Albträume ohne Albträume 

Ich wache auf und bin nass. Alles an mir klebt. Das Shirt, die Bettdecke, die Unterwäsche. Ich schäle mich aus den Klamotten und schlüpfe in neue und tapse mit unsicheren Schritten und zitternden Knien in die Küche, füttere das Katerkind, dann ins Wohnzimmer um die Meeris zu versorgen und sinke dann aufs Sofa. Einen kurzen Moment später sprinte ich ins Bad und schaffe es gerade noch rechtzeitig, bevor mein Magen sich seines Inhaltes entledigt. Ich sinke auf die kalten Fliesen. Zu zittrig um aufzustehen, zu sehr neben der Spur für alles. 

Ich habe von meinem Vater geträumt. Und von D. Es war kein Albtraum im eigentlichen Sinn, trotzdem lässt die Nacht mich entkräftet, durchnässt und kotzend zurück. In meinem Kopf entsteht der Wunsch nach Selbstverletzung, ich weiß, dass im Badschrank Klingen sind, doch selbst die wenigen Zentimeter bis dorthin schaffe ich nicht, schaffe es nicht aufzustehen, schaffe es nicht mich zu bewegen, sitze einfach nur zitternd auf dem Boden. Das Katerkind kommt und miaut mich an, versucht sich zwischen meine Arme zu quetschen, die ich um meine Knie geschlungen habe, reibt sich schnurrend an mir und beginnt mich zu putzen. 

Mein Körper schreit nach Selbstverletzung. Alternativ nach einer Dusche. Doch ich habe keine Kraft, ich kann mich kaum auf den Beinen halten und so gerne ich nun das Wasser auf mir spüren würde, so gerne ich die Fetzen der Nacht von mir waschen würde, ich schaffe es nicht. Später vielleicht. Vielleicht nachdem ich mich verletze habe, vielleicht geht es mir danach endlich besser. 

Irgendwann schaffe ich es gegen die Schwerkraft anzukommen. Schaffe es von Türrahmen zu Tisch zu Türrahmen zu Regal zu Türrahmen zu Bett. Ich müsste auch das Bett frisch beziehen. Und ich müsste was essen, müsste kochen, müsste produktiv sein, müsste duschen, müsste dies und das, mich verletzen, duschen, duschen und nochmal duschen, doch nichts geht. Ich habe meinen zitternden Körper kaum unter Kontrolle. Also falle ich einfach wieder ins Bett, rolle mich auf der Bettseite zusammen, die ich eigentlich nicht benutze, wickel mich in eine frische Decke und dann noch in die frische Kuscheldecke, atme, zittere, sehne mich so sehr nach einer Klinge auf der Haut. 

Vielleicht kann ich schlafen. Vielleicht kann ich meinem durchdrehenden Körper noch ein wenig Ruhe geben, vielleicht ist es danach besser. Vielleicht hört das Chaos im Kopf dann auf, vielleicht ist es dann einfach besser in ein paar Stunden. 

Well, we dreamed our lifes and lived our dreams

Mit gemischten Gefühlen gehe ich heute morgen aus den Haus. Mein letzter Kliniktag liegt vor mir. Ein letztes Mal Frühtreff, ein letztes Mal Massage, ein letztes Einzel. 

Nach der Massage bin ich gerade auf dem Weg zum Rauchen, als das laute Geräusch eines Hubschraubers mich aufblicken lässt. Ich erkenne den Schriftzug an der Seite mit dem Namen und der Nummer und mir wird flau im Magen. Es ist eben jener Hubschrauber, der vor einigen Jahren vor meinen Augen landete und wieder abhob. Ich war damals noch in der Ausbildung, gerade im Praktikum, es war Ferien, wir waren mit den drei jüngsten Kids, 3 Geschwistern, der Wohngruppe auf einem Besuch bei einer Kollegin im Rahmen der Ferienzeit. Die jüngste stolperte und fiel rückwärts ins Feuer der Grillstelle. Für mich war das damals richtig heftig, denn meine Kollegen waren ein wenig überfordert, ich wählte den Notruf und lotste den Krankenwagen zum Haus, versuchte währenddessen noch die beiden Brüder der Kleinen nicht aus den Augen zu lassen und sie abzulenken. Wir besuchten den Piloten, während der Notarzt die Kleine versorgte, ließen uns den Hubschrauber zeigen, winkten ihm beim Abheben nach. Der Kleinen geht es übrigens gut, sie hatte Glück im Unglück. 

Und dann landet er da heute und ich rieche den Rauch und verbrannte Haare, höre die Schreie. Prima. Also versuche ich mich abzulenken, telefoniere kurz mit der kleinen Hexe, verziehe mich hinters Haus, um dem Anblick des Hubschraubers zu entgehen. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem letzten Einzel. 

Ich berichte kurz von dem Hubschrauber und von damals. Dann gehen wir die Formalitäten durch. Den Kurzbrief, den Entlassungsbericht. Anschließend reden wir noch ein wenig. Über die dbt, ich erzähle von unserer Bordi-Truppe und einem Ereignis vor ein paar Tagen, das damit zusammen hängt. Er sagt mir, dass ich große Fähigkeiten habe in vielen Bereichen. Ich frage ihn nach seiner Klinikmailadresse und verspreche ihm mal zu schreiben, wenn ich einen Anfall von Stolz habe. Und zum Abschied kriege ich ein Blatt der Flipchart. Nachdem er bei einem Einzel so völlig begeistert groß „Stolz“ quer über die Seite schrieb, weil ich sagte, dass ich doch ein wenig stolz auf mich bin. Und so ziert nun ein großes Blatt meine Wand über dem Bett, direkt neben den Fotos von Freiburg, dem Lebensvertrag und dem Zertifikat der dbt. 

Mehr Künstlerisches könne er nicht bieten, aber das interessiert mich wenig, denn ich freue mich ungemein. 

Es fällt mir schwer ein letztes Mal das Büro zu verlassen. Ich konnte mit dem Therapeuten wirklich gut arbeiten und es ist schade, dass die Zeit so begrenzt war. Auf der anderen Seite habe ich die Wochen so gut wie möglich genutzt und habe auch das Gefühl, dass es erst einmal genug ist. 

Ich erledige noch den Bürokratiekram mit der Entlassungsbescheinigung und beginne dann mich zu verabschieden. Ich habe viele Leute kennen gelernt und zu einigen wird der Kontakt sicherlich auch weiterhin bestehen. 

Auf dem Weg nach Hause begleiten mich ein Lächeln auf den Lippen, die Sonne, Fury in the Slaughterhouse mit „Won’t forget these days“ und Stolz. Nicht nur als zusammengefaltetes Papier im Beutel, sondern auch im Kopf und im Gefühl. 

Und so finden nun also sieben intensive, anstrengende, kraftraubende, aber auch positive und bewegende Wochen ein Ende. Ich konnte für mich selbst einiges erreichen und lernen. Ein weiteres Stückchen Weg liegt hinter mir. Und: ja, ich bin stolz. 

Nun geht es also weiter. Morgen steht erstmal das Arbeitsamt auf dem Plan, juhu, ich könnte hüpfen vor Freude. Am Wochenende geht es wohl in die dbt-Stadt. Ein wenig Lieblingsmenschen und abschalten. Und zwischendurch vielleicht immer wieder ein wenig stolz sein. 

Won’t forget these days
And I never thought I would
Won’t forget these days

Weiter machen

Meine Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld par excellence. Meine Kraft in den letzten Tagen ging völlig drauf für atmen und durchhalten. Doch das will ich heute ändern, denn ich fühle mich nicht mehr wohl. Und ich brauche vielleicht ein wenig äußere Ordnung gegen das innere Chaos. Und außerdem will ich meinen Kopf beschäftigen, damit ich nicht an Selbstverletzung denken muss. 

Also werde ich gleich erstmal meine Tasche schnappen und zum Supermarkt ziehen. Seit nun 6 Wochen habe ich kein Geld mehr bekommen, die Rentenversicherung lässt sich Zeit. Also kratze ich die letzten Reste zusammen, denn ich sollte was essen und die Meeris und der Herr Kater sowieso. Bevor meine Tierchen hungern ernähre ich mich lieber nur von Nudeln ohne Soße. 

Und dann ist die Frage aller Fragen: wo fange ich an? Vermutlich ist das Wohnzimmer am sinnvollsten, der Mittelpunkt meines Lebens hier. Und von dort ausgehend dann in beide Richtungen. Mit Hörbuch oder Serie. Ich muss es endlich in Angriff nehmen. 

Draußen beginnt der Frühling. Wie sehr habe ich die Sonne vermisst, wie sehr hat mir die Wärme gefehlt. Von mir aus kann es direkt so in den Sommer übergehen. 

Und nun lege ich los, starte in den Tag, beschäftige mich, atme weiter, halte weiter aus. Bis ich wieder lebe und nicht mehr nur überlebe, bis es endlich wieder einfacher wird. Bis ich nicht mehr nur das Gefühl habe aus Traumafolgen zu bestehen, sondern wieder ein freier und atmender Mensch bin. Der andere Weg wäre wieder zu schweigen, wieder zu verdrängen. Doch das möchte ich nicht. Ich will nicht mehr schweigen. Ich will leben, damit leben. Laut und nicht lautlos. 

I wanna scream till the words dry out

„Können Sie es vorlesen?“ fragt der Therapeut am Donnerstag, als ich das Blatt aus meinem Beutel angel. Ich schüttel heftig den Kopf. „Darf ich es dann vorlesen?“ „Wenn es unbedingt sein muss…“ antworte ich ihm und schiebe ein „Ich glaube es ist okay.“ hinterher. 

Und so beginnt er die Worte zu lesen, die mich gleichzeitig etliche Jahre zurück und viele Kilometer weit weg tragen. Ich bin wieder dort und ich bin wieder das kleine Mädchen. Und gleichzeitig sitze ich im Büro des Therapeuten und bin erwachsen. Den Ball in meiner Hand drücke ich so fest, dass es schmerzt. Der Therapeut macht immer wieder Pausen, fragt wie es mir geht, ob es noch geht. 

Als er die letzten Worte liest und aufblickt bin ich gerade dabei möglichst ruhig und tief zu atmen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken und krame in meinem Skillsbeutel nach einem sauren Bonbon um mich einerseits in der Realität zu halten und andererseits den Geschmack in meinem Mund zu vertreiben. Mir laufen die Tränen. 

Wir fangen an die Gefühle aufzudröseln. Die Flipchart muss herhalten und der Kreis auf dem weißen Papier füllt sich mit Gefühlen und Gedanken. Ein kurzes Lächeln blitzt über mein Gesicht, denn ich muss an meine Therapeutin in Freiburg denken, sie wäre begeistert von den ganzen Gefühlen, die ich so klar sehen und benennen kann mittlerweile. 

Da sind Wut und Angst und Ekel und Scham. Und natürlich Schuld und Selbsthass. Und während die Gedanken dazu ihren Platz finden, während all diese alten Glaubenssätze aus meinem Kopf aufs Papier kommen, ändert sich etwas an der Verteilung der Gefühle. Die Wut nimmt mehr Raum ein. Denn da ist das völlig rationale und professionelle Hirn der Erwachsenen in ihrer Berufsrolle, die sich vorstellt dieses Kind vor sich sitzen zu haben. Und so finden auch andere Sätze ihren Platz auf dem Papier. Die gesunden Sätze, die Sätze, die sagen, dass es vorbei ist, dass Kinder niemals die Schuld tragen, dass ich wütend sein darf. Diese rationale Betrachtungsweise ändert mittlerweile doch auch ein wenig die Gefühle. Sie ermöglicht es mir wütend zu sein und es zu akzeptieren. Sie lindert die Angst, denn es ist vorbei. Die Scham bleibt, denn es ist passiert und ich schäme mich dafür. Die Schuld lässt sich auch nur wenig beeindrucken, denn das Gefühl ist so fest mit meinem Ich verwurzelt, dass es sich nur zögerlich und in winzigen Schritten ändern lässt. Der Selbsthass bleibt, aber wird leichter auszuhalten. 

Und so sitze ich am Ende der Stunde da und bin erstmal erledigt. Es war anstrengend und schmerzhaft und ich bin wieder mal froh, dass ich dem Impuls zu schneiden nicht nachgeben kann, da ich aufgehört habe immer eine Klinge dabei zu haben. 

Doch so schrecklich es auch manchmal ist, ich merke immer wieder, dass es mir gut tut und hilft. Es wird leichter zu sprechen. Leichter zu schreiben. Und leichter die richtigen Dinge zu fühlen, die Gefühle zuzulassen, die da hin passen und nicht den ganzen anderen Kram. Es ist erstaunlich, ich hätte nicht gedacht, dass diese paar Stunden Therapie während der Reha da irgendwas verändern können. 

Und weil ich doch ein wenig stolz auf mich bin, weil ich mir gerne was gönnen möchte und weil mein Handy auf dem morgendlichen Weg zur Klinik drei Mal Suizid beging, stöbere ich ein wenig auf der Seite meines Festnetzanbieters herum, denn ich habe die Möglichkeit mir dort ein Handy zu finanzieren und weniger als eigentlich zu bezahlen, da ich bestehender Kunde bin. Und als bekennender HTC-Liebhaber hüpfe ich anschließend fast vor Begeisterung, denn das neue Smartphone ist verfügbar. Also telefoniere ich kurz mit dem Festnetzanbieter, wie es aussieht mit Konditionen („Naja, eigentlich würde ich ja meinen Vertrag kündigen, ich habe ja schon mit ihrem Kollegen gesprochen wegen Angeboten, ich bin da noch soooooo unsicher, neues Handy, hmmmm, ich weiß ja nicht… „) und mache dann erstmal ein paar Leute wahnsinnig, weil ich nicht weiß ob ich das wirklich tun soll. Schließlich drücke ich doch auf den Button, bekomme kurz darauf eine Mail mit der Bestätigung und habe also ein neues Handy. Und sofort macht sich das schlechte Gewissen breit. Denn der Gesamtpreis ist einfach so viel Geld! Über die Finanzierung und mit dem Bonus als Kunde ist es eigentlich nicht viel, aber zusammen… Wusa! Ich hadere noch eine Weile mit mir, bis ich angedroht bekomme, dass mir jemand gleich mal auf den Hinterkopf schlägt. Dann ist es halbwegs okay und ich warte sehnsüchtig auf eine Mail, dass das Paket unterwegs ist. Die kam gestern und heute morgen aktualisiere ich zuallererst den Status und hoffe, dass es wirklich heute kommt. 

Und dann klingelt es und ich hüpfe begeistert zur Tür, freue mich, die Postbotin freut sich mit mir und kurze Zeit später packe ich mein neues Handy aus. Ein Träumchen! Da ich beim gleichen Hersteller bin gibt es nicht viel Umgewöhnen. Also installiere ich Apps, richte ein, mache dies und das. Und ich freue mich, denn ich habe mir was gegönnt und da mein altes Handy langsam wirklich nicht mehr das tut, was ich von ihm möchte, ist es noch nicht mal nur Luxus. 

Wenn ich unterwegs bin, dann höre ich eigentlich immer Musik. Streaming ist eine feine Sache, man kann quasi fast alles überall hören. Ich nutze gerne diverse Playlists, da kann man immer wieder Sachen neu oder wieder entdecken. So ging es mir am Freitag mit einem Lied, dass ich eigentlich kenne, aber eigentlich noch nie so sonderlich genau auf den Text geachtet habe. Anders am Freitag auf dem Weg zur Klinik. Und so läuft das Lied auf dem Rückweg hoch und runter, in Originalversion und verschiedenen anderen Versionen. Und es trifft momentan so unglaublich gut zu. 

You’ve got the words to change a nation
But you’re biting your tongue
You’ve spent a life time stuck in silence
Afraid you’ll say something wrong

Worte waren schon immer ein Halt für mich. Ob früher in Büchern oder heute auch beim Schreiben. Und so oft Schweige ich. Aus Angst. 

You’ve got a heart as loud as lions
So why let your voice be tamed?
Baby we’re a little different
There’s no need to be ashamed
You’ve got the light to fight the shadows
So stop hiding it away

There’s no need to be ashamed. Das sage ich mir momentan ständig und das sagen die Fachmenschen und die Mitmenschen. Die letzte Person, die sich schämen sollte, bin ich! 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Und genau so fühle ich mich derzeit oftmals. Ich will nicht mehr schweigen, ich will es rausschreien, all die schlimmen Dinge und all den Schmerz, ich will brüllen bis meine Stimme versagt, bis all die Worte aus mir raus sind, bis es okay ist. 

Und ja, mittlerweile kann es auch öffentlich hier stehen (wenn auch fast komplett anonym, abgesehen von den Leuten, die mich privat kennen und den Blog lesen.) I’m not afraid. They can read all about it. Ich habe keine Angst mehr zu schreiben. Keine Angst mehr die Worte zu formulieren. Ich weiß, dass ich nicht daran sterbe. Es bringt mich nicht um in Worte zu fassen was geschehen ist. Und ich habe keine Angst mehr dies über diesen Weg zu tun. Denn ich will auch anderen die Angst nehmen, ich will auch andere ermutigen ihr Schweigen zu brechen. Ich will anderen geben, was mir so lange fehlte: das Gefühl nicht alleine zu sein. Und den Mut, dass es leichter werden kann damit zu leben. 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Auf dem Heimweg von der Klinik überflutet mich das unglaubliche Bedürfnis mir etwas Gutes zu tun. Das kommt völlig überraschend und ich brauche auch eine Weile, bis mir klar wird, was das grade ist. Es kommt selten vor, dass dieser Gedanke nicht bewusst in meinem Kopf entstehen in Richtung „ich muss/müsste mir mal was Gutes tun“ sondern als ein Bedürfnis auftaucht wie Durst oder Schlaf. Und ich weiß auch, dass es wirklich nötig ist, wenn dieses Bedürfnis so durchschießt durch die Wand aus Glaubenssätzen, die mir sagen, dass ich das nicht darf, dass es nicht okay und schon gar nicht gut sein darf. Also nehme ich es ernst und verschwinde, nach Telefonat mit der kleinen Hexe und Meeris ausmisten, im Bad. Fast eine Stunde verbringe ich unter der heißen Dusche und lasse das Wasser über mich laufen, genieße das Gefühl und stelle mir vor, dass all der Schmutz und der Ekel und die Scham von mir herunter fließen und im Abfluss verschwinden. Ich gönne mir die Zeit, gönne mir eine Haarkur und genieße den Duft von Duschzeug, Shampoo und allem, creme mich danach in aller Ruhe ein und schlüpfe in bequeme Hose und Lieblingspulli. Dann kuschel ich viel und lange mit dem Kater, füttere ihn und die Meeris, schmeiße mir Camembert in den Ofen, weil ich total Lust darauf habe, esse in Ruhe und liege nun eingekuschelt im Bett. Mich selbst ernst nehmen und mir viel Gutes tun, vor Freiburg quasi undenkbar ohne danach komplett durchzudrehen und mich zu verletzen. 

Zwischendurch suche ich nach der Datei, die ich vor einigen Jahren geschrieben und nie wieder geöffnet habe. Als die erste Erinnerung hochkam, die erste klare Erinnerung mit Bildern und Geräuschen und Gerüchen und dem Wissen, wer dieser Mensch ist, musste ich das aufschreiben, denn mir war klar, dass ich es lange, vielleicht auch niemals, aussprechen werden kann, was genau da passiert ist. Außerdem wollte ich dieses absolut Unfassbare einfach aus mir raus haben. Ich habe es damals mit in die Therapie genommen, meiner Therapeutin gegeben, ich wollte es nur weg haben, dieses böse Blatt Papier voller böser Worte, ich konnte es auch nicht vorlesen oder mir nochmal von ihr anhören. Ich wollte eigentlich nur von ihr hören, dass es Einbildung ist, ein völliger Blödsinn meines Hirns, doch den Gefallen tat sie mir damals nicht. 

Heute ist es die erste Erinnerung von vielen, die aus den Tiefen meines Ichs aufgetaucht ist. Heute weiß ich, dass diese Erinnerung real ist, auch wenn ich sie mir oft weg wünsche und sie viel lieber als Krankenhaus Phantasie meines Kopfes sehen würde. 

Ich will die Worte nicht lesen, als ich die Datei öffne, doch mein Blick fällt automatisch auf sie. Und mir fällt auf, dass ich vieles nicht benennen kann, weil ich die Worte in diesem Kontext einfach nicht finde. Es sind Worte, die zwar existieren in meinem Sprachgebrauch, die ich auch benutze, doch ich schaffe es nicht, wenn ich mich an diese Situation erinnere. Sie scheinen wie ausgebrannt, wie schwarze Stellen in meinem Gehirn, als ob ich wieder das kleine Mädchen wäre, dass diese Worte damals noch nicht kannte. Selbst ohne Dissoziation und Flashback, mit voller Realität um mich herum und als Erwachsene, bin ich sprachlich gesehen in diesem Moment das kleine Mädchen und kann nicht aussprechen, was es eigentlich ist. Ich kann umschreiben, kann sagen das da etwas ist, aber ich kann es nicht benennen. Nicht mit diesem Kontext. Und es macht mich ziemlich wahnsinnig, wo Worte doch genau das sonst ermöglichen beim Schreiben, Dinge zu benennen, die ich nicht aussprechen kann. Wo Worte so oft mein Halt waren und sind, mir Realität geben und ausdrücken, was ich kaum auszudrücken vermag. 

Verdammter Mist. 

Jedenfalls liegt das Blatt nun ausgedruckt da, denn der Therapeut wollte wissen, welche Situation mich am Wochenende da so herrlich als Flashback begrüßte. Ich bin gespannt auf die Stunde morgen und ich weiß, dass es alles andere als leicht werden wird. 

und die Folgen der Konfrontation… 

Trotz meiner völligen Erschöpfung schaffe ich es etwas kleines zu kochen und zu essen. Seitdem ist mir zwar unglaublich übel, aber mein Magen protestiert nicht mehr lautstark. Warum muss dieses verdammte Essen nur mit dem Mund gemacht werden? Heute war das absolut triggernd, aber was soll man machen…

Und dann… Tja. Dann liege ich im Bett und habe Angst. Angst vor der Nacht, Angst zu träumen, Angst mit Flashbacks aufzuwachen, Angst vor der Dunkelheit, Angst die Augen zu schließen, Angst die Kontrolle zu verlieren. 

Ich rolle mich an der äußersten Bettkante zusammen, die Wand im Rücken, den Blick zur Tür. Meine Haustüre habe ich 2 Mal abgesperrt und noch 2 Mal kontrolliert, ob auch wirklich zu ist. Mein Nachtlicht brennt, ich kann die Nacht nicht in völliger Dunkelheit verbringen. Mein Katerkind hat sich an meinen Füßen zusammen gerollt. Auf dem Tablet läuft eine Krimiserie. Damit der eigene Horror im Kopf nicht mehr so laut ist. 

Ich denke daran, dass es irgendwann leichter werden wird. Dass es irgendwann einfacher wird damit zu leben. Trotzdem zu atmen. Doch gerade ist das schwer zu glauben. Ich sehne mich nach der Erleichterung der Schnitte und der Ruhe, die die Selbstverletzung im Kopf hinterlässt. Doch ich werde den Kampf ein weiteres Mal gewinnen, denn heute werde ich nicht nachgeben. Ich werde nicht nachgeben, weil ich einen weiteren Schritt gegen das Schweigen und gegen diese Macht in meinem Leben gegangen bin. Ich werde mich nicht verletzen, weil ich kämpfe gesund zu werden. Es gibt genügend Gründe zu schneiden, aber diese Schritte werden kein Grund dafür sein, egal wie laut es in mir schreit. Ich habe heute einen weiteren Kampf gewonnen, eine weitere Schlacht geschlagen, gegen meinen Vater, gegen die Vergangenheit, gegen das Schweigen. Und dieser heutige Kampf wird gewonnen bleiben. 

Und trotzdem fühlt es sich furchtbar an. Und trotzdem möchte ich alles hinwerfen und aufgeben und schreien und mich zerschneiden. 

Was für ein Scheiß. 

Konfrontation

In der Traumagruppe der Klinik gibt es die Möglichkeit, sich gezielt mit dem Trauma/den Traumata auseinander zu setzen. Beispielsweise in Form einer Lebenslinie. Ich habe vor einer Weile angemerkt, dass ich das gerne mal machen würde. Freitags ist immer doof, denn am Wochenende ist da eben nicht der Therapeut da, der notfalls auffangen kann. Heute wollte eine andere Therapeutin die Gruppe übernehmen, deswegen wollte ich sie mir erstmal anschauen, bevor ich dort einen Seelen-Striptease hinlege. 

Doch direkt nach dem Frühtreff läuft mir die Therapeutin, die bisher die Gruppe geleitet hat, über den Weg und sagt, dass sie heute die Gruppe nochmal übernimmt. 

Also mache ich mich darauf gefasst, dass ich mich in geballter Wucht mit meinem Leben auseinander setzen werde. Dass eine liebe Mitpatientin heute geht verbessert meine Anspannung nicht wirklich, doch wir nutzen die Zeit und trinken noch zusammen etwas in der Cafeteria. 

Mit jedem Moment in der Traumagruppe nimmt meine Anspannung zu. Die Eingangsrunde, in der jeder kurz sagt wie es ihm geht und wo die Anspannung steht, die Neuen sich kurz vorstellen und die Therapeutin ihnen kurz ein paar Dinge erklärt, dauert heute viel zu lange. Ich werde unruhiger und unruhiger, habe das Gefühl die Anspannung kaum noch auszuhalten, drücke die Spitzen des Akupressurballs fest in meine Haut. 

Dann darf ich beginnen. Zuerst mit dem wirren Geflecht aus Familie, aus Erklärungen, wieso ich bei meinem Vater aufgewachsen bin. Und dann mit meinem Leben. Jahr um Jahr arbeiten wir uns nach vorne. In rot stehen da die Ereignisse, die so unglaublich schwer waren, die Therapeutin fragt immer wieder nach den Auswirkungen und malt Pfeile. Und auch wenn es „nur“ bis zu meinem 17. Lebensjahr wirklich grausam war, so steht da doch unglaublich viel. Und dazwischen auch einige Dinge in grün, Dinge, die mir geholfen haben. Einerseits die Selbstverletzung, die natürlich nicht die beste Lösung, aber damals eine sinnvolle war. Die Therapie, die mir dann damals Halt gab. Meine Schwester, die trotz der Distanz immer so viel Halt und Wärme für mich bedeutet hat. Und letztendlich der große Knall, die Inobhutnahme. Zwischendurch suche ich immer wieder nach Worten. Die Tränen laufen mir die Wangen hinunter und ich versuche nicht, diese Gefühle zu unterdrücken. Dann atme ich erstmal durch. Das Blatt an der Flipchart ist voll. Die wichtigsten Dinge stehen da, und auch wenn wir nicht in die Tiefe gehen, so ist es doch anstrengend und schmerzhaft. Es ist immer noch unglaublich schwer all diese Dinge in Zusammenhang mit meinem Vater zu nennen. Es ist schwer auszusprechen, dass da so viel war, das nicht hätte sein dürfen. Der sexuelle Missbrauch. Die körperliche Gewalt. Das ständige Abwerten und Kleinhalten und mir einreden, dass ich doch nie etwas schaffen werde, dass ich unnütz und unfähig bin, dass ich doch keine Probleme habe, dass ich selbst Schuld sei, wenn er mich verprügelt. Es tut weh diese Gesamtheit zu sehen, diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein. Und doch ist es nicht nur schmerzhaft, nicht nur furchtbar. Denn es gibt da auch diese Momente, in denen ich mich gewehrt habe. Zwar nicht direkt, aber dennoch. Ich bin hinter seinem Rücken zur Therapie gegangen. Und ich bin damals weg. Und ich habe die räumliche Distanz zwischen uns gebracht. Und ich habe den Kontakt abgebrochen. 

Danach dürfen meine Mitpatienten etwas dazu sagen. Ich entspanne mich langsam, denn es ist raus. Der Horror ist ausgesprochen, formuliert, aufgeschrieben. Meine Mitpatienten sind betroffen. Erstaunt, dass hinter der Fassade eine solche Geschichte steckt. Sie geben mir viel Positives mit, viele liebe Worte. Und die Therapeutin sagt, dass man manchmal denkt, dass ich doch klar komme und keinen Raum brauche, denn ich kann viel und weiß viel und kann damit überspielen, wie verletzlich ich hinter dieser Mauer doch bin. Und sie sagt, dass sie auch meine Wut gesehen hat. An dem Tag, als die Traumagruppe so triggerte und ich so am Boden war. Als der Moment kam, in dem aus der Anspannung und Hilflosigkeit die Wut auf meinen Vater wurde und ich diese Wut beim Armdrücken mit dem Supervisor auch endlich körperlich spüren konnte und durfte. 

Die Stunde tat gut. Unglaublich gut, denn mit jedem Mal geballte Kindheit und Jugend wird mir klarer, woher die ganzen Gefühle kommen und es wird mir klarer, dass ich wütend sein darf. Dass ich ihn auch hassen darf. Und die Therapeutin sagt noch etwas sehr wichtiges. Dass es auch in Ordnung ist, wenn beide Seiten existieren. Die Wut und der Hass, aber auch die Seite die ihn liebt, weil es auch positive Momente gab und er nunmal mein Vater ist. Es ist okay und es darf beides sein. Wichtig ist nur, dass ich auch beides zulassen kann. Und dass ich mich selbst schütze, wie beispielsweise mit dem Kontaktabbruch. Und für mich ist es auch so wichtig diese Wut zu integrieren, denn bisher konnte und durfte ich das nicht und es ging letztendlich immer gegen mich selbst. Ob in Form von Selbstverletzung oder in extremen Suizidgedanken oder sogar – versuchen. Ich darf wütend sein. Ich darf es. 

Nach der Stunde bin ich erschöpft. Die extreme Anspannung macht sich bemerkbar. Der Abschied von der lieben Mitpatientin schmerzt und es ist so schön sie einfach nochmal fest zu drücken und ihr nachzuwinken. Essen gehen kann ich nicht. Stattdessen sitze ich draußen und rauche erstmal, sammel dann meinen Kram für die Tiefenentspannung. Danach bin ich noch erschöpfter und unglaublich müde und froh, dass wir in der Körpererfahrung viel liegen. Und die Dinge, die wir da tun, helfen mir in meinen Körper zurück zu finden, der irgendwann während der Traumagruppe den Kontakt zum Rest von mir beendet hat. Ich bin danach zwar nicht weniger müde und erschöpft (eher im Gegenteil), doch ich spüre mich wieder und habe wieder das Vertrauen in meine Beine, dass sie mich tragen ohne unter mir wegzuknicken. 

Mein letzter Tagespunkt ist die Massage. Bei der ersten Berührung der Hände spannt sich mein Körper an, meine Muskeln verkrampfen und ich brauche einen Moment um wieder in die Wirklichkeit zu kommen, mich wieder zurück in den Raum zu holen und raus aus den Erinnerungen, die mich überfluten. Ich fange wieder an mich zu entspannen, während ich im Kopf all die Dinge durchgehe, die nun anders sind. Ich bin erwachsen. Es ist ein Mann, der mir nichts tun wird. Ich bin hier in Sicherheit. Es ist 2017. Alles ist gut. Es ist nicht damals, es ist nicht mein Vater. Und dann schießt plötzlich eine Erinnerung in mein Bewusstsein, die lange vergraben war: die Berührung am Po. Bis ich damals aus der Wohnung raus kam und seit ich denken kann, war diese Berührung da. Er hat mir immer an den Po gefasst wenn ich neben ihm stand, beim Geschirr spülen, beim vorbeigehen, bei so vielen Gelegenheiten zuhause. Ich mochte das nie, habe ihm das auch immer wieder gesagt. Doch meistens war die Antwort darauf „Du bist mein Kind, du bist mein Eigentum, ich kann tun was ich will.“ ergänzt von einem „das ist doch gar nicht schlimm.“ Und rückblickend wird mir klar, dass auch das eine Form von sexuellem Übergriff ist, dass da nicht nur der Missbrauch in der frühen Kindheit war, sondern diese Berührungen immer weiter gingen, auch wenn der Zwang ihn zu befriedigen, ob nun oral oder durch anfassen oder durch wirklichen Sex, aufgehört haben. 

Ich denke an die Worte der Körpertherapeutin in der dbt. „Massage ist eine Wertschätzung.“ Und als genau das versuche ich die Massage dann anzunehmen, als es mir gelingt die Hände auf meinem Körper auch dem Menschen zuzuordnen, der gerade neben mir steht. „Es ist okay“ antworte ich auf die Frage, ob alles gut ist oder er aufhören soll und ich entspanne mich vollends und genieße das Kneten und Rumgedrücke und merke, wie er die richtigen Punkte findet und ein paar meiner Wirbel wieder an die Stellen wandern, an denen sie eigentlich sein sollten. 

Nun sitze ich zuhause. Völlig erschöpft und müde, aber entspannt. Mein Katerkind liegt auf meinem Schoß und hält ein Schläfchen und ich genieße die Wärme, die er ausstrahlt. Ich würde gerne einfach nur ins Bett kippen, doch dann bin ich entweder mitten in der Nacht wieder wach oder morgen müde von zuviel Schlaf. Außerdem muss ich noch etwas essen, denn mein Magen protestiert lautstark. Und es gibt auch noch ein paar Chaosstellen in meiner Wohnung, die nach Beseitigung schreien. 

Ich werde also noch was tun. Aber in meinem Tempo, mit viel Gutem für mich zwischendurch, denn ich finde, dass ich das nach dem Tag absolut verdient habe. Und heute kann ich das auch fühlen, kann mich absolut okay finden, kann die Erschöpfung akzeptieren und die anderen Gefühle, die dieser Tag in mir geweckt hat, aber ich kann auch die Dinge sehen, die positiv sind und ich kann akzeptieren, dass es heute eben ist wie es ist. Und wenn das schon mal funktioniert, dann sollte ich das definitiv wertschätzen. 

Die dunkle Nacht wird mal vergeh’n.

Ich träume vom Ertrinken. Ich kriege keine Luft. Um mich rum ist nur Wasser. Dann wache ich auf und wache doch nicht wirklich auf. Das Bild verändert sich. Es wird dunkler, verwischter. Ich kriege wieder kaum Luft, denn in meinem Mund ist etwas und ich muss kämpfen mich nicht zu übergeben. Ich höre seine Stimme, höre, dass ich mich nicht so anstellen soll, höre, dass das doch schön ist. Ich finde es ganz und gar nicht schön. Aber das kann ich ja nicht sagen, denn ich habe etwas im Mund und ich darf es auch nicht sagen, weil ich sonst wieder Schläge kriege. Mir ist so übel, so unglaublich übel, und ich ringe um jedes winzige bisschen Sauerstoff zwischen den Tränen und Schluchzern. Ich verstehe nicht, was da passiert, ich weiß nur, dass ich es nicht will. Ich kämpfe um die Luft dort in diesem Raum und gleichzeitig in meinem Schlafzimmer. Es gibt mich dort und es gibt mich hier, in der Realität und für einen kurzen Augenblick erkenne ich den Flashback und schaffe es zu handeln. Stechender Geruch reißt mich zurück in die Realität, in der ich zitternd und nach Luft schnappend auf meinem Bett sitze, das Fläschchen Ammoniak in der Hand. Kurze Zeit später hänge ich über meiner Kloschüssel und versuche den Geschmack und das Gefühl der Erinnerung aus mir raus zu befördern. 

Eine Weile und sämtliche Anti-Disso-Skills später sitze ich erschöpft auf dem Sofa und lasse mich von der Wärme und dem Schnurren des Katers in der Realität halten. Ich hasse diese Flashbacks, die mich direkt nach dem Aufwachen überfallen, in dem kurzen Moment, in dem ich noch nicht wirklich wach bin und die Kontrolle wieder habe. So einen Start in den Tag hasse ich, denn die Bilder verschwimmen nur langsam und beeinflussen mich noch mehrere Stunden. 

Die Erinnerungen an diese Situation waren das erste konkrete, das damals kam. Die Dinge davor waren wirr, ohne Gesicht oder Stimme. Diese Erinnerungen riss mir damals den Boden unter den Füßen weg und ich sprach lange nicht darüber, kann bis heute nicht darüber sprechen. Ich schrieb es damals auf, gab es meiner Therapeutin. Denn das Schreiben fällt bis heute deutlich leichter. Es gibt kein direktes Gegenüber, ich tippe nur Buchstaben hinaus in die Welt, kann nebenbei Pausen machen und kann dann und dort schreiben, wenn und wo ich mich sicher fühle. 

Ich denke an die ersten zaghaften Versuche meiner Therapeutin an dieses Thema ran zu kommen. Meine Reaktionen, mein Abblocken, mein vehementes Leugnen einer Möglichkeit, dass diese Dinge Realität sein könnten. Denn die Bilder bis dahin waren genauso eindeutig wie uneindeutig. Es hätte jeder gewesen sein können, es hätte doch auch einfach nur irgendwas anderes sein können. Heute weiß ich, dass es schon damals eindeutig war. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagt meine Therapeutin immer. Ich denke an damals, ich denke an die Worte von Frau S., meiner Kinder- und Jugendtherapeutin.

 Liebe S.,

es war genauso als Du bei mir warst. Ich hatte ebenso das Gefühl, dass da mehr gewesen sein muß und Du warst damals fest der Meinung, dass in Richtung sexueller Mißbrauch bezogen auf Deinen Vater nichts war.

Nachdem ich im Oktober bei ihr war, lange und viel mit ihr geredet habe, fällt es ein wenig leichter darüber zu sprechen. Denn sie hat dem Teil in mir, der so vehement gegen ein mögliches Wahrsein dieser Dinge kämpft, den Wind aus den Segeln genommen. Ihre Worte, die mir bestätigten, dass für sie vor 14 Jahren schon klar war, dass ein Missbrauch stattgefunden haben muss. Ihre Klarheit in Bezug darauf, ihre Fähigkeit mir zu sagen, dass ich nicht solche Flashbacks hätte, wenn sie nicht stimmen würden. Sie hat mir ein Stück mehr geholfen auf dem Weg zu akzeptieren, dass diese Dinge Realität sind. Meine Therapeutin versucht das seit Jahren, doch es war nochmal anders es von jemandem zu hören, der mich auf eine andere Art und Weise kennt, der mich länger kennt, der mit mir nicht den Weg durch die qualvollen Erinnerungen gegangen ist. 

Und so sehr es heute noch Momente gibt, an denen ich nicht wahrhaben will, dass diese Dinge wirklich geschehen sind, so sehr kämpfe ich sich dafür, dass sie wahr sein dürfen, wahr sind. Ich versuche ihnen Raum zu geben, versuche nicht zu schweigen. Es gibt zuviel Schweigen, es gab in meinem Leben zuviel Schweigen. Und plötzlich machen so viele Kleinigkeiten einen Sinn. Plötzlich erklären sich die Körperflashbacks, die Übelkeit und die Schmerzen. Plötzlich erklärt sich die Angst vor dem Ersticken und der Ekel vor Dingen in meinem Mund. Plötzlich erklären sich diese ganzen Zeichen, die ich so lange nicht wahrhaben wollte. 

Vielleicht gehört es dazu, dass man immer wieder zweifelt, ob diese Dinge wirklich passiert sind. Vielleicht wird es niemals aufhören. Aber vielleicht werden der Ekel und die Scham auch weniger und es darf irgendwann wirklich wahr sein, was eigentlich nicht wahr sein darf. 

So oft wünsche ich mir, dass das Leugnen und Schweigen aufhört. Dass ich darüber reden kann. Vor allem mit meiner Mutter. 

Ich verfolge nicht das Ziel, meinem Erzeuger zu schaden. Ich will ihn sein Leben leben lassen, will ihn nicht anschuldigen, anklagen. Es hätte für mich keinen Sinn. Und ich will es auch nicht und schweige deswegen oft noch, denn mir ist klar welche Konsequenzen solche Dinge mit sich ziehen. Und trotz all der Dinge liebe ich ihn und kann das nicht ändern. Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich ihn nicht einfach nur hassen kann. Und manchmal ist es okay wie es ist. Vielleicht wird es leichter das Schweigen zu brechen, wenn er nicht mehr da ist. Denn dann muss ich nicht fürchten, dass ich ihm doch irgendwie schade und bin vielleicht die Angst los, die mich immer noch umtreibt, die Angst vor der brutalen Gewalt, vor den Schlägen, vor dem eingesperrt werden, vor dem völlig ausgeliefert sein. Ich will keine Rache. Ich will einfach nur darüber sprechen können, will damit leben lernen. Und dieser Weg führt nicht durch Schweigen. Ich will gesund werden und ein Leben führen, in dem diese Dinge zwar passiert sind, aber mich nicht mehr ständig heimsuchen. Ich will bestimmen können, wann und wie ich mich damit auseinander setze und nicht morgens um 6 aus der Realität gerissen werden und das kleine Mädchen sein und erleben und spüren, was ich damals erlebte und spürte. 

Ich blicke auf meine Arme. Blicke auf 17 Jahre Narben, 17 Jahre Kampf gegen mich. Vielleicht findet auch das ein Ende, wenn das Schweigen enden darf, wenn ich aussprechen darf, was in mir tobt, wenn ich nicht mehr nur mich hassen darf, sondern auch den Menschen, der mir so wehgetan hat. 

Gestern habe ich vielleicht einen weiteren Schritt gemacht weg vom Schweigen. Ich habe mit meiner Tante telefoniert. Bestimmt 3/4 des Gesprächs habe ich nur geheult, denn es fällt so schwer zu erklären, dass man einfach nicht in der Lage war den Kontakt zu halten, dass der Alltag sämtliche Kraft gefressen hat. Und es fällt noch schwerer zu äußern, wohin diese Kraft ging, dass die Erinnerungen und das Aushalten der Erinnerungen an den Missbrauch einfach alles aufgesaugt haben. Es fällt schwer auszusprechen, dass da mehr war als die körperliche und die seelische Gewalt. Und am liebsten würde ich leugnen, dass diese Dinge Realität sind, denn das ist so viel leichter und um so vieles weniger schmerzhaft. Und so furchtbar es gestern auch war diese Dinge auszusprechen, so befreiend war es auch. Und sie ging auch nicht direkt in eine Verteidigung und ein Um-sich-schlagen wie meine Mutter. Meine Therapeutin wird wohl ein kleines Freudentänzchen hinlegen, wenn ich ihr erzähle, dass ich es endlich geschafft habe, dass der Wunsch, der in der Therapie seit so vielen Jahren besteht, nun Realität wurde. 

Mein Katerkind miaut mich kläglich an, weil ich nun schon wieder auf dem Sofa sitze und heule. In den letzten Wochen heule ich so viel, dass ich manchmal denke die ganzen Tränen der letzten Jahre bahnen sich nun einen Weg. Tränen, die ich sonst nur rot weinen konnte, die nur Ausdruck in den Schnitten auf meinen Armen fanden. 

Es ist kein leichter Weg, den ich gerade gehe. Manchmal möchte ich mich einfach an den Wegesrand setzen und mich weigern weiter zu gehen, manchmal möchte ich den ganzen Weg zurück rennen bis zum Anfang und eine neue Abzweigung finden. Doch es würde nichts daran ändern, die Dinge, die ich auf dem Weg gesehen und erlebt habe, wären dennoch da. 

Heute habe ich, vor allem nach dem furchtbaren Aufwachen, ein extremes Bedürfnis nach Einigeln und Sicherheit. Nach einer Rückzugsmöglichkeit, nach Ruhe. Und genau deswegen werde ich mich in mein Schlafzimmer verziehen, den sicheren Ort meiner Wohnung und dort endlich die Dinge umsetzen, die ich die ganze Zeit schon tun will. Die Fotos an die Wand, die Dinge, die mir in der DBT Halt und Kraft gaben, mein Bett von dem Gewühl der Nacht befreien und die Bettwäsche (mal wieder) in die Maschine stopfen, denn sie ist (mal wieder) komplett nass vom Schwitzen der Angst und Panik, meinen DBT-Kram wieder ordnen, den ich in den letzten Tagen quer in der Wohnung verteilt habe, meine diary cards einheften… An funktionalen Möglichkeiten meinen Tag weiter zu führen mangelt es nicht. Nur noch ein wenig an der Kraft, denn die hängt noch kotzend mit mir über der Kloschüssel. 

Ich weiß noch gar nicht, was mein morgigen Kliniktag bringen wird, außer den sowieso konstanten Dingen wie Arbeitstherapie und Stabigruppe. Mein Plan war am Freitag noch nicht im Fach, also lasse ich mich überraschen. Und vielleicht komme ich auch morgen nicht völlig erledigt nach Hause, das wäre ein weiteres Ziel und ein weiterer Schritt auf dem Weg, der mir zeigt, dass es nun wieder einfacher und leichter wird. 

Wenn Du jetzt aufgibst,
wirst Du’s nie versteh’n.
Du bist zu weit,
um umzudreh’n.

Vor Dir der Berg,
Du glaubst Du schaffst es nicht.
Doch Dreh Dich um
und sieh,
wie weit Du bist.
Im Tal der Tränen liegt auch Gold.
Komm, lass es zu,
dass Du es holst.

Ein Leben wie ein Gemälde, kaputt und verschmiert

Gestern

Stundenlang drehe ich mich im Bett hin und her. Ich döse kurz ein und bin einige Minuten später wach. Und das Ganze wieder von vorn. 

Ich fühle mich zerschlagen, Matsch, müde und habe Schmerzen. Ich will nichts mehr als einfach schlafen. 

Nein. Das stimmt nicht. Ich will mich verletzen. Ich glaube es ist zum ersten Mal seit der dbt wieder so schlimm. Ich habe das Gefühl nur noch aus Unterarmen zu bestehen, all mein Denken und Fühlen bündelt sich dort. Ich sehne mich so sehr danach die Klinge anzusetzen. Sehne mich nach dem Gefühl der Erleichterung, nach der Entspannung, nach dem feinen Schmerz, der eigentlich gar kein Schmerz ist. Ich fühle mich innerlich so verletzt, dass ich diese äußere Unversehrtheit kaum ertragen kann. 

Ich achte zu wenig auf mich in den letzten Tagen. Bin erledigt nach dem Klinikalltag. Und noch nicht mal so sehr von den Themen, sondern vom Drumrum. Die Lautstärke, die Menschen, die Fahrt. Ich frage mich, wie ich jahrelang fast jeden Tag von morgens bis mindestens nachmittags weg sein konnte, wie ich arbeiten konnte, wie ich mein Leben halbwegs auf die Reihe gekriegt habe. 

Und so sitze ich kurz nach 3 auf meinem Sofa. Mit dem Katerkind auf dem Schoß, mit enormem Selbstverletzungsdruck und mit Suizidgedanken. Ich frage mich, warum dieser Lebensvertrag mich noch hält. Eigentlich ist es nur ein Stück Papier. Und doch ist er auch mehr. Doch ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehmen soll. Wenn ich doch noch nicht mal in meine eigene Haut schneiden kann. Es fehlt mir, es fehlt mir so sehr. Elf Monate kämpfen und funktional sein und ich habe langsam echt keinen Bock mehr darauf. Es kotzt mich an, es kotzt mich einfach nur noch an und ich will alles hinschmeißen. 

Eigentlich müsste ich Verhaltensanalyse an Verhaltensanalyse hängen. Doch ich weiß wo es hängt, weiß, dass ich mich viel um Selbsthass drehe und viel um das Wirrwarr in mir, dem ich keinen Ausdruck verleihen kann, verleihen darf. Da war und ist seit gefühlt immer die Selbstverletzung als Ventil, Ausgang und Lösung, als Überlebensstrategie, als rettender Halt. 

Ich spüre die Wärme des Katerkinds auf meinen Beinen, spüre sein Schnurren. Ich höre das Heu rascheln und ein gelegentliches Quietschen von einer der Schweinenasen. Ich kann nicht aufgeben. Ich darf nicht aufgeben. Was soll denn aus meinen Fellhaufen werden? Doch es fällt so schwer, so unglaublich schwer. Und ich weiß nicht, wie ich das anders durchstehen soll, als mit Selbstverletzung. 

Manchmal wünsche ich mir die Tage zurück, an denen die Erinnerungen so weit weg waren. Ich sehne mich danach, dass alles „doch gar nicht so schlimm“ war. Nach dem Verdrängen und Runterspielen und Kleinhalten. Doch es funktioniert nicht mehr. Im Endeffekt habe ich jahrelange Hölle hinter mir, Trauma an Trauma an Trauma an Trauma gereiht, habe jahrelang nur darum gekämpft die nächsten Stunden zu überleben, jahrelang nur von einem Schnitt zum nächsten gelebt. 

Ich weiß, dass es erstmal beschissen wird, bevor es besser wird. Nur hilft mir das gerade nur wenig weiter. Wie viel lieber hätte ich einfach nur einen gebrochenen Knochen. Gips drum und in spätestens 3 Monaten ist es wieder okay.

Und genauso wie ich mich nach der Zeit sehne, in der die Erinnerungen vergraben waren, so sehne ich mich nach der Zeit, in denen die Selbstverletzung noch einfacher war. Noch halbwegs harmlos, ohne den Rattenschwanz von Notaufnahme und versorgen lassen und beim Hausarzt zur Kontrolle antanzen. Ohne die Narben, die ich nun kaum noch verbergen kann. Ohne das schlechte Gewissen, weil ich es lassen will. Ohne zugeben zu müssen, dass es passiert ist. Da war einfach nur der Schnitt und die Erleichterung. Niemanden hat es interessiert, ich wollte nicht aufhören, perfekt.  

Doch es ist so vieles anders mittlerweile. Es ist nicht mehr so einfach wie früher, nicht mehr so egal. Ich bin mir nicht mehr so egal. Ich bin anderen Menschen nicht mehr so egal. Ich bin weiter. Und manchmal kotzt mich das echt an. 

Der Therapeut macht den Tag dann doch noch etwas besser. Wir sprechen über den Dienstag, darüber, dass ich von etwas total getriggert wurde. Genau wie freitags in der Traumagruppe. Wir sprechen über die Gefühle dabei. Die direkt danach, die, die dann kamen, die, die danach dann auftauchten. Das Chaos aus Wut und Scham und Angst und Selbsthass. Es tut weh, aber es tut auch gut. 

Nach der schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Tag kippe ich zuhause zuerst aufs Sofa und dann ins Bett. Es dauert zwar lange bis ich einschlafen kann, aber ich schlafe wenigstens mal. 

Heute 

Mein Tag beginnt relativ früh und relativ gut. Ich bin zwar nicht sonderlich motiviert, aber es ist okay. Viel bietet mein Plan heute nicht, aber trotzdem ist der Kliniktag erst um 15 Uhr vorbei. Da ich nicht nach Hause komme (verdammter Fasching, verdammter Umzug!) und noch warten muss, bis die Busse wieder fahren, verbringe ich noch ein wenig Zeit bei einer lieben Mitpatientin auf dem Zimmer mit quatschen und Cappuccino. Und auf dem Heimweg merke ich, dass ich zum ersten Mal nicht völlig erledigt bin, nicht völlig kraftlos. 

Ich muss an meine Tante denken. So lange habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, wie zu so vielen anderen Menschen. Es schmerzt, doch mit jeder weiteren Woche, mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Jahr fällt es schwerer sich zu erklären. Wie soll ich formulieren, dass ich neben Trauma (wieder)entdecken, Ausbildung und irgendwie noch klar kommen einfach keine Kraft hatte. Wie soll ich erklären, was mich da so umgehauen hat? Wie soll ich sowas der Familie erklären, wie soll ich sowas gegenüber einem Menschen äußern, der mit ihm aufgewachsen ist? Auch wenn da seit Jahren kein Kontakt mehr besteht (welch ein Wunder…), so ist es eben doch unsere Familie. Ich habe Angst vor der Reaktion. Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Angst, dass an ihn weiter getragen wird, dass ich darüber spreche. So viel Angst ist da immer und immer wieder. 

Ich habe ihr eine SMS geschrieben. Ihr gesagt, dass ich gerne mal in Ruhe mit ihr reden würde. Ihr gesagt, dass es mir leid tut, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, dass ich gerne erklären mag wieso. Ich bin nervös. Warte auf eine Antwort. Habe Angst vor einer Ablehnung. Oder vor keiner Antwort. Ich male mir die schlimmsten Szenarien aus. 

Ich versuche nicht schreiend im Kreis zu rennen. Nicht durchzudrehen. Stattdessen werde ich meine heute tatsächlich vorhandene Energie nutzen und endlich mal wieder etwas kochen. Und ein wenig aufräumen. Und mein Bett frisch beziehen. 

Wir sind vom Leben gezeichnet
In den buntesten Farben
Und wir tragen sie mit Stolz
Unsere Wunden und Narben
Wir sind vom Leben gezeichnet
Mit Dreck und mit Schmutz
Doch es glänzt wie Perlmut
Wir sind so schön kaputt

Would it matter at all

In der Traumagruppe am Freitag stürze ich ab. Die Anspannung überflutet mich wie eine riesige Welle, drückt mich unter Wasser und nimmt mir die Luft. Ich spüre den Selbstverletzungsdruck körperlich. Ich stehe auf und gehe. Finde mich an der Wand auf der Toilette wieder, mit zitternden Knien. Als ich meinen Beinen wieder halbwegs trauen kann gehe ich raus. Rauche. Skille. Die Liste runter und hoch. Die Anspannung lässt mich nicht los. Zum Ende der Gruppe betrete ich den Raum wieder, schnappe meine Sachen und warte, bis meine Mitpatienten den Raum verlassen. 

Es fällt mir unglaublich schwer Worte zu finden, auszusprechen, was in mir tobt. Genauso schwer fiel es mir den Weg zurück zur Gruppe zu gehen, anstatt einfach zu handeln. Doch in meinem Kopf taucht die DBT-Klinik auf, das Büro von Frau K., meiner Psychologin dort, und der Tisch mit dem Lebensvertrag darauf. Ich sehe ihre Unterschrift neben der von mir und der Unterschrift der Oberärztin. Höre ihre Worte. Und das bringt mich zurück, trägt mich die Stufen nach oben, hält mich, als ich mit mir und den Worten kämpfe. 

„Ich kann gerade nicht dafür garantieren, dass ich mir nichts antue.“ sage ich der Therapeutin. Sie versucht mit mir zu überlegen, was helfen könnte. Doch ich schaffe es nicht. In meinem Kopf ist kein Platz, alles in mir will nur noch aufhören zu leben. Also geht sie mit mir nach unten in die medizinische Zentrale. Verspricht mir, dass sie direkt wieder da ist und überlässt mich der Obhut einer Schwester. Von ihr kriege ich erstmal Bedarf. Dann spricht sie mit mir, fragt was los ist. Ich sage ihr, dass ich nicht mehr will. Nicht mehr kann. Sie fragt nach, wie konkret das in meinem Kopf ist. Nach meiner Antwort verschwindet sie vor die Tür, ruft auf dem Team an. Sagt, dass die Sache zu heikel ist, fragt nach einem Arzt. Die Therapeutin kommt wieder, redet mit ihr, gemeinsam versuchen sie jemanden aus der Mittagspause zu holen. Kurz darauf fragt die Schwester, ob sie mir vielleicht einen Coolpack bringen soll. Ich nicke und sitze kurz drauf am ganzen Körper zitternd vor Anspannung mit dem Coolpack in dem Zimmer, sie vor mir, die Therapeutin neben mir. Immer wieder drifte ich weg und kann mich nur mit viel Mühe in der Realität halten. 

Dann taucht der leitende Psychologe auf, der gleichzeitig auch der Supervisor des Teams ist. Er fragt, ob wir in sein Büro gehen wollen und ich nicke abermals. Ich folge ihm, die Therapeutin folgt mir. 

In seinem Büro fragt er, was los war und ist, fragt die Therapeutin. Ich berichte, sie berichtet. Er betrachtet mich und fragt, ob ich bereit wäre etwas zu probieren. Ich nicke und er räumt den Tisch frei. „Armdrücken!“ verkündet er. Ich soll meine ganze Kraft rein legen, er hält einfach dagegen. Und als ich meine Hand in seine lege und beginne zu drücken, merke ich die Wut in mir. Ich drücke und drücke und schließe die Augen, während mir die Tränen die Wangen hinunter laufen. Danach reden wir. Über das, was gerade da hoch kam. Er fragt, ob ich in etwas mehr als einer Stunde nochmal kommen werde. Ob ich die Zeit bis dahin gut überbrücken kann. Ich nicke und die Therapeutin begleitet mich bis unten zur Eingangshalle der Klinik. Auch sie fragt nochmals, ob es okay ist, ob sie mich gehen lassen kann. Ich nicke wieder und gehe erst mal eine rauchen. Dann drehe ich eine Runde, sitze eine Weile auf einem der Sofas, bringe den Coolpack zurück. Die Schwester fragt, wie es mir geht. Sie bittet mich zu kommen, wenn es nicht mehr geht. Ich nicke und zum ersten Mal kommt wieder ein ehrliches Lächeln über meine Lippen. Als sie eine Weile später Feierabend macht und an mir vorbei geht, lächelt sie mir zu und wünscht mir ein schönes Wochenende. Ich mache mich nochmal auf den Weg zum Supervisor. Wir reden kurz und er verpasst mir einen Termin für Montag, denn er will wissen, wie es mir geht. Und nimmt mir das Ehrenwort ab, dass wir uns Montag sehen. 

Ich bin benebelt vom Bedarf, erledigt von der unglaublichen Anspannung und erschöpft vom Heulen. Zuhause hänge ich rum, schlafe, kaufe ein, schlafe, esse. Aber es ist wieder aushaltbarer, erträglicher. Die Anspannung ist kaum noch spürbar (dank Medis), die Suizidgedanken lassen sich in Schach halten. 

Gestern verschlafe ich dann erst mal. Erst eine Stunde später bin ich am Treffpunkt und fahre mit einer Mitpatientin in die Stadt. Es tut gut raus zu kommen, mich abzulenken, zu bummeln und zu shoppen, auch wenn das schlechte Gewissen im Hintergrund laut brüllt, weil ich mir etwas gönne. Die Medis benebeln mich immer noch gewaltig, trotzdem kann ich zuhause nicht einschlafen. 

Und so bin ich auch heute wieder viel später wach als geplant. Gleich muss ich den Putzmodus anwerfen und hier Ordnung schaffen, denn gegen 4 kommt Mama vorbei. 

Im Gespräch mit dem Supervisor wurde eine Sache wieder relativ klar. Es geht nicht darum, dass ich nicht leben will, so generell. Es geht darum, dass ich so nicht leben will. Er hat mir die Aufgabe gegeben zu überlegen, wie dieses so aussieht und darüber nachzudenken, wie ich leben will und nicht, wie ich nicht leben will. Da muss ich mich mal dran machen, genauso an eine VA. Und ich genieße es ein wenig, dass ich die Möglichkeit und den Freiraum habe die VA zu schreiben wann ich es möchte, ohne Time-Out und den ganzen Kram. 

Und nun geht es ans produktiv sein, Ordnung schaffen, Chaos bekämpfen. 

I know I’m a mess and I wanna be someone

Someone that I like better

Can you help me forget

Don’t wanna feel like this forever, forever

What if I just pulled myself together

Would it matter at all

What if I just try not to remember

Would it matter at all

All the chances that have passed me by

Would it matter if I gave it one more try

If I left tomorrow

Would anybody care

Stuck in this sorrow

Going nowhere