jeder verdient

Um kurz nach 7 habe ich die Augen aufgeschlagen, weil das Handy zum dritten Mal vor sich hin brummte und ich nach dem dritten Mal nicht die Möglichkeit habe nochmal auf schlummern zu drücken. Stattdessen muss ich mehrere Rechenaufgaben lösen. Und das funktioniert mit geschlossenen Augen relativ schlecht, also musste ich sie eben öffnen.
Und wenn ich mir nicht ziemlich sicher wäre, dass die Menschen bei der Krankenkasse eine Woche vor Weihnachten aufhören zu arbeiten, zwischen Weihnachten und Neujahr keine Lust haben irgendwas anzufangen und im neuen Jahr bestimmt zwei Wochen brauchen, um ihren Arbeitsplatz wieder zu finden, dann wäre ich einfach liegen geblieben. Aber da ich darauf angewiesen bin, dass spätestens vor dem 1. Januar Geld kommt, damit es dann direkt wieder abgebucht werden kann, bin ich eben aus dem Bett und in die Kleider und habe gefrühstückt (es ist seltsam das zu schreiben…), die Fellnasen gefüttert (Katerkind hat natürlich wieder gemeint, dass man das Futter einatmen kann, deswegen kam es dann nochmal Hallo sagen…) und bin vor die Türe gefallen. Und wie das eben so ist, wenn man eigentlich was vor hat und irgendwo hin will: der Bus kam nicht. Wenn eine Schneeflocke vom Himmel gefallen wäre, dann hätte ich erst gar nicht versucht in die Hauptstadt zu kommen. Wintereinbruch ist hier ja immer eine Sensation, woher soll man denn wissen, dass es im Winter schneien könnte?! Ich muss dann jedes Jahr schmunzeln, wenn Busse, Bahnen, Autos und sonstiges Gefährt einfach nicht mehr voran kommt bei dem Schneechaos aus einer Hand voll Flocken. Wenn man am Rande des Schwarzwalds aufgewachsen ist, dann sind 2 Meter Schnee im Winter keine Seltenheit, dass wegen ein paar Flocken alles stillliegt –  das gibt es nicht.
Aber bei einer Temperatur um die 7 Grad wird es wohl nicht schneien.
Also bin ich wieder heim, habe noch zwanzig Minuten das Katerkind gekrault und bin dann nochmal vor die Türe, da kam dann auch tatsächlich ein Bus.
Hauptstadt – Psychiater – Drogeriemarkt (ich bin an den Rasierklingen vorbei gekommen ohne welche zu kaufen!) – anderer Drogeriemarkt (und nochmal geschafft!) – nach Hause.
Daheim werde ich meine Fellnasen frisch machen, sowohl die quietschenden als auch die miauende, räume ein wenig auf (und die 1200 Puzzleteile in meinem Schlafzimmer zusammen), überlege was ich kochen soll, bringe meinen Krankengeldwisch zur Post, kriege Besuch, will mir Gutes tun. Vielleicht drehe ich mal wieder die Musik laut, das habe ich lange nicht getan. Dann hören meine Nachbarn wenigstens auch mal gute Musik.
Wenn ich Glück habe finde ich beim Aufräumen die 10 verschollene Spielzeugmäuse von Katerkind.

Gesten hatte ich übrigens einen sehr schönen Moment, der mir auch heute noch ganz fest im Gefühl hängt.
Ich links eingehängt bei Mama, Schwesterherz rechts, durch die Bahnhofstraße laufend, Weihnachtsmarktgeruch in der Nase und ein unendliches Gefühl von Freiheit.
Freiheit, das ist so eine wichtige Sache für mich. Die Freiheit zu tun wonach mir ist, zu essen was ich will, zu schlafen wann und wo ich will, laut zu singen, zu heulen, zu telefonieren, zu duschen… All das sind Dinge bei denen ich so viele Jahre eingeschränkt war, die ich nicht oder nur dann und dann machen durfte.
Manchmal (und eigentlich bräuchte ich das öfter) muss ich mir das vor Augen halten. Dass damals vorbei ist. Dass es nun so viel anders ist. Dass ich einfach frei bin. Frei von ihm, frei von seinen Einschränkungen, frei von seiner Gewalt. Auch wenn es sich manchmal gar nicht so anfühlt, weil er in meinen Gedanken und Gefühle festklebt wie Kaugummi, weil so viele Dinge eingefahren sind und mich bis heute begleiten, weil ich es eben nie anders gelernt habe. Aber ich bin frei, ich kann selbst bestimmen. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwann auch aus Gefühlen, Gedanken und Handlungen verschwinden wird. Vielleicht nie ganz, aber zumindest so weit, dass es mein Leben nicht mehr bestimmt. Vielleicht ist das eine Idee an das „Gutes tun“ ran zu kommen, weil da soooo viele Dinge drunter fallen, die ich nie durfte und mir deswegen auch unbewusst bis heute verbiete und sie nur schlecht aushalten kann. Vielleicht hilft es, ganz bewusst gegen sein Tun, seinen Einfluss, zu handeln, mir das ganz bewusst zu sagen. Graadselääds! „Und nun tue ich das ganz bewusst, weil ich weiß, dass ich es damals nicht gedurft hatte und du ausgeflippt wärst. Ätsch!“

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen