Der Therapeut wollte, dass ich meine DBT-Unterlagen mitbringe, also knalle ich ihm gestern einen dicken Ordner auf den Tisch. Er ist beeindruckt, denn er kennt zwar das DBT-Konzept aus einer anderen Klinik, aber so detailliert und so intensiv machen sie es dort nicht. „Nun verstehe ich, warum sie da nicht hin wollten.“ meint er schmunzelnd. Wir besprechen die Dinge, die ich immer noch einsetze und die mir helfen. Und das sind ganz schön viele, eigentlich dachte ich mir in den letzten Tagen, dass ich mal mehr der Inhalte wieder nutzen sollte. 

Er fragt nach den traumatischen Erlebnissen. Welche davon am meisten präsent sind, welche am stärksten immer wieder hoch kommen. Bis zur nächsten Stunde soll ich die Situationen mit einer Überschrift benennen, wie in der Zeitung. Vielleicht hätte ich fragen sollen, ob er nun Bild-Schlagzeilen oder Zeit-Überschriften meint.

Ich unterhalte mich nach der Stabilisierungsgruppe noch mit zwei Mitpatientinnen. Beide sind auch in der Traumagruppe und außerdem auch in meinem Team. Ich mag sie und von den wenigen Dingen, die ich bisher erfahren habe, kann ich ahnen, dass wir ähnliche Dinge mit uns herumschleppen. 

Viel steht gestern nicht auf meinem Plan, ich habe in der Zwischenzeit 3 Stunden frei. Die Zeit nutze ich um einen Teil des Fragebogens auszufüllen, den ich bekommen habe. Zwischendurch muss ich Mama anrufen, denn ich weiß beim besten Willen nicht, wann ich anfing zu laufen (mit 9 Monaten, ich hatte es wohl eilig!) oder zu sprechen (mein erstes Wort beglückte mit 10 Monaten die Welt, seitdem habe ich nicht mehr aufgehört). Die anderen Fragen sind teilweise leicht (welche Probleme haben sie derzeit, wo haben sie gearbeitet, welche Schulen haben sie besucht) und schwer (nennen Sie typische Eigenschaften Ihrer Eltern, wie war die Atmosphäre im Haushalt der Eltern, während sie aufwuchsen, welche Werte wurden Ihnen vermittelt) zu beantworten. Vor allem die Eigenschaften und die Werte machen mir zu schaffen. Alle Werte, die ich von meinem Vater gelernt habe, habe ich entweder sehr schmerzhaft gelernt oder entwickelt, weil er ein Negativbeispiel war. Schöne Scheiße. Mit diesen Fragen werde ich mich wohl noch ein wenig länger auseinandersetzen müssen um sie zu beantworten. 

In der Stabilisierungsgruppe bin ich teilweise kurz davor einer Mitpatientin meinen Ball an den Kopf zu werfen. Sämtliche Skills und Fertigkeiten, die sie nutzt, nennt sie auf dem Hintergrund der Selbstschädigung. Sie nutzt dies und jenes, aber solange bis sie davon Schaden davon trägt. Ich nehme dem Therapeuten die Worte vorne weg, als ich die Definition von Skills nenne. Als sie dann noch erwähnt, dass sie ein Meerschweinchen hat, da mag ich platzen. EIN! Das arme Tierchen. Ich verstehe nicht, wie man sowas tun kann, wie man Tiere, die eigentlich in Gruppen leben, alleine halten kann. 

Als ich heute morgen aufwache steht der Zitronenkater auf meiner Brust und seine Nase berührt meine. Ich blicke direkt in seine Augen und er miaut mich begeistert an, weil ich wach bin und es nun wohl Futter gibt. Nachdem meine Tierchen versorgt sind, setze ich mich erstmal auf mein Sofa. Neben ein Päckchen, dass gestern ankam. Erst da fällt mir ein, welcher Tag heute ist. 

Kurz darauf sitze ich lächelnd auf dem Sofa, Konfetti um mich herum, das Katerkind jagt Luftschlangen durch die Wohnung. Die liebe Fylgja hat es wieder mal geschafft mich zum lächeln zu bringen und zu grinsen wie eine Honigkuchenzitrone. 

Den Weg zur Klinik versüßt mir nun das neue Album der Broilers, eine richtig feine Sache, wenn eine der Lieblingsbands am Geburtstag ein neues Album veröffentlicht. 

Mein Start in die neue Woche war ziemlich bescheiden. Kurz vor 4 Uhr wache ich auf, schweißgebadet. Ich muss mich erstmal umziehen und kann dann nicht mehr schlafen. Das einzig gute daran: ich war rechtzeitig wach um in die Klinik zu fahren. 

Der Therapeut drückt mir morgens einen neuen Plan in die Hand, für 16 Uhr hat er mir noch ein Einzel eingetragen. Hmpf. Ich bin eigentlich viel zu müde, um überhaupt die Augen offen zu halten, dann noch bis mindestens 17 Uhr und dann noch heim fahren… Bäh. Doch irgendwie funktioniert es und als ich endlich daheim ankomme bin ich zu wach um zu schlafen. Prima. 

In Einzel haben wir eine Lebenslinie gemacht. Was waren die gravierenden Zeitpunkt, die mich und mein Leben beeinflusst haben? Eigentlich ist es eine Aneinanderreihung von traumatischen Erlebnissen. Die Scheidung meiner Eltern, der Umzug nach BaWü, der Wechsel der Tagesmutter, die erste Selbstverletzung, der Beginn der Therapie, die Inobhutnahme, Suizidversuche, Klinkaufenthalte, der Wegzug in Richtung meiner Hauptstadt, der Absturz vor 2 Jahren, Suizidversuch, Klinkaufenthalte. Und irgendwo dazwischen die ganze Gewalt. Der Therapeut atmet danach erstmal tief durch. Ich tue es ihm gleich. „Wie haben Sie das überlebt?“ fragt er mich und ich frage es mich auch. Er fragt nach Strategien, Haltepunkten. Da ist ganz klar die Selbstverletzung, die jahrelang Halt gab und mich weiter leben ließ. Da ist meine ehemalige Therapeutin und als ich so geballt sehe, was alles passiert ist, wird mir wieder einmal klar wie viel sie getan hat für mich, wie sehr sie mich unterstützt und getragen hat durch die Jahre. Und da ist meine Schwester. Und ich beginne zu weinen, denn wieder einmal überflutet mich die Traurigkeit, dass ich erst in den letzten 8 Jahren so intensiv in ihrem Leben bin, dass mir so viele Momente mit ihr fehlen. Und dann die Wut. „Ich hasse ihn mehr dafür, dass er mir all diese Möglichkeiten genommen hat meine Schwester aufwachsen zu sehen, als für die Dinge, die er mir sonst angetan hat.“ sage ich dem Therapeuten, als er fragt, was gerade passiert. Und es ist so. Und im Rückblick hasse ich ihn auch dafür, dass er damals versuchte mir einzureden, dass meine Mutter nun ein neues Kind hat. Doch das hat nichts daran geändert, dass ich dieses kleine Wesen von Anfang an mehr geliebt habe als alles andere auf der Welt. 

Bevor er mich gehen lässt fragt er, wie es mir geht. Und seltsamerweise ist es okay. Es ist zum ersten Mal okay über all diese Dinge zu reden, sogar in so geballter Form. Es war anstrengend, ich bin völlig erledigt, aber es war okay. 

Die Nacht auf Dienstag ist wieder zu kurz. Ich schlafe erst gegen 2 Uhr ein, werde kurz nach 6 zum ersten Mal vom Wecker angepiepst, quäle mich um 7 endlich unter den Decken hervor, mache mich fertig und auf den Weg zur Klinik. 

Ich habe zum ersten Mal Traumagruppe. Die Therapeutin ist sehr nett und beruhigt, als sie erfährt, dass ich gerade erst die DBT gemacht habe und es meistens hinkriege schwere Situationen zu händeln. Wir sind eine kleine Gruppe, nur 4 Leute und ich halte mich zurück und beobachte, während der Zusammenhang zwischen der aktuellen Situation und den Kriegserlebnissen eines Mitpatienten aufgedröselt werden. Ich fühle mich relativ wohl und sicher dort und ich denke, dass ich sicherlich dort auch in der Lage sein werde von meinen Dingen zu berichten. 

Die letzte Nacht habe ich immerhin 7 Stunden geschlafen. Nach zwei Stunden in der Klinik mache ich mich auch schon wieder auf den Rückweg, mehr steht nicht auf meinem Plan. 

Es ist ein schwerer Tag heute für mich. Vor 2 Jahren fühlte ich mich an diesem Tag einfach nur furchtbar, noch furchtbarer als in den Tagen zuvor. Und in der Nacht griff ich dann zu Alkohol und Tabletten. Ich wollte sterben. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an Polizei und Krankenwagen und Notarzt und Intensivstation. Aber umso deutlicher sind die Gefühle präsent. Die tiefe Schwärze in mir, die Hoffnungslosigkeit, der Wunsch es nur noch zu beenden. 

Zwei Jahre liegt es nun zurück. Eine kurze und dennoch lange Zeit. Vieles ist seitdem anders. Vor allem besser anders. Aber dennoch gibt es die dunklen Momente. Und an solchen Tagen, besonders an diesem Tag, holt es mich ein. 

Ich denke darüber nach, dass es so knapp war. „Zehn Minuten später“ sagte der Notarzt damals. Zehn Minuten später und ich hätte es geschafft gehabt. Und ich weiß nicht, ob ich froh sein soll. Meistens bin ich es, doch heute denke ich immer wieder darüber nach, dass es dann endlich vorbei gewesen wäre. Die Gedanken begleiten mich über den Tag, drängen sich immer wieder auf, lassen mich nicht los. 

Irgendwann ziehe ich los und besuche eine Freundin in der Klinik. Und es tut auch mir gut. Pfleger Kai kennt mich seit Anfang an, er kennt all die schlimmen Momente und es tut gut nochmal darüber zu reden und auch zu sehen, wieviel seitdem anders ist. Und auch mit Pfleger Andreas rede ich, ihn kenne ich zwar noch nicht so lange wie die anderen, aber auch er hat viel mitbekommen und sagt, dass ich stolz sein kann auf mich. 

Dann läuft der Psychopeut vorbei. Er lächelte mich an, fragt wie es ist, wie es mir geht, ob ich in die Klinik gegangen bin. „Ich habe es sogar durchgezogen!“ antworte ich ihm. 

Es fühlt sich wie immer merkwürdig an. Fremd und doch vertraut. Aber wie auch bei den letzten Malen bin ich froh, dass ich diesen Rückhalt nicht mehr so intensiv benötige wie früher. Es beruhigt immer noch, dass die Klinik notfalls da ist, aber mehr auch nicht. Ich hoffe es bleibt so. 

Den Rest des Abends verbringe ich mit zocken und Katerkind kraulen. Ich habe den Tag überstanden und ich werde auch die Nacht überstehen. Es ist nicht mehr wie vor 2 Jahren. 

Morgen muss ich Zutaten besorgen für einen Kuchen. Am Samstag kommt Geburtstagsbesuch. Am Freitag werde ich mit Bibi und N. zur Feier des Tages zum Sushi-Mampfen gehen, darauf freue ich mich. Für mehr Feierei habe ich nach der Tagesklinik keine Lust mehr. 

Die letzten Tage 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich irgendwann mal über Kopfschmerzen freue. Denn damit erwache ich am Sonntag morgen. Leichte Kopfschmerzen. Im Vergleich zu den Schmerzen der zwei Tage zuvor ist es eine enorme Erleichterung. Auch die Übelkeit hält sich in Grenzen. 

Und so kann ich doch ein wenig produktiv sein. Ich drucke eine Ladung diary cards aus, ich spüle mein Geschirr, ich koche mir Spaghetti Bolognese und mampfe eine Portion mit viel Käse. Zwischendurch kraule ich immer wieder das Katerkind, telefoniere mit meinem Püffchen, schaue Serie. 

Nicht mal mehr 1 ½ Wochen. Dann kommt der Tag, vor dem ich letztes Jahr echt Angst hatte. Auch dieses Jahr kriege ich ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich daran denke. An diesem Tag vor zwei Jahren wurde ich auf der Intensivstation wieder wach. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an die Ergebnisse davor. An den RTW, an die Polizei, an den Notarzt der kam und an seine Worte, an die magischen zehn Minuten, die mich davor bewahrt haben nun nicht mehr da zu sein. Ich erinnere mich an meine Mutter neben meinem Bett. Und am deutlichsten an Schwester Nathalie und Schwester Sabine in der Klinik, an ihre Worte. 

Als es in der DBT um meine Behandlungsziele ging, da war eins für mich klar. Ich will nicht mehr an diesen Punkt. Ich will das nicht nochmal durchleben. Und die Suizidalität wurde dann auch zum obersten Therapieziel. Ich hätte nicht gedacht, dass ich da so viel ändern kann. Als es am Anfang darum ging, die Notausgangstür zu schließen, da dachte ich mir nur „jaja, is klar“. Mir war schon klar, dass ich daran arbeiten muss, ich wollte diese Türe auch schließen, aber das sich wirklich so viel daran ändern kann… Niemals hätte ich das geglaubt. Tja. Wie bei so vielen Dingen. 

Klar ist die Türe nie komplett zu. An manchen Tagen stehe ich mit der Klinke in der Hand da und werfe einen Blick durch den Spalt. Aber mehr passiert nicht. Die Türe öffnet sich nicht so weit, dass ich durchpassen würde. Ich stehe auch nicht mehr ständig daneben um raus zu springen und zu flüchten. Und so oft vergesse ich, dass es diese Option überhaupt gibt. 

Es macht vieles leichter. Ich merke, wieviel Kraft es mich immer gekostet hat diese Gedanken an Suizid auszuhalten, wieviel Kraft mich diese ständig offene Tür gekostet hat. Nun ist klar, dass es keine Option ist. Nicht mehr. Auch wenn die Gedanken da sind, auch wenn sie extrem werden, ich habe einen Lebensvertrag, ich habe klare Handlungsabfolgen bei hoher Suizidalität. Ich habe ein großes Stück mehr Sicherheit im Umgang mit mir in solchen Situationen. 

Gestern war ich zum ersten Mal wieder bei meiner Therapeutin. Ich habe ihr von der Klinik erzählt, von den Dingen, die seitdem anders sind, habe ihr den Lebensvertrag zum unterschreiben gegeben. Sie sagt mir, dass man mir ansieht, dass es besser ist, dass ich entspannter wirke, dass es nicht mehr so aussieht, als würde ich ständig mit aller Kraft gegen die Dinge in mir kämpfen. 

Ich erzähle ihr auch von dem Treffen mit meiner Kinder- und Jugendtherapeutin. Dass dieses Treffen einige Dinge geändert hat. Dass ihre Worte mir geholfen haben zu akzeptieren, dass die Dinge Wirklichkeit waren. Zu wissen, dass ihr bereits vor fast 14 Jahren klar war, was in mir tobt, hat es ein Stück weit mehr Realität werden lassen und mir geholfen es anzunehmen. Und es hat mir gezeigt, wie sehr sie damals an meiner Seite stand, wie viel sie mich unterstützt und mir geholfen hat und auch geschützt. 

Meine Therapiestunden sind aufgebraucht. Ich kann nur noch alle 4 Wochen kommen. „Aber es gibt ja immer Ausnahmen von der Regel.“ sagt sie zu mir. Im Notfall wird sie da sein, das weiß ich. Wenn es brennt, dann wird sie mich unterstützen und mir helfen. 

Morgen bin ich mit M. verabredet, wir werden wohl unser übliches Programm machen, die Zweier-Bordi-Gang on Tour. Und am Donnerstag wird meine Reha starten. Ich bin gespannt. Ich habe erstmal einen Berg Fragen für dort. Wie das mit den Medis laufen wird, wie es mit „Urlaub“ aussieht, mit den Terminen, die ich sonst noch so habe, wie die Therapien laufen werden und, und, und. 

Und bald steht dann unweigerlich mein Geburtstag vor der Tür. Vielleicht sollte ich ihn zweimal feiern. Am Tag des Suizidversuchs und am eigentlichen Tag. Ich könnte auch einfach dann gleich 3 Tage durchfeiern. 

Auch heute war ich relativ produktiv, ich war einkaufen, habe meine Schweinchen mit Salat und Gurke bombardiert (bei den Preisen derzeit werde ich definitiv arm), hab mit dem Katerkind gespielt, in meinem Schlafzimmer ein wenig weiter das Chaos bekämpft, habe mit der Krankenkasse telefoniert und versucht bei meinem Internetanbieter jemanden zu erreichen zwecks Kündigung bzw. Angebot für eine Verlängerung, habe mit der kleinen Hexe telefoniert und mit Puffi und mit Mama, habe meine Medikament sortiert und alle in der Schublade verstaut, damit sie nicht ständig an tausend Orten liegen, mir eine Pizza in den Ofen geschmissen und sie dann gemampft (und gleichzeitig vor dem Zitronenkater verteidigt), Wäsche sortiert und geduscht. Es war heute eine gute Mischung aus etwas tun und rumgammeln. 

Bevor ich mich mit M. treffe muss ich morgen noch beim Psychiater vorbeischauen, ich brauche MPH, ich hab ja keinen Plan wie das bei der Reha läuft, ob ich meine Medis von dort kriege oder nicht oder wie oder was. 

Ich bin immer noch erstaunt darüber, dass kein Absturz kam. Dass nicht wieder alles über mir zusammen bricht. Klar gibt es beschissene Momente, aber es sind eben Momente, kein Dauerzustand. Es erleichtert so viel. Und ich hoffe es wird so bleiben. Ich wünsche es mir so sehr. 

Zum kotzen 

Mein Tag gestern verlief einfach furchtbar. Nach ein wenig Schlaf ging es mir eigentlich besser. Ich stand auf, voller Tatendrang, begann damit die Wohnung zu fegen… Migräne. Bäh. Also aufs Sofa, Medis nehmen. Eine Weile später bin ich mit der kleinen Hexe am Telefon zum Einkaufen, ein paar kleine Dinge, um mich über den Abend zu retten. Die Migräne wird schlimmer. Zuhause lege ich auf, nehme noch was, schlafe auf dem Sofa ein. Ich werde wach von Übelkeit. Später ziehe ich quasi auf meinem Badvorleger ein, Decke um die Schultern, kotzen, zittern, kotzen. Das Katerkind springt mir auf den Rücken, schaut beim kotzen über meine Schulter, miaut laut, reibt sich an mir. Er bleibt an meiner Seite, kuschelt sich in den kotzfreien Momenten auf meinen Schoß, miaut mich an, wenn ich der Kloschüssel mehr Beachtung schenken als ihn. Irgendwann wird es besser. Ich fühle mich leer und kraftlos. Ich friere und zittere völlig unkontrolliert. Irgendwann traue ich mich erst ein wenig Fruchtkompot, dann noch einen Pudding und eine Banane zu essen. Und werfe noch eine Tablette hinterher, denn die anderen habe ich während dem Drama der letzten Stunden immer wieder ausgekotzt. Ich ziehe wieder auf mein Sofa. Schnappe mir noch eine Decke. Das Katerkind wärmt zusätzlich. Ich döse vor mich hin. Zu müde und kraftlos für alles. 

Kurz vor zwölf ist es ein wenig besser. Ich topfe meine Meeris noch um, bombardiere sie mit Heu und Paprika und falle ins Bett. Einschlafen geht zum Glück schnell, nur um kurz vor 4 werde ich wach und nutze den Kugelgeist als Lichtquelle für den Weg aufs Klo. Als der Wecker klingelt bin ich einfach nicht in der Lage die Augen zu öffnen. Es dauert lange, bis ich tatsächlich aus dem Bett komme. Eigentlich wollte ich mich auf den Weg machen zu meiner Mutter. Doch ich bin noch nicht wirklich in der Welt angekommen und verschieben meine Abfahrt um eine Stunde, dann rufe ich Mama an, weil der Bus eine Stunde später einfach nicht kommt und sie holt mich ab. 

Die Zeit bis dahin nutze ich und mache Ordnung. Bringe das Streu raus, putze den Boden in Wohnzimmer und Küche. 

Bei Mama gibt es erstmal was vom Chinamann. Dann sitzen wir über ihrem neuen Handy. Ich erkläre ihr dies und das, installiere und deinstalliere und stecke die Speicherkarte ins neue Handy. Als ich einige Stunden später aus der Türe gehe um wieder nach Hause zu fahren,  verschwimmen die Treppenstufen vor meinen Augen. Hinter meinem linken Auge beginnt es zu pulsieren. Mir wird übel. 

Die Migräne, die den ganzen Morgen unterschwellig da war, schlägt wieder zu. Ich vergrabe mein Gesicht in meinem Schal, schließe die Augen und versuche nicht in den Bus zu kotzen. In der Hauptstadt gehe ich ins Einkaufszentrum und dort schnurstracks zur Apotheke. Ich frage was sie mir empfehlen bei Migräne und schmeiße mir direkt eine Tablette ein um es überhaupt irgendwie bis nach Hause zu schaffen. Es ist zu laut. Zu hell. Zu viel. Ich will nur noch die Decke über den Kopf ziehen. Stille. Dunkelheit. 

Die Musik aus meinen Kopfhörern rettet mich wenigstens vor dem Lärm der Menschen. Nur noch 35 Minuten durchhalten, dann bin ich zuhause. Weiter atmen, durchhalten, durchhalten… 

erschöpft. 

Mein Sprunggelenk bringt mich um. Bei -5 Grad (gefühlt sollen es angeblich -12 sein, ich empfinde es eher als -20) hat es, verständlicherweise, wohl einfach keinen Bock. Es tut weh, es knackst, es schwillt an. Mittlerweile ist der Bruch so viele Jahre her, dass ich nur noch selten daran denke. Aber ab und an meldet sich jede Bruchstelle (waren ja nur 8) und ich könnte schwören, dass auf die Nahten der Bänder und Sehnen schmerzen. Und natürlich die Narben. Auch die an meinen Armen schmerzen und ziehen derzeit, ich muss immer wieder cremen, weil sie so trocken sind und jucken. Da ist mir der Sommer deutlich lieber, da kriege ich höchstens mal einen Sonnenbrand auf den Narben. 

Ich mag den Winter nicht. Es ist grau und dunkel und kalt. Ich habe nichts gegen einen kalten Sonnentag mit Schnee, über die Felder stapfen, mit Sunny und Joline habe ich das schon oft gemacht und genossen. Aber ich mag die Dunkelheit nicht, Matschschnee und Nässe und Glätte und in so viele Schichten einpacken, dass man kugelrund ist und trotzdem friert. Obwohl ich im Winter geboren bin, möchte ich ihn immer wieder ganz schnell los werden. Und wenn ich überlege, dass der Frühlingsbeginn noch über 2 Monate entfernt ist… Bäh. Der Frühling ist so wundertollig. Die Natur erwacht, die ersten warmen Tage, zum ersten Mal wieder nur im T-Shirt raus… Dann wird es auch in mir drin heller. Im Winter habe ich immer das Gefühl, dass ich in eine Winterstarre verfalle, nicht mehr richtig funktioniere, halb erfroren bin innerlich. 

Mein PC hat es gestern endlich geschafft auf Win 10 zu laufen. 30 Stunden für ein Update, ich bin mir sicher er hat einfach eine Pause eingelegt. Oder einen Winterschlaf. Jedenfalls funktioniert nun alles wieder (abgesehen von meiner Grafikkarte, die jammert ständig über nicht vorhandene Treiber, dabei sind sie da. Da muss ich nochmal schauen.), nun ist er dabei sämtliche Dinge upzudaten. Denn je nachdem ob sie vom PC sind (der ist nun 2 Jahre alt) oder vom Betriebssystem (das ist nun ungefähr 9 Monate alt) hat er einiges zu tun, um die Dinge auf den neusten Stand zu bringen. Ich muss nun nur noch die Dinge wieder installieren, die ich brauche. Das neue Office wieder drauf, ein paar Spiele, Dropbox und Skype und diese Dinge. Und dann ein Backup machen. Am besten an 3 verschiedenen Orten. Meine Daten liegen nun sowieso alle auf der externen Festplatte. Und da muss ich mal ausmisten. 800 GB sind nun belegt, ich bin mir sicher, dass manche Dinge auch mehrfach vorhanden sind. Und manche Dinge brauche ich sicherlich nicht mehr, ich hab noch das halbe System von Vista drauf liegen, weil ich nach meinem letzten PC-Tod einfach die komplette Festplatte rübergezogen habe. Aber sowas mach ich einfach total gerne. 

Auch gestern bei J. den Laptop einrichten hat mir Spaß gemacht. Erstmal das doofe Anti-Viren-Programm runter werfen, ein neues drauf, die Firewall anschalten, Office installieren und registrieren, Edge runter schmeißen und Chrome drauf, Startseite einrichten… Ich liebe es. 

Vielleicht hänge ich meine Festplatte auch einfach wieder ans Netzwerk, das erspart das ständige Suchen nach ihr. Allerdings braucht sie eine externe Stromversorgung, dann müsste ich sie immer an lassen. Oder ich hänge die kleine ins Netzwerk mit den wichtigsten Dingen. Aber dann habe ich am TV keine mehr zum Aufnehmen… Die Probleme mit der lieben Technik. 

Ich überlege schon länger mir einen neuen TV anzuschaffen. Ich habe noch einen alten Röhrenfernseher. Und hätte gerne einen neuen, flachen, der weniger Platz weg nimmt und mehr kann. Beispielsweise die Filme direkt darauf streamen. Oder den PC verbinden und ein Spiel mal auf dem großen Bildschirm zocken. Mal sehen, was meine Nebenkostenabrechnung so dazu sagt, wenn ich sie endlich mal bekomme. Letztes Jahr war es April oder Mai. Für 9 Monate habe ich 300 Euro zurück bekommen. Nun werden es 12 Monate, aber davon war ich auch über 4 Monate in Kliniken. Also besteht Hoffnung, dass diesmal auch wieder etwas dabei raus kommt, dass mich glücklich macht. Und vielleicht ist dann auch ein bisschen was für einen neuen TV drin, denn das meiste Geld mag ich in ein neues Tattoo investieren. 

Heute morgen bin ich früh aus dem Bett, habe meine Tiere gefüttert, die Festplatte formatiert, die ich Mama bringen wollte und bin los gezogen. Nun bin ich auf dem Rückweg. Es ist kalt und ich bin müde. Und erschöpft. Ich hänge immer noch ein wenig durch, gestern und vorgestern haben an meinen Kräften gezehrt. Stark sein ist anstrengend und kräfteraubend, Situationen aushalten, in denen man nichts tun kann auch, gegen Anspannung und Selbstverletzungsdruck kämpfen und Suizidgedanken im Zaum halten nicht weniger. 

Ich empfinde Menschen heute wieder als furchtbar anstrengend. Ständig bleiben sie im Weg stehen, gründen Plaudergrüppchen mitten im Weg, laufen am Ende der Rolltreppe nicht weiter, bleiben direkt hinter der Tür in der Straßenbahn stehen, sie sind ja schließlich drin und die Menschen vor der Tür können kucken, wie sie noch rein kommen… Es kostet unglaublich viel Kraft unterwegs zu sein. Im Zug fallen mir immer wieder die Augen zu. Ich fühle mich unglaublich energieleer und kraftlos. Mir ist kalt, mein Kopf schmerzt, mir ist übel. Ich will nur noch in mein Bett. 

Im Bett verkriechen scheint für heute eine gute Option zu sein und vermutlich auch die beste Lösung. Vielleicht mit Finalgon gegen den Drang mich zu verletzen. Ich finde es furchtbar, wenn ich nicht so funktioniere wie ich meiner Meinung nach soll, dann steigt der Selbstverletzungsdruck immer unglaublich an. Also tue ich eben die Dinge, die nötig und sinnvoll sind. Mir Ruhe gönnen, akzeptieren, dass es grade mies ist, auf meine eigenen Bedürfnisse achten und auch ihnen entsprechend handeln. 

Möp

Es gibt ja so ein paar Dinge, die man ständig benutzt und trotzdem immer irgendwo hin räumt und dann nicht mehr findet. So geht es mir mit meiner externen Festplatte. Ständig brauche ich sie, ständig suche ich sie. Und wenn ich sie gefunden habe mache ich mich immer auf die Suche nach Stromkabel und USB-Kabel. 

Dann sitze ich vor meinem PC und schaue dem Programm zu, während meine Bilder wiederhergestellt werden. Das Programm hat einige gefunden und ich stelle einfach radikal alles wieder her, das potenziell ein Foto sein könnte. Danach schaue ich dann mal, was an interessanten Daten noch sonst so da ist, vielleicht ist da auch noch was rettbares dabei, dass ich brauche. Mit den Bildern habe ich aber zumindest einen großen Teil des wichtigsten Krams wieder. 

Wenn das vorbei ist kann ich endlich mit dem schönen Teil anfangen: PC einrichten. Ich liebe es technische Geräte einzurichten, alle möglichen Sachen wieder einzustellen, runter zu laden… Als erstes muss mal wieder das Betriebssystem drauf, momentan läuft Win 8.1 wieder, das mag ich absolut nicht. Doch damit muss ich warten, bis die Daten gerettet sind, denn beim Installieren und Updaten ist das Risiko groß, die Überbleibsel zu überschreiben und die Daten wären futsch. Also in Geduld üben, dem Fortschrittsbalken zuschauen, wie er sich viel zu langsam füllt, irgendwas anderes tun bis dahin. Der Download des neuen Betriebssystems lässt sich sowieso gewaltig Zeit, seit gestern Mittag mag die Prozentzahl sich nur alle paar Stunden verändern. 

Gestern morgen war ich schon früh wach. Habe meine Tiere versorgt, das Katerkind gekrault, etwas gegessen und mich wieder ins Bett gekuschelt, weil mir noch zwei Stunden Zeit blieben. Um kurz vor halb zehn bin ich wieder aufgewacht und beim Blick aufs Handy aus dem Bett geschossen, denn mein Bus fuhr um viertel vor. Aber ich habe es geschafft und bin in die Hauptstadt gefahren, in Ruhe bis ins Viertel gelaufen und habe mich dort mit J. getroffen. Zur Feier des Tages spendierte sie mir sogar noch ein Frühstück. Unser Tee-Deal läuft nun seit 201 Tagen wieder, solange ich mich nicht verletze muss sie den Tee bezahlen. Ansonsten wieder jeder seinen. Den Deal haben wir schon lange, doch zwischenzeitlich gab es eine große Pause, schließlich hatte ich ja mehr Tage mit Selbstverletzung als ohne. Irgendwann wollte ich ihn erneuern und wir haben uns auf eine Zeit ab 100 Tagen ohne festgelegt und die habe ich ja auch geschafft. Es ist eine kleine Sache mit großer Wirkung. Ich freue mich immer auf unsere Tee-Dates und dann stolz zu sein, dass ich immer noch „clean“ bin, ist eben auch toll. Und selbst wenn es nicht mehr so sein sollte haben wir trotzdem unsere Treffen, ich muss nur selber zahlen. 

Genauso ist es mit der Verabredung zur 1-Jahr-Feier mit A., wir haben in der Klinik festgestellt, dass unsere „letzten Male“ genau eine Woche auseinander liegen und gemeinsam das halbe Jahr gefeiert und gesagt, dass wir auch das ganze Jahr feiern wollen. Auch das unterstützt mich, denn ich freue mich natürlich darauf mit ihr anzustoßen und überlege mir nun noch einmal mehr, ob ich mich verletze. 

Ich bin froh um die Menschen in meinem Leben, die mich auf alle möglichen Arten unterstützen. Sei es nun mit solchen Verabredungen, oder die DBT-Mädels in unserer Gruppe, die einfach da sind mit Rat oder einem offenen Ohr oder einfach nur zum Quatschen, meine Freunde, die ich volljammern kann oder die mit mir was unternehmen und auch nicht böse sind, wenn ich es mal nicht schaffe mich zu melden oder vor die Türe zu gehen. Es tut gut diese Menschen zu haben und ich bin froh und glücklich, dass es sie gibt. 

Am Abend bin ich dann ein wenig abgestürzt. Mit Skills und allen möglichen Dingen, die ich in der DBT gelernt habe, konnte ich mich halbwegs auffangen, habe mit dem Katerkind gekuschelt und bin irgendwann ins Bett gefallen. Die Nacht war unruhig und alles andere als erholsam. Heute morgen kam ich nur unglaublich schwer in die Gänge, bin nur kurz durchs Bad, in die Klamotten und zum Psychiater. Eigentlich wollte ich noch zu Mama, mich mit P. treffen und danach zu J. um ihr beim Einrichten des neuen Laptops zu helfen. (haha, habe ich ja nun gerade echt Übung drin…) 

Mama habe ich abgesagt. Und P. auch. Ich will einfach nur noch heim auf mein Sofa, die Decke um mich wickeln und mich vergraben. Meine Psyche streikt, mein Körper zieht mit. Meine Augen brennen, mein Kopf schmerzt, mein Magen produziert einen Krampf nach dem anderen. Heute Abend will ich aber zu J. fahren, bis dahin bin ich hoffentlich wieder halbwegs in der Spur und es tut mir auch gut dann nochmal raus zu kommen. 

Meine eigenen Bedürfnisse achten. Fühlt sich neu und ungewohnt an. Aber ich will einfach nur noch nach Hause. 

Datenverlust 

Mein PC hat sich suizidiert und für einen Moment möchte ich es ihm gerne gleich tun. Meine Daten sind weg, alle Möglichkeiten des Reparierens oder Wiederherstellens habe ich erfolglos ausprobiert. 

Nun läuft ein recovery-Programm, vielleicht schaffe ich es ja wenigstens ein paar Daten noch zu retten, doch meine Hoffnung ist nicht allzu groß. Besonders die Bilder wiederherzustellen ist keine einfache Sache, ich befürchte sie sind weg. Und genau das schmerzt mich am meisten. Erst vor einer Weile habe ich die Bilder vom Handy auf den PC gepackt und mir dabei noch gedacht, dass ich bald mal eine Sicherung machen muss. Hmpf. 

Ein positives hat die ganze Sache aber. Ich habe mich aus extremer Anspannung und extremen Selbstverletzungsdruck raus geholt, auch wenn ich gedacht hätte, dass mich dieser Mist nun echt an die Grenzen meiner Möglichkeiten bringt. Es hat trotzdem funktioniert. So bescheuert es auch ist sich wegen verlorener Daten verletzen zu wollen, vor allem die Fotos sind mir einfach unglaublich wichtig und bedeuten mir viel. 

Gestern war ich um kurz vor Mitternacht endlich zuhause, hundemüde und erledigt. Ich habe meine Tierchen gefüttert und das Katerkind noch eine Weile gekrault und bin dann ins Bett gekippt. Und dort war ich plötzlich wach. Super, denn mein Hirn war trotzdem einfach nicht mehr funktionsfähig und auch mein Körper wollte nicht mehr wirklich. Also lag ich bis 4 Uhr noch wach, bevor ich endlich einschlief. 

Und wegen dem wenigen Schlaf der letzten Tage, meiner miesen Laune wegen meinem PC und einer Verabredung morgen früh hab ich mir nun meine Medis eingeworfen und mich ins Bett verkrochen. Außerdem friere ich, trotz genügend Essen heute. Also gibt es nun Kuscheldecke und Kuschelkater und Wärmflasche und Serie. 

Und morgen ist ein neuer Tag. 

mit jedem Stolperstein hast du den Schritt in Richtung Ziel gemacht.

5 Uhr. Ich sitze wach auf dem Sofa. Die Nacht war eher unruhig, zum ersten Mal auf die Uhr geschaut habe ich gegen halb 4, mich dann aber doch nochmal umgedreht, das Katerkind ein wenig zwischen den Ohren gekrault und weiter geschlafen. 

Mein Wecker hätte um 6 geklingelt. Ich muss zum Psychiater, um kurz nach 8 habe ich einen Termin. Sonst ist es immer eine Qual mich aus dem Bett zu kämpfen, gefühlt noch mitten in der Nacht. Und nun habe ich sogar noch genug Zeit um meinen Fahrtkostenerstattungsantrag zu suchen, auf dem der Herr Psychiater etwas ausfüllen muss. Und um eine Kleinigkeit zu frühstücken. 

Vorgestern war ich einfach Matsch. Ich fand keinen Schlaf, erst irgendwann gegen 9 Uhr gelang es mir dann endlich einzuschlafen. Um halb 4 wurde ich wach, müde, zerschlagen, mit dem Gefühl den Abend vorher ein Saufgelage veranstaltet zu haben. Und dementsprechend verlief auch mein Tag, zumindest die paar Stunden, die davon noch übrig waren. Ich fiel kurz vor die Türe um mir etwas zu essen zu besorgen, dass ich nur in die Mikrowelle schmeißen muss, denn nach kochen war mir definitiv nicht zumute. Zuhause dann essen und Sofa. Rumhängen. Irgendwie im Tag ankommen. Und dann vor 12 wieder ins Bett purzeln, damit mein Schlafrhythmus nicht völlig im Eimer ist. Funktionierte sogar. 

Gestern war ich dann deutlich fitter und produktiver. Ich habe das Katerfutter aus meiner großen Schublade unter der Bank geholt, die Kartons weggeworfen und alles in seiner Futterkiste verstaut, das Trockenfutter in die Box umgefüllt und immer wieder den Zitronenkater gejagt, der sich mit einer Packung Leckerlis aus dem Staub machte. Meine Küche gekehrt, um den Futterplatz geputzt (manchmal frage ich mich, wie man so viel Sauerei beim fressen machen kann. Erinnert mich immer ein wenig an ein kleines Kind mit einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße) und dann gekocht. Zwischendurch mal mit F. geskypet, mit meiner Mama telefoniert, das Katerkind von der Arbeitsplatte geschoben, geraucht. Und dann relativ früh geschlafen, weil ich ja heute morgen früh raus musste. Mit dem Gefühl, dass ich vielleicht doch nicht ganz so furchtbar unnütz und unproduktiv bin. 

Ich bin gespannt wie es in zwei Wochen wird, wenn ich jeden Morgen früh raus muss. In der Klinik war es okay, da schmiss einen zur Not ja auch jemand aus dem Bett. Während meiner letzten Schulzeit war es meistens K., die sich über das Klingeln meines Weckers beschwerte, weil sie noch nicht so früh raus musste. Und mein liebster Arbeitsbereich ist glücklicherweise ja nichts für Frühaufsteher, also bin ich auch nach der Ausbildung nur selten früh aufgestanden.

Mein Problem ist nicht, dass ich nicht wach werde. Sondern dass ich dann nicht aufstehe. Ich wache kurz auf, stelle den Wecker weiter (oder manchmal auch aus, was ziemlich unklug ist), drehe mich um und bin wieder eingeschlafen. Wobei ich auch manchmal wirklich einfach nicht wach werde, weil der Wecker einfach nicht klingelt oder ich ihn in meine Träume einbaue. 

Mal sehen. Ich werde definitiv mal verschlafen und in der Reha anrufen müssen deswegen. 

Bisher bin ich nicht wirklich nervös. Ich muss nicht dort schlafen, das nimmt viel meiner sonstigen Aufregung vor solchen Situationen. Auch wenn die Leute doof sind, ich muss mit ihnen nur den Tag verbringen und habe abends und am Wochenende meine Ruhe. Ich frage mich, ob ich irgendwas neues dort lernen werde, wie mein Therapeut oder meine Therapeutin wohl sein wird, wie das Programm dann genau aussehen wird. 

Gerade habe ich noch meine Fahrt gebucht für nächste Woche. Die Menschen in der DBT-Stadt besuchen. Ich freue mich darauf. 

13 Stunden später sitze ich wieder auf dem Sofa. Ich habe ein kleines Mittagsschläfchen gemacht, weil mein Bedürfnis nach Wärme und Bett so groß war. Ich bekam nicht warm, trotz zwei Decken und Wärmflaschenkater. Momentan friere ich ziemlich oft und ziemlich viel. Sonst bin ich gar nicht so eine Frostbeule, außer draußen in dieser Jahreszeit. Aber daheim habe ich sonst selbst im Winter nur selten einen Pulli oder Socken an. Nun ist die Standardausstattung Pulli, Schal, dicke Socken, auf dem Sofa meistens noch mindestens eine Decke. Ätzender Mist. Meine Nebenkostenabrechnung für dieses Jahr wird bestimmt ansehnlich bei dem Verbrauch an Heizung.  

Mein Herr Psychiater ist übrigens krank. Seine Arzthelferinnen haben versucht mich anzurufen, allerdings unter der Nummer, die ich seit 6 Jahren nicht mehr habe. Aber ich hätte eh hin gemusst wegen Krankenschein und Rezept. Zum Glück, denn sonst wäre ich vermutlich explodiert und mein ganzer Tag wäre im Eimer gewesen. So bin ich danach noch einkaufen gegangen und dann wieder nach Hause. 

Und ich stürze ab. Ich weiß nicht wieso. Der Drang mich zu verletzen nimmt mich ein. Tiefe Schnitte, im Krankenhaus versorgt werden, entspannt schlafen danach. Ich vermisse es. Ich würde es so gerne tun. Doch es gibt Dinge, die mich davon abhalten. Nach einer SV darf ich meine Mädels, die noch auf Station sind, zwei Wochen nicht besuchen. Wobei ich es ja niemandem vom Personal erzählen müsste, aber ich würde mich einfach scheiße fühlen. Außerdem will ich mit A. doch so gerne auf das Jahr anstoßen. Auf ihr ganzes und mein ganzes Jahr. Und ich will auf Pfleger Arschkeks erzählen können, dass ich es tatsächlich ein Jahr geschafft habe. 

Ich möchte mich verkriechen. Mich unter den Decken eingraben, weinen, schreien. Schneiden. 

Stattdessen werde ich skillen. Mit Finalgon auf den Arm klatschen. Mich mit aufräumen ablenken. Durchhalten, stark bleiben. 

Hast Schiss das alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt.
Doch bleib auf Kurs,
die Richtung stimmt,
auch wenn diese Zeit dich in die Knie zwingt.
Gib alles, nur nicht auf,
es gibt immer Einen, der an dich glaubt.
Gib alles, nur nicht auf,
es geht immer weiter, lauf Baby, lauf.

Mord, Selbsthass und nasse Tiere 

Projekt Massenmord, Stufe 1.

Ich habe meine Meerchen in ein Körbchen gesetzt, das Streu in die Tonne geworfen, den Kater und die Meerchen ins Schlafzimmer gesteckt, das Meerizuhause nochmal extra mit Zeug eingesprüht, alles essbare im Kühlschrank in Sicherheit gebracht und die erste Flohbombe gezündet. Ich habe mich mit meinen Tieren (und vermutlich auch einer Horde Flöhe) im Schlafzimmer niedergelassen. Zwei Stunden soll man das Zeug einwirken lassen und dann gut lüften.

Stufe 2.

Sobald ich die Türe zum Wohnzimmer öffne büchst der Herr Kater aus. Also muss er als erstes der Tiere dran glauben. Ich schnappe ihn und trage ihn ins Bad, schließe die Türe und klemme ihn mir zwischen die Beine. Immer und immer wieder muss ich ihn einfangen, er ist verständlicherweise nicht begeistert über die Prozedur. Schließlich ist er komplett eingesprüht und nass und er darf in die Küche flüchten. Dann sind die Meeris dran. Flocke lässt es relativ gelassen über sich ergehen, Caro protestiert ziemlich und Caramell schreit, als ob ich sie bei lebendigem Leib braten würde. Doch auch das ist dann geschafft und die drei dürfen in ihr frisches Zuhause. 

Stufe 3. 

Es folgt das Schlafzimmer. Ich sprühe die Matratzen nochmal extra ein und zünde dann die zweite Flohbombe. Das Schlafzimmer nicht nutzen zu können ist nicht halb so dramatisch wie das Wohnzimmer, denn so kann ich immerhin aufs Klo und der Kater hat auch mehr Platz. Und der Kühlschrank ist auch erreichbar. 

Stufe 4. 

Nun folgt der übrige Kram. Die verbliebene Wäsche bei 60° waschen, die momentan noch in Tüten verpackt hier rum steht. Und sie aufhängen und irgendwie trocken kriegen. Und aufräumen und durchputzen. Ich hoffe, dass das ganze Geflöhe nun das Zeitliche gesegnet hat. Nochmal will ich dieses ganze Drama nicht mitmachen. 

Ansonsten ist es halbwegs okay. Ich war einkaufen und habe eine Portion Sushi gefuttert, heute morgen sogar gefrühstückt. Ich war halbwegs fleißig in meiner Wohnung, habe hoffentlich mein Flohproblem gelöst. 

Und als ich auf das Datum blicke fange ich an zu heulen. Ich weine und weine und kann nicht mehr aufhören. Heute Abend, heute Nacht vor einem Jahr… Am nächsten Tag habe ich den Hundemann zusammen mit Chrissie und D. beerdigt. Mein kleiner Sunnybär, mein süßer Hundemann, ein Jahr ist nun schon vergangen und ich vermisse ihn immer noch wie am ersten Tag. Seit diesem Tag ist Chrissie nicht mehr dieselbe. Bis heute hat sie nicht verkraftet, dass er nicht mehr da ist. Und auch für mich ist es schwer, denn einerseits vermisse ich ihn furchtbar, andererseits leide ich mit Chrissie mit, weil sie einfach nicht mehr aus dem Loch kommt seither. 

Jeden Abend denke ich, dass ich eigentlich mehr hätte tun müssen am Tag. Produktiver sein, mehr leisten, dieses und jenes noch tun. Dann beginnt automatisch der Selbsthass. Mittlerweile schaffe ich es den Kreislauf zu zerbrechen, zumindest meistens. Ich drehe mich nicht mehr stundenlang im Kreis, von Selbsthass zu Selbsthass zu Selbsthass zu Selbstverletzungsdruck zu Suizidgedanken zu noch mehr Selbsthass zu noch mehr Suizidgedanken. Es bleibt beim Selbsthass und den Gedanken und dem Druck. Manchmal verschwindet auch alles, wenn mir klar wird, dass es nur der Selbsthass ist. 

Vielleicht schaffe ich heute Abend wenigstens noch ein paar kleine Dinge. Ein wenig aufräumen, noch etwas essen, den Kater kraulen, denn der ist immer noch ein wenig beleidigt mit mir. 

Neues Jahr 

Die Tage tröpfeln so dahin. Feiertage sind eine merkwürdige Sache. Ich vergesse die Wochentage und das Datum. Und auch mit dem Ende der Feiertage finde ich noch nicht zurück. 

Mein Silvester war schön, auch wenn es mich im Vorfeld einige Kraft gekostet hat. Ich komme immer noch schwer mit plötzlichen Änderungen und der daraus entstehenden Enttäuschung zurecht. N. ging es leider nicht gut, später dann die Absage. Planungschaos, wie und ob Bibi nun kommt. Letztendlich haben wir dann zu dritt hier gefeiert und hatten einen ruhigen und gemütlichen Abend. 

Mein neues Jahr begann dann damit den Zitronenkater zu beruhigen. Er war nicht unbedingt völlig verängstigt, nur furchtbar verwirrt und wusste gar nicht wohin mit sich. So saß er mal auf dem Kühlschrank, unter dem Bett, bei den Meeris und unter dem Küchentisch, mit großen Augen und roten Öhrchen. Später schlief er dann einige Stunden neben mir, bis ich gegen 5 Uhr in mein Bett wanderte und dort schlaflos rumlag. Seit ich andere Medikamente nehme, blieb die Schlaflosigkeit bis zu dieser Nacht aus. Also lag ich im Bett, schaute Outlander und versuchte den Schlaf zu finden, den mein Körper so dringend brauchte. 

Heute habe ich meinen Besuch an den Bahnhof gebracht. Immerhin kam ich so ein wenig an die frische Luft. Nun habe ich mich ins Bett verkrochen, ich friere, aber mein Kopf glüht. Meine Nase läuft, ich huste so sehr, dass ich ständig mein Essen erbreche und mein ganzer Körper schmerzt. Ich hasse es krank zu sein. Mein Kopf funktioniert nicht richtig, mein Körper noch weniger. Ich fühle mich unnütz und unproduktiv. Also versuche ich meinem Körper mit Schlaf zu helfen. Falls ich mich heute nochmal aus dem Bett bewegt kriege, dann gibt es noch Obst und heiße Zitrone zur Unterstützung. 

Morgen will ich mich (nochmal) an die Sachen für die Reha machen. Die Unterlagen für die Klinik und die für die Rentenversicherung. Und ein wenig das Chaos in der Wohnung beseitigen, Wäsche waschen, kochen. 

Immerhin hat der heutige Tag mir schon zwei nette Überraschungen beschert. Auf dem Weg zum Bahnhof wollte ich mir eine Internetflat fürs Handy buchen. Die allnet-flat habe ich auslaufen lassen, da ich sie eigentlich nur für die Zeit der Klinik genutzt hatte. Zuhause habe ich Festnetz mit Flatrate. Also rief ich die App meines Anbieters auf um nachzusehen, wieviel Guthaben ich noch habe und wieviel ich aufladen muss, um meine Flatrate zu buchen. Und dann habe ich ziemlich überrascht festgestellt, dass ich derzeit die allnet-flat nutze. Sehr nette Sache. Einmal ’ne Ladung Highspeedvolumen und alles Telefonieren und Simsen frei für umsonst. Könnte ich jeden Monat haben. 

Beim Heimkommen habe ich dann noch ein Gratispäckchen Zigaretten aus meinem Briefkasten geangelt, als Probe für die neue Sorte konnte man sie kostenlos anfordern, sofern man bei der Firma registriert ist, ich hatte völlig vergessen, dass ich da mitgemacht hatte. Nette Sache Nummer 2.

Und nun liege ich eingekuschelt mit dem Zitronenkater im Bettchen, habe auf dem Tablet Serie an und genieße einfach, dass ich mir Ruhe und Schlaf gönnen kann. Ich versuche es zumindest, denn ein kleiner Teil von mir schreit laut, dass ich das nicht darf, dass ich etwas tun muss, dass ich mir rumhängen und Ruhe nicht erlauben darf. Aber der Stimme gebe ich einfach keinen Raum.