Walking over glass

Ich kämpfe. Wieder. Immer noch. Gegen den Drang mich selbst zu verletzen, gegen den Drang alles hinzuwerfen, gegen den Drang auch mein Leben wegzuwerfen. 

Seit gestern ist es extrem. Ich habe Selbstverletzungsdruck, ich habe Suizidgedanken. Ich fühle mich müde, erledigt und Matsch, ich fühle mich kraftlos und angeschlagen. Ich kämpfe mit vielen alten Glaubenssätzen. „Sie hängen wohl im Heimatfilm?“ fragt Herr N. heute. Ich rede lange mit ihm. Heute fühle ich mich ein wenig weniger kraftlos als gestern. Gestern ging nichts mehr, außer irgendwann Bedarf. 

Wir reden und ich beginne drüber nachzudenken ein Gefühlsprotokoll zu schreiben. So ganz kriege ich nämlich nicht klar, was gerade abläuft in mir. Das tue ich dann auch irgendwann und es wird klar, dass sich ganz viel gerade um Selbstverachtung dreht. Ich habe das Gefühl ich bin nichts wert, ich bestehe nur aus negativen Dingen, ich habe keine Lebensberechtigung, ich muss mich verletzen. Was darauf folgt ist klar: entgegengesetzt handeln. Mir Gutes tun, mir sagen, dass es nicht so ist, mich auf andere Dinge konzentrieren. Und tatsächlich wird es besser. Ich bekomme ein wenig Abstand rein, kriege klar, dass gerade Heimatfilm anstatt Tagesschau läuft, kriege es hin anders zu handeln als mein Gefühl es mir vorschlägt. Und dann stehe ich ein paar Stunden später wieder im Pflegestützpunkt und lächle ein wenig und habe einen erstaunen Herrn N. da sitzen, der begeistert ist und meint, dass das ganze doch eine Belohnung wert wäre. Und ich denke es wird auch in Richtung „Gutes tun“ gehen, denn das brauche ich gerade sehr. Auch wenn es sich falsch und merkwürdig anfühlt, weil die Gefühle etwas völlig anderes vorschlagen. Aber genau das ist trotzdem der richtige Weg. 

I rise up to the sky
You threw me down but
I’m gonna fly

It’s never too late

Ich sitze bei Frau K. in der Einzeltherapie. Thema ist die Achtsamkeit vom Dienstag, in der mich das schmecken so getriggert hat, dass ich von einer Sekunde auf die andere in Flashbacks hing. Ich habe es raus geschafft aus der Hochspannung, aus den Flashbacks und aus der Dissoziation. Ich hab den Tag überstanden ohne mich zu verletzen. 

„Sie kämpfen ganz schön.“ sagt sie zu mir und ich nicke. „Können Sie das auch so sehen?“ fragt sie und wir sind mitten in einem heiklen Thema. Ich erkläre ihr, dass alle anderen das doch auch schaffen. Die „normalen“ Menschen. Die verletzen sich auch nicht, überleben auch den Tag und gehen nicht in die Luft wegen einer Kleinigkeit. Wieso soll ich mich dann belohnen, wenn ich das schaffe? „Ja. Wenn wir jetzt unsere Dienstage vergleichen. Ich habe mich nicht selbst verletzt. Ich dachte nicht mal daran. Und ich hatte auch keine Flashbacks.“ antwortet sie mir. „Aber das war einfach. Sie haben gekämpft, richtig gekämpft.“ Ich nicke wieder. Sie hat Recht. Es ist ein schweres Thema für mich. „Gerade hätte ich Sie noch um eine Belohnung rum kommen lassen… Aber nach diesem Satz…“ sagt sie zu mir und schreibt sich auf, dass sie mich am Montag nochmal danach fragen will. Also darf ich mir übers Wochenende etwas einfallen lassen. 

Wir schwenken zu einem anderen Thema. Dass ich nach außen hin immer so stark wirke. Als ob wenig mich umhauen könnte, als ob alles okay wäre. Und wie es innerlich aussieht. Ich antworte ihr, dass ich da mittlerweile schon meist ran komme, an Gefühle. Und beginne zu weinen. 

Ich erzähle ihr, dass es nötig war um zu überleben. Keine Gefühle haben, kein eigenständig denkendes und atmendes Wesen sein. Bloß nicht auffallen. Sie fragt, was ich fühle. „Traurigkeit. Und ein wenig Wut.“ antworte ich ihr. Sie findet das gut. Und findet auch gut, dass es okay ist für mich das grade zu fühlen und zuzulassen. 

Das Ziel in nächster Zeit wird es sein genauer hinzuspüren. Zu schauen, was ich fühle, besonders in den Momenten in denen ich eigentlich denke, dass da nichts ist. Wenn die Gefühle noch nicht so intensiv sind. Und auch angemessene Gefühle anzuschauen. „Wie ich Sie kenne würden Sie die Gefühlsprotokolle hauptsächlich über Gefühle schreiben, die nicht angemessen oder zu intensiv sind.“ meint sie und ich muss lächeln, weil sie mich schon so gut einschätzen kann. „Und dann stehen Sie hinterher da und denken, dass Sie jedes Gefühl abschwächen müssen.“ Sie hat Recht. Also werde ich in der nächsten Zeit wohl Gefühlsprotokoll um Gefühlsprotokoll schreiben. 

Sie schaut mich auch erstaunt an, als sie erfährt, dass ich gestern schon eins geschrieben habe. Ich hätte die doch gerade erst einen Tag zuvor erklärt bekommen und eigentlich waren die nächsten zwei Einzel dafür gedacht die zu besprechen und zu üben. Tja. Hochbegabung sei Dank, mein Hirn verarbeitet einfach zu schnell zu viel. Besonders wenn es mich interessiert. Das ist vielleicht auch ein großer Vorteil, dass ich auf der kognitiven Ebene sehr vieles sehr schnell klar kriege für mich. Und damit vielleicht auf der Gefühlsebene auch weiter komme und mich so unterstützen kann. 

Nun habe ich für heute alles erledigt an Therapie. Gleich geht es noch ein wenig in die Stadt und dann mal sehen. Morgen fahre ich heim zu meinen Tierchen, ich freue mich unglaublich. Auch auf Mama und Schwesterherz und N. und einfach daheim sein. 

Even if I say

It’ll be alright

Still I hear you say

You want to end your life

Now and again we try

To just stay alive

Maybe we’ll turn it all around

‚Cause it’s not too late

It’s never too late

She keeps on running from this crazy life

„Das einzige was Sie dort finden können ist sich selbst.“ erwidert die Therapeutin auf meine Ängste bezüglich der DBT. „Genau das ist ja das Schlimme!“ antworte ich ihr. 

Die Stunde ist gut. Und tut gut. Auch wenn sie hart ist und schmerzt und ich da sitze und mir die Tränen über das Gesicht laufen. „So wie heute habe ich Sie noch nie erlebt. Sie haben hier noch nie so betroffen darüber geredet, Sie waren noch nie so sehr bei sich und Ihren Gefühlen.“ meint sie gegen Ende. Ich muss lächeln, denn es fühlte sich zum ersten Mal auch okay an Worte für die Dinge in mir zu finden. Es war okay über damals zu reden, über das absurde gespaltene Verhalten meines Vaters, über meine Schuldgefühle, über die Angst, die immer noch da ist. 

„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ benennt meine Therapeutin die verschiedenen Seiten meines Vaters. Und genau so ist es auch. Er konnte sich so plötzlich verwandeln, von einem Moment auf den anderen. Ich erzähle ihr von den Schuldgefühlen die ich habe, wenn ich von den schlimmen Dingen schreibe und nicht auch die guten erwähne. Von den Schuldgefühlen, weil ich ausspreche und aufschreibe was geschehen ist. „Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf… Schreiben Sie! Reden Sie! Hören Sie damit nicht auf.“ Ich erzähle ihr von der Wut auf die ganzen Menschen. Auf die Nachbarn, auf Lehrer, auf Erzieherinnen aus dem Kindergarten und vor allem auf das Jugendamt. Weil alle weg geschaut haben. Niemand kann mir erzählen, dass da nichts aufgefallen ist. Blaue Flecken, blaue Augen, Prellungen… Das Jugendamt wusste Bescheid und tat nichts. Sowohl ich als auch meine damalige Tagesmutter haben von Schlägen berichtet – gehandelt wurde nicht. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. 

Es tut gut zu reden, zu erzählen, zu weinen. „Ja, es war schlimm was Sie erlebt haben.“ sagt sie. Und es tut so unglaublich gut gehört zu werden, jemanden da sitzen zu haben der mir glaubt und mich ernst nimmt und mein Leid ein klein wenig mitträgt. Und mir erlaubt nicht okay zu sein, mir erlaubt dass ich mich furchtbar fühlen darf, dass ich weinen und schreien darf wegen den Dingen, die geschehen sind. Und dass ich das alles auch darf ohne sichtbare Zeichen des Schmerzes auf meiner Haut. 

„Ich war ja immer skeptisch wegen der Klinik. Ob Ihnen das wirklich gut tut. Das wissen Sie ja. Aber die haben sicherlich dazu beigetragen, dass Sie nun so hier sitzen und reden können.“ meinte die Therapeutin noch. „Ja. Die haben viel dazu beigetragen. Normalerweise wäre ich nun hier raus, in den nächsten Drogeriemarkt und mit den Klingen dann heim weil ich nur noch schneiden will. Ich will zwar auch grade am liebsten schneiden, aber ich weiß, dass ich da nun raus gehen kann ohne Klingen zu kaufen.“ Sie lächelt. Und ich lächle. 

Silent cries
Every night
This Pain don’t ever leave her life
Daddy’s home
So she tries to hide
She calls for Mom
But never a reply

To be on the edge of breaking down 

Ich hatte gestern einen langen Beitrag geschrieben. Über die Frage der Schuld und das wirre Konstrukt meiner Realität in der Kindheit. Und dann war der Beitrag verschwunden und ich zu müde und sauer, um nochmals zu schreiben. 

Gestern hörte ich während dem Aufräumen das bekannte Geräusch der Landung des Katers auf dem Küchenboden. Er kam zurück von einer Tour draußen. Und dann fiepste es in meiner Küche. Ich entdeckte ein mausförmiges Etwas, dass durch meine Küche flitzte. Katerkind sprang hinterher und spuckte mir das piepsende Ding vor die Füße, während er mich mit großen erwartungsvollen Augen anschaute. Nachdem ich ihn gelobt und gekrault hatte, setze er dem wieder weggerannten Mäuschen nochmal nach um es wieder zu fangen, rannte damit durch die Wohnung und spuckte es mir wieder vor die Füße. Das Mäuschen war, sehr zu meiner Erleichterung, nicht mehr am Leben. Ich hätte es nicht über mich gebracht zuzusehen, wie er hinter dem panische Tierchen her jagt und mit ihm spielt. Dem stolze Kater waren die nicht mehr vorhandenen Vitalzeichen seiner Beute egal, er hüpfte und rannte begeistert durch die Wohnung, spielte mit seiner Beute und holte sich regelmäßig meine Bewunderungsbekundungen ab. 

Nachdem die Maus jedoch mehrere Male in meiner Bodenvase landete, an meinem Ohr vorüber flog und fast unter meinen Sofa verschwand war es mir dann doch zu blöd. In einem unbeobachteten Moment verschwand die Beute. Gefressen hätte er sie eh nicht, es war nämlich eine Spitzmaus. Den Rest des Tages verbrachte der Herr dann mit schlafen. Sein Ausflug und seine Jagd müssen wirklich anstrengend gewesen sein. 

Und ich? Tja. Es ist nicht schön in den letzten Tagen. Ich kann nicht wirklich sagen was eigentlich los ist. Vor allem ist da eben nichts. Und davon ganz viel. Eine allumfassende Leere, die mich taub werden lässt, wie erstarrt. Ich sehne mich so sehr nach Schnitten in meine Haut, nach Blut und Schmerz. Danach mich lebendig zu fühlen, mich zu spüren, wieder zu leben. Seit fast 21 Wochen habe ich mich nicht mehr verletzt. Und mit jeder Sekunde steigt das Verlangen, die Sehnsucht. 

Die Momente, die nicht von leerer Schwärze erfüllt sind, sind voller Hass und Wut und Traurigkeit und Schmerz. Hass und Wut gegen meinen Vater, aber auch gegen mich selbst. Ich stecke, wie so oft, in dem Dilemma ‚was er getan hat vs. er ist doch mein Vater‘. Und dann kommen Wut und Hass auf mich selbst, weil mein Kopf weiß, dass ich ihm nichts schuldig bin, aber die Gefühle so ganz anders sind. Weil ich das Gefühl habe, dass ich ihn im Sicht lasse. Dass ich ihn verrate, wenn ich ausspreche wie meine Kindheit war. Dass ich ihm Unrecht tue, wenn ich von den negativen Dingen berichte und die positiven für mich behalte. Mein Kopf weiß, dass mein Selbstschutz vorgeht. Dass es okay ist die Dinge zu benennen, die ich erlebt habe. Dass auch die positiven Momente nicht ändern können, dass es so viel mehr schlimme Erlebnisse gab. 

Oft sind das in meinen Kopf zwei völlig unterschiedliche Personen. Der Mensch, mit dem ich auf Konzerten war, auf Burgen und an Sehenswürdigkeiten, auf Festen und Veranstaltungen. Und der Mensch, der zuhause trank, mich schlug, kontrollierte, beschimpft. Es ist schwer diese zwei komplett unterschiedlichen Seiten in Einklang miteinander zu bringen. Und ich vermisse den Menschen, mit dem ich diese schönen Erlebnisse hatte. Ich vermisse ihn so sehr. Doch es gibt ihn nicht ohne die andere Seite. Nicht ohne meine Erinnerungen. Nicht ohne die Bilder, die direkt in meinem Kopf auftauchen. Nicht ohne die Angst und die Panik und die Tränen. Das zu akzeptieren fällt mir schwer, denn eigentlich wünsche ich mir nichts mehr als einen Vater, der da ist, mit dem ich reden kann und schöne Dinge erleben. 

Und so schwanke ich zwischen nichts fühlen und zu viel Gefühl, schwanke zwischen Rationalität und Herzschmerz, zwischen Hass und Liebe. Die schönen Momente der letzten Tage sind zwar da, aber sie schaffen es nicht mich für lange Zeit aus meinem Wirrwarr zu befreien. Ich versuche einfach weiter zu machen. Durchzuhalten. Einzuatmen und auszuatmen. Moment für Moment. Skill für Skill. Tag für Tag. Bis Freiburg. 

Do you ever feel like breaking down? 
Do you ever feel out of place? 
Like somehow you just don’t belong 
And no one understands you?

Do you ever want to run away? 
Do you lock yourself in your room? 
With the radio on turned up so loud 
That no one hears you screaming? 

Ich sitze zitternd und heulend auf meinem Wohnzimmerboden. Irgendwann schnappe ich mir das Telefon und rufe in der Klinik an. Und lande letztendlich bei Schwester Nathalie. „Aufgeben is nich“ sagt sie, während in meinem Kopf alles danach schreit zu gehen. „Ich schaff das nicht“ –  „Eijo schaffen Sie das!“
Sie sagt mir, dass es nicht real ist, dass er hier vor der Türe stehen wird. Sie meint, dass ich mir sie im Cheerleader-Outfit vorstellen soll, mit Pompons, wie sie mich anfeuert. Dass es ein Teil meines Lebens ist, aber nicht mein Leben. Und am Ende ist dann da doch ein wenig Platz für ihre Worte zwischen als den Gedanken ans aufgeben. Als ich ihr sage, dass es bald 100 Tage ohne schneiden sind und sie meint, dass ich mir lauter Smileys tätowieren lassen soll. Und Pfleger Arschkeks bekommt dann die Rechnung.
Es tut gut, dass sie an mich glaubt, auch wenn ich es gerade selber nicht tue. „Es ist ein Teil Ihres Lebens, nicht Ihr Leben.“ tut gut.
Ich muss an den Februar letztes Jahr denken. Schon allein deswegen kann ich doch jetzt keinen Mist bauen. Immerhin habe ich angerufen, hatte sie am Telefon und will jetzt nicht danach im Krankenhaus landen und danach sowas von geputzt werden vom bösen N. Selbst nicht, wenn sie mit Cheerleader-Outfit und Pompons kommt. Und es bringt mich grade tatsächlich zum Lächeln, wenn ich mir das vorstelle. So ein kleines tobendes Comicmännchen, dass aussieht wie Nathalie, mit einem Cheerleader-Outfit (auf dem natürlich ein Blitz in Form eines Ns prangt) und Pompons, dass vor mir steht und schimpft.

Mit diesem Bild im Kopf krabbel ich nun in mein Bett. Morgen ist ein neuer Tag und es geht weiter. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

In den letzten Tagen ist mein Vater oft in meinem Kopf.
Die Gerichtsshow, in der die Tochter vom Vater geschlagen wird. Der Krimi, in dem ein Kind eingesperrt wird. Der Internetartikel, in dem es um ständige Kontrolle der Kinder geht. Die Sendung, bei der die Tochter keinen Unterhalt für die pflegebedürftige Mutter bezahlen will, weil sie jahrelang psychisch und physisch misshandelt wurde. Der Tag, an dem ich einen Termin habe und beim Blick aufs Datum feststelle, dass er dann Geburtstag haben wird. Die Fahrt nach Freiburg und die Orte, die mich an ihn erinnern. All das sind Dinge, bei denen ich an ihn denken muss. Der Geruch nach Alkohol, als mein Nachbar bei mir klingelt. Die Sendung über das Jahr ’99. Der Einkauf, bei dem ich Kochideen im Kopf habe und sie dann schnell verwerfe, weil er das oft gekocht hat. Meine Schwester, die vom Besuch bei ihrem Vater erzählt.

Ich frage mich, ob es irgendwann besser werden wird. Manchmal denke ich wochenlang kaum an ihn. Und manchmal ist er einfach ständig da. Die Dinge, die ich in 17 Jahren erlebt und überlebt habe, zeigen bis heute deutlich ihre Spuren. Und auch wenn ich räumlich von ihm getrennt bin, so ist er manchmal doch immer da. Ich höre seine Worte in meinem Kopf, höre wie er mich beschimpft und beleidigt bei jeder Bewegung, bei jedem Atemzug.
Und mit diesen Dingen kommen die Suizidgedanken. Ich will einfach nur, dass es vorbei ist. Dass der Schmerz aufhört und die Angst. Ich will eigentlich gar nicht mein Leben beenden. Ich will nur, dass dieser ganze Mist in meinem Kopf aufhört. Ich würde so gerne diesen Teil in mir töten, der so sehr leidet, so gequält ist, so sehr kämpft und kämpft und kämpft und einfach nicht mehr kann. Hätte so gerne nur den Rest, den positiven Teil, die schönen Momente. Aber das geht nicht. Es gibt mich nur komplett. Und wenn ich mit diesem ganzen Mist leben muss, lohnt es sich dann überhaupt? Lohnt es sich ständig stark sein zu müssen, zu kämpfen, immer wieder aufzustehen?
In mir ist gerade einfach so viel Schmerz. So unglaublich viel Schmerz, dass es sich anfühlt als würde es einfach nicht in mich rein passen. Als würde ich überlaufen, explodieren. Schmerz, Schmerz, Schmerz. Nichts anderes mehr.

Es fühlt sich gut an wieder in meinem Bett zu liegen. Mit dem Zitronenkater auf den Beinen, meiner Bettdecke um mich rum, auf meinem Kopfkissen, mit der Kerze auf dem Nachttisch, die jede Nacht brennt. Und doch ist es anders. Meine Haustüre ist abgesperrt, der Schlüssel steckt von innen. Mein Fenster ist gekippt, obwohl ich es sonst in solchen Nächten weit offen habe. In meinem Hinterkopf schreit jedes Mal die Angst, wenn ich ein Geräusch höre, dass nicht aus meiner Wohnung stammt oder in meine Wohnung gehört. Ich bin gespannt wie es sich weiter entwickelt. Wie es in den Nächten wird, in denen ich extreme Panik habe, in denen ich früher schon immer alles abgesperrt habe und vor lauter Angst kaum etwas tun konnte. Die Nächte, in denen mich die Dämonen der Vergangenheit verfolgen und nicht los lassen. Und nun das ganze, nachdem jemand in meinem Reich war.
Ich werde einige Zeit mal schauen wie es ist. Eventuell dann ein paar Sicherheitsdinge kaufen. Vielleicht auch irgendwann wieder ohne Angst schlafen können.

When you come to where you’re broken within 

Als ich wach werde, aufs Handy blicke und dann fluchend aus dem Bett schieße, bleiben mir noch genau 9 Minuten bis zur Abfahrt meines Busses. Wie so oft habe ich es einfach nicht geschafft wach zu werden, als der Wecker klingelte. Am Abend habe ich lange gebraucht einzuschlafen und wurde nachts klatschnass wach und musste mich erstmal umziehen. Und während ich schimpfend und fluchend über meine Müdigkeit, die verdammten Nebenwirkungen der Medikamente und die Uhrzeit durch die Wohnung hetze, schaut der Zitronenkater mich verwundert aus seinen großen Augen an und miaut verwirrt.
Auf dem Weg zur Therapie wird mir mal wieder übel. Aus dem Bett schießen und zum Bus hetzen und Menschen und der Gedanke an die Therapie bringen sowohl meinen Kreislauf, als auch meine Psyche an ihre Grenzen.
Die Therapiestunde ist gut. Gut und furchtbar anstrengend. Wir kommen auf das Thema Schuld und Scham und die Therapeutin meint, dass ich keinen Grund habe mich zu schämen für die Dinge, die passiert sind. Genauso wenig wie für die Narben, die ich auf meinem Körper trage. Dass es eine verdrehte Sichtweise ist, dass die Opfer sich schämen. Weil die Tat an sich so unglaublich ist. Und da sich ja sonst niemand dafür schämt, erst recht nicht die Täter, tut man es eben selbst.
Irgendwann fange ich an zu weinen, verstecke mich in meiner Weste und meinem Schal, weil mir so unglaublich kalt wird. „Ich finde Sie sehr mutig“ meint die Therapeutin irgendwann. „Wissen Sie, was ich an Ihnen so mutig finde? Sie kämpfen für Ihre Gesundheit und werden nicht einfach selbst zum Arschloch.“
Das Thema hatten wir schon öfter. In Bezug auf meinen Vater, der anstatt etwas zu verarbeiten oder an sich zu arbeiten einfach selbst zum Arschloch wird. Oder so viele Leute, die sich hinsetzen und nichts tun oder irgendwelche Dinge tun und anschließend sagen, dass sie nichts dafür könnten, sie hätten immerhin eine schlimme Kindheit gehabt.
Ihre Worte tun mir gut. Gerade im Moment, weil ich wieder so sehr kämpfe.
Ich erzähle ihr von dem Termin beim Amt, dass es für mich so furchtbar war. Sie meint, dass das wieder so eine Situation ist, die mich in die Opferrolle drängt. Und wieder so etwas verdrehtes, weil ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich kaputt bin.
Als ich die Praxis wieder verlasse fühle ich mich furchtbar. Alles momentan strengt so sehr an. Der Kampf gegen die Vergangenheit und der Kampf mit mir selber, das Drumherum aus Amt und kümmern und Haushalt und Terminen und Erledigungen.
Ich gehe einkaufen und mache mich auf den Heimweg und mag mich eigentlich nur vergraben. Doch das funktioniert nicht. Ich bin zwar unglaublich müde, unglaublich Matsch und zerschlagen und am Ende, aber ich kann einfach nicht ruhig bleiben. Außerdem friere ich furchtbar. Innerlich.
Also sitze ich später vor meiner Haustür in der Sonne. Versuche die Wärme der Sonnenstrahlen bis in mein Inneres dringen zu lassen, genieße die beiden wunderschönen riesigen Rosenbüsche neben mir mit den tollen roten und gelben Rosen, schaue dem Verkehr auf der Straße zu und versuche irgendwie den Horror in meinem Inneren für eine Weile zu vergessen. Ich würde mir so gerne irgendwo eine Höhle graben, tief in die Erde mit dem Eingang zur Sonne und mich dort verstecken, bis ich das Gefühl habe es ist wieder okay.
Bibi kam vorbei und wir haben vor der Türe gesessen, gequatscht und die Sonne genossen. Danach nimmt sie mich mit bis in die Stadt, ich besorge mir einen Besen (in meiner Wohnung liegt überall Laminat, nur im Bad habe ich Fliesen. Ich habe dafür extra einen „Kehrwischmop“), eine kleine Schaufel und eine Hacke. Ich will ein wenig im Vorgarten rumbuddeln und ein paar Sachen einsäen und Unkraut beseitigen und kehren. In der Erde rumwühlen tut einfach gut.
Mit N. treffe ich mich noch auf einen Kaffee, später sitzen wir zusammen vor dem TV, schauen einen Film und einen Teil Stern TV. Es ist endlich wieder besser, ich fühle mich nicht mehr so furchtbar wie noch am Morgen und Mittag. Zum Glück.
Ich hoffe meine Nacht wird ruhiger. Und trockener. Ich brauche dringend einfach mal eine erholsame Nacht ohne schlechte Träume und Aufwachen.

Afraid to let your secrets out 
Everything that you hide 
Can come crashing through the door now 
But too scared to face all your fear 
So you hide but you find 
That the shame won’t disappear 

Der Tag heute war nicht leichter als der gestrige.
Ich bin heute morgen müde und matschig in die Hauptstadt gefahren zur Therapie. Dort saß ich dann und habe versucht Worte zu finden für das was gerade mit mir und in mir ist. Ich saß da und suchte nach den Worten zu den Bildern und Gefühlen, nach Worten, die ich damals, als es passierte, noch nicht hatte. Die Therapeutin hilft, sie fragt nach, gibt mir Worte für die Dinge, die damals passiert sind. Und ich rede zum ersten Mal bei ihr über die Dinge, die passiert sind, versuche sie beim Namen zu nennen, kämpfe gegen die Schmerzen, die sich in meinem Bauch ausbreiten und gegen die Übelkeit, kämpfe gegen die Angst und die Sprachlosigkeit. Es ist anstrengend und hart und danach fühle ich mich völlig ausgelaugt.
Die Alkoholleiche von meiner Couch ist aus der Klinik geflogen, weil sie wohl Drogen genommen hat, und versucht mich zu erreichen. Ich ignoriere sie einfach, weil ich dafür keine Kraft habe, weil ich versuche mich auf den Beinen zu halten und nach Hause zu kommen. Dort wickel ich mich in meine Decken, betäube das Chaos mit Bedarf, weil nichts anderes mehr geht, und schlafe zusammen mit dem Zitronenkater erst mal ein paar Stunden. Das macht es besser und erträglicher, die warmen Decken um mich, das schnurrende Katerkind auf mir, die Sicherheit meiner Wohnung.
Die Therapeutin sagte wieder, dass es besser wird. Dass es irgendwann nicht mehr so unglaublich viel Raum einnehmen wird, dass es irgendwann nicht ständig hoch kommt und da ist und triggert und mich aus der Wirklichkeit zieht. Ich mag daran glauben, ich will hoffen können, will den Mut nicht verlieren weiter zu machen. Einatmen und ausatmen. Tag für Tag.

I’m so tired of being here

Ich fühle mich seltsam. Da und doch nicht da. Lebendig und gleichzeitig tot. Wie eine leere Hülle, die handelt, während ich gefühlt kilometerweit weg bin.
Ich habe aufgeräumt. Gekehrt. Die Pfandflaschen in die Tasche geworfen. Das Geschirr in die Spüle geräumt. Die Katerklos sauber gemacht. Und dann im Supermarkt Salat für die Meeris gekauft und im Drogeriemarkt neues Putzzeug, meine Schwester am Bahnhof aufgelesen und mit ihr Französisch gelernt. Wir haben gelacht und gelernt und Skip-Bo gespielt und Schokolade gegessen. Es war schön, doch ich war auch da nicht wirklich anwesend, nicht wirklich bei mir.
Heute Abend habe ich es geschafft mal halbwegs anständig etwas zu essen. Zum ersten Mal seit Sonntag, als ich bei Mama Mittagessen war.
Ich fühle mich furchtbar. Ich fühle mich nicht in meinem Körper und doch fühle ich ihn. Fühle seine Hände auf mir, fühle mich eklig und dreckig. Fühle Schmerzen, fühle Taubheit. Ich will jede Stelle zerschneiden, die ich erreichen kann, um jede seiner Berührungen wegzuschneiden.
Es ist einer dieser Tage, an denen ich fühle, wie sehr ein Leben durch sowas zerbrechen kann. Ich fühle mich kaputt, benutzt, dreckig, zersprungen in tausend Stücke. Es liegt nun so viele Jahre zurück, so viele. Und doch ist es so aktuell gerade, doch fühlt es sich so furchtbar an, doch… Doch bin ich gerade einfach furchtbar kaputt.
Und ich denke darüber nach wie es sein wird in ein paar Jahren. Ob nochmal zehn und nochmal zehn Jahre etwas ändern werden. Lebenslänglich heißt es oft. Ein Opfer erhält lebenslänglich. Und dann bin ich mir sicher, dass ich das nicht will. Dass ich nicht mein Leben damit verbringen möchte, dass ich nicht so weiter leben möchte. Keinen einzigen Moment länger, keinen einzigen Atemzug. Ich will nicht weiter so kaputt sein, mich so benutzt fühlen, so beschmutzt, so zerstört. Ich will das Ganze nicht. Dieses Leben. Nicht so.

These wounds won’t seem to heal
This pain is just too real
There’s just too much that time cannot erase