*t* Vom Kinderspiel zum Albtraum

Mädchen fangen. Ich weiß nicht, ob es ein typisches Spiel einer Kindheit der 90er war, ob Kinder es heute noch spielen oder ob es vielleicht nur örtlich begrenzt gespielt wurde. Jedenfalls erinnere ich mich noch gut daran, es wurde auf dem Pausenhof gespielt, bei der Stadtranderholung (warum die so hieß, wo ich doch auf dem Land groß wurde, ohne etwas drumrum dass den Namen Stadt verdient hat, frage ich mich auch gerade…), bei allen möglichen Anlässen mit einem Haufen gelangweilter Kinder.

Die Jungs fangen die Mädchen. Und „sperren“ sie bevorzugt irgendwo ein, ein abgetrennter oder vorher definierter Bereich, aus dem man erst wieder raus darf wenn ein anderes Mädchen einen abklatscht.

In einem Sommer meiner Kindheit wurde aus dem Kinderspiel für mich ein Albtraum. Denn da war D., der Sohn meiner Tagesmutter, der mich fing und zum abgesperrten Bereich brachte und mich dabei anfasste. An Stellen, an denen ich nicht angefasst werden wollte.

Bei der Stadtranderholung war das Gefängnis ein riesiges schwarzes Zelt, dass dort hinterm Haus auf der Wiese stand. Darin dunkel und perfekt, um einen in eine Ecke zu ziehen, festzuhalten, anzufassen. Schreien war sinnlos, schließlich quietschen und brüllten überall Mädels, die von Jungs geschnappt wurden.

Für mich war schlimm, dass man sich dem Ganzen nicht entziehen konnte. Ein „Ich will nicht mitspielen“ war eine Ausrede, weil man nicht gefangen werden wollte. Wehren und weglaufen und schreien ein Teil des Spiels und somit ein Zeichen, dass man mitspielt. Und Stillhalten und nichts tun gleichzeitig auch wieder ein Zeichen, dass man nichts dagegen hatte. Es war also furchtbar egal was ich tat, alles war eine Zustimmung.

So wie es damals begann ging es weiter. Mich wehren war für ihn ein Zeichen, dass ich Spaß an seinem kranken Spiel hatte. Dass ich wollte, dass er mich festhält, festbindet. Schreien natürlich auch. Ein Zeichen wie toll ich es finde, später ein Grund mir irgendwas in den Mund zu stecken. Und wenn ich nichts tat, dann war es natürlich das stillschweigende Einverständnis, dass es okay ist was er macht.

Was mit einem Kinderspiel begann (und für mich in meinem Kopf lange unter „war doch nicht so schlimm“ abgespeichert war) wurde irgendwann zu kranken Sexspielchen. Bis heute fällt es mir unglaublich schwer die Gedanken daran überhaupt zuzulassen, weil ich mich so sehr schäme für die Dinge, die passiert sind. Weil ich das Gefühl habe, dass ich es eben „erlaubt“ habe. Weil er immer gesagt hat, dass ich durch mein Handeln (egal welches) zeige, dass ich es auch will. Und weil ich in meiner Kindheit und Jugend gelernt habe, dass „solche Dinge“ pervers sind. Dass man sie irgendwo in einer dunklen Kammer macht, wenn man irre ist.

Über D. spreche ich deshalb nicht gerne. Und auch nicht, weil er nur wenige Jahre älter war als ich, selbst noch eigentlich ein Kind, ein Teenager, und ich mich frage, wieviel er damals überhaupt davon verstand, was er mit mir tat. Und auch, weil ich ihn gerne mochte. Weil da zwar nicht unbedingt sowas wie Verliebtheit war, aber Zuneigung. Er war älter, damit gleichzeitig cooler, er mochte mich, er nahm mich mit zum heimlichen Rauchen unter der Brücke, er war mit den (für mich damals) coolen Leuten befreundet, die alle älter und mehrfach sitzen geblieben waren, die taten was sie wollten ohne sich drum zu kümmern was ihre Eltern sagten. So wollte ich auch sein. Frei. Einfach frei.

D. war der mittlere Sohn einer dominanten Mutter und eines „unterdrückten“ Vaters. Seine Mutter hatte zuhause die Hosen an, verprügelte gerne mal ihre Söhne, wenn diese etwas ausgefressen hatten. Ihr Mann hatte wenig zu melden. Im elterlichen Schlafzimmer lief das ganze allerdings wohl andersrum. Und so fand D. Irgendwann nach jenem Sommer Heftchen mit Bildern und später auch Videokassetten und diverses Spielzeug im Schlafzimmer seiner Eltern. Fesseln. Knebel. Peitschen. Kerzen. So viele Sachen, die manchen gut sortierten Sexshop hätten neidisch werden lassen. Und natürlich wollte er das ausprobieren.

Ich könnte jetzt lang und breit spekulieren warum er das tat. Sein Vorbild, der Vater, hatte scheinbar nur dabei was zu melden. Sein großer Bruder war auf dem Gymnasium und wurde gelobt, der jüngere war das Nesthäkchen. Für ihn blieb kaum Liebe und noch mehr Gewalt als für die anderen beiden. Doch all das rechtfertigt die Dinge nicht, die er mit mir tat.

Bis heute wird mir übel, wenn ich diese blauen Nylonseile sehe, mit denen dort damals die Heuballen festgebunden wurden. Bis heute wache ich manchmal auf und kriege keine Luft, weil ich gerade geträumt habe, dass mir jemand ein Kissen aufs Gesicht drückt. Bis heute verzweifle ich, wenn es in einer Situation kein klares ja oder nein gibt.

Und auch heute noch triggert es mich, wenn am Bahnhof ein paar Jungs unbeschwert hinter Mädchen her rennen und sie einfangen, so wie vor ein paar Stunden.

10 Jahre

Wie viele Jahre brauchen manche Verletzungen eigentlich, bis sie heilen? Heilen sie jemals? Wird es irgendwann okay sein? Fragen, die ich mir stelle, während ich schlaflos im Bett liege.

Über 10 Jahre sind vergangen, seit ich meinen Vater gesehen habe. Wenn ich mir vor Augen führe, wie lange 10 Jahre sind, dann kommt es mir unglaublich ewig vor. Dann fühlt es sich so weit weg an. Doch eigentlich kommt es mir überhaupt nicht so lange vor. Eigentlich ist es furchtbar schwer zu glauben, dass wirklich so viel Zeit vergangen sein soll.

Ich bin mehr oder weniger die meiste Zeit über „symptomfrei“. Ich verletze mich nicht, ich bin nicht akut suizidal, ich habe selten Flashback und auch momentan selten Panik. Und doch fühle ich mich in manchen Momenten unglaublich kaputt. In den Momenten, in denen ich mich mittlerweile zum Beispiel beherrschen kann. Ich denen ich weiß, dass ich in Sicherheit ist und die Vergangenheit vorbei. In den Augenblicken, in denen ich mir gern eine Klinge in den Arm stecken möchte, aber so viel Raum zwischen dem Wunsch und der Tat liegt. Ich weiß, dass ich weiter bin. Gesünder. Nicht mehr ganz so kaputt. Doch wo fängt das „Gesund-Sein“ denn an? Ist es das? Die Kontrolle nicht mehr ständig verlieren, in der Realität bleiben können, meinen Impulsen nicht nachgeben? Wird es immer so bleiben? Oder wird es besser werden, einfacher, werden die Momente in denen ich mir die Selbstverletzung herbeisehne weniger werden oder fast ganz verschwinden? Wird es besser, wenn nochmal 10 Jahre vergehen? Und bin ich gesund, wenn 20 oder 30 Jahre vergangen sein werden?

Bald hat er wieder Geburtstag. Der Tag wird kommen und gehen und vielleicht merke ich es nicht einmal. Vielleicht fällt es mir ein paar Tage später beim Blick aufs Datum auf. Doch egal wieviel Zeit vergangen ist, in mir taucht wieder der Wunsch auf mich zu melden. Und damit auch die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass mein Kopf doch nur wirres Zeug produziert und meine Gefühle seltsamen Kram machen. Dass alles vielleicht doch nicht so schlimm war. Ich versuche mich in die Gedanken zu flüchten, die mir jahrelang das Überleben ermöglicht haben. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagte meine Therapeutin immer. Ich versuche die Schuld bei mir zu finden. Versuche sein Verhalten und seine Taten mit meinen Fehlern zu erklären. Vielleicht bin ich doch einfach nur verrückt und schlecht und undankbar.

Doch in mir sitzt der Teil, der dabei den Kopf schüttelt. Ich weiß, dass ich nur versuche zu überleben, indem ich diese Dinge denke. Ich weiß, dass ich nur so überlebt habe. Eigentlich wusste ich es schon immer, doch ich habe es so tief vergraben, dass Jahre vergehen mussten, bis ich es schaffe all die Erinnerungen zuzulassen.

Und ich weiß, dass es okay ist. Dass es okay ist mich nicht zu melden, diese Schutzmauer um mich zu ziehen, ihn nicht in meinem Leben haben zu wollen. Und trotzdem tut es weh, weil ich mir einen Vater wünsche, der da ist. Der stolz auf mich ist, der mir zur Seite steht und mich unterstützt, der die Dinge tut, die ein Vater tun sollte.

Ich weiß nicht, ob es jemals aufhören wird wehzutun. Ob ich mich jemals nicht auch gleichzeitig furchtbar fühlen werde, weil ich meine Grenzen schütze. 10 Jahre sind dafür scheinbar nicht genug Zeit.

Worte zerstören mehr als Taten

In den letzten Wochen kommt es immer häufiger vor, dass plötzlich seine Worte in meinen Kopf hallen. Wenn ich durch die Stadt gehe, wenn ich im Zug unterwegs bin, wenn ich in einer Vorlesung sitze.

Ohne konkreten Trigger, sie sind einfach plötzlich da. Sie dröhnen in meinem Kopf, so unglaublich laut, wiederholen sich immer und immer wieder. Worte, die tief in mir verwurzelt sind, die durch die Jahre zu einer Gewissheit wurden, zu Wahrheit, zu Realität. Aber auch Worte, die ich aus meinen Erinnerungen verbannt habe, an Stellen, aus denen sie plötzlich hervor schießen und sich nicht mehr vergraben lassen.

Du bist nichts wert.

Aus dir wird nie etwas werden.

Du wirst nur Bäckereifachverkäuferin oder Putzfrau bei McDonalds.

Du bist eine Schlampe.

Du bist genauso gestört wie deine Mutter.

Du hast niemanden außer mir. Niemand will dich.

Wenn du weg gehst bist du ganz allein. Du hast niemanden.

Du bist Schuld, dass ich dich geschlagen habe.

XY ist so ein liebes und hübsches Mädchen. Die Eltern haben bestimmt keinen Ärger mit ihr. Nimm dir ein Beispiel.

In deinem Alter hat man keine Probleme. Ich habe wirkliche Probleme, deine sind lächerlich.

Du bist ganz schön fett.

Worte, die ich so oft gehört habe. Neben den Situationen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden.

Sommer, durch die offene Terrassentür kommen Fliegen in die Wohnung. Ich verscheuche welche. Fliegen fliegen eben immer zu Scheiße. sagt er.

Die erste Englischarbeit in der fünften Klasse. Wie er da sitzt und mich abwechselnd auslacht und beschimpft. Wie dumm kann man sein das Wort falsch zu schreiben.

Wie er reagiert, als er erfährt, dass meine Mutter wieder schwanger ist. Deine Mutter hat ein neues Kind. Sie braucht dich nicht mehr.

Als ich ein Bild für einen Malwettbewerb malen soll in der Grundschule. Dir muss doch klar sein, dass man die Striche nicht in eine Richtung macht, da sieht man ja die einzelnen Striche. Das sieht scheiße aus! Du bist zu nichts zu gebrauchen.

So viele Momente, in denen er mich mehr verletzt hat, als die körperliche Gewalt es jemals konnte. Worte, die über 14 Jahre mein Selbstbewusstsein zerfressen haben, die auch heute noch mein Bild von mir selbst bestimmen.

Albtraum

Die Dämonen der Vergangenheit haben sich wieder mal in meine Träume geschlichen. Ich wache schreiend auf, mit Herzrasen, Panik, Zittern. Breche im gleichen Moment in Tränen aus und heule und schluchze unkontrolliert, während der Zitronenkater mir vor Schreck über meinen Schrei in den Arm beißt und dann verwirrt und mit großen Augen vor mir sitzt, mich anbrüllt, weil er nicht versteht was plötzlich los ist.

Wenig später krabbelt er auf meinen Schoß, miaut erbärmlich, will gekrault werden und holt mich mit seinem Schnurren ein wenig in die Realität zurück, die mir gerade so sehr entgleitet.

In meinem Traum vermischen sich Realität und Vergangenheit. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, sondern so alt wie jetzt. Dennoch finde ich mich in meinem alten Kinderzimmer wieder, verändert aber doch so vertraut. Mein Vater flippt aus, zerstört in seiner Raserei Dinge, bis ich fliehe, raus aus der Wohnung, wie vor so vielen Jahren. Der Schlüssel zur Wohnung ist seltsamerweise der zur Wohnung meiner Mutter, am Schlüsselband und mit dem Anhänger, den mein Schlüssel von ihr in der Gegenwart hat.

Ich rufe die Polizei um mich zu schützen. Anders als in den ganzen Jahren, in denen ich keine Möglichkeit hatte mich zu schützen. Während ich warte sehe ich gleichzeitig, wie er mein Zimmer durchwühlt, Briefe liest, meinen Laptop öffnet (der auch nur in der Gegenwart existiert) und Mails liest. Ich fühle mich hilflos ausgeliefert und will nicht, dass er sich bis in mein Innerstes vorarbeitet, Dinge liest, die so intim sind, die nichts zu suchen haben im Kontext mit ihm.

Als ich hochschrecke bleibt das Gefühl der Angst vor ihm, die Angst vor seinen Ausbrüchen und das Gefühl völlig schutzlos zu sein, weil er so tief in meine Privatsphäre eingedrungen ist. Ich bin gefangen in den Bildern der Vergangenheit, in der alten Angst. Es fällt mir unglaublich schwer in der Realität zu bleiben, während Träne um Träne fließt.

Dunkel

Es ist schwer. Atmen. Aufstehen. Einkaufen. Essen. Alles. Das Leben an sich.

Ich kriege nichts hin. Außer den nötigsten Dingen. Mich in den Supermarkt schleppen, damit meine Tiere etwas zu essen haben. Einmal am Tag wenigstens halbwegs irgendwas essen. Alles andere bleibt liegen. Die Wohnung, die zu regelnden Dinge, ich. Ich mag mich selbst nicht, weil ich es schon den zweiten Tag nicht schaffe zu duschen, aber es geht einfach nicht. Allein die Vorstellung ins Bad zu gehen, auszuziehen, unter die Dusche stellen… All das scheint so unüberwindbar anstrengend. Ich würde mir gern was gutes tun. Mit einem tollen Shampoo duschen, mir die Nägel lackieren… Doch die Kraft fehlt. Alles ist anstrengend, so sehr, als würde ich mich nicht durch Luft, sondern durch eine zähe klebrige Masse bewegen.

Ich weiß, dass gerade das Drumrum wichtig ist um nicht völlig zu versinken. Raus gehen, Essen, mich um mich kümmern, mir gutes tun… Doch nur daran zu denken ist schon unglaublich anstrengend und kräftezehrend.

Es wird Mittag und Abend und Nacht. Ich kriege viel zu wenig hin, würde so gerne viel mehr leisten. Stattdessen schreibe ich ein wenig an meinem Exposé (zu wenig…), bis mich der Medikinet-Rebound zu sehr umtreibt und ich mich nicht mehr konzentrieren kann.

Es wird Mitternacht und es wird 4 Uhr. Vogelzwitschern ist zu hören und hin und wieder ein Auto, die Welt um mich herum erwacht, während ich noch keine einzige Minute geschlafen habe. Der Zitronenkater schaut mich aus verschlafenen Augen an, streckt sich und rollt sich auf meinem Schoß wieder zusammen. Sein Gewicht ist beruhigend, genau wie sein Schnurren. Seine Wärme schafft es zu den verletzen Winkeln meiner Selbst vorzudringen, die gerade so sehr bröckeln und auseinander fallen.

Der Schmerz wird von Tag zu Tag größer. Die kleine Zitrone in mir brüllt mit jedem Tag lauter, schreit mir ihren Schmerz in die Ohren und zerbricht mit jedem Moment ein wenig mehr. Und ich schaffe es nicht diesem Schmerz etwas entgegen zu setzen, schaffe es nicht mich selbst aufzufangen. Seit diesem Abend am Bahnhof wird es schlimmer und schlimmer und ich brauche so dringend einen Ort, an dem ich das alles lassen kann… Und habe doch gleichzeitig eine solche Angst davor. Angst, dass alle Dämme brechen, wenn ich auch nur ein Wort davon ausspreche, wie es derzeit in mir aussieht. Ich habe Angst, dass es sich dann nicht mehr aufhalten lässt, dass Welle um Welle von Schmerz mich umspülen, gefolgt von Angst, von Wut, von Trauer, von dieser unglaublichen Verzweiflung, die in mir wütet.

Und obwohl ich die Gefühle meiner Kindheit und Jugend so weit von mir weg geschoben habe, dass mir meistens komplett der Zugang dazu fehlt, so weiß ich gerade doch genau, dass es sich anfühlt wie damals. Nach Außen stark, im Inneren so furchtbar kaputt und zerstört, ohne Halt und Sicherheit, völlig ausgeliefert. Die Gefühle gerade sind genau die Gefühle von damals. Damals habe ich mich in die Sicherheit der Selbstverletzung und den Halt der Suizidgedanken geflüchtet. Heute fehlt das Schneiden. Was bleibt ist die Sicherheit, dass ich es beenden kann wenn ich will. Könnte, wenn ich wollte. Und so sehr es auch Sicherheit gibt, so sehr macht es mir auch Angst, denn ich habe das Gefühl, dass mit jedem Tag ein kleines Stückchen weniger zwischen „ich könnte“ und „ich werde“ liegt.

And I’m too young for this

Es ist anstrengend momentan. Es schwankt von gut zu okay zu furchtbar zu okay zu gut. Ständig. Ich weiß nicht, seit wann genau ich eigentlich chronisch suizidal bin, aber es sind definitiv schon über 10 Jahre… Doch so häufig wie momentan hat es mich schon lange nicht mehr umgeworfen. Vielleicht, weil das Ende des Lebensvertrags vor der Tür steht, weil ich mich mit der Verlängerung auseinander setzen muss. Der Termin mit Schwester Nathalie steht, bis dahin wird der neue Lebensvertrag fertig sein. Ich überlege noch, wen ich sonst als Zeuge unterschreiben lasse. Meine Therapeutin fällt weg, denn sie ist nun nicht mehr meine Therapeutin. Und das stimmt mich traurig, denn gerade fehlt es mir so sehr einen Platz für das Chaos in meinem Kopf zu haben. Einen Platz für die Angst und die Dämonen der Vergangenheit, für die Erinnerungen und die Flashbacks und diese verdammten Suizidgedanken.

Es kann so schnell kippen momentan. Vor allem, weil die Panik mich immer wieder so plötzlich anspringt. Zum Beispiel am Donnerstag in der Achtsamkeit, wo der Butterpfirsichkeks mich danach zum Glück nach draußen und im Anschluss auf die Station begleitet hat, bevor wir zusammen in die Stadt gezogen sind und die Panik irgendwann endlich nachließ.

Die Panik macht es so schwer momentan, weil die Angst vor der Angst mich blockiert. Ich traue mich so viel weniger hinaus, weniger in die Hauptstadt, weniger unter Menschen, weil ich Angst habe, dass ich Angst kriege. Es funktioniert mit Menschen, die davon wissen. Dann kann ich ein wenig los lassen, weil ich weiß, dass ich im Notfall nix erklären muss.

Am Freitag hätte ich eigentlich einen Termin bei meinem Psychiater gehabt. Endlich. Ihm endlich erzählen von dem was passiert ist, von der wiedergekehrten Panik, von der Angst vor der Angst, den Schlafproblemen derzeit und der Suizidalität… Vorhin hat er abgesagt. Die Praxis ist zu, das komplette Team krank. Meine Welt stürzt mal wieder zusammen, weil ich mich so sehr an diesem Termin festgehalten habe. Weil ein neuer Termin vermutlich auch wieder erst in mehreren Wochen sein wird… Weil es noch mehr Wochen und noch mehr Wochen werden, bevor ich mit diesem Chaos endlich irgendwo hin kann.

Das alles lähmt mich derzeit so sehr, dass ich kaum die Dinge geregelt kriege, die ich tun will.

Aufräumen zum Beispiel. Seit gestern ist meine Wohnung endlich wieder meine Wohnung. Mein ehemaliger Untermieter hat seinen Scheiß endlich abgeholt und ich staune jedes Mal, wenn ich in die Küche gehe, wie groß sie plötzlich wieder ist, wie viel Boden ich habe. Es fühlt sich unglaublich gut an wieder mein Reich zu haben, ganz für mich alleine.

Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht, weil ich gerne mehr tun würde. Mir mein Reich endlich wieder aneignen, aufräumen, Ordnung schaffen, meine sicheren vier Wände zurückerobern. Oder mein Exposé schreiben. Oder mehr Freunde treffen. Oder oder oder. Die Ansprüche an mich selbst kollidieren wieder völlig mit den Dingen, die ich gerade zu leisten vermag.

Ich finde mich selbst unglaublich anstrengend. Weil es so sehr schwankt, weil ich aktuell viel rumjammer, weil ich mich selbst als Belastung empfinde. Weil ich übervorsichtig bin, was ich anderen Menschen anvertraue, aus Angst, dass ich zuviel bin. Weil Ablehnung gerade nicht zu ertragen wäre. Weil die kleine Zitrone in mir gerade so unglaublich verletzt ist, so unglaublich ängstlich und traurig und alleine. Weil ich mir so sehr wünsche, dass mir jemand sagt, dass ich okay bin so, dass ich okay sein darf, dass es okay ist zu leben und Gefühle zu haben und dass ich reden darf, schreiben darf, dass es okay ist nicht mehr zu schweigen.

Weil gerade alles so sehr wankt. Weil es meine Grundfesten erschüttert, mir das Fundament wegbröckelt, weil der alte Schmerz alles unterspült.

Die alten Stürme werfen mich hin und her, wie ein kleines Boot auf hoher See. Ohne Halt, ohne sicheren Hafen.

~ Look, five deep cuts on my arm
Where you touched, hands are razorblades
Five bleeding wounds, always fresh
Bleed out life ‚til it’s gone

And I’m too young for this
Slowly I am faiting as my innocence
Leaves me and I’m aching
As I start to die, a painful death
A slow decay, because you raped my soul today ~

– my glorious

Why would you do that?

That’s every suicide. Every single one. An act of terror perpetrated against everyone who’s ever known you. Everyone who’s ever loved you. The people closest to you, the ones who cherish you are the ones who suffer the most pain, the most damage. Why would you do that? Why would you do that to people who love you?

– The Blacklist

Suizidalität ist ein großes Thema momentan. In mir ist unglaublich viel Schmerz und Traurigkeit.

Manchmal frage ich mich, wo diese Traurigkeit und der Schmerz in den ganzen letzten Jahren waren. Klar, immer mal wieder da und auch intensiv da, doch aktuell trifft es mich immer wieder mit einer solchen Wucht, dass kein Raum mehr für etwas anderes bleibt.

Ich möchte schneiden, weil ich diese Gefühlswucht nicht aushalte. Weil ich es gut dosiert in kleinen Häppchen zwar schaffe, aber nicht in dieser Intensität, nicht, wenn es mich mit solcher Wucht trifft. Es erinnert mich an die Abende in meinem Kinderzimmer, an die feinen roten Linien auf meinem Arm, an die Tränen, die sich in mir aufstauen und niemals alle geweint werden können.

Die Selbstverletzung fehlt. Sie fehlt mir so unglaublich und gerade in den Momenten, in denen ich mit der Panik kämpfe, mag ich sie nur aus mir raus schneiden. Alles andere wird so klein, wenn meine Welt auf mein hämmerndes Herz in meiner Brust zusammen schrumpft, wenn da nichts mehr ist als die Angst, der rasende Puls, die Kälte und das Zittern. Dann ist es plötzlich so egal, dass es bald zwei Jahre ohne Schneiden sind, dann ist egal, dass ich es eigentlich nicht mehr will, dann ist egal, dass es letztendlich nur eine kurze Erlösung bringt. Dann will ich einfach nur, dass es aufhört, und der Preis ist dabei egal.

Und dann kommen noch die anderen Dinge dazu. Mein Untermieter, der seit 10 Stunden eigentlich nicht mehr mein Untermieter ist. Der sich aber nicht dazu herablässt, seinen Kram hier abzuholen, der gestapelt in der Küche steht. Der mir also auch meinen Schlüssel noch nicht wieder gebracht hat. Zwischen dessen Sachen ich beim rausräumen noch mehr leere Blister Medikinet entdecke, eins mit dem Aufkleber aus der Klinikzeit. In der Klinik war ich zuletzt letzten Sommer, also muss er sich schon damals an meinen Medikamenten bedient haben. Wut, unglaubliche Wut und Enttäuschung und das Gefühl hintergangen worden zu sein. Gefühle, die sich potenzieren, aufschaukeln und schließlich in Selbsthass umschlagen, weil man doch nicht wütend sein darf, keine Gefühle haben, nicht existieren, nicht aufmucken. Glaubenssätze. Heimatfilm.

Schwester Nathalie rettet mir vorgestern mal wieder den Hintern, als ich nur noch eskalieren möchte, als alles in mir schreit und ich vor Anspannung nicht mehr denken kann. Ich bin unglaublich froh, dass sie Dienst hat und ich sie am Telefon habe. Sie sagt mir, dass es das richtige Gefühl ist. Dass ich wütend sein darf. Und enttäuscht und verletzt. Aber vor allem auch wütend. Dass es da hin gehört, absolut passt, absolut angemessen ist. Während dem Reden kommen die Tränen und die Anspannung weicht, wird erträglicher, aushaltbarer. Ich kotze mich aus, lasse meine Wut raus, meine Tränen, das ganze Chaos. „708 Tage Frau Zitrone!“ sagt sie immer wieder und ich muss lächeln.

Wir reden noch kurz übers Studium. Darüber, dass ich mir gerade mein Leben aufbaue, in dem solche Menschen einfach keinen Platz mehr haben. Und wir verabreden uns für Ende März, wenn sie aus dem Urlaub zurück ist, denn dann kann ich ihr den Lebensvertrag vorbei bringen und stolz sagen, dass es tatsächlich 2 Jahre ohne Selbstverletzung sind.

Viel Chaos momentan. Doch immer und immer wieder und weiter kämpfen und es schaffen. Mit jedem Moment, der eigentlich unaushaltbar schien, ein Stück mehr wachsen.

Trigger

Dinge, die man nicht braucht, auch nicht, wenn es grade okay ist, weil die letzte Klausur geschrieben ist: Freundin der Mutter. Und zwar eben jene, deren Mann mit meinem Vater befreundet war, eben jene, die vor einer Weile auf meine Erzählung, warum ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater habe mit einem „Also war es doch so.“ reagiert hat. Nein, ich kann es nicht brauchen. Es ist okay, wenn ich drüber rede mittlerweile, ja, meistens zumindest. Aber dann tu ich das, weil es für mich okay ist und ich es kann und will. Und ich möchte das weder mit meiner Mutter ausdiskutieren, noch mit der Freundin meiner Mutter. Denn ich habe immer noch zu verdauen, dass es wohl so offensichtlich war, dass da ein Missbrauch stattfindet und einfach nicht gehandelt wurde. Und bitte auch nicht gerade jetzt, wenn es gerade eh so wackelig ist. Und ich will auch nicht hören, dass ich die Augen meines Vaters habe, dass ich ihm ähnlich sehe, dass dies und das und jenes. Grenzen setzen ist in dieser Familie wirklich ein Ding der Unmöglichkeit. Da wird einfach fröhlich drüber hinweg getrampelt. Und das triggert. Ungemein. Vielleicht noch mehr als das Thema an sich. Meine Grenze, mein persönlicher Schutzbereich, bis hierhin und nicht weiter. Es fällt schwer genug das zu äußern, mir das Recht raus zu nehmen eigene Bedürfnisse zu haben, ich kämpfe schon unglaublich mit dem, was dabei in meinem Kopf passiert. Nein, ich will mit meiner Mutter nicht darüber reden. Generell nicht, gerade schon mal gar nicht, und in der Konstellation gleich dreimal nicht. Nicht, weil ich es nicht mit ihr thematisieren will. Sondern weil ich es nicht kann und weil sie es nicht kann. Weil sie Dinge fragt, sie ich überhaupt keinem Menschen gegenüber in Worte fassen kann, weil sie bohrt und fragt, dann anfängt von der Ehe zu erzählen (haaaallllooooo, ging es hier nicht um mich?) und letztendlich dann sämtliche Verdrängungsmechanismen auffährt, von „aber ist doch vorbei“ bis zu „so schlimm kann es nicht gewesen sein“. Doch, verdammt noch mal, das war es. Es war so schlimm, dass ich mit 11 anfing mich zu verletzen, mit 13 zum ersten Mal sterben wollte, mir gewünscht habe einfach nie wieder aufzuwachen. Es. War. Schlimm. Was bitte kann man an 14 Jahren psychischer und physischer Gewalt und an sexuellem Missbrauch denn „nicht so schlimm“ finden?

Ich weiß, dass sie damit nur sich selbst schützt. Doch das macht es in keiner Art und Weise besser für mich. Es verletzt, es tut weh, es triggert.

Wieder einer dieser Momente, in denen ich mir eine normale Familie wünsche.

Es passt nicht. Es passt einfach hinten und vorne nicht. Ich sitze hier, innerlich so furchtbar kaputt und zerstört, doch meine Arme sind heil. Ich ertrage es kaum, denn ich kann diese beiden Dinge nicht miteinander in Einklang bringen. Ich kann es kaum aushalten, dass das Innere und das Äußere nicht zusammen passen.

Der Schmerz, der gerade in mir steckt, passt da überhaupt nicht rein. Da ist so viel Schmerz auf so wenig Raum. Und er ist nicht greifbar. Nicht sichtbar. Wunden sind das. Ich kann sie sehen und irgendwann auch spüren, ich kann sehen, dass da etwas kaputt ist. Und ich verstehe nicht, wie da so viel Schmerz sein kann in mir ohne heraus zu brechen. Ich warte darauf, dass sich mein Brustkorb öffnet und Welle um Welle hinausströmt, weil so viel kaputt sein doch einfach nicht in mich passen kann.

Innen und außen passt einfach nicht. So gar nicht.

Schon lange habe ich mich nicht mehr so zerfetzt gefühlt. So zerstört und instabil und voller Chaos. Die Klausuren treiben mich in den Wahnsinn, weil da einerseits immer noch diese allgegenwärtige Panik ist, die mich einfach umhaut und auch nicht davor Halt macht, dass ich lernen muss und Klausuren schreiben. Andererseits habe ich das Gefühl, dass alles aus meinem Kopf wieder raus fällt, als würde ich versuchen Wasser mit einem Sieb aufzufangen.

Und, vor allem, triggert es alte Erfahrungen. Worte in meinem Kopf, die so tief sitzen, dass selbst 12 Jahre nichts ändern konnten. Du kannst nichts. Du wirst nie etwas erreichen. Die anderen sind viel besser. Alle schreiben bessere Noten. Du bist dumm. Aus dir wird nichts werden, außer Putzfrau.

Es sitzt so tief in mir, dass ich nicht dagegen ankomme. Selbst nicht mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, einer guten noch dazu, nicht mit einem Schlussabschluss, der mich nun zum Studium befähigt, nicht mit all den Dingen, die ich bisher erreicht habe.

Gerade fühle ich mich angesichts des Lebens einfach überfordert. Unfähig. Wie soll ich jemals normal leben? Normal mit all diesen Dingen umgehen?

Meine Mutter hat mir heute morgen einen Apfel aufgeschnitten. Mein Vater hat mir extra meine Lieblingssorte Gummibärchen gekauft. Worte, die ich heute morgen vor der Klausur höre. Worte, die mich so unglaublich treffen. So sehr wünsche ich mir in diesen Krisenzeiten wenigstens eine normale Familie, die mich unterstützt, die mich ermutigt, die mir sagt, dass ich das schaffen kann, die an mich glaubt. Ein normales Leben, ein normales Aufwachsen in einem normalen Elternhaus. Wie gerne wäre ich heute einfach heim gekommen, hätte mich von meiner Mutter und meinem Vater drücken lassen, weil die erste Klausur hinter mir liegt, mich hingesetzt und gelernt. Stattdessen kämpfe ich darum mich nicht zu verletzen. Kämpfe darum weiter zu atmen, weiter zu leben.

Schmerz. Nichts als Tränen und Schmerz.

Ich hätte gerade so gerne jemanden hier, der mich einfach nur in den Arm nimmt.

Und jede Antwort fällt so schwer, zieht uns tiefer rein ins Meer

Es ist eine seltsame Zeit momentan. Zwischen Lernen und Panik und Kaffee trinken. Einerseits habe ich mir so immer das Erwachsensein vorgestellt. Wenn ich Menschen sah, die mit Freunden im Café saßen, dann war das immer ein Ziel für mich. Irgendwann auch mal mit Freunden da sitzen und Kaffee trinken und reden und lachen. Das tue ich momentan viel und ausgiebig mit D., Kaffee trinken und manchmal wie verrückt (haha, sind wir ja) lachen, manchmal über ernste Themen reden, aber vor allem einfach Zeit genießen.

Und gleichzeitig existiert das Chaos. Das Chaos in meinem Leben und in meinem Kopf. Und die Angst. Die Angst vor der Angst und die Angst vor der Angst vor der Angst. Deswegen sitze ich auch heute morgen ziemlich müde in der Ambulanz der Klinik bei der Ärztin, die letzte Woche AvD war, als ich abends in die Klinik kam. Sie schickt mich auf die Station und von dort gehe ich mit ein paar Tavor in der Tasche. Für den Notfall. Wenn alles andere nichts bringt, wenn die Angst mir wieder den Hals zuschnürt und ich mir sicher bin, dass ich sterben werde. Vielleicht lindert es die Angst vor der Angst, dass ich nun weiß da ist etwas für den absoluten Notfall. Auch wenn ich mir gerade wirklich Watte im Kopf wünsche, so lasse ich doch die Finger davon. Ich kenne mich und das letzte was ich jetzt brauchen kann ist ’ne Medikamentenabhängigkeit. Und es gibt auch Sicherheit angesichts der Klausuren vor mir, bei denen ich erfahrungsgemäß sowieso Panik haben werde. Und eine Panikattacke wegen Klausurpaniksymptomen will ich nun wirklich nicht haben.

Vielleicht ist heute wieder einer dieser Wendepunkte. Ich fange an zu weinen, als ich mit der Angst zusammengerollt im Bett liege. Ich weine um mich, um den Schmerz in mir, um den Horror der Nacht, in der ich in Obhut genommen wurde. Ich weine zum ersten Mal nur wegen diesem Abend und dem was er in mir auslöst. Nicht wegen dem davor oder dem dahinter, sondern einzig und allein wegen diesem Abend. Ich weine mit dem verängstigten Mädchen von damals, dass nicht versteht was geschieht, dass nicht in Einklang bringen kann, wie dieser Mensch vor mir, der mir soviel bedeutet, den ich so sehr liebe, mit dieser Kälte in den Augen vor mir stehen kann und mir sagt, dass er mich umbringen wird. Ich weine, weil bisher kein Platz war für die Traurigkeit und den Schmerz. Zusammengerollt auf meinem Bett, während dem Lernen für die Klausuren, auf dem Weg ins Bad, in der Küche, im Wohnzimmer. Immer und immer wieder kann ich die Tränen nicht zurück halten, weil der Schmerz einfach so endlos ist. Ich weine, weil ich derzeit so gerne einfach nur Platz und Raum fürs Lernen haben würde, weil es mich gerade so kaputt macht, weil die Angst zurück ist. Ich weine, weil ich nicht weiß wohin mit all diesen Gefühlen, weil ich nicht weiß, wie ich nach all diesen Jahren nun damit umgehen soll, weil es mich nun einholt. Ich weine aus so vielen Gründen und habe das Gefühl, dass es nie enden wird. Dass in mir ein endloses Meer aus Schmerz und Angst und Traurigkeit ist, welches niemals ausgeweint sein wird.

Ich weine, weil mir so sehr eine glückliche Kindheit fehlt. Weil ich so gerne einfach normal aufgewachsen wäre. Weil ich mich statt mit Klausurthemen mit Angst rumschlage.

Ich weine, weil ich so gerne einfach nicht mehr stark sein würde. Weil ich immer stark sein musste, seit ich denken kann. Weil ich keine Gefühle zeigen durfte, mich nicht angreifbar machen, niemals Schwäche zeigen. Loslassen ging nur über die Selbstverletzung. Schmerzen spüren, weinen, wütend sein, all das ging nur übers Schneiden. Und so gerne würde ich gerade diesen Weg gehen. Würde all das raus lassen durch Wunden in meiner Haut. Genau so gerne würde ich aufgeben, würde all dem Gefühlschaos so gerne ein Ende setzen, aufhören zu existieren. Würde so gerne aufgeben, einfach mal nicht stark sein müssen. Aufgeben und gehen, endlich gehen. Weil es mich immer wieder einholt, immer wieder umwirft. Weil es ein so endloser Kampf zu sein scheint. Weil ich immer und immer wieder falle. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Wo kommen all die Zweifel her
Die uns ins Herz geschlichen sind
Und uns in letzter Zeit so in Frage stellen
Sollen wir fliehen oder kämpfen
Geht es dir da so wie mir
Dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür