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Es geht mir nicht gut. Ich habe Suizidgedanken und weiß nicht wohin damit und wohin mit mir. Durchhalten. Nur noch heute und morgen. Dann steht Klinik an. Auszeit, durchatmen können. Ich finde die kalten und dunklen Tage jetzt schon furchtbar. Ich mag mich unter meinen Decken verkriechen und erst wieder hervor kommen, wenn draußen der Frühling anbricht.
Stattdessen versuche ich konstruktiv zu sein. Aufräumen. Kochen & essen. Mich um meine Vierbeiner kümmern.
Ich weiß nicht, was es derzeit wieder so schwer macht. Ich weiß nicht, warum die Suizidgedanken wieder so extreme Ausmaße annehmen. Vielleicht weil bald Weihnachten ist. Vielleicht weil es draußen so kalt und trüb ist. Vielleicht weil ich mich einfach überflüssig fühle in dieser Welt. So viel vielleicht in meinem Kopf, so wenig Sicherheit.
Ich weiß nicht, ob ich mir selbst noch trauen kann. Ob ich wirklich dahinter stehen kann, wenn ich sage, dass nichts passiert. Es fühlt sich furchtbar an sich selbst nicht trauen zu können. Also gebe ich einfach mein bestes. Versuche mich abzulenken, benutze Skills, atme einfach weiter.

Jetzt erklär ihm mal jemand
Wohin mit dem Mist
Wenn er vor lauter sterben
Das leben vergisst

Vor ein paar Stunden starb meine süße kleine Speedy in meinen Armen.
Ich bin froh, dass sie nicht allzu lange leiden musste und in ihrer gewohnten Umgebung gehen konnte.
Wir haben sie im Garten beerdigt, ganz in der Nähe von Mäxchen.
Ich kann gar nicht mehr aufhören zu weinen, es ist mal für eine Zeit lang gut, dann geht es wieder los.
Nun sind sie nur noch zu zweit.

Mach’s gut mein kleines Meerchen, dort auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke. Ich werde dich nie vergessen.

P. fragte vorhin, ob ich nicht Lust auf die Frankfurter Buchmesse habe. Und so werde ich in 2 Stunden wieder aufstehen und dort hin fahren. Ich wollte schon immer mal dort hin, Bücher, so viele Bücher. Das wird mir bestimmt gut tun.

deine Zeit – ja sie kommt gewiss

Der neue Psychologe war heute bei der Visite dabei. Er macht einen netten Eindruck. Ich hoffe, dass er auch ein wenig was von Borderline versteht und das alles was ich derzeit so mit mir rum trage keine böhmischen Dörfer für ihn sind.
Ansonsten war der Tag gefüllt mit Anspannung. Schwester Sabine hat mit mir gekniffelt, das tat gut. Nur ist es, wie derzeit ständig, dann gekippt. Davor war ich kurz Zuhause den Kater und die Meeris besuchen. Auch das tat gut, aber… Irgendwann schrieb mir meine Mutter, dass sie einen Anruf aus BaWü erhalten hat. Klar, dass sie mir sowas erzählen muss und dann am Telefon auch noch davon berichtet.
Danach war erstmal Chaos. Schuldgefühle, dass ich ihn nicht besuche, anrufe, mich irgendwie melde. Schwester Sabine meinte, dass Eltern, die sich nicht so verhalten, auch nicht so behandelt werden müssen. Das nahm den Druck im Inneren ein wenig. Trotzdem bin ich hin und her gerissen, fühle mich mies und als schlechte Tochter.
Pfleger Kai ist mit mir dann noch eine Runde ums Haus und den See, weil ich mich mit der Anspannung nicht alleine raus getraut habe. Ich hätte bestimmt etwas angestellt.
Und so geht ein weiterer Tag zuende, den ich mit Ach und Krach gerade noch so ohne Selbstverletzung überstanden habe. Aber geschafft ist geschafft. 🙂
Die Achtsamkeit tat auch heute wieder sehr gut, nur hält dieses gut eben nicht lange. Sobald ich merke, dass die Anspannung sinkt, bin ich wieder in Sekundenschnelle oben. Nur jetzt ist es langsam okay, ich habe heute sämtliche möglichen Skills ausprobiert und liege nun wenigstens mit knapp unter Hochspannung und Finalgon und Eiswürfel auf dem Arm und Bedarf in mir im Bett und werde wohl gleich einfach nur noch schlafen.

Wir fügen uns aus der Angst nicht akzeptiert zu werden
Doch wer mich nicht nimmt wie ich bin ist auch nicht mein Freund
Und ich kann dir versichern, dass es stimmt
Dann heißt es wieder du alleine gegen die Welt
Es liegt an dir auch wenn du dich manchmal daneben verhältst
Ist doch egal solang du glücklich bist ist alles perfekt
Also geh raus, zeig der Welt dein Gesicht am besten machst du’s gleich jetzt

Der Psychologe aus der Klinik wird die Station wechseln. Er muss vom Chef aus. Ich finde das gerade ziemlich doof und es macht mich traurig, weil ich das Gefühl hatte mit ihm wirklich weiter zu kommen.
Es wird sich dann wohl entscheiden, ob ich den neuen Psychologen kriege oder eine der Ärztinnen mich weiter betreut.
Blöd, wirklich.

Für diesen Aufenthalt ist skillen mal wieder ein Thema. Skillketten, rumprobieren, zur Not auch den ganzen Tag mit Eiswürfel durch die Gegend rennen. „Wir müssen Sie aus diesem schneide-Zuhause holen“ sagte der Psychologe. Damit hat er recht. Das schneiden ist Sicherheit und gewohnt und so lange mein Begleiter. Da ist skillen, auch wenn ich es schon lange mache, eben wirklich im Vergleich dazu noch neuer und ungewohnter.
Und auch einfach akzeptieren, dass es mal okay und gut sein kann wird Thema sein. Das auszuhalten.
Aber grade ist gar nichts gut oder okay. Ich fühle mich wieder in der Luft schwebend. Ich habe Angst, dass dieses Gerüst nun wackelt, weil der Psychologe geht, dass ich jemanden kriege mit dem ich nicht gut klar komme, jemand der alles anders machen will.
Ich verkrieche mich jetzt einfach nur noch im Bett.

when you let your walls fall to the ground

1 Jahr. Eine Herbstbilanz.

Irgendwie ist der Herbst immer eine Zeit, in der ich ein wenig sentimental werde. Sentimentaler als sowieso schon. Wieso auch immer.

Vor gut einem Jahr fing mein Leben an völlig aus den Fugen zu geraten. Dazwischen liegt ein Frühling, ein Winter und ein Sommer, ein Suizidversuch, einige Klinikaufenthalte, eine Kündigung, ein Umzug, ein Katerkind, ein Meerchen weniger, viele Selbstverletzungen, neue Freunde, verlorene Freundschaften, positive und negative Momente.
Und ich frage mich, was anders wurde seitdem.
Eines der wichtigsten Dinge ist wohl, dass es nicht mehr konstant und andauernd und gemeingefährlich wehtut. Liebeskummer ist so eine Sache, die sich immer ein wenig wie sterben anfühlt. Dass es jemals aufhört wehzutun hielt ich am Anfang für unmöglich.

Anders ist auch, wie ich mit meinen Suizidgedanken umgehe. Sie sind so oft und so drängend da, dass ignorieren oder nachgeben einfach keine Option (mehr) ist. Sie akzeptieren, manchmal sogar einfach willkommen heißen, fällt mir immer noch schwer, aber manchmal funktioniert es. Nur in schlimmen Momenten verfalle ich in alte Muster, muss unglaublich kämpfen um das ganze als atmendes Wesen zu überstehen.

Ich schaffe es wieder länger als 3 Tage ohne Selbstverletzung. Auch wenn sie immer noch häufig und extrem vorkommt, es wird in kleinen Schritten besser. Auch so eine Sache, die sich geändert hat.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass vieles in Bewegung ist und es kaum Stillstand gibt. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass nichts sich ändert und alles ist wie früher, so zeigen mir doch viele Momente, dass es nicht mehr so ist.
Ich komme immer wieder in Situationen, die mich heute ganz anders reagieren lassen als noch vor ein paar Monaten. Ich bin nicht mehr so furchtbar impulsiv, gebe nicht mehr direkt auf.
Es gibt wieder Dinge in meinem Leben, die ich genießen kann. Auch Kleinigkeiten wie die Sonne im Gesicht, eine heiße Dusche oder ein schnurrendes Katerkind.
Natürlich ist noch lange nicht alles so, wie ich es gerne hätte. Noch bin ich immer noch „zu krank“ für viele Dinge und manches klappt gar nicht. Aber es ist eben vieles schon besser geworden, manches sogar gut, sogar so sehr, dass ich immer noch darüber staune.

Am Mittwoch steht ein neues Intervall in der Klinik an. Ich würde gerne daran arbeiten, dass es momentan gar nicht gut klappt mit den schönen Dingen. Ich versuche es mittlerweile zu vermeiden, dass zu vieles an einem Tag gut läuft und positiv ist, denn das ertrage ich, warum auch immer, absolut gar nicht.
Gestern war ich mit M. unterwegs und es war wirklich sehr schön und tat mir unglaublich gut, heute kämpfe ich darum, dass es eben auch schön sein darf und ich deswegen nicht in ein tiefes Loch fallen muss.
Im Moment sitze ich mit dem Kater draußen, nachher will ich meinen Kleiderschrank winterfest machen, also die Wintersachen nach vorne räumen und den Sommerkram in die entfernteren Ecken. Dann steht noch Haushalt an, alles Dinge, die mich hoffentlich gut ablenken.

Ein Jahr. Ein Jahr voll mit so vielen Momenten. Oft wünsche ich mir ja, dass der Krankenwagen im Februar 10 Minuten länger gebraucht hätte. Diese magischen 10 Minuten, die das ganze hätten enden lassen. „10 Minuten später und ich hätte nichts mehr tun können.“ Vielleicht werde ich die Stimme des Notarztes irgendwann vergessen. Vielleicht habe ich diesen Klang irgendwann nicht mehr in meinem Kopf. Doch sooft ich auch gezweifelt habe in den letzten Monaten, sooft ich mir gewünscht habe, diese zehn Minuten wären vorbei gegangen ohne dass Hilfe kam…
Gerade, hier und jetzt, bin ich unglaublich froh, dass es diese 10 Minuten damals gab.

This is where the healing begins, oh
This is where the healing starts
When you come to where you’re broken within
The light meets the dark

Irgendwie wird es gar nicht besser. Ich hänge völlig in den Seilen, ich fühle mich furchtbar. Ich habe Suizidgedanken. Habe Druck. Habe Kopfschmerzen und Übelkeit.
Gestern habe ich mich mit Bedarf weggeföhnt. Geschlafen bis spät abends, etwas gegessen, weiter geschlafen. Heute war ich bei meiner Mutter. Es war schön, soweit im Moment irgendwas schön sein kann.
Ich war einkaufen. Habe gegessen, mich um Schweine und Kater gekümmert.
Und nun mag ich am allerliebsten meine Medikamentenkiste plündern, alles schlucken was da ist, mich ins Bett legen, einschlafen und nicht mehr aufwachen.
Ich hasse solche Tage. Ich hasse die Suizidgedanken, wenn sie so extrem werden, dass sie alles andere verdrängen.
Ich will einfach, dass es aufhört. Dass es wieder halbwegs okay ist. Will einschlafen und aufwachen und diese Gedanken nicht mehr im Kopf haben.

Liebe Tante Inge,

gerade habe ich von Oma erfahren, dass du nicht mehr lebst. Niemand weiß genau was eigentlich passiert ist und wann. Aber es scheint schon eine Weile her zu sein.
Ich kann mich noch gut an diese ganzen Momente meiner Kindheit erinnern, die wir zusammen verbracht haben.
Wir waren spazieren, ich habe auf deinem Balkon gespielt und bin manchmal zusammengerollt auf einem Sessel eingeschlafen. Du hast mir Socken gestrickt, mit mir zusammen gekocht, mir Geschichten erzählt.
Nun bist du weg. Aber nicht ganz, denn in unseren Herzen wirst du weiter leben. Wie gerne hätte ich mich von dir verabschiedet. Mach’s gut dort wo du nun bist. Wenn ich stricke werde ich immer wieder an dich denken.

Ich bin nicht der, der ich sein will

Heute war ich das allererste Mal in der Achtsamkeitsgruppe. Musiktherapie bei dem gleichen Therapeuten fand ich immer etwas naja, deswegen war ich auch skeptisch. Aber ich habe mich drauf eingelassen und bin hin und es war echt gut und tat echt gut. Er fragte am Schluss, ob ich wieder kommen werde und ich sagte ja. Ich glaube das wird mir ganz gut tun.
Daheim sein ist wie immer erstmal wieder eine Gewöhnungssache. Dank Katerkind ist es aber auch immer wieder neu und interessant und einfach etwas anderes, denn nun sind wir zu fünft. Und so ein Stubentiger ist doch etwas anspruchsvoller als meine Möhrchen. Er fordert spielen und fressen und kuscheln klar ein. Er miaut qualvoll wenn er der Meinung ist, dass er jetzt direkt irgendwas braucht. Er jagt Tempos durch die Wohnung, beißt mir in die Zehen und hat meine Hand massakriert. Aber er schläft auch voller Liebe mitten auf meinem Gesicht, schnurrt stundenlang auf meinem Schoß und macht mein Leben bunter.

Abgesehen davon, dass ich nicht schlafen kann, geht es mir eigentlich ganz gut. Die Woche Klinik hat viel Stabilität gebracht. Es war auch der bisher „entspannteste“ Aufenthalt, wenig Druck und Suizidgedanken im Vergleich zu den anderen Malen.
Gleich werde ich mich (wieder) ins Bett trollen, mich um meine Schlafbanane wickeln (hach, das Ding ist toll!) und einen neuen Schlafversuch starten.
Für Morgen (oder besser: für später) steht Besuch von einem der Lieblingsmenschen an, ein Besuch bei Ikea und Tee. Die Meerivilla muss ich sauber machen, Wäsche waschen und ein wenig aufräumen.
Aber nun muss ich erst mal schlafen.

Ich bin dauernd auf der Suche
Und weiß nicht mehr, wonach
Ich zieh nächtelang durch Bars
Immer der, der am lautesten lacht
Niemand sieht mir an
Wie verwirrt ich wirklich bin

Es ist die Angst die dich umstellt

Auch heute morgen war ich wieder früh wach, konnte vor dem Frühstück noch in Ruhe rauchen, war fit direkt nachdem ich aus dem Bett geplumst bin. Seltsam ist das.
Heute Mittag hab ich eine Weile vor mich hin gedöst, bevor der Therapeut gegen die Tür hämmerte, um mir zu sagen, dass wir später einen Gesprächstermin haben.
Davor war Sport, ich bin 10 km Rad gefahren und war danach dementsprechend erledigt.
Das Gespräch war gut. Es ging viel darum, was derzeit den Druck verursacht. Es ist ganz viel Unsicherheit und Angst in Bezug auf meinen Vater. Deswegen kam ich auch die letzten Tage Zuhause kaum zur Ruhe. Hier bin ich sicher. Und ich darf mich mal wieder Verhaltensanalysen anschauen. Wie ich es hasse.
Außerdem habe ich hier noch einen Stapel über Achtsamkeit liegen. Den habe ich mir schon mal durchgelesen, morgen kuck ich nochmal rein. Üben ist angesagt. Da steht drin, dass es nach 5 bis 8 Wochen Ergebnisse bringt.
Kommt also auch auf die Liste. Achtsamkeit üben.
In der Visite wurde mir heute nochmal gesagt, wie positiv sie meine Entwicklung sehen. Dass es eigentlich bei/mit jedem Aufenthalt besser wird. Auch kleine Schritte werden ein Weg.

Was auch immer dich quält du bist nicht allein
Es ist die Angst die dich umstellt
Du bist nur ein kleiner Funken solang du schweigst
Ein bunter Fleck der sich versteck
In einer grauen Welt

Morgen geht es in die Klinik. Bzw in irgendwas zwischen 8 und 9 Stunden.
Ich komme nicht runter. Ich hab Erinnerungen im Kopf, Panik. Jedes Geräusch bringt mich in Alarmbereitschaft, wenn ich die Augen schließe sehe ich Bilder, die ich nicht sehen will. Mein Körper spinnt, ich zitter, mir ist übel. Ich will mich nur noch verkriechen und nicht mehr raus kommen, will mich verstecken vor der ganzen Welt. Vielleicht gehe ich ins Wohnzimmer zum schlafen. Mache mir Licht an, schaue den Meeris noch zu. Sperre meine Tür ab. Mach alle Fenster zu und die Rollläden runter. Angst, Angst, Angst.
Ich will, dass es aufhört. Dass es endlich mal besser wird. Ich will endlich wieder ohne frische Wunden durch die Gegend laufen, will endlich wieder ohne diese ständigen Bilder im Kopf leben. Es muss doch einfach irgendwann mal gut sein…