Zu viel

Seit der verwirrenden Nacht auf Montag bin ich ziemlich neben der Spur. Ich schlafe eine Nacht halbwegs gut, dann eine Nacht gar nicht, eine Nacht halbwegs gut, dann nur wenige Stunden… So zieht es sich seitdem und langsam ziehen mir diese seltsamen Nächte den Boden unter den Füßen weg. Ich bin müde und in einem seltsamen Zustand von Dauerdissoziation in den meisten Stunden des Tages. 

Bei meiner Therapeutin erzähle ich von der Nacht. Erzähle von Erinnerungen, die nicht mit Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Verhalten meines Vaters, mit Invalidierung und so wenig Verständnis für ein kleines Mädchen, eine beginnende Jugendlichen, für eine Tochter, die einfach Anerkennung und Zuneigung sucht. Diese Momente schmerzen mich immer noch mehr als alles andere. All diese Momente, in denen ich nicht ich sein durfte, in denen ich nicht zählte, in denen ich kein eigenes atmendes Wesen sein durfte. 

Morgen, eigentlich heute, will ich zur Schule. Denn nach vielem hin und her und Chaos weiß ich nun, dass die Auskunft, die ich immer bekommen habe, völliger Käse ist. Für den Abschluss der Ausbildung steht mir ein Zeugnis über die Fachhochschulreife zu, in BaWü habe ich nie etwas anerkennen lassen, die Auskunft der Schule damals war totaler Käse. Dafür haben sie mich dann morgen an der Backe. Und hoffentlich bin ich danach dann schlauer, habe bestenfalls ein Zeugnis bzw. ein Zeugnis in Arbeit. Das ganze geht mir nämlich auch gewaltig an die Substanz. 

Am Freitag steht dann der Rentenversicherungstermin auf dem Plan. Ich bin unglaublich nervös deswegen, unsicher, ängstlich. Ich weiß nicht, ob dort ein netter Mensch sein wird oder ein Bürokratenidiot, der keinerlei Verständnis für mich hat. 

So viel Chaos derzeit und so wenig Kraft aktuell. Und es ist schon wieder mitten in der Nacht und ich mag einfach nur schlafen. Es ist mir einfach zuviel. Leben, atmen, Behördenkram, Haushalt, soziale Kontakte… Zu wenig Löffel für zu viel Kram. 

Bedarf und Schlaflosigkeit 

Am Montag war ich einfach nur kaputt. Müde, erledigt, kurz vor der Selbstverletzung. Mein Körper wollte mir keinen Schlaf gönnen. So sehr ich es versucht habe. Also habe ich mich in die Küche gestellt. Spargel und Kartoffeln und Soße gemacht und gegessen. Und danach habe ich mir zum ersten Mal seit langem Bedarf eingeworfen und bin einfach wieder unter meinen Decken verschwunden. 

18 Stunden habe ich geschlafen. Ich habe ein wenig Ordnung gemacht, habe gegessen und war mit N. kurz einkaufen und bin dann abends wieder ins Bett gekippt.

Heute fühle ich mich immer noch ein klein wenig matschig, aber die Wirkung vom Bedarf ist nun weg und ich kann wieder geradeaus laufen ohne meine Türrahmen mitzunehmen oder über meine eigenen Füße zu fallen. 

Der kleine Zitronenkater ist nun übrigens 2 Jahre alt. Ich kann es kaum glauben, noch vor kurzem war er so ein kleines Häufchen, jetzt ist er ein großer Tiger mit Muskeln und Kraft. Ich bin so froh, dass er in meinem Leben ist. 

Morgen (bzw. heute) muss ich zur Therapie. Vielleicht spreche ich das mit dem Traum an, den Horror danach, das ganze Chaos in mir. 

Und eigentlich will ich nur schlafen, mein Körper ist unglaublich müde, doch mein Kopf ist hellwach und topfit. In nicht mal 4 Stunden klingelt mein Wecker, ich muss beim Ministerium anrufen, denn mein Fachabi muss anerkannt werden, ich muss dann los zur Therapie und ich bräuchte so dringend einfach Schlaf für den kommenden Tag. Ist natürlich klar, dass ich immer dann nicht schlafen kann, wenn ich früh raus muss. Hmpf. 

depressiv 1.2

Gerade merke ich mal wieder, wie labil dieses Konstrukt ‚Stabilität‘ eigentlich ist. In der Nacht auf Donnerstag fand ich keinen Schlaf. Erst am Mittag konnte ich für ein paar Stunden die Augen schließen und in Träume versinken. Und dementsprechend fertig war ich dann auch. Tag-Nacht-Rhythmus völlig im Eimer, Anspannung, Druck, Suizidgedanken, das volle Programm. Und obwohl ich dank Medis mittlerweile wieder einigermaßen ’normal‘ ins Bett gehe und aufstehe, so bin ich seitdem einfach noch kaputter als zuvor. 

In der letzten Nächten kämpfe ich mit mir, ob ich zum Telefon greifen soll, ob ich in der Klinik anrufe, ob ich ein wenig Erleichterung suchen soll von dem Chaos in mir. Doch ich tue es nicht. Zu sehr fühlt es sich nach Rückschritt an, zu sehr schmerzt der Gedanke Worte zu sprechen, die ich vor so langer Zeit so oft gesprochen habe. Ich weiß, rational, dass es Unsinn ist. Dass ‚gesund werden‘ keine gradlinige Sache ist. Dass es im Moment so ganz anders ist als früher, denn ich habe mich nicht verletzt und der Gedanke ans Aufgeben ist zwar im Kopf, aber ist absolut keine Option. Und dennoch… Es fühlt sich so sehr nach Rückschritt an. Doch zu sehr sind diese Gedanken und Gefühle in mir verwurzelt. Und für einen kleinen Moment blicke ich die Kiste mit den Tabletten an und denke mir, dass es doch vielleicht besser wäre still und leise aufzugeben, als diesen Rückschritt einzugestehen. In meinem Kopf ist so viel Grütze in diesen dunklen Momenten. 

Es sind nur noch ein paar Tage, bis ich meine Sachen erneut packe und in die dbt-Stadt fahre. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass wir wirklich unsre ‚Gang‘ zusammen gekriegt haben und wir aus allen möglichen Ecken dort hin fahren und uns sehen. Ich freue mich unheimlich auf meine Mädels, freue mich darauf F., meine Nachbarin aus der Klinik, wirklich wieder drücken zu können, denn ich hab sie seit der Entlassung nicht mehr gesehen, genauso wie M., und natürlich die anderen, die ich zwar zwischendurch gesehen habe, aber genauso schmerzlich vermisse. Ich höre jetzt schon das Quietschen, wenn wir uns sehen und freuen und in die Arme fallen. 

Der Gedanke ans Wochenende lässt mich momentan durchhalten. Die Feiertage haben mich viel Kraft gekostet, außerdem habe ich seit Sonntag mörderische Kopfschmerzen und beginnende Anzeichen einer Erkältung. Ich hoffe, dass sie sich im Beginn wieder verflüchtigt. Denn zusätzlich zur kaputten Psyche kann ich einen völlig streikenden Körper gerade wirklich nicht brauchen, es reicht schon, dass er sowieso ziemlich im Eimer ist gerade. 

Es ist so anstrengend jeden einzelnen Tag zu kämpfen. Ich hoffe Tag für Tag, dass es besser wird, einfacher, heller. Vielleicht hilft das Wochenende, ein wenig woanders sein, wunderbare Menschen um mich rum haben, raus aus dem Alltag. Und bis dahin gibt es eben soviel Selbstfürsorge wie ich gerade hinkriege, ohne in Selbsthass zu versinken. 

And she’ll fly, fly, fly

Mein gestriges Date mit dem Psychiater war gut. So wie eigentlich jeder Termin bei ihm gut ist und vor allem auch gut tut. Ich erzähle ihm, dass es gerade eher mittelprächtig ist, erzähle von der Antriebslosigkeit, der Müdigkeit, der Dunkelheit. Er schaut mich kritisch an und ich sehe dieses „und was gut läuft ignorieren Sie einfach“ in seinem Blick, denn er kennt mich einfach zu gut. 

„Auf einer Skala von 10 – supergut – bis 0 – richtig mies -, wo sind Sie da derzeit?“ – Hm. Bei einer 2? – „Und warum tun Sie dann Sachen, die eigentlich bei einer 6 oder 8 liegen oder wollen diese Sachen erreichen? Ist doch klar, dass das nicht funktioniert!“ 

Und er hat damit so verdammt recht. Ich will immer alles, am besten sofort und perfekt. Dass das nicht funktioniert weiß ich zwar, es ändert aber nichts daran, dass ich es will. 

„Was spricht denn gegen einen Tag im Bett?“ fragt er mich und eigentlich fällt mir da nicht viel ein, außer den Dingen, die mein Kopf dann brüllt. 

Er rät mir einfach ganz viele Dinge im Bereich von 0-1 zu tun, die mir gut tun und Kraft geben. Vielleicht auch maximal 2. Aber wenn es gerade eben so ist, dann ist es so und ich soll nicht Unmögliches von mir verlangen. (haha.) 

Zum Schluss kommt er mit einer seiner Geschichten um die Ecke. Er war mit einem Freund unterwegs im Bereich der Zugspitze. Schwere Rucksäcke hinten drauf und zügigen Schrittes den Berg hoch. Dabei überholten sie einen älteren Herren, der langsam vor sich hin lief. Und nach einer Weile waren beide so fertig, dass sie anhalten mussten und eine Pause einlegten. Nach einiger Zeit kam der ältere Herr in Sicht. Er ging in aller Ruhe zielstrebig seinen Weg weiter, hielt bei ihnen kurz an,  meinte in breitem Dialekt „Der Berg will ergangen werden.“ und setze seinen Weg fort. 

Und ich weiß, was er mir damit sagen will.

Und so genieße ich nach dem Termin die Sonne am Markt der Hauptstadt mit einem leckeren Kirschbier und einem Freund, ziehe nach Hause und telefoniere ein wenig mit einer Freundin und mache ein paar Dinge in der Wohnung. Und auch heute bin ich sparsam mit meiner Energie und versuche nicht zu hart mit mir ins Gericht zu gehen. So habe ich heute dann schon eingekauft, Wäsche gewaschen und aufgehängt, den Kater bespaßt und auf dem Bett in der Sonne gelegen und gelesen. Und sogar anständig gegessen. 

Anstatt von mir Dinge zu verlangen, die ich vermutlich nicht schaffen würde, habe ich die Dinge getan, die ich hinkriege und so nicht Stunden damit verbracht gegen mich selbst zu kämpfen. Es fällt mir zwar enorm schwer mich nicht zu verurteilen, weil zu wenig, zu unperfekt, zu faul, zu unfähig, du doof aber es klappt dann doch irgendwie. Vielleicht schaffe ich es sogar noch ein wenig weiter in der Wohnung zu wuseln. Mit Maß und Ziel. Und vielleicht kriege ich es so hin in den nächsten Tagen etwas zu tun, nicht gänzlich unzufrieden mit mir zu sein und Stück für Stück wieder aus dem Loch zu krabbeln. Und vielleicht habe ich dann auch genug Kraft die beiden Ostertage zu überstehen, die ich bei meiner Familie verbringen will. Vermutlich leider mit Besuch des Großonkels, aber das lässt sich leider nicht vermeiden. Mal sehen, ob ich mich nicht mit ein paar Dingen eindecke, die mich von ihm ablenken und mich damit einfach im Zimmer meiner Schwester zurückziehe. Ich habe immerhin schon meine Grenzen gezogen, indem ich ’nur‘ Sonn- und Montag auftauche und nicht schon freitags. Denn vier Tage Familie, bei aller Liebe, halte ich wirklich nicht durch. 

She’s got her ticket

I think she gonna use it

I think she going to fly away

No one should try and stop her

Persuade her with their power

She says that her mind

is made up 

depressiv 1.1

Vor der Türe noch lächelnd die Nachbarin grüßen und ein paar Worte wechseln. Hinter der Haustüre dann heulend auf den Boden sinken. Nach außen versuche ich den Schein zu wahren. Versuche so gut es geht das Bild aufrecht zu erhalten, dass die meisten Menschen von mir haben. Versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie es gerade eigentlich in mir aussieht. Nur wenigen Menschen gegenüber bin ich ehrlich. Ein paar Freunde wissen es, die Pflegemenschen auf „meiner“ Station kriegen eine ehrliche Antwort, wenn sie fragen. Und die Anonymität des Internets lässt mich die Maske absetzen. Doch sonst versuche ich ein anderer Mensch zu sein als ich gerade eigentlich bin. 

Nur wenige kennen diese Dunkelheit momentan. Die Heftigkeit, mit der es mich gerade mal wieder umhaut und mir den Boden unter den Füßen wegzieht. 

Alles ist so ein Kampf derzeit, ein solcher Kraftakt. Selbst einfach nur zu atmen fällt so unglaublich schwer und ich sehne mich nach einer Klinge, die meine Haut zerteilt, die diese Leere füllt, die mich lebendig werden lässt. In meinem Kopf spielen die Gedanken verrückt, es geht um endgültige Auswege und Schlussstriche, die ich nicht nur auf meinen Armen ziehe. 

Es ist so schwer derzeit und ich weiß eigentlich nicht, wie ich das schaffen soll. Wie ich durchhalten soll, bis es endlich wieder besser wird. Und mit jedem Tag stapeln sich mehr und mehr Dinge, die ich erledigen sollte, die ich tun muss, die ich immer mehr vor mir her schiebe. 

Seit heute merke ich auch die körperlichen Folgen, die diese ganzen Tage haben. Ich merke, dass mein Körper dringend anständige und regelmäßige Nahrungszufuhr braucht. Doch ich schaffe es nicht, ich kriege es nicht hin. Wie gerne würde ich gerade flüchten, irgendwo hin in Sicherheit, und wenn diese Sicherheit die Klinik bedeutet. Aber es wäre ein Rückschritt, ein Versagen, ein weiteres Zeichen, dass ich es nicht schaffe. 

Noch einen Tag. Und noch einen. Und noch einen. Bis es wieder heller wird, bis ich nicht mehr nur noch überleben muss. Weiter, einfach weiter. 

depressiv 

Am Montag war ich zum ersten Mal bei der Nachsorge in der Reha-Klinik. Es ist eine Gruppe mit allen möglichen Menschen, ich bin mal gespannt was noch so auf mich zukommt dort. Die Therapeutin mag ich auf jeden Fall. 

Heute stand um halb 8 ein Arzttermin auf dem Plan. Vermutlich wird meine Hausärztin ’nen Koller kriegen, wenn sie meine Blutwerte sieht. Essen klappt derzeit nämlich quasi gar nicht. 

Vor 3 Tagen fiel mir dann auf, dass ich die letzte Zeit versehentlich nur die Hälfte meiner Abendmedis genommen habe. Es wäre eine mögliche Erklärung für das aktuelle Loch. Und auch für mich die ‚einfachste‘, denn daran kann ich ja relativ schnell etwas ändern. Beziehungsweise habe ich schon, denn direkt abends habe ich dann wieder die richtige Dosis genommen. 

Neben der Erleichterung, dass es einen so logischen Grund für das Loch geben könnte, sind da auch Selbstvorwürfe. Wie dämlich konnte ich denn sein? Ich weiß, welche Konsequenzen es hat Medis zu vergessen oder falsch zu nehmen und ich bin so froh, dass es mit der aktuellen Medikation so gut funktioniert. Und dann nehm ich die falsche Dosis, Glückwunsch. Ich könnte mir echt selber in den Hintern beißen. 

Und da wären wir dann mal wieder beim leidigen Thema Selbsthass. Momentan könnte ich unendlich viele Dinge aufzählen, die nicht funktionieren. Die ich nicht schaffe, die mich überfordern, die mich an meine Grenzen bringen. Ich kann dies nicht und das nicht, müsste hier und dort, sollte man dieses und jenes. 

Doch ich versuche es nicht zuzulassen. Ich versuche die Dinge zu sehen, die gut funktionieren. Ich bin immer noch selbstverletzungsfrei. Die Suizidgedanken sind relativ leise und gut auszuhalten. Und obwohl es so schwer ist war ich bisher doch irgendwie jeden Tag vor der Türe, ob nun ’nur‘ zum Einkaufen oder um einen Freund in der Klinik zu besuchen. Und ich habe es auch geschafft jeden Tag mindestens ein wenig im Haushalt zu tun. Ich bin also eigentlich nicht völlig unfähig derzeit, auch wenn es sich so anfühlt. 

Morgen bin ich mit Mama verabredet und am Sonntag kriege ich mein Tattoo. Ich freue mich schon total. 

Ich versuche einfach weiter zu machen und zu hoffen, dass es schnell wieder vorbei geht. Auch wenn es sich gerade so endlos anfühlt, ich weiß, dass es wieder vorbei gehen wird. Ich muss nur da durch. Ich muss ’nur‘ den Druck aushalten und die Grütze in meinem Kopf. Es wird besser. Es wird besser. Es wird besser. Nur nicht aufgeben.  

Möp. 

Ich fühle mich leer. Ich habe wieder Selbstverletzungsdruck. Und Suizidgedanken. 

Ich habe Angst, dass ich auf dem besten Weg bin wieder in einer depressiven Phase zu landen. Ich habe Angst davor, doch ich schaffe es auch nicht etwas dagegen zu tun. 

Ich habe es immerhin geschafft mich anzuziehen und einzukaufen. 5 Stunden habe ich nach dem Aufstehen gebraucht bis dahin. Dann habe ich tatsächlich noch was gekocht und gegessen. Und das war’s dann auch schon wieder mit produktiv sein. 

Viel zu wenig für meine Ansprüche. Doch ich kann es nicht ändern. Alles schimpfen und toben und wütend auf mich sein bringt nichts. Ich schaffe es nicht irgendwas zu tun. 

Es ist nun der zweite Tag in Folge. Ich versuche mich nicht im Selbsthass zu verlieren, versuche es einfach zu akzeptieren, versuche die Gefühle einfach da sein zu lassen. Versuche einfach zu atmen. 

Morgen wird es besser. Das sage ich mir immer und immer wieder, versuche mich daran festzuhalten, versuche mich damit durch die Stunden zu retten. Ich versuche den Berg an Dingen, der vor mir liegt, einfach zu vergessen, weil ich sonst vermutlich die totale Krise kriege. 

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Minute für Minute, Skill für Skill. Einfach weiter machen. 

Kraftlos 

Vor genau zwei Jahren sah meine Wohnung noch ein wenig anders aus als jetzt. Nämlich so:

Damals waren gerade einige meiner Bücher hier eingezogen. Auch heute stapeln sie sich noch gerne irgendwo auf dem Boden. Ich habe einfach zu wenig Regal und zu wenig Platz für noch mehr Regal. 

Vor zwei Jahren habe ich begonnen umzuziehen. Mittlerweile bin ich definitiv hier angekommen in diesen 4 Wänden und fühle mich wohl. Vor allem auch wegen den 4 flauschigen Mitbewohnern. 

Die Zeit bei meiner Mutter war anstrengend. Nicht zuletzt durch den Besuch meines Großonkels, der sich vier Stunden lang mit unglaublich blödem Gerede in Mamas Wohnung breit machte. Ich habe das Gefühl, dass er mit jedem Lebensjahr mehr noch anstrengender wird. 

Die Zeit bei ihr hat mich eine Menge Kraft gekostet. Vor allem der Herr Großonkel mit seiner Lautstärke, seinen doofen Aussagen und seinem ständig irgendwo berühren und knutschen und Krams. Bäh. Und dementsprechend hänge ich gerade auch rum. Völlig Matsch. Und mit gleichzeitig völligem Unverständnis für mich selbst, weil es mich ankotzt so kraftlos zu sein. Und der Ärger über mich selbst kostet dann die wenige Energie, die ich überhaupt habe. 

Also habe ich mich nun für einen Neustart des Tages entschieden. Einfach nochmal ins Bett und nachher nochmal aufstehen, mit der Hoffnung, dass es dann besser ist. 

Es ist anstrengend, dieses kaputte Leben mit einer kaputten Psyche und viel zu wenig Energie für die alltäglichen Dinge. Ich muss dabei immer an die Löffel-Theorie denken und es bestätigt sich immer wieder, dass ich eben nur eine begrenzte Anzahl Löffel habe. Und wenn ich mehr nutze als eigentlich zur Verfügung stehen, dann fehlen sie in den darauffolgenden Tagen. 

Also einfach reset und reboot. Vielleicht funktioniert es, vielleicht ist der Tag nachher nicht mehr ganz so düster. 

Aufgeben. 

Ich mag aufgeben. Ich will einfach so gerne alles hinschmeißen. 

Am Donnerstag wollte der Supervisor, dass ich ihm und dem Therapeuten die Hand drauf gebe, dass ich am Freitag wieder komme. Heil. Und im Hinterkopf war direkt der Gedanke „Jo. Passt. Aber darüber hinaus, pf!“ Nicht wegen dem Therapeuten, sondern weil der Supervisor mich so angekotzt hat. 

Danach saß ich unten auf dem Sofa. Wütend, angespannt, erledigt. Der Therapeut kam nochmal vorbei. Er streckte mir die Hand hin, hielt meine bis ich ihm in die Augen sah. „Bis Montag.“ sagte er. Und ich erwiderte „Bis Montag.“ während ich ihn anblicke und weiß, dass ich das halten werde, denn dieses unausgesprochene Versprechen ist etwas anderes als die Worte zuvor im Büro des Supervisors. 

Und dennoch. Ich will gerade einfach alles hinwerfen. Es ist mehr als ein „ich will“, denn es gibt einen Plan, es gibt eine Lösung für meine Tiere. 

Meine Tiere. Da kann ich nicht mehr weiter denken. Die Schweinchen, klar, sie kennen mich und sind an mich gewöhnt, aber sie kämen auch ohne mich zurecht. Doch der Zitronenkater, dieses bekloppte Fellbündel, das so sehr an mir hängt… Wenn er sich irgendwo hin quetscht, egal wie wenig Platz da ist, nur um dicht an mir zu liegen. Wenn er alle paar Stunden nach Hause kommt vom draußen umherziehen, sich an mir reibt und kurz kraulen lässt und dann wieder verschwindet, als ob er nur nachschauen mag, ob ich noch da bin und auf ihn warte. Wenn er sich auf mir zusammen rollt und lieber in Kauf nimmt geweckt zu werden, wenn ich mich bewege, als irgendwo ohne mich in Ruhe zu schlafen. Wenn ich eine Weile nicht da war und er sich auf den Boden schmeißt, an mir reibt, mich ableckt und schnurrt wie ein Irrer… Nein. Ich kann ihn nicht alleine lassen. Und ich kann auch das unausgesprochene Versprechen nicht brechen und ich kann auch nicht übergehen, dass an meiner Wand ein Blatt mit Worten hängt, dass für mich mehr ist als nur ein Blatt mit Worten. Und ich kann auch nicht übergehen, dass ich der Traumagruppentherapeutin gesagt habe, dass der Lebensvertrag existiert und steht. Und dann ärgere ich mich wieder über meine Psychologin in der DBT, denn sie wusste genau, dass ich irgendwann so hier sitzen werde und mich diese Worte halten, dieses Versprechen mir gegenüber, bezeugt von ihr und der Oberärztin und meiner ambulanten Thera. Und ich sehe ihr Gesicht vor mir, als ich ihr damals schon sagte, dass ich mich irgendwann ärgern werde. Und ich muss lächeln. Denn diese Gedanken machen es gerade ein wenig leichter, weil ich weiß, dass ich nicht aufgeben kann. Egal wie sehr ich es möchte. 

Stattdessen werde ich der Psychologin gleich eine Mail schreiben. Sie sagte, dass ich ihr schreiben kann, wenn ich mich ärgere und dass sie sich darüber freuen wird. Und dann werde ich meine Medis nehmen, mich ins Bett kuscheln und die Wärme des Zitronenkaters auf mir genießen. Am Montag werde ich den Therapeuten wieder sehen. In zehn Tagen werde ich der Traumagruppentherapeutin schreiben, dass ich es geschafft habe. Und Pfleger Arschkeks wird eine Postkarte von mir bekommen. Ich werde wieder einen Termin bei meiner Therapeutin haben, einen der letzten. Es wird Frühling werden und Sommer und Herbst und Winter und wieder Frühling und ich werde weiterhin kämpfen und atmen und leben. Denn Aufgeben ist keine Option. Manchmal leider. Manchmal zum Glück. 

Das leidige Thema Druck. 

Ich habe immer noch unglaublichen Selbstverletzungsdruck. In der Stabigruppe gestern steigt die Anspannung ohne ersichtlichen Grund und ich dissoziiere vor mich hin. Der Therapeut geht mit mir nach der Stunde raus, wir reden. Ich sage ihm, dass ich nicht weiß, woher ich die Kraft noch nehmen soll. Dass ich nicht weiß, wie ich es momentan schaffe weiter zu machen. Er fragt, ob es okay ist zum Supervisor zu gehen. Ich frage zurück, ob ich denn eine Wahl habe. Die habe ich nicht, also sitzen wir ein wenig später beim Supervisor und ich möchte ihn nach kurzer Zeit am liebsten umbringen. Er fragt immer wieder, woher gerade der Druck und die Suizidgedanken kommen. Ich erkläre ihm immer wieder, dass ich es nicht weiß. Und auch immer wieder, dass der Druck und die Gedanken da sind, unabhängig von der Anspannung. Immer und immer wieder und ich will ihm irgendwann einfach nur noch ins Gesicht springen. Er lässt mich ziehen, mit dem Versprechen heute nochmal zu ihm zu kommen. Heil und lebendig. 

Zuhause muss ich mich erstmal abregen. Ich schimpfe und fluche laut vor mich hin. Kraule dann das Katerkind uns Flöckchen und bleibe eine Weile bei den Meeris stehen und beobachte, wie Caro und Caramell zuerst versuchen sich in Luft aufzulösen aufgrund meiner Anwesenheit und dann doch beschließen, dass ich sie wohl nicht fresse und sich raus trauen. Ich esse was, gammel eine Weile vorm PC und stöbere dann durch meine Bilder, denn die Therapeutin der Traumagruppe fragte, ob ich das tun mag, mir schöne Momente raussuchen, am besten mit Bildern. Schöne Momente habe ich mir schon einige aufgeschrieben, nun kucke ich, was ich so an Fotos habe, die ich mir auch aufs Handy packen und so immer dabei haben kann. Und so hänge ich in Erinnerungen, während ich Fotos von Irland kucke, von der DBT-Zeit, von Hamburg und Berlin und von den Meeris und Chrissies halbem Zoo und Kreta und all den Jahren, die sich auf meiner externen Festplatte tummeln. Ich finde auch Bilder von den letzten Selbstverletzungen, von genähten Wunden und blicke auf meine Arme, auf die mittlerweile immer mehr verblassenden Narben. Und ich finde ein Bild von einem Smiley, den Pfleger Arschkeks mir vor fast einem Jahr auf den Arm malte, damals, als ich noch nicht daran glauben konnte, dass ich es länger schaffe als ein paar Wochen. Und nun sitze ich hier und es trennen mich nur noch 11 Tage vom vollen Jahr. Und ich will es schaffen, denn ich will mit A. feiern, ich will Pfleger Arschkeks stolz davon berichten, ich will es einfach schaffen. Für mich. 

Der Therapeut hat mich verdonnert heute nochmal zur Therapeutin der Traumagruppe zu gehen wegen einem Gespräch, denn er ist freitags nicht da. Für mich absolut okay, denn ich mag sie. Und bei ihr hatte ich auch von Anfang an das Gefühl ich kann reden und muss nicht aufpassen, was ich sage. Genau wie beim Therapeuten. Also spreche ich sie nach dem Frühtreff an und sage ihr auch, dass ich nur zur Traumagruppe komme um mich zu verabschieden, denn es wäre meine letzte Stunde und ich mag mich vorm Wochenende nun in der aktuellen Situation mit Druck und Suizidgedanken wirklich nicht konfrontieren. 

Stattdessen ziehe ich zum Supervisor, mit unendlich viel Begeisterung – nämlich gar keiner. Er vertröstet mich auf später, also nutze ich die Zeit und ziehe mit einer Mitpatientin in Richtung Sonne. 

Die Sonne tut unglaublich gut, am liebsten würde ich stundenlang auf der Bank liegen und die Wärme genießen, doch ich muss zum Supervisor. Dem sage ich dann auch, dass er mich gestern unglaublich auf die Palme gebracht hat, erkläre ihm nochmal, dass ich nicht weiß, woher der Druck und die Gedanken momentan kommen, dass ich natürlich gestern angespannt war (auch dank ihm), der Druck und die Gedanken aber auch unabhängig davon da sind. Er fragt noch, wie ich rückblickend die Traumagruppe sehe (na immer noch gut) und warum ich mit dem Therapeuten gut klar komme (weil es eben so ist?! Weil er gut ist und empathisch und mich nicht tausend mal das gleiche fragt und damit auf die Palme bringt?!). 

Nach dem Essen gehe ich zur Entspannung und in die Körpererfahrung und dann zum Gespräch zur Traumagruppentherapeutin. Wir kucken schöne Momente, es tut gut nochmal auszusprechen, dass ich es schaffen will ohne Selbstverletzung, dass ich mit A. feiern mag, dass ich mich mit einem Tattoo beschenken will, dass diese elf verdammten Tage nun doch wohl noch zu schaffen sind. Dann verabschieden wir uns, denn ich werde sie nicht mehr sehen bis zu meiner Entlassung. Es ist schade, denn ich mochte sie und konnte auch mit ihr gut reden und die zwei Gespräche bei ihr haben mir auch geholfen. 

Danach fahre ich erledigt nach Hause, eine Mitpatientin nimmt mich netterweise mit. Doch ich bin auch ein wenig zuversichtlicher, dass ich es schaffen kann, dass ich das Wochenende überstehe und vielleicht tatsächlich auch diese elf Tage. Und wenn ich es nur tue, um der Traumagruppentherapeutin dann eine Mail zu schreiben und voller Stolz sagen zu können, dass ich es geschafft habe. Wenn momentan schon nicht für mich, dann dafür. Und so dann doch für mich.