Anders 

Abend Nummer 5 in der Klinik geht zuende. Noch zwei weitere Abende liegen vor mir, am Freitag werde ich nach Hause gehen. 

Ich habe in den letzten Tagen viel mit dem Pflegepersonal geredet. Mal über Belangloses, mal über die vergangene Zeit hier, mal über den aktuellen Kram. Immer wieder habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich nicht versagt habe. Dass ich richtig gehandelt habe, es die richtige Entscheidung war, es absolut okay ist, keiner vom Team es als Rückschritt sieht… Es tut gut diese Worte zu hören und langsam schaffe ich es auch damit gegen das Gefühl des Versagens anzukommen. Und langsam nehmen die Suizidgedanken auch weniger Raum ein, der Selbstverletzungsdruck wird weniger, es tut sich was. Abgesehen von den Momenten, in denen mich irgendwas umhaut, wie beispielsweise die Oberärztin, die heute mit der Entlassung um die Ecke kam, da es gerade ziemlich voll ist. Schließlich ist am Feiertag ja eh kein Programm und so. Ich sagte ihr, dass ich grade eher den sicheren Rahmen brauche als die Therapien. Sie meinte, dass sie nochmal schaut, ob sie es anderweitig lösen kann, aber gegebenenfalls nochmal am Mittag auf mich zukommt. Mit diesem Gespräch traf sie genau in die Wunde, die das Gefühl versagt zu haben, hinterlassen hat, traf genau in das „stell dich nicht so an“ und „du hast keine Hilfe verdient“. Ich war völlig neben der Spur danach, fragte Schwester Nathalie nach ein paar Minuten Zeit und als sie dann zwischendurch diese paar Minuten hatte, sprach ich ihr gegenüber diese Gefühle aus, sagte, dass ich grade am allerliebsten heim gehen würde und Mist bauen, sagte ihr, wie sehr ich gerade kämpfen muss. Völlig Heimatfilm statt Tagesschau. Es half und tat gut und auch von ihr hörte ich nochmal, dass ich nicht versagt habe, dass es gut und richtig war. Sie ließ sich noch die Hand drauf geben, dass ich nicht einfach nach Hause verschwinde und Mist mache. Danach war es besser. Die Anspannung ließ langsam nach, nachdem ich eine Runde draußen war und anschließend skillte und mir von Pfleger Arschkeks einen „Akut-Smiley“ malen ließ.

Danach war ich erstmal einfach nur unglaublich müde und fiel ins Bett, stand irgendwann wieder auf und ging kurz einkaufen (mein „Ich brauche Schokolade“ – Symptom taucht wirklich fast nur dann auf, wenn ich stationär irgendwo bin…) und fragte dann Pfleger Thorsten, ob er mit auf den Balkon kommt, denn das Wetter war so schön und als Raucher ist es auf dem Balkon auch um einiges angenehmer als im Raucherraum. 

So saß ich dann dort mit meinen dbt-Unterlagen und dem Manual und Block und Stift, um die „Hausaufgaben“ zu erledigen, die Sabine mir gegeben hatte: Eine Art Krisenplan zu schreiben für mögliche Krisenintervention hier, was hilft, was hilft nicht, was ist gut in welchen Situationen. Den habe ich ihr in die Hand gedrückt vorhin und sie will ihn weiter geben ans Team für die Teambesprechung morgen. Neben dem Schreiben quatschte ich mit Thorsten, rauchte, versuchte immer wieder den Faden zu finden und genoss die Sonne. Es tat gut und holte mich fast völlig aus dem morgendlichen Drama raus. 

Nach dem Essen kam dann noch N. vorbei und wir saßen draußen, den Abend habe ich mit meinen Mitpatienten auf dem Balkon verbracht. Und gerade ist es wirklich halbwegs okay hier zu sein, es sind nur noch zwei Tage, die ich allerdings für mich nutzen möchte, aber es ist auch okay dann wieder zu gehen und zuhause weiter zu machen. 

Letztendlich war es die einzig richtige Entscheidung hier her zu kommen. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald das komplett so zu sehen, vielleicht kommt es auch im Gefühl noch an. Und vielleicht schreibe ich doch eine funktionale VA dazu. Oder eher eine „Anders-VA“, wie Frau S. sie immer nannte und was ich auch besser und treffender finde. Denn ich habe nicht gehandelt wie früher, habe den neuen Weg gewählt, habe mich entschieden, nicht mehr in den alten Mustern zu bleiben, habe nicht mehr so reagiert. Sondern eben anders. 

Verstand & Gefühl 

Kaum schreibe ich hier, dass ich in den letzten Nächten immerhin schlafen konnte, da bin ich wieder eine ganze Nacht wach. Also habe ich mir vorgestern morgen gegen halb 6 nochmal eine Portion Medis eingeworfen und konnte dann auch endlich schlafen, fast 8 Stunden wurden es. Der verbleibende Rest des Tages war dann aber dementsprechend ein wenig Banane. Ich habe mit N. zusammen gekocht und gegessen und bin zuhause aufs Sofa und später dann ins Bett geplumst. Einschlafen dauerte, klappte dann aber, dafür war ich um halb 5 wieder wach. Herrlich. 

Als ich vorgestern vor der Tür saß und auf N. wartete, fiel mein Blick auf meine Arme. Generell fallen mir die Narben nicht mehr so sehr auf. Sie sind eben da und gehören dazu. Doch in diesem Moment sah ich sie bewusst und fühlte mich gewaltig hin und her gerissen zwischen „sieht ja irgendwie schon schlimm aus“ und „ich will mehr“. 

Es ist manchmal so verwirrend, was in meinen Kopf vorgeht. Rational weiß ich, dass es Irrsinn ist. Dass mehr Narben nichts bringen werden, denn für diesen Teil in mir wird es nie genug sein. Ich werde immer mehr wollen, egal wie viele es sind. Und trotzdem ist da dieser Wunsch. Mein Inneres nach außen kehren. Diese innerliche Zerstörung sichtbar machen. Den Schmerz in mir. Die seelischen Wunden. 

Und neben diesen Gedanken ist da einfach die Sehnsucht danach, die mich immer und immer wieder packt. Es ist leichter damit umzugehen mittlerweile. Ich kenne Skills, ich habe genug Wege um damit umzugehen. Meistens zumindest. Die Momente der extremen Anspannung, die Momente, in denen ich mir nicht vorstellen konnte noch eine einzige Minute ohne Selbstverletzung zu überleben, sind seltener geworden. Ich schaffe es diese Gedanken, wenn das Drumrum relativ stabil ist, zu bemerken und einfach da sein zu lassen, aber es treibt mich nicht enorm um. Aber trotzdem kommt die Sehnsucht danach hoch. So ein Mal, das wäre doch okay. Einfach nur, um es wieder mal zu spüren. Doch mein Verstand weiß, dass das nicht klappt. Ein Mal…. Dabei wird es nicht bleiben. Und der Verstand hat aktuell noch mehr Macht als der dysfunktionale Teil. 

Während diesen Gedanken spüre ich die Hitze der Sonne auf meiner Haut und denke daran, dass bald Juni ist. Es wird Sommer. Dann sind es nur noch zwei Monate bis der Tag kommt, an dem ich im letzten Jahr zum letzten Mal „meine“ Station verließ als Patientin. Voller Angst vor der vor mir liegenden dbt und erleichtern, dass ich danach weiterhin in Intervallen auf „meine“ Station kommen kann. Das es ganz anders kommen wird als geplant, daran habe ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet, denn es war für mich absolut unvorstellbar. In den Tagen zuvor trieb mich die Angst um, dass der Chefarzt mir die „Erlaubnis“ nicht geben wird weiterhin zu kommen. Die Angst, dass ich ohne diese Sicherheit auskommen muss, die Panik vor einem Leben ohne diesen Rückhalt… Ich war ein Haufen gespannter Nerven und Panik. 

Nun sind es fast 10 Monate ohne einen Aufenthalt dort… Und immer noch ein solches kleines Wunder, dass ich es immer noch kaum fassen kann. Ich habe so viel erreicht in der dbt, so vieles gelernt, dann so vieles erreicht in der Traumatherapie… 

Wenn es August wird und der Tag kommt, dann werde ich einen Brief an die Hexe mit zwei Besen schreiben, an sie und das Team der Station. Und ich werde stolz auf mich sein, weil das so unvorstellbare eingetreten ist. 
Meinen Therapietermin heute habe ich verschlafen. Als ich die Augen öffne ist es 3 Minuten vor 11. Um 11 wäre der Termin gewesen. Zumindest bin ich dann innerhalb von Sekunden hellwach. Meinen Wecker habe ich einfach ausgeschaltet im Halbschlaf. Yeah. Ich fange an mich zu ärgern über mich selbst, doch lasse es dann schnell wieder. Radikale Akzeptanz. Verschlafen ist verschlafen, egal wie sehr ich mich ärgere. 

Für morgen habe ich einen Ersatztermin bekommen. Ich stelle mir definitiv noch 3 Wecker mehr. Aber es trifft sich ganz gut, denn als ich heute in der Apotheke Medis abholen war, hatte ich plötzlich eine 100er Packung unretardiertes MPH in der Hand, statt die 30er Packung mit retardiertem. Damit hätte ich entweder ’ne Menge Geld oder schön eine Runde btm-Missbrauch veranstalten können, aber nein, ich bin ja vernünftig. So ’ne Scheiße. Also trage ich das falsche Rezept morgen zurück zum Psychiater und lasse mir ein neues (und diesmal richtiges) ausstellen. 

Irgendwann schließt sich der Kreis. 

Die letzten 3 Nächte habe ich wieder normal geschlafen. Einigermaßen. Zwar nicht so erholsam wie früher, aber immerhin Schlaf.  Bis dahin war es furchtbar. Mal okay, dann klappte es wieder fast gar nicht und ich schlafe dann irgendwann auch nur, weil ich so erschöpft bin. Meine diary card besteht in der letzten Woche fast nur noch aus den Zahlen 0-3 im Feld Schlaf. Wirklich gut habe ich seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen. Eine Nacht, nach der man einfach erholt aufwacht. Ich vermisse es unglaublich und ich frage mich, wie lange mein Körper eigentlich noch mitmacht. 

Letzte Woche kam ich zumindest mit meinem Zeugnis endlich mal weiter. Ich hab es der Abteilungsleiterin für meine Ausbildung in der Schule gebracht und ihr die Situation erklärt. Sie will sich darum kümmern, dass ich endlich die Fachhochschulreife anerkannt bekomme. Man könnte nicht meinen, dass ich in einem anderen Bundesland die Schule besucht habe, es nimmt Ausmaße wie die Schulbildung eines komplett anderen Kontinents an. Mit zwei Bildungsministerien kommunizieren, bei dem das eine mir erklärt, dass die Mitarbeiter des anderen doch unfähig sind, darüber diskutieren, dass die Zeugnisse im anderen Bundesland nun mal nur eine Seite haben und keine vier wie hier, dass ich auch ohne schriftliche Prüfung einen mittleren Bildungsabschluss habe (Himmel, hätte ich mich sonst überhaupt an der Schule anmelden können?!), es ist mir wirklich auf den Keks gegangen. Nun hoffe ich einfach, dass die Abteilungsleiterin das ganze geklärt bekommt ohne weitere Dramen, denn ich mag einfach nicht mehr. 

Am Freitag war dann der Termin bei der Rentenversicherung. Tja. Ich habe noch nicht genug Zeit für die Erwerbsminderungsrente. Aber eine volle Rente ginge. Die sind doch auch bluna, wenn ich noch arbeiten/studieren/was auch immer will und sie weniger koste, dann klappt es nicht, wenn ich aber nix mehr mache, dann klappt es. Allerdings hätte ich theoretisch genug Jahre, denn da ist noch das Praktikum, dass ich für die Ausbildung gebraucht habe. Allerdings haben die (warum auch immer) keine Beiträge in die Rentenversicherung gezahlt. Obwohl sie müssten, trotz unentgeltlichem Praktikum. Sagt das SGB. Also werde ich da nun nachfragen müssen, was da schief lief. Denn mit dem Jahr könnte ich den Antrag stellen… Chaos. Da schreibt einem die Rentenversicherung, dass man einen Antrag stellen soll, man hat aber noch gar kein Recht drauf. Was ein Käse. 

Danach musste ich mich betrinken. Ich habe einen Ehemann Klassenkameraden getroffen und mir eine Ladung Cola-Weizen gegönnt, was mit Medis und in der prallen Sonne ziemlich viele Umdrehungen verursacht hat. Aber es tat auch gut einfach mal ein wenig dysfunktional zu sein ohne dabei wirklich ‚Problemverhalten‘ an den Tag zu legen. 

Gestern habe ich mich dann auf den Weg in die Hauptstadt gemacht und von dort aus noch 3 Bahnhöfe weiter zu Mama. Wobei dort nun kein Bahnhof mehr ist. Man muss über die Gleise und zwei Menschen lassen bei jedem Zug die Schranken runter und ziehen sie danach wieder hoch. Auch ein sehr undankbarer Job… 

Bei Mama traf ich dann auf ihre aktuelle/ehemalige/wieder beste Freundin. Was die zwei eigentlich miteinander für ein Problem hatten wissen sie wohl beide nicht mehr, jedenfalls haben sie nun wieder Kontakt. Sie kennt meine Mutter über ihren Ehemann, der ein guter Freund ihres damaligen Ehemannes war – meines Vaters. Schon an dem war zeigt sich, dass auch diese Freundschaft in die Brüche ging, wie fast alle, die mein Vater jemals hatte. Sie bietet mir an mich zum Bahnhof in die Hauptstadt mitzunehmen, doch da wir zu spät sind und ich eine Stunde auf die nächste Bahn warten müsste, fährt sie mich dann doch bis nach Hause. Auf dem Weg reden wir fiel. Sie war damals einer der ersten Menschen nach meinen Eltern, der mich nach der Geburt auf dem Arm hielt. Sie kennt mich also, seit ich ein winziges schreiendes Wesen war. Sie fragt nach, warum ich keinerlei Kontakt mehr zu meinem Vater habe und ich erzähle ihr die Wahrheit, nicht die halbe Geschichte, wie ich es sonst immer tue. Es fühlt sich merkwürdig an, denn es ist immer noch so neu, dass ich diese Worte ausspreche, dass ich sage, dass da mehr war als nur die Gewalt und die gefühlsmäßige Scheiße. Ihre Antwort darauf ist „Also war es doch so.“ und ich bin überrumpelt. 

Sie erzählt mir, dass es Situationen gab, die sie sowas vermuten ließen. Damals, als meine Eltern grade ihre Trennung durch hatten und ich bei ihr schlief. Und sie erzählt, dass mein Vater meine Mutter damals überredete in die Klinik zu gehen. Sie bräuchte das nun, nach dem Stress, der Trennung, der bevorstehenden Scheidung. Ob er damals schon plante sie später als verrückt darzustellen, weil sie ja in der Psychiatrie war? Ob er damals schon im Hinterkopf die Pläne hatte, mich einfach mitzunehmen und das alleinige Sorgerecht zu beantragen? Ich würde es ihm zutrauen, dass das alles eine durchdachte Sache war. Nicht aus Liebe zu mir (haha.), sondern einfach nur um sie zu treffen, zu verletzen. 

Die Erzählungen machen mich einerseits wütend und hilflos, andererseits helfen sie mir. Das Gefühl und die Gedanken, dass ich vielleicht das ganze nicht erlebt habe, sondern es ein verrücktes Hirngespinst meiner kaputten Psyche ist, sind zwar weniger als früher, dennoch habe ich sie eben. Aber solche Dinge bestätigen mir, dass meine Erinnerungen echt sind. Dass die Flashbacks wirkliche Erfahrungen waren, dass die Schmerzen, die ich so oft spüre, tatsächliche Körpererinnerungen sind, dass dieses unbeschreibliche und furchtbare Trauma Wirklichkeit ist. So sehr es schmerzte, es ist passiert. 

Die ganzen Puzzleteile, die sich seit der Traumatherapie und seit dem Zeitpunkt, an dem ich anfing darüber zu sprechen, an allen möglichen Orten finden, setzen sich zu einem Ganzen zusammen. Langsam, aber stetig. Gemeinsam mit den Puzzleteilen, die schon mein Leben lang da waren, aber sich nicht zu einem Bild zusammensetzen ließen. Langsam machen all die Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Flashbacks und Schmerzen, mein Verhalten und die Scham einen Sinn. Und es hilft, denn ich kann so viele unsinnige Dinge plötzlich anders sehen. Es macht auf einmal Sinn, wie damals, als die adhs-Diagnose kam. Plötzlich passt es. Und obwohl es schmerzt dieses Puzzle zusammen zu setzen, so ist es doch Teil von mir, auch wenn ich manchmal immer noch versuche es zu verdrängen. 

Und ich bin froh, dass ich ein paar tolle Menschen in meinem Leben habe, die diesen schmerzvollen Weg mit mir gehen. Die an meiner Seite sind und mich stützen und mir Kraft geben. 

Noch bin ich ein wenig neben der Spur aufgrund des neuen Wissens von gestern. Ich brauche Zeit, um es sacken zu lassen, um es zu verarbeiten und einzuordnen. Und ich bin froh, dass diese Woche Therapie ist, denn ich brauche einen Ort, an dem ich das teilen und sortieren kann. Und ich muss bei dem Gedanken schmerzlich lächeln, denn vor ein paar Jahren saß ich der Therapeutin noch gegenüber und bin fast ausgeflippt, als sie fragte, ob da mehr gewesen sein könnte damals. Tja. So ändern sich die Dinge… 

Und nichts hält dich auf
Nichts bringt dich zum stehen,
Denn du bist hier,
um bis ans Ende zu gehen
Kein Weg ist zu lang,
Kein Weg ist zu weit,
Denn du glaubst an jeden Schritt,
weil du weißt
irgendwann schließt sich der Kreis
irgendwann schließt sich der Kreis

Passierschein A38

Schlaf klappt natürlich überhaupt nicht. Ich tigere durch die Wohnung, gehe ins Bett und stehe wieder auf, unzählige Male. Der Zitronenkater hebt nur kurz den Kopf, dreht sich ein wenig und schläft weiter. Selbst die Möhrchen bewegen sich keinen Zentimeter. Irgendwann bin ich mit der letzten Folge meiner Serie fertig und weiß nicht, was ich nun kucken soll. Und ich bin verzweifelt. Die Antriebslosigkeit kombiniert mit Schlaflosigkeit, die natürlich noch weniger Antrieb und noch mehr Matsch als eh schon bringt, treiben mich in den Wahnsinn. Ich rufe in der Klinik an und quatsche Pfleger Andreas voll mit all dem Chaos derzeit. Es tut gut das ganze ein wenig loszuwerden. Und zu wissen, dass die Menschen dort einfach da sind. 

Draußen wird es hell, die Vögel fangen an zu brüllen. Der Herr Kater wird wach und beschließt, dass 5 Uhr die perfekte Uhrzeit ist um durch die Bude zu rennen bis sämtliche andere Mitbewohner hellwach und aus den Federn sind. Als ich mich dann mit den Augen auf Halbmast an einer Tasse Tee festhalte und die Möhris quietschen durch ihr Zuhause flitzen, rollt sich der Herr auf meinem Schoß zusammen und schläft wieder ein. Super. 

Doch ich schaffe es endlich jemanden im Ministerium zu erwischen, der auch tatsächlich zuständig ist und erfahre, dass die Schule mir ein Zeugnis ausstellen muss. Also packe ich kurzerhand meine Sachen, schnappe die Zeugnismappe und fahre hin. Dort muss ich der Dame im Sekretariat erst drei Mal erklären, dass ich an DIESER Schule den Abschluss gemacht habe (klar, wer kennt das nicht: für ein Zeugnis fährt man einfach mal zu irgend einer Schule in der Umgebung…), dann noch drei Mal, dass ich kein Duplikate meines Abschlusszeugnisses will sondern ein Zeugnis über die Fachhochschulreife, dann wieder, dass ich an DIESER FUCKING SCHULE den Abschluss gemacht habe, um dann zu erfahren, dass ich zur Abteilungsleiterin soll, die aber erst am Donnerstag wieder Sprechstunde hat. Asterix und der Passierschein A38… 

Da ich aber eh schon an der Schule bin besuche ich noch den Koffeindealer schräg gegenüber, der mir während der Schulzeit regelmäßig das Leben mit Koffein, Futter, Süßigkeiten und lieben Worten gerettet hat. 

Die liebe fylgja ruft zufällig gerade an, als ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof mache und versüßt mir ein wenig die Wartezeit mit quatschen und gemeinsamem Rauchen. 

Auf dem Weg zurück nach Hause, mit völlig fertigem Kreislauf und zitternd und hundemüde, bin ich dann so vertieft darin zu lesen, dass ich völlig an meiner Haltestelle vorbei fahre und fast im Nachbarbundesland lande. Also aussteigen und auf den Zug zurück warten. Dabei will ich einfach nur noch ins Bett, mir ist unglaublich kalt und ich bin unglaublich fertig. Eigentlich sollte ich versuchen wach zu bleiben, aber das schaffe ich beim besten Willen nicht. Also müssen wenigstens ein paar Stunden Schlaf sein, dann stehe ich auf und koche mir was zu mampfen, suche noch die Unterlagen, die ich für den Termin beim Psychiater morgen brauche, versorge die Tierchen und bespaße den Kater und kippe wieder ins Bett und kann hoffentlich dann die Nacht durchschlafen. Langsam aber sicher hab ich völlig die Nase voll. 

Zu viel

Seit der verwirrenden Nacht auf Montag bin ich ziemlich neben der Spur. Ich schlafe eine Nacht halbwegs gut, dann eine Nacht gar nicht, eine Nacht halbwegs gut, dann nur wenige Stunden… So zieht es sich seitdem und langsam ziehen mir diese seltsamen Nächte den Boden unter den Füßen weg. Ich bin müde und in einem seltsamen Zustand von Dauerdissoziation in den meisten Stunden des Tages. 

Bei meiner Therapeutin erzähle ich von der Nacht. Erzähle von Erinnerungen, die nicht mit Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Verhalten meines Vaters, mit Invalidierung und so wenig Verständnis für ein kleines Mädchen, eine beginnende Jugendlichen, für eine Tochter, die einfach Anerkennung und Zuneigung sucht. Diese Momente schmerzen mich immer noch mehr als alles andere. All diese Momente, in denen ich nicht ich sein durfte, in denen ich nicht zählte, in denen ich kein eigenes atmendes Wesen sein durfte. 

Morgen, eigentlich heute, will ich zur Schule. Denn nach vielem hin und her und Chaos weiß ich nun, dass die Auskunft, die ich immer bekommen habe, völliger Käse ist. Für den Abschluss der Ausbildung steht mir ein Zeugnis über die Fachhochschulreife zu, in BaWü habe ich nie etwas anerkennen lassen, die Auskunft der Schule damals war totaler Käse. Dafür haben sie mich dann morgen an der Backe. Und hoffentlich bin ich danach dann schlauer, habe bestenfalls ein Zeugnis bzw. ein Zeugnis in Arbeit. Das ganze geht mir nämlich auch gewaltig an die Substanz. 

Am Freitag steht dann der Rentenversicherungstermin auf dem Plan. Ich bin unglaublich nervös deswegen, unsicher, ängstlich. Ich weiß nicht, ob dort ein netter Mensch sein wird oder ein Bürokratenidiot, der keinerlei Verständnis für mich hat. 

So viel Chaos derzeit und so wenig Kraft aktuell. Und es ist schon wieder mitten in der Nacht und ich mag einfach nur schlafen. Es ist mir einfach zuviel. Leben, atmen, Behördenkram, Haushalt, soziale Kontakte… Zu wenig Löffel für zu viel Kram. 

Bedarf und Schlaflosigkeit 

Am Montag war ich einfach nur kaputt. Müde, erledigt, kurz vor der Selbstverletzung. Mein Körper wollte mir keinen Schlaf gönnen. So sehr ich es versucht habe. Also habe ich mich in die Küche gestellt. Spargel und Kartoffeln und Soße gemacht und gegessen. Und danach habe ich mir zum ersten Mal seit langem Bedarf eingeworfen und bin einfach wieder unter meinen Decken verschwunden. 

18 Stunden habe ich geschlafen. Ich habe ein wenig Ordnung gemacht, habe gegessen und war mit N. kurz einkaufen und bin dann abends wieder ins Bett gekippt.

Heute fühle ich mich immer noch ein klein wenig matschig, aber die Wirkung vom Bedarf ist nun weg und ich kann wieder geradeaus laufen ohne meine Türrahmen mitzunehmen oder über meine eigenen Füße zu fallen. 

Der kleine Zitronenkater ist nun übrigens 2 Jahre alt. Ich kann es kaum glauben, noch vor kurzem war er so ein kleines Häufchen, jetzt ist er ein großer Tiger mit Muskeln und Kraft. Ich bin so froh, dass er in meinem Leben ist. 

Morgen (bzw. heute) muss ich zur Therapie. Vielleicht spreche ich das mit dem Traum an, den Horror danach, das ganze Chaos in mir. 

Und eigentlich will ich nur schlafen, mein Körper ist unglaublich müde, doch mein Kopf ist hellwach und topfit. In nicht mal 4 Stunden klingelt mein Wecker, ich muss beim Ministerium anrufen, denn mein Fachabi muss anerkannt werden, ich muss dann los zur Therapie und ich bräuchte so dringend einfach Schlaf für den kommenden Tag. Ist natürlich klar, dass ich immer dann nicht schlafen kann, wenn ich früh raus muss. Hmpf. 

depressiv 1.2

Gerade merke ich mal wieder, wie labil dieses Konstrukt ‚Stabilität‘ eigentlich ist. In der Nacht auf Donnerstag fand ich keinen Schlaf. Erst am Mittag konnte ich für ein paar Stunden die Augen schließen und in Träume versinken. Und dementsprechend fertig war ich dann auch. Tag-Nacht-Rhythmus völlig im Eimer, Anspannung, Druck, Suizidgedanken, das volle Programm. Und obwohl ich dank Medis mittlerweile wieder einigermaßen ’normal‘ ins Bett gehe und aufstehe, so bin ich seitdem einfach noch kaputter als zuvor. 

In der letzten Nächten kämpfe ich mit mir, ob ich zum Telefon greifen soll, ob ich in der Klinik anrufe, ob ich ein wenig Erleichterung suchen soll von dem Chaos in mir. Doch ich tue es nicht. Zu sehr fühlt es sich nach Rückschritt an, zu sehr schmerzt der Gedanke Worte zu sprechen, die ich vor so langer Zeit so oft gesprochen habe. Ich weiß, rational, dass es Unsinn ist. Dass ‚gesund werden‘ keine gradlinige Sache ist. Dass es im Moment so ganz anders ist als früher, denn ich habe mich nicht verletzt und der Gedanke ans Aufgeben ist zwar im Kopf, aber ist absolut keine Option. Und dennoch… Es fühlt sich so sehr nach Rückschritt an. Doch zu sehr sind diese Gedanken und Gefühle in mir verwurzelt. Und für einen kleinen Moment blicke ich die Kiste mit den Tabletten an und denke mir, dass es doch vielleicht besser wäre still und leise aufzugeben, als diesen Rückschritt einzugestehen. In meinem Kopf ist so viel Grütze in diesen dunklen Momenten. 

Es sind nur noch ein paar Tage, bis ich meine Sachen erneut packe und in die dbt-Stadt fahre. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass wir wirklich unsre ‚Gang‘ zusammen gekriegt haben und wir aus allen möglichen Ecken dort hin fahren und uns sehen. Ich freue mich unheimlich auf meine Mädels, freue mich darauf F., meine Nachbarin aus der Klinik, wirklich wieder drücken zu können, denn ich hab sie seit der Entlassung nicht mehr gesehen, genauso wie M., und natürlich die anderen, die ich zwar zwischendurch gesehen habe, aber genauso schmerzlich vermisse. Ich höre jetzt schon das Quietschen, wenn wir uns sehen und freuen und in die Arme fallen. 

Der Gedanke ans Wochenende lässt mich momentan durchhalten. Die Feiertage haben mich viel Kraft gekostet, außerdem habe ich seit Sonntag mörderische Kopfschmerzen und beginnende Anzeichen einer Erkältung. Ich hoffe, dass sie sich im Beginn wieder verflüchtigt. Denn zusätzlich zur kaputten Psyche kann ich einen völlig streikenden Körper gerade wirklich nicht brauchen, es reicht schon, dass er sowieso ziemlich im Eimer ist gerade. 

Es ist so anstrengend jeden einzelnen Tag zu kämpfen. Ich hoffe Tag für Tag, dass es besser wird, einfacher, heller. Vielleicht hilft das Wochenende, ein wenig woanders sein, wunderbare Menschen um mich rum haben, raus aus dem Alltag. Und bis dahin gibt es eben soviel Selbstfürsorge wie ich gerade hinkriege, ohne in Selbsthass zu versinken. 

And she’ll fly, fly, fly

Mein gestriges Date mit dem Psychiater war gut. So wie eigentlich jeder Termin bei ihm gut ist und vor allem auch gut tut. Ich erzähle ihm, dass es gerade eher mittelprächtig ist, erzähle von der Antriebslosigkeit, der Müdigkeit, der Dunkelheit. Er schaut mich kritisch an und ich sehe dieses „und was gut läuft ignorieren Sie einfach“ in seinem Blick, denn er kennt mich einfach zu gut. 

„Auf einer Skala von 10 – supergut – bis 0 – richtig mies -, wo sind Sie da derzeit?“ – Hm. Bei einer 2? – „Und warum tun Sie dann Sachen, die eigentlich bei einer 6 oder 8 liegen oder wollen diese Sachen erreichen? Ist doch klar, dass das nicht funktioniert!“ 

Und er hat damit so verdammt recht. Ich will immer alles, am besten sofort und perfekt. Dass das nicht funktioniert weiß ich zwar, es ändert aber nichts daran, dass ich es will. 

„Was spricht denn gegen einen Tag im Bett?“ fragt er mich und eigentlich fällt mir da nicht viel ein, außer den Dingen, die mein Kopf dann brüllt. 

Er rät mir einfach ganz viele Dinge im Bereich von 0-1 zu tun, die mir gut tun und Kraft geben. Vielleicht auch maximal 2. Aber wenn es gerade eben so ist, dann ist es so und ich soll nicht Unmögliches von mir verlangen. (haha.) 

Zum Schluss kommt er mit einer seiner Geschichten um die Ecke. Er war mit einem Freund unterwegs im Bereich der Zugspitze. Schwere Rucksäcke hinten drauf und zügigen Schrittes den Berg hoch. Dabei überholten sie einen älteren Herren, der langsam vor sich hin lief. Und nach einer Weile waren beide so fertig, dass sie anhalten mussten und eine Pause einlegten. Nach einiger Zeit kam der ältere Herr in Sicht. Er ging in aller Ruhe zielstrebig seinen Weg weiter, hielt bei ihnen kurz an,  meinte in breitem Dialekt „Der Berg will ergangen werden.“ und setze seinen Weg fort. 

Und ich weiß, was er mir damit sagen will.

Und so genieße ich nach dem Termin die Sonne am Markt der Hauptstadt mit einem leckeren Kirschbier und einem Freund, ziehe nach Hause und telefoniere ein wenig mit einer Freundin und mache ein paar Dinge in der Wohnung. Und auch heute bin ich sparsam mit meiner Energie und versuche nicht zu hart mit mir ins Gericht zu gehen. So habe ich heute dann schon eingekauft, Wäsche gewaschen und aufgehängt, den Kater bespaßt und auf dem Bett in der Sonne gelegen und gelesen. Und sogar anständig gegessen. 

Anstatt von mir Dinge zu verlangen, die ich vermutlich nicht schaffen würde, habe ich die Dinge getan, die ich hinkriege und so nicht Stunden damit verbracht gegen mich selbst zu kämpfen. Es fällt mir zwar enorm schwer mich nicht zu verurteilen, weil zu wenig, zu unperfekt, zu faul, zu unfähig, du doof aber es klappt dann doch irgendwie. Vielleicht schaffe ich es sogar noch ein wenig weiter in der Wohnung zu wuseln. Mit Maß und Ziel. Und vielleicht kriege ich es so hin in den nächsten Tagen etwas zu tun, nicht gänzlich unzufrieden mit mir zu sein und Stück für Stück wieder aus dem Loch zu krabbeln. Und vielleicht habe ich dann auch genug Kraft die beiden Ostertage zu überstehen, die ich bei meiner Familie verbringen will. Vermutlich leider mit Besuch des Großonkels, aber das lässt sich leider nicht vermeiden. Mal sehen, ob ich mich nicht mit ein paar Dingen eindecke, die mich von ihm ablenken und mich damit einfach im Zimmer meiner Schwester zurückziehe. Ich habe immerhin schon meine Grenzen gezogen, indem ich ’nur‘ Sonn- und Montag auftauche und nicht schon freitags. Denn vier Tage Familie, bei aller Liebe, halte ich wirklich nicht durch. 

She’s got her ticket

I think she gonna use it

I think she going to fly away

No one should try and stop her

Persuade her with their power

She says that her mind

is made up 

depressiv 1.1

Vor der Türe noch lächelnd die Nachbarin grüßen und ein paar Worte wechseln. Hinter der Haustüre dann heulend auf den Boden sinken. Nach außen versuche ich den Schein zu wahren. Versuche so gut es geht das Bild aufrecht zu erhalten, dass die meisten Menschen von mir haben. Versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie es gerade eigentlich in mir aussieht. Nur wenigen Menschen gegenüber bin ich ehrlich. Ein paar Freunde wissen es, die Pflegemenschen auf „meiner“ Station kriegen eine ehrliche Antwort, wenn sie fragen. Und die Anonymität des Internets lässt mich die Maske absetzen. Doch sonst versuche ich ein anderer Mensch zu sein als ich gerade eigentlich bin. 

Nur wenige kennen diese Dunkelheit momentan. Die Heftigkeit, mit der es mich gerade mal wieder umhaut und mir den Boden unter den Füßen wegzieht. 

Alles ist so ein Kampf derzeit, ein solcher Kraftakt. Selbst einfach nur zu atmen fällt so unglaublich schwer und ich sehne mich nach einer Klinge, die meine Haut zerteilt, die diese Leere füllt, die mich lebendig werden lässt. In meinem Kopf spielen die Gedanken verrückt, es geht um endgültige Auswege und Schlussstriche, die ich nicht nur auf meinen Armen ziehe. 

Es ist so schwer derzeit und ich weiß eigentlich nicht, wie ich das schaffen soll. Wie ich durchhalten soll, bis es endlich wieder besser wird. Und mit jedem Tag stapeln sich mehr und mehr Dinge, die ich erledigen sollte, die ich tun muss, die ich immer mehr vor mir her schiebe. 

Seit heute merke ich auch die körperlichen Folgen, die diese ganzen Tage haben. Ich merke, dass mein Körper dringend anständige und regelmäßige Nahrungszufuhr braucht. Doch ich schaffe es nicht, ich kriege es nicht hin. Wie gerne würde ich gerade flüchten, irgendwo hin in Sicherheit, und wenn diese Sicherheit die Klinik bedeutet. Aber es wäre ein Rückschritt, ein Versagen, ein weiteres Zeichen, dass ich es nicht schaffe. 

Noch einen Tag. Und noch einen. Und noch einen. Bis es wieder heller wird, bis ich nicht mehr nur noch überleben muss. Weiter, einfach weiter. 

depressiv 

Am Montag war ich zum ersten Mal bei der Nachsorge in der Reha-Klinik. Es ist eine Gruppe mit allen möglichen Menschen, ich bin mal gespannt was noch so auf mich zukommt dort. Die Therapeutin mag ich auf jeden Fall. 

Heute stand um halb 8 ein Arzttermin auf dem Plan. Vermutlich wird meine Hausärztin ’nen Koller kriegen, wenn sie meine Blutwerte sieht. Essen klappt derzeit nämlich quasi gar nicht. 

Vor 3 Tagen fiel mir dann auf, dass ich die letzte Zeit versehentlich nur die Hälfte meiner Abendmedis genommen habe. Es wäre eine mögliche Erklärung für das aktuelle Loch. Und auch für mich die ‚einfachste‘, denn daran kann ich ja relativ schnell etwas ändern. Beziehungsweise habe ich schon, denn direkt abends habe ich dann wieder die richtige Dosis genommen. 

Neben der Erleichterung, dass es einen so logischen Grund für das Loch geben könnte, sind da auch Selbstvorwürfe. Wie dämlich konnte ich denn sein? Ich weiß, welche Konsequenzen es hat Medis zu vergessen oder falsch zu nehmen und ich bin so froh, dass es mit der aktuellen Medikation so gut funktioniert. Und dann nehm ich die falsche Dosis, Glückwunsch. Ich könnte mir echt selber in den Hintern beißen. 

Und da wären wir dann mal wieder beim leidigen Thema Selbsthass. Momentan könnte ich unendlich viele Dinge aufzählen, die nicht funktionieren. Die ich nicht schaffe, die mich überfordern, die mich an meine Grenzen bringen. Ich kann dies nicht und das nicht, müsste hier und dort, sollte man dieses und jenes. 

Doch ich versuche es nicht zuzulassen. Ich versuche die Dinge zu sehen, die gut funktionieren. Ich bin immer noch selbstverletzungsfrei. Die Suizidgedanken sind relativ leise und gut auszuhalten. Und obwohl es so schwer ist war ich bisher doch irgendwie jeden Tag vor der Türe, ob nun ’nur‘ zum Einkaufen oder um einen Freund in der Klinik zu besuchen. Und ich habe es auch geschafft jeden Tag mindestens ein wenig im Haushalt zu tun. Ich bin also eigentlich nicht völlig unfähig derzeit, auch wenn es sich so anfühlt. 

Morgen bin ich mit Mama verabredet und am Sonntag kriege ich mein Tattoo. Ich freue mich schon total. 

Ich versuche einfach weiter zu machen und zu hoffen, dass es schnell wieder vorbei geht. Auch wenn es sich gerade so endlos anfühlt, ich weiß, dass es wieder vorbei gehen wird. Ich muss nur da durch. Ich muss ’nur‘ den Druck aushalten und die Grütze in meinem Kopf. Es wird besser. Es wird besser. Es wird besser. Nur nicht aufgeben.