Konfrontation

In der Traumagruppe der Klinik gibt es die Möglichkeit, sich gezielt mit dem Trauma/den Traumata auseinander zu setzen. Beispielsweise in Form einer Lebenslinie. Ich habe vor einer Weile angemerkt, dass ich das gerne mal machen würde. Freitags ist immer doof, denn am Wochenende ist da eben nicht der Therapeut da, der notfalls auffangen kann. Heute wollte eine andere Therapeutin die Gruppe übernehmen, deswegen wollte ich sie mir erstmal anschauen, bevor ich dort einen Seelen-Striptease hinlege. 

Doch direkt nach dem Frühtreff läuft mir die Therapeutin, die bisher die Gruppe geleitet hat, über den Weg und sagt, dass sie heute die Gruppe nochmal übernimmt. 

Also mache ich mich darauf gefasst, dass ich mich in geballter Wucht mit meinem Leben auseinander setzen werde. Dass eine liebe Mitpatientin heute geht verbessert meine Anspannung nicht wirklich, doch wir nutzen die Zeit und trinken noch zusammen etwas in der Cafeteria. 

Mit jedem Moment in der Traumagruppe nimmt meine Anspannung zu. Die Eingangsrunde, in der jeder kurz sagt wie es ihm geht und wo die Anspannung steht, die Neuen sich kurz vorstellen und die Therapeutin ihnen kurz ein paar Dinge erklärt, dauert heute viel zu lange. Ich werde unruhiger und unruhiger, habe das Gefühl die Anspannung kaum noch auszuhalten, drücke die Spitzen des Akupressurballs fest in meine Haut. 

Dann darf ich beginnen. Zuerst mit dem wirren Geflecht aus Familie, aus Erklärungen, wieso ich bei meinem Vater aufgewachsen bin. Und dann mit meinem Leben. Jahr um Jahr arbeiten wir uns nach vorne. In rot stehen da die Ereignisse, die so unglaublich schwer waren, die Therapeutin fragt immer wieder nach den Auswirkungen und malt Pfeile. Und auch wenn es „nur“ bis zu meinem 17. Lebensjahr wirklich grausam war, so steht da doch unglaublich viel. Und dazwischen auch einige Dinge in grün, Dinge, die mir geholfen haben. Einerseits die Selbstverletzung, die natürlich nicht die beste Lösung, aber damals eine sinnvolle war. Die Therapie, die mir dann damals Halt gab. Meine Schwester, die trotz der Distanz immer so viel Halt und Wärme für mich bedeutet hat. Und letztendlich der große Knall, die Inobhutnahme. Zwischendurch suche ich immer wieder nach Worten. Die Tränen laufen mir die Wangen hinunter und ich versuche nicht, diese Gefühle zu unterdrücken. Dann atme ich erstmal durch. Das Blatt an der Flipchart ist voll. Die wichtigsten Dinge stehen da, und auch wenn wir nicht in die Tiefe gehen, so ist es doch anstrengend und schmerzhaft. Es ist immer noch unglaublich schwer all diese Dinge in Zusammenhang mit meinem Vater zu nennen. Es ist schwer auszusprechen, dass da so viel war, das nicht hätte sein dürfen. Der sexuelle Missbrauch. Die körperliche Gewalt. Das ständige Abwerten und Kleinhalten und mir einreden, dass ich doch nie etwas schaffen werde, dass ich unnütz und unfähig bin, dass ich doch keine Probleme habe, dass ich selbst Schuld sei, wenn er mich verprügelt. Es tut weh diese Gesamtheit zu sehen, diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein. Und doch ist es nicht nur schmerzhaft, nicht nur furchtbar. Denn es gibt da auch diese Momente, in denen ich mich gewehrt habe. Zwar nicht direkt, aber dennoch. Ich bin hinter seinem Rücken zur Therapie gegangen. Und ich bin damals weg. Und ich habe die räumliche Distanz zwischen uns gebracht. Und ich habe den Kontakt abgebrochen. 

Danach dürfen meine Mitpatienten etwas dazu sagen. Ich entspanne mich langsam, denn es ist raus. Der Horror ist ausgesprochen, formuliert, aufgeschrieben. Meine Mitpatienten sind betroffen. Erstaunt, dass hinter der Fassade eine solche Geschichte steckt. Sie geben mir viel Positives mit, viele liebe Worte. Und die Therapeutin sagt, dass man manchmal denkt, dass ich doch klar komme und keinen Raum brauche, denn ich kann viel und weiß viel und kann damit überspielen, wie verletzlich ich hinter dieser Mauer doch bin. Und sie sagt, dass sie auch meine Wut gesehen hat. An dem Tag, als die Traumagruppe so triggerte und ich so am Boden war. Als der Moment kam, in dem aus der Anspannung und Hilflosigkeit die Wut auf meinen Vater wurde und ich diese Wut beim Armdrücken mit dem Supervisor auch endlich körperlich spüren konnte und durfte. 

Die Stunde tat gut. Unglaublich gut, denn mit jedem Mal geballte Kindheit und Jugend wird mir klarer, woher die ganzen Gefühle kommen und es wird mir klarer, dass ich wütend sein darf. Dass ich ihn auch hassen darf. Und die Therapeutin sagt noch etwas sehr wichtiges. Dass es auch in Ordnung ist, wenn beide Seiten existieren. Die Wut und der Hass, aber auch die Seite die ihn liebt, weil es auch positive Momente gab und er nunmal mein Vater ist. Es ist okay und es darf beides sein. Wichtig ist nur, dass ich auch beides zulassen kann. Und dass ich mich selbst schütze, wie beispielsweise mit dem Kontaktabbruch. Und für mich ist es auch so wichtig diese Wut zu integrieren, denn bisher konnte und durfte ich das nicht und es ging letztendlich immer gegen mich selbst. Ob in Form von Selbstverletzung oder in extremen Suizidgedanken oder sogar – versuchen. Ich darf wütend sein. Ich darf es. 

Nach der Stunde bin ich erschöpft. Die extreme Anspannung macht sich bemerkbar. Der Abschied von der lieben Mitpatientin schmerzt und es ist so schön sie einfach nochmal fest zu drücken und ihr nachzuwinken. Essen gehen kann ich nicht. Stattdessen sitze ich draußen und rauche erstmal, sammel dann meinen Kram für die Tiefenentspannung. Danach bin ich noch erschöpfter und unglaublich müde und froh, dass wir in der Körpererfahrung viel liegen. Und die Dinge, die wir da tun, helfen mir in meinen Körper zurück zu finden, der irgendwann während der Traumagruppe den Kontakt zum Rest von mir beendet hat. Ich bin danach zwar nicht weniger müde und erschöpft (eher im Gegenteil), doch ich spüre mich wieder und habe wieder das Vertrauen in meine Beine, dass sie mich tragen ohne unter mir wegzuknicken. 

Mein letzter Tagespunkt ist die Massage. Bei der ersten Berührung der Hände spannt sich mein Körper an, meine Muskeln verkrampfen und ich brauche einen Moment um wieder in die Wirklichkeit zu kommen, mich wieder zurück in den Raum zu holen und raus aus den Erinnerungen, die mich überfluten. Ich fange wieder an mich zu entspannen, während ich im Kopf all die Dinge durchgehe, die nun anders sind. Ich bin erwachsen. Es ist ein Mann, der mir nichts tun wird. Ich bin hier in Sicherheit. Es ist 2017. Alles ist gut. Es ist nicht damals, es ist nicht mein Vater. Und dann schießt plötzlich eine Erinnerung in mein Bewusstsein, die lange vergraben war: die Berührung am Po. Bis ich damals aus der Wohnung raus kam und seit ich denken kann, war diese Berührung da. Er hat mir immer an den Po gefasst wenn ich neben ihm stand, beim Geschirr spülen, beim vorbeigehen, bei so vielen Gelegenheiten zuhause. Ich mochte das nie, habe ihm das auch immer wieder gesagt. Doch meistens war die Antwort darauf „Du bist mein Kind, du bist mein Eigentum, ich kann tun was ich will.“ ergänzt von einem „das ist doch gar nicht schlimm.“ Und rückblickend wird mir klar, dass auch das eine Form von sexuellem Übergriff ist, dass da nicht nur der Missbrauch in der frühen Kindheit war, sondern diese Berührungen immer weiter gingen, auch wenn der Zwang ihn zu befriedigen, ob nun oral oder durch anfassen oder durch wirklichen Sex, aufgehört haben. 

Ich denke an die Worte der Körpertherapeutin in der dbt. „Massage ist eine Wertschätzung.“ Und als genau das versuche ich die Massage dann anzunehmen, als es mir gelingt die Hände auf meinem Körper auch dem Menschen zuzuordnen, der gerade neben mir steht. „Es ist okay“ antworte ich auf die Frage, ob alles gut ist oder er aufhören soll und ich entspanne mich vollends und genieße das Kneten und Rumgedrücke und merke, wie er die richtigen Punkte findet und ein paar meiner Wirbel wieder an die Stellen wandern, an denen sie eigentlich sein sollten. 

Nun sitze ich zuhause. Völlig erschöpft und müde, aber entspannt. Mein Katerkind liegt auf meinem Schoß und hält ein Schläfchen und ich genieße die Wärme, die er ausstrahlt. Ich würde gerne einfach nur ins Bett kippen, doch dann bin ich entweder mitten in der Nacht wieder wach oder morgen müde von zuviel Schlaf. Außerdem muss ich noch etwas essen, denn mein Magen protestiert lautstark. Und es gibt auch noch ein paar Chaosstellen in meiner Wohnung, die nach Beseitigung schreien. 

Ich werde also noch was tun. Aber in meinem Tempo, mit viel Gutem für mich zwischendurch, denn ich finde, dass ich das nach dem Tag absolut verdient habe. Und heute kann ich das auch fühlen, kann mich absolut okay finden, kann die Erschöpfung akzeptieren und die anderen Gefühle, die dieser Tag in mir geweckt hat, aber ich kann auch die Dinge sehen, die positiv sind und ich kann akzeptieren, dass es heute eben ist wie es ist. Und wenn das schon mal funktioniert, dann sollte ich das definitiv wertschätzen. 

Die dunkle Nacht wird mal vergeh’n.

Ich träume vom Ertrinken. Ich kriege keine Luft. Um mich rum ist nur Wasser. Dann wache ich auf und wache doch nicht wirklich auf. Das Bild verändert sich. Es wird dunkler, verwischter. Ich kriege wieder kaum Luft, denn in meinem Mund ist etwas und ich muss kämpfen mich nicht zu übergeben. Ich höre seine Stimme, höre, dass ich mich nicht so anstellen soll, höre, dass das doch schön ist. Ich finde es ganz und gar nicht schön. Aber das kann ich ja nicht sagen, denn ich habe etwas im Mund und ich darf es auch nicht sagen, weil ich sonst wieder Schläge kriege. Mir ist so übel, so unglaublich übel, und ich ringe um jedes winzige bisschen Sauerstoff zwischen den Tränen und Schluchzern. Ich verstehe nicht, was da passiert, ich weiß nur, dass ich es nicht will. Ich kämpfe um die Luft dort in diesem Raum und gleichzeitig in meinem Schlafzimmer. Es gibt mich dort und es gibt mich hier, in der Realität und für einen kurzen Augenblick erkenne ich den Flashback und schaffe es zu handeln. Stechender Geruch reißt mich zurück in die Realität, in der ich zitternd und nach Luft schnappend auf meinem Bett sitze, das Fläschchen Ammoniak in der Hand. Kurze Zeit später hänge ich über meiner Kloschüssel und versuche den Geschmack und das Gefühl der Erinnerung aus mir raus zu befördern. 

Eine Weile und sämtliche Anti-Disso-Skills später sitze ich erschöpft auf dem Sofa und lasse mich von der Wärme und dem Schnurren des Katers in der Realität halten. Ich hasse diese Flashbacks, die mich direkt nach dem Aufwachen überfallen, in dem kurzen Moment, in dem ich noch nicht wirklich wach bin und die Kontrolle wieder habe. So einen Start in den Tag hasse ich, denn die Bilder verschwimmen nur langsam und beeinflussen mich noch mehrere Stunden. 

Die Erinnerungen an diese Situation waren das erste konkrete, das damals kam. Die Dinge davor waren wirr, ohne Gesicht oder Stimme. Diese Erinnerungen riss mir damals den Boden unter den Füßen weg und ich sprach lange nicht darüber, kann bis heute nicht darüber sprechen. Ich schrieb es damals auf, gab es meiner Therapeutin. Denn das Schreiben fällt bis heute deutlich leichter. Es gibt kein direktes Gegenüber, ich tippe nur Buchstaben hinaus in die Welt, kann nebenbei Pausen machen und kann dann und dort schreiben, wenn und wo ich mich sicher fühle. 

Ich denke an die ersten zaghaften Versuche meiner Therapeutin an dieses Thema ran zu kommen. Meine Reaktionen, mein Abblocken, mein vehementes Leugnen einer Möglichkeit, dass diese Dinge Realität sein könnten. Denn die Bilder bis dahin waren genauso eindeutig wie uneindeutig. Es hätte jeder gewesen sein können, es hätte doch auch einfach nur irgendwas anderes sein können. Heute weiß ich, dass es schon damals eindeutig war. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagt meine Therapeutin immer. Ich denke an damals, ich denke an die Worte von Frau S., meiner Kinder- und Jugendtherapeutin.

 Liebe S.,

es war genauso als Du bei mir warst. Ich hatte ebenso das Gefühl, dass da mehr gewesen sein muß und Du warst damals fest der Meinung, dass in Richtung sexueller Mißbrauch bezogen auf Deinen Vater nichts war.

Nachdem ich im Oktober bei ihr war, lange und viel mit ihr geredet habe, fällt es ein wenig leichter darüber zu sprechen. Denn sie hat dem Teil in mir, der so vehement gegen ein mögliches Wahrsein dieser Dinge kämpft, den Wind aus den Segeln genommen. Ihre Worte, die mir bestätigten, dass für sie vor 14 Jahren schon klar war, dass ein Missbrauch stattgefunden haben muss. Ihre Klarheit in Bezug darauf, ihre Fähigkeit mir zu sagen, dass ich nicht solche Flashbacks hätte, wenn sie nicht stimmen würden. Sie hat mir ein Stück mehr geholfen auf dem Weg zu akzeptieren, dass diese Dinge Realität sind. Meine Therapeutin versucht das seit Jahren, doch es war nochmal anders es von jemandem zu hören, der mich auf eine andere Art und Weise kennt, der mich länger kennt, der mit mir nicht den Weg durch die qualvollen Erinnerungen gegangen ist. 

Und so sehr es heute noch Momente gibt, an denen ich nicht wahrhaben will, dass diese Dinge wirklich geschehen sind, so sehr kämpfe ich sich dafür, dass sie wahr sein dürfen, wahr sind. Ich versuche ihnen Raum zu geben, versuche nicht zu schweigen. Es gibt zuviel Schweigen, es gab in meinem Leben zuviel Schweigen. Und plötzlich machen so viele Kleinigkeiten einen Sinn. Plötzlich erklären sich die Körperflashbacks, die Übelkeit und die Schmerzen. Plötzlich erklärt sich die Angst vor dem Ersticken und der Ekel vor Dingen in meinem Mund. Plötzlich erklären sich diese ganzen Zeichen, die ich so lange nicht wahrhaben wollte. 

Vielleicht gehört es dazu, dass man immer wieder zweifelt, ob diese Dinge wirklich passiert sind. Vielleicht wird es niemals aufhören. Aber vielleicht werden der Ekel und die Scham auch weniger und es darf irgendwann wirklich wahr sein, was eigentlich nicht wahr sein darf. 

So oft wünsche ich mir, dass das Leugnen und Schweigen aufhört. Dass ich darüber reden kann. Vor allem mit meiner Mutter. 

Ich verfolge nicht das Ziel, meinem Erzeuger zu schaden. Ich will ihn sein Leben leben lassen, will ihn nicht anschuldigen, anklagen. Es hätte für mich keinen Sinn. Und ich will es auch nicht und schweige deswegen oft noch, denn mir ist klar welche Konsequenzen solche Dinge mit sich ziehen. Und trotz all der Dinge liebe ich ihn und kann das nicht ändern. Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich ihn nicht einfach nur hassen kann. Und manchmal ist es okay wie es ist. Vielleicht wird es leichter das Schweigen zu brechen, wenn er nicht mehr da ist. Denn dann muss ich nicht fürchten, dass ich ihm doch irgendwie schade und bin vielleicht die Angst los, die mich immer noch umtreibt, die Angst vor der brutalen Gewalt, vor den Schlägen, vor dem eingesperrt werden, vor dem völlig ausgeliefert sein. Ich will keine Rache. Ich will einfach nur darüber sprechen können, will damit leben lernen. Und dieser Weg führt nicht durch Schweigen. Ich will gesund werden und ein Leben führen, in dem diese Dinge zwar passiert sind, aber mich nicht mehr ständig heimsuchen. Ich will bestimmen können, wann und wie ich mich damit auseinander setze und nicht morgens um 6 aus der Realität gerissen werden und das kleine Mädchen sein und erleben und spüren, was ich damals erlebte und spürte. 

Ich blicke auf meine Arme. Blicke auf 17 Jahre Narben, 17 Jahre Kampf gegen mich. Vielleicht findet auch das ein Ende, wenn das Schweigen enden darf, wenn ich aussprechen darf, was in mir tobt, wenn ich nicht mehr nur mich hassen darf, sondern auch den Menschen, der mir so wehgetan hat. 

Gestern habe ich vielleicht einen weiteren Schritt gemacht weg vom Schweigen. Ich habe mit meiner Tante telefoniert. Bestimmt 3/4 des Gesprächs habe ich nur geheult, denn es fällt so schwer zu erklären, dass man einfach nicht in der Lage war den Kontakt zu halten, dass der Alltag sämtliche Kraft gefressen hat. Und es fällt noch schwerer zu äußern, wohin diese Kraft ging, dass die Erinnerungen und das Aushalten der Erinnerungen an den Missbrauch einfach alles aufgesaugt haben. Es fällt schwer auszusprechen, dass da mehr war als die körperliche und die seelische Gewalt. Und am liebsten würde ich leugnen, dass diese Dinge Realität sind, denn das ist so viel leichter und um so vieles weniger schmerzhaft. Und so furchtbar es gestern auch war diese Dinge auszusprechen, so befreiend war es auch. Und sie ging auch nicht direkt in eine Verteidigung und ein Um-sich-schlagen wie meine Mutter. Meine Therapeutin wird wohl ein kleines Freudentänzchen hinlegen, wenn ich ihr erzähle, dass ich es endlich geschafft habe, dass der Wunsch, der in der Therapie seit so vielen Jahren besteht, nun Realität wurde. 

Mein Katerkind miaut mich kläglich an, weil ich nun schon wieder auf dem Sofa sitze und heule. In den letzten Wochen heule ich so viel, dass ich manchmal denke die ganzen Tränen der letzten Jahre bahnen sich nun einen Weg. Tränen, die ich sonst nur rot weinen konnte, die nur Ausdruck in den Schnitten auf meinen Armen fanden. 

Es ist kein leichter Weg, den ich gerade gehe. Manchmal möchte ich mich einfach an den Wegesrand setzen und mich weigern weiter zu gehen, manchmal möchte ich den ganzen Weg zurück rennen bis zum Anfang und eine neue Abzweigung finden. Doch es würde nichts daran ändern, die Dinge, die ich auf dem Weg gesehen und erlebt habe, wären dennoch da. 

Heute habe ich, vor allem nach dem furchtbaren Aufwachen, ein extremes Bedürfnis nach Einigeln und Sicherheit. Nach einer Rückzugsmöglichkeit, nach Ruhe. Und genau deswegen werde ich mich in mein Schlafzimmer verziehen, den sicheren Ort meiner Wohnung und dort endlich die Dinge umsetzen, die ich die ganze Zeit schon tun will. Die Fotos an die Wand, die Dinge, die mir in der DBT Halt und Kraft gaben, mein Bett von dem Gewühl der Nacht befreien und die Bettwäsche (mal wieder) in die Maschine stopfen, denn sie ist (mal wieder) komplett nass vom Schwitzen der Angst und Panik, meinen DBT-Kram wieder ordnen, den ich in den letzten Tagen quer in der Wohnung verteilt habe, meine diary cards einheften… An funktionalen Möglichkeiten meinen Tag weiter zu führen mangelt es nicht. Nur noch ein wenig an der Kraft, denn die hängt noch kotzend mit mir über der Kloschüssel. 

Ich weiß noch gar nicht, was mein morgigen Kliniktag bringen wird, außer den sowieso konstanten Dingen wie Arbeitstherapie und Stabigruppe. Mein Plan war am Freitag noch nicht im Fach, also lasse ich mich überraschen. Und vielleicht komme ich auch morgen nicht völlig erledigt nach Hause, das wäre ein weiteres Ziel und ein weiterer Schritt auf dem Weg, der mir zeigt, dass es nun wieder einfacher und leichter wird. 

Wenn Du jetzt aufgibst,
wirst Du’s nie versteh’n.
Du bist zu weit,
um umzudreh’n.

Vor Dir der Berg,
Du glaubst Du schaffst es nicht.
Doch Dreh Dich um
und sieh,
wie weit Du bist.
Im Tal der Tränen liegt auch Gold.
Komm, lass es zu,
dass Du es holst.

Ein Leben wie ein Gemälde, kaputt und verschmiert

Gestern

Stundenlang drehe ich mich im Bett hin und her. Ich döse kurz ein und bin einige Minuten später wach. Und das Ganze wieder von vorn. 

Ich fühle mich zerschlagen, Matsch, müde und habe Schmerzen. Ich will nichts mehr als einfach schlafen. 

Nein. Das stimmt nicht. Ich will mich verletzen. Ich glaube es ist zum ersten Mal seit der dbt wieder so schlimm. Ich habe das Gefühl nur noch aus Unterarmen zu bestehen, all mein Denken und Fühlen bündelt sich dort. Ich sehne mich so sehr danach die Klinge anzusetzen. Sehne mich nach dem Gefühl der Erleichterung, nach der Entspannung, nach dem feinen Schmerz, der eigentlich gar kein Schmerz ist. Ich fühle mich innerlich so verletzt, dass ich diese äußere Unversehrtheit kaum ertragen kann. 

Ich achte zu wenig auf mich in den letzten Tagen. Bin erledigt nach dem Klinikalltag. Und noch nicht mal so sehr von den Themen, sondern vom Drumrum. Die Lautstärke, die Menschen, die Fahrt. Ich frage mich, wie ich jahrelang fast jeden Tag von morgens bis mindestens nachmittags weg sein konnte, wie ich arbeiten konnte, wie ich mein Leben halbwegs auf die Reihe gekriegt habe. 

Und so sitze ich kurz nach 3 auf meinem Sofa. Mit dem Katerkind auf dem Schoß, mit enormem Selbstverletzungsdruck und mit Suizidgedanken. Ich frage mich, warum dieser Lebensvertrag mich noch hält. Eigentlich ist es nur ein Stück Papier. Und doch ist er auch mehr. Doch ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehmen soll. Wenn ich doch noch nicht mal in meine eigene Haut schneiden kann. Es fehlt mir, es fehlt mir so sehr. Elf Monate kämpfen und funktional sein und ich habe langsam echt keinen Bock mehr darauf. Es kotzt mich an, es kotzt mich einfach nur noch an und ich will alles hinschmeißen. 

Eigentlich müsste ich Verhaltensanalyse an Verhaltensanalyse hängen. Doch ich weiß wo es hängt, weiß, dass ich mich viel um Selbsthass drehe und viel um das Wirrwarr in mir, dem ich keinen Ausdruck verleihen kann, verleihen darf. Da war und ist seit gefühlt immer die Selbstverletzung als Ventil, Ausgang und Lösung, als Überlebensstrategie, als rettender Halt. 

Ich spüre die Wärme des Katerkinds auf meinen Beinen, spüre sein Schnurren. Ich höre das Heu rascheln und ein gelegentliches Quietschen von einer der Schweinenasen. Ich kann nicht aufgeben. Ich darf nicht aufgeben. Was soll denn aus meinen Fellhaufen werden? Doch es fällt so schwer, so unglaublich schwer. Und ich weiß nicht, wie ich das anders durchstehen soll, als mit Selbstverletzung. 

Manchmal wünsche ich mir die Tage zurück, an denen die Erinnerungen so weit weg waren. Ich sehne mich danach, dass alles „doch gar nicht so schlimm“ war. Nach dem Verdrängen und Runterspielen und Kleinhalten. Doch es funktioniert nicht mehr. Im Endeffekt habe ich jahrelange Hölle hinter mir, Trauma an Trauma an Trauma an Trauma gereiht, habe jahrelang nur darum gekämpft die nächsten Stunden zu überleben, jahrelang nur von einem Schnitt zum nächsten gelebt. 

Ich weiß, dass es erstmal beschissen wird, bevor es besser wird. Nur hilft mir das gerade nur wenig weiter. Wie viel lieber hätte ich einfach nur einen gebrochenen Knochen. Gips drum und in spätestens 3 Monaten ist es wieder okay.

Und genauso wie ich mich nach der Zeit sehne, in der die Erinnerungen vergraben waren, so sehne ich mich nach der Zeit, in denen die Selbstverletzung noch einfacher war. Noch halbwegs harmlos, ohne den Rattenschwanz von Notaufnahme und versorgen lassen und beim Hausarzt zur Kontrolle antanzen. Ohne die Narben, die ich nun kaum noch verbergen kann. Ohne das schlechte Gewissen, weil ich es lassen will. Ohne zugeben zu müssen, dass es passiert ist. Da war einfach nur der Schnitt und die Erleichterung. Niemanden hat es interessiert, ich wollte nicht aufhören, perfekt.  

Doch es ist so vieles anders mittlerweile. Es ist nicht mehr so einfach wie früher, nicht mehr so egal. Ich bin mir nicht mehr so egal. Ich bin anderen Menschen nicht mehr so egal. Ich bin weiter. Und manchmal kotzt mich das echt an. 

Der Therapeut macht den Tag dann doch noch etwas besser. Wir sprechen über den Dienstag, darüber, dass ich von etwas total getriggert wurde. Genau wie freitags in der Traumagruppe. Wir sprechen über die Gefühle dabei. Die direkt danach, die, die dann kamen, die, die danach dann auftauchten. Das Chaos aus Wut und Scham und Angst und Selbsthass. Es tut weh, aber es tut auch gut. 

Nach der schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Tag kippe ich zuhause zuerst aufs Sofa und dann ins Bett. Es dauert zwar lange bis ich einschlafen kann, aber ich schlafe wenigstens mal. 

Heute 

Mein Tag beginnt relativ früh und relativ gut. Ich bin zwar nicht sonderlich motiviert, aber es ist okay. Viel bietet mein Plan heute nicht, aber trotzdem ist der Kliniktag erst um 15 Uhr vorbei. Da ich nicht nach Hause komme (verdammter Fasching, verdammter Umzug!) und noch warten muss, bis die Busse wieder fahren, verbringe ich noch ein wenig Zeit bei einer lieben Mitpatientin auf dem Zimmer mit quatschen und Cappuccino. Und auf dem Heimweg merke ich, dass ich zum ersten Mal nicht völlig erledigt bin, nicht völlig kraftlos. 

Ich muss an meine Tante denken. So lange habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, wie zu so vielen anderen Menschen. Es schmerzt, doch mit jeder weiteren Woche, mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Jahr fällt es schwerer sich zu erklären. Wie soll ich formulieren, dass ich neben Trauma (wieder)entdecken, Ausbildung und irgendwie noch klar kommen einfach keine Kraft hatte. Wie soll ich erklären, was mich da so umgehauen hat? Wie soll ich sowas der Familie erklären, wie soll ich sowas gegenüber einem Menschen äußern, der mit ihm aufgewachsen ist? Auch wenn da seit Jahren kein Kontakt mehr besteht (welch ein Wunder…), so ist es eben doch unsere Familie. Ich habe Angst vor der Reaktion. Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Angst, dass an ihn weiter getragen wird, dass ich darüber spreche. So viel Angst ist da immer und immer wieder. 

Ich habe ihr eine SMS geschrieben. Ihr gesagt, dass ich gerne mal in Ruhe mit ihr reden würde. Ihr gesagt, dass es mir leid tut, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, dass ich gerne erklären mag wieso. Ich bin nervös. Warte auf eine Antwort. Habe Angst vor einer Ablehnung. Oder vor keiner Antwort. Ich male mir die schlimmsten Szenarien aus. 

Ich versuche nicht schreiend im Kreis zu rennen. Nicht durchzudrehen. Stattdessen werde ich meine heute tatsächlich vorhandene Energie nutzen und endlich mal wieder etwas kochen. Und ein wenig aufräumen. Und mein Bett frisch beziehen. 

Wir sind vom Leben gezeichnet
In den buntesten Farben
Und wir tragen sie mit Stolz
Unsere Wunden und Narben
Wir sind vom Leben gezeichnet
Mit Dreck und mit Schmutz
Doch es glänzt wie Perlmut
Wir sind so schön kaputt

Would it matter at all

In der Traumagruppe am Freitag stürze ich ab. Die Anspannung überflutet mich wie eine riesige Welle, drückt mich unter Wasser und nimmt mir die Luft. Ich spüre den Selbstverletzungsdruck körperlich. Ich stehe auf und gehe. Finde mich an der Wand auf der Toilette wieder, mit zitternden Knien. Als ich meinen Beinen wieder halbwegs trauen kann gehe ich raus. Rauche. Skille. Die Liste runter und hoch. Die Anspannung lässt mich nicht los. Zum Ende der Gruppe betrete ich den Raum wieder, schnappe meine Sachen und warte, bis meine Mitpatienten den Raum verlassen. 

Es fällt mir unglaublich schwer Worte zu finden, auszusprechen, was in mir tobt. Genauso schwer fiel es mir den Weg zurück zur Gruppe zu gehen, anstatt einfach zu handeln. Doch in meinem Kopf taucht die DBT-Klinik auf, das Büro von Frau K., meiner Psychologin dort, und der Tisch mit dem Lebensvertrag darauf. Ich sehe ihre Unterschrift neben der von mir und der Unterschrift der Oberärztin. Höre ihre Worte. Und das bringt mich zurück, trägt mich die Stufen nach oben, hält mich, als ich mit mir und den Worten kämpfe. 

„Ich kann gerade nicht dafür garantieren, dass ich mir nichts antue.“ sage ich der Therapeutin. Sie versucht mit mir zu überlegen, was helfen könnte. Doch ich schaffe es nicht. In meinem Kopf ist kein Platz, alles in mir will nur noch aufhören zu leben. Also geht sie mit mir nach unten in die medizinische Zentrale. Verspricht mir, dass sie direkt wieder da ist und überlässt mich der Obhut einer Schwester. Von ihr kriege ich erstmal Bedarf. Dann spricht sie mit mir, fragt was los ist. Ich sage ihr, dass ich nicht mehr will. Nicht mehr kann. Sie fragt nach, wie konkret das in meinem Kopf ist. Nach meiner Antwort verschwindet sie vor die Tür, ruft auf dem Team an. Sagt, dass die Sache zu heikel ist, fragt nach einem Arzt. Die Therapeutin kommt wieder, redet mit ihr, gemeinsam versuchen sie jemanden aus der Mittagspause zu holen. Kurz darauf fragt die Schwester, ob sie mir vielleicht einen Coolpack bringen soll. Ich nicke und sitze kurz drauf am ganzen Körper zitternd vor Anspannung mit dem Coolpack in dem Zimmer, sie vor mir, die Therapeutin neben mir. Immer wieder drifte ich weg und kann mich nur mit viel Mühe in der Realität halten. 

Dann taucht der leitende Psychologe auf, der gleichzeitig auch der Supervisor des Teams ist. Er fragt, ob wir in sein Büro gehen wollen und ich nicke abermals. Ich folge ihm, die Therapeutin folgt mir. 

In seinem Büro fragt er, was los war und ist, fragt die Therapeutin. Ich berichte, sie berichtet. Er betrachtet mich und fragt, ob ich bereit wäre etwas zu probieren. Ich nicke und er räumt den Tisch frei. „Armdrücken!“ verkündet er. Ich soll meine ganze Kraft rein legen, er hält einfach dagegen. Und als ich meine Hand in seine lege und beginne zu drücken, merke ich die Wut in mir. Ich drücke und drücke und schließe die Augen, während mir die Tränen die Wangen hinunter laufen. Danach reden wir. Über das, was gerade da hoch kam. Er fragt, ob ich in etwas mehr als einer Stunde nochmal kommen werde. Ob ich die Zeit bis dahin gut überbrücken kann. Ich nicke und die Therapeutin begleitet mich bis unten zur Eingangshalle der Klinik. Auch sie fragt nochmals, ob es okay ist, ob sie mich gehen lassen kann. Ich nicke wieder und gehe erst mal eine rauchen. Dann drehe ich eine Runde, sitze eine Weile auf einem der Sofas, bringe den Coolpack zurück. Die Schwester fragt, wie es mir geht. Sie bittet mich zu kommen, wenn es nicht mehr geht. Ich nicke und zum ersten Mal kommt wieder ein ehrliches Lächeln über meine Lippen. Als sie eine Weile später Feierabend macht und an mir vorbei geht, lächelt sie mir zu und wünscht mir ein schönes Wochenende. Ich mache mich nochmal auf den Weg zum Supervisor. Wir reden kurz und er verpasst mir einen Termin für Montag, denn er will wissen, wie es mir geht. Und nimmt mir das Ehrenwort ab, dass wir uns Montag sehen. 

Ich bin benebelt vom Bedarf, erledigt von der unglaublichen Anspannung und erschöpft vom Heulen. Zuhause hänge ich rum, schlafe, kaufe ein, schlafe, esse. Aber es ist wieder aushaltbarer, erträglicher. Die Anspannung ist kaum noch spürbar (dank Medis), die Suizidgedanken lassen sich in Schach halten. 

Gestern verschlafe ich dann erst mal. Erst eine Stunde später bin ich am Treffpunkt und fahre mit einer Mitpatientin in die Stadt. Es tut gut raus zu kommen, mich abzulenken, zu bummeln und zu shoppen, auch wenn das schlechte Gewissen im Hintergrund laut brüllt, weil ich mir etwas gönne. Die Medis benebeln mich immer noch gewaltig, trotzdem kann ich zuhause nicht einschlafen. 

Und so bin ich auch heute wieder viel später wach als geplant. Gleich muss ich den Putzmodus anwerfen und hier Ordnung schaffen, denn gegen 4 kommt Mama vorbei. 

Im Gespräch mit dem Supervisor wurde eine Sache wieder relativ klar. Es geht nicht darum, dass ich nicht leben will, so generell. Es geht darum, dass ich so nicht leben will. Er hat mir die Aufgabe gegeben zu überlegen, wie dieses so aussieht und darüber nachzudenken, wie ich leben will und nicht, wie ich nicht leben will. Da muss ich mich mal dran machen, genauso an eine VA. Und ich genieße es ein wenig, dass ich die Möglichkeit und den Freiraum habe die VA zu schreiben wann ich es möchte, ohne Time-Out und den ganzen Kram. 

Und nun geht es ans produktiv sein, Ordnung schaffen, Chaos bekämpfen. 

I know I’m a mess and I wanna be someone

Someone that I like better

Can you help me forget

Don’t wanna feel like this forever, forever

What if I just pulled myself together

Would it matter at all

What if I just try not to remember

Would it matter at all

All the chances that have passed me by

Would it matter if I gave it one more try

If I left tomorrow

Would anybody care

Stuck in this sorrow

Going nowhere

Just try 

Ich habe verschlafen. Verdammte Scheiße! Beeilen, Hektik, schnell alles erledigen. Die Kids sind ja ganz alleine… Moment? Kids? 

Ich wache auf und stelle fest, dass ich keineswegs verschlafen habe. Auch wenn das Katerkind das anders sieht, denn von ihm aus hätte ich schon vor 4 Stunden zum Frühstück antreten können. 

Ich quäle mich aus dem Bett. Heute fällt es mir enorm schwer. Gleichzeitig bin ich verwundert, dass ich es nun schon seit zwei Wochen schaffe morgens aufzustehen, obwohl ich der absolute Morgenmuffel bin und mein Rhythmus eher einer Eule entspricht als einem Vögelchen. Faszinierend, aber dran gewöhnen werde ich mich nie. 

Gestern war ich echt produktiv. Ich habe einen Haufen Kartoffelsuppe eingefroren, denn wenn ich schonmal dabei bin Suppengrün zu putzen und Kartoffeln zu schälen, dann mache ich auch eine große Ladung. Ich habe den Kater viel bespaßt, den Meeris zugeschaut, war einkaufen und habe meinen Haaren endlich wieder Farbe in Spitzen verpasst. Und dann mit Tee auf dem Sofa gegammelt und gezockt, einfach mir etwas Gutes tun und abschalten. Und davor eben noch Klinik. 

Grade eben habe ich mal in den Spiegel geschaut und mich vom Panda wieder in einen Menschen verwandelt. Im Einzel haben wir eine Traumalandschaft gemacht. Die Dinge, die belastend waren am Zeitstrahl mit nach oben hin der „Belastung“ die es war und ist. Teilweise mit Gefühlen und eben auch die Dinge, die Halt gaben. Natürlich musste ich heulen, deswegen auch der Pandalook. 

Bei den Dingen, die Halt gaben, steht auch die Selbstverletzung. Und genau das ändert sich in den letzten Jahren in meinem Umgang damit. Viele Jahre war es ein Feind, den es zu bekämpfen galt. Teilweise ist es das auch heute noch. Aber eigentlich ist es eben auch ein Halt gewesen in all den Jahren. Ich hätte es ohne nicht geschafft. Ich hätte keine Möglichkeit gehabt diesen Schmerz auszuhalten. 17 Jahre lang begleitet mich die Selbstverletzung nun schon und vielleicht ist sie eher ein guter Freund, der zwar da ist aber in den Hintergrund rückt, als ein Feind. 

Seit der DBT sind die Momente, in denen ich das Gefühl habe wahnsinnig zu werden, wenn ich mich nicht direkt verletze, viel seltener geworden. Ich merke die Anspannung früher und habe noch ein paar Möglichkeiten mehr damit umzugehen. Und auch meine Einstellung ist anders geworden. Ich versuche nicht mehr mit aller Macht dagegen zu kämpfen, sondern es einfach auszuhalten, die Momente zu überbrücken, bis es wieder besser wird. Leider klappt es nicht immer und in letzter Zeit merke ich, dass die Suizidalität direkt auf der Matte steht, wenn der Druck zu lange da ist. Aber da steht der Lebensvertrag als Bremse zwischen mir und der Handlung. So vieles ist anders geworden in diesen 14 Wochen. 

Jedenfalls merke ich mit jedem Gespräch mehr, dass ich wirklich nicht daran sterbe, wenn ich die Dinge ausspreche. Es tut zwar weh, aber es befreit auch. Und D., der immer sagte, er bringt mich um wenn ich den Mund aufmache, ist so weit weg, dass die Angst mich nur noch selten packt. 

„Warum messen Sie sich selbst mit einem anderen Maßstab als alle anderen?“ fragte die Psychologin in der DBT irgendwann. Und das ist auch eine Sache, die ich seitdem lerne, mich selbst zu validieren, an mir kein anderes Maß anzulegen als an anderen Menschen. Ich darf weinen, ich darf mich scheiße fühlen, es darf wehtun. Die alten Glaubenssätze spuken immer wieder im Kopf, doch sie haben keine so große Kraft mehr über mich. Ich darf atmen und leben. Ich darf mich schlecht fühlen und ich darf Gefühle haben, ich darf eine eigenständige Person sein. Ich darf. Mir selbst etwas erlauben, etwas gönnen, gut zu mir sein, es ist immer wieder eine neue Erfahrung. 

Heute habe ich mich tatsächlich mal zum Mittagessen getraut. Die ganze Woche habe ich mich irgendwie darum gedrückt, zu viele Menschen, zu laut, bäh. Aber heute meldet sich auch der Magen zu Wort und ich habe versucht die Menschen und den Raum auszublenden und trotz allem achtsam zu essen. 

Zuhause will ich mal die Liste aus der DBT in die Hand nehmen, die wir jeden Abend ausfüllen sollten. Unterschiedliche Skills und Übungen, ob wir sie gemacht haben und wie es half. Ich überlege, ob ich es irgendwie in die diary card integrieren kann oder sonst so, dass ich öfter mal darüber nachdenke was ich gemacht habe und welche Dinge ich öfter anwenden sollte. Vieles läuft automatisch, aber einiges auch noch nicht. Und für morgen habe ich mir fest vorgenommen endlich die restlichen Fotos auszudrucken, damit meine „Therapiewand“ endlich einen Anfang finden kann. Die Fotos von uns werden dort einen Platz finden, außerdem der Lebensvertrag und das Zertifikat über die abgeschlossene dbt. Ich würde noch gerne das Bild mit dem Monster am Wegesrand dazu hängen und den Spruch von Herrn E., den er mir ausgedruckt hat. Und vielleicht noch ein paar der Dinge, die mich nach Hause begleitet haben, mal sehen. Das Ganze wird seinen Platz über meinem Bett finden, es ist zu persönlich um quasi „öffentlich“ in meinem Wohnzimmer zu hängen. 

Außerdem steht aufräumen für das Wochenende auf dem Programm, irgendwas leckeres kochen, ich will den Strickkram suchen, damit ich die Sachen auch mal mit in die Klinik nehmen kann. 

Im Großen und Ganzen ist es derzeit echt okay. Ich schwanke zwar ab und an auch in die Tiefe, aber es ist aushaltbar und ich kann mich doch relativ gut selbst auffangen mittlerweile. Der Selbstverletzungsdruck begleitet mich zwar doch unterschwellig etwas mehr als sonst, aber er lässt sich aushalten und auch unterschwellig halten, bis auf einige Momente, in denen der Druck und die Anspannung doch so extrem werden, dass ich kämpfen muss. 

Vielleicht schreibe ich demnächst mal was über Skills. Die sind zurzeit ein großes Thema in meinem Alltag und vielleicht lernt jemand ja noch was dazu. Außerdem hilft das Schreiben mir auch enorm dabei mir manche Sachen selbst nochmal bewusst zu machen. 

It’s not enough to survive
You’re not living if you don’t feel alive.
Just try
You’re not gonna loose your will to fly

Es ist zu früh. Ich fühle mich zerschlagen. Mein Kopf schmerzt. Das tut er nun den dritten Tag in Folge und ich glaube ich werde krank. 

Schon bevor ich los fahre weiß ich, dass ich heute nicht den ganzen Tag aushalten werde. Ich werde bleiben bis zur letzten Blutzuckermessung und dann PMR und Körpererfahrung sausen lassen. Morgen und Donnerstag sieht mein Plan zum Glück etwas leerer aus und ich habe bis dahin hoffentlich auch wieder mehr Kraft und weniger Kopfschmerzen. 

Nach dem Frühtreff spreche ich die Co-Therapeutin an und sage ihr, dass ich das heute nicht schaffe. Ich sage ihr, dass ich nach der Blutzuckermessung gehen werde und sie lächelt mich an und wünscht mir, dass es morgen besser sein wird. 

Ich habe endlich etwas gegessen. Vor der Messung durfte ich ja nicht. Nun bin ich gespannt, was mein Blutzucker so mitteilen wird. Bei der Blutabnahme zu Beginn hier war der Wert leicht erhöht, vermutlich habe ich zu spät noch irgendwas gegessen, jedenfalls war hier erstmal Drama. Genauso interessant fand die Oberärztin aber auch den Drogentest. Erstmal war sie verwirrt über die Anordnung (der Arzt war der Meinung, dass „vor ungefähr einem Jahr mal gekifft“ sicherlich einen regelmäßigen Drogenkonsum bedeutet) und dann noch verwirrter darüber, dass er negativ ausfiel. Einen Arzt, der sich über einem negativen Drogentest beschwert, habe ich zuvor auch noch nicht erlebt. Aber es ist verständlich, denn eigentlich müsste der Test auf Amphetamine positiv sein, ich nehme immerhin Methylphenidat. Naja. 

Nun hänge ich im Eingangsbereich auf dem Sofa. Ich fühle mich wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Einzig positiv: ich bin zu Matsch für Anspannung. 

Ich warte auf den Beginn der Bewegungsgruppe. Aber auch nur, damit ich mich abmelden kann. Warum die Gruppe für draußen bei mir auf dem Plan steht verstehe ich absolut nicht, ich habe von Anfang an gesagt, dass ich bei unebenem Gelände Probleme habe mit dem Sprunggelenk, bei den Temperaturen erst recht. Draußen rumzujoggen ist also das letzte was ich machen werde, erst recht an einem solchen Tag wie heute. 

Stattdessen werde ich in aller Ruhe nach Hause fahren. Mich eine Weile im Bett verkrümeln, ein wenig schlafen, Kraft tanken. Dann Gemüse schnibbeln und Kartoffeln schälen und Kartoffelsuppe kochen. Den Kater ein wenig bespaßen, bekuscheln. Vielleicht das Außengehege der Schweinenasen in der Wohnung aufbauen und ihnen ein wenig Auslauf gönnen. Und dem Kater vermutlich ein wenig Spaß. 

Gutes tun. Heute ganz viel. Ich brauche es so sehr, Selbstfürsorge, auf mich achten. An solchen Tagen sehne ich mich unglaublich danach einfach nochmal Kind zu sein, mich im Bett verkriechen zu können, mir von Mama Kamillentee bringen zu lassen, Geschichten auf Kassette zu hören und mir von ihr etwas vorlesen zu lassen. Das sind die einzigen positiven Erinnerungen, die ich an Kranksein als Kind habe, die Momente, in denen ich bei ihr war. Bei meinem Vater musste ich immer zur Schule, egal wie es mir ging. Nur eine Sache ist mir positiv im Gedächtnis hängen geblieben, als ich einmal völlig fertig abends im Bett lag und mich fühlte als würde ich sterben, brachte er mir eine CD-Sammlung mit Kindergeschichten vom Einkaufen mit. Für mich war das wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag gleichzeitig. 

In den letzten Tagen denke ich oft darüber nach, dass ich doch auch mal die positiven Erinnerungen aufschreiben müsste. Doch da ist so wenig, dass nicht von irgendwas getrübt ist. 

Mein Vater hatte die Angewohnheit sich mittags hinzulegen am Wochenende. Diese Stunden waren für mich als Kind immer qualvoll, weil ich mich so beschäftigen musste, dass er nicht aufwacht. Raus gehen fiel deswegen auch oft flach, denn das war zu laut. Und in den ersten Jahren hatte ich noch nicht mal ein eigenes Zimmer. 

Also flüchtete ich mich in meine Phantasiewelt. Spielte Geschichten nach, stundenlang, begleitet von Kassetten und den Geschichten. 

Später waren diese Stunden für mich eine Erlösung. Ich musste nicht aufpassen, nicht auf der Hut sein. Ich las stundenlang, später schlich ich leise ins Wohnzimmer und holte das Telefon, telefonierte heimlich mit meiner Mama oder mit meiner Therapeutin, wenn ich die Welt gerade nicht aushielt. 

In einer Stunde habe ich Traumagruppe. Dann Essen, ein wenig warten, Blutzuckermessung, ab nach Hause. Es zieht sich, aber es ist absehbar und es macht es mir leichter, dass ich nicht so lange aushalten muss heute, mich nicht quälen muss. 

Leicht neben der Spur und abgefucked

Mit dem Therapeuten fülle ich heute die Flipchart. Oben die aktuellen Symptome, in der Mitte die Dinge, die im allgemeinen zu den Symptomen führen (so nette Dinge wie Grenzüberschreitungen, Gewalt in allen Formen oder Invalidierung) und unten gewisse Persönlichkeitszüge, die ich eben habe und andere Hintergründe. Und letztendlich steht da mein Vater, mehrmals umkreist, davon führen Pfeile nach oben und von dort noch weiter bis zu den Symptomen. Und ich will am liebsten das Blatt zerreißen, will nicht, dass es da steht, so schwarz auf weiß (bzw. rot auf weiß). Prinzipiell ist mir das ja oftmals klar. Fast alles basiert mehr oder weniger auf all den Dingen, die ich jahrelang erlebt habe. Aber es so geballt vor mir zu sehen ist unglaublich schwer. Währenddessen kommen immer wieder Situationen in meinen Kopf. 

Er sucht die Fernbedienung. Findet sie nicht. Fragt mich. Sucht weiter. Fragt mich wieder. Und wieder. Bis ich schließlich erwidere, dass ich sie ja wohl nicht gefressen habe. Kaum sind die Worte raus weiß ich auch schon, dass das ein Fehler war. Er fragt nach, was ich da grade gesagt habe. Ich entschuldige mich. Er fragt wieder nach, steht auf, baut sich vor mir auf, droht mir. Ich soll wiederholen, was ich da grade gesagt habe. Ich wiederhole es und er packt mich und schlägt zu. Wieder und wieder. Ich sei so undankbar, so frech. Er würde schließlich so viel für mich opfern. Am liebsten würde ich ihm ins Gesicht brüllen. Würde ihm an den Kopf werfen, dass er gar nichts für mich tut, außer dafür zu sorgen, dass ich Essen, Trinken, Kleidung und ein Bett habe. Dass ich doch gar nicht bei ihm sein will. Doch ich beiße mir auf die Zunge. Kämpfe gegen die Tränen. Blende die Welt um mich aus, versinke in der Dunkelheit. Bis es vorbei ist und ich gehen darf. Bis er mich ins Bett schickt. Natürlich ohne Abendessen. Ich soll es ja nicht wagen wieder aufzutauchen. Ich gebe mir die Schuld. Schließlich war ich frech. Undankbar. Habe es verdient, habe die Worte und die Schläge verdient. In meinem Zimmer gibt mir die Klinge halt. Der Schmerz, der keiner ist. Und das Blut. Ich rolle mich im Bett ein. Ich wünsche mir so sehr, dass ich nie wieder aufwache. 

Er steht vor mir. „Was ist in der Küche passiert?!“ fragt er mich und ich schaue ihn verwirrt an. Ich habe keine Ahnung wovon er redet. Er kommt auf mich zu, wütend, aggressiv. Er drückt mich aufs Sofa, kniet sich auf mich, schlägt zu. „Gib es endlich zu!“ sagt er immer wieder. Ich schreie, weine, schluchze, ich weiß nicht wovon er redet. Er schlägt zu, wieder und wieder. „Dir ist etwas runter gefallen, davon sind die Fliesen kaputt gegangen!“ brüllt er. In meinem Kopf taucht das Klirren der letzten Nacht auf. Ich bin aufgewacht irgendwann, erschrocken, höre nur sein Fluchen aus der Küche und traue mich aus Angst vor ihm nicht aufzustehen. „Sag es endlich!“ brüllt er und schlägt wieder und wieder zu. „Ich war das nicht.“ schreie ich schluchzend. Es interessiert ihn nicht. Er prügelt auf mich ein, weiter und weiter, bis ich letztendlich etwas gestehe, das ich gar nicht getan habe, nur damit es aufhört. 

Wie jeden Abend sitzen wir im Wohnzimmer und ich muss mir seine „Probleme“ von der Arbeit anhören. Irgendwann rutscht mir raus, dass auch ich Probleme habe. „Aha. Was sollen das für Probleme sein?“ fragt er abwertend. Ich erzähle zögernd von dem Mobbing in der Schule. Davon, dass ich in der Garde immer der Außenseiter bin und behandelt werde wie ein kleines Kind, nicht zuletzt auch, weil er mich überall hin begleitet, die anderen dürfen schon alleine fahren. Er beginnt zu lachen. „Das nennst du Probleme?! Na warte mal ab bis du richtige Probleme hast.“ sagt er. Abends schreibe ich in mein Tagebuch. Ich schreibe, dass ich doch einfach nur geliebt werden will und jemanden möchte, dem ich wichtig bin, jemanden, der für mich da ist. Ich schreibe von Selbstverletzung. Von Suizidgedanken. Es ist Dezember 2002. Ich bin 13 Jahre alt. 

Ich weiß nicht mehr, was im Vorfeld passiert ist. Vermutlich eine ähnliche Situation wie immer. Irgendetwas passt ihm nicht. Irgendetwas habe ich wieder „falsch“ gemacht. Ich sitze auf meinem Bett und schreibe mit zitternden Händen und laufender Nase einen Brief. Ich schreibe, dass es mir so leid tut. Dass ich mich bessern werde. Dass ich ein gutes Kind sein werde. Ich entschuldige mich für irgendwelche Dinge. Ich suche die Schuld für die Schläge bei mir. Schließlich ist es meine Schuld, er sagt es ja immer. Also muss es stimmen. Die anderen Kinder erleben sowas nicht. Also muss mit mir etwas falsch sein. Ich schreibe unter Tränen Wort um Wort um Wort, bitte und bettle um seine Liebe, seine Gnade. 

Mein Vater sitzt heulend vor mir. Erzählt mir von seiner Kindheit, von den Schlägen. Er sagt, dass er seinem eigenen Kind sowas niemals antun würde. Ich sitze da und weiß nicht mehr, was ich denken soll. Was ich fühlen soll. Bin ich verrückt? Ist er verrückt? Wie kann er sowas sagen? Was bitte macht er mit mir? Wie passt das alles zusammen? Mein Weltbild passt nicht mehr. Ich kriege diese Aussage nicht in mein Leben integriert, verstehe absolut nicht, was eigentlich gerade passiert. 

Mai 2006. Das letzte Erlebnis. Ich komme nach Hause, müde von der Schule. Es ist Abend. Er empfängt mich und ich weiß direkt, dass etwas nicht stimmt. Ich spüre es, sehe es ihm an. Ich bin auf der Hut, noch wachsamer als sonst. An die genauen Ereignisse erinnere ich mich kaum noch. Jedenfalls hat er einen Brief gefunden. Von mir an meine Therapeutin. Gefunden. Klar. Er hat meine Sachen durchsucht. Damit weiß er auf einen Schlag alles. Er weiß von der Selbstverletzung, von der Therapie, davon, dass meine Tante meine Vertraute ist. Er brüllt, tobt. Holt aus, zerrt mich vom Sofa. Zum ersten Mal in meinem Leben wehre ich mich. Trete nach ihm, solange, bis er mich loslässt. „Verschwinde!“ brüllt er und ich suche Zuflucht in meinem Zimmer. Erst dann wird meine Erinnerung wieder klarer. Er kommt irgendwann rein. Brüllt, tobt. Ich solle mich auf was gefasst machen. Er würde noch seine Schwester anrufen. „Und dann schlag ich dich tot!“. Bei diesen Worten schaltet alles aus. Die Liebe zu ihm, die Angst ihn zu verlassen (schließlich hat er immer wieder gesagt, dass er sich umbringen würde wenn ich ihn jemals alleine lasse), in mir geht es nur noch ums pure Überleben. Ich fliehe. Zur Türe raus, zu den Nachbarn. Angst, Sturmklingeln, nackte Angst. Als sie endlich öffnen bin ich erleichtert. Flehe sie an die Türe nicht zu öffnen wenn er klingelt. Währenddessen läuft im Hintergrund etwas an, was mir vermutlich mein Leben rettete. Meine Tante informiert panisch meine Therapeutin, meine Therapeutin ruft den Notdienst des Jugendamts und die Polizei. Ich verlasse den Haushalt meines Vaters und werde nie wieder zurückkehren um dort zu leben. 

Erinnerungen. Nur ein paar Situationen, die mich bis heute beeinflussen, die bis heute in meinem Hirn verankert sind. Dazu kommt das jahrelange ‚auf der Hut sein‘. Der Schmerz über die Distanz zwischen meiner Schwester, meiner Mutter und mir. Der Schmerz über ein Leben ohne leben. Und die Situationen, die immer noch so unglaublich schwer greifbar sind, für die mir bis heute oftmals die Worte fehlen, weil es damals dafür einfach keine Worte gab. 

Lange habe ich nicht mehr eine solche Anspannung gespürt wie heute. Vor dem Gespräch aus verschiedenen Gründen und bei dem Termin danach. Lange bin ich nicht mehr heulend hinter meiner Haustüre zusammen gebrochen. Und lange habe ich keine Worte mehr gefunden für die Bilder in meinem Kopf, für den Schmerz in mir. Und lange war ich nicht mehr so nah davor dieses ganze Leben hinzuschmeißen. 

Und hier steh‘ ich
Leicht neben der Spur und abgefucked
Dem Kopf gehts nicht so gut
Der Rest ist fast intakt


Der Therapeut wollte, dass ich meine DBT-Unterlagen mitbringe, also knalle ich ihm gestern einen dicken Ordner auf den Tisch. Er ist beeindruckt, denn er kennt zwar das DBT-Konzept aus einer anderen Klinik, aber so detailliert und so intensiv machen sie es dort nicht. „Nun verstehe ich, warum sie da nicht hin wollten.“ meint er schmunzelnd. Wir besprechen die Dinge, die ich immer noch einsetze und die mir helfen. Und das sind ganz schön viele, eigentlich dachte ich mir in den letzten Tagen, dass ich mal mehr der Inhalte wieder nutzen sollte. 

Er fragt nach den traumatischen Erlebnissen. Welche davon am meisten präsent sind, welche am stärksten immer wieder hoch kommen. Bis zur nächsten Stunde soll ich die Situationen mit einer Überschrift benennen, wie in der Zeitung. Vielleicht hätte ich fragen sollen, ob er nun Bild-Schlagzeilen oder Zeit-Überschriften meint.

Ich unterhalte mich nach der Stabilisierungsgruppe noch mit zwei Mitpatientinnen. Beide sind auch in der Traumagruppe und außerdem auch in meinem Team. Ich mag sie und von den wenigen Dingen, die ich bisher erfahren habe, kann ich ahnen, dass wir ähnliche Dinge mit uns herumschleppen. 

Viel steht gestern nicht auf meinem Plan, ich habe in der Zwischenzeit 3 Stunden frei. Die Zeit nutze ich um einen Teil des Fragebogens auszufüllen, den ich bekommen habe. Zwischendurch muss ich Mama anrufen, denn ich weiß beim besten Willen nicht, wann ich anfing zu laufen (mit 9 Monaten, ich hatte es wohl eilig!) oder zu sprechen (mein erstes Wort beglückte mit 10 Monaten die Welt, seitdem habe ich nicht mehr aufgehört). Die anderen Fragen sind teilweise leicht (welche Probleme haben sie derzeit, wo haben sie gearbeitet, welche Schulen haben sie besucht) und schwer (nennen Sie typische Eigenschaften Ihrer Eltern, wie war die Atmosphäre im Haushalt der Eltern, während sie aufwuchsen, welche Werte wurden Ihnen vermittelt) zu beantworten. Vor allem die Eigenschaften und die Werte machen mir zu schaffen. Alle Werte, die ich von meinem Vater gelernt habe, habe ich entweder sehr schmerzhaft gelernt oder entwickelt, weil er ein Negativbeispiel war. Schöne Scheiße. Mit diesen Fragen werde ich mich wohl noch ein wenig länger auseinandersetzen müssen um sie zu beantworten. 

In der Stabilisierungsgruppe bin ich teilweise kurz davor einer Mitpatientin meinen Ball an den Kopf zu werfen. Sämtliche Skills und Fertigkeiten, die sie nutzt, nennt sie auf dem Hintergrund der Selbstschädigung. Sie nutzt dies und jenes, aber solange bis sie davon Schaden davon trägt. Ich nehme dem Therapeuten die Worte vorne weg, als ich die Definition von Skills nenne. Als sie dann noch erwähnt, dass sie ein Meerschweinchen hat, da mag ich platzen. EIN! Das arme Tierchen. Ich verstehe nicht, wie man sowas tun kann, wie man Tiere, die eigentlich in Gruppen leben, alleine halten kann. 

Als ich heute morgen aufwache steht der Zitronenkater auf meiner Brust und seine Nase berührt meine. Ich blicke direkt in seine Augen und er miaut mich begeistert an, weil ich wach bin und es nun wohl Futter gibt. Nachdem meine Tierchen versorgt sind, setze ich mich erstmal auf mein Sofa. Neben ein Päckchen, dass gestern ankam. Erst da fällt mir ein, welcher Tag heute ist. 

Kurz darauf sitze ich lächelnd auf dem Sofa, Konfetti um mich herum, das Katerkind jagt Luftschlangen durch die Wohnung. Die liebe Fylgja hat es wieder mal geschafft mich zum lächeln zu bringen und zu grinsen wie eine Honigkuchenzitrone. 

Den Weg zur Klinik versüßt mir nun das neue Album der Broilers, eine richtig feine Sache, wenn eine der Lieblingsbands am Geburtstag ein neues Album veröffentlicht. 

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen.

Einige erinnern sich bestimmt noch an damals. Die Zeit, in der man mit einer Kassette im Fach vor dem Radio saß, den Finger über dem Aufnahmeknopf schwebend. Warten, warten, warten, bis das lang ersehnte Lied endlich kommt. Und dann quatsche der Radiomoderator zwischen rein! Daran muss ich gerade denken, als ich Musik von Youtube ziehe, um N. eine CD zu brennen. 

Damals. Ja, ich kenne noch den Zusammenhang von Stiften und Kassetten. Ich weiß auch, wie man eine Telefonzelle benutzt. Ich erinnere mich noch an das Geräusch, wenn das Modem sich ins Internet wählte. Ich habe Disketten benutzt, Briefe geschrieben, die Festnetznummern meiner Freunde auswendig gewusst, für Referate in der Bibliothek Bücher gewälzt. Ich erinnere mich an nur 3 Fernsehprogramme, an Schreibmaschinen und an das Gefühl, zum ersten Mal Google zu benutzen, zum ersten Mal eine SMS zu schreiben, zum ersten Mal einen mp3-Player in der Hand zu halten. 

Viele Erinnerungen aus meiner Kindheit fehlen mir. Die Erinnerungen, die ich habe, sind größtenteils schmerzhaft. Aber es gab da auch diese schönen Momente. 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals in der Bibliothek der Schule saß, aufgeregt, nervös, immer über die Schulter blickend, ob jemand sieht was ich am PC mache. Mein Deutschlehrer hatte mich beiseite genommen. Mich gebeten in der Mittagspause eine Runde mit ihm zu gehen. Ich war 14, es störte ihn nicht, dass ich beim Laufen eine Zigarette rauchte, er gab mir sogar Feuer. Seine Frau, meine Sportlehrerin, hatte mich eine Weile zuvor im Unterricht am Handgelenk gepackt und meinen Ärmel hoch geschoben. Die frischen Wunden und die Narben gesehen. Er erzählte mir, dass sie einen Bericht gesehen hatten. Über Selbstverletzung. Er gab mir einen Zettel mit einer Internetseite. Und nun saß ich da, nervös, und tippte die Buchstaben in die Adresszeile des Browsers. Und las. Und wusste nicht, was ich fühlen soll. Da waren Menschen, so viele Menschen, die fühlten wie ich. Die sich selbst verletzten. Ich war kein Alien. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass es, wenn überhaupt, nur wenige Menschen auf der Welt gab, die sowas machen. Mehrere Monate später meldete ich mich auf dieser Seite an. Und bin bis heute dort Mitglied. „Mein“ Forum. Bis heute gibt es mir oft Halt. Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben habe ich dort kennen gelernt. Es gibt Freundschaften, die seit Jahren bestehen, über Distanz und Krisen hinweg. 

Wenn ich versuche mich an schöne Erlebnisse meiner Kindheit zu erinnern, dann sind sie immer irgendwie getrübt. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, dass einfach nur positiv war. 

Da ist zum Beispiel die Klassenfahrt nach Frankreich. Marseille, Avignon, Saintes-Maries-de-la-Mer. Es war eine schöne Zeit. Obwohl meine Lehrerin im Vorfeld Bedenken hatte, denn sie wusste von der Selbstverletzung, von den Suizidgedanken. Doch sie ließ sich auf ein Gespräch mit meiner Therapeutin ein und war anschließend beruhigt. Mit der Absprache, dass ich während dieser Zeit nichts anstelle, konnte sie leben. Wir hatten viel Spaß. Ein Klassenkamerad betrank sich dermaßen, dass unsere Referendarin ihn mit Klamotten unter die Dusche setzte und ihm den Finger in den Hals steckte. Ein Lehrer trank etwas viel Wein und torkelte abends an uns vorbei, während wir Shisha rauchten an der Rhone, gegenüber der Pont d’Avignon. „Was rauchen Sie da? Ist da was drin? Dann wird das sofort konsumiert! Äh. Konsumiert! Nein. Konfisziert!“. Als ich in einem Café einen Café au lait bestellte, fragte die Bedienung auf Deutsch „Mit Milch?“ und wir fielen fast lachend von den Stühlen. Es war eine schöne Zeit. Doch es war alles getrübt von dem Wissen, dass ich zurück muss. Zurück zu meinem Vater. Und je mehr Tage vergingen, je mehr Spaß wir hatten, desto dunkler und trauriger wurde es in mit. Ich erlebte zum ersten Mal eine schöne Zeit, als Teenager mit Freunden, hatte Spaß, war weit weg vom Einfluss meines Vaters. Ich sah zum ersten Mal, wie ein Leben sein kann, wie die Leben meiner meisten Mitschüler auch zuhause waren. Es war genauso schmerzhaft wie es schön war. 

Meine erste große Liebe. P. war in meiner Klasse. Und obwohl ich wusste, dass ich Mädels toll fand und mich zu ihnen hingezogen fühlte, so mochte ich ihn auch, war verknallt, wusste noch nicht wirklich viel über Homosexualität und noch weniger über meine eigenen Neigungen. Wir verstanden uns, ich wollte Zeit mit ihm verbringen und machte irgendwann den ersten Schritt. Die erste große Liebe vergisst man nicht, so heißt es immer. Und so ist es auch. Und obwohl das Ende schmerzhaft war, so war es doch schön. Beim ersten Liebeskummer denkt wohl jeder, dass man daran stirbt. Doch die Erinnerungen daran, an die Beziehung, sind aus anderen Gründen schmerzhaft und getrübt. Mein Vater verbot mir diese Beziehung. Verbot mir den Kontakt außerhalb der Schule. Besuche, Anrufe. Und so zerbrach die Beziehung. 

Die erste wirklich freie und schöne Zeit erlebte ich mit 17 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch wenn in meinem Leben drumrum damals alles im Chaos war, die Inobhutnahme erst einen Monat vergangen, die Zukunft ungewiss, so war ich doch endlich frei von meinem Vater. Auch wenn es schmerzhaft war, weil ich mich schuldig fühlte, weil die Suizidgedanken mich umklammert hielten, weil vieles in mir einfach dunkel war, so hatte ich doch unglaublich schöne Momente, fühlte mich sicher. Und ich wusste, dass ich niemals zurück gehen werde. 

Bald ist es elf Jahre her. Elf Jahre sind dann vergangen seit jener Nacht, in der die Polizei und das Jugendamt da waren. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Frau G. in ihrem Auto saß. „Ich brauche eine Zigarette!“ sagte ich heulend und sie bot mir eine an. So saßen wir schweigend in ihrem Auto, beide rauchen, nur unterbrochen von meinem Schniefen. Sie fuhr mich in dieser Nacht zu meinem besten Freund. Am nächsten Tag kam ich zu meiner Notpflegefamilie. Saß heulend bei meiner Lehrerin Frau B. im Lehrerzimmer meiner Schule und erzählte, was passiert war. Wusste nicht, wie es weiter gehen soll. Wusste nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. 

Elf Jahre. So viel Zeit. Manchmal fühlt es sich an, als ob seitdem nur wenig anders geworden ist. Und doch… Es liegen Welten zwischen damals und jetzt. Ich bin frei. Vielleicht muss ich mir das viel öfter sagen. 

Seitdem sind da viel mehr Erinnerungen. Es sind nur noch wenige Löcher in meinem Kopf. Und die Erinnerungen sind nicht mehr durch und durch getrübt von der Dunkelheit, die mich zuhause erwartete während so vieler Jahre. 

Vor kurzem bin ich durch Zufall über ein paar Sätze gestolpert, die mich nachdenklich machten. Es ging um das leidige Thema aufräumen und Ordnung halten. Die Person erzählte, dass ihre Mutter immer alle Schränke ausräumte in ihrem Zimmer aus Wut und sie dann aufräumen musste und es ihr deshalb so schwer fällt. Beim Lesen tauchten Bilder in meinem Kopf auf. Die kleine Zitrone, weinend, inmitten von Dingen, während der wütende Vater Schubladen rausriss und auf dem Boden ausschüttete. Mit Drohungen, Beschimpfungen. Bis x Zeit, dass alles wieder in Ordnung zu bringen. Und ich beginne zu weinen, denn ich fühle den Schmerz des Kindes von damals. Und ich weine über diese „neuen“ alten Erinnerungen. Die ADHS-Diagnose erklärte einige Dinge. Und diese Erinnerungen erklären wohl den Rest. Mein Vater hatte immer schon eine Art der Ordnung und Sauberkeit, die mich als Kind wahnsinnig machte. Ein wenig von meinem eigenen Chaos im Zimmer war eine Rebellion dagegen. Und ich merke, dass all diese Dinge, die Rebellion, die ADHS bedingten Sachen und die Erinnerungen an das Aufräumen müssen mich bis heute beeinflussen. 

Solche Dinge bringen mich immer wieder zu der Frage, ob ich froh bin um die Dinge, an die ich mich nicht erinnere, oder nicht. So vieles wird auf einmal klarer und verständlicher, wenn solche Erinnerungen kommen, so schmerzhaft sie auch sind. Meine Kindheit und Jugend besteht aus mehr weißen Flächen und dunklen Löchern als aus Erinnerungen und ich weiß nicht, ob ich wirklich wissen will, was dort eigentlich schlummert. Aber letztendlich ist es auch keine Entscheidung, die ich bewusst treffen kann, denn ich kann nicht steuern ob und was plötzlich wieder auftaucht. 

Gleich werde ich mal Klamotten zusammen suchen und in die Maschine schmeißen. Wegen ansonsten nackt in die DBT-Stadt fahren und so. Und dann hüpfe ich in Kleider und fahre in die Stadt. Treffe mich mit N. und statte der neu eingerichteten Bücherei mal einen Besuch ab. Vielleicht hole ich mir einen Ausweis, je nach Angebot dort, mal sehen. Auf dem Weg zum Bus gehe ich bei der Post vorbei und bringe die Briefe weg. Später will ich hier noch ein wenig weiter Ordnung machen. Anfangen ein paar Dinge zu packen für meine Fahrt. Meine Medikamentenbox wieder bestücken. Leben. Atmen. Frei sein. 

Freiheit bedeutet sein wie ich bin, Freiheit heißt für mich Fehler machen wie’n Kind.
Und wenn’s sein muss, fall ich halt hin.
Doch ich steh wieder auf, Freiheit heißt zöger nicht, sondern lauf
Wenn du weißt was du willst, dann tu es, wenn nicht dann tust du es auch
Freiheit bedeutet frei sprechen, frei machen, frei bleiben
Mauern die, die Angst vom Versagen errichtet einreißen, Mut haben
Freiheit bedeutet auch zu enttäuschen, sich selbst zu erfüllen
anstatt die Erwartungen von anderen Leuten

dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Gestern stürzte das so labile Konstrukt meiner Selbst einfach in sich zusammen. Schon seit nun einem ganzen Haufen von Tagen kämpfe ich, atme, kämpfe, halte aus, skille, atme, kämpfe, skille. Ich bin nicht mehr sicher, woher ich eigentlich die Kraft dafür nehme. 

Gestern dann brach einfach alles zusammen. Die Schwester reichte mir das Tablett bei der Essensausgabe mit den Worten „Da haben Sie immerhin schonmal Ihr Essen, dann können Sie nicht mehr so viel reden.“ Ich stand einfach nur da, perplex, getroffen, kurz vorm Tablett-trifft-Schwester. Ich habe versucht mich zusammen zu reißen, nicht zu eskalieren. „Danke, nun habe ich Anspannung.“ erwiderte ich. Was dann kam war für mich so unerwartet und heftig, dass ich immer noch nicht weiß wie ich es geschafft habe ohne jemanden zu töten. „Die hatten Sie ja vorher eh schon.“ 

Bämm. 

Ich bin gegangen. Raus, schnurstracks, bevor ich eskaliere, im Impuls darauf etwas sage, handgreiflich werde. Ich konnte nur noch daran denken mich zu verletzen. Tief. Viel. 

Zum Glück kam eine Mitpatientin mir nach. Wir setzten uns auf eine Bank, redeten, schwiegen. Ich versuchte mich soweit zu beruhigen, dass ich nochmal auf die Station gehen und skillen konnte, ohne dass ich ausflippe. Habe das dann getan. Ging raus, einfach raus und bewegen, telefonierte mit der kleinen Hexe, rauchte, atmete. 

Wieder auf Station vergrub ich mich erstmal im Klo, weil ich sonst nirgends in Ruhe heulen konnte. Die Schwester kam, klopfte, meinte, dass ich gerne kommen kann wenn ich soweit bin. 

Ich krabbelte einfach erst mal ins Bett. Decke über den Kopf. Bis sie neben mir stand, mit mir redete, mich bat mit ins Stationszimmer zu kommen. 

Sie entschuldigte sich. Ich sagte ihr, dass sie genau die Punkte getroffen hat, die so tief sitzen in mir, genau die Sätze sagte, die ich immer zu hören bekam, die Gefühle auslöste, die meine ganze Kindheit und Jugend bestimmten. 

Sei ruhig. Du bist nicht wichtig. Du darfst nicht reden, nichts sagen. Wie es dir geht ist egal. Sei unsichtbar. Fall nicht auf. Schweige. Wenn es dir schlecht geht, dann ist es dein Problem. Deine Schuld. Du bist falsch, nicht die anderen. 

Und nun muss ich damit klar kommen. Ich saß gestern da und heulte und sie verstand relativ schnell, dass ich ihre Entschuldigung nicht annehmen kann. Und dass ich mich nur noch verletzen will. Verletzen und sterben. Verschwinden. Mich auflösen. Daraufhin rief sie den AvD. Mehr als eine Stunde lang durfte ich auf ihn warten. In der Zeit nicht von Station. Warten und sitzen und sitzen und warten. Der Therapievertrag steht, daran bestand für mich kein Zweifel. Heute morgen kam dann der nächste AvD, abklären wie es gerade ist, ob ich wieder halbwegs okay bin. Naja. Die Suizidalität ist nicht mehr bei 5, aber eine 4 ist nicht besser. Ich mag verschwinden und nicht mehr existieren. Ich kämpfe unglaublich mit den alten Gedanken und Gefühlen in mir. Da ist sehr viel Selbsthass. Das Gefühl keine Unterstützung verdient zu haben. Die Gedanken, dass es mir nicht besser gehen darf. Wozu denn auch? Ich bin doch egal. Und ich fühle mich wie innerlich blockiert. Ich schaffe es nicht mehr hinzugehen und zu sagen, dass es scheiße ist. Es war schon vorher schwer, aber nun funktioniert es irgendwie gar nicht mehr und ich komme nicht dagegen an. Ich schaffe es einfach nicht. Denn wozu auch? Ich bin doch egal. 

Wohin gehen Gedanken, wenn man sie verliert?
Wie klingt ein Lied, wenn es niemand hört?
Muss man für alles irgendwann bezahlen?
Muss bei jedem Sieg auch immer ein Verlierer sein?