I’m so tired of being here

Im Moment triggern so unglaublich viele Dinge. Manche Geräusche, manche harmlosen Unterhaltungen, bei denen dann nur ein Wort fällt, dass mich umhaut. Gerade eben der Geruch im Raucherraum, es roch nach den Zigaretten, die mein Vater immer geraucht hat.
Ich sitze auf dem Bett und atme ein und aus. Und ein und aus. Versuche mich darauf zu konzentrieren, daran festzuhalten und damit weiter zu machen, auch wenn es gerade unglaublich schwer fällt. Einatmen und ausatmen. Immer und immer wieder.
In der Achtsamkeit heute morgen kamen bei der Meditation auch wieder Bilder hoch. Ich bin dann auf die Station geflitzt und habe mich mit Finalgon einschmieren lassen, der kurz danach eintretenden Schmerz hat mich dann den Rest der Achtsamkeit über in der Realität gehalten. Denn ich wollte unbedingt hin und mitmachen, es tut mir nämlich immer gut.
Nun habe ich wieder Finalgon auf dem Arm, spüre den Schmerz aber kaum. Ich hoffe es fängt noch an mehr zu brennen, bevor ich mich gar nicht mehr in der Realität halten kann. Der Geruch hat so viel ausgelöst. Gerüche finde ich eh am schlimmsten, sie triggern viel mehr als Worte oder Bilder oder Gedanken. Sie sind plötzlich einfach da und man kann ihnen nicht ausweichen, sie strömen einem in die Nase und knallen von dort direkt in die Gefühle und hauen mich um. Ohne Umweg über den Kopf und nachdenken oder sonst was. Einfach voll rein. Atmen. Einatmen und ausatmen. Alles wird gut. Alles ist okay.
Ich halte mich daran fest, dass ich bald mit Nathalie eine Runde raus gehe. Reden und laufen und laufen und reden. Den Kopf vielleicht wieder in wenig frei kriegen. Die Bilder los werden, die ich vor meinen Augen sehe, egal ob ich sie offen lasse oder schließe. Seine Hände auf meinem Körper, sein Geruch in meiner Nase, all das wirkt so real. Manchmal bin ich mir nicht sicher, was nun die Realität ist. Diese Dinge oder das hier gerade. Ob ich nicht vielleicht doch dort bin und das hier nur als Bilder vor meinen Augen sehe. Es ist schwer das zu trennen. Die Grenzen verschwimmen und ich habe das Gefühl, dass ich in zwei Welten gleichzeitig stecke, bis die Flashbacks überhand nehmen und das hier und jetzt ganz verschwindet. Dann gibt es nur noch damals, nur noch die Gerüche und Gedanken und Gefühle. Nur noch seine Hände, seinen Atem, meine Angst. Dann ist alles um mich rum weg, ich bin nur noch dort. Und das sind die Momente, in denen ich dann auch keine Kontrolle mehr habe. Ich denen einfach alles flöten geht, in denen ich mich verletze ohne es mitzubekommen, bis es zu spät ist, in denen ich handle ohne wirklich zu handeln, in denen ich nicht da bin und doch da.
Irgendwann wird es besser. Irgendwann wird es leichter. Nur fühlt es sich gerade gar nicht so an und mein Kopf denkt diese Dinge, ohne dass ich es fühlen kann.

These wounds won’t seem to heal
This pain is just too real
There’s just too much that time cannot erase

mit jeder Welle reiten neue Leichen an Land 

Seit gestern bin ich wieder in der Klinik.
Tagsüber ist es okay. Ich schiebe zwar mehr Panik als sonst, versuche mir das aber nicht anmerken zu lassen. Zu viele Menschen und eine zu hohe Lautstärke machen allerdings dann meist so viel Anspannung, dass ich mich zurückziehen muss. Aber auch das ist in Ordnung. Abends wird es schwerer. Die Panik nimmt mehr Raum ein, oftmals kommen Flashbacks dazu. Gestern hat einfach nur das Geräusch des Fernsehers gereicht, um alte Erinnerungen zu triggern. In meinem Kopf war nur noch der Gedanke an schneiden. Dann mischte sich ein wenig „raus aus dem Zimmer, einfach nur raus und zum Schwesternsitz“ darunter und das habe ich dann auch getan. Heulend und zitternd und mit enormer Anspannung. Irgendwann wurde mir von den Flashbacks so übel, dass ich mich übergeben habe. Und das hat dann auch den Strom aus Bildern unterbrochen, ich konnte Bedarf nehmen, habe die Übelkeit mit Kamillentee und Wärmekompresse bekämpft und bin irgendwann ins Bett und auch direkt eingeschlafen.
Heute ist es immer wieder anstrengend . Zu viele Menschen, zu laut, zu stickig. Zu viel Kopfchaos. Ich bin immer noch unglaublich müde vom Bedarf gestern, versuche mich aber so gut es geht wachzuhalten, nachdem ich heute morgen dann zwei Mal aus dem Schlaf gerissen wurde, zuerst durch einen Anruf meiner Krankenkasse, dann durch Klopfen an der Türe und Zimmerwechselei.
Die Flashbacks waren wieder extrem. Ich habe mich verletzt, danach war es aushaltbar, bis ich mich in meinem Bett zusammen gerollt und mir die Kopfhörer in die Ohren gesteckt habe. Dann habe ich mich wieder im Bad verkrochen, die Klinge ausgepackt, geheult ohne Ende und irgendwann den roten Knopf gedrückt. Nathalie kam und hat mit mir geredet. Über die Suizidgedanken in meinem Kopf. Über die Flashbacks und das Chaos und meinen Wunsch danach, dass es endet. Danach waren wir draußen und sind um den See spaziert, während mir immer noch die Tränen liefen und haben weiter geredet. Über die Möglichkeiten, die helfen könnten derzeit. Was hilft ist reden. Und raus gehen und dabei reden. Das Gefühl zu haben nicht alleine zu sein und erzählen können, was in meinem Kopf ist. Sie meint, ich soll doch mal Wellenreiten als Skill versuchen. Mir beispielsweise morgen früh, wenn es mies ist, immer wieder denken, dass Nathalie mittags kommt und ich mit ihr raus und reden kann. Und mich immer wieder daran erinnern und festhalten. Und gegen die Panik, dass mein Vater plötzlich da stehen könnte, soll ich versuchen das ganze zu splitten. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Mutter ihm meine Adresse gibt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie über einen anderen Weg raus kriegt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er dort auf mich wartet und mir bis zur mir nach Hause folgt? All diese Dinge sind relativ unwahrscheinlich und es hilft ein wenig gegen die Panik. Nathalie sagt immer wieder, dass es auch wieder besser wird. Dass ich die Kraft habe das zu schaffen. Es tut gut das zu hören, weil ich es selbst nicht schaffe daran zu glauben. Und sie fragt, ob ich will, dass sie mich dann findet. Möglicherweise ohne Puls. Sie oder Pfleger Arschkeks oder Pfleger Kai. Und ich schüttel den Kopf, denn natürlich will ich das nicht. „Und ich sage wieder den berühmten Satz: vor einem Jahr wäre das alles noch nicht möglich gewesen. Und es ist eben nur ein Jahr bisher.“ Ja. Vor einem Jahr hätte ich vermutlich schon längst versucht das ganze zu beenden. Auch wenn ich es in diesen Momenten, in denen ich heulend und zitternd mit dem Kopf voller Flashbacks irgendwo hänge, einfach nicht sehen kann. Dann sehe ich da keinen Fortschritt und keine Entwicklung, dann ist da nur der augenblickliche Horror und die Panik und die Angst und der Wille aufzugeben, nichts anderes. „Das ist wie ein Boxkampf. Nur eben da oben. Und ich glaube daran, dass Sie sich nicht umhauen lassen.“ sagt sie, als ich wieder einigermaßen bei mir bin und wir wieder auf der Station sind.
Danach ist es besser. Reden und gehen und gehen und reden hat geholfen, hat mich aus der Hochspannung und den Flashbacks geholt. Die Suizidgedanken sind immer noch da, aber so weit besser, dass ich nicht mehr das Gefühl habe direkt auf der Stelle einen Weg suchen zu müssen mir das Leben zu nehmen. Etwas Erleichterung in dem aktuellen Chaos.
Nun sitze ich mit Musik und Schokolade im Flur und schreibe. Und mit Nathalies Zetteln.
Tag für Tag.
Minute für Minute.Schritt für Schritt.
Skill für Skill.
Chakka!
Langsam komme ich auch wieder mehr runter und in der Realität an, fühle mich nicht mehr so extrem aufgewühlt und furchtbar. Auch wenn die Anspannung immer noch hoch ist und die Gedanken kreisen.
Bibi war dann noch kurz da und es tat gut mal in den Arm genommen zu werden, da in bisschen zu reden und zu rauchen.
Und manchmal kommt momentan dann auch der Gedanke in den Kopf, dass ich es vielleicht doch schaffe durch die aktuelle Krise, durch die furchtbaren Gedanken und den Horror, ohne dass ich daran sterbe. Vielleicht kann ich das Ganze doch durchstehen, aushalten, durchhalten, ohne dass ich mich ständig verletze oder mir sonst irgendwie schade.

du lässt die Wellen vor dir brechen 
Wenn du deine Fesseln sprengst
Ich will das Meer sehen 
Will in die Freiheit gehen 
Will über den Dingen stehen 
Ich will Wellen reiten

Nur reden mag sie nicht

Es geht mir nicht gut. Ich wurde ohne Vorwarnung oder sonstiges mit meinem Vater konfrontiert, was mich gewaltig aus der Bahn geworfen hat. Nach Außen versuche ich mir wenig anmerken zu lassen, versuche weiter zu machen. In meinem Inneren tobt das pure Chaos. Sämtliche Sicherheit ist flöten gegangen, ich schrecke zusammen wenn es unerwartet klingelt, ich kriege Panik bei jedem Auto, dass vor der Türe hält. Bin ich in der Hauptstadt, dann macht mich jedes Auto der gleichen Farbe und Marke wie das meines Vaters völlig wahnsinnig, jeden Menschen, der mir unterwegs begegnet mustere ich mehr als sonst. Alkoholgeruch triggert mehr als sonst. Sachen im Mund auch. Tabletten schlucken ist jeden Morgen ein Kampf, mittags und abends klappt es ein wenig besser. Ich bin durch und mag einfach nur noch zusammenbrechen.
Stattdessen versuche ich einfach weiter zu machen. Ich war in der Hauptstadt (zweimal, weil einmal Psychiater zu hatte. Und dann nochmal, da hatte Psychiater Urlaub. Also gibt es nur ein Rezept für die Minipackungen von der Vertretung und ich muss am Montag schon wieder hin.), besuche Freunde oder habe Besuch, gehe einkaufen, koche und esse. Zu viel mehr reicht es nicht. Meine Wohnung ist ein Chaos und ich müsste so dringend ein wenig Ordnung schaffen, aber es geht nicht. Mir fehlt die Kraft, völlig.
Ich schlafe nicht gut. Ich träume schlecht und wache oft auch, manchmal klatschnass geschwitzt und heulend. So auch heute. Irgendwann hab ich es aus dem Bett geschafft und bin zur Apotheke und habe endlich meinen Krankenschein zur Post gebracht, zuhause habe ich wenigstens mal die Wäsche in die Maschine geworfen und mir einen Tee gekocht. Gleich mag ich nochmal für ein paar Stunden in mein Bett krabbeln, denn ich bin müde und erledigt von der Nacht.
Die Suizidgedanken kommen immer wieder so heftig, dass ich das Gefühl habe sie nicht auszuhalten und ihnen nachgeben zu müssen. Die Flashbacks hauen immer wieder so extrem rein, dass ich ihnen nichts entgegenzusetzen weiß. Nur mit viel Kraft schaffe ich es mich nicht so extrem zu verletzen, dass ich ins Krankenhaus muss. Langsam habe ich aber das Gefühl, dass mir die Kraft und die Kontrolle immer mehr flöten gehen.
Für heute habe ich mir vorgenommen ein wenig in meiner Wohnung Ordnung zu schaffen, ich kriege Besuch und einkaufen steht auch auf dem Plan. Alltag. Struktur. Dinge, an denen ich mich festhalten kann.
Weiter atmen. Einfach atmen. Ein und aus. Minute für Minute.

oft sitzt sie vor dem Fenster, schaut wie der Himmel weint
sieht so viele Schatten, obwohl die Sonne gar nicht scheint
seit unendlich langer Zeit lebt sie in einer dunklen Welt
sie hat viel zu früh gelernt, dass der Tod auch zum Leben zählt
wo Rosen regnen, da wäre sie so gern
wo Felder blühen, eine Welt so nah und fern
wo Milch und Honig fließt, das ist ihre Welt
kann ich noch etwas sehen: Hoffnung!

We said someday we’d find out how it feels

In letzter Zeit muss ich oft an meine Schulzeit denken. Nicht, weil sie besonders schön war, sondern weil manche Erinnerungen einfach kommen. Vielleicht ist es dieses „die Seele ist bereit dafür“. Meine Schulzeit habe ich, genau wie so viele Dinge, vor 8 Jahren mit meinem abrupten und schnellen Wegzug aus BaWü einfach von mir weggeschoben.
Es gibt nicht viele schöne Erinnerungen an die Jahre auf dem Gymnasium. Es fing schon damit an, dass ich nur eine von drei Schülern aus der Grundschule war, die es aufs Gymnasium geschafft haben. Damit brachen meine damals bestehenden Grundschulfreundschaften (und das waren auch nur wenige) quasi auseinander. Mit den anderen zweien hatte ich mich noch nie allzu gut verstanden und sie bildeten ein Duo in das keine weitere Person passte. Dazu kam, dass ich eben nicht „cool“ war. Ich hatte keine Markenklamotten, kein Handy, war pummelig, kam schon immer besser mit Jungs aus als mit Mädels. Damit eckte ich eben an. Zu dem verkorksten Verhältnis zu Essen meines Vaters habe ich ja schon mal geschrieben, mein Verhältnis war und ist davon so sehr beeinflusst, dass es eben auch nicht gesund war und ist. Essen war eine Belohnung. War ich (in seinen Augen) lieb, dann bekam ich Essen, war ich es nicht, musste ich ohne Essen ins Bett. Habe ich nicht mindestens einmal Nachschlag verlangt, dann war ich undankbar. Und er beleidigt, weil er gekocht hatte und ich es nicht würdigte. Mein Vater hat immer viel Fleisch gekocht, viel fettig. Und auch generell viel Geld für Essen ausgegeben. Von den teuren Dingen durfte ich immer nur wenig essen und er die Hauptmenge. Selber kochen durfte ich nicht, mir nur Sachen warm machen. Und dann galt, dass ich es auch leer essen muss. Ist schwer, wenn man als Kind eine Dose Ravioli oder ähnliches vor die Nase gestellt bekommt und sie ganz leer essen soll, als eine Mahlzeit. Habe ich mal Pausenbrot wieder mit nach Hause gebracht gab es gewaltig Ärger. Und so verschwand einerseits alles Gefühl für richtige Mengen und Hunger, andererseits auch jedes Bewusstsein für gesunde Ernährung. Essen wurde zur Belohnung, wenn etwas nicht gut lief, zum Seelentröster, wenn es mir schlecht ging. Und irgendwann wurde essen und kotzen zum Ventil. Erst in den letzten Monaten kriege ich es hin langsam einen gesunden Umgang mit Essen zu finden. In den letzten Jahren gab es immer mal wieder gute Phasen, aber auch Phasen in denen es einfach gar nicht ging bis hin zum anderen Extrem: nichts mehr essen. Oftmals auch, weil alte Missbrauchserinnerungen triggerten und alles im Mund und Schlucken einfach gar nicht ging. Wenn ich extrem angespannt bin, dann geht essen immer noch nicht, aber damit kann ich ganz gut leben. Immer wieder habe ich versucht abzunehmen, weil ich mich einfach nicht wohlgefühlt habe, immer wieder ist es an meinem kaputten Verhältnis zum Essen gescheitert. Langsam bin ich auf einem guten Weg, versuche gesund und anständig zu essen und vor allem auch regelmäßig und fühle mich besser. Naja, soviel dazu.
Während meiner Zeit auf dem Gymnasium hatte ich eigentlich nur eine Freundin während der ersten Jahre. Ohne sie wäre vieles sicherlich noch viel schlimmer gewesen. Mobbing war an der Tagesordnung, ich habe mich nicht wohl gefühlt in meiner Klasse. Etwas besser wurde es, als ich damals mit meinem ersten Freund zusammen kam. Ich wurde in seinem Freundeskreis mehr oder weniger anerkannt und fühlte mich nicht mehr so sehr als Außenseiter. Nach der Trennung war es schwer, aber es ging. Als meine beste Freundin dann die Schule verließ habe ich mich wieder einsam gefühlt, auch wenn ich mittlerweile ein paar andere Mitschüler hatte, mit denen ich mich gut verstand. Dennoch war ich immer wieder die Außenseiterin, besonders als wir in das Alter kamen, in dem man mal wegging oder abends zusammen irgendwo rumhing. Ich war immer noch uncool, keine tollen Klamotten, kein Handy, und weggehen durfte ich auch nicht. Genauso wenig durfte ich Freunde mit zu mir bringen. Und dann sickerte irgendwann durch, dass ich die Verrückte bin, die sich selbst verletzt. Da war es dann ganz vorbei. Dann war ich das Mädchen, dass in einer Pflegefamilie wohnt, dass Mädchen, dass in der Psychiatrie war. Als ich dann aufgrund der gesundheitlichen Fehlzeiten die 12. Klasse wiederholen musste war es vorbei. Keine Freunde, Mobbing, Angst vor der Schule, mein Körper spielte verrückt und ich habe so oft gekotzt oder mit Migräne im Bett gelegen, weil die Psyche einfach meinen Körper so sehr beeinflusste.

Immer noch bin ich der Meinung, dass es die richtige Entscheidung war damals alles dort abzubrechen und hinter mir zu lassen und zurück in meine Heimat zu gehen. Alles andere hätte mich über kurz oder lang kaputt gemacht, noch kaputter als sowieso. Und es war auch gut in Bezug auf meinen Vater, denn erst seitdem schaffe ich es wirklich Distanz zwischen uns zu bringen und mich auch sicherer zu fühlen.
Doch manchmal, so wie eben in den letzten Tagen, ist die räumliche und zeitliche Distanz zu damals einfach weg und ich fühle mich wieder wie mit 11, 14 oder 16, fühle den Schmerz von damals und die Angst. Es gibt eine Hand voll Menschen aus der Schulzeit, die mir fehlen und an die ich ab und an mal denken muss. Mit dem Rest will ich nichts mehr zu tun haben, will nicht daran denken und nicht daran erinnert werden. Ich bin froh, dass ich ihnen hier nicht einfach mal so über den Weg laufen werde, bin froh, dass ich sie hinter mir gelassen habe. Und irgendwann wird auch das leichter werden.
Und es ist fast egal um welche Dinge aus meiner Vergangenheit es geht, es beginnt und endet bei meinem Vater. So viele Dinge, die ich in den Jahren bei ihm erlebt habe, beeinflussen mich bis heute. Auch wenn ich an vielem arbeite und manches auch recht erfolgreich „bekämpft“ habe, so würde ich ihm immer noch so gerne für diesen ganzen Kram einfach mit irgendwas richtig gewaltig eine überziehen. Aber auch das würde nichts ändern, nur mein Bedürfnis danach befriedigen.

Mein Tag heute war schön. Ich freue mich immer V zu treffen und mein Katerkind mochte ihn auch. Nachdem ich ihn bis zum nächsten Bahnhof begleitet hatte bin ich noch in den Supermarkt gefallen, damit ich für ein paar Tage versorgt bin. Für Montag ist hier ein halber Weltuntergang angekündigt mit Sturm von 110 km/h. Die Rosenmontagsumzüge werden eventuell abgesagt. Finde ich persönlich nicht schlimm, ich hatte eh nicht vor mich in die Nähe eines solchen zu begeben.

Every memory of looking out the back door
I had the photo album spread out on my bedroom floor
It’s hard to say it
Time to say it
Goodbye, goodbye
Every memory of walking out the front door
I found the photo of the friend that I was looking for
It’s hard to say it
It’s time to say it
Goodbye, goodbye

Und wenn ich einfach geh, einfach über Nacht

Ich fühle mich furchtbar. Es fing an mit Kopfschmerzen, dann kamen Bauchschmerzen von Frauenkram dazu, dann Übelkeit und allgemeines körperliches bäh. Und dann zog die Psyche natürlich mit.
Nun hänge ich physisch und psychisch bäh auf dem Sofa. Ich mag mich heute mal wieder extremst selbst nicht, finde alles an meinem Körper einfach nur furchtbar. Zu fett, eklig, vernarbt. Einfach furchtbar, ich will raus aus meinem Körper, will weit weit weg von allem Körpergefühl. Und wenn das schon nicht geht, dann schneiden. Den ganzen Körper zerschneiden, damit das Gefühl aufhört und da der Schmerz ist statt eklig fühlen. Und noch lieber würde ich mich einfach hier auf dem Boden zusammen rollen und aufhören zu existieren. Mich einfach auflösen und weg sein. Vieles an Skills fällt weg, wenn ich mich so fühle. Einfach alles was mit dem Körper zu tun hat. Alles was spüren betrifft, etwas mit dem Körper fühlen, selbst in die Decke kuscheln ist nicht hilfreich. Ich mag durchdrehen, weil ich einfach gerade nicht weiß, wie ich da raus kommen soll.
Vermutlich werfe ich mir gleich meine Medis ein und vergrabe mich im Bett. Bedarf, Abendmedis, Dr. House, Decken. Viel mehr kann ich nicht tun, außer aushalten und weiter atmen. So schwer es grade auch ist. Aber ich habe nun mitten in der Nacht wirklich keine Lust noch in die Notaufnahme zu müssen. Mein Denken funktioniert also noch. Auch wenn es gerade furchtbar ist diese Gefühle aushalten zu müssen.

Was wäre, wenn ich einfach geh
Was, was wäre, wenn ich meine sieben Sachen pack
Und verlasse diese Stadt
Alle meine Zelte breche ich ab, verkaufe was ich hab
Und das Einzige, was bleibt, ist ein Zettel, auf den ich schreib

Ich bin weg
Weg, weg für immer
Ich bin weg

Du bist frei.

Dinge, die man so tut, wenn man Geburtstag hat.
Aufwachen und erstmal ’ne Menge Nachrichten lesen und lächeln und dabei den Zitronenkater kraulen. Kuchen backen und dabei Teig naschen. Weitere Nachrichten bekommen und lächeln. Das Geschirr spülen. Ein wenig auf dem Sofa hängen und House schauen. Sich fertig machen und einkaufen gehen. Lächeln. Das Sofa von Hundehaaren befreien. Die Wohnungstüre aufstehen lassen, weil das Katerkind im Flur spazieren geht. Die Salatmonster füttern. Nachrichten lesen und lächeln. Die Wohnung fegen. House schauen. Lächeln. Alle Psychomedis in der Wohnung zusammensuchen und vor der Mutter verstecken. Kuchen naschen. Katerkind kraulen. Kuchen naschen. Besuch bekommen. Tee trinken. Reden. Lachen. Sekt trinken. Über Geschenke freuen. Noch mehr Besuch kriegen. Über noch mehr Geschenke freuen. Kuchen essen. Noch mehr Kuchen essen. Noch mehr Sekt trinken. Reden. Lachen. Glücklich sein. Nochmal Kuchen essen. Katerkind bespaßen. Schwester knuddeln. Glücklich sein. Geschenk zusammenbauen. Lachen. Reden. Gäste irgendwann verabschieden.
Und dann heulend auf dem Sofa sitzen irgendwann, weil es einfach mal wieder so ein Tag ist, an dem ich mir meinen Vater wünsche. Meinen Vater, so wie er in den schönen Momenten war, die wir hatten. Und dann noch mehr weinen, weil ich ihn so sehr für die anderen Momente hasse. Und für die schönen, weil er mir damit gezeigt hat, wie anders er auch sein kann. Und heulen, weil man einfach gerne einen Vater hätte der da ist und sich kümmert und einfach hinter einem steht und nicht solche Dinge getan hat. Einen Vater, der kommt und mit einem anstößt und sich mit einem freut und lacht und einen umarmt, keinen Vater der trinkt und prügelt und einen fertig macht und sonstiges. Und sich dann selbst hassen, weil man mit diesem Gefühlschaos nicht klar kommt. Und heulen und Druck haben und schneiden wollen. Stattdessen rufe ich in der Klinik an. Erzähle Schwester Nathalie von dem Chaos in meinem Kopf, von Berlin, von heute und den letzten Tagen. Und kriege Lob. Weil eben „erst“ ein Jahr zwischen damals und heute liegt. „Einfach so mal nach Berlin fahren, das wäre vor einem Jahr doch noch undenkbar gewesen. Abgesehen davon, dass Sie da auf der Intensivstation lagen…“ Ja. So vieles war vor einem Jahr noch undenkbar. Zum Beispiel hier zu sitzen und über den Missbrauch zu reden und zu heulen. Anstatt im Bad zu sitzen und mir die Arme aufzuschneiden. Sie sagt, ich muss mich nicht dafür hassen, dass ich ihn eben doch mag und gerne einen Vater hatte. Dass ich diese Gedanken akzeptieren soll. Radikale Akzeptanz (ich hasse es!). Aber sie hat Recht und es hilft, dass zu hören. Dass diese Gedanken eben auch okay sind, dass sie auch da sein und ihren Platz haben dürfen. Dass es okay ist und ich okay bin und nicht völlig irre, weil ich ihn trotz allem als Vater liebe. Und auch nochmal zu hören, dass eine Kontaktaufnahme derzeit absolut nicht gut wäre. Ich weiß es, rational gesehen, selber. Trotzdem habe ich so oft das Bedürfnis danach, das Bedürfnis nach ihm, das Gefühl, dass ich es ihm dann doch irgendwie schulde. Es tut gut das alles zu hören und zu reden und nochmal von außen gesagt zu bekommen, wie viel sich in diesem einen Jahr doch getan hat. Klar bin ich trotzdem immer noch instabil und habe teilweise wochenlang nur furchtbare Tage, aber es ist eine enorme Entwicklung gewesen in dieser Zeit. Lob, eine Sache, die ich mittlerweile annehmen kann und die es auch schafft wirklich bei mir anzukommen und nicht irgendwo kleben zu bleiben und von Selbstvorwürfen und Selbsthass zerfressen zu werden. Zwar auch nicht immer, aber viel öfter als zuvor. Auch eine Entwicklung. Und obwohl ich furchtbare Angst davor habe, dass wieder beschissene Tage voller Selbsthass und Suizidgedanken kommen werden, weiß ich doch, dass ich ein Stück des Weges zum Gesundwerden geschafft habe. Und das mir das niemand nehmen kann, auch ich selbst nicht, selbst wenn ich mich wieder verletzen sollte oder sonst was. Und auch wenn ich das in den Momenten dann nicht sehen kann, so ist dieses Gefühl in den guten Momenten da. Und das alleine tut schon unglaublich gut. Sollen Sie nur kommen, die scheiß Momente. Auch die schaffe ich. Ich hab schon so viel geschafft.
„Denken Sie dran, radikale Akzeptanz. Und an meine Zettel.“ sagt Nathalie, und ich verdrehe schon wieder die Augen, weil ich radikale Akzeptanz nicht mehr hören kann. Nach dem Auflegen krabbelt der Zitronenkater verschlafen und mit Käsekuchenbauch auf meinen Schoß und ich sitze da und schaue auf die Zettel an meiner Wand. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Chakka. Der Tag war gut und bleibt auch gut. Du bist frei. Und ich muss lächeln und es ist einer der wenigen Momente, in denen ich mich wirklich frei fühle und in denen ich auch wirklich das Gefühl habe, dass ich das alles schaffen kann. Trotz meiner Vergangenheit, trotz Borderline, trotz Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich werde diesen Weg weiter gehen. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

Pfleger Arschkeks* mag Harry Potter nicht. Die Hexe will Kekse in Besenform. Cookie schläft friedlich auf dem Handtuch. Zitronenkater liegt in seinem Körbchen vom Kratzbaum und schaut mich aus halb offenen Augen an. Und ich, ja ich bin wach.
Ich habe Flashbacks. Fiese Flashbacks, die Schmerzen machen. Im Unterleib und da unten rum. Schmerzen, die eigentlich gar nicht da sind. Aber irgendwie doch. Und die Schmerzen machen Flashbacks. Und die Flashbacks Schmerzen und die Schmerzen… Ja. Ihr wisst schon. Und so rufe ich zitternd in der Klinik an mit unglaublicher Anspannung und lege wieder auf mit weniger Anspannung. „Ich mag keine Katzen“ sagte der Pfleger. „Sie sind ja auch nicht Alf“ erwidere ich. „Sie fangen ja an mich zu verarschen, dann ist es doch schon besser.“ Ich muss zwischendurch lächeln und lachen. Das Gespräch holt mich mehr runter, als alle Skills davor. Vielleicht war das eben der Skill, den ich gebraucht habe.
„Ich will, dass mein Name geändert wird“ meint der Pfleger, als ich sage, dass ich ja noch bloggen kann als Skill. Er meint, ich wäre nicht sonderlich kreativ bei der Decknamensfindung (wie denn auch nach Mitternacht und mit Flashbacks). „Ich kann Ihnen ja so schöne Spitznamen geben wie meinem Kater“ – „Welche denn?“ – „Arschkeks zum Beispiel.“ – „Pfleger Arschkeks ist okay. Aber nur für den Blog. Nicht bei den stationären Aufenthalten, das spricht sich sonst rum!“ Und so gibt es neben einer Hexe mit zwei Besen nun eben auch einen Arschkeks auf der Station. Und ich grinse und werde nun grinsend ins Bett gehen, Harry Potter als Hörbuch wieder anmachen, mich in die Kuscheldecke wickeln und an was schönes denken. An Kekse zum Beispiel. Ohne Arsch. Wobei Kekse toll sind, egal ob mit oder ohne.

Gute  Nacht Welt.

(*Name von der Redaktion geändert)

And everything is understood 

Meinen Sonntag habe ich bisher hauptsächlich faul in der Horizontalen unter meiner Kuscheldecke verbracht. Langsam bin ich dabei mich unter ihr heraus zu winden, denn ich habe das Bedürfnis doch noch ein wenig konstruktiv zu sein. Wäsche aufhängen, ein wenig aufräumen, durch die Wohnung fliegendes Meeristreu zusammenkehren, all solche Dinge. In gut zwei Stunden werde ich dann die 2 Stockwerke zu meiner Nachbarin hoch tapsen und eine Weile auf den Stöpsel aufpassen, bis sie wieder Zuhause ist. Da ja eh kein Tatort kommt verpasse ich ihn immerhin auch nicht.
Mal sehen, was ich dann noch so treibe mit dem Abend. Vielleicht ein wenig Bewegung mit der Wii. In den nächsten Tagen will ich mich nochmal an das Projekt Socken stricken machen. Bündchen und rund stricken kriege ich schon hin, mal sehen ob ich den Rest vom Socken auch irgendwie schaffe. Eine Herausforderung wird es auf jeden Fall das Knäuel Wolle vor dem Zitronenkater zu verteidigen. Er hat in den letzten Tagen mehrfach meine Dekoschale wieder ausgeräumt, ich glaube ich gebe es nun auf, die Kugeln immer wieder in der Wohnung einzusammeln und dort rein zu packen, sondern überlege mir etwas neues für in die Schale.
Die Möhris haben gestern Abend und heute Nachmittag noch gewaltig Krach veranstaltet, sie beginnen langsam die Rangordnung zu klären. Allzu lange dürfte es nicht dauern, Cookie ist noch sehr zurückhaltend, traut sich aber schon an den Fressnapf und läuft manchmal ganz mutig durch die Gegend. Man sieht aber, dass ihr das laufen teilweise schwer fällt, ich habe an ihren Füßchen nachgeschaut und gesehen, dass die Krallen viel zu kurz geschnitten wurden, bis fast auf das Nagelbett. Es muss gewaltig geblutet haben. Armes Meerli. Ich hoffe, dass sich das mit dem Laufen gibt, wenn die Krallen wieder länger sind.
Ansonsten kämpfe ich weiter vor mich hin. Ich bin immer noch ohne Selbstverletzung und habe es auch heute wieder geschafft anständig zu essen, sogar mit Frühstück. Auch sonst bin ich nicht mehr ganz so furchtbar destruktiv und gehe mit mir besser um. Wenn ich an meinen Geburtstag denke, dann wird mir allerdings immer noch übel. Aber ich sage mir, dass ich das schaffen kann. Zur Not ist die Klinik da. Zur Not kann ich mich mit Medis außer Gefecht setzen. Ich kriege das hin, ganz bestimmt.
Ich frage mich, ob solche Tage irgendwann ihren Beigeschmack verlieren. Ob irgendwann Weihnachten, Silvester und mein Geburtstag einfach okay und schön sein können, ohne das alte Erinnerungen mich einholen und ich nicht mehr hadere mit der Tatsache, dass ich lebe. Dabei kommt mir der Gedanke, dass mein 17. Geburtstag der letzte war, an dem mein Vater wirklich dabei war. Meinen 18. habe ich mit einem kleinen Teil meiner Familie und Freunden gefeiert, da Oma, Tante und Mama da waren, hat mein Vater nur ein Geschenk vor die Tür gestellt und ist wieder verschwunden. Seitdem habe ich jeden Geburtstag hier in meiner Heimat verbracht. 10 Jahre ist das bald her, mein 17. Geburtstag. In den zehn Jahren ist manches einfacher geworden. Ich habe nur noch sehr selten Gewissensbisse, dass ich ihn alleine gelassen habe. Ich denke selten an seinen Geburtstag, habe seltener das Bedürfnis zum Telefon zu greifen und ihn anzurufen. Vieles ist gleich geblieben, manches ist schwerer geworden. Der Entschluss, nach der DBT den Weg Richtung Traumatherapie zu gehen, wird in mir immer stärker. Ich glaube, dass ich das brauche um einigermaßen damit leben zu können. Damit gut leben zu können.
Und nun mache ich mich ein bisschen ans produktiv sein.

She says, „Don’t let go 
Never give up, it’s such a wonderful life 
Don’t let go 
Never give up, it’s such a wonderful life“ 

Ich spüre diese Kraft, sie ist ein Teil von mir. 

Bei um- und aufräumen findet man ja oft alle möglichen Dinge. Mir ist mein Tagebuch in die Hände gefallen. Direkt am Anfang steht groß „ich will nicht mehr“. Das war am 6.12.2002. Ich war 13. Zu der Zeit habe ich mich schon fast 2 Jahre selbst verletzt. Ich schreibe von meinem Vater. Das ich ihn doch liebe. Der Eintrag endet mit „aber er mich…?“.
Ich schreibe davon, dass ich aufhören will mich zu verletzen. Schreibe, dass ich es wieder getan habe. Schreibe, dass ich eine Woche ohne geschafft habe. Schreibe von mehrmals täglich verletzt. Ich schreibe über meinen ersten Liebeskummer, über Freundschaft. Über meinen Vater. Immer und immer wieder sind Worte verwischt, weil ich beim schreiben geweint habe. Ich schreibe, dass ich nicht mehr leben will, schreibe davon, dass ich keine Kraft habe etwas zu tun, dass ich dem Unterricht nicht mehr folgen kann, dass ich nicht schlafen kann. Und immer und immer wieder von Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich schreibe davon, dass ich eine Therapie machen will, mein Vater aber dagegen ist. Ich schreibe von Terminen beim Jugendamt, davon, dass ich da raus will, mich aber nicht traue. Davon, dass ich heimlich beginne zur Therapie zu gehen. Schreibe von der inneren Leere, die mich quält, vom Schneiden, dass diese Leere wenigstens eine Weile vergehen lässt. Schreibe davon, dass das schneiden immer schlimmer wird. Dass ich nicht mal mehr ein paar Stunden ohne aushalte, sondern mich während den Schulstunden auf der Toilette selbst verletze, um den Tag durchzustehen. Da war ich 16. Ab da ist jeder Eintrag voller Suizidgedanken, voller Schneidedruck, voller Schmerz. Im Mai 2006 stehen dann da ganz groß die erlösende Worte: „Der Beginn eines neuen Lebens.“ Was ich schreibe verändert sich. Ich schreibe von der Schwierigkeit bei meinem Vater raus zu sein und damit klar zu kommen. Dass ich trotz allem, was geschehen ist, darunter leide ihn alleine zu lassen. Dann kommt die Zwangseinweisung. Ein paar Wochen später dann die freiwillige stationäre Therapie. Ich schreibe von der Angst vor der neuen Pflegefamilie, von den Einschränkungen und von dem Tag, an dem ich endlich von der Station darf ohne Begleitung vom Personal.
Dann kommt die Zeit, in der alles doch irgendwie schwerer wird. Zwei Zwangseinweisungen, die ersten Wunden, die genäht werden müssen. Ständige psychosomatische Krankheit und Fehlen dadurch in der Schule. Die nächste Zwangseinweisungen, 3 Wochen auf der geschlossenen. Der Auszug in eine eigene Wohnung. Und dann der totale Zusammenbruch ein Jahr vor dem Abi, weil ich immer und immer wieder vertröstet werde in Tübingen bei der DBT, weil letztendlich klar wird, dass es sich so weit verschiebt, dass ich mein Abitur nicht mehr schreiben werden kann, weil einfach alles zusammenbricht. Mein Tagebuch endet 2009 damit, dass ich ungeplant alle Zelte in BaWü abbreche, mich von keinem verabschiede, meine Sachen packe, meine Meeris schnappe und zurückkehre in meine Heimat.
Damals habe ich dann angefangen zu bloggen.
Es ist merkwürdig diese Dinge zu lesen. Es fühlt sich an, als ob es ein ganz anderes Leben wäre, dass da beschrieben ist, und doch weiß ich immer noch, wie ich in meinem Bett saß, so oft heulend, und diese Worte geschrieben habe. Ich erinnere mich an die ersten Schnitte, damals mit dem Teppichmesser, dann an die Schnitte mit dem Skalpell aus dem Badezimmerschrank und letztendlich daran, dass ich mit zitternden Händen und voller Panik zum ersten Mal Rasierklingen gekauft habe. Ich erinnere mich an den Schmerz und die Verzweiflung, wenn mein Vater mich wieder beschimpft und geschlagen hatte, an die Erleichterung, die das schneiden brachte und an das Gefühl, dass ich selber Schuld sei an allem, was er mir antut. Ich erinnere mich an die Angst, als mein Klassenlehrer anrief und meinem Vater sagte, dass er ihm rät mich bei einer Therapeutin vorzustellen. An die Erleichterung, als ich endlich einen Ort hatte, an dem ich alles erzählen konnte und eine Person, die mir glaubt. An die Wut auf meinen Vater, als er sagte, dass ich da nicht mehr hin darf. Denn die Therapeutin hatte es durchschaut. Hatte ihn durchschaut, hatte erkannt, dass nicht ich verrückt bin und Dinge erfinde, sondern dass er mich wirklich so behandelt und ich schwer traumatisiert bin. Ich erinnere mich an die Angst, als ich das erste Mal ohne sein Wissen zu ihr fuhr und erzählte, dass wir in diesen Stunden Mittagsschule haben. Und an die unglaubliche Erleichterung und den Halt, den mir diese Stunden gaben.
Und (und das finde ich eine unglaubliche Entwicklung, denn es war so lange unvorstellbar) ich werde wütend und sauer. Nicht auf mich, sondern auf ihn, für all die Dinge, die er getan hat. Auch wenn ab und zu immer noch in meinem Kopf ist, dass ich selbst Schuld dran sei, so weiß ich heute, dass es nichts auf der Welt gibt, dass Gewalt gegen Kinder rechtfertigt, ich weiß, dass er eine Straftat damit begangen hat (eine? Haha.), dass er nicht im Recht war mit seinen Worten und Taten. Manchmal schmerzt es noch, dass da kein Kontakt mehr ist. Manchmal denke ich, dass ich ihm dieses oder jenes gerne erzählen würde. Manchmal bin ich traurig, weil ich mir einen Vater wünsche, der für mich da ist, mich unterstützt und mir doch wenigstens einmal in meinem Leben sagt, dass er stolz auf mich ist. Und dann kommen die ganzen Erinnerungen und ich bin froh, dass ich ein neues Leben habe, dass ich ein selbstbestimmtes Leben habe ohne ihn darin. So schwer es manchmal fällt, aber ich brauche diesen Abstand, denn sonst lebe ich in ständiger Angst vor ihm und vor dem was er als nächstes tut oder sagt. Ich will ihn nicht in meinem Leben, solange er nicht ehrlich bereut. Und er hat sich so oft entschuldigt und am nächsten Tag dann wieder zugeschlagen, dass ich ihm nie wieder glauben kann, wenn er sowas sagt. Ich will ihn nicht sehen und nichts von ihm hören, will endlich frei sein und frei leben können. Und irgendwann will ich auch frei sein von den Worten, die bis heute so tief in mir festsitzen. Frei sein von „du bist nichts wert“, von „du kannst nichts und wirst nie was erreichen“, von „du faules Stück“, „du fette Schlampe“ und „du wirst nicht mal Putzfrau werden können“. Frei von den ganzen Sätzen, die bis heute in meinem Kopf schwirren, die es mir bis heute schwer machen stolz auf mich zu sein oder mir Gutes zu tun. Und frei von der Angst vor ihm. Ich will frei sein von allem, dass mit ihm in Zusammenhang steht und ich werde das auch schaffen. Chakka! Schritt für Schritt und Tag für Tag. Ich weiß, dass ich die Kraft dazu habe. Und jetzt werde ich mir Gutes tun.
Graadselääds! 🙂

Ich geh‘ nie mehr zurück, das ist Vergangenheit.

Ich bin frei, endlich frei, 
und ich fühl‘ mich wie neugeboren. 
Ich bin frei, endlich frei, 
was es war, ist jetzt vorbei. 

and feels like she’s alone here in hell

Auf Station ist es momentan unglaublich unruhig. Das trägt nicht gerade dazu bei, dass meine Anspannung in einem niedrigen Bereich bleibt.
Ich hatte heute lieben Besuch und das tat auch unglaublich gut. Ein wenig Ablenkung, mal was anderes sehen und hören, auf andere Gedanken kommen.

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Ansonsten versuche ich mich daran festzuhalten. Einfach weiter machen. Tag für Tag, Minute für Minute, Schritt für Schritt und Skill für Skill. Es geht weiter, es geht immer weiter.

Ich muss viel an meinen Vater denken. Manchmal auch an die schönen Momente, und dann denke ich mir, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er sich vielleicht doch bemüht hat, mir eine schöne Kindheit zu bieten. Und ja, das hat er auch tatsächlich. Nur gab es da diese vielen anderen Momente, in denen es nicht so war. Ich denen ihm meine Gefühle, meine Bedürfnisse, mein Wohl völlig egal waren. Und die überwiegen leider. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, die schönen Momente und all das Schlimme gemeinsam zu sehen, als Ganzes. Und nicht nur entweder die schönen Momente, bei deren Erinnerung ich am liebsten direkt bei ihm anrufen und den Kontakt zu ihm suchen würde, oder die schlechten, in denen ich ihn so sehr hasse. Vielleicht kann ich irgendwann sagen, dass es Momente gab, die doch okay waren. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Mir fehlen so viele Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend, an viele Dinge erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Manchmal wüsste ich gerne, was hinter dieser Leere steckt, welche Momente und Augenblicke. Und manchmal bin ich mir relativ sicher, dass ich es niemals wissen will.
Und genau so, wie ich an viele Momente mit meinem Vater denken muss, denke ich an die wenigen Momente mit meiner Mutter und meiner Schwester.
Es gab da ein Weihnachten, da kam ich bei meiner Mutter an und sobald mein Vater das Haus verlassen hatte habe ich mich an sie geklammert und nur geweint. Ich habe gesagt, dass ich nie wieder zurück will zu ihm, nie wieder von ihr weg.
Oder der Sommer, in dem ich noch Ferien hatte und meine Schwester schon wieder zur Schule musste. Sie war damals vielleicht 7 oder 8, ich also 12 oder 13. Ich habe sie von der Schule abgeholt, meine Mama musste arbeiten. Wir haben uns Zuhause Rührei gemacht, ihre Hausaufgaben erledigt und dann gespielt oder sind gemeinsam auf den Spielplatz oder unseren Großonkel in seinem Geschäft besuchen gegangen.
Oder der Sommer, in dem meine Schwester schon Ferien hatte und ich noch zur Schule musste, und sie mich das erste und einzige Mal in meinem „Zuhause“ besuchte. Ich nahm sie die letzten paar Schultage mit in meine Schule, zeigte ihr die Welt, in der ich lebte. Es war schön sie bei mir zu haben. Bis heute lachen wir über manche Momente, zum Beispiel als mein Klassenkamerad auf dem Schulfest so betrunken war, dass er ihr, die huckepack auf meinem Rücken hing, statt der Hand den Fuß schüttelte.
Wenn ich mit anderen Menschen zusammen sitze und die Sprache auf Erlebnisse in der Kindheit kommt, dann haben viele meiner Erinnerungen einen üblen Beigeschmack. Wenn ich ansetzte zu erzählen „Ich war mit meinem Vater…“ oder etwas ähnliches, dann zieht sich mein Magen immer zusammen. Die schönen Momente kriegen einen dunklen Schatten, der oftmals alles Schöne einfach erstickt. Das macht mich meistens traurig und ich mag gar nicht mehr weiter erzählen, höre lieber zu und lächle, damit ich nicht anfange zu heulen wenn andere von diesen vielen tollen Momenten und dem guten Verhältnis zu ihren Eltern erzählen. Ich frage mich, ob das irgendwann besser wird. Meinen Vater hat seine Kindheit lange beeinflusst, vermutlich tut sie das immer noch. Wie oft erzählte er davon, dass sein Vater gewalttätig wurde, ihn verprügelte und schlug und behandelte wie Dreck. Und ich saß dann da, strich über die blauen Flecken von seinen Schlägen, die unter meiner Kleidung verborgen waren oder über die Schnitte unter meinen Ärmeln, die ich mich abends weinend im Bett auf meinen Armen zugefügt habe, weil er mich so sehr beleidigt und beschimpft hatte. Ich saß da und versuchte diese Gegensätze irgendwie miteinander in Einklang zu bringen, die Logik dahinter zu finden. Aber das funktionierte einfach nicht. Und so versuchte ich es einfach als Baustein in die verkorkste Welt meiner Kindheit und Jugend einzubauen, versuchte noch mehr keinen falschen Schritt, keine falsche Bewegung zu machen und kein falsches Wort zu sagen, versuchte noch mehr alles zu tun, damit weder Schläge noch verletzende Worte kamen. Natürlich erfolglos. Nach den ganzen Jahren, in denen er mir jedesmal einen Grund nannte, warum er dies oder jenes getan hatte, einen Grund, der mir die Schuld gab, nach diesen ganzen Jahren glaubte ich wirklich daran, dass es meine Schuld war, dass ich nicht okay bin, dass ich nur Fehler mache. Und so versuchte ich noch mehr das Richtige zu tun. Heute weiß ich, dass es kein Richtig gab. Dass es egal war, denn je nach Stimmung waren Dinge, die vor einer Woche noch richtig waren, plötzlich falsch.
Ich weiß nicht, wann ich begriffen habe, dass mein Leben und mein Zuhause nicht normal sind. Vielleicht, als mein Lehrer mir mal einen Bericht in die Hand drückte, in dem zu lesen war, dass andere Menschen sich auch selbst verletzen. Dass ich nicht der einzige Mensch auf Erden bin, und dass die Gründe oftmals in einer Traumatisierung liegen. Oder als Freunde mir erzählten, dass der Vater/die Mutter sie noch nie geschlagen hatte. Oder als wir in der Schule irgendwann mal von Kinderrechten redeten. Bis dahin war ich mir sicher, dass alle Kinder geschlagen werden, war mir sicher, dass Kinder Eigentum ihrer Eltern sind und tun müssen, was diese sagen, und wenn die etwas falsch machen, dann müssen sie bestraft werden. Für mich war das damals ein ziemlicher Schock. Auch wenn ich irgendwo in mir drin immer ahnte, dass die Dinge, die mein Vater tat, nicht in Ordnung waren, so habe ich diese Gedanken doch immer wieder verdrängt.
Verkorkste Welt. Meine Kindheit und Jugend war wohl einfach zu wirr, als dass ich hätte gesund aufwachsen können. Und doch kriege ich oft gesagt, dass ich trotz diesem Wirrwarr und den Traumatisierungen erstaunlich „gesund“ bin, doch erstaunlich viel hinbekommen hätte. Ich kann das oftmals nicht sehen und würdigen, denn es war „normal“ Zuhause, dass ich etwas leisten muss, Dinge schaffen muss, um wenigstens manchmal ein klein wenig Anerkennung zu bekommen. Deswegen tut es mir auch heute so unglaublich gut, wenn ich für etwas gelobt werde, dass ich geschafft habe. Zum Beispiel hier vom Personal, wenn ich Momente voller hoher Anspannung schaffe ohne mich zu verletzen. Oder von Freunden, weil ich produktiv war und viel erledigt bekommen habe. Oder von Mama, die mir sagt, wie schön ich meine Wohnung eingerichtet habe. Oder, oder, oder. Auch wenn es mir oft schwer fällt das anzunehmen und ähnlich zu sehen, so tut es doch immer wieder gut. Und nun werde ich mich ins Bett kuscheln und versuchen zu schlafen.

She stands up straight
and takes some air
it’s just another bad day

And then she screams out loud
You’ve made a mess of your life
You won’t make a mess of mine