2015. Ein Rückblick.

In „meinem“ Forum gibt es seit Jahren die Tradition des Jahresrückblicks. Ich habe diese Tradition liebgewonnen, habe eigentlich jedes Jahr einen Jahresrückblick geschrieben, manchmal im Forum, manchmal im Blog, manchmal nur für mich.
Lange habe ich überlegt, ob ich einen für dieses Jahr schreiben möchte. Vor Silvester war es mir zu heikel, weil es ja doch ein wenig von melancholisch werden hat. Doch nun habe ich Lust darauf, mag zurückblicken und schreiben.

Was hast du in diesem Jahr gelernt? Woran bist du gewachsen?
Das Wichtigste, was ich gelernt habe, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Es geht immer weiter.
Ich habe viel über mich selbst gelernt. Viele Grundlagen, um mit mir und der Selbstverletzung und den Suizidgedanken umzugehen. Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, denen ich vertrauen kann und die mich so akzeptieren, wie ich bin. Ich habe gelernt offener durchs Leben zu gehen, mich auf fremde Situationen eher einzulassen. Ein wenig auch mehr auf mich stolz zu sein und auf mich zu achten. Und auch mir Gutes zu tun.

Womit hast du angefangen?
Damit mir Hilfe zu suchen, die Weichen zu stellen für eine DBT. Damit, alleine zu leben und mein Leben alleine zu gestalten. Ich habe angefangen, aktiv etwas gegen die Dämonen der Vergangenheit zu tun und mich nicht mehr nur davor zu verstecken. Damit, mir Gutes zu tun, egal wie schwer es fällt.

Worauf bist du stolz?
Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe mir Hilfe zu suchen und diesen Weg auch gehe, so schwer es manchmal ist. Ich bin stolz auf die Entwicklung, die ich im letzten Jahr gemacht habe. Ich bin stolz auf jeden Moment ohne Selbstverletzung, auf jeden Moment, der nicht von der Vergangenheit bestimmt wurde. Stolz auf jede Minute, die ich völlig unter Hochspannung ausgehalten habe. Stolz darauf, dass ich jeden Tag aufs neue atme und lebe.

Womit aufgehört/abgeschlossen?
Mit vielen Freundschaften habe ich abgeschlossen, weil ich eingesehen habe, dass es manchmal an der Zeit ist alleine weiter zu gehen. Ich habe aufgehört mich selbst zu vernachlässigen bei dem Versuch möglichst normal zu sein und zu funktionieren. Abgeschlossen mit der Beziehung und dem dazugehörigen Liebeskummer, der sich noch durch das Jahr zog. Und endgültig damit aufgehört, meine Vergangenheit nicht akzeptieren zu wollen, denn es ändert nichts daran, dass es geschehen ist.

Schönster Moment des Jahres?
Einen schönsten Moment gab es nicht, eher mehrere kleine, für mich aber unglaublich schöne Momente.
Der Einzug in meine vier Wände. Als das kleine Fellbündel bei mir einzog. Neue Menschen kennen lernen und in meinem Leben haben. „Alte“ Menschen wieder in meinem Leben haben. Und noch so viele mehr…

Schlimmster Moment? (Und evtl. Erkenntnisse daraus?)
Der 2. Februar, als ich voller Schläuche und Kabel auf der Intensivstation vollends zu mir kam. Der Moment, in dem die Erinnerungen an die Stunden davor wieder kamen, an das, was ich getan habe. Meine Schwester danach zu sehen, ihre Augen voller Angst und Sorge. Chrissie danach zu sehen, zu hören welche Angst sie in dieser Nacht um mich hatte. Schwester Nathalie und Schwester Sabine danach zu sehen, die in dieser Nacht Dienst hatten und mich zu erklären.
Die Erkenntnis daraus ist, dass ich an diesen Punkt nicht mehr kommen möchte. Dass ich nie wieder so sehr die Kontrolle über mich verlieren will, nie wieder in eine Situation kommen mag, in der ich völlig der Kontrolle anderer unterworfen bin. Und auch die Erkenntnis, dass ich wahnsinnig verständnisvolle Menschen um mich habe. Meine Schwester, die mir verzeiht, Chrissie, die einfach nur froh ist, und Nathalie und Sabine, die mir zwar mehrmals eindringlich erzählen, was hätte schief gehen können, mir aber keine Vorwürfe machen.

Wem sagst du danke – und wofür?
Chrissie. Wie eigentlich in jedem Jahr. Du bist und bleibst die beste beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Danke für all diese Momente mit dir. Danke für diese eine Nacht. Danke für ein weiteres Jahr mit dir an meiner Seite.
Kat. Danke, dass wir immer noch Kontakt haben und normal miteinander umgehen können, danke für viele lustige Momente, danke, dass du immer noch ein Teil meines Lebens bist.
Meiner Schwester. Dafür, dass sie einfach da ist, dass sie mich nach dieser Nacht im Februar so oft besuchen kam. Für ihr Verständnis, dass ich unserer Mutter nicht alles erzählen möchte. Für ihr stillschweigendes Mitwissen über neue Narben und Klinikaufenthalte. Für die unerschütterliche Liebe zwischen uns.
J. dafür, dass du ein weiteres Jahr da warst, mir liebe Worte und manchmal auch Arschtritte geschickt hast, für Tee und Filmabende und Besuche und einfach dafür, dass du du bist.
Lili. Für unzählige Stunden am Telefon, fürs Dasein in schönen und schlechten Momenten, dafür, dass unsere Freundschaft auch nach langer Zeit der Stille immer noch so wunderbar und tief ist.
M. fürs shishen und essen gehen und trinken und Borderline-Witze machen und für die ganzen schönen Treffen im letzten Jahr.
J. & K. für die letzten Wochen und die Momente, dafür, dass ihr da seid und es sich anfühlt, als ob wir uns schon Jahre kennen würden.
Dem ganzen Team der Station , dafür, dass sie immer an mich glauben, auch wenn ich es manchmal nicht tue. Für Telefonate mitten in der Nacht, fürs mich in Hochspannung aushalten und mit mir gemeinsam durchhalten, für viele lustige Momente und viele Tiefs, dafür, dass sie Tag für Tag (und manchmal auch Nacht für Nacht) so viel mehr machen als nur einen Job, sondern mit so viel Verständnis, Geduld und Spaß da sind, auch wenn es manchmal richtig turbulent und anstrengend ist auf Station. (Das dürfen Sie auch gerne weitergeben Nathalie. 😉 )
Und sonst allen Menschen, die mich im letzten Jahr unterstützt und begleitet haben, hier im Blog liebe Worte hinterlassen haben oder mir aufmunternde Nachrichten schickten. Danke.

Was bringt 2016/ Was wünschst du dir für 2016?
Weitergehen. Ein Stück mehr in meinem Leben ankommen. Ein Stück gesunder werden. Kämpfen, atmen, weitermachen, weniger selbst verletzen. Tag für Tag, Schritt für Schritt.

Unvergessenswertes?
Der Sommer im Garten, mit Meeris und Katerkind.
Die erste Nacht in meiner Wohnung.
Einige Teedates.
Die Telefonate mit Lili.
Der Besuch vom kleinen Bruder.
Die Frankfurter Buchmesse mit P.
Das erste Mal den Zitronenkater sehen und mich sofort verlieben.
Nevas Besuche.
Und noch so viele Momente mehr…

 

Insgesamt gesehen war 2015 ein sehr turbulentes Jahr, ein Jahr mit vielen Tiefpunkten, aber auch wunderbaren Momenten, die mir gezeigt haben wie lebenswert das alles ist. Ich war ganz unten und bin da wieder raus gekommen, habe vieles erreicht und bin nun an einem Punkt, der vor genau einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre.
Es geht weiter. Auch wenn ich manchmal zweifle und falle und aufgeben mag. Es geht weiter. Es geht immer weiter. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

 

Das ist bloß ’ne Geschichte, eine von 10 Millionen

Mein Bett. Meine Decken, meine Kopfkissen, meine Schlafbanane, mein Katerkind. Ich liege im Bett, denn ich bin immer noch furchtbar müde. Schlafen vorhin hat nicht funktioniert, vielleicht funktioniert es ja jetzt. Auf dem Sofa sind mir jedenfalls in den letzten Minuten ständig die Augen zugefallen.
Es tut gut wieder hier zu sein. Ich habe ein wenig Ordnung und mein Sofa sauber gemacht, habe mir die eingefrorene Portion meiner Käse-Lauch-Suppe aufgetaut und warm gemacht und gefuttert, habe ein wenig fern gesehen und ein wenig am PC gehongen. Alles in allem nicht so außerordentlich produktiv, aber ich finde es okay. Und es ist gerade auch okay, dass ich es okay finde.
Der Psychopeut sagte heute im Gespräch auch, dass es doch verständlich sei. Wenn man so viele Jahre so viel schlimmes erlebt hat, dann hält man es oft kaum aus wenn es scheiße ist. Aber eben auch nicht, wenn es gut ist. Vielleicht hat das ein bisschen dieses „ich bin doch total bekloppt“ gemildert. Denn im Prinzip ist es einfach paradox, ich kämpfe dafür, dass es mir gut geht und wenn es dann so ist, dann ist es auch scheiße.
Heute habe ich übrigens zwei Zeitschriften durchgeblättert und dort die jährlich auftauchenden Jahreshoroskope gelesen. Prinzipiell lese ich Horoskope gerne, gebe dem Ganzen aber nicht wirklich Bedeutung. Heute musste ich dann aber doch schmunzeln. In beiden Zeitschriften stand, dass mein Thema dieses Jahr „Abgrenzung“ sein wird. Vielleicht ist ja doch was dran.
M. meinte als ich ging dann, dass ich mich doch mal melden soll oder zu Besuch in der Klinik vorbei kommen. Und ich antworte nur, dass ich A. am Donnerstag nach der Achtsamkeit besuchen werde und frage mich, ob sie vergessen hat, was in den letzten Tagen geschehen ist, ob sie es so sehr anders sieht oder ob sie so einfach versucht wieder einen Zugang zu mir und unserer Freundschaft zu finden. Und dann denke ich mir, dass es mir im Moment einfach egal ist. Und ich bin zufrieden mit dieser Einstellung, denn alles andere tut mir derzeit nicht gut.

Hier geht’s um dich allein, hier geht’s darum zum ersten Mal so richtig stark zu sein, hier geht’s um dich allein, nicht um die andern, nicht um die andern mein Freund.

There were times in my life I was down on my knees, now it’s over

Ich bin wieder daheim. Juhu! Auch wenn es hier aussieht wie Kraut und Rüben (Arschkeks von Zitronenkater!).
Aber Zuhause. Katerkind und Meeris, mein Bett, mein Sitzsack, mein Sofa und WLAN.
Gleich werfe ich mich erst mal ins Bett. Ich habe seit gestern unterschwellig Kopfschmerzen (kein Wunder bei der Heulerei) und bin seit dem Mittagessen auch furchtbar müde. Da hatte ich auf Station allerdings schon kein Bett mehr…
Übrigens: niemals Nathalie von Neujahrsvorsätzen erzählen. Sie streckte mir direkt die Hand hin, als ich gestern erzählte, dass ich weniger Energydrinks trinken will. „Und das Zeug lassen Sie auch weg!“ Tja, nun habe ich ihr also die Hand drauf gegeben.
Der Herr Psychopeut hat heute noch mit mir gesprochen und ich habe ihm auch von der Angst erzählt, die ich habe vor dem „danach“. Vor dem, was nach der DBT kommt. Er hat mir nochmals versichert, dass ich auch danach jederzeit kommen kann und die Türen für mich offen stehen, ich habe gesagt, dass ich eventuell eine Traumatherapie anhängen möchte und er meinte, dass man im Team und im Gespräch ja auch kucken kann, ob ich nach der DBT weiterhin Intervalltherapie machen kann bis eventuell zu einer Traumatherapie, dann mit größeren Abständen als derzeit, wenn es passt.
Ich werde diesmal versuchen 6 Wochen daheim anzustreben. Wenn es nicht klappt, dann ist es auch okay, ich werde mich da selbst nicht total unter Druck setzen, weil ich dann letztendlich zwar 6 Wochen schaffe, aber das ganze vermutlich mit zerschnittenen Armen und völlig am Ende. Und das ist ja nicht der Sinn der Sache.
Und nun kuschel ich mich erst mal in mein Bett, bevor ich dann das Zitronenkaterchaos beseitige. Einkaufen und Meeris mache ich morgen, dafür habe ich heute gar keinen Nerv und das Wetter ist mir auch viel zu schlecht um nochmal vor die Türe zu gehen. Es läuft ja nicht weg. Heute ist ankommen angesagt, Gutes tun und das aushalten. „Chakka, Sie schaffen das!“ sagt Nathalie zum Abschied.

I’m back in the picture,
back in the picture

Nichts bleibt jemals stehen

Meine Nacht war dann irgendwann noch ganz in Ordnung. Ich war zwar noch bis 5 Uhr wach, danach habe ich aber geschlafen und, soweit ich weiß, auch nicht schlecht geträumt. Irgendwann bin ich dann auch in die Gänge gekommen, habe eine erste Ladung Wäsche angeworfen und bin in die Klinik getappt, habe einer Freundin Zigaretten gebracht, mit ihr einen Kaffee getrunken und bin auf dem Rückweg noch Futter für meine 4 Monster kaufen gegangen, habe die 2. Maschine Wäsche angeworfen und die erste aufgehängt.

Als ich so in der Klinik am Schwesternsitz stand und ein wenig mit Schwester Tina redete, meinte sie plötzlich „hier hängt ein Brief für Sie.“ Zuerst war ich erstaunt, dann habe ich angefangen zu grinsen. Schon bevor ich ihn in der Hand hatte musste ich an Schwester Nathalie denken und ihre Worte gestern. Und ich hatte Recht.

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Vielen lieben Dank. Ich habe mich riesig gefreut und muss immer noch grinsen, wenn ich die mittlerweile 3 Zettel sehe. Am liebsten würde ich Nathalie nun dafür fest drücken.
Tina sagte, dass wir das hinkriegen mit den Silvestertagen, auch ohne schneiden. Und ich habe das erste Mal ein wenig Zuversicht, dass ich es vielleicht ohne neue Wunden ins neue Jahr schaffen kann. Tag für Tag. Minute für Minute. Schritt für Schritt. Skill für Skill.
Morgen werde ich also wieder in die Klinik gehen. „Wie, morgen schon?“ fragte der Chefarzt, als ich ihm heute über den Weg gelaufen bin. „Ist schon wieder so viel Zeit vergangen?“. Ja. Es sind wieder 5 Wochen rum. Und es sind 5 ½ Wochen ohne schneiden. Also werde ich morgen früh aufstehen, werde meine Sachen packen, lade mir noch ein paar Videos auf den Kindle, schnappe mir Pummeleinhorn und Kuscheldecke, knutsche meinen Kater und meine Meeris und tapse in die Klinik. Sicherheit für die fruchtbaren Tage, hoffentlich. Am allerliebsten würde ich mich unter der Decke verkrümeln und erst wieder raus kommen, wenn alles vorbei ist. Aber so oder so, es wird vorbei gehen. Tag für Tag und Schritt für Schritt.

Wenn der Boden unter deinen Füßen bricht
Gibt’s keinen Haltegriff
Ob du loslässt oder ob du kämpfst
Es reißt dich einfach mit

Für immer reicht genau bis hier

Gestern war es wirklich schön. Ich musste mir zwar noch eine Tablette genehmigen, weil ich die Menschenmassen sonst nicht ausgehalten hätte und Amok gelaufen wäre, aber sonst ging es. Und dann habe ich einfach das Beste getan, was ich nach dem Start in den Tag tun konnte: mir Gutes getan. Ich habe mich gefreut M. wieder zu sehen und mit ihr unterwegs zu sein, wir haben Glühwein getrunken und Knecht Ruprecht, sind durch die Stadt gelaufen und waren in einem Klamottenladen. Ich bin nun stolze Besitzerin von mehreren neuen Sachen, hauptsächlich mit Minions drauf (hach <3) und eine Krümelmosterhose (hach <3). Bequeme Klamotten für die anstehenden furchtbaren Tage. Je näher diese Tage rücken, desto furchtbarer fühle ich mich. Deswegen habe ich mir für heute einige Sachen vorgenommen, die ich erledigen will. Hauptsächlich aufräumen, ein paar Dinge tun wie Router ans neue Kabel anschließen und mein Kabelwirrwarr sortieren, weil derzeit alles auf meiner Funksteckdose hängt und das nicht soll, kochen sollte ich auch. Einkaufen war ich schon. Dann warte ich noch auf Pakete Nr. 2 und 3, eins für mich mit Tierkram und eins für die Nachbarin, die nicht da ist, Paket Nr. 1 mit den restlichen Geschenken für mein Schwesterherz kam schon an.
Den Tag füllen mit konstruktiven Dingen, damit die destruktiven keinen Platz haben. Ich habe mir die ganzen Einzelpunkte auf einen Zettel geschrieben. Sowas wie Sofa aufräumen, Wohnzimmertisch aufräumen und Wohnzimmer fegen. Das macht es einfacher, weil die Häppchen kleiner sind und ich so immer wieder zwischendurch etwas durchstreichen kann. Wenn da nur "Wohnzimmer" stehen würde, dann würde ich vermutlich ein wenig machen und hätte dann keine Lust mehr. Sich selbst austricksen funktioniert manchmal ganz gut. Und da mir die Motivation fehlt mich mal dranzumachen werde ich mir selbst ein Ultimatum stellen. Wenn ich mal angefangen habe, dann ist es in Ordnung, nur bis zum Anfangen dauert es. Vielleicht klappt es ja mit einer festgelegten Uhrzeit.
Morgen will ich mir dann viel Gutes tun, Kraft tanken für die drei Weihnachtstage. Wenn die rum sind kann ich erst mal durchatmen. Dann habe ich noch 2 Tage Zuhause, die ich irgendwie überleben muss, bevor es in die Klinik geht. Zum Glück schon am 29., jeder Tag mehr wäre ein absoluter Kampf und die zwei Tage werden schon schwer genug. Aber ich will es lebend durchstehen und dem nächsten Jahr die Chance geben besser zu werden als 2015. Ich weiß, dass ich es kann und die Kraft habe es zu schaffen, auch wenn der Selbstverletzungsdruck und die Suizidgedanken enorm werden und ich in den Momenten dann wirklich nur noch schneiden/sterben will, weil für nichts anderes Platz ist.
Und nun gönne ich mir noch ein wenig Zeit zum gammeln, bevor ich durchstarte und konstruktiv bin.

Wir können rennen
wir dürfen stolpern
Man hat’s noch nicht verloren
nur wenn man’s vermisst

Mit all deine Farben und deinen Narben

In den letzten Tagen habe ich mir selbst erlaubt mir ein paar Dinge zu gönnen. Einen neuen Geldbeutel, eine neue Hülle fürs Handy, ein Regalbrett für die Küche, Unterbaulampen für die Küche, ein neues Minions-Poster und ein paar Kleinigkeiten.
Die Lampen habe ich gerade an die Schränke geschraubt, gleich werde ich die Wand durchlöchern um das Regalbrett festzumachen, damit habe ich dann mehr Platz um Mikrowelle, Toaster und Wasserkocher zu verstauen. Vielleicht nutze ich einen Teil der roten Folie, die hoch übrig ist, um die Waschmaschine zu bekleben. Mal sehen. Ansonsten erkläre ich diesen Tag zu einem „in aller Ruhe Zuhause Zeug erledigen“ – Tag. Ich muss mein Papier mal raus bringen und klein machen, sollte mal was essen, mein Geschirr will gespült werden. Mein Bett will ich frisch beziehen und die Wäsche waschen. Haushaltskram eben. Auch wenn ich zwischendurch immer mal wieder enorm durchhänge und es mir schwer fällt mich zum weitermachen zu motivieren habe ich eigentlich genug Antrieb um das alles hinzukriegen. Und meine Schubladen und Kisten will ich sortieren, denn mit der Zeit wandert alles dann doch dort hin, wo es eigentlich nicht sein sollte. Und vielleicht schaffe ich es ja auch noch mein Hängeschlauchregal im Bad aufzuräumen und zu sortieren, denn dort fliegt auch alles wild durcheinander. Handcreme und Labello muss ich in den nächsten Jahren definitiv nicht mehr kaufen, davon hab ich beim Schubladenaufräumen im Bad vor ein paar Wochen genug gefunden.

Nachdem ich in den letzten Tagen relativ viel unterwegs war, tut es jetzt auch mal gut Zuhause zu sein. Vor allem Zuhause zu sein und trotzdem etwas hinzukriegen. Und obwohl ich in letzter Zeit ganz gerne unter Menschen bin und meine Freunde echt mag, bin ich auch mal froh eine Weile meine Ruhe zu haben, abgesehen vom maunzenden Katerkind und den quietschenden Meeris. Einfach ein Tag nur für mich, an dem ich mit Gutes tue indem ich ein paar Dinge erledige.
Und heute Abend werde ich mich mit Tee und Kerzen auf mein Sofa kuscheln und fernsehen.

Ich seh deinen Stolz und deine Wut
dein großes Herz, deinen Löwenmut

Du bist das Recht, du bist das, was jeder verdient

Um kurz nach 7 habe ich die Augen aufgeschlagen, weil das Handy zum dritten Mal vor sich hin brummte und ich nach dem dritten Mal nicht die Möglichkeit habe nochmal auf schlummern zu drücken. Stattdessen muss ich mehrere Rechenaufgaben lösen. Und das funktioniert mit geschlossenen Augen relativ schlecht, also musste ich sie eben öffnen.
Und wenn ich mir nicht ziemlich sicher wäre, dass die Menschen bei der Krankenkasse eine Woche vor Weihnachten aufhören zu arbeiten, zwischen Weihnachten und Neujahr keine Lust haben irgendwas anzufangen und im neuen Jahr bestimmt zwei Wochen brauchen, um ihren Arbeitsplatz wieder zu finden, dann wäre ich einfach liegen geblieben. Aber da ich darauf angewiesen bin, dass spätestens vor dem 1. Januar Geld kommt, damit es dann direkt wieder abgebucht werden kann, bin ich eben aus dem Bett und in die Kleider und habe gefrühstückt (es ist seltsam das zu schreiben…), die Fellnasen gefüttert (Katerkind hat natürlich wieder gemeint, dass man das Futter einatmen kann, deswegen kam es dann nochmal Hallo sagen…) und bin vor die Türe gefallen. Und wie das eben so ist, wenn man eigentlich was vor hat und irgendwo hin will: der Bus kam nicht. Wenn eine Schneeflocke vom Himmel gefallen wäre, dann hätte ich erst gar nicht versucht in die Hauptstadt zu kommen. Wintereinbruch ist hier ja immer eine Sensation, woher soll man denn wissen, dass es im Winter schneien könnte?! Ich muss dann jedes Jahr schmunzeln, wenn Busse, Bahnen, Autos und sonstiges Gefährt einfach nicht mehr voran kommt bei dem Schneechaos aus einer Hand voll Flocken. Wenn man am Rande des Schwarzwalds aufgewachsen ist, dann sind 2 Meter Schnee im Winter keine Seltenheit, dass wegen ein paar Flocken alles stillliegt –  das gibt es nicht.
Aber bei einer Temperatur um die 7 Grad wird es wohl nicht schneien.
Also bin ich wieder heim, habe noch zwanzig Minuten das Katerkind gekrault und bin dann nochmal vor die Türe, da kam dann auch tatsächlich ein Bus.
Hauptstadt – Psychiater – Drogeriemarkt (ich bin an den Rasierklingen vorbei gekommen ohne welche zu kaufen!) – anderer Drogeriemarkt (und nochmal geschafft!) – nach Hause.
Daheim werde ich meine Fellnasen frisch machen, sowohl die quietschenden als auch die miauende, räume ein wenig auf (und die 1200 Puzzleteile in meinem Schlafzimmer zusammen), überlege was ich kochen soll, bringe meinen Krankengeldwisch zur Post, kriege Besuch, will mir Gutes tun. Vielleicht drehe ich mal wieder die Musik laut, das habe ich lange nicht getan. Dann hören meine Nachbarn wenigstens auch mal gute Musik.
Wenn ich Glück habe finde ich beim Aufräumen die 10 verschollene Spielzeugmäuse von Katerkind.

Gesten hatte ich übrigens einen sehr schönen Moment, der mir auch heute noch ganz fest im Gefühl hängt.
Ich links eingehängt bei Mama, Schwesterherz rechts, durch die Bahnhofstraße laufend, Weihnachtsmarktgeruch in der Nase und ein unendliches Gefühl von Freiheit.
Freiheit, das ist so eine wichtige Sache für mich. Die Freiheit zu tun wonach mir ist, zu essen was ich will, zu schlafen wann und wo ich will, laut zu singen, zu heulen, zu telefonieren, zu duschen… All das sind Dinge bei denen ich so viele Jahre eingeschränkt war, die ich nicht oder nur dann und dann machen durfte.
Manchmal (und eigentlich bräuchte ich das öfter) muss ich mir das vor Augen halten. Dass damals vorbei ist. Dass es nun so viel anders ist. Dass ich einfach frei bin. Frei von ihm, frei von seinen Einschränkungen, frei von seiner Gewalt. Auch wenn es sich manchmal gar nicht so anfühlt, weil er in meinen Gedanken und Gefühle festklebt wie Kaugummi, weil so viele Dinge eingefahren sind und mich bis heute begleiten, weil ich es eben nie anders gelernt habe. Aber ich bin frei, ich kann selbst bestimmen. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwann auch aus Gefühlen, Gedanken und Handlungen verschwinden wird. Vielleicht nie ganz, aber zumindest so weit, dass es mein Leben nicht mehr bestimmt. Vielleicht ist das eine Idee an das „Gutes tun“ ran zu kommen, weil da soooo viele Dinge drunter fallen, die ich nie durfte und mir deswegen auch unbewusst bis heute verbiete und sie nur schlecht aushalten kann. Vielleicht hilft es, ganz bewusst gegen sein Tun, seinen Einfluss, zu handeln, mir das ganz bewusst zu sagen. Graadselääds! „Und nun tue ich das ganz bewusst, weil ich weiß, dass ich es damals nicht gedurft hatte und du ausgeflippt wärst. Ätsch!“

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen

Clap along if you feel like a room without a roof

Ich hatte heute einen vollen Tag. Heute morgen bin ich zur Achtsamkeit, obwohl ich vorher überlegt hatte abzusagen, weil ich so rumhibbel. Aber es hat, bis auf ein wenig Gehibbel, doch ganz gut funktioniert und tat gut.
Danach bin ich direkt weiter zu einer Freundin gefahren und habe mich bekochen lassen (war lecker!) und später sind wir mit noch einer Freundin von ihr in die Klinik und haben ein paar liebe Menschen besucht. Und Schwester Tina ist endlich wieder da! Das war auch wirklich schön sie wieder zu sehen. Eigentlich sind wirklich alle, die dort arbeiten, richtig lieb und ich könnte nicht sagen, dass ich jemanden jetzt absolut nicht leiden kann. Klar habe ich auch meine Favoriten, aber das entscheidet sich dann an anderen Dingen, zum Beispiel an der Art oder der fachlichen Kompetenz. Oder weil ich sie eben einfach mag. Oder alles zusammen.
Nun bin ich Zuhause und habe den schnurrenden Kater auf dem Schoß. Und eine schlafende Lili am Telefon. Und versuche die Nebenwirkungen auszuhalten. Wobei es eigentlich ging während ich gemalt/gezeichnet habe. Pfleger Kai meinte heute morgen, dass das vermutlich 4 bis 5 Tage dauert mit den Nebenwirkungen. Juhu. Was ein Spaß. Wenn es in den nächsten Tagen noch so schlimm ist kann ich die Energie aber wenigstens nutzen um was zu tun. Zum Beispiel morgen mal Geschirr spülen. Und ein wenig aufräumen.
Übrigens mein kreativer Erguss der letzten Stunden:

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Das werde ich morgen früh der Schülerin in der Klinik vorbei bringen und hoffen, dass es ihr gefällt.

Und vermutlich kippe ich jetzt gleich einfach in mein Bett, nachdem ich meine Medis für die Nacht genommen habe.
Der Tag war schön und voll. Und ausnahmsweise ist es auch halbwegs zu ertragen, dass es ein guter Tag war. (Vermutlich aber hauptsächlich, weil ich die letzten 5 Stunden mit dem Bild verbracht habe und so gut abgelenkt war. Und mit der Lili, die da noch nicht schlief.)
Plan für morgen ist erstmal unter die Dusche fallen, dann in die Klinik, der Schülerin das Bild bringen. Auf dem Rückweg einkaufen und Zuhause dann Geschirr spülen und aufräumen. Und vielleicht, wenn ich dann noch Energie habe, die Möhrenschweine sauber machen.

Positives:
Achtsamkeit.
Liebe Menschen in der Klinik besuchen mit lieben Menschen.
Schwester Tina wieder sehen.
Schöner Mittag mit lecker Essen.

Here come bad news talking this and that
Yeah, give me all you got, don’t hold back
Yeah, well I should probably warn you I’ll be just fine
Yeah, no offense to you don’t waste your time

I feel alive

Vorhin in der Achtsamkeit zog ich meine Weste aus, schaute meine Arme an und dachte mir nur ach du scheiße. Narben, Narben, Narben. Und sie jucken und tun weh. So oft hab ich meine Arme gesehen und dachte mir eben, tja, so sehen sie jetzt nunmal aus. Aber vorhin, das war eher ein Schock. Ich. Will. Das. Nicht. Mehr. Ich will keine neuen fette und rote Narben. Keine Wunden mehr, die geklammert oder genäht werden müssen. Das muss doch wohl zu schaffen sein. Gut 2 Wochen habe ich nun nicht mehr geschnitten. Heute Abend gibt es Selbstfürsorge statt Selbstverletzung. Eincremen, die Creme schön einmassieren, einwirken lassen.
In letzter Zeit waren meine Arme immer etwas, dass eben einfach so an mir dran hängt. Aber sie waren nicht wirklich ein Teil von mir, irgendwie außenstehend und unwirklich. Und in meinem Kopf sind direkt wieder die Gedanken, dass es mir nicht schlecht gehen darf wenn ich nicht schneide. Dass es ein Zeichen ist, dass doch alles okay ist. Dass alle sagen werden, dass es mir ja gut gehen muss, weil ich nicht schneide. Ich weiß, so rational gesehen, dass es so nicht ist, dass es mir auch schlecht gehen darf ohne die Wunden und das ich es trotzdem wert bin ernstgenommen zu werden. Aber kann mir das bitte mal jemand noch ein paar Mal sagen? Ich glaube das hilft. Und ich glaube ich muss es auch in der Klinik ansprechen und auch dort hören, ich muss es nochmal bei meinem Psychiater ansprechen und dort hören, ich muss es mehrmals noch von mir selbst hören. Soviel zu dem morgendlichen Chaos beim Anblick meiner Arme (die mich mit dem Jucken verdammt noch mal in den Wahnsinn treiben!).

Eingeschlafen bin ich heute morgen gegen halb 7 wieder. Um viertel vor 11 habe ich die Augen aufgeschlagen, dachte mir, dass ich irgendwas vergessen habe, und schoss aus dem Bett, ins Bad, in meine Klamotten und zur Achtsamkeit.
In Wecker überhören bin ich absolute Spitzenklasse. Genau wie im Tabletten vergessen, wobei das mittlerweile definitiv besser klappt als früher. Gerade fiel mir ein, dass ich heute noch keine genommen habe, mein Tablettenkästchen hat sich irgendwo versteckt, und meine Kiste habe ich auch nicht gefunden. Bis mir dann einfiel, dass ich ja schön konstruktiv war und sie direkt am nächsten Tag Zuhause nach dem Gespräch mit Schwester Nathalie auf meinen Küchenschrank gepackt habe. Nun habe ich also wenigstens meine Medis genommen, muss nachher dringend mein Tablettenkästchen suchen und sowieso neu bestücken, und ich will mal sortieren. „Gute“ Medis werde ich in meinen Badschrank packen, sowas wie Ibu und Diclo und meine Migränetabletten. Der Psychokram bleibt schön in der Kiste und auf dem Schrank. Und wenn ich meine Klingen finde (beim letzten Großaufräumen hab ich sie irgendwo hin gepackt…) packe ich die auch dazu. Dann weiß ich, dass welche da sind (ich könnte also wenn ich wollte), hab sie aber nicht ständig vor der Nase.

Draußen ist richtig schönes Wetter und ich will mich gleich nochmal anziehen und raus und in die Stadt laufen. Denn mein Adventskalender sagte gestern

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Gestern hat das nicht mehr geklappt, also heute mal schauen, was ich so an Deko finde.
Die Möhrchen muss ich dann später noch umtopfen, eine Ladung Wäsche waschen, und eben wie schon geschrieben Selbstfürsorge betreiben.
Morgen will ich eine Freundin treffen, Chrissie wollte eventuell vorbei schauen, ich muss mir demnächst neue Medirezepte ausstellen lassen (aber will ich eigentlich erst tun, wenn die Befreiung da ist… Hoffentlich dauert das nicht ewig…), am Samstag will ich Kuchen backen für eine Freundin, ich hab im Prinzip genug zu tun um meine Tage zu füllen.
Manchmal scheitere ich radikal an der Antriebslosigkeit. An anderen Tagen habe ich dann dafür so viel Energie, dass ich trotz den Seroquel so rumhibbel, wie zu den Zeiten bevor ich angefangen habe sie zu nehmen und gar keine Ruhe finde. So wie heute. Deswegen laufe ich auch in die Stadt, ich muss mich bewegen, mich auspowern, raus, raus, raus.
Bisher ist es ein guter Tag. Wenn er so bleibt wäre das wirklich klasse. Und nun: raus!

I’m walking on sunshine oh oh 
I’m walking on sunshine oh oh 
I’m walking on sunshine oh oh oh 
and don’t it feel good hey alright now 
and don’t it feel good I say it I say it I say it again now

Erzählt den Zweiflern, es hat sich gelohnt

Shoppen ist für viele Frauen ja ein Traum. Klamotten, Schuhe, Schmuck, Schminke… Ich komme vom shoppen mit 3 Büchern zurück. Passend dazu die Tasche.

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Ich weiß nicht, wann ich das erste Fantasy-Buch gelesen habe, aber ich glaube, dass es „Die Nebel von Avalon“ waren. Schon früh habe ich mein Taschengeld im Buchladen gelassen. Dann kamen natürlich irgendwann die üblichen Verdächtigen: Harry Potter, die Bücher von Tolkien, um Terry Pratchett kommt man in dem Genre auch nicht wirklich drum rum. Mittlerweile besteht meine Buchsammlung zu einem großen Teil aus Fantasy. Dazwischen findet sich ein wenig Horror, ein paar Klassiker wie die Werke von Hermann Hesse oder die Reclam-Heftchen, die einen in der Schule verfolgt haben, ein bisschen Belletristik und einige „Psycho-Bücher“, Erfahrungsberichte, Biografien oder auch Sachbücher zu Selbstverletzung, Borderline, Drogen usw.
Jedenfalls habe ich nun 3 neue Bücher (wobei ich die ersten beiden Bände schon teilweise kenne, vom gekürzten Hörbuch (bei dem leider sehr viel gekürzt wurde)), ich werde sie aber trotzdem vom ersten Band an lesen. Die Trilogie ist die Folgetrilogie einer Trilogie, die ich gerne mag.

Ansonsten war der Tag ganz schön. Mit Mama und Schwesterherz war ich im Klamottenladen und habe nun ein neues Oberteil und einen neuen Schal. Bei Schals bin ich wirklich schlimm, ich finde man kann nicht genug davon haben.
Später bin ich dann mit Schwesterherz in die Hauptstadt, durch alle möglichen Läden gestreift (und zu meinem (Un-)glück eben auch der Buchladen).

Und nun kippe ich gleich einfach ins Bett. Auch in der letzten Nacht habe ich wieder ewig wach gelegen, die zweite Nacht in Folge nun. Dementsprechend erledigt bin ich auch, vielleicht funktioniert es ja nun endlich mit dem Schlafen.

Und wenn die Frage jemals fällt
Was ist es, das am Ende zählt?
Dann wird die Antwort immer sein
Dass man nicht solche Fragen stellt
Doch wenn ich ehrlich zu mir bin
Dann macht nur die Erkenntnis Sinn
Das Ende ist nur’n Meilenstein
Und wichtig ist der Weg dahin