Lebenszeichen

Ja, ich weiß. Es ist ein wenig still geworden um mich, aber in den letzten Tagen weiß ich nicht, wohin die Stunden eigentlich verschwinden. 

Gestern fiel mein Blick auf das Datum und ein kurzer Schmerz durchfuhr mich. Ich frage mich, seit wieviel Jahren ich ihm nun nicht mehr gratuliert habe. 5? Oder doch schon mehr? Ich stelle mir vor wie das ist. Wenn das eigene Kind einem nicht gratuliert. Und dann denke ich daran, wie sehr er mich verletzt hat. Es ist okay, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihm habe. Es ist okay und es war und ist die richtige Entscheidung. Für mich, denn allein um mich geht es dabei, nicht darum, dass ich dafür sorge, dass es ihm besser geht. Und auch wenn meine Gefühle dagegen anbrüllen, immer wieder und speziell an solchen Tagen, so weiß ich, dass es richtig ist. 
Ich habe übrigens, Wunder über Wunder, nun tatsächlich meine Fachhochschule in Händen. Dienstags rief ich die Schulleiter an und fragte nach, sie erklärte mir, dass sie eine Bescheid der alten Schule brauchen, dass ich da keine Fachhochschulreife gemacht hab. Prima. Also rief ich direkt dort an, aber die Schulleitung war nicht da. Nachdem ich schonmal auf der Homepage der Schule war wegen der Nummer, habe ich mich ein wenig durch meine alten Lehrer geklickt. Viele sind nicht mehr da. Aber Frau B. noch, deren erste Klasse als Referendarin wir waren in Geschichte. Und meine ehemihe Tutorin aus der Oberstufe ist auch noch da. Froh bin ich darüber, dass die Schulleitung gewechselt hat. Aber die Dame im Sekretariat ist immer noch die selbe. Und während ich die Namen so lese und die Fotos sehe bin ich plötzlich wieder 17 und am Ende, spüre Wunden auf meinen Armen brennen und in mir zieht sich alles zusammen. Ich brauche einige Momente um dagegen anzukommen, um wieder in die Realität zu finden. 

Am Mittwoch erreiche ich endlich die Schulleitung der alten Schule, am Donnerstag gehe ich mit der Bescheinigung von dort hier zur Schule und hole dann am Freitag endlich mein Zeugnis ab. Es fühlt sich gut an es in den Händen zu halten. Der Abschluss der Ausbildung ist zwar schon 3 Jahre her, aber das Zeugnis mit dem Vermerk nach dem ganzen Drama endlich in den Händen zu halten, fühlt sich mindestens nochmal genauso gut an. 

Den Kram für die Uni habe ich noch am selben Tag fertig gemacht. Nun heißt es warten, ob ich einen Platz kriege und Daumen drücken. 

Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

Dies und das und jenes

Vor einigen Tagen habe ich meine Mutter zum Arzt begleitet. Zum Arzt braucht sie mit dem gebrochenen Knöchel 30 Minuten, ich musste vorher noch bis zu ihr kommen, also purzelte ich schon um halb 7 aus meiner Türe, quasi noch halb schlafend. Unterwegs stellte ich fest, dass ich vergessen habe meine Tabletten zu nehmen. In der Notfallbox befand sich nur noch mein Antidepressivum, also ohne Methylphenidat durch den größten Teil des Tages. Der Morgen war in Ordnung, mittags verbrachte ich einige Zeit im Garten, bevor ich mich auf den Rückweg machte. Und die wurde zum Albtraum. Menschen, Reize, ungefiltert, alles prasselte auf mich ein. Netterweise ging der Akku meiner Kopfhörer dann auch noch zur Neige. 

Hinter mir im Bus schlug der metallenen Schlüsselanhänger immer und immer wieder gegen den Reißverschluss des Rucksacks. Vor und neben mir piepste ständig ein Handy. Jemand schmatze laut auf dem Kaugummi. Ein junger Mann trommelte nervös mit den Fingern gegen die Fensterscheibe. Der Busfahrer unterhielt sich mit einer Passagierin. Die Türen quietschen. Der Bus knarrte. 

Zuhause war ich einfach nur durch. Komplett. Ich war ein nervliches Wrack, fühlte mich wie nach 5 Tagen Schlafentzug und Dauerbeschallung. Ich habe seit dem Beginn mit dem Methylphenidat solche Zustände nicht mehr erlebt und völlig vergessen, wie anstrengend es sein kann so von Reizen überflutet zu werden. Klar, manchmal vergesse ich es auch und merke dann, dass es anstrengend ist, aber nach einem stressigen Vormittag voller Menschen und Reize dann noch über eine Stunde mit den Öffis fahren, uff. Da bin ich schon so durch, dass selbst das kleine bisschen an Abschalten und Filtern, dass ich sonst noch hin kriege, nicht mehr funktioniert. 

Mein Geld von der Rentenversicherung ist immer noch nicht da. Sind ja auch nur fast 5 Monate vergangen seit Ende Januar. Die RV sagt, sie brauchen den Brief von der Arbeitsagentur. Die Arbeitsagentur sagt, dass der schon längst bei der RV vorliegt. Und ich stehe kopfschüttelnd da und frage mich wirklich, wann wir an dieser Bürokratie zugrunde gehen. Niemand fühlt sich nun natürlich dafür zuständig mal zu schauen woran es liegt. Ich soll doch den Brief von der Arbeitsagentur faxen. Ähm, ja, dazu bräuchte ich den Brief aber erst. Ja, wir geben es an die Leistungsabteilung weiter, dass der Brief nicht bei der RV ist. Die melden sich. Ob das dieses Jahr noch was wird, ich bezweifle es. Und von meinem Zeugnis habe ich auch noch nichts gehört. 

In den letzten Tagen habe ich oft darüber nachgedacht einfach dieses Leben hinzuwerfen. Doch dann schreit der Zitronenkater ein paar Sekunden ganz jämmerlich und springt mir auf den Schoß, reibt sich miauend an mir und lässt sich dann schnurrend auf meinen Schoß fallen, damit ich ihn kraulen kann. Und ich denke an das verängstigte Häufchen Fell und Augen, dass ich vor fast zwei Jahren aufgenommen habe, dass damals so schnell Vertrauen in mich fasste und heute ein großer Kater mit viel zu viel Energie ist, ich denke an die vielen Nächte, in denen er zusammengerollt auf meinen Füßen schlief und die vielen Nächte, in denen er mich wach hielt, ich denke an das so vertraute Schnurren und den Geruch seines Fells, an den Stolz, mit dem er mir in letzter Zeit ständig Beute anschleppt… Ich kann ihn nicht verlassen. Ich kann diese Liebe nicht zerstören, ich kann mir nicht vorstellen, dass er irgendwo anders lebt und mich sucht und nachts irgendwo anders schlafen muss oder irgendwo landet, wo er vielleicht nicht mehr raus gehen kann. 

Also ist Aufgeben auch weiterhin keine Option. Einatmen, ausatmen, schlafen gehen, aufstehen. Und dazwischen irgendwo leben, meinen Kram regeln, meine Mutter unterstützen, den Garten versorgen. Und bangen, denn meine Schwester hat heute Kolloquium. Die Entscheidung über den Rest ihres Lebens, die Entscheidung, ob sie die Ausbildung bestanden hat. Ich werde sie mittags nach der Verkündung abholen, werde erfahren, ob sie es geschafft hat. Werde sie in den Arm nehmen, entweder mit Freudentränen oder Tränen des Mitleids. Ich werde einfach da sein in diesem entscheidenden Moment und ich bin froh, denn diese ganzen anderen großen Momente in ihrem Leben, die ersten Schritte, das erste Wort, die Einschulung, all diese Dinge habe ich verpasst weil mein Vater den Kontakt so gering wie möglich hielt. 

Vor einer Weile öffne ich die blaue socia und sehe als erste Meldung, dass meine ‚erste Freundin‘ ihren Freund geheiratet hat. Es macht mich irgendwie ein wenig sentimental. Mit ihr hatte ich meine erste ernsthafte Beziehung zu einer Frau. Wir kannten uns schon lange aus einem Forum für Selbstverletzung. Waren gute Freunde und dann kam da eben mehr. Es war klar, dass die Freundschaft danach nie wieder die selbe sein wird. Leider. Es war eine schöne Zeit. Und eine schwere Zeit. Ich habe viel gelitten, denn ihre Eltern durften nichts von uns wissen. Wir sahen uns trotz der Nähe nur selten. Und daran zerbrach ich und dann die Beziehung.  8 Jahre sind seitdem vergangen. In der Zeit haben wir uns nicht mal eine Hand voll Male gesehen. Die Freundschaft, die zuvor existierte, zerbrach genau so wie die Beziehung. Manchmal tut es noch weh. Nicht, dass wir nicht mehr ein Paar sind, sondern der Verlust des Menschen in meinem Leben. 

Ich hoffe, dass sie nun glücklich ist und ihren Weg geht. 

Den Morgen werde ich noch nutzen und ein wenig in meiner Wohnung rumwuseln, bevor ich mich auf den Weg in die Hauptstadt mache zu meiner Schwester. 

Die Tage zuhause

Das Aufwachen am Dienstag war zuerst ziemlich merkwürdig. Die Augen öffnen und alleine sein. Daraufhin musste ich mich erstmal in meine Decken wickeln und versuchen der Traurigkeit nicht allzu viel Raum zu geben. Ich habe einfach versucht an die schönen gemeinsamen Momente zu denken und daran, dass die Mädels trotz der Entfernung da sind. Der Rest des Tages lief dann erstaunlich gut. Ich habe ein wenig Ordnung gemacht, meine Tiere bekuschelt, die natürlich vor lauter Sehnsucht (ich war ja auch mindestens 3 Jahre weg!) ganz anhänglich waren (selbst die Möhrennasen), hab Serie geschaut und ein wenig telefoniert. 

Und dann scrolle ich mich durch Facebook und sehe einen Post, der meinen Puls in die Höhe schießen lässt und meinen Blutdruck in den Keller befördert. Ein Bekannter aus der Reha schreibt, dass er sich umbringen will. Ohne zu denken suche ich die Nummer der Polizeidienststelle und tippe sie ins Telefon. Dem Menschen am anderen Ende erkläre ich die Situation, gebe die Infos weiter, die ich habe. Das Posting ist erst wenige Minuten alt und ich hoffe, dass schnell genug gehandelt wird. Schnell ist auch die Polizei des Nachbarlandes informiert, was mir der Polizist einige Stunden später mitteilt. Er wird gesucht. Hier und in seinem Heimatland. 

Mich bringt das ganze aus dem Konzept. Ich verstehe Suizidalität, viel zu gut vermutlich. Etwas, das ich nicht verstehe, ist die Tatsache da einen Haufen Menschen mit rein zu ziehen. So überschlagen sich unter seinem Post die Kommentare, Menschen die suchen und sich Sorgen machen und hoffen und nachfragen. In 4 verschiedenen Sprachen (wobei ich Lëtzebuergesch echt nicht als Sprache ernst nehmen kann…) erscheinen die Kommentare im Minutentakt und ich bin völlig überfordert mit der Welt. Ich kann nicht viel mehr tun, also versuche ich auf mich zu achten und gehe einkaufen. Gefühlt 7 Meter stehe ich neben mir, kann kaum klar denken und schaffe es trotzdem irgendwie zum Supermarkt und zurück, koche mir Spargel (und verteidige ihn vor dem Katerkind) und ertränke ihn dann in viel Hollondaise. Facebook weiß immer noch nichts neues, also kippe ich mit einer doppelten Dosis Medis einfach ins Bett. 

Und dort bleibe ich auch fast den ganzen Mittwoch. Mein Körper ist unendlich müde, mein Magen spielt völlig verrückt und es gibt immer noch keine Neuigkeiten von der Suche. Ich schlafe, schaue Serie, stehe zwischendurch kurz auf und schlafe wieder. Und dann gibt es endlich die erlösende Nachricht: er wurde gefunden, lebend, und ist nun im Krankenhaus auf der Intensivstation. Über 24 Stunden haben sie gesucht und ich atme erstmal auf, drehe mich nochmals um und schlafe dann weiter. 

Gegen 5 Uhr gestern morgen beginnt der Zitronenkater mit dem Galoppieren. Von der Fensterbank über mich drüber, durchs Wohnzimmer, in der Küche über die Schränke und das Ganze wieder zurück. Nach mindestens 13 neuen blauen Flecken und 1,5 Stunden Galoppieren bewege ich mich dann eben aus dem Bett, füttere die ganzen Monster und verfluche die Energie, die das Katerkind hat. Ich nutze den Morgen und tapse zum Supermarkt, angel dort ein Bündel grünen Spargel und einen Energydrink und ziehe zurück in meine Wohnung, wo das Katerkind nun friedlich schlummert. Na danke, ich bin nun wach, da kann der Herr ja weiter pennen. Ich nutze die Uhrzeit und mache ein wenig Ordnung. Im Kampf gegen das Chaos komme ich nur langsam voran, viel zu langsam meiner Meinung nach, aber ich weiß, dass es eben nicht anders geht. Also in kleinen Schritten. Irgendwann koche ich, esse, verbringe den Abend dann mit dem Katerkind auf dem Schoß. 

Auch heute steht noch ein wenig Kampf dem Chaos an. Nur noch mein Schlafzimmer ist ziemlich durcheinander, im Rest der Wohnung sind es kleinere Baustellen. Und selbst im Schlafzimmer ist es eigentlich nicht so schlimm, ich müsste nur meine ganzen Unterlagen mal auf einen Stapel packen und die Bettwäsche, die der Kater aus dem Schrank geräumt hat, wieder dort rein packen. Immerhin habe ich schon einen kleinen Großeinkauf gemeinsam mit M. gemacht. 

Und ganz heimlich, still und leise habe ich die 400 Tage ohne Selbstverletzung erreicht, ohne es wirklich zu merken. 
Und abschließend:

Eine Kerze für E. 

Ich bin mir sicher, dass du mit A. nun Wiedersehen feierst. Danke, dass ich dich kennen lernen durfte und du mich damals so selbstverständlich an der Seite von K. akzeptiert hast. 

Drifting like a feather

Ich frage mich seit irgendwann in der letzten Nacht, wie ich eigentlich jahrelang mit einem schmerzenden Arm klar kam. Und zwar genau seit dem Zeitpunkt, zu dem ich in der Nacht aufgewacht bin, weil es eben weh tat. Der Schmerz unterscheidet sich nur wenig von dem Schmerz frischer Schnitte. Die Schrift tut überhaupt nicht weh, dafür die farbigen Schattierungen umso mehr. Teilweise genieße ich den Schmerz auch, denn – ja verdammte scheiße – es hat mir gefehlt. Aber auf der anderen Seite stört es mich auch. Beim schlafen, beim Einkaufen und dabei den Arm ausstrecken um nach etwas zu greifen, beim einfach-nur-da-sitzen, bei irgendwie fast allem. Vielleicht ist das wieder ein Punkt, der mir zeigt, dass ich weiter bin. 

Draußen schien gestern wieder mal die Sonne. Es war schön und warm und ich war auch vor der Türe und einkaufen (Applaus!) und in der Reha+Nachsorge (nochmal Applaus!). 

Der Rückweg wurde dann allerdings zur Herausforderung. Als ich aus dem Bus steige,  um dort die Straßenseite zu wechseln und auf der anderen Seite auf den Anschlussbus zu warten, fanden meine Knie an zu zittern und ich weiß nicht, ob meine Beine mich tragen werden. Im Anschlussbus wird mir schlecht. Der Fahrer fährt wie ein Idiot, jemand stinkt und mein Kreislauf sackt immer mehr in den Keller. Den Weg von der Haltestelle nach Hause lege ich wie in Trance zurück, bemüht einfach weiter zu atmen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. 

Daheim muss ich mich an der Arbeitsplatte festhalten, während ich eine Dose öffne, einen Teil in den Teller schaufel und diesen dann in die Mikrowelle schiebe. Ich muss essen, unbedingt, sofort. Und beim besten Willen fällt mir nicht ein, wann ich zum letzten Mal „richtig“ gegessen habe. 

Ich habe dann den Rest des Abends auch in der Horizontalen verbracht. Mit Katerkind und Tee und Carcassonne auf dem Handy. 

Heute geht es meinem Kreislauf wieder besser. Ich werde wach, als das Katerkind anfängt mit meinen Füßen zu kämpfen und tobe mit ihm noch ein wenig im Bett, ständig auf der Hut, dass er meinem rechten Arm nicht zu nahe kommt. 

Die Sonne mag heute leider nicht so anwesend sein wie gestern, es sind fast 10 Grad weniger und ich werde wohl mit etwas langärmligen vor die Türe müssen später. Hmpf. Mein Tattoo findet frische Luft sicherlich besser als Stoff. 

Und ich hatte auch schon fast vergessen, wie nervig Wundpflege sein kann. Aber das ganze ist ja für eine gute Sache, auch wenn es derzeit aussieht wie ein schimmliger bunter Bluterguss. 

Ich bin unglaublich froh, dass ich nachher ein Date mit meinem Psychiater habe. Es gibt so vieles, das gerade einfach so furchtbar verkehrt läuft. Und kaum habe ich diesen Satz getippt merke ich, dass ich schon wieder mitten in Selbsthass und Perfektionismus stecke. Denn es gibt noch mehr Dinge, die trotz allem einfach funktionieren, teilweise sogar gut funktionieren. 

Mir bleiben noch 2 ½ Stunden, bevor ich aus der Haustür fallen und in Richtung Hauptstadt ziehen muss. Und ich versuche es zu nutzen, dass ich heute nicht ganz so furchtbar antriebslos bin und werde versuchen ein wenig produktiv zu sein. Beginnend mit Wundversorgung am schimmelnden Bluterguss. 

She lives in the clouds and talks to the birds.
Hopeless little one, she’s not like the other girls I know.

Klinik, besondere Medis und Smiley 

Beim Aufstehen war es heute morgen tatsächlich besser. Ich war ein wenig produktiv, habe angefangen in der Küche aufzuräumen, den Zitronenkater rausgeschmissen und mir Tee gekocht. Bis die leichten Kopfschmerzen sich zu einer ausgewachsenen Migräne entwickelten und mich ins Bett zwangen. Prima. 

Der Zitronenkater kam immer wieder mal rein und hat geschaut, ob ich noch da bin. Nach maunzen und gekrault werden zog er dann wieder nach draußen, bis er eine Weile später erneut in die Wohnung sprang, sich hechelnd einige Minuten ausruhte und nach dem obligatorischen Mauzen und Kraulen wieder verschwand. 

Letztendlich kam er dann klebend und nach Tanne duftend wieder, panierte sich einmal kurz selbst im Meerschweinchenstreu und musste vor lauter Erschöpfung erstmal schlafen. 

Die Migräne ist dank Medis dann doch irgendwann einigermaßen verflogen. Und da ich eh Richtung Supermarkt musste und die Sonne so schön schien und ich nach dem ganzen Durchgängen ein wenig Menschenbedarf hatte, bin ich einfach in der Klinik vorbei getappt. Es tat gut dort auf dem Balkon zu sitzen, die Sonne auf der Haut zu spüren, mit den Patienten zu quatschen und Latte zu trinken. 

Und zu meiner Freude traf ich Pfleger Arschkeks dort an, der mir erstmal erzählte, wie sehr er sich über die Post von mir gefreut hat. Ich bekam sogar eine Dosis Abendmedis dort. 😉 

Es tut auch gut mit ihm und Pfleger Jan zu reden, Blödsinn zu quatschen, zu lachen. Und es ist schön von Pfleger Arschkeks mal wieder einen Smiley verpasst zu kriegen. 

Ich bin froh, dass diese gelegentlichen Besuche mir reichen um ein wenig Halt zu finden. Dass es reicht einfach vorbei zu schauen und ein wenig zu reden. Ich hätte nie gedacht, dass ich es wirklich schaffe ohne den regelmäßigen Aufenthalt dort, ohne die Sicherheit. Doch es reicht momentan zu wissen, dass sie da sind im Notfall, dass ich anrufen kann und kommen kann, wenn es gar nicht mehr geht. 

Ich bin ein wenig zuversichtlicher, dass die depressiven Tage nun hoffentlich vorbei sind. Dass ich wieder ein wenig mehr Kraft habe zum weiter machen und produktiv sein. 

Und am Donnerstag hab ich ein Date mit dem Tintenmensch. Ich trage meine Idee dann hin, erkläre ihm was ich gerne mag und zeige ihm die Stelle wegen den Narben. Und dann hab ich vielleicht ganz bald ein neues Tattoo. <3 

Ziele und Chaos 

Das doofe an erreichten Zielen ist einfach, dass man sie erreicht hat. Und dann? Tja. 

Die Frage nach dem nächsten Ziel stellte gestern die Traumagruppentherapeutin in einer Mail, als Antwort auf meine Mail, dass ich das Jahr geschafft habe. Und wieder einmal sitze ich da und überlege. Ja, was ist es denn, das nächste Ziel? Klar, natürlich, das oberste Ziel ist mich nie wieder zu verletzen. Doch nie wieder ist nicht greifbar, ist Milliarden Lichtjahre entfernt. Und es ist ein Ziel, das nicht in die SMART-Methode passt. Denn die habe ich in der Ausbildung gelernt und auch im dbt war sie Thema. Spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Also wird das nächste Etappenziel Ostern sein. Denn an Ostern wollen A. und ich unser Einjähriges feiern. Und wir versuchen alle zusammen zu kommen zu dem Termin in der dbt-Stadt. Meine ganzen Mädels wieder sehen, das ist absolut ein lohnenswertes Ziel um durchzuhalten. Und danach werde ich die 500 Tage in Angriff nehmen. Und dann irgendwann die 2 Jahre. Damit kann ich aktuell ganz gut leben, auch wenn natürlich gerade im Moment der Gedanke an „ach, einmal könnte ich doch…“ sehr intensiv im Kopf rumspukt. 

Gestern war ich einen Freund in der Vor-Ort-Klinik besuchen. Ich habe lange mit Schwester Sabine am Tisch gesessen und geredet, erzählt von der dbt, von der Reha, von mir und von den Plänen. Und auch sie sagt, wie schon andere vom Personal zuvor, dass da so ein großer Unterschied ist zwischen damals und jetzt. Dass sie das Gefühl hat, dass ein anderer Mensch vor ihr steht. Und es tut diese Worte zu hören, aber es schmerzt gleichzeitig auch. Denn es zeigt mir, an welchen Punkten ich noch vor 2 Jahren stand, es erinnert mich an die dunklen Stunden, in denen keinerlei Lebenswille und Hoffnung in mir war. Und ich bin ein weiteres Mal unendlich dankbar für die Unterstützung, die ich dort erfahren habe, dafür, dass ich nicht aufgegeben wurde, dass ich vor Aufgaben gestellt wurde, die für mich so unmöglich schienen und die ich dann doch erreicht habe. Wenn alles klappen sollte mit dem Studium und den Plänen, die ich habe, dann werde ich ihnen einen Brief schreiben, werde ihnen danken für all diese Tage dort. 

Und Schwester Sabine sagt mir auch nochmals, dass sie ja nur einen Anruf weit entfernt sind, dass ich anrufen kann und vorbei kommen und dass ich zur Not auch auf der Station aufgefangen werde. Diese Sicherheit im Hintergrund tut gut. Und es tut auch gut zu merken, dass ich diesen Halt nicht mehr in diesem Maße brauche wie noch vor einigen Monaten. Damals unvorstellbar, heute umso schöner zu spüren. 

Die Hälfte der Station ist von Patienten belegt, die ich kenne. Manche nur von einem meiner unzähligen Aufenthalte dort, mit einigen habe ich auch schon mehrere Aufenthalt dort verbracht. Und es stimmt mich teilweise traurig, dass so viele immer und immer wieder dort landen, weil sie immer und immer wieder die gleichen Fehler machen, immer und immer wieder ihren alten Weg gehen und auf alte Verhaltensweisen zurückgreifen. Und gleichzeitig merke ich, wieviel Glück ich hatte, wieviel Kraft und wieviele Menschen und Möglichkeiten zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn es gab auch Fachmenschen, die mich vor zwei Jahren oder auch noch vor einem Jahr an diesem Ort gesehen haben, als Drehtürpatient in der Akutpsychiatrie, als immer und immer wiederkehrend, als ‚hoffnungslosen Fall‘. 

Bevor ich gehe, hinterlasse ich noch einen kurzen Brief für Pfleger Arschkeks. Das Bild mit dem Smiley vom Frühling letzten Jahres mit ein paar Worten, mit meinem erreichten Ziel, mit einem Dankeschön für die Idee damals und der Ankündigung, dass ich irgendwann meine 365 Smileys einfordern werde. 

Morgen habe ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Es gibt viel zu erzählen, von der Reha, von den Fortschritten und den noch vorhandenen Schwierigkeiten, von mir und den Plänen. Ich sehe sie erst zum zweiten Mal seit der Entlassung aus der dbt. Und es wird auch eine unserer letzten Stunden sein. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, seit so vielen Jahren ist sie nun da, hat mit mir gearbeitet und mich unterstützt. 

Und gleich werde ich mir gewaltig in meinen Po treten, denn das Projekt ‚Wohnung wieder zu Wohnung machen‘ schiebe ich nun seit so langer Zeit vor mir her, immer mit dem Vorhaben es anzugehen, teilweise auch mit der beginnenden Umsetzung, aber wirklich Hinbekommen habe ich es in den letzten Wochen nicht. Und nun ist es wirklich an der Zeit und absolut nötig, denn sonst kann ich bald rtl2 und das Messie-Team zu mir bestellen. Wie sehr mir die Antriebslosigkeit und die depressiven Momente einfach auf die Nerven gehen. Immer noch und immer wieder. 

Voller Tag

Aktuell frage ich mich, ob das Ding auf meinem Hals eigentlich auch einen Nutzen hat. Mein Hirn ist ein Sieb, ein verdammt großmaschiges Exemplar. 

Gestern stehe ich schon vorm Supermarkt, als mir einfällt, dass ich meinen Geldbeutel zuhause vergessen habe. Also wieder zurück, Geldbeutel holen, einkaufen und wieder zurück, weil ich die Unterlagen zuhause habe liegen lassen. Und auch heute morgen wieder ein ähnliches Spiel, im Supermarkt stelle ich fest, dass meine Fahrkarte noch zuhause liegt. Zum Glück bin ich früh dran, denn ich werde kurz nach der Weckzeit für die Klinik von alleine wach, habe aber noch über eine Stunde, bis überhaupt mal der Wecker klingelt. Der Termin beim Psychiater ist ausnahmsweise mal nicht mitten in der Nacht. 

Ich brauche also definitiv wieder eine Handyhülle mit Fächern. Aktuell habe ich eine Tasche zum reinstecken, die lasse ich aber gerne liegen. Die Klapphülle war da praktischer, denn die ist eben am Handy dran. Allerdings gibt es noch nicht wirklich viel Auswahl, da das Handy seit noch nicht mal ganz 4 Wochen auf dem Markt ist. Hmpf. 

Und während ich zum zweiten Mal aus dem Haus gehe, piepst das Handy und zeigt mir eine neue Mail. „Ihr Kontowecker hat geklingelt!“ steht da und ich mache einen Luftsprung, denn ich habe endlich Geld bekommen. Nach 7 Wochen auch definitiv mal Zeit. Ich frage mich zwar für welchen Zeitraum das nun ist, denn die Höhe ist für die kompletten 7 Wochen echt ziiiiemlich gering, aber da werde ich wohl auf den Bescheid im Briefkasten warten müssen. Falls es wirklich nur der Betrag für die Zeit ist, dann habe ich ein Problem, denn es ist deutlich weniger als mir beispielsweise mit alg2 zustehen würde. Aber ich hoffe einfach, dass es erstmal ein Teilbetrag war und hoffe weiter, dass der Rest nicht wieder Ewigkeiten auf sich warten lässt. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben, auch wenn das angesichts der Bürokratie der Rentenversicherung ziemlich schwer fällt. 

Bei meinem Psychiater warte ich erst einmal. Und warte. Und warte. Als ich endlich dran bin sind fast 3 Stunden vergangen seit meinem eigentlichen Termin. Ich weiß ja, dass es immer etwas länger dauert, aber heute ist es extrem. Dennoch bin ich gut gelaunt, denn ich habe die Wartezeit mit Handy und Buch gut überstanden. 

Mein Psychiater schaut mich mit großen Augen an, als ich erzähle, dass ich ‚einfach mal so‘ am Trauma gearbeitet habe und immer noch selbstverletzungsfrei bin. Er sagt, dass ich mir selbst auf die Schulter klopfen kann, dass das von großem Kämpfergeist zeigt. Meine Erwiderung unterbindet er direkt, denn er weiß, dass ich sowieso nur etwas sagen werde um es runter zu spielen. Und ich muss lächeln, denn er hat einfach recht. 

Da die Arzthelferinnen mittlerweile in der Pause sind, versucht der Psychiater selber das Btm-Rezept zu drucken und scheitert. Also bittet er mich später nochmal zu kommen und ich mache mich auf den Weg Richtung Jugendzentrum, denn ich war lange nicht mehr dort und mag meine ehemaligen Kollegen sehen und ein paar der Kids. 

Es tut gut dort zu sein und zu quatschen, ein paar der Kids zu drücken, in Erinnerungen zu schwelgen und Neues zu erfahren. Mir fehlt es zu arbeiten, doch ich merke auch, dass es mich überfordern würde derzeit. Die Lautstärke, der Trubel, es ist viel. Aber dennoch schön. 

Einige Stunden später ziehe ich wieder zum Psychiater, inklusive Rezept dann zur Stadtbibliothek, um mir dort einen Ausweis zu besorgen und dann zum Bahnhof. Auf dem Weg merke ich, dass mein Kreislauf langsam versagt und mir fällt auf, dass ich (mal wieder) völlig vergessen habe zu essen. Prima. Also nichts wie heim, kurz noch im Supermarkt vorbei im Ort und einkaufen und dann Sofa und was essen. So zumindest der Plan. Doch mein Körper hat langsam wohl keine Lust mehr darauf so sträflich vernachlässigt zu werden. Auf dem Weg die Treppen hoch zum Bahnsteig (die Rolltreppe ist natürlich ausgerechnet heute kaputt…) ist dann eben Ende und ich finde mich kurze Zeit später auf den Stufen wieder, umringt von ein paar Menschen. Während ich versuche meinen wirren Kopf zu sortieren und mich zu erinnern, wie zum Teufel ich nun auf den Stufen gelandet bin, versuche die fragenden Menschen zu beruhigen, dass es nur der Kreislauf ist und eigentlich wieder von den Stufen aufstehen möchte, steht plötzlich ein Sanitäter vor mir, den ein besorgter Mensch gerufen hat. Nachdem er mich kurz einige Sachen gefragt (was ist los, sind Sie okay, wie heißen Sie) und die Menschentraube ein wenig verscheucht hat, will er mich gemeinsam mit meinem Kollegen zum Krankenwagen bringen, woraufhin ich protestiere. „Mir ist nur der Kreislauf kurz abgestürzt, mir geht’s gleich besser.“ sage ich und will das demonstrieren, indem ich aufstehe, doch meine zitternden Beine machen da nicht mit und es beginnen schwarze Punkte vor meinen Augen zu tanzen, also stoppe ich auf halbem Weg und lasse mich wieder auf die Stufen sinken. „Ja, ich seh’s.“ erwidert der Sanitäter und so lande ich doch im Krankenwagen mit Blutdruck- und Pulsmessung und noch einem Berg Fragen. Mein Blutdruck ist viel zu niedrig, mein Puls zu hoch. Nach der Fragerunde, den Infos über meine Medikamente (vermutlich von allem wegen BTM…), meiner Äußerung, dass meine letzte Mahlzeit ein klein wenig länger zurück liegt, meinen Narben auf den Armen und meinem wirren Kreislauf ist es den Sanitätern wohl ein wenig zu heikel mich ziehen zu lassen und sie karren mich ins Krankenhaus. Dort beginnt das Fragespiel von neuem, bis ich irgendwann unterbreche, weil mir so unglaublich übel ist. Daraufhin kommt eine nette Ärztin, fragt nochmal kurz, hängt mich an eine Infusion und setzt dann die Fragerei fort. Sie erkennt letztendlich, dass es wirklich nur der Kreislauf ist, ich weder Drogen genommen habe noch sonst was angestellt, bittet mich nach Ende der Infusion nicht alleine heimzufahren, sondern jemanden anzurufen zum Abholen, ermahnt mich besser auf mich zu achten und zieht von dannen. 

Also rufe ich Mama an, sage ihr, dass sie unterwegs noch etwas essbares aufgabeln soll und mich dann bitte abholen und heim bringen. 

Nun liege ich endlich in meinem Bett. Erledigt vom Tag und dem kurzen Krankenhausintermezzo. Eigentlich war es völlig unnötig, ich kann aber auch verstehen, dass die Sanitäter auf Nummer sicher gehen wollten. 

Vielleicht war so eine Warnung meines Körpers auch mal nötig, ich muss wirklich mehr auf mich achten. 

Vorbei 

Es ist vorbei. Ich wage es kaum diese Worte zu tippen, aus Angst, dass es vielleicht doch nicht vorbei ist. 

Der unglaubliche Selbstverletzungsdruck ist verschwunden. Das merke ich auf dem Weg von der Klinik zum Bus, während die Sonne mir ins Gesicht scheint und meine Jacke an meinem Beutel baumelt. Und es ist so unglaublich erleichternd, dass ich am liebsten laut jubeln würde. 

Die Gedanken und das körperliche Gefühl des Drucks haben mich nun eine Woche begleitet und es fühlt sich merkwürdig an, wenn es weniger wird. Es ist immer noch Selbstverletzungsdruck da, aber zum ersten Mal seit einer Woche schreibe ich heute eine 3 auf die diary card und keine 4 oder 5. Es fällt so vieles plötzlich von mir ab. 

Und, verdammt, ich bin stolz. Ich bin stolz auf mich, dass ich nicht aufgegeben habe, obwohl ich mehr als einmal so kurz davor war. Ja, ich bin wirklich stolz. 

Ich hoffe nun einfach, dass es erstmal reicht, dass es erstmal genug war. Ich brauche eine Pause, muss durchatmen, Kraft tanken. 

Morgen werde ich statt zur Klinik zu meinem Drogendealer fahren. Ich brauche mal wieder Medis und einen neuen Krankenschein und auch ein wenig einfach ihn und die Gewissheit, dass er einfach da ist. 

Und am Mittwoch werde ich dann meine Schlüssel in der Klinik abgegeben, mich von meinen Mitpatienten verabschieden, ein letztes Mal die Massage genießen und dann mein letztes Einzel haben. Es schmerzt ein wenig, denn manche Menschen werden mir fehlen, die Traumagruppe wird mir fehlen (inklusive Therapeutin), die Massage, die Gespräche mit dem Therapeuten. Doch ich freue mich auch, denn es ist ein weiteres Stückchen Weg, das ich hinter mich gebracht habe, ein klein wenig weniger Anstrengung in der nächsten Zeit, ein wenig Durchatmen. Mal sehen was die Zeit so bringen wird.  

Weiter machen

Meine Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld par excellence. Meine Kraft in den letzten Tagen ging völlig drauf für atmen und durchhalten. Doch das will ich heute ändern, denn ich fühle mich nicht mehr wohl. Und ich brauche vielleicht ein wenig äußere Ordnung gegen das innere Chaos. Und außerdem will ich meinen Kopf beschäftigen, damit ich nicht an Selbstverletzung denken muss. 

Also werde ich gleich erstmal meine Tasche schnappen und zum Supermarkt ziehen. Seit nun 6 Wochen habe ich kein Geld mehr bekommen, die Rentenversicherung lässt sich Zeit. Also kratze ich die letzten Reste zusammen, denn ich sollte was essen und die Meeris und der Herr Kater sowieso. Bevor meine Tierchen hungern ernähre ich mich lieber nur von Nudeln ohne Soße. 

Und dann ist die Frage aller Fragen: wo fange ich an? Vermutlich ist das Wohnzimmer am sinnvollsten, der Mittelpunkt meines Lebens hier. Und von dort ausgehend dann in beide Richtungen. Mit Hörbuch oder Serie. Ich muss es endlich in Angriff nehmen. 

Draußen beginnt der Frühling. Wie sehr habe ich die Sonne vermisst, wie sehr hat mir die Wärme gefehlt. Von mir aus kann es direkt so in den Sommer übergehen. 

Und nun lege ich los, starte in den Tag, beschäftige mich, atme weiter, halte weiter aus. Bis ich wieder lebe und nicht mehr nur überlebe, bis es endlich wieder einfacher wird. Bis ich nicht mehr nur das Gefühl habe aus Traumafolgen zu bestehen, sondern wieder ein freier und atmender Mensch bin. Der andere Weg wäre wieder zu schweigen, wieder zu verdrängen. Doch das möchte ich nicht. Ich will nicht mehr schweigen. Ich will leben, damit leben. Laut und nicht lautlos.