Neues Jahr 

Die Tage tröpfeln so dahin. Feiertage sind eine merkwürdige Sache. Ich vergesse die Wochentage und das Datum. Und auch mit dem Ende der Feiertage finde ich noch nicht zurück. 

Mein Silvester war schön, auch wenn es mich im Vorfeld einige Kraft gekostet hat. Ich komme immer noch schwer mit plötzlichen Änderungen und der daraus entstehenden Enttäuschung zurecht. N. ging es leider nicht gut, später dann die Absage. Planungschaos, wie und ob Bibi nun kommt. Letztendlich haben wir dann zu dritt hier gefeiert und hatten einen ruhigen und gemütlichen Abend. 

Mein neues Jahr begann dann damit den Zitronenkater zu beruhigen. Er war nicht unbedingt völlig verängstigt, nur furchtbar verwirrt und wusste gar nicht wohin mit sich. So saß er mal auf dem Kühlschrank, unter dem Bett, bei den Meeris und unter dem Küchentisch, mit großen Augen und roten Öhrchen. Später schlief er dann einige Stunden neben mir, bis ich gegen 5 Uhr in mein Bett wanderte und dort schlaflos rumlag. Seit ich andere Medikamente nehme, blieb die Schlaflosigkeit bis zu dieser Nacht aus. Also lag ich im Bett, schaute Outlander und versuchte den Schlaf zu finden, den mein Körper so dringend brauchte. 

Heute habe ich meinen Besuch an den Bahnhof gebracht. Immerhin kam ich so ein wenig an die frische Luft. Nun habe ich mich ins Bett verkrochen, ich friere, aber mein Kopf glüht. Meine Nase läuft, ich huste so sehr, dass ich ständig mein Essen erbreche und mein ganzer Körper schmerzt. Ich hasse es krank zu sein. Mein Kopf funktioniert nicht richtig, mein Körper noch weniger. Ich fühle mich unnütz und unproduktiv. Also versuche ich meinem Körper mit Schlaf zu helfen. Falls ich mich heute nochmal aus dem Bett bewegt kriege, dann gibt es noch Obst und heiße Zitrone zur Unterstützung. 

Morgen will ich mich (nochmal) an die Sachen für die Reha machen. Die Unterlagen für die Klinik und die für die Rentenversicherung. Und ein wenig das Chaos in der Wohnung beseitigen, Wäsche waschen, kochen. 

Immerhin hat der heutige Tag mir schon zwei nette Überraschungen beschert. Auf dem Weg zum Bahnhof wollte ich mir eine Internetflat fürs Handy buchen. Die allnet-flat habe ich auslaufen lassen, da ich sie eigentlich nur für die Zeit der Klinik genutzt hatte. Zuhause habe ich Festnetz mit Flatrate. Also rief ich die App meines Anbieters auf um nachzusehen, wieviel Guthaben ich noch habe und wieviel ich aufladen muss, um meine Flatrate zu buchen. Und dann habe ich ziemlich überrascht festgestellt, dass ich derzeit die allnet-flat nutze. Sehr nette Sache. Einmal ’ne Ladung Highspeedvolumen und alles Telefonieren und Simsen frei für umsonst. Könnte ich jeden Monat haben. 

Beim Heimkommen habe ich dann noch ein Gratispäckchen Zigaretten aus meinem Briefkasten geangelt, als Probe für die neue Sorte konnte man sie kostenlos anfordern, sofern man bei der Firma registriert ist, ich hatte völlig vergessen, dass ich da mitgemacht hatte. Nette Sache Nummer 2.

Und nun liege ich eingekuschelt mit dem Zitronenkater im Bettchen, habe auf dem Tablet Serie an und genieße einfach, dass ich mir Ruhe und Schlaf gönnen kann. Ich versuche es zumindest, denn ein kleiner Teil von mir schreit laut, dass ich das nicht darf, dass ich etwas tun muss, dass ich mir rumhängen und Ruhe nicht erlauben darf. Aber der Stimme gebe ich einfach keinen Raum. 

And is it possible to change? 

Ein weiteres Jahr geht langsam zuende. 

Ich finde, dass es unglaublich schnell verging. In Rückblick gesehen. Denn manche Momente und Tage und Wochen dauerten gefühlt ewig. Letztes Jahr habe ich Silvester in der Klinik verbracht. Weil ich wusste, dass es für mich schwer werden wird. Aus Selbstschutz. 

Dieses Jahr werde ich zuhause sein. Mit Freunden feiern. Ich freue mich darauf. 

Und trotzdem macht es Angst. Es ist so ein furchtbar sentimentaler Moment, es sind so furchtbar sentimentale Tage davor und danach. Dabei ändern sich eigentlich nur ein Datum. Sonst nichts. 

Manchmal würde ich Silvester einfach gern verschlafen. Den Tag davor und danach einfach verbringen wie jeden Tag und den Jahreswechsel einfach nicht mitbekommen und am nächsten Morgen aufstehen wie jeden anderen Morgen. Mich einfach vergraben, die Sentimentalität betäuben und einfach ignorieren, dass fast die ganze Welt feiert. 

Wouldn’t it be nice if change took just a moment?
Wouldn’t it be nice if it were that easy?
Midnight and we’re new. Midnight and the past erased. Midnight and we’re free. 

~twloha

Gestern  war ich dann doch produktiv. Ich habe gemeinsam mit der telefonischen Unterstützung der kleinen Hexe mein Altpapier klein gemacht und raus gebracht, meinen Küchentisch entchaotisiert, meine Kramschublade in der Küche aufgeräumt, die Meeris und das Katerklo sauber gemacht, die Wäsche angeschmissen und gerade in einem Anfall von „ich muss noch was tun“ das Bad geputzt.  

Heute wache ich mit fiesen Halsschmerzen auf und merke, dass Nase und Nebenhöhlen dicht sind. Prima. Neben den Weihnachtsgeschenken gab es von Mama also auch eine Runde Bazillen. Hmpf. Ich finde Kranksein einfach zum kotzen. Ich fühle mich schwach und angeschlagen und matschig. Ich bin absolut nicht auf der Höhe und funktioniere noch weniger als sonst schon. Bäh. 

Gleich muss ich mich wenigstens aufraffen und noch ein wenig weiter Ordnung schaffen, bevor ich irgendwann in die Hauptstadt fahre und meinen Silvesterbesuch aufsammel. Vielleicht kaufe ich unterwegs noch 3 Kilo Zitronen um meine Krankheit in Schach zu halten. 

Ich schlafe gestern erst gegen 3 Uhr ein. Mit Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck. Als ich heute morgen die Augen öffnen, ist es zwar nicht mehr ganz so schlimm, aber auch alles andere als gut. 

Als es an der Tür klingelt, schrillen die Alarmglocken in mir synchron mit. Mein Großonkel steht im Flur, prima. 

Ich weiß nicht, was anstrengender ist. Seine Fragen nach meinem Vater oder meinen Narben, die Tatsache, dass er ständig absichtlich meinen Kater erschreckt, sein Meckern über Moslems oder die andere ganze Grütze, die er von sich gibt. Nach gefühlt endlos langen Stunden, mindestens 5 Gefühlsprotokollen im Kopf, einem Haufen möglicher Mordmethoden und tonnenweise ablenken und skillen verlässt er endlich wieder die Wohnung. Uff. Durchatmen. 

Danach ist es unspektakulär. Wir essen, irgendwann packe ich meinen Kram und Mama bringt mich nach Hause. Als sie nach der obligatorischen Zigarette dann meine Wohnung verlässt, sinke ich erschöpft auf mein Sofa. Die letzten 3 Tage haben an meinen Kräften gezehrt. Die kurzen Nächte (vor 2 Uhr habe ich nie geschlafen), die vielen Geräusche, die Erinnerungen und Gedanken und dann zu allem Übel heute noch mein Großonkel… Es war anstrengend. Wenn auch nicht ganz so furchtbar wie sonst. Wobei auch mein Umgang und meine Einstellung anders sind seit der dbt. 

Jedenfalls war ich unglaublich froh endlichendlichendlich wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein. Ohne Menschen. Und so habe ich den Rest meines Tages auf dem Sofa verbracht. Mit AoE, TV, Katerkind und skypen mit L. und F., anschließen bin ich einfach nur ins Bett gekippt. Und dort liege ich nun seit einer ganzen Weile und komme nicht zur Ruhe. In meinem Kopf reiht sich ein mögliches Selbstverletzungsszenario an das nächste. Mir fehlt es so, so unglaublich sehr. Manchmal wünsche ich mir ein „richtiges“ letztes Mal. Noch einmal verletzen, als Abschluss, so richtig viel und schlimm. Aber es ist totaler Quark. Es ist einfach nichts, bei dem man einen Abschied feiern kann, ein letztes Mal, und schon gar nicht so. Es wäre eher ein Anfang als ein Ende. Und ich weiß auch, dass ich nie ganz ohne Selbstverletzung sein werde, denn sie wird mich immer begleiten, auch wenn es vielleicht irgendwann nur noch die Narben und ein gelegentlicher Gedanke daran sein werden. Ich weiß, dass es jederzeit wieder passieren kann, auch wenn ich es nicht hoffe und nicht möchte. Aber es macht auch so viel Angst zu wissen, dass es vielleicht nie mehr passieren wird. Und, ja, es tut weh. Denn ich lasse damit (mal wieder) etwas los, das so lange Teil von mir war, mehr als mein halbes Leben schneide ich schon. Es tut weh, genauso weh wie etwas anderes loszulassen, das einen so lange begleitet hat. Und ich versuche nicht allzu sehr über das alles nachzudenken, auch wenn es mir in diesen sentimentalen Tagen mit Weihnachten und Silvester vor der Türe um einiges schwerer fällt als es sonst eh schon ist. 

Morgen werde ich erstmal ausschlafen. Und dann irgendwann in den Supermarkt purzeln und ein paar Kleinigkeiten für die nächsten Tage einkaufen. Und ich muss anfangen meine Wohnung besuchs- und silvestertauglich zu machen. Also: aufräumen! 

Weihnachten 

Zitrone rollt Geschenkpapier aus. Schiebt den Kater weg. Legt das Geschenk aufs Papier. Schiebt den Kater weg. Holt Klebestreifen. Schiebt den Kater weg. Schlägt das Papier um das Geschenk. Zieht den Kater aus dem Geschenk. Klebt die nächste Seite zu. Zieht den Kater aus dem Geschenk mitsamt Geschenk, stopft das Geschenk wieder rein. Klebt die letzte Seite zu. Streichelt das schnurrende Geschenk. 

Ungefähr so verläuft mein Morgen. Ich ziehe den Zitronenkater auch noch mehrfach aus meinem Rucksack, dann aus der Ikea-Tasche, dann aus der Schublade mit dem Futter, dann aus dem Kühlschrank. 

Ich schaffe es zur geplanten Uhrzeit aus dem Haus. Blutend an Händen, Ohr, Oberschenkeln, Armen und Bauch. Der Herr Kater wollte nämlich partout nicht in die Transportbox und so lieferten wir uns erst mal einen gewaltigen Kampf. 

Die Fahrt ist entspannt. Es sind nicht allzu viele Leute unterwegs, der Zitronenkater klettert zwischendurch aus der Box, kuschelt sich auf meinen Schoß und beobachtet fasziniert die vielen Menschen und die vorbeiziehende Landschaft. 

Ich verkrümel mich noch eine Weile zu meiner Schwester nach oben, während Mama kocht und vorbereitet. Ihr Freund kommt, das Katerkind erkundet begeistert die Schubladen unterm Bett meiner Schwester, wir hängen rum, plaudern, tauschen Neuigkeiten über ehemalige Klassenkameraden aus (der Freund meiner Schwester hat mir mir zusammen die Ausbildung gemacht), bespaßen den Herrn Kater. 

Nach dem Essen und der Bescherung hängen wir faul auf dem Sofa. Schwesters Freund fährt noch zu seiner Familie, wir beschlagnahmen den Fernseher und spielen Wii. Später schauen wir zusammen mit Mama Filme, spielen mit dem Zitronenkater, begutachten Geschenke näher, trinken Alkohol. Schwesters Freund trudelt wieder ein und um kurz vor 1 beschließe ich, dass so Zeit fürs Bett wird. Ich kuschel mich in die Decke und mein Katerkind folgt mir, rollt sich dicht an mir zusammen und lässt sich kraulen. 

Es war ein entspannter Heilig Abend. Erstaunlich entspannt, bis auf ein kurzes Familiendrama mit meinem Großonkel, der behauptete geklingelt zu haben und nun beleidigt daheim saß und einer traurigen Mama, weil er eben nicht mit uns gemeinsam feierte. Allerdings sehr zur Freude meiner Schwester und auch ich war nicht sonderlich enttäuscht darüber. Immer wenn mehrere Teile meiner Familie zusammen kommen wird es kritisch und er ist auch eine dieser Personen, die immer und immer wieder nach meinem Vater fragt, nach dem Warum des nicht vorhandenen Kontakts, nach den Hintergründen meines Auszugs bei ihm und meinem Weggang aus BaWü, nach den Gründen für meine Narben und nach allen möglichen und unmöglichen Dingen, die man generell nie und erst gar nicht an Weihnachten erzählen will. 

Ein wenig schwer war nur die Traurigkeit über das zweite Weihnachten ohne Tante M., den ersten Weihnachtsfeiertag bei ihr zu verbringen war zwar eine anstrengende, aber doch schöne Tradition. Es fällt schwer dabei zuzusehen wie die Familie kleiner und kleiner wird und nur noch wenige übrig bleiben. Und obwohl wir eine so große Familie haben zerstreut es sich mehr und mehr, alle leben quer über die Welt verteilt, von Frankreich über Italien bis Japan und die USA. 

So geht ein weiterer 24.12. zu Ende. Weniger anstrengend als gedacht doch kräfteraubend genug für mich. Auch wenn ich merke, dass vieles einfacher und leichter ist. Durch die Therapie und auch durch die Medikament. 

Meine lieben Leser, ich hoffe ihr hattet einen schönen Tag. Und ich wünsche euch noch zwei weitere tolle Weihnachtstage. 

Es weihnachtet. (mehr oder minder) 

Gestern war ein absoluter Tag für in die Tonne. 

In der Nacht wache ich kurz vor halb 3 auf und schieße aus dem Bett. Eins der Schweine zwitschert und das ist generell kein gutes Zeichen. Normalerweise machen sie das bei Stress oder Krankheit. Doch beim Blick ins Meerizuhause schauen mich nur 6 Augen an, der Übeltäter ist leise und lässt sich auch nicht ausmachen. Soweit ich es feststellen kann geht es allen gut und ich muss erst mal eine rauchen, um mich von dem Schrecken zu erholen. Und dann bin ich wach. Pendel zwischen Sofa und Bett hin und her, gefolgt vom Zitronenkater. Erst kurz vor 9 finde ich endlich ein wenig Schlaf, um 10 weckt mich meine Blase, auf der der Kater grade rumtrampelt. 

Und dementsprechend fertig bin ich den ganzen Tag und hänge rum. Ich will so viel machen, doch ich schaffe es nicht. Mein Kopf schmerzt, meine Augen tun weh, mein ganzer Körper schreit nach Schlaf. Doch der lässt sich einfach nicht finden. Also quäle ich mich durch den Tag. Schaffe es irgendwann wenigstens mal Nudeln ins heiße Wasser zu kippen und mir  eine Soße zu kochen. Während mein Essen auf dem Herd steht, räume ich ein wenig in meiner Wohnung rum. Sortiere die Post der letzten 3 Monate, trage die 5 kg Heu mal zu den Schweinen, räume die Dinge, die ich beim Heimkommen einfach auf dem Küchentisch gestapelt habe, an ihren Platz. Und dann esse ich erst mal. Das erste mal was anständiges seit über 30 Stunden – genau das fällt mir dabei ein. Ohne Hungergefühl wird das also wohl wirklich zur Herausforderung. Irgendwie muss ich dafür wohl einen Plan entwickeln. Vorher war es ja schon sicher, wenn man nicht mehr in der Lage ist den Hunger zu spüren, dann wird das Ganze doch etwas problematisch. 

Abends beginnt der Selbsthass. Weil ich nicht die Dinge erledigt habe, die ich erledigen wollte. Weil ich mich nach der Nacht mit nicht mal 3 Stunden Schlaf einfach nur miserabel fühle. Weil es mich ankotzt, dass ich das Essen so völlig vergesse. Weil es sich anfühlt, als ob ich den Weg meiner Fortschritte grade rückwärts zurückpurzel. 

Und mitten drin beschließe ich es zu lassen. Ich will aufhören mich selbst zu zerpflücken. Also koche ich mir noch eine Tasse Tee und verziehe mich ins Bett. Es ist zwar noch nicht mal 7, aber das ist mir egal. 

Heute morgen wache ich kurz nach 6 auf. Ich stehe auf, füttere meine Schweinchen und den Zitronenkater, trinke einen Kaffee und trolle mich nochmal für 2 Stunden ins Bett. Beim zweiten Aufstehen fühle ich mich endlich wieder halbwegs in Ordnung. Ich wusel ein wenig in der Wohnung rum, kehre (mal wieder) Heu und Streu zusammen, telefoniere mit Puffpuff und mit meiner Mama, fange an Geschenke einzupacken, kraule das Katerkind. N. kommt kurz vorbei und hüpfe danach unter die Dusche, ziehe mich an und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eigentlich wollte ich absagen, habe ständig hin und her überlegt und dann beschlossen doch zu fahren. Schließlich habe ich meine Schwester schon lange nicht mehr gesehen und noch länger nichts mit ihr alleine unternommen. Und wenn nicht für sie, für wenn soll ich mich dann aus dem Haus bewegen?

Und es war die richtige Entscheidung. Es ist schön mit ihr unterwegs zu sein, mit ihr zu quatschen und zuerst den einen Glühweinstand, dann den Crêpestand und dann den nächsten Glühweinstand zu überfallen, im Supermarkt nach Alkohol für Weihnachten zu stöbern und einfach durch die Straßen zu laufen. Und noch schöner ist es, dass nun sie mal spendiert, ich muss mal nicht die große Schwester sein, denn der Zwerg ist nun tatsächlich schon so groß und verdient ihr eigenes Geld. Es ist merkwürdig, denn seit ich mit ihr unterwegs bin (da war sie ungefähr 8) habe ich immer bezahlt, wenn wir gemeinsam etwas getrunken oder gegessen haben. 14 Jahre später genieße ich es nun, dass wir beide erwachsen sind. Zumindest meistens. 

Am Abend mache ich nicht mehr viel. Zum ersten Mal, seit meiner Entlassung aus der Klinik, schalte ich meinen Fernseher an. Es ist merkwürdig, denn ohne die Medikinet habe ich immer das Geräusch des Fernsehers gebraucht, während ich irgendetwas getan habe. Sonst hat mich jedes Geräusch abgelenkt, jedes Poltern im Treppenhaus, jedes hupende Auto, jedes Quietschen der Meeris. Nun kann ich tatsächlich auch mal ’ne Stunde dasitzen und etwas tun, ohne dass etwas nebenbei laufen muss, ohne dass ich ständig etwas anderes tun muss. 

Morgen ist Heiligabend. Ich bin nicht wirklich in Weihnachtsstimmung. Vielleicht auch, weil die letzten 3 Monate so schnell vergangen sind. Weil ich kurz davor noch mit Salz in den Haaren am Strand lag. Aber ich freue mich. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Vielleicht auch, weil ich zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl habe, dass ich es schaffen kann, dass es gut werden kann. Und das liegt zum großen Teil an dem Gespräch über die Weihnachtsplanung mit Frau K., meiner Psychologin aus der Klinik. Die Tatsache, dass sie mir am Ende sagte, dass ich die Planung und Skills und alles quasi alleine gemacht habe. Das gibt mir viel Mut und Kraft. 

Und nach Weihnachten wird das Jahr unaufhaltsam zuende gehen. Im Forum läuft schon eine meiner liebsten Traditionen, der Jahresrückblick. Mal sehen wann ich meinen schreiben werde. Und in welcher Form, ob öffentlich oder nur für mich, ob hier oder im Forum oder beides. 

Morgen muss ich noch die restlichen Geschenke einpacken, meine und Katerkinds Sachen packen (und natürlich auch das Katerkind), die Schweine für 3 Tage versorgen und dann geht es über die Feiertage zur Familie. 

Helligkeit & Dunkelheit 

Heute war Weihnachten. Zumindest für meine 4 Fellmonster. 

Der Herr Zitronenkater wusste natürlich direkt, dass in dem Paket was für ihn sein muss. Klar, er wohnt ja auch schließlich hier, ich bin nur zum Bespaßen und Füttern angestellt. Dass die Meeris auch noch was kriegen konnte er dann grade noch so dulden. 

Meine Mampfmaschinen sind also vorerst mal versorgt. 5 Kilo Heu, 6 Kilo Meerifutter, 6 Kilo Katertrockenfutter, 8,8 Kilo Katernassfutter, 10 Packungen Leckerlis und weil das ganze ja irgendwo wieder raus muss auch noch 6 Packungen Katerstreu. Die Supermärkte können nun also getrost mal vier Wochen schließen, meine Tiere sind versorgt. 

Den ganzen Kram habe ich erst mal verstaut, da der Zitronenkater sich natürlich direkt mal eine der Leckerlipackungen geklaut hat. Nun ist es zumindest alles sicher vor ihm, Selbstbedienung hat ja mehr oder minder 14 Wochen lang hier geherrscht (wozu habe ich eigentlich eine Kiste, wenn Frau Nachbarin sie offen lässt?). 

Auch sonst war ich relativ fleißig. Ich habe begonnen mein Schlafzimmer aufzuräumen und erstmal alles aus dem Bett geworfen was da nicht hin gehört. Kazerspielzeug, meinen Hammer habe ich endlich wieder entdeckt, einzelne Socken, Klamotten. Der Nachteil an einem großen Bett, man neigt dazu einiges auf der leeren Seite zu stapeln. Nun ist sie nur noch von meinem Berg aus Kuscheltieren blockiert, von einem Haufen Kissen und gelegentlich vom Katerkind. 

Außerdem habe ich viele Unterlagen weggeworfen. Von der Ausbildung und alle möglichen Dinge, die im Regal rumtrollten. 

N. kam zu Besuch, wir waren gemeinsam bei der Bank und einkaufen und bei der Post und bei mir daheim. 

Als es beginnt Dunkel zu werden steigt auch die Dunkelheit in mir. Ich fühle mich matschig, ausgelaugt, erledigt und unwohl. Physisch und psychisch. Vielleicht hängt das mit gestern mir doch noch ein wenig nach. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur erledigt. Ich versuche es zu akzeptieren und nicht mich selbst zu zerpflücken. Auf meine Bedürfnisse zu achten. „Manchmal ist es auch okay ein wenig dysfunktional zu sein. Etwas zu tun mit dem Wissen, dass es einem danach nicht unbedingt besser geht. Solange es nicht schlimmer wird.“ sagte meine Psychologin in der Klinik vor einiger Zeit. Sie bezog sich dabei auf mein Bedürfnis mich einfach nur im Bett zu vergraben. Und genau das werde ich nun tun. Mit Wärmflasche und Wärmetierchen, mit Serie und Kuscheldecke und dem Zitronenkater. 

Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. 

Der neue Weg. 

Vorhin war ich bei meiner Nachbarin. Ich wollte mich bedanken, dass sie sich um meine Tierchen gekümmert hat. Wollte ihr ein wenig erzählen, wie die Therapie war und es mir geht und erfahren, was es bei ihr so Neues gibt. Wir haben lange zusammen gesessen, geredet, Kaffee getrunken. 

Dann kam ihr Mann. Eigentlich mag ich ihn ganz gerne, wobei es manchmal schon schwierige Situationen gab mit ihm. Er ist (manchmal trockener) Alkoholiker, saß eine ganze Weile im Knast wegen häuslicher Gewalt und unbezahlten Alimenten, war im Entzug. Er war schon oft hilfsbereit, es gab aber auch ein paar Situationen, in denen es wie gesagt schon schwierig war. 

Er fragte zuerst relativ nett, wie es mir geht, und dann in einem merkwürdigen Ton nach meinen Tieren. Und dann ging es los. Er sei im Tierschutz und bei Greenpeace, es wäre Tierquälerei was ich mit meinen Tieren mache. Ich stand erst mal etwas verwirrt da. Er machte aber postwendend weiter: in die Klinik gehen und nach mir kucken wäre völlig gestört, wenn es meinen Tieren doch so schlecht geht. Mein Kater würde ständig den Kopf gegen die Glasscheibe hauen. Er sei im Knast gewesen, er wisse schließlich wie es ist eingesperrt zu werden. „Ähm. Moment. Mein Kater schlägt nicht den Kopf gegen die Scheibe, er tut, was alle Katzen gerne tun: aus dem Fenster schauen. Und klar kommt er angerannt und kuckt was los ist, wenn er draußen etwas hört.“ Auf diese Erwiderung meinerseits fing er an laut zu werden. Mein Kater würde nicht raus schauen, er würde bei mir gequält und eingesperrt und haut den Kopf gegen die Scheibe! Da wurde es mir zu blöde. Und auch zu gefährlich, denn ich kann nicht einschätzen wie er reagiert, wusste nicht, ob er was getrunken hatte. Und das Lautwerden, die Aggressivität in der Stimme, das ganze erinnerte mich so an meinen Vater, es triggerte ungemein und ich musste aufpassen, dass ich nicht völlig in die Dissoziation rutsche. Also raus. Weg. In meine Wohnung. Meiner Nachbarin kurz tschüss sagen und weg. 

Auf dem Weg nach unten kamen mir schon die Tränen. In meiner Wohnung schließe ich hinter mir ab und will eigentlich nur noch im Bad auf den Boden sinken und mich verletzen. Ich fühle mich schuldig, weil ich meine Tiere alleine gelassen habe, auch wenn mir rational klar ist, dass Welten mich von Tierquälerei trennen. Gefühlsmäßig ist es anders. Neben den Schuldgefühlen steigt die alte Angst und Hilflosigkeit von früher in mir auf. Ich werde angebrüllt, ich hab also etwas falsch gemacht. Ich bin falsch. Ich muss mich bestrafen. 

„Bewegen statt erstarren.“ertönt mit der Stimme unserer Physiotherapeutin in meinem Kopf. Handeln. Ich muss etwas tun. 

Ich greife zum Telefon. Tippe heulend auf den Namen meiner Mutter im Telefonspeicher und warte, dass am anderen Ende jemand abnimmt. Ich heule. Ich rede. Ich erzähle ihr von der Situation, erzähle ihr von der Angst, die das Ganze ausgelöst hat in mir. Gleichzeitig schreibe ich in unserer Whatsapp-Gruppe meinen ehemaligen Mitpatientinnen. Schreibe, dass ich unglaublichen Druck habe. Es tut gut ihre Nachrichten zu lesen. Zu wissen, dass sie da sind. Mit ihnen gemeinsam zu planen, dass sie her kommen und ihm mal eins auf die Nase geben. Irgendwann muss ich lächeln. 

Einige Stunden später sitze ich nun relativ entspannt auf dem Sofa. Die Angst, die Selbstvorwürfe und der Selbstverletzungsdruck sind verschwunden. Ich habe meine Gefühle zugelassen, habe angemessen gehandelt, habe mir selbst immer wieder gesagt, dass seine Wahrnehmung keine Realität ist. Natürlich waren die letzten 14 Wochen keine optimale Zeit für meine Tierchen. Wobei es die Schweine vermutlich relativ wenig interessiert hat. Sie hatten Futter, Wasser und ein sauberes Zuhause, damit sind sie schon glücklich. Mein Kater war natürlich viel mehr alleine, hatte aber auch genug zu fressen, seinen Trinkbrunnen, saubere Klos, Möglichkeiten sich selbst zu beschäftigen, konnte die Schweine ärgern, und auch immer wieder N. hier zum spielen und kämpfen und schmusen, am Schluss durch krankes Meeri sogar täglich. Es war nicht optimal, aber es ging ihnen gut. Das ist die Realität. Mein Kater hat in der Wohnung alle Möglichkeiten sich auszutoben, die er auch gerne nutzt. Wand hoch und runter, unters Bett, über die Schränke. Klar findet er es noch toller, wenn er auch raus kann und dort rumflitzen. Aber er ist auch so glücklich. Nein Zitrone. Du tust alles für deine Tiere, was dir möglich ist. Deine Tiere sind gesund und glücklich. Und überhaupt, wenn es meinen Tieren nicht gut gehen würde, warum werden meine Schweinchen fast alle um einige Jahre älter als Schweinchen im Durchschnitt werden. Ich bin eine gute Tiermama. Realität. Punkt. 
Und mit Unterstützung meiner tollen Mädels, mit den Worten meiner Mama, mit der kleinen Hexe und ihren Worten und dem Zitronenkater, der mich miauend anschaut, weil ich so verzweifelt schluchze und mir schließlich in meine Nase beißt, weil ich ihn nicht kraule, gelingt es mir aus dem Gefühlschaos raus zu kommen. Ich schaffe es mich nicht zu verletzen. Schaffe es die Gefühle gegen mich umzudrehen in die Richtung, in die sie gehören. Nämlich wütend auf ihn zu sein, weil er ein Arsch und ein richtiger Vollidiot ist. Und dann bin ich stolz. Weil ich es geschafft habe. Weil ich im ersten Moment, in dem der Druck so überwältigend war, niemals gedacht hätte, dass ich einige Stunden später entspannt auf dem Sofa sitzen werde (natürlich mit schnurrendem Zitronenkater auf dem Schoß), ohne Wunden, mit dem Gefühl von Stolz. Bämm! Ich habe es geschafft. Es war unglaublich anstrengend anders zu handeln, es war ein Kampf, aber ich habe den Kampf gewonnen. 

Ich überlege, wie es vor 4 Monaten gewesen wäre. Sicherlich um einiges schwerer. Anders. Vermutlich hätte es mit einer Selbstverletzung geendet. Weil es genau meine Schuldgefühlen getroffen hat, meine Selbstzweifel, meinen Selbsthass. Und weil Wut auf jemand anderen haben nicht erlaubt war. Weil ich selbst nur falsch handeln kann. Weil ich nicht okay sein darf. 

Und während ich schreibe erreicht mich die Nachricht von Berlin. Zuerst bin ich fassungslos. Dann schaue ich, ob meine Freunde und meine Familie dort in Sicherheit sind. Es geht allen zum Glück gut. Und dann werde ich wütend, weil ich Kommentare und Posts lese in den social medias, die das ganze als gefundenes Fressen nutzen. Also klappe ich den Laptop zu, schließe die Apps auf meinem Handy und werde für heute dem Medienkram keinen Platz mehr einräumen. 

Mein Tag lief anders als geplant. Aber auch das ist okay. Denn ich sitze immer noch unverletzt hier, dafür darf dann auch mal die Planung scheitern. Mein Wohnungschaos läuft ja (leider) nicht weg. Also verschiebe ich alles um einen Tag, gebe den Möhrenschweinchen noch eine Portion Heu und Salat, kuschel mich mit meinem Katerkind ins Bett und versuche eine möglichst gute Nacht zu haben. 

Ankommen. 

Mein Wohnzimmer ist tatsächlich (fast) komplett aufgeräumt. Es fehlen noch ein paar Kleinigkeiten, beispielsweise die Ecke Regal neben dem Fernseher und all die Unterlagen aus der Klinikzeit, die sich momentan auf meinem Sofa stapeln und sortiert werden müssen, denn der Rentenversicherungskram ist dort noch dabei, die Unterlagen, die die Reha-Klinik mir gesendet hat und sonstiger Kram, ganz abgesehen vom dbt-Zeug. Aber ich habe alle Regale ausgeräumt, gewischt und wieder eingeräumt, die Regale vorgezogen und sauber gemacht, auch hinter und unter dem Sofa (und dabei 3 Katzenspielzeugmäuse, einen Hundeball und 4 Dekokugeln gefunden), unter dem Meerizuhause und noch meinen Glastisch geschrubbt. Ab morgen werde ich mich wohl dem Schlafzimmer widmen, danach folgen noch Küche und Bad. Mal sehen ob ich es schaffe vor Weihnachten. 

Ansonsten genieße ich die Dinge, die mir 14 Wochen gefehlt haben. Das Katerkind auf meinem Schoß, das Mampfen der Meeris als Hintergrundgeräusch, mein Sofa und Filme/Serie schauen, selber kochen (bzw. gestern und heute was in die Mikro schmeißen weil zu faul), aufzustehen wann ich will (wobei ich mir als Limit 9.30 gesetzt habe, außer Freitag, da habe ich erstmal 12 Stunden geschlafen), ins Bett gehen wann mir danach ist, rauchen wann ich will. 

Und gleichzeitig vermisse ich die Klinik und die Menschen furchtbar. Heute habe ich beim Blick auf die Uhr entsetzt festgestellt, dass ich noch zum Abendkontakt muss bevor mein Besuch kommt… Möp. 

Es fehlt mir einfach aus der Tür zu gehen, an der Tür nebenan zu klopfen und mit F. einfach in den Aufenthaltsraum zu gehen und dort was zu machen, es fehlt mir L. zu necken, weil sie im Bett rum trollt, es fehlt mir mit Puffpuff rauchen zu gehen, es fehlt mir über M. zu lachen, weil sie wieder etwas herrlich verpeiltes gemacht hat, es fehlt mir C. beim ausmalen von Malbüchern zuzusehen, es fehlt mir, dass A. mal vorbei kommt und mit ihr eine zu rauchen. 

Es fehlt mir über die Station zu hüpfen und mich auf Flamenco zu freuen, oder völlig entspannt von einer Massage beim Körper-Einzel zu kommen oder einfach mal ein blödes Gespräch mit jemandem von der Pflege zu halten. 

Es fällt in manchen Momenten unglaublich schwer hier wieder anzukommen nach den 14 Wochen. 

Deswegen habe ich mich umso mehr gefreut heute mit L. und F. zu skypen. Frau S. schaute auf ihrer abendlichen „Ich bin der Nachtdienst“-Runde dann auch mal in L.s Handy, fragte wie es F. und mir geht. C. und Puffpuff und M. hatten dann auch noch das Vergnügen, denn L. hat mit uns dann eine Runde gedreht um alle mal zu sehen. Es war so schön sie zu sehen und quasi fast bei mir zu haben, mit geschlossenen Augen und ein wenig Fantasie hätte man meinen können, dass wir zusammen im Aufenthaltsraum sitzen und uns unterhalten. Wenn ich könnte, dann würde ich mit den ganzen Mädels einfach in eine WG ziehen, sofort. 

Und so geht ein weiterer Tag zuende. Vielleicht wird es ein wenig einfacher, wenn es nicht mehr Tage, sondern Wochen werden. Obwohl es eigentlich nicht ganz so schlimm ist wie befürchtet. Meine Stimmung ist bisher stabil, der Selbstverletzungsdruck pendelt im unteren Bereich vor sich hin, die Suizidgedanken melden sich nur sporadisch und lassen sich auch mit einem „Nö, is nich weil Lebensvertrag.“ schnell wieder abwimmeln. Ich beschäftige mich größtenteils produktiv und sinnvoll, nehme mir Zeit für mich und meine Bedürfnisse, es läuft eigentlich wirklich gut. 

In der nächsten Woche will ich mit Schwesterherz und Mama auf den Weihnachtsmarkt, den ersten Glühwein (oder ein anderes heißes alkoholisches Getränk) des Jahres trinken und den ersten Alkohol seit Kreta. Und vor allem meine Schwester drücken, ich habe sie nun wirklich lange nicht gesehen. Ansonsten steht viel Wohnung auf dem Plan, ich will irgendwann vielleicht noch Fotos ausdrucken von meinen verstorbenen Meeris, damit sie hier im Bilderrahmen endlich einen Platz finden, ich muss die 9 GB an Fotos, die momentan mein Handy belagern, mal auf den PC ziehen und sortieren, in meinem Kopf sind genug Pläne um damit mindestens 4 Wochen zu füllen. 

Außerdem warte ich gespannt auf den Brief von der Rentenversicherung, in dem sie mir hoffentlich mitteilen, dass sie meinem erneuten Widerspruch stattgeben und ich endlich die Reha teilstationär machen kann. Mal sehen, ob das vor Weihnachten noch was wird mit der Entscheidung. 

Morgen kann ich das Haus vermutlich nicht verlassen, ich warte auf ganze vier Pakete. Zwei von zooplus (ich hab mal wieder soviel bestellt, dass es nicht in eins gepasst hat. Der arme Paketbote!), dass von dem einen Unternehmen gebracht wird, eins von emp und eins von Amazon, die vom anderen Unternehmen geliefert werden. Vor allem zooplus will ich nicht von der Filiale nach Hause schleppen, bzw. ich könnte es vermutlich gar nicht tragen. Aber danach sind Katerkind und Schweinenasen wieder für eine Weile mit dem meisten Zeug versorgt. 

Und da der Zitronenkater schon seit einer ganzen Weile im Land der Träume ist vor lauter Müdigkeit werde ich es ihm nun gleichtun und auch in Richtung Traumland ziehen. Natürlich nicht ohne den Herrn mit ins Bettchen zu nehmen, wo er hoffentlich schnell friedlich weiter schlummern wird. 

Auf Anfang. 

Gestern schaffe es tatsächlich gegen halb 7 aus dem Bett am Morgen, hüpfe in meine Klamotten, purzel einmal durchs Bad und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt. 

Die Nacht davor war unruhig. Der Zitronenkater konnte sich vor lauter Begeisterung über meine Anwesenheit in (seinem) Bett gar nicht entscheiden, auf welcher Körperstelle von mir er nun schlafen soll und wanderte dann je nach meiner Schlaflage von den Kniekehlen auf die Hüfte, in meinen Arm, auf meinen Bauch, mal neben mich aufs Kopfkissen und auch mal mitten aufs Gesicht. Das Ganze natürlich begleitet von lautem Schnurren und Milchtritt. Aber böse kann ich ihm nicht sein, ich habe es so genossen wieder bei ihm zu sein, dass mir auch das ständige Aufwachen egal war. 

Der Busfahrer, bei dem ich mir eine Fahrkarte in die Hauptstadt kaufen wollte, war unglaublich schlecht gelaunt und völlig empört, dass ich mit einem Fünfziger bezahlen wollte. Nach viel Geschimpfe hat er dann widerwillig rausgegeben und fiel fast vom Sitz, als ich mit „Dankeschön. Schönen Tag wünsche ich Ihnen.“ und einem Lächeln weiter nach hinten ging. Der arme Kerl konnte sich nun gar nicht über unfreundliche Fahrgäste beschweren und weiter Rummeckern. 

Durch das ziemlich lange Geschimpfe habe ich dann auch meinen Zug verpasst. Hat mich allerdings nicht wirklich aufgeregt, ich hab es als Möglichkeit zum Rauchen genutzt. Von schlechter Laune und Aufregen wäre der Zug schließlich auch nicht zurück gekommen. 

In der Hauptstadt bin ich erst mal zum Psychiater, habe den kurzen Arztbrief abgegeben und wollte ein Rezept für meine alten und neuen Medis. Der Herr Psychiater schnappte mich allerdings und verschwand mit mir kurz im Nebenraum, er wollte wenigstens ein kurzes Update wie es nun ist und erfahren wie es in der Klinik war. 

Danach habe ich mich auf den Weg gemacht meine Fahrkarte wieder abzuholen und dann zu meiner Hausärztin bzw. deren Vertreter. Die Arzthelferinnen haben mich freudig begrüßt, wollten alle wissen wie es mir geht und wie es war. Und mit einem Krankenschein im Gepäck ging es dann noch kurz einkaufen, damit ich erstmal ein paar Sachen daheim habe für die nächsten paar Tage. 

Es ist merkwürdig die alten Wege zu gehen, die alten Strecken zu fahren. Gewohnt und doch ungewohnt. Manches hat sich verändert in den letzten Monaten. Manches ist gleich geblieben. 

Die Baustelle vor der Tür meiner Hausärztin ist verschwunden. Dafür steht im Hauptbahnhof nun eine Bankfiliale. Mein Psychiater hat neue Bilder an den Wänden hängen. Bei meiner Hausärztin riecht es immer noch gleich. Der kleine Kiosk am Bahnhof sieht immer noch so aus wie vor 3 Monaten und sie haben endlich wieder meine Lieblingssorte Energy. 

Alles ist fremd und doch vertraut. Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird wieder voll und ganz hier anzukommen. 

Weihnachten steht vor der Türe und bis auf einige Momente zwischendrin, bin ich noch gar nicht in Weihnachtsstimmung. Es ist unglaublich mild heute in der Hauptstadt gewesen, bei mir zuhause weht ein etwas kühlerer Wind, aber es ist gefühlt immer noch kein Wetter für bald Weihnachten. 

Ich will meine Wohnung ja eh aufräumen und putzen, vielleicht dekoriere ich wenigstens ein klein wenig weihnachtlich. Und vielleicht funktioniert aufräumen und bei einer Sache bleiben mit dem Methylphenidat nun auch besser. 

Heute habe ich erst mal ausgeschlafen. Danach angefangen Ordnung zu schaffen, meine Taschen auszupacken, im Wohnzimmer sauber zu machen. N. war da, ich habe viel mit der kleinen Hexe telefoniert, zwischendurch mal mit Puffpuff und Mama. Und eine Weile einfach nur rumgegammelt, das Katerkind gekrault, im Internet gesurft. 

Vielleicht sollte ich mir einen Plan machen für die nächsten Tage. Chaos durch Planung vorbeugen. Mit genügend Leerraum für mich, mit Zeit um mir Gutes zu tun, einfach ein wenig rumzuhängen und es zu genießen mal rumzuhängen. 

Ich bin gespannt auf die nächsten Tage. Darauf wie es wird und es mir gehen wird. Heute bin ich erstaunlich entspannt und ruhig und es geht mir relativ gut. Ich bin gespannt wie sich die Traurigkeit über den Abschied entwickelt, ob das Vermissen der tollen Menschen sich so hält oder besser oder schlimmer wird, ob der Schmerz über den Abschied sich verändern wird. Ob ich zuhause ankommen und bestehen kann. Ob ich Weihnachten so schaffe wie geplant. Es wird viel Ausprobieren sein in der nächsten Zeit. Viel Auseinandersetzung mit den ganzen unterschiedlichen Gefühlen, die gerade in mir toben. 

Ein Neustart. 

Neuanfang. 

Wir stecken alle in der Scheiße (jeder halt auf seine Weise)

„Das einzige was Sie dort finden können ist sich selbst.“ sagt die Therapeutin nochmal. „Und das kann niemals negativ sein.“ hängt sie an. 

Ich habe meine letzte Therapiestunde für dieses Jahr. Für dieses Jahr. Es fühlt sich merkwürdig an das zu sagen und zu schreiben. Vor allem da noch August ist.Es ist merkwürdig geplante Vorhaben mit einem ’nächstes Jahr‘  zu kommentieren. 

Und so erlebe ich momentan viele ‚letzten Male‘ für dieses Jahr. Das letzte Mal in die Praxis des Psychiaters gehen. Ich sage ihm, dass sich das ganze so merkwürdig anfühlt. Dass ’nächstes Jahr‘ so weit weg scheint. Er grinst und meint „Dann sehen wir uns also nächstes Jahr Frau Zitrone!“. Er wünscht mir alles Gute für die Zeit. Freut sich für mich. 

Auch die Therapeutin wünscht mir eine gute Zeit. Nette Zimmernachbarn. „Sie können mir ja mal schreiben wenn sie möchten“. 

Aufbruch. Weitergehen. Alles fühlt sich momentan danach an. Bald werden zu den ganzen letzten Malen viele erste Male kommen. Die Übernachtung ist gebucht. Die Einweisung liegt hier. Ich habe alles geregelt, was ich vorher noch regeln musste. Aufbruch. Weitergehen. 

Und mit jedem Tag nimmt die Panik zu. Nun sind es nicht mehr Wochen, es sind nur noch Tage. Es rückt näher und näher und ich mag eigentlich nur noch in eine Höhle kriechen und nicht mehr raus kommen. In manchen Momenten möchte ich eine Mail dort hin schicken, sagen, dass ich den Termin nicht wahrnehmen werde. Einfach nur, weil die Angst mich so sehr lähmt, umklammert und gefangen hält. 

Die Therapeutin fragt, welche Erwartungen und Ziele ich habe. Ich sage ihr, dass ich dieses letzte Schlupfloch, diese kleine Hintertür gerne schließen würde. Dieses „wenn alles scheiße ist kann ich mich immer noch umbringen“. Sie fragt mich wieso ich das gerne möchte. Ich erkläre es ihr und am Ende nenne ich eigentlich den wichtigsten Punkt. „Damit würde ich ihm eine Macht einräumen, die er in meinem Leben nicht haben darf. Die er nie hätte haben dürfen und nie wieder haben darf. Diese Macht über mich und auch über meinen Körper, wenn ich mich verletze.“ Denn trotz der vielen Kilometer ist er manchmal doch ständig da und hat dieselbe Macht über mich wie damals. Und ich habe verstanden, dass die ganzen Kilometer daran nichts ändern werden, auch wenn ich am liebsten mehrere Kontinente zwischen uns wissen würde. 

Es sind so viele kleine und große Dinge, die ich erreichen möchte. Weitergehen. Ich weiß, dass ich mit mehr Kompetenz und Stärke zurückkehren werde. Was ich sonst noch mitnehme, dass wird die Zeit zeigen. 

Nur noch Tage. Aufbruch. Weitergehen. 

Ich werde versuchen die Tage hier mit viel positivem zu füllen. Mit viel Katerkind und Meeris und Freunden und Momenten, die mir gut tun. Die mich von der Angst ablenken. 

Gestern zogen zwei kleine Meerchen bei mir ein. 

Ein kleines Rosettenmeeri und ein Schopfschweinchen. Einen wirklichen Namen haben sie noch nicht, auch wenn ich bei dem einen zu ‚Caramell‘ tendiere (wegen der Farbe), bei dem anderen zu ‚Karo‘ oder such ‚Caro‘, weil es auf dem Rücken aussieht wie ein Karomuster, an der Stelle an der die Farben sich abwechseln. Sie sind noch ein wenig ängstlich (kein Wunder, gestern zogen sie erst vom Besitzer in den Laden und dann zu mir), außerdem sitzt da ein großes Monster im Meerizuhause und versucht vor lauter Begeisterung mit allen Meeris gleichzeitig zu spielen. Das Katerkind findet das neue Leben in der Bude äußerst interessant, die Nacht hat er bei den Schweinen verbracht und versucht immer wieder mit ihnen Fangen zu spielen. Vermutlich wird er bald merken, dass auch die neuen Meeris nicht dafür zu begeistern sind. 

Mein alter Herr ist ganz happy vor lauter Glück, heute morgen lag er zwischen den zwei Kleinen und schlief selig. Gestern habe ich noch mit K. darüber gesprochen, dass er wohl alles überlebt. Bisher sind es zwei seiner Partnerinnen und zwei der Kinder, er ist wirklich auf dem besten Weg ein uralter Senior zu werden. 

Morgen wird meine Schwester kommen und wir werden uns voneinander verabschieden. Ich weiß nicht, ob ich die bis Weihnachten nochmal zu sehen kriege, wenn sie nicht auf der Arbeit ist hat sie ständig etwas vor, ist mit ihrem Freund oder Freunden unterwegs, fährt zu ihrem Vater oder treibt sich sonst wo rum. Es ist manchmal immer noch schwer für mich zu sehen, wie schnell sie doch groß und erwachsen wurde. Vor allem da mein Vater mir die Chance geraubt hat mehr an ihrem Leben teilzuhaben. Wirklich konstant da bin ich für sie erst seit 8 Jahren. Und da war sie schon mitten in der Pubertät und auf dem Weg zum erwachsen werden. 

Noch 4 Nächte werde ich in meinem eigenen Bett verbringen. 4 Mal werde ich unter meine Decken krabbeln und aufstehen. Die Zeit vergeht viel zu schnell… 

Was deine Schmerzen schlimmer macht,
Das hast du dir selbst beigebracht.
Es gibt kein Maß für jemand sein,
Doch für Verständnis und für Zeit.
Und für den Rest Gerechtigkeit.