Above all else, we choose to stay.

Als ich heute mit I. vor die Klinik tapste, die Ärmel noch hochgekrempelt, weil es drinnen warm war und wir auf die Bank plumsen, fragt eine Frau auf der Bank nebenan „Bist du Borderline?“. Ich antworte, dass ich nicht Borderline bin sondern Borderline habe, will schon ansetzen zu erklären, dass nicht jeder Borderliner sich verletzt und nicht jeder, der sich verletzt, Borderline hat, als sie mich mit „Warum tust du das?“ und einem Blick auf meine Arme unterbricht. Während ich noch überlege, ob ich ehrlich, sarkastisch oder gar nicht antworten soll, erwidert I.: „Um sich zu spüren.“ Und damit hat sie an sich eigentlich gar nicht mal so unrecht.
Im Laufe des Tages habe ich mich immer wieder gefragt, ob es eigentlich eine einfache Erklärung gibt für meine Selbstverletzung. Vermutlich nicht unbedingt. Eigentlich ist die Antwort ziemlich lang und kompliziert.
Denn im Grunde beginnt alles in den frühen Stunden eines Freitags im Februar Ende der 80er. Ich komme als erstes und einziges Kind einer damals schon bröckelnden Ehe auf die Welt. Als Kind einer Mutter Ende Zwanzig und eines Vaters Anfang Dreißig. Beide berufstätig, beide psychisch irgendwie vorbelastet. Weiter geht es drei Jahre später, als die Ehe endgültig auseinander bricht und der Vater mich mitnimmt zu Verwandten, einfach so, ohne die Zustimmung meiner Mutter, die sich seit der Scheidung das Sorgerecht mit ihm teilt. Was folgt ist ein schmutziger Sorgerechtsstreit, der mit unfairen Mitteln gekämpft wird und letztendlich meinen Vater als Sieger hervorgehen lässt. Also wachse ich bei meinem alleinerziehenden Vater auf, der dem Alkohol nicht abgeneigt ist, als Außenseiter unter gleichaltrigen, weil mich nicht die Mutter vom Kindergarten abholt und später dann zur Schule bringt. Weil ich keinen Kindergeburtstag feier und Freunde einlade, weil ich oftmals nicht nachmittags mit den anderen Kindern auf der Straße spiele. Und weil ich schon damals anders bin. Weil ich oft mit blauen Flecken auftauche, oft Bauchschmerzen habe oder mich übergebe.
Mit guten Noten komme ich aufs Gymnasium, bin immer noch ein Außenseiter. Ich vergrabe mich gerne in Buchseiten, träume mich oft in andere Welten, und bin immer noch die ohne Mutter, ohne Geburtstagsfeiern, diejenige, die nicht als Teenie im Jugendzentrum abhängt oder bis spät abends mit den anderen im Schwimmbad sitzt. Stattdessen bin ich irgendwann diejenige, die sich ritzt. Denn damit beginne ich 11 Jahre nach meiner Geburt, weil ich das Gefühl habe den Schmerz und die Angst und Verzweiflung nicht mehr auszuhalten. Und obwohl ich versuche es zu verstecken fällt es auf. Beim Umziehen zum Sport, wenn ich in Ungedanken den Ärmel hochschiebe, weil jemand es gesehen hat und weiter erzählt. Schon früh habe ich mir Wunden immer wieder aufgekratzt, die Fingernägel so weit abgefummelt, bis es blutete. Und irgendwann saß ich an einem Kunstprojekt, das Teppichmesser in der Hand, und fand plötzlich die Idee mir damit in die Haut zu schneiden extrem verlockend. Und plötzlich war da Erleichterung, die mich durchströmt. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Ballon, der zuviel aufgepustet wurde, nicht mehr wie ein wandelndes Etwas ohne jegliche Gefühle. Es fühlt sich gut an, erleichternd, lebendig. Und es tut nicht weh. Von da an ist es mein Ventil, mein Weg mit dem Leben klarzukommen. Wenn mein Vater wieder mal getrunken hat, wenn er mich wieder mal geschlagen hat, wenn er mir wieder mal erklärt hat, wie nutzlos und fett und unfähig ich bin. Wenn er mir wieder mal verboten hat meine Mutter und meine mittlerweile geborene Halbschwester zu besuchen. Wenn ich in der Schule mal wieder alleine in der Pause stand. Wenn die anderen mal wieder begeistert von einer Geburtstagsfeier erzählten.
Mit 13 beginne ich zu schreiben, beginne Worte zu finden für das Grauen in mir, für die Angst und die Verzweiflung und die Suizidgedanken. Die Selbstverletzung bleibt. Als ich mit 14 heimlich eine Therapie beginne bleibt das Schreiben ein Weg meine Gefühle auszudrücken. Und so schreibe ich meiner Therapeutin regelmäßig die Dinge, für die mir in der Therapie die Worte fehlen, schreibe Zeile um Zeile auf Papier und bringe ihr das Chaos aus Gedanken und Gefühlen mit. Drei Jahre lang schaffe ich es so zu überleben, schaffe den Alltag und die Schule und die Therapie irgendwie, schaffe es die Schläge und die Worte meines Vaters durchzustehen, schaffe es die Sehnsucht nach meiner Mutter und meiner Schwester auszuhalten. Mit Schreiben und Schneiden, vom Teppichmesser bin ich mittlerweile zu Rasierklingen umgestiegen.
Dann findet mein Vater einen Brief an meine Therapeutin, als er meine Sachen durchsucht. Er wird wütend und trinkt und wird wütender und trinkt mehr. „Ich bringe dich um.“ Diese Worte werde ich nie vergessen. Er sagt sie mir ins Gesicht, dreht sich um und geht ins Wohnzimmer um noch mehr zu trinken. „Wenn ich gleich wieder komme schlage ich dich tot.“ Diese Worte schaffen, was vorher jahrelang unmöglich war. Ich fliehe. Ich klingel Sturm beim Nachbarn und hämmer gegen die Tür. Im Schlafanzug, heulend, zitternd. Jahrelang versuchte meine Therapeutin erfolglos mich dazu zu bewegen endlich dort raus zu gehen. Es blieb immer die Angst vor seiner Reaktion und seine Worte. „Wenn du mich alleine lässt bringe ich mich um.“ Aber ihn zu sehen, ihn sagen zu hören „Ich bringe dich um.“, das fegte alles beiseite und lies nur die pure Angst um mein Leben zurück. Zitternd und heulend sitze ich also beim Nachbarn. Höre meinen Vater aus der Wohnung kommen. Höre ihn klingeln. Ich flehe heulend, dass sie die Türe nicht aufmachen dürfen. Ich höre ihn gehen, höre ihn draußen nach mir suchen. Ich rufe meine Therapeutin auf dem Handy an. Und dann kommt alles ins Rollen. Der Rest der Nacht und auch die folgenden Tage fliegen an mir vorbei. Die Polizei, die vorbei kommt und mit mir redet. Der Polizist, der mich in die Wohnung begleitet, um ein paar Sachen zu packen, mein Vater, der im Wohnzimmer sitzt, umgeben von Polizisten und immer wieder stammelt, dass er nicht wisse was los ist. Die Frau vom Jugendamt, die mich bei meinem damals besten Freund absetzt, mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass alles gut wird. Meine Lehrerin in der Schule, der ich erkläre, was passiert ist, und dass ich nicht weiß wie es weitergehen soll. Wieder die Frau vom Jugendamt, die mich zu einer Notpflegefamilie bringt. Mein Gefühlschaos, dass ich auch durch schneiden nicht los werde. Meine Angst vor meinem Vater, meine Wut mir gegenüber, weil ich ihn alleine lasse. Die Worte meiner Therapeutin, die nicht wirklich bei mir ankommen. Der Tag, an dem ich wieder in die Schule gehe und die Blicke der Lehrer und Mitschüler.
Vier Wochen später stehe ich das erste Mal vor einer Psychiatrie. Irgendwann lerne ich meine Pflegefamilie kennen und ziehe nach der Entlassung aus der Psychiatrie dort hin. Es folgen zwei Jahre voller Höhen und Tiefen. Ich verletze mich zum ersten Mal so tief, dass es genäht werden muss. Mit 19 ziehe ich aus diversen Gründen aus. Stürze ab, lande tief in der Depression, in der Selbstverletzung. Ich ziehe zu meiner Mutter. Atme, lebe, kämpfe, schneide. Irgendwann habe ich das Gefühl angekommen zu sein. Ich beginne meine Ausbildung, ziehe mit meiner Freundin zusammen, ziehe die Ausbildung durch und verletze mich insgesamt wenig. Ich mache Therapie und grabe irgendwann aus, dass mein Vater mir noch viel mehr angetan hat. Und vor nun gut einem Jahr brach ich völlig zusammen. Es gab keinen speziellen Grund, es war eher mehr der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Und daran ist nicht dieser einzelne Tropfen Schuld, sondern die ganzen anderen, die das Fass gefüllt haben.
Und warum schneide ich nun? Vielleicht gibt es darauf keine adäquate Antwort. Vielleicht liegt die Antwort ziemlich nah an „Weil ich überlebt habe.“. Vielleicht mit dem Zusatz, dass ich noch immer brauche um zu verstehen, dass weder Gefühle noch Leere mich umbringen. Weil ich vielleicht noch nicht in der Sicherheit angekommen bin, in der ich mich befinde. Weil es schwer ist etwas aufzugeben, dass einem half zu überleben. Weil es manchmal so viel leichter ist als konstruktiv zu sein. Es ist eine Mischung aus all dem und aus meiner Geschichte. Es gibt keine einfache Antwort darauf.
Fakt ist einfach, dass ich noch lebe. Dass ich kämpfe und atme und meinen Weg gehe. Und irgendwann werden die Schnitte weniger werden, irgendwann werde ich sie nicht mehr brauchen, um zu überleben. Daran glaube ich und daran halte ich mich fest. Und auch wenn ich oftmals einfach aufgeben möchte, wenn ich oftmals an allem zweifel und weine und schreie und schneide, so geht es doch weiter. Immer.

Und ich habe wieder twloha-Worte im Kopf.
Hope is real.
Your story is important.
No one else can play your part.

Above all else, we choose to stay. We choose to fight the darkness and the sadness, to fight the questions and the lies and the myth of all that’s missing. There is much not missing. We choose to stay, because we are all stories still going. Because there is still some time for things to turn around, time to be surprised and time for change. We stay because no one else can play your part.

Life is worth living. We’ll see you tomorrow.

 

 

And if you live by the rules of „it’s over“

Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich werde die ambulante DBT nicht machen. Dafür gibt es einige Gründe, hauptsächlich liegt es daran, dass ich das ganze stationär machen und dafür keine Therapie abbrechen will. Auch meine Therapeutin findet es keine gute Idee, weil quasi sie und der Psychopeut gleichzeitig an mir therapieren und sie denkt nicht, dass das mir gut tut. Und mein Bauchgefühl schreit die ganze Zeit enorm laut dagegen an. Ich werde den Psychopeut am Donnerstag fragen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass es im nächsten Jahr nochmal startet. Ihm sagen, dass ich es dann gerne machen würde. Vielleicht in Verbindung mit einer ambulanten Traumatherapie. Es geht mir deutlich besser mit dieser Entscheidung. Vor allem, weil ich sie ja eigentlich vor Monaten schon einmal gefällt habe. Nun muss ich das nur noch den Klinikmenschen erklären und hoffen, dass sie einfach weiterhin hinter mir stehen und mit mir diesen Weg gehen.
Ich war vorhin in der Klinik und habe eine Freundin besucht. Danach kurz durch den Supermarkt und nach Hause, wo ich dann begonnen habe zu kochen und ein kleines bisschen Ordnung zu machen. Bibi war noch da, Katerkind hat uns beide mit seinem Blödsinn bespaßt. Nun schlummert er friedlich im Körbchen des Kratzbaumes. Früher hat er mal wunderbar dort rein gepasst, mittlerweile ist es eher ein reinquetschen, aber es scheint ihm gut zu gefallen.

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Gleich werde ich mich ins Bett bewegen und mich in meine Decken wickeln. Morgen will ich definitiv aufräumen, Geschirr spülen und putzen, mal endlich den Meerikäfig ausmessen… Und eigentlich müsste ich nochmal in die Hauptstadt, weil ich für Mamas Topfhandschuhe wohl doch mehr Wolle brauche als gedacht…
Jedenfalls soll morgen ein produktiver Tag werden. Ablenken, meine Wohnung in Ordnung bringen und damit auch das innere Chaos. Beim letzten Mal hat es ja nicht funktioniert, da kam aber auch ziemlicher Herzschmerz dazwischen, ich finde dann darf ich auch mal aus der Bahn fliegen.

I will go down with this ship
And I won’t put my hands up and surrender
There will be no white flag above my door
I’m in love and always will be

Die machen mich irgendwann noch irre in der Klinik. Es hieß irgendwann mal, dass ich da dann eventuell irgendwann mal die ambulante DBT machen kann, nach der stationären oder so. Derzeit sei das ja nicht in Einklang zu bringen mit der Intervalltherapie.
Nun heißt es, dass ich in der ambulanten DBT angemeldet bin, die Intervalltherapie dann wegfällt, nur noch eventuelle Krisen stationär aufgefangen werden. Waaaaaaaah. Na was denn nun? Ich bin nun völlig verwirrt. Vor allem überfordert es mich gerade. Mich entscheiden zu müssen zwischen den beiden Dingen ist nichts, dass grade irgendwie funktioniert. Ich hab mit Schwester Kathrin geredet, die mir ein paar gute Ideen mit auf den Weg gegeben hat. Vor allem das ganze erst mal sacken zu lassen, mir für den Termin am Donnerstag all die Dinge aufschreiben, die das grade mit mir macht, meine Bedenken aufschreiben. Und sie hat mir mehrmals gesagt, dass es nichts damit zu tun hat, dass man mich auf der Station nicht will. Dass ich in Krisensituationen dennoch stationär kommen kann. Ich glaube ich brauche echt einfach mal Zeit um das zu verarbeiten. Und vielleicht Bibi, um mal mit ihr drüber zu sprechen. Und auf jeden Fall das Gespräch am Donnerstag mit dem ehemaligen Psychopeuten. Ein wirres Chaos. Ich weiß nur, dass ich eigentlich nichts beginnen möchte, dass ich nicht beenden kann. Da wehrt sich in mir drin alles. Und ein Jahr ambulant machen und dann stationär? Eigentlich war geplant, dass ich es eventuell mal mache nach einer stationären, wenn ich das Gefühl habe ich brauche es. Zum auffrischen oder vertiefen. Andererseits würde es mich vielleicht aktuell auch schon ein wenig weiter bringen. Ach, ich weiß nicht. Ich will auch grade nicht mehr darüber nachdenken, sondern mich einfach verkriechen und sacken lassen. Damit wäre dann mein Tag auch gelaufen, mit dem wirren Zeug im Kopf kann ich unmöglich einen klaren Gedanken fassen in den nächsten Stunden…

Sie hat es beendet und ich bleibe verwirrt und traurig und ratlos zurück. Ich kann sie verstehen und verstehe es gleichzeitig überhaupt nicht.
Ich war bei ihr und wollte reden, sie aber nicht.
Nun sitze ich zuhause und atme einfach nur, Katerkind auf dem Schoß und Die Nanny auf dem Laptop. Ich bin okay. Soweit man bei/nach/während sowas okay sein kann. Ich schaue was mir jetzt gut tut und versuche einfach das Beste draus zu machen.

Zitrone auf Reisen

Ich sitze irgendwo in Hannover, mit einer Tasse Cappuccino vor mir, die Augen immer noch nicht ganz offen. Gestern war anstrengend. Wir sind erst viel später los gekommen als eigentlich geplant. Chrissie kam nicht in die Gänge, D. war genervt, ich war müde. In D.s Heimatstadt haben wir dann Chrissies neues Auto abgeholt, sie fuhr wieder nach Hause und wir erst mal zu D. um dort noch ein paar Sachen einzuladen. Daraus wurde dann noch eine Tasse Kaffee und eine Besprechung mit seiner Mitarbeiterin.
Um halb 9 war ich dann letztendlich in Hannover und konnte den Lieblingsösi drücken. Länge fit war ich allerdings echt nicht mehr, ich war schon um 6 Uhr wach, war in der Hauptstadt einkaufen und bei meiner Ärztin, habe fertig gepackt und meine Fellhaufen versorgt.
Und nun treffe ich mich gleich mit H., mit vollem Bauch von Frühstück und Cappuccino. Gegen 4 will ich mit dem Lieblingsösi nach Hamburg.

Ich habe meine Übernachtungen gebucht für die nächste Woche. Eine Nacht in Hannover, zwei Nächte Hamburg. Am Freitag werde ich bei D. schlafen, da er erst kurz nach Hause muss, bevor er wieder hier her fährt.
Ich freue mich. Eigentlich. Denn gerade scheint es so dunkel und düster um mich, dass selbst die Freude nichts bringt. Ich versuche zu atmen, nicht daran zu denken was kommen wird in der nächsten Zeit. Weiter machen. Am Dienstag werde ich in Hamburg am Hafen stehen. Und am Mittwoch. Und am Donnerstag. Ich werde die Luft in meine Lungen ziehen und vielleicht daran denken, dass ich vor fast zehn Jahren auch dort stand. Zwar anders, aber mit nicht weniger Chaos im Gepäck und nicht weniger Chaos im Kopf. Ich werde Menschen treffen, die ich länger nicht gesehen habe und einen Menschen, den ich zwar schon Jahre kenne, aber noch nie getroffen habe. Ich werde bis nachts auf bleiben und durch die Stadt streifen, ich werde mit fremden Menschen in einem Zimmer schlafen, ich werde so vieles sehen und neue Luft atmen und mein Zuhause für ein paar Tage hinter mir lassen. Vielleicht kommen Freude und Aufregung ja morgen. Morgen werde ich den Ösi treffen. Ich weiß nicht, wann wir uns das letzte Mal gesehen haben. Einige Jahre sind seitdem jedenfalls schon vergangen.
Morgen früh muss ich noch zur Ärztin und auf der Bank vorbei. Ich muss heute noch packen, muss Lebensmittel einfrieren und meinen Kindle mit Filmen bestücken und mein Handy mit Hörbuch. Morgen früh muss ich dann noch Katerfutter und Meerigrünzeug besorgen.
Am liebsten würde ich gerade irgendwas tun. Aufräumen. Kochen. Aber ich habe keinen Antrieb. Mehr als rumhängen schaffe ich einfach nicht. Zumindest einen Salat will ich mir aber noch für heute Abend machen.
Ich finde solche Durchhänger-Tage furchtbar und anstrengend. Ich will etwas tun und kriege es nicht hin. Selbst das Katerkind hat heute wahrscheinlich mehr getan als ich. Vielleicht wird es besser, wenn ich einfach akzeptiere, dass es heute eben so ist. Mir Finalgon auf dem Arm klatsche gegen die Anspannung. Mich in die Küche bewegen und meinen Salat machen. Anfangen mein Zeug zu packen.

Der Tag war gut und ich stürze ab. Ich fühle mich furchtbar, ich mag mich verletzen. Nein. Eigentlich will ich mich nicht verletzen. Zumindest nicht in dem Sinne. Wenn, dann will ich es so schlimm, dass es danach vorbei ist. Ich will einfach ein Ende. Mein Kopf ist so voller Suizidgedanken, dass ich keine Ahnung habe wie ich es aushalten soll. Ich versuche mich abzulenken, ich habe auf dem einen Arm Finalgon und auf dem anderen einen Eiswürfel, ich habe mich in meine Decke gewickelt, habe das Katerkind neben mir. Und trotzdem will ich einfach nur aufgeben.
Ich bin schon drei Mal an meinen Tabletten vorbei gelaufen. Beim letzten Mal habe ich die fast vollen Packungen in die Hand genommen und sie betrachtet. Ich will nachgeben. Ich will aufgeben. Ich habe das Gefühl, dass es eh nie besser werden wird. Dass es eh niemals wieder okay sein wird. Dass es doch eh keinen Sinn macht. Ich fühle mich hoffnungslos. Hoffnungslos und leer.
Ich will aufgeben. Einfach nur noch aufgeben.

Seit gestern lässt mich etwas nicht los, dass ich eigentlich gar nicht schreiben wollte, eigentlich am liebsten unter „mal wieder kranke Gedanken“ abhaken möchte.
Als ich gestern zum zweiten Mal in der Klinik anrief und nach Schwester Nathalie fragte, meinte Pfleger Thorsten „Einen Moment“, legte das Telefon beiseite und ich höre ihn im Hintergrund leise „Frau Zitrone“ sagen. Dann kommt er wieder ans Telefon und sagt mir, dass er Schwester Nathalie nicht finden kann.
Und nun beginnt das Chaos. Zu wem sagt er, dass ich am Telefon bin, wenn sie doch nicht da ist. Ich komme damit klar, wenn man mir sagt, jemand hat keine Zeit. Auch damit, wenn man mir sagt, dass ich es alleine versuchen soll. Nur nicht mit Lügen. Ich weiß nicht, ob mein Kopf sich da was zusammen spinnt, oder ob es wirklich so war. Es hat mich nur schlecht schlafen lassen, trotz der 4fachen Dosis meiner Abendmedis, es treibt mich um und hat sich festgebissen und lässt mich nicht mehr los. Und natürlich will ich direkt völlig überreagieren. Dort anrufen, sagen, dass ich nicht mehr kommen werde. Alles hinwerfen, weil ich mich hintergangen fühle.  
In den ganzen Jahren der Therapie habe ich gelernt, dass ich sowas ansprechen muss. Dass ich es klären muss, um selbst klar zu kommen und nicht in einem impulsiven Moment alles hinzuwerfen. Nur ist mir momentan mehr danach einfach völlig impulsiv und destruktiv handeln als nach allem anderen. Dhegsishvejflfplsnehwoahbf! Scheißdreck. Alles.
Tief einatmen und ausatmen. Nachher mache ich mich fertig und fahre in die Hauptstadt. Von da aus kurz zu Mama und Schwesterherz, dann zurück in die Hauptstadt zum Konzert. Ich hoffe ich kann es genießen, kann abschalten und vergessen, was momentan so in meinem Kopf ist.
Und gleich rufe ich mal beim Tierarzt an für den Entmannungstermin von Mr. Mau.

Hallo 2016.
Irgendwo zwischen Tränen und Anspannung und Ablenkung und Lachen kam es, das neue Jahr. Ich will ihm eine Chance geben. So vieles ist so viel besser geworden, das sagte Schwester Sabine eben auch noch mal. Und obwohl ich unglaublich Angst habe vor den Dingen, die vor mir liegen, werde ich weiter gehen.

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Weiter gehen. Weiter kämpfen. Um gesund zu werden. Um frei zu sein. Für mich und meine Geschichte.
Welcome to midnight. Willkommen im neuen Jahr. Hallo 2016.

Euch allen wünsche ich ein wundervolles neues Jahr voller Glück und Gesundheit, ein Jahr, dass einfach euer Jahr wird. 🍀

Was tut man, wenn die bösen Erinnerungen einen nicht los lassen, wenn die Anspannung sich weigert unter die Hochspannungsgrenze zu fallen, wenn Übelkeit und Bauchschmerzen sich nicht vertreiben lassen? Richtig. Aufräumen. Und so ist mein Wohnzimmer nun wieder heufrei, mein Sitzsack ist ins Schlafzimmer gewandert und die Wäsche vom Wäscheständer in den Schrank. Es ist nun halb 4, ich bin hundemüde, die Anspannung pendelt zwar immer noch bei über 70 rum, aber ich habe das Gefühl, dass ich es schaffen kann ohne mich zu verletzen. Gegen die Übelkeit habe ich nun mcp genommen, gegen die Bauchschmerzen werde ich mir gleich das Heizkissen auf den Bauch legen, wenn ich mich ins Bett kuschel. Gutes tun. Entgegengesetzt handeln. Auch ein Skill. Tag für Tag. Schritt für Schritt. Skill für Skill. Das hätte ich auch gerne als Zettel zum aufhängen. Auch wenn es manchmal nicht Tag für Tag, sondern Minute für Minute ist.
Und nun gehe ich ins Bett. Zu Kuscheldecke, Heizkissen und Pummeleinhorn. Und zwar lächelnd und Stolz, weil ich einen weiteren Tag geschafft habe ohne mich zu verletzen. Und selbst wenn ich wieder schneiden sollte, diese Tage kann mir niemand nehmen. Diese Tage und die Kraft und den Mut, den sie mir geben.
Ich kann das schaffen. Ich kann so vieles schaffen. Chakka!