And everything is understood 

Meinen Sonntag habe ich bisher hauptsächlich faul in der Horizontalen unter meiner Kuscheldecke verbracht. Langsam bin ich dabei mich unter ihr heraus zu winden, denn ich habe das Bedürfnis doch noch ein wenig konstruktiv zu sein. Wäsche aufhängen, ein wenig aufräumen, durch die Wohnung fliegendes Meeristreu zusammenkehren, all solche Dinge. In gut zwei Stunden werde ich dann die 2 Stockwerke zu meiner Nachbarin hoch tapsen und eine Weile auf den Stöpsel aufpassen, bis sie wieder Zuhause ist. Da ja eh kein Tatort kommt verpasse ich ihn immerhin auch nicht.
Mal sehen, was ich dann noch so treibe mit dem Abend. Vielleicht ein wenig Bewegung mit der Wii. In den nächsten Tagen will ich mich nochmal an das Projekt Socken stricken machen. Bündchen und rund stricken kriege ich schon hin, mal sehen ob ich den Rest vom Socken auch irgendwie schaffe. Eine Herausforderung wird es auf jeden Fall das Knäuel Wolle vor dem Zitronenkater zu verteidigen. Er hat in den letzten Tagen mehrfach meine Dekoschale wieder ausgeräumt, ich glaube ich gebe es nun auf, die Kugeln immer wieder in der Wohnung einzusammeln und dort rein zu packen, sondern überlege mir etwas neues für in die Schale.
Die Möhris haben gestern Abend und heute Nachmittag noch gewaltig Krach veranstaltet, sie beginnen langsam die Rangordnung zu klären. Allzu lange dürfte es nicht dauern, Cookie ist noch sehr zurückhaltend, traut sich aber schon an den Fressnapf und läuft manchmal ganz mutig durch die Gegend. Man sieht aber, dass ihr das laufen teilweise schwer fällt, ich habe an ihren Füßchen nachgeschaut und gesehen, dass die Krallen viel zu kurz geschnitten wurden, bis fast auf das Nagelbett. Es muss gewaltig geblutet haben. Armes Meerli. Ich hoffe, dass sich das mit dem Laufen gibt, wenn die Krallen wieder länger sind.
Ansonsten kämpfe ich weiter vor mich hin. Ich bin immer noch ohne Selbstverletzung und habe es auch heute wieder geschafft anständig zu essen, sogar mit Frühstück. Auch sonst bin ich nicht mehr ganz so furchtbar destruktiv und gehe mit mir besser um. Wenn ich an meinen Geburtstag denke, dann wird mir allerdings immer noch übel. Aber ich sage mir, dass ich das schaffen kann. Zur Not ist die Klinik da. Zur Not kann ich mich mit Medis außer Gefecht setzen. Ich kriege das hin, ganz bestimmt.
Ich frage mich, ob solche Tage irgendwann ihren Beigeschmack verlieren. Ob irgendwann Weihnachten, Silvester und mein Geburtstag einfach okay und schön sein können, ohne das alte Erinnerungen mich einholen und ich nicht mehr hadere mit der Tatsache, dass ich lebe. Dabei kommt mir der Gedanke, dass mein 17. Geburtstag der letzte war, an dem mein Vater wirklich dabei war. Meinen 18. habe ich mit einem kleinen Teil meiner Familie und Freunden gefeiert, da Oma, Tante und Mama da waren, hat mein Vater nur ein Geschenk vor die Tür gestellt und ist wieder verschwunden. Seitdem habe ich jeden Geburtstag hier in meiner Heimat verbracht. 10 Jahre ist das bald her, mein 17. Geburtstag. In den zehn Jahren ist manches einfacher geworden. Ich habe nur noch sehr selten Gewissensbisse, dass ich ihn alleine gelassen habe. Ich denke selten an seinen Geburtstag, habe seltener das Bedürfnis zum Telefon zu greifen und ihn anzurufen. Vieles ist gleich geblieben, manches ist schwerer geworden. Der Entschluss, nach der DBT den Weg Richtung Traumatherapie zu gehen, wird in mir immer stärker. Ich glaube, dass ich das brauche um einigermaßen damit leben zu können. Damit gut leben zu können.
Und nun mache ich mich ein bisschen ans produktiv sein.

She says, „Don’t let go 
Never give up, it’s such a wonderful life 
Don’t let go 
Never give up, it’s such a wonderful life“ 

Ich spüre diese Kraft, sie ist ein Teil von mir. 

Bei um- und aufräumen findet man ja oft alle möglichen Dinge. Mir ist mein Tagebuch in die Hände gefallen. Direkt am Anfang steht groß „ich will nicht mehr“. Das war am 6.12.2002. Ich war 13. Zu der Zeit habe ich mich schon fast 2 Jahre selbst verletzt. Ich schreibe von meinem Vater. Das ich ihn doch liebe. Der Eintrag endet mit „aber er mich…?“.
Ich schreibe davon, dass ich aufhören will mich zu verletzen. Schreibe, dass ich es wieder getan habe. Schreibe, dass ich eine Woche ohne geschafft habe. Schreibe von mehrmals täglich verletzt. Ich schreibe über meinen ersten Liebeskummer, über Freundschaft. Über meinen Vater. Immer und immer wieder sind Worte verwischt, weil ich beim schreiben geweint habe. Ich schreibe, dass ich nicht mehr leben will, schreibe davon, dass ich keine Kraft habe etwas zu tun, dass ich dem Unterricht nicht mehr folgen kann, dass ich nicht schlafen kann. Und immer und immer wieder von Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich schreibe davon, dass ich eine Therapie machen will, mein Vater aber dagegen ist. Ich schreibe von Terminen beim Jugendamt, davon, dass ich da raus will, mich aber nicht traue. Davon, dass ich heimlich beginne zur Therapie zu gehen. Schreibe von der inneren Leere, die mich quält, vom Schneiden, dass diese Leere wenigstens eine Weile vergehen lässt. Schreibe davon, dass das schneiden immer schlimmer wird. Dass ich nicht mal mehr ein paar Stunden ohne aushalte, sondern mich während den Schulstunden auf der Toilette selbst verletze, um den Tag durchzustehen. Da war ich 16. Ab da ist jeder Eintrag voller Suizidgedanken, voller Schneidedruck, voller Schmerz. Im Mai 2006 stehen dann da ganz groß die erlösende Worte: „Der Beginn eines neuen Lebens.“ Was ich schreibe verändert sich. Ich schreibe von der Schwierigkeit bei meinem Vater raus zu sein und damit klar zu kommen. Dass ich trotz allem, was geschehen ist, darunter leide ihn alleine zu lassen. Dann kommt die Zwangseinweisung. Ein paar Wochen später dann die freiwillige stationäre Therapie. Ich schreibe von der Angst vor der neuen Pflegefamilie, von den Einschränkungen und von dem Tag, an dem ich endlich von der Station darf ohne Begleitung vom Personal.
Dann kommt die Zeit, in der alles doch irgendwie schwerer wird. Zwei Zwangseinweisungen, die ersten Wunden, die genäht werden müssen. Ständige psychosomatische Krankheit und Fehlen dadurch in der Schule. Die nächste Zwangseinweisungen, 3 Wochen auf der geschlossenen. Der Auszug in eine eigene Wohnung. Und dann der totale Zusammenbruch ein Jahr vor dem Abi, weil ich immer und immer wieder vertröstet werde in Tübingen bei der DBT, weil letztendlich klar wird, dass es sich so weit verschiebt, dass ich mein Abitur nicht mehr schreiben werden kann, weil einfach alles zusammenbricht. Mein Tagebuch endet 2009 damit, dass ich ungeplant alle Zelte in BaWü abbreche, mich von keinem verabschiede, meine Sachen packe, meine Meeris schnappe und zurückkehre in meine Heimat.
Damals habe ich dann angefangen zu bloggen.
Es ist merkwürdig diese Dinge zu lesen. Es fühlt sich an, als ob es ein ganz anderes Leben wäre, dass da beschrieben ist, und doch weiß ich immer noch, wie ich in meinem Bett saß, so oft heulend, und diese Worte geschrieben habe. Ich erinnere mich an die ersten Schnitte, damals mit dem Teppichmesser, dann an die Schnitte mit dem Skalpell aus dem Badezimmerschrank und letztendlich daran, dass ich mit zitternden Händen und voller Panik zum ersten Mal Rasierklingen gekauft habe. Ich erinnere mich an den Schmerz und die Verzweiflung, wenn mein Vater mich wieder beschimpft und geschlagen hatte, an die Erleichterung, die das schneiden brachte und an das Gefühl, dass ich selber Schuld sei an allem, was er mir antut. Ich erinnere mich an die Angst, als mein Klassenlehrer anrief und meinem Vater sagte, dass er ihm rät mich bei einer Therapeutin vorzustellen. An die Erleichterung, als ich endlich einen Ort hatte, an dem ich alles erzählen konnte und eine Person, die mir glaubt. An die Wut auf meinen Vater, als er sagte, dass ich da nicht mehr hin darf. Denn die Therapeutin hatte es durchschaut. Hatte ihn durchschaut, hatte erkannt, dass nicht ich verrückt bin und Dinge erfinde, sondern dass er mich wirklich so behandelt und ich schwer traumatisiert bin. Ich erinnere mich an die Angst, als ich das erste Mal ohne sein Wissen zu ihr fuhr und erzählte, dass wir in diesen Stunden Mittagsschule haben. Und an die unglaubliche Erleichterung und den Halt, den mir diese Stunden gaben.
Und (und das finde ich eine unglaubliche Entwicklung, denn es war so lange unvorstellbar) ich werde wütend und sauer. Nicht auf mich, sondern auf ihn, für all die Dinge, die er getan hat. Auch wenn ab und zu immer noch in meinem Kopf ist, dass ich selbst Schuld dran sei, so weiß ich heute, dass es nichts auf der Welt gibt, dass Gewalt gegen Kinder rechtfertigt, ich weiß, dass er eine Straftat damit begangen hat (eine? Haha.), dass er nicht im Recht war mit seinen Worten und Taten. Manchmal schmerzt es noch, dass da kein Kontakt mehr ist. Manchmal denke ich, dass ich ihm dieses oder jenes gerne erzählen würde. Manchmal bin ich traurig, weil ich mir einen Vater wünsche, der für mich da ist, mich unterstützt und mir doch wenigstens einmal in meinem Leben sagt, dass er stolz auf mich ist. Und dann kommen die ganzen Erinnerungen und ich bin froh, dass ich ein neues Leben habe, dass ich ein selbstbestimmtes Leben habe ohne ihn darin. So schwer es manchmal fällt, aber ich brauche diesen Abstand, denn sonst lebe ich in ständiger Angst vor ihm und vor dem was er als nächstes tut oder sagt. Ich will ihn nicht in meinem Leben, solange er nicht ehrlich bereut. Und er hat sich so oft entschuldigt und am nächsten Tag dann wieder zugeschlagen, dass ich ihm nie wieder glauben kann, wenn er sowas sagt. Ich will ihn nicht sehen und nichts von ihm hören, will endlich frei sein und frei leben können. Und irgendwann will ich auch frei sein von den Worten, die bis heute so tief in mir festsitzen. Frei sein von „du bist nichts wert“, von „du kannst nichts und wirst nie was erreichen“, von „du faules Stück“, „du fette Schlampe“ und „du wirst nicht mal Putzfrau werden können“. Frei von den ganzen Sätzen, die bis heute in meinem Kopf schwirren, die es mir bis heute schwer machen stolz auf mich zu sein oder mir Gutes zu tun. Und frei von der Angst vor ihm. Ich will frei sein von allem, dass mit ihm in Zusammenhang steht und ich werde das auch schaffen. Chakka! Schritt für Schritt und Tag für Tag. Ich weiß, dass ich die Kraft dazu habe. Und jetzt werde ich mir Gutes tun.
Graadselääds! 🙂

Ich geh‘ nie mehr zurück, das ist Vergangenheit.

Ich bin frei, endlich frei, 
und ich fühl‘ mich wie neugeboren. 
Ich bin frei, endlich frei, 
was es war, ist jetzt vorbei. 

and feels like she’s alone here in hell

Auf Station ist es momentan unglaublich unruhig. Das trägt nicht gerade dazu bei, dass meine Anspannung in einem niedrigen Bereich bleibt.
Ich hatte heute lieben Besuch und das tat auch unglaublich gut. Ein wenig Ablenkung, mal was anderes sehen und hören, auf andere Gedanken kommen.

image

Ansonsten versuche ich mich daran festzuhalten. Einfach weiter machen. Tag für Tag, Minute für Minute, Schritt für Schritt und Skill für Skill. Es geht weiter, es geht immer weiter.

Ich muss viel an meinen Vater denken. Manchmal auch an die schönen Momente, und dann denke ich mir, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er sich vielleicht doch bemüht hat, mir eine schöne Kindheit zu bieten. Und ja, das hat er auch tatsächlich. Nur gab es da diese vielen anderen Momente, in denen es nicht so war. Ich denen ihm meine Gefühle, meine Bedürfnisse, mein Wohl völlig egal waren. Und die überwiegen leider. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, die schönen Momente und all das Schlimme gemeinsam zu sehen, als Ganzes. Und nicht nur entweder die schönen Momente, bei deren Erinnerung ich am liebsten direkt bei ihm anrufen und den Kontakt zu ihm suchen würde, oder die schlechten, in denen ich ihn so sehr hasse. Vielleicht kann ich irgendwann sagen, dass es Momente gab, die doch okay waren. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Mir fehlen so viele Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend, an viele Dinge erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Manchmal wüsste ich gerne, was hinter dieser Leere steckt, welche Momente und Augenblicke. Und manchmal bin ich mir relativ sicher, dass ich es niemals wissen will.
Und genau so, wie ich an viele Momente mit meinem Vater denken muss, denke ich an die wenigen Momente mit meiner Mutter und meiner Schwester.
Es gab da ein Weihnachten, da kam ich bei meiner Mutter an und sobald mein Vater das Haus verlassen hatte habe ich mich an sie geklammert und nur geweint. Ich habe gesagt, dass ich nie wieder zurück will zu ihm, nie wieder von ihr weg.
Oder der Sommer, in dem ich noch Ferien hatte und meine Schwester schon wieder zur Schule musste. Sie war damals vielleicht 7 oder 8, ich also 12 oder 13. Ich habe sie von der Schule abgeholt, meine Mama musste arbeiten. Wir haben uns Zuhause Rührei gemacht, ihre Hausaufgaben erledigt und dann gespielt oder sind gemeinsam auf den Spielplatz oder unseren Großonkel in seinem Geschäft besuchen gegangen.
Oder der Sommer, in dem meine Schwester schon Ferien hatte und ich noch zur Schule musste, und sie mich das erste und einzige Mal in meinem „Zuhause“ besuchte. Ich nahm sie die letzten paar Schultage mit in meine Schule, zeigte ihr die Welt, in der ich lebte. Es war schön sie bei mir zu haben. Bis heute lachen wir über manche Momente, zum Beispiel als mein Klassenkamerad auf dem Schulfest so betrunken war, dass er ihr, die huckepack auf meinem Rücken hing, statt der Hand den Fuß schüttelte.
Wenn ich mit anderen Menschen zusammen sitze und die Sprache auf Erlebnisse in der Kindheit kommt, dann haben viele meiner Erinnerungen einen üblen Beigeschmack. Wenn ich ansetzte zu erzählen „Ich war mit meinem Vater…“ oder etwas ähnliches, dann zieht sich mein Magen immer zusammen. Die schönen Momente kriegen einen dunklen Schatten, der oftmals alles Schöne einfach erstickt. Das macht mich meistens traurig und ich mag gar nicht mehr weiter erzählen, höre lieber zu und lächle, damit ich nicht anfange zu heulen wenn andere von diesen vielen tollen Momenten und dem guten Verhältnis zu ihren Eltern erzählen. Ich frage mich, ob das irgendwann besser wird. Meinen Vater hat seine Kindheit lange beeinflusst, vermutlich tut sie das immer noch. Wie oft erzählte er davon, dass sein Vater gewalttätig wurde, ihn verprügelte und schlug und behandelte wie Dreck. Und ich saß dann da, strich über die blauen Flecken von seinen Schlägen, die unter meiner Kleidung verborgen waren oder über die Schnitte unter meinen Ärmeln, die ich mich abends weinend im Bett auf meinen Armen zugefügt habe, weil er mich so sehr beleidigt und beschimpft hatte. Ich saß da und versuchte diese Gegensätze irgendwie miteinander in Einklang zu bringen, die Logik dahinter zu finden. Aber das funktionierte einfach nicht. Und so versuchte ich es einfach als Baustein in die verkorkste Welt meiner Kindheit und Jugend einzubauen, versuchte noch mehr keinen falschen Schritt, keine falsche Bewegung zu machen und kein falsches Wort zu sagen, versuchte noch mehr alles zu tun, damit weder Schläge noch verletzende Worte kamen. Natürlich erfolglos. Nach den ganzen Jahren, in denen er mir jedesmal einen Grund nannte, warum er dies oder jenes getan hatte, einen Grund, der mir die Schuld gab, nach diesen ganzen Jahren glaubte ich wirklich daran, dass es meine Schuld war, dass ich nicht okay bin, dass ich nur Fehler mache. Und so versuchte ich noch mehr das Richtige zu tun. Heute weiß ich, dass es kein Richtig gab. Dass es egal war, denn je nach Stimmung waren Dinge, die vor einer Woche noch richtig waren, plötzlich falsch.
Ich weiß nicht, wann ich begriffen habe, dass mein Leben und mein Zuhause nicht normal sind. Vielleicht, als mein Lehrer mir mal einen Bericht in die Hand drückte, in dem zu lesen war, dass andere Menschen sich auch selbst verletzen. Dass ich nicht der einzige Mensch auf Erden bin, und dass die Gründe oftmals in einer Traumatisierung liegen. Oder als Freunde mir erzählten, dass der Vater/die Mutter sie noch nie geschlagen hatte. Oder als wir in der Schule irgendwann mal von Kinderrechten redeten. Bis dahin war ich mir sicher, dass alle Kinder geschlagen werden, war mir sicher, dass Kinder Eigentum ihrer Eltern sind und tun müssen, was diese sagen, und wenn die etwas falsch machen, dann müssen sie bestraft werden. Für mich war das damals ein ziemlicher Schock. Auch wenn ich irgendwo in mir drin immer ahnte, dass die Dinge, die mein Vater tat, nicht in Ordnung waren, so habe ich diese Gedanken doch immer wieder verdrängt.
Verkorkste Welt. Meine Kindheit und Jugend war wohl einfach zu wirr, als dass ich hätte gesund aufwachsen können. Und doch kriege ich oft gesagt, dass ich trotz diesem Wirrwarr und den Traumatisierungen erstaunlich „gesund“ bin, doch erstaunlich viel hinbekommen hätte. Ich kann das oftmals nicht sehen und würdigen, denn es war „normal“ Zuhause, dass ich etwas leisten muss, Dinge schaffen muss, um wenigstens manchmal ein klein wenig Anerkennung zu bekommen. Deswegen tut es mir auch heute so unglaublich gut, wenn ich für etwas gelobt werde, dass ich geschafft habe. Zum Beispiel hier vom Personal, wenn ich Momente voller hoher Anspannung schaffe ohne mich zu verletzen. Oder von Freunden, weil ich produktiv war und viel erledigt bekommen habe. Oder von Mama, die mir sagt, wie schön ich meine Wohnung eingerichtet habe. Oder, oder, oder. Auch wenn es mir oft schwer fällt das anzunehmen und ähnlich zu sehen, so tut es doch immer wieder gut. Und nun werde ich mich ins Bett kuscheln und versuchen zu schlafen.

She stands up straight
and takes some air
it’s just another bad day

And then she screams out loud
You’ve made a mess of your life
You won’t make a mess of mine

Hello, I’m still here 

Und wie so oft: nach einem guten Tag wird es abends furchtbar. Irgendwas hat dazu dann auch noch getriggert, seitdem jagen die Flashbacks sich gegenseitig.
Bilder in meinem Kopf, von ihm, von D., von so vielen Situationen. Immer wieder die Szenen, als ich noch so klein war, als ich gar nicht verstand was da passiert. Und Jahre später dann D., der in genau diese Kerbe reinschlug.
Ich habe Bauchschmerzen. Mir ist übel. Ich zitter und ich habe solch einen Druck. Ich schaue meine Arme an, streiche über die Haut und die Narben, stelle mir den süßen Schmerz vor und das Blut. Ich will schneiden, so unglaublich gerne.
Ich habe in der Klinik angerufen. Trotz Bedarf komme ich nicht runter. Nathalie sagt, dass ich weiter skillen soll. Einfach weiter machen, bis die Dipi mich umhauen. Pflaster. Finalgon. Eiswürfel. Gummiband. Und wieder und wieder und wieder.
Fünf Wochen habe ich durchgehalten. Ich weiß, dass die Gedanken daran seltener werden, je länger ich es ohne schaffe. Aber der Weg erscheint mir so unendlich weit. Jeder Tag ist ein Kampf. In Momenten wie diesen ist jede einzelne Minute ein Kampf. Der Tag war gut und bleibt auch gut. Das klebt an meiner Wand. Ich versuche es mir immer wieder zu sagen. Versuche den Erinnerungen keinen Platz zu geben. Atme ein und atme aus, atme gegen die Übelkeit, gegen den Wunsch alles auszukotzen. Auch wenn ich weiß, dass da nichts mehr von ihm in mir ist, seit Jahren nicht mehr. Trotzdem fühle ich mich furchtbar, fühle mich grausam, will kotzen und schneiden, damit es endlich aufhört und sich weniger furchtbar anfühlt. Selbst nach den ganzen Jahren hauen mich die körperlichen Symptome um. Weil es sich so oft anfühlt, als ob es gerade erst passiert ist. Weil da diese unglaublichen Schmerzen sind, die eigentlich gar nicht da sind. Weil da diese Übelkeit ist, dieser Würgereiz, dieses Gefühl an und in mir. Ich will das alles weg schneiden. So lange schneiden, bis diese Gefühle aufhören. Bis diese Gedanken aufhören. Bis da nur noch Blut ist und Erleichterung.
Und wie immer frage ich mich, wie man einem kleinen Kind sowas antun kann. Wie man überhaupt einem Menschen sowas antun kann.
Ich will schneiden. Einfach nur schneiden. Tief und viel und noch viel tiefer und noch viel mehr. Und trotzdem sitze ich hier mit Pflaster, Finalgon, Gummi und Eiswürfeln und versuche genau das nicht zu tun.
Ich bin die einzige, die mir so wehtun darf. Ich kann es kontrollieren, kann mir selbst den Schmerz zufügen, kann das innere Chaos so besiegen. Das waren so lange meine Gedanken, dass sind sie immer noch. Doch letztendlich gebe ich ihm damit wieder Macht über mich.
Bald sind es 16 Jahre seit ich begonnen habe mich zu verletzen. 16 Jahre, die sich so oft um Rasierklingen, verstecken von Wunden und Narben, den nächsten Schnitt, um all diese Dinge gedreht haben. Ich kann doch nicht ewig so weiter machen. Nicht ewig so gegen mich selber kämpfen.
Vielleicht ist eine Traumatherapie wirklich sinnvoll. Vielleicht werde ich das angehen, nach der DBT. Vielleicht macht es das besser, erträglicher, leichter, was auch immer.
Skillen. Einatmen, ausatmen. Der Tag war gut und bleibt auch gut.

Playground school bell rings again 
Rain clouds come to play again 
Has no one told you she’s not breathing? 
Hello I’m your mind giving you someone to talk to

Und das war er also, der heilige Abend. Tag 1 von 3 ist vorbei.
Ich liege in Mamas Bett und will schneiden. Will weinen. Will in die Küche gehen, im T-Shirt, ihr meine Arme hinhalten und laut rufen „da, das hat er mir angetan, so schlimm war es und ist es immernoch.“ Stattdessen verstecke ich meine Narben weiterhin unter langen Ärmeln, sage ihr ruhig, dass ich nichts von ihm hören möchte, wenn sie wieder somit anfängt, lächle wenn meine Schwester von Weihnachtsfesten erzählt, die ich nicht miterleben durfte, lächle, wenn sie von Weihnachten bei unserer Oma und unserer Uroma spricht, von so vielen Momenten, in denen ich nicht da war, in denen ich innerlich schreiend bei ihm saß und meine Familie so furchtbar vermisste.
Ich will schneiden, weil der innerliche Schmerz so furchtbar ist. Ich will schneiden, weil ich das Gefühl habe das nicht auszuhalten. Doch ich versuche mich zusammen zu reißen, versuche mich abzulenken, denn unbemerkt komme ich heute Nacht nicht in ein Krankenhaus. Und ich weiß, dass ich es nicht schaffen würde nur oberflächlich zu schneiden.
Ich habe meine Medis genommen und hoffe, dass sie bald wirken. Wenn nicht werfe ich Bedarf hinterher. Ich kuschel mich in die Decke, die nach Mamas Waschmittel riecht, kuschel mich an das Pummeleinhorn, dass meine Schwester mir geschenkt hat, versuche meine Gedanken bei der Folge walking dead zu lassen, die läuft, versuche es auszuhalten indem ich es hier aufschreibe.
Manchmal zerreißt es mich fast, wenn ich weiß, dass die Mutter, die ich jahrelang vermisst habe und so sehr gebraucht hätte, hier direkt nebenan ist. Oder sonst auch nur einige Kilometer entfernt. Es zerreißt mich, das zu wissen und auf der anderen Seite zu wissen, dass sie das eben nicht kann. Meine Vergangenheit verstehen, akzeptieren und mittragen. Mich tragen. Da sein, so wie eine Mutter da sein sollte. Und dann könnte ich wieder weinen und will ihr meine Arme unter die Nase halten, will sie schütteln, anbrüllen, ihr sagen wie sehr ich sie bräuchte und wie wichtig es wäre, dass sie endlichendlichendlich akzeptiert was er mir angetan hat und ihn nicht ständig in Schutz nimmt und alles schön redet.
Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass sie das nicht kann und wahrscheinlich auch nie können wird. Vielleicht muss ich das akzeptieren, genauso wie ich damals akzeptieren musste, dass er nicht der Vater sein kann, den sich ein Kind wünscht.
Ich will nur heil durch diese Nacht kommen. Durch diese und die nächste, durch die Tage, bis ich mich wieder nach Hause in meine 4 Wände flüchten kann, in meine Sicherheit.

The emptiness of space.

Ich war 9 Stunden im Bett. Effektiv erholsam war davon keine Minute. Ich wache auf mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und fiesen Erinnerungen.
Ich habe von meinem Vater geträumt. Und vom Sohn meiner Tagesmutter. Eine wirklich tolle Kombination.
Ich will schneiden. Ich will kotzen. Ich will diese Erinnerungen auskotzen, will die ganzen Gefühle auskotzen. Ich will mir so viel Medis einwerfen, bis alles wattig und egal ist. Und dann schaue ich auf den Kalender und könnte noch mehr kotzen/schneiden/einwerfen, weil Weihnachten so verdammt unaufhaltsam näher rückt. Und Silvester. In meinem Kopf ist immer noch ganz fest verankert, dass ich das neue Jahr nicht erleben will. Dass ich endlich ein Ende will. Und obwohl ich in der Klinik sein werde habe ich Angst. Angst, dass ich dort doch irgendwie diese Gedanken nicht aushalten kann, dass ich doch irgendwie Mist baue. Ich weiß genau, dass es mir hilft Klingen zu haben. Zu wissen, dass ich könnte wenn ich wollte. Ich weiß, dass es mehr Druck macht, wenn keine mehr da ist. Trotzdem habe ich meine Klingen dann doch irgendwann abgegeben, wenn es kritisch wurde.
Ich habe Angst, dass ich genau das diesmal nicht mache. Mit dem Hintergedanken, dass ich gehen will. Dass ich es beenden will.
Und dann werde ich wütend. Wütend auf ihn, weil er und seine Worte und Taten so fest in mir stecken, dass diese Tage einfach Horror sind. Ich möchte mich am liebsten abschießen, von Weihnachten bis Neujahr. Mich irgendwo vergraben und diese Tage völlig verschlafen.
Stattdessen werde ich am 24. zu meiner kleinen Familie fahren, dort die Tage verbringen. Und über Silvester in die Klinik gehen und hoffen, dass der sichere Rahmen mich einigermaßen heil ins neue Jahr bringt.
Und statt nun destruktiven Kram zu machen werde ich mich anziehen, mir einen Tee kochen, meine Medis nehmen und ein wenig Ordnung machen, Wäsche waschen, den Druck aushalten und einfach weiter atmen.
Der Tag gestern war übrigens sehr schön. Ich hab mit V meine Schwester aufgegabelt, wir haben uns die volle Dröhnung Schoko gegeben, sind durch die Stadt und verschiedene Geschäfte gebummelt und lilu getroffen, am Schluss haben V und ich noch Chrissie gsknuddelt, die grade von der Therapie kam und sie hat mich auch heimgefahren, damit wir noch ein bisschen reden konnten. Ich mache mir Sorgen, dass sie sich wieder mehr schneidet, nun wo klar ist, dass Sunny bald sterben wird. Aber ich weiß auch, dass ich sie nicht davon abhalten kann.

I need a new direction
Cause I have lost my way.
All we need is faith.

You must fight just to keep them alive

Nachdem ich das vorhin mit der Freiheit schrieb fallen mir ständig Sachen ein, bei denen ich keine Freiheit hatte.
Daheim bleiben, wenn ich krank war. So richtig krank.
Sagen, dass eine 0,5 l Flasche niemals für einem ganzen Schultag reicht (der ab und an ja auch mal bis 5 Uhr ging).
Mein Pausenbrot wieder mit nach Hause bringen.
Selbst kochen oder backen. Nur etwas warm machen war okay.
Jemanden anrufen. Und schon gleich 3 Mal nicht meine Mutter. Einzige Ausnahme: die Oma jeden Sonntag.
Essen worauf ich Lust hatte und wann ich will. Gegessen wird was auf den Tisch kommt und auch genau dann.
Freunde einladen.
Freunde besuchen. So ohne Grund. Bei schulischen Dingen dann doch, aber widerwillig.
Mit Freunden unterwegs sein.
Später nach Hause kommen als direkt nach der Schule.
Raus gehen wenn ich wollte, manchmal nach viel betteln war es okay.
Am Wochenende laut sein. Denn er musste ja mittags schlafen. Später fand ich das toll, weil ich in der Zeit meine Ruhe hatte. Als kleines Kind ist das eine Qual, sich alleine und mucksmäuschenstill drinnen zu beschäftigen wenn die anderen Kinder draußen spielen.
Meine Meinung sagen.
Widersprechen.
Daheim bleiben anstatt mit einkaufen zu fahren.
Einen Freund haben.
Meine Mutter besuchen.
Abends im Bett lesen.
Duschen oder baden. Das gab es nur sonntags.
Mehrmals in der Woche die Kleider wechseln.
Kleider dreckig machen.
Meine Tante toll finden.
Etwas positives über meine Mutter sagen.
Fernsehen.
Eine Therapie machen.
Weinen.
Den Teller nicht leer essen.
Eine schlechte Note schreiben.
Ein Handy haben.
Internet haben. Selbst als ich es für die Schule brauchte.
Menschen, die mein Vater nicht leiden konnte, grüßen.
Filme schauen, die ich schauen mag. (scheiß Babyprogramm, wenn am Sonntag Kinderfilme liefen. Mit 8 kann man ja auch locker schon Erwachsenenfilme schauen…)
Mich über Post von meiner Mutter freuen.
Mich weigern schon um 6 ins Bett zu gehen, weil ich „nicht lieb“ war.
Ihm nicht jeden Abend zuhören und zustimmen, dass alle Menschen gegen ihn sind und ihm schlechtes wollen.
Mich schminken. Davon gehen ja die Kontaktlinsen kaputt.
Mir die Nägel lackieren.
Etwas aus Versehen kaputt machen.
Alleine zum Arzt gehen.
Nicht direkt reagieren wenn er was will.
Zwischen den „normalen“  Mahlzeiten etwas essen, weil man Hunger hat.
Darauf hinweisen, dass die Spülmaschine seit Jahren unbenutzt da rum steht und ja eigentlich fürs spülen eingebaut wurde.
Im Auto vorne sitzen.
Haustiere haben.
Ihn alleine was machen lassen ohne zu helfen oder dabei zu sein. Und wenn ich nur daneben stand.
Über meine Probleme und Sorgen reden.
Sagen, dass alle anderen Kinder dies oder jenes haben und mich auslachen, weil ich es nicht habe.
Sagen, dass ich meine Mutter vermisse.
Einen einzigen Fehler machen beim Schreiben von Karten zu irgendwelchen Anlässen, oder es wagen nicht akkurat auf einer Linie zu schreiben.
Mich mal eine Weile in mein Zimmer verkriechen und alleine sein.
Angst haben, wenn ich als Kind alleine war.
Sagen, dass man Kinder nicht schlagen darf.
Sagen, dass ich doch gar nichts getan habe, was es rechtfertigt verprügelt zu werden.
Weinen, wenn ich geschlagen werde.
Kritisieren, dass er so viel Geld für Alkohol und Tabak ausgibt und dann sagt, er hat kein Geld etwas zu kaufen.
Irgendwo Dreck oder Unordnung hinterlassen.
Mit dem erwachsenen Sohn des Nachbarn draußen sitzen.
Nach Hause wollen, wenn wir unterwegs waren.
Unterwegs etwas zu trinken oder zu essen wollen, wenn es seiner Meinung nach nicht angemessen war.
Etwas innerhalb der festgefahrenen Rituale ändern.
Einen Kindergeburtstag feiern.
Meine Zimmertür schließen.
Einfach so etwas kriegen oder selbst kaufen, weil man es haben möchte, ohne bestimmten Anlass.
Mich um mich selbst und meine Probleme kümmern anstatt um seine.
Liebeskummer haben.
Vom Mobbing erzählen.
Wild rumtoben.
Etwas lustig finden, dass er nicht lustig findet.
Um eine Schmerztablette bitten.
Die Pinzette benutzen.
Die Badezimmertür zusperren.

Ich könnte vermutlich endlos so weiter machen.
Es gibt Momente und Regeln und Vorschriften, die haben sich so in mein Gedächtnis eingebrannt, dass sie immer und immer wieder mein Handeln bestimmen, bis heute.
Zum Beispiel, als eine Klassenkameradin mit meiner Brotdose in der Grundschule Schnee schaufelte und sie dabei zerbrach. Natürlich habe ich sie zerstört, mutwillig, und muss dafür bestraft werden.
Oder als die Fliese in der Küche einen Sprung hatte, weil er betrunken irgendwas fallen ließ. Das war natürlich ich und er schlug so lange zu, bis ich zugab etwas getan zu haben, dass ich nie getan hatte.
Oder als ich mir den Arm brach und mir gesagt wurde, ich soll mich nicht so anstellen, bevor wir nach stundenlangen Schmerzen endlich mal ins Krankenhaus fuhren.
Oder als er damals sagte, dass ich nie wieder zu dieser Therapeutin gehen werde.
Oder diese ganzen Momente, in denen er mir erklärte, wie faul, nutzlose, wertlos und unfähig ich sei. Und gestört. Wie meine Mutter.
All diese Nachmittage, an denen ich mich nicht mal getraut habe zu husten, aus Angst, dass er aufwacht und sauer wird.
Oder als er mir mit voller Wucht auf einem Fest auf meinen kleinen Kinderfuß trat, weil ich gerne noch etwas zu trinken wollte.
Oder als ich weinend im Auto saß, weil meine Mutter nur 30 Minuten entfernt war, ich aber nicht zu ihr durfte. Ist schließlich zu weit und dauert zu lange.
Oder die ganzen Tage, an denen ich Ausreden erfinden musste. Länger Schule. Projektarbeit. Eine AG. Nur damit ich heimlich zur Therapie fahren konnte.

Wenn ich mein Tagebuch von damals aufschlagen würde, es ist voller solcher Momente. Voll mit dem Schmerz einer Jugendlichen, die in einer absurden Welt lebt, die einfach nur unberechenbar ist. Voller Sätze wie „ich habe wieder geschnitten“ oder „ich will sterben“. Voller Geheimnisse, die ich vor meinem Vater haben musste, um irgendwie zu überleben.

Menschen die oft verletzt wurden, sind gefährlich, denn sie wissen wie man überlebt!

Und jetzt drehe ich die Musik auf und singe laut dazu und genieße es, weil ich weiß, dass du dich darüber aufgeregt hättest. Ätsch!

Rising up, back on the street
Did my time, took my chances
Went the distance, now I’m back on my feet
Just a man and his will to survive

Du bist das Recht, du bist das, was jeder verdient

Um kurz nach 7 habe ich die Augen aufgeschlagen, weil das Handy zum dritten Mal vor sich hin brummte und ich nach dem dritten Mal nicht die Möglichkeit habe nochmal auf schlummern zu drücken. Stattdessen muss ich mehrere Rechenaufgaben lösen. Und das funktioniert mit geschlossenen Augen relativ schlecht, also musste ich sie eben öffnen.
Und wenn ich mir nicht ziemlich sicher wäre, dass die Menschen bei der Krankenkasse eine Woche vor Weihnachten aufhören zu arbeiten, zwischen Weihnachten und Neujahr keine Lust haben irgendwas anzufangen und im neuen Jahr bestimmt zwei Wochen brauchen, um ihren Arbeitsplatz wieder zu finden, dann wäre ich einfach liegen geblieben. Aber da ich darauf angewiesen bin, dass spätestens vor dem 1. Januar Geld kommt, damit es dann direkt wieder abgebucht werden kann, bin ich eben aus dem Bett und in die Kleider und habe gefrühstückt (es ist seltsam das zu schreiben…), die Fellnasen gefüttert (Katerkind hat natürlich wieder gemeint, dass man das Futter einatmen kann, deswegen kam es dann nochmal Hallo sagen…) und bin vor die Türe gefallen. Und wie das eben so ist, wenn man eigentlich was vor hat und irgendwo hin will: der Bus kam nicht. Wenn eine Schneeflocke vom Himmel gefallen wäre, dann hätte ich erst gar nicht versucht in die Hauptstadt zu kommen. Wintereinbruch ist hier ja immer eine Sensation, woher soll man denn wissen, dass es im Winter schneien könnte?! Ich muss dann jedes Jahr schmunzeln, wenn Busse, Bahnen, Autos und sonstiges Gefährt einfach nicht mehr voran kommt bei dem Schneechaos aus einer Hand voll Flocken. Wenn man am Rande des Schwarzwalds aufgewachsen ist, dann sind 2 Meter Schnee im Winter keine Seltenheit, dass wegen ein paar Flocken alles stillliegt –  das gibt es nicht.
Aber bei einer Temperatur um die 7 Grad wird es wohl nicht schneien.
Also bin ich wieder heim, habe noch zwanzig Minuten das Katerkind gekrault und bin dann nochmal vor die Türe, da kam dann auch tatsächlich ein Bus.
Hauptstadt – Psychiater – Drogeriemarkt (ich bin an den Rasierklingen vorbei gekommen ohne welche zu kaufen!) – anderer Drogeriemarkt (und nochmal geschafft!) – nach Hause.
Daheim werde ich meine Fellnasen frisch machen, sowohl die quietschenden als auch die miauende, räume ein wenig auf (und die 1200 Puzzleteile in meinem Schlafzimmer zusammen), überlege was ich kochen soll, bringe meinen Krankengeldwisch zur Post, kriege Besuch, will mir Gutes tun. Vielleicht drehe ich mal wieder die Musik laut, das habe ich lange nicht getan. Dann hören meine Nachbarn wenigstens auch mal gute Musik.
Wenn ich Glück habe finde ich beim Aufräumen die 10 verschollene Spielzeugmäuse von Katerkind.

Gesten hatte ich übrigens einen sehr schönen Moment, der mir auch heute noch ganz fest im Gefühl hängt.
Ich links eingehängt bei Mama, Schwesterherz rechts, durch die Bahnhofstraße laufend, Weihnachtsmarktgeruch in der Nase und ein unendliches Gefühl von Freiheit.
Freiheit, das ist so eine wichtige Sache für mich. Die Freiheit zu tun wonach mir ist, zu essen was ich will, zu schlafen wann und wo ich will, laut zu singen, zu heulen, zu telefonieren, zu duschen… All das sind Dinge bei denen ich so viele Jahre eingeschränkt war, die ich nicht oder nur dann und dann machen durfte.
Manchmal (und eigentlich bräuchte ich das öfter) muss ich mir das vor Augen halten. Dass damals vorbei ist. Dass es nun so viel anders ist. Dass ich einfach frei bin. Frei von ihm, frei von seinen Einschränkungen, frei von seiner Gewalt. Auch wenn es sich manchmal gar nicht so anfühlt, weil er in meinen Gedanken und Gefühle festklebt wie Kaugummi, weil so viele Dinge eingefahren sind und mich bis heute begleiten, weil ich es eben nie anders gelernt habe. Aber ich bin frei, ich kann selbst bestimmen. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwann auch aus Gefühlen, Gedanken und Handlungen verschwinden wird. Vielleicht nie ganz, aber zumindest so weit, dass es mein Leben nicht mehr bestimmt. Vielleicht ist das eine Idee an das „Gutes tun“ ran zu kommen, weil da soooo viele Dinge drunter fallen, die ich nie durfte und mir deswegen auch unbewusst bis heute verbiete und sie nur schlecht aushalten kann. Vielleicht hilft es, ganz bewusst gegen sein Tun, seinen Einfluss, zu handeln, mir das ganz bewusst zu sagen. Graadselääds! „Und nun tue ich das ganz bewusst, weil ich weiß, dass ich es damals nicht gedurft hatte und du ausgeflippt wärst. Ätsch!“

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen

Und ich schrecke nass geschwitzt und mit rasendem Herz aus dem Schlaf hoch. Brauche eine Weile, bis ich in der Realität ankomme. Habe Angst, Panik, würde am liebsten schreien. Bis die Gegenwart langsam durchdringt, bis mir klar wird, dass ich in meinem Bett liege, sicher bin.
Ich habe von meinem Vater geträumt. Davon, dass er mir auf die Mailbox redet, dass er so gerne wissen würde, warum ich nicht mit ihm rede. Und dann bin ich merkwürdigerweise bei ihm, schreibe ihm eine Zettel, schreibe darauf, dass er mich so oft geschlagen hat, dass er einfach nie wirklich für mich da war, dass er mir psychisch und physisch weh getan hat, dass er mir meine Mama nahm, mir die Möglichkeit nahm meine Schwester aufwachsen zu sehen, dass soooo viele Dinge passiert sind und er sich nie dafür entschuldigt hat.
Und dann ist er plötzlich da. Liest das, rastet aus. Wie so oft damals. Er schreit, er kommt bedrohlich auf mich zu, er wird gewalttätig. Ich will nur noch weg, schreie, renne raus. Er wirft Gegenstände. Eine Nachbarin kommt, will wissen, was los ist. Ich flüchte mich nach draußen. Sie ruft nur noch „renn, bring dich in Sicherheit“ und ich laufe über den Hof, laufe auf die Straße, hoffe dass ein Auto kommt und mich mitnimmt, doch da ist nichts als Dunkelheit. Ich renne und renne und höre ihn immer näher kommen…
Und dann wurde ich wach.
Nun liege ich hier und traue mich nicht wieder einzuschlafen. Liege hier und bin total neben der Spur, kann mich nur schwer in der Realität halten. Ich habe Angst. Selbst nach so vielen Jahren habe ich einfach Angst.