Hello, I’m still here 

Und wie so oft: nach einem guten Tag wird es abends furchtbar. Irgendwas hat dazu dann auch noch getriggert, seitdem jagen die Flashbacks sich gegenseitig.
Bilder in meinem Kopf, von ihm, von D., von so vielen Situationen. Immer wieder die Szenen, als ich noch so klein war, als ich gar nicht verstand was da passiert. Und Jahre später dann D., der in genau diese Kerbe reinschlug.
Ich habe Bauchschmerzen. Mir ist übel. Ich zitter und ich habe solch einen Druck. Ich schaue meine Arme an, streiche über die Haut und die Narben, stelle mir den süßen Schmerz vor und das Blut. Ich will schneiden, so unglaublich gerne.
Ich habe in der Klinik angerufen. Trotz Bedarf komme ich nicht runter. Nathalie sagt, dass ich weiter skillen soll. Einfach weiter machen, bis die Dipi mich umhauen. Pflaster. Finalgon. Eiswürfel. Gummiband. Und wieder und wieder und wieder.
Fünf Wochen habe ich durchgehalten. Ich weiß, dass die Gedanken daran seltener werden, je länger ich es ohne schaffe. Aber der Weg erscheint mir so unendlich weit. Jeder Tag ist ein Kampf. In Momenten wie diesen ist jede einzelne Minute ein Kampf. Der Tag war gut und bleibt auch gut. Das klebt an meiner Wand. Ich versuche es mir immer wieder zu sagen. Versuche den Erinnerungen keinen Platz zu geben. Atme ein und atme aus, atme gegen die Übelkeit, gegen den Wunsch alles auszukotzen. Auch wenn ich weiß, dass da nichts mehr von ihm in mir ist, seit Jahren nicht mehr. Trotzdem fühle ich mich furchtbar, fühle mich grausam, will kotzen und schneiden, damit es endlich aufhört und sich weniger furchtbar anfühlt. Selbst nach den ganzen Jahren hauen mich die körperlichen Symptome um. Weil es sich so oft anfühlt, als ob es gerade erst passiert ist. Weil da diese unglaublichen Schmerzen sind, die eigentlich gar nicht da sind. Weil da diese Übelkeit ist, dieser Würgereiz, dieses Gefühl an und in mir. Ich will das alles weg schneiden. So lange schneiden, bis diese Gefühle aufhören. Bis diese Gedanken aufhören. Bis da nur noch Blut ist und Erleichterung.
Und wie immer frage ich mich, wie man einem kleinen Kind sowas antun kann. Wie man überhaupt einem Menschen sowas antun kann.
Ich will schneiden. Einfach nur schneiden. Tief und viel und noch viel tiefer und noch viel mehr. Und trotzdem sitze ich hier mit Pflaster, Finalgon, Gummi und Eiswürfeln und versuche genau das nicht zu tun.
Ich bin die einzige, die mir so wehtun darf. Ich kann es kontrollieren, kann mir selbst den Schmerz zufügen, kann das innere Chaos so besiegen. Das waren so lange meine Gedanken, dass sind sie immer noch. Doch letztendlich gebe ich ihm damit wieder Macht über mich.
Bald sind es 16 Jahre seit ich begonnen habe mich zu verletzen. 16 Jahre, die sich so oft um Rasierklingen, verstecken von Wunden und Narben, den nächsten Schnitt, um all diese Dinge gedreht haben. Ich kann doch nicht ewig so weiter machen. Nicht ewig so gegen mich selber kämpfen.
Vielleicht ist eine Traumatherapie wirklich sinnvoll. Vielleicht werde ich das angehen, nach der DBT. Vielleicht macht es das besser, erträglicher, leichter, was auch immer.
Skillen. Einatmen, ausatmen. Der Tag war gut und bleibt auch gut.

Playground school bell rings again 
Rain clouds come to play again 
Has no one told you she’s not breathing? 
Hello I’m your mind giving you someone to talk to

Und das war er also, der heilige Abend. Tag 1 von 3 ist vorbei.
Ich liege in Mamas Bett und will schneiden. Will weinen. Will in die Küche gehen, im T-Shirt, ihr meine Arme hinhalten und laut rufen „da, das hat er mir angetan, so schlimm war es und ist es immernoch.“ Stattdessen verstecke ich meine Narben weiterhin unter langen Ärmeln, sage ihr ruhig, dass ich nichts von ihm hören möchte, wenn sie wieder somit anfängt, lächle wenn meine Schwester von Weihnachtsfesten erzählt, die ich nicht miterleben durfte, lächle, wenn sie von Weihnachten bei unserer Oma und unserer Uroma spricht, von so vielen Momenten, in denen ich nicht da war, in denen ich innerlich schreiend bei ihm saß und meine Familie so furchtbar vermisste.
Ich will schneiden, weil der innerliche Schmerz so furchtbar ist. Ich will schneiden, weil ich das Gefühl habe das nicht auszuhalten. Doch ich versuche mich zusammen zu reißen, versuche mich abzulenken, denn unbemerkt komme ich heute Nacht nicht in ein Krankenhaus. Und ich weiß, dass ich es nicht schaffen würde nur oberflächlich zu schneiden.
Ich habe meine Medis genommen und hoffe, dass sie bald wirken. Wenn nicht werfe ich Bedarf hinterher. Ich kuschel mich in die Decke, die nach Mamas Waschmittel riecht, kuschel mich an das Pummeleinhorn, dass meine Schwester mir geschenkt hat, versuche meine Gedanken bei der Folge walking dead zu lassen, die läuft, versuche es auszuhalten indem ich es hier aufschreibe.
Manchmal zerreißt es mich fast, wenn ich weiß, dass die Mutter, die ich jahrelang vermisst habe und so sehr gebraucht hätte, hier direkt nebenan ist. Oder sonst auch nur einige Kilometer entfernt. Es zerreißt mich, das zu wissen und auf der anderen Seite zu wissen, dass sie das eben nicht kann. Meine Vergangenheit verstehen, akzeptieren und mittragen. Mich tragen. Da sein, so wie eine Mutter da sein sollte. Und dann könnte ich wieder weinen und will ihr meine Arme unter die Nase halten, will sie schütteln, anbrüllen, ihr sagen wie sehr ich sie bräuchte und wie wichtig es wäre, dass sie endlichendlichendlich akzeptiert was er mir angetan hat und ihn nicht ständig in Schutz nimmt und alles schön redet.
Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass sie das nicht kann und wahrscheinlich auch nie können wird. Vielleicht muss ich das akzeptieren, genauso wie ich damals akzeptieren musste, dass er nicht der Vater sein kann, den sich ein Kind wünscht.
Ich will nur heil durch diese Nacht kommen. Durch diese und die nächste, durch die Tage, bis ich mich wieder nach Hause in meine 4 Wände flüchten kann, in meine Sicherheit.

The emptiness of space.

Ich war 9 Stunden im Bett. Effektiv erholsam war davon keine Minute. Ich wache auf mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und fiesen Erinnerungen.
Ich habe von meinem Vater geträumt. Und vom Sohn meiner Tagesmutter. Eine wirklich tolle Kombination.
Ich will schneiden. Ich will kotzen. Ich will diese Erinnerungen auskotzen, will die ganzen Gefühle auskotzen. Ich will mir so viel Medis einwerfen, bis alles wattig und egal ist. Und dann schaue ich auf den Kalender und könnte noch mehr kotzen/schneiden/einwerfen, weil Weihnachten so verdammt unaufhaltsam näher rückt. Und Silvester. In meinem Kopf ist immer noch ganz fest verankert, dass ich das neue Jahr nicht erleben will. Dass ich endlich ein Ende will. Und obwohl ich in der Klinik sein werde habe ich Angst. Angst, dass ich dort doch irgendwie diese Gedanken nicht aushalten kann, dass ich doch irgendwie Mist baue. Ich weiß genau, dass es mir hilft Klingen zu haben. Zu wissen, dass ich könnte wenn ich wollte. Ich weiß, dass es mehr Druck macht, wenn keine mehr da ist. Trotzdem habe ich meine Klingen dann doch irgendwann abgegeben, wenn es kritisch wurde.
Ich habe Angst, dass ich genau das diesmal nicht mache. Mit dem Hintergedanken, dass ich gehen will. Dass ich es beenden will.
Und dann werde ich wütend. Wütend auf ihn, weil er und seine Worte und Taten so fest in mir stecken, dass diese Tage einfach Horror sind. Ich möchte mich am liebsten abschießen, von Weihnachten bis Neujahr. Mich irgendwo vergraben und diese Tage völlig verschlafen.
Stattdessen werde ich am 24. zu meiner kleinen Familie fahren, dort die Tage verbringen. Und über Silvester in die Klinik gehen und hoffen, dass der sichere Rahmen mich einigermaßen heil ins neue Jahr bringt.
Und statt nun destruktiven Kram zu machen werde ich mich anziehen, mir einen Tee kochen, meine Medis nehmen und ein wenig Ordnung machen, Wäsche waschen, den Druck aushalten und einfach weiter atmen.
Der Tag gestern war übrigens sehr schön. Ich hab mit V meine Schwester aufgegabelt, wir haben uns die volle Dröhnung Schoko gegeben, sind durch die Stadt und verschiedene Geschäfte gebummelt und lilu getroffen, am Schluss haben V und ich noch Chrissie gsknuddelt, die grade von der Therapie kam und sie hat mich auch heimgefahren, damit wir noch ein bisschen reden konnten. Ich mache mir Sorgen, dass sie sich wieder mehr schneidet, nun wo klar ist, dass Sunny bald sterben wird. Aber ich weiß auch, dass ich sie nicht davon abhalten kann.

I need a new direction
Cause I have lost my way.
All we need is faith.

You must fight just to keep them alive

Nachdem ich das vorhin mit der Freiheit schrieb fallen mir ständig Sachen ein, bei denen ich keine Freiheit hatte.
Daheim bleiben, wenn ich krank war. So richtig krank.
Sagen, dass eine 0,5 l Flasche niemals für einem ganzen Schultag reicht (der ab und an ja auch mal bis 5 Uhr ging).
Mein Pausenbrot wieder mit nach Hause bringen.
Selbst kochen oder backen. Nur etwas warm machen war okay.
Jemanden anrufen. Und schon gleich 3 Mal nicht meine Mutter. Einzige Ausnahme: die Oma jeden Sonntag.
Essen worauf ich Lust hatte und wann ich will. Gegessen wird was auf den Tisch kommt und auch genau dann.
Freunde einladen.
Freunde besuchen. So ohne Grund. Bei schulischen Dingen dann doch, aber widerwillig.
Mit Freunden unterwegs sein.
Später nach Hause kommen als direkt nach der Schule.
Raus gehen wenn ich wollte, manchmal nach viel betteln war es okay.
Am Wochenende laut sein. Denn er musste ja mittags schlafen. Später fand ich das toll, weil ich in der Zeit meine Ruhe hatte. Als kleines Kind ist das eine Qual, sich alleine und mucksmäuschenstill drinnen zu beschäftigen wenn die anderen Kinder draußen spielen.
Meine Meinung sagen.
Widersprechen.
Daheim bleiben anstatt mit einkaufen zu fahren.
Einen Freund haben.
Meine Mutter besuchen.
Abends im Bett lesen.
Duschen oder baden. Das gab es nur sonntags.
Mehrmals in der Woche die Kleider wechseln.
Kleider dreckig machen.
Meine Tante toll finden.
Etwas positives über meine Mutter sagen.
Fernsehen.
Eine Therapie machen.
Weinen.
Den Teller nicht leer essen.
Eine schlechte Note schreiben.
Ein Handy haben.
Internet haben. Selbst als ich es für die Schule brauchte.
Menschen, die mein Vater nicht leiden konnte, grüßen.
Filme schauen, die ich schauen mag. (scheiß Babyprogramm, wenn am Sonntag Kinderfilme liefen. Mit 8 kann man ja auch locker schon Erwachsenenfilme schauen…)
Mich über Post von meiner Mutter freuen.
Mich weigern schon um 6 ins Bett zu gehen, weil ich „nicht lieb“ war.
Ihm nicht jeden Abend zuhören und zustimmen, dass alle Menschen gegen ihn sind und ihm schlechtes wollen.
Mich schminken. Davon gehen ja die Kontaktlinsen kaputt.
Mir die Nägel lackieren.
Etwas aus Versehen kaputt machen.
Alleine zum Arzt gehen.
Nicht direkt reagieren wenn er was will.
Zwischen den „normalen“  Mahlzeiten etwas essen, weil man Hunger hat.
Darauf hinweisen, dass die Spülmaschine seit Jahren unbenutzt da rum steht und ja eigentlich fürs spülen eingebaut wurde.
Im Auto vorne sitzen.
Haustiere haben.
Ihn alleine was machen lassen ohne zu helfen oder dabei zu sein. Und wenn ich nur daneben stand.
Über meine Probleme und Sorgen reden.
Sagen, dass alle anderen Kinder dies oder jenes haben und mich auslachen, weil ich es nicht habe.
Sagen, dass ich meine Mutter vermisse.
Einen einzigen Fehler machen beim Schreiben von Karten zu irgendwelchen Anlässen, oder es wagen nicht akkurat auf einer Linie zu schreiben.
Mich mal eine Weile in mein Zimmer verkriechen und alleine sein.
Angst haben, wenn ich als Kind alleine war.
Sagen, dass man Kinder nicht schlagen darf.
Sagen, dass ich doch gar nichts getan habe, was es rechtfertigt verprügelt zu werden.
Weinen, wenn ich geschlagen werde.
Kritisieren, dass er so viel Geld für Alkohol und Tabak ausgibt und dann sagt, er hat kein Geld etwas zu kaufen.
Irgendwo Dreck oder Unordnung hinterlassen.
Mit dem erwachsenen Sohn des Nachbarn draußen sitzen.
Nach Hause wollen, wenn wir unterwegs waren.
Unterwegs etwas zu trinken oder zu essen wollen, wenn es seiner Meinung nach nicht angemessen war.
Etwas innerhalb der festgefahrenen Rituale ändern.
Einen Kindergeburtstag feiern.
Meine Zimmertür schließen.
Einfach so etwas kriegen oder selbst kaufen, weil man es haben möchte, ohne bestimmten Anlass.
Mich um mich selbst und meine Probleme kümmern anstatt um seine.
Liebeskummer haben.
Vom Mobbing erzählen.
Wild rumtoben.
Etwas lustig finden, dass er nicht lustig findet.
Um eine Schmerztablette bitten.
Die Pinzette benutzen.
Die Badezimmertür zusperren.

Ich könnte vermutlich endlos so weiter machen.
Es gibt Momente und Regeln und Vorschriften, die haben sich so in mein Gedächtnis eingebrannt, dass sie immer und immer wieder mein Handeln bestimmen, bis heute.
Zum Beispiel, als eine Klassenkameradin mit meiner Brotdose in der Grundschule Schnee schaufelte und sie dabei zerbrach. Natürlich habe ich sie zerstört, mutwillig, und muss dafür bestraft werden.
Oder als die Fliese in der Küche einen Sprung hatte, weil er betrunken irgendwas fallen ließ. Das war natürlich ich und er schlug so lange zu, bis ich zugab etwas getan zu haben, dass ich nie getan hatte.
Oder als ich mir den Arm brach und mir gesagt wurde, ich soll mich nicht so anstellen, bevor wir nach stundenlangen Schmerzen endlich mal ins Krankenhaus fuhren.
Oder als er damals sagte, dass ich nie wieder zu dieser Therapeutin gehen werde.
Oder diese ganzen Momente, in denen er mir erklärte, wie faul, nutzlose, wertlos und unfähig ich sei. Und gestört. Wie meine Mutter.
All diese Nachmittage, an denen ich mich nicht mal getraut habe zu husten, aus Angst, dass er aufwacht und sauer wird.
Oder als er mir mit voller Wucht auf einem Fest auf meinen kleinen Kinderfuß trat, weil ich gerne noch etwas zu trinken wollte.
Oder als ich weinend im Auto saß, weil meine Mutter nur 30 Minuten entfernt war, ich aber nicht zu ihr durfte. Ist schließlich zu weit und dauert zu lange.
Oder die ganzen Tage, an denen ich Ausreden erfinden musste. Länger Schule. Projektarbeit. Eine AG. Nur damit ich heimlich zur Therapie fahren konnte.

Wenn ich mein Tagebuch von damals aufschlagen würde, es ist voller solcher Momente. Voll mit dem Schmerz einer Jugendlichen, die in einer absurden Welt lebt, die einfach nur unberechenbar ist. Voller Sätze wie „ich habe wieder geschnitten“ oder „ich will sterben“. Voller Geheimnisse, die ich vor meinem Vater haben musste, um irgendwie zu überleben.

Menschen die oft verletzt wurden, sind gefährlich, denn sie wissen wie man überlebt!

Und jetzt drehe ich die Musik auf und singe laut dazu und genieße es, weil ich weiß, dass du dich darüber aufgeregt hättest. Ätsch!

Rising up, back on the street
Did my time, took my chances
Went the distance, now I’m back on my feet
Just a man and his will to survive

Du bist das Recht, du bist das, was jeder verdient

Um kurz nach 7 habe ich die Augen aufgeschlagen, weil das Handy zum dritten Mal vor sich hin brummte und ich nach dem dritten Mal nicht die Möglichkeit habe nochmal auf schlummern zu drücken. Stattdessen muss ich mehrere Rechenaufgaben lösen. Und das funktioniert mit geschlossenen Augen relativ schlecht, also musste ich sie eben öffnen.
Und wenn ich mir nicht ziemlich sicher wäre, dass die Menschen bei der Krankenkasse eine Woche vor Weihnachten aufhören zu arbeiten, zwischen Weihnachten und Neujahr keine Lust haben irgendwas anzufangen und im neuen Jahr bestimmt zwei Wochen brauchen, um ihren Arbeitsplatz wieder zu finden, dann wäre ich einfach liegen geblieben. Aber da ich darauf angewiesen bin, dass spätestens vor dem 1. Januar Geld kommt, damit es dann direkt wieder abgebucht werden kann, bin ich eben aus dem Bett und in die Kleider und habe gefrühstückt (es ist seltsam das zu schreiben…), die Fellnasen gefüttert (Katerkind hat natürlich wieder gemeint, dass man das Futter einatmen kann, deswegen kam es dann nochmal Hallo sagen…) und bin vor die Türe gefallen. Und wie das eben so ist, wenn man eigentlich was vor hat und irgendwo hin will: der Bus kam nicht. Wenn eine Schneeflocke vom Himmel gefallen wäre, dann hätte ich erst gar nicht versucht in die Hauptstadt zu kommen. Wintereinbruch ist hier ja immer eine Sensation, woher soll man denn wissen, dass es im Winter schneien könnte?! Ich muss dann jedes Jahr schmunzeln, wenn Busse, Bahnen, Autos und sonstiges Gefährt einfach nicht mehr voran kommt bei dem Schneechaos aus einer Hand voll Flocken. Wenn man am Rande des Schwarzwalds aufgewachsen ist, dann sind 2 Meter Schnee im Winter keine Seltenheit, dass wegen ein paar Flocken alles stillliegt –  das gibt es nicht.
Aber bei einer Temperatur um die 7 Grad wird es wohl nicht schneien.
Also bin ich wieder heim, habe noch zwanzig Minuten das Katerkind gekrault und bin dann nochmal vor die Türe, da kam dann auch tatsächlich ein Bus.
Hauptstadt – Psychiater – Drogeriemarkt (ich bin an den Rasierklingen vorbei gekommen ohne welche zu kaufen!) – anderer Drogeriemarkt (und nochmal geschafft!) – nach Hause.
Daheim werde ich meine Fellnasen frisch machen, sowohl die quietschenden als auch die miauende, räume ein wenig auf (und die 1200 Puzzleteile in meinem Schlafzimmer zusammen), überlege was ich kochen soll, bringe meinen Krankengeldwisch zur Post, kriege Besuch, will mir Gutes tun. Vielleicht drehe ich mal wieder die Musik laut, das habe ich lange nicht getan. Dann hören meine Nachbarn wenigstens auch mal gute Musik.
Wenn ich Glück habe finde ich beim Aufräumen die 10 verschollene Spielzeugmäuse von Katerkind.

Gesten hatte ich übrigens einen sehr schönen Moment, der mir auch heute noch ganz fest im Gefühl hängt.
Ich links eingehängt bei Mama, Schwesterherz rechts, durch die Bahnhofstraße laufend, Weihnachtsmarktgeruch in der Nase und ein unendliches Gefühl von Freiheit.
Freiheit, das ist so eine wichtige Sache für mich. Die Freiheit zu tun wonach mir ist, zu essen was ich will, zu schlafen wann und wo ich will, laut zu singen, zu heulen, zu telefonieren, zu duschen… All das sind Dinge bei denen ich so viele Jahre eingeschränkt war, die ich nicht oder nur dann und dann machen durfte.
Manchmal (und eigentlich bräuchte ich das öfter) muss ich mir das vor Augen halten. Dass damals vorbei ist. Dass es nun so viel anders ist. Dass ich einfach frei bin. Frei von ihm, frei von seinen Einschränkungen, frei von seiner Gewalt. Auch wenn es sich manchmal gar nicht so anfühlt, weil er in meinen Gedanken und Gefühle festklebt wie Kaugummi, weil so viele Dinge eingefahren sind und mich bis heute begleiten, weil ich es eben nie anders gelernt habe. Aber ich bin frei, ich kann selbst bestimmen. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwann auch aus Gefühlen, Gedanken und Handlungen verschwinden wird. Vielleicht nie ganz, aber zumindest so weit, dass es mein Leben nicht mehr bestimmt. Vielleicht ist das eine Idee an das „Gutes tun“ ran zu kommen, weil da soooo viele Dinge drunter fallen, die ich nie durfte und mir deswegen auch unbewusst bis heute verbiete und sie nur schlecht aushalten kann. Vielleicht hilft es, ganz bewusst gegen sein Tun, seinen Einfluss, zu handeln, mir das ganz bewusst zu sagen. Graadselääds! „Und nun tue ich das ganz bewusst, weil ich weiß, dass ich es damals nicht gedurft hatte und du ausgeflippt wärst. Ätsch!“

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen

Und ich schrecke nass geschwitzt und mit rasendem Herz aus dem Schlaf hoch. Brauche eine Weile, bis ich in der Realität ankomme. Habe Angst, Panik, würde am liebsten schreien. Bis die Gegenwart langsam durchdringt, bis mir klar wird, dass ich in meinem Bett liege, sicher bin.
Ich habe von meinem Vater geträumt. Davon, dass er mir auf die Mailbox redet, dass er so gerne wissen würde, warum ich nicht mit ihm rede. Und dann bin ich merkwürdigerweise bei ihm, schreibe ihm eine Zettel, schreibe darauf, dass er mich so oft geschlagen hat, dass er einfach nie wirklich für mich da war, dass er mir psychisch und physisch weh getan hat, dass er mir meine Mama nahm, mir die Möglichkeit nahm meine Schwester aufwachsen zu sehen, dass soooo viele Dinge passiert sind und er sich nie dafür entschuldigt hat.
Und dann ist er plötzlich da. Liest das, rastet aus. Wie so oft damals. Er schreit, er kommt bedrohlich auf mich zu, er wird gewalttätig. Ich will nur noch weg, schreie, renne raus. Er wirft Gegenstände. Eine Nachbarin kommt, will wissen, was los ist. Ich flüchte mich nach draußen. Sie ruft nur noch „renn, bring dich in Sicherheit“ und ich laufe über den Hof, laufe auf die Straße, hoffe dass ein Auto kommt und mich mitnimmt, doch da ist nichts als Dunkelheit. Ich renne und renne und höre ihn immer näher kommen…
Und dann wurde ich wach.
Nun liege ich hier und traue mich nicht wieder einzuschlafen. Liege hier und bin total neben der Spur, kann mich nur schwer in der Realität halten. Ich habe Angst. Selbst nach so vielen Jahren habe ich einfach Angst.