Druck

Die Traumagruppe gestern war unglaublich anstrengend. Dank Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken habe ich in der Nacht zuvor nicht geschlafen, gemindert hat das den Druck und die Gedanken natürlich in keinster Weise. In der Abschlussrunde fragt die Therapeutin, wie es jedem so geht. Ich sage, dass es den Selbstverletzungsdruck nun nicht wirklich gebessert hat. Sie fragt, ob ich versprechen kann, dass ich mich nicht verletze. Von dieser Frage bin ich überrumpelt und kann sie deswegen nicht wirklich beantworten, außerdem finde ich die Gruppe nicht den richtigen Rahmen dafür. Sie bittet mich mittags zu ihr ins Büro zu kommen und ich stimme zu. Mein Therapeut ist leider nicht da, sonst hätte sie mich gebeten zu ihm zu gehen. 

Als ich dann einige Stunden später in ihrem Büro sitze ist sie erleichtert, denn sie hatte Sorge, dass ich nicht komme. Warum auch immer. 

Nachdem ich ihr erst einmal erklärt habe, dass ich definitiv morgen hier erscheinen werde, denn ich habe ja den Lebensvertrag und der steht auch, ist sie nochmal ein wenig beruhigter.

Dann überlegen wir gemeinsam, was ich tun kann gegen den enormen Druck, was ich tun kann, wenn ich wieder nicht schlafe. Sie ist unglaublich nett und ich kann ihr gegenüber offen sein. Zum Ende des Gesprächs fragt sie, ob ich ihr versprechen kann durchzuhalten bis zu meinem Einzel mit dem Psychologen am nächsten Tag, ob ich es schaffe mich nicht zu verletzen. Und ich tue es. 

Und so schlage ich mir dann zuhause eine weitere Nacht um die Ohren. Ich finde wieder keinen Schlaf, ich versuche mich abzulenken, zu skillen, schmiere mir die halbe Tube Finalgon auf den Körper… 

Beim Gespräch mit dem Psychologen dreht sich heute also alles um Selbstverletzung. Wir versuchen herauszufinden, was es momentan wieder so schwer macht, wir sprechen darüber, dass mein Verhältnis zur Selbstverletzung sehr ambivalent ist, es ist anstrengend und ich bin unglaublich angespannt. Einiges ist nun klarer, teilweise sogar gefühlsmäßig. Zum Beispiel der Stolz auf die geschaffte Zeit. Und die Wut auf meinen Vater, dessen Verhalten überhaupt erst dazu führte, dass ich begonnen habe mich zu verletzen. 

Doch der Druck ist immer noch da. Und ich weiß nicht, was ich ihm noch entgegen setzen soll. Ich brauche Schlaf und Erholung und habe einfach keine Kraft mehr stark zu sein. Und ich weiß, dass die Selbstverletzung mir die Entspannung zum Schlafen bringen würde. Ist doch einfach nur scheiße. 

Digging for kryptonite on this one way street

Manchmal frage ich mich wirklich, was zum Teufel mit meiner Stimmung eigentlich kaputt ist. Sie kippt innerhalb von Sekunden und ich stehe daneben und schaue ziemlich verwirrt drein. Ja, es war auch schon mal schlimmer. Früher waren diese Wechsel extremer, häufiger, manchmal sogar wirklich mehrmals in der Stunde. Also kann ich mich quasi nicht beklagen. Tue ich aber trotzdem, denn es nervt. Und noch mehr: es strengt an. Und so fahre ich gut gelaunt von der Klinik nach Hause und komme mit einem Tief zuhause an. Da ist plötzlich Selbstverletzungsdruck, da sind plötzlich Suizidgedanken. Prima. Und natürlich kann ich dann nicht da stehen und sagen „ach, mal wieder, herzlich willkommen Selbstverletzungsdruck, herzlich willkommen Suizidgedanken.“. So gerne ich es auch will. Doch ich kann es nicht, denn ich will weder den Druck, noch die Gedanken haben. Und so kämpfe ich gerade. Druck ohne Anspannung, es macht mich immer wieder aufs Neue wahnsinnig. Ich kann mit der Anspannung umgehen. Meistens, größtenteils. Aber was mache ich gegen den Druck, wenn ich nicht bei der Anspannung ansetzen kann?! 

Es bleibt wenig übrig als aushalten und ablenken. Den Kopf und die Hände beschäftigen, wenigstens für ein Weilchen, bis ich mich ins Bett verkrümel und schlafe. Schlafen kann, hoffentlich. 

Und vielleicht ist es morgen ja wieder einfacher. Vielleicht. Dabei mag ich mir so gerne wehtun, mich so gerne verletzen, ich will den Schmerz und die Erleichterung und all diese Dinge, die mir manchmal so sehr fehlen. 

Verdammt. 

It may sound absurd
But don’t be naive
Even heroes have the right to bleed
I may be disturbed but won’t you concede
Even heroes have the right to dream
And it’s not easy to be me

„Crazy“ is, I believe, the medical term

Meistens fallen mir die Narben an meinen Armen gar nicht mehr auf. Sie gehören einfach zu mir, genau wie die Arme, auf denen sie sich befinden oder die ganzen Bänder an meinen Handgelenken. Ich beachte sie meistens nur, wenn sie anfangen zu jucken, oder der Herr Zitronenkater mir beim Spielen Kratzer an den Armen verpasst hat. Und da sich ziemlich viele Narben auf den Armen befinden ist die Wahrscheinlichkeit welche zu sehen, wenn ich Kratzer versorge, relativ groß. Ansonsten betrachte ich sie manchmal, wenn ich darauf angesprochen werde. Als wirklich „schlimm“ empfinde ich sie äußerst selten und bin völlig irritiert, wenn andere sie so sehen. Eine Mitpatientin in der DBT sagte mir irgendwann, dass sie beim Vorgespräch meine Arme gesehen hat und danach erstmal völlig schockiert und auch davon überzeugt war, dass sie die Therapie nicht braucht. Zwei Mitpatientinnen in der Reha sagten mir, dass sie meine Arme wirklich schlimm finden. Und ich stehe dann da und versteh die Welt nicht mehr, weil die „paar Kratzer“ doch nicht schlimm sind… 

Die Narben am Sprunggelenk hingegen, die ich von den 3 OPs nach dem Bruch habe, stören mich ungemein. Dabei sind sie fast verblasst und größtenteils nicht so breit wie die auf den Armen. Völlig kaputte Wahrnehmung. 

Jedenfalls saß ich gestern auf dem Sofa, habe meine Armbänder betrachtet und die am linken Handgelenk nach unten geschoben. Dort finden sich Narben, die nun über 15 Jahre alt sind. Weiß, jedoch nicht so feine Linien wie die anderen Narben aus dieser Zeit. An dieser Stelle war mein „Versteck“. Durch die Armbanduhr, die ich trug, immer verdeckt. Die Stelle, die ich immer und immer wieder nutzte um mich zu verletzen, vor allem im Sommer, damit niemand es sieht. War es doch mal zu wenig Platz, dann wickelte ich mir ein Tuch ums Handgelenk, für viele einfach ein modisches Accessoire, für mich die Möglichkeit meine „Überlebenstrategie“ zu verheimlichen. 

Nur wenige Narben kann ich genau zuordnen. Die beiden am Oberarm zum Beispiel, ich erinnere mich noch an die Verletzung und an den Chirurg in der Ambulanz, der eigentlich Schönheitschirurg war und auf seinen Job in der Ambulanz, und dann auch noch auf so ’ne Irre, die sich selbst verletzt, gar keinen Bock hatte. Dementsprechend sehen die Narben auch aus. Und ich kann die „neueren“ Narben aus den letzten zwei Jahren noch von denen unterscheiden, die aus der Zeit davor stammen. Ich weiß gar nicht mehr wie lange ich frei von Selbstverletzung war. 3 Jahre? Oder 4?Niemals hätte ich gedacht, dass es wieder so abwärts gehen könnte, dass die Selbstverletzung mich nochmal so sehr einnehmen würde. 

Und nun sitze ich hier und es trennt mich nur noch etwas mehr als ein Monat von dem Jahrestag der letzten Selbstverletzungen. Fast ein Jahr. Niemals hätte ich das vor einem Jahr gedacht. Ich erinnere mich noch daran, dass Pfleger Arschkeks mir Smileys auf den Arm malte für die Tage ohne. 5 Smileys für 5 Tage. 10 Smileys für 10 Wochen. Und nun haben sich die Tage summiert und ich zähle nicht mehr in Tagen oder Wochen sondern schon in Monaten. Das war ein großer Halt in den letzten Monaten. Die Erinnerung daran, der Wunsch ihm von dem erreichten Jahr zu erzählen. Und A., mit der ich zusammen feiern will. Und einfach der Wunsch das hinter mir zu lassen, die Erkenntnis, dass ich ein Stück mehr Lebensqualität zurück möchte, die Entscheidung für den neuen Weg, meine Mädels als Unterstützung. 
Die Tage vergehen. Morgen Nachmittag beginnt schon wieder ein Wochenende, ich frage mich, wo die Woche hin ist. Den Montag habe ich größtenteils in Anspannung und Dissoziationen verbracht, den Dienstag zuhause und beim Psychiater, der Mittwoch war ziemlich kurz und heute ist auch schon fast vorbei. Die Gespräche mit dem Therapeuten und die Gruppen tun mir gut, auch das Miteinander mit ein paar tollen Mitpatientinnen. Der Therapeut sagte mir heute, dass ich eine Woche länger bleiben werde, ich finde das gut. Außerdem gab er mir die Kontaktdaten eines Therapeuten, der lange in der Klinik war und sich Traumatherapie macht, mittlerweile hat er eine eigene Praxis. Ich könnte hin, er ist allerdings nicht kassenärztlich zugelassen. Also muss ich mal bei meiner Krankenkasse nachfragen, wie es generell aussieht mit Kostenerstattung. Und dann gegebenenfalls das ganze Prozedere durchziehen und mir zumindest die 5 Probesitzungen dann anschauen. Falls es klappt und mit ihm passt, dann wäre das eine prima Sache für die 2 Jahre, die ich nun bei meiner derzeitigen Therapeutin zwangsläufig pausieren muss. 

Es ist viel und es ist anstrengend, aber es ist auch gut. Und ich freue mich unglaublich auf das Wochenende, auf Ausschlafen und länger wach bleiben. Und außerdem muss ich dringend ein paar Sachen hier machen, vor allem aufräumen und so ’nen Kram. 

I don’t like pain, but I bring it to life 

I don’t like scars but I am good with a knife 

I don’t like tears when I’m starting to cry 

And then I realize I’m destroying my life

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Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Ich öffne die Augen und schaue, beleuchtet von meinem Nachtlicht, in weit aufgerissen Kateraugen, die Pupillen tief schwarz und so riesig, dass sich die Augenfarbe nicht mehr erkennen lässt. Der Zitronenkater hat seinen Schwanz aufgeplustert, die Haare entlang der Wirbelsäule stehen zu Berge und lassen ihn ein wenig sie einen Stegosaurus aussehen, er faucht mir ins Gesicht und schickt ein tiefes Grollen hinterher. Erst da wird mir bewusst, dass ich von meinem eigenen Schrei erwacht bin und dabei das Katerkind wohl ziemlich erschreckt habe. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich nicht mal eine Stunde geschlafen habe. Katerkind miaut mich an, stubst mich mit seiner kleinen kalten Nase an, schiebt seinen Kopf unter meine Hand und lässt sich kraulen. Dann kämpft er einen Moment mit der Decke, bis er den Weg darunter findet und schmiegt sich dicht an meine Brust, sein Gesicht an meine Backe gedrückt. Er mauzt mir leise ins Ohr und wieder einmal bin ich so glücklich über den Fellhaufen, der mir so viel Wärme und Liebe gibt. 

Eingeschlafen bin ich gegen 3 Uhr. Nun ist es kurz nach 4, meine Nacht ist gelaufen. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam, mein Atem wird ruhiger. Ich tippe auf den Bildschirm des Tablets und starte eine Folge „Orange is the new black“. Ich schließe die Augen, lausche den Stimmen und Geräuschen. So liege ich 3 Stunden im Bett, das Katerkind schläft mit meiner Hand auf seinem Rücken und zuckt ab und an mit den Pfoten. Dann drehe ich mich zweimal um, bis ich die Bettkante erreiche und stelle meine Füße auf den Boden. Ich weiß nicht, ob ich meinen Beinen vertrauen kann, weiß nicht, ob sie mich tragen. Mit zitternden Beinen schaffe ich es ins Bad, füttere auf dem Rückweg zum Wohnzimmer den Kater und schnappe zwei Äpfel, um sie den Meeris kleimzuschneiden. Flocke kommt wie immer angeflitzt und schnappt sich ein Stück aus meiner Hand, Caramell traut sich nicht so ganz, nimmt aber ein Stück, als ich meine Hand vorsichtig direkt vor ihre Nase halte, Caro versteckt sich ganz hinten in der Ecke und kommt erst hervor, als ich auf dem Sofa sitze. 

Irgendwann mache ich mich fertig, ziehe mich an und fahre zu meiner Ärztin. Ich bin kaputt, müde und mein Kopf dröhnt. Ich tue also heute genau das, was ich seit der dbt immer wieder aufs neue lerne und versuche: meine eigenen Grenzen achten. Ich fühle mich zu kaputt und zu labil, um heute Sport, Traumagruppe und Körpererfahrung zu machen. 

Die Ärztin ist so lieb wie immer und ich bin wieder einmal froh, dass ich bei ihr gelandet bin. Als ich mich auf den Weg zurück nach Hause mache fängt es draußen an zu schneien. 

Ich versuche zu schlafen, doch es funktioniert nicht. Obwohl ich einfach nur müde bin, mein Kopf dröhnt und mein Körper nicht mehr will. Also krieche ich wieder aus dem Bett, N. kommt mit einer Kiste Cola und Leckereien für die Meeris vorbei. 

Danach hänge ich einfach nur kraft- und lustlos auf dem Sofa. Wandere wieder ins Bett, doch Schlaf lässt sich immer noch keiner finden. Meine Augen sind rot, als ich in den Spiegel kucke, der Rest sieht auch nicht besser aus. Trotzdem gehe ich aus der Türe und in Richtung Supermarkt, denn ich habe das Gefühl wenigstens ein paar Minuten lang sowas wie Normalität aufrecht erhalten zu müssen. Versteckt unter meiner Kapuze besorge ich ein paar Dinge, die ich brauche, und ziehe wieder nach Hause zu meinem Sofa. Dort bekuschel ich das Katerkind und merke nicht, wie die Zeit vergeht. Zeit scheint etwas sehr merkwürdiges zu sein im Moment. Einige Minuten ziehen sich bis ins Unendliche, Stunden verfliegen wie Sekunden. Ich mag mich verletzen, einfach nur weil ich weiß, dass ich danach entspannt bin und definitiv schlafen kann. Doch selbst dazu bin ich zu kraftlos. Der Gedanke das Ganze dann versorgen zu müssen, vermutlich sogar versorgen lassen zu müssen, schreckt mich ab. Es ist mir zu viel, zu anstrengend. Außerdem sind es doch nur noch einige Wochen bis zum Jahr. Und das will ich so gerne feiern, feiern mit A. und Pfleger Arschkeks stolz davon berichten und einfach stolz auf mich sein. Das mag ich nicht aufgeben. So sehr ich mich auch nach Ruhe und Schlaf und Entspannung sehne, es ist der falsche Weg. Stattdessen werde ich mir gleich einfach eine Tablette mehr als üblich zum Schlafen einwerfen und darauf zählen, dass der Schlafmangel und die Dosis mich zuverlässig weghauen. Morgen kann ich ausschlafen, ich brauche nicht aufstehen. Und dann habe ich genug Zeit in meiner Wohnung ein paar Dinge zu machen und vielleicht in die Stadt zu fahren und die Fotos entwickeln zu lassen. 

Irgend eine gesunde Mischung aus Gammeln und halbwegs produktiv sein. Weiter machen und weiter atmen. Es wird wieder bessere Tage geben. Tag für Tag, Schritt für Schritt, Skill für Skill sagt die Stimme von Schwester Nathalie in meinem Kopf. Und sie hat verdammt recht. 

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Mein Start in die neue Woche war ziemlich bescheiden. Kurz vor 4 Uhr wache ich auf, schweißgebadet. Ich muss mich erstmal umziehen und kann dann nicht mehr schlafen. Das einzig gute daran: ich war rechtzeitig wach um in die Klinik zu fahren. 

Der Therapeut drückt mir morgens einen neuen Plan in die Hand, für 16 Uhr hat er mir noch ein Einzel eingetragen. Hmpf. Ich bin eigentlich viel zu müde, um überhaupt die Augen offen zu halten, dann noch bis mindestens 17 Uhr und dann noch heim fahren… Bäh. Doch irgendwie funktioniert es und als ich endlich daheim ankomme bin ich zu wach um zu schlafen. Prima. 

In Einzel haben wir eine Lebenslinie gemacht. Was waren die gravierenden Zeitpunkt, die mich und mein Leben beeinflusst haben? Eigentlich ist es eine Aneinanderreihung von traumatischen Erlebnissen. Die Scheidung meiner Eltern, der Umzug nach BaWü, der Wechsel der Tagesmutter, die erste Selbstverletzung, der Beginn der Therapie, die Inobhutnahme, Suizidversuche, Klinkaufenthalte, der Wegzug in Richtung meiner Hauptstadt, der Absturz vor 2 Jahren, Suizidversuch, Klinkaufenthalte. Und irgendwo dazwischen die ganze Gewalt. Der Therapeut atmet danach erstmal tief durch. Ich tue es ihm gleich. „Wie haben Sie das überlebt?“ fragt er mich und ich frage es mich auch. Er fragt nach Strategien, Haltepunkten. Da ist ganz klar die Selbstverletzung, die jahrelang Halt gab und mich weiter leben ließ. Da ist meine ehemalige Therapeutin und als ich so geballt sehe, was alles passiert ist, wird mir wieder einmal klar wie viel sie getan hat für mich, wie sehr sie mich unterstützt und getragen hat durch die Jahre. Und da ist meine Schwester. Und ich beginne zu weinen, denn wieder einmal überflutet mich die Traurigkeit, dass ich erst in den letzten 8 Jahren so intensiv in ihrem Leben bin, dass mir so viele Momente mit ihr fehlen. Und dann die Wut. „Ich hasse ihn mehr dafür, dass er mir all diese Möglichkeiten genommen hat meine Schwester aufwachsen zu sehen, als für die Dinge, die er mir sonst angetan hat.“ sage ich dem Therapeuten, als er fragt, was gerade passiert. Und es ist so. Und im Rückblick hasse ich ihn auch dafür, dass er damals versuchte mir einzureden, dass meine Mutter nun ein neues Kind hat. Doch das hat nichts daran geändert, dass ich dieses kleine Wesen von Anfang an mehr geliebt habe als alles andere auf der Welt. 

Bevor er mich gehen lässt fragt er, wie es mir geht. Und seltsamerweise ist es okay. Es ist zum ersten Mal okay über all diese Dinge zu reden, sogar in so geballter Form. Es war anstrengend, ich bin völlig erledigt, aber es war okay. 

Die Nacht auf Dienstag ist wieder zu kurz. Ich schlafe erst gegen 2 Uhr ein, werde kurz nach 6 zum ersten Mal vom Wecker angepiepst, quäle mich um 7 endlich unter den Decken hervor, mache mich fertig und auf den Weg zur Klinik. 

Ich habe zum ersten Mal Traumagruppe. Die Therapeutin ist sehr nett und beruhigt, als sie erfährt, dass ich gerade erst die DBT gemacht habe und es meistens hinkriege schwere Situationen zu händeln. Wir sind eine kleine Gruppe, nur 4 Leute und ich halte mich zurück und beobachte, während der Zusammenhang zwischen der aktuellen Situation und den Kriegserlebnissen eines Mitpatienten aufgedröselt werden. Ich fühle mich relativ wohl und sicher dort und ich denke, dass ich sicherlich dort auch in der Lage sein werde von meinen Dingen zu berichten. 

Die letzte Nacht habe ich immerhin 7 Stunden geschlafen. Nach zwei Stunden in der Klinik mache ich mich auch schon wieder auf den Rückweg, mehr steht nicht auf meinem Plan. 

Es ist ein schwerer Tag heute für mich. Vor 2 Jahren fühlte ich mich an diesem Tag einfach nur furchtbar, noch furchtbarer als in den Tagen zuvor. Und in der Nacht griff ich dann zu Alkohol und Tabletten. Ich wollte sterben. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an Polizei und Krankenwagen und Notarzt und Intensivstation. Aber umso deutlicher sind die Gefühle präsent. Die tiefe Schwärze in mir, die Hoffnungslosigkeit, der Wunsch es nur noch zu beenden. 

Zwei Jahre liegt es nun zurück. Eine kurze und dennoch lange Zeit. Vieles ist seitdem anders. Vor allem besser anders. Aber dennoch gibt es die dunklen Momente. Und an solchen Tagen, besonders an diesem Tag, holt es mich ein. 

Ich denke darüber nach, dass es so knapp war. „Zehn Minuten später“ sagte der Notarzt damals. Zehn Minuten später und ich hätte es geschafft gehabt. Und ich weiß nicht, ob ich froh sein soll. Meistens bin ich es, doch heute denke ich immer wieder darüber nach, dass es dann endlich vorbei gewesen wäre. Die Gedanken begleiten mich über den Tag, drängen sich immer wieder auf, lassen mich nicht los. 

Irgendwann ziehe ich los und besuche eine Freundin in der Klinik. Und es tut auch mir gut. Pfleger Kai kennt mich seit Anfang an, er kennt all die schlimmen Momente und es tut gut nochmal darüber zu reden und auch zu sehen, wieviel seitdem anders ist. Und auch mit Pfleger Andreas rede ich, ihn kenne ich zwar noch nicht so lange wie die anderen, aber auch er hat viel mitbekommen und sagt, dass ich stolz sein kann auf mich. 

Dann läuft der Psychopeut vorbei. Er lächelte mich an, fragt wie es ist, wie es mir geht, ob ich in die Klinik gegangen bin. „Ich habe es sogar durchgezogen!“ antworte ich ihm. 

Es fühlt sich wie immer merkwürdig an. Fremd und doch vertraut. Aber wie auch bei den letzten Malen bin ich froh, dass ich diesen Rückhalt nicht mehr so intensiv benötige wie früher. Es beruhigt immer noch, dass die Klinik notfalls da ist, aber mehr auch nicht. Ich hoffe es bleibt so. 

Den Rest des Abends verbringe ich mit zocken und Katerkind kraulen. Ich habe den Tag überstanden und ich werde auch die Nacht überstehen. Es ist nicht mehr wie vor 2 Jahren. 

Morgen muss ich Zutaten besorgen für einen Kuchen. Am Samstag kommt Geburtstagsbesuch. Am Freitag werde ich mit Bibi und N. zur Feier des Tages zum Sushi-Mampfen gehen, darauf freue ich mich. Für mehr Feierei habe ich nach der Tagesklinik keine Lust mehr. 

Leere

Ich laufe durch die Gänge wie ein Geist. Manchmal blicke ich mich um und stelle fest, dass ich an einem völlig anderen Ort bin als an dem, zu dem ich eigentlich unterwegs war. Ich vermeide Menschen. Vermeide Gespräche. 

Ich versinke. Blicke auf die Uhr und stelle fest, dass eine Stunde vergangen ist, ohne dass ich etwas getan habe, zumindest erinnere ich mich nicht daran. 

Ich verkrieche mich tiefer in der Ecke des Sofas, genieße die Ruhe, als alle zum Essen verschwinden. Ich will nicht essen. Und ich will nicht unter so viele Menschen. 

Ich will nach Hause. Will mir Medis einwerfen, unter die Decken kriechen und schlafen. Doch es dauert noch. Es dauert noch viel zu lange. 

Ich löse mich in meine Bestandteile auf und habe nicht die Kraft mich zusammen zu halten. Ich hoffe einfach, dass nichts passieren wird heute. Ich kann nicht auf mich achtgeben. Nicht heute. Denn die Hülle, die durch die Gänge läuft, ist leer. 

Ernsthaft Leben? Du willst mich doch echt verarschen. Fick dich, fick dich, fick dich. Gerade könnte ich wirklich gut auf dich verzichten. 

Scheißdreck. Ich will schlafen! 

Rückhalt 

Zum ersten Mal seit Monaten tippe ich die Nummer der Station ins Telefon und drücke auf den Hörer. Am anderen Ende meldet sich Herr W., ein Pfleger, der nur wenige Stunden dort arbeitet, den ich aber gerne mag (wobei dort niemand arbeitet, von dem ich sagen würde, dass ich ihn absolut nicht leiden kann). Er war bei einer meiner letzten Selbstverletzungen mit mir zum Nähen im Krankenhaus, hat mich damals vorm Abdriften mit Gesprächen über geocaching und alles mögliche abgelenkt. Auch heute tut er das und ich komme endlich langsam aus der Anspannung raus und der Selbstverletzungsdruck nimmt ab. Er fragt nach den Skills, die ich schon ausprobiert habe. Wir reden über Musik, dann über Bücher. Fantasy, Science-Fiction, über Autoren, die Scheibenwelt und kurz über das Dschungelcamp, weil Schwester Tina das im Hintergrund kuckt, landen dann bei Zwangserkrankungen und schließlich beim Schlösser knacken. Nach gut 45 Minuten ist es halbwegs okay. Ich fühle mich besser. 

Der Selbstverletzungsdruck ist um einiges geringer, die Suizidgedanken haben sich verflüchtigt. Die Stunden zuvor habe ich mich im Bett von einer auf die andere Seite gedreht. Überlegt, ob es eine Selbstverletzungsart gibt, die ich vor mir selbst als „keine Selbstverletzung“ rechtfertigen kann, weil ich die 10 Monate ohne nicht hinwerfen will. Ob ich das Ausdrücken einer Zigarette auf der Haut vielleicht noch vor mir als Ausrutscher rechtfertigen könnte. Oder ob ein wenig Medikamente überdosieren vielleicht reicht um den Selbstverletzungsdruck zu vertreiben. Doch dann wäre wieder die Frage gewesen welche, denn es fällt fast alles flach, wenn ich in 6 Stunden schon wieder aufstehen soll. Dann überlege ich, ob kotzen eine Möglichkeit wäre, doch seit 16 Uhr habe ich nichts mehr gegessen, mehr als Flüssigkeit und Galle würde also nicht kommen und das würde den Druck keineswegs nehmen. Es bleiben also eigentlich keine Möglichkeiten, außer wirklich zur Klinge zu greifen und damit die ganze Zeit ohne über den Haufen zu werfen. Mitten in der Nacht ins Krankenhaus? Nähen? Das morgen, spätestens Montag, in der Klinik sagen? A. erklären, dass wir das Jahr nicht zusammen feiern werden? Pfleger Arschkeks irgendwann sagen, dass er sich nichts für die 365 Tage ausdenken muss? Nein. Nein. Nein. 

Und so nutze ich den Weg, der mir schon so oft in Situationen geholfen hat, in denen ich alleine nicht mehr weiter konnte. Die Klinik. Es tut gut zu wissen, dass sie da ist. Auch wenn ich den stationären Rückhalt (zumindest derzeit und hoffentlich auch weiterhin) nicht mehr in dem Maße brauche wie vor der DBT, sie sind da. Wie so oft, wie in so vielen Momenten. Und ich bin froh und dankbar, denn die Menschen dort haben mit mir schon so viele Schlachten gekämpft, waren in dunklen Stunden an meiner Seite und oftmals denke ich daran, was mir Schwester Nathalie oder Pfleger Kai oder Schwester Laura oder Schwester Sabine  oder jemand anderes des tollen Teams mir dort nun sagen würde. Und es hilft zu wissen, dass sie da sind, dass ich jederzeit dort Unterstützung finden kann, wenn es nicht mehr geht. Und es hilft auch zu wissen, dass sie mich im Notfall vor mir selbst schützen werden, wie auch schon in der Vergangenheit. 

Ich rolle mich wieder im Bett zusammen. Der Zitronenkater tut das gleiche auf meinen Füßen. Ich hoffe, dass ich nun endlich Schlaf finden kann. Denn morgen ist eigentlich schon heute und mein Wecker wird viel zu früh dafür sorgen, dass die Nacht vorbei ist. 

Der Rest der Überforderung 

Um kurz vor 6 verlasse ich die Klinik. Kaputt, müde, am Ende meiner Kräfte. Der Bus hat Verspätung, ich bange um den Anschluss. Der wartet, das führt aber dazu, dass ich meinen anderen Anschluss nicht kriege. Vor der Stunde in der Kälte warten rettet mich N., heute schon zum zweiten Mal meine Rettung. Wir machen kurz im Supermarkt halt und dann hin ich endlich daheim. Ich sinke auf mein Sofa und heule erstmal.  Der Zitronenkater ist ein wenig beleidigt. Schließlich war ich einfach so weg. Dann bringt er mir eine Spielzeugmaus und apportiert begeistert, flitzt durch die Wohnung, stürzt sich auf das Plüschteil, faucht, knurrt, kämpft. Dann kommt er endlich kuscheln, er hat entweder beschlossen nicht mehr beleidigt zu sein oder hat vergessen, dass er es war. Ich kraule ihn, schreibe mit meinen Mädels, telefoniere ein wenig mit der kleinen Hexe. Dann schmeiße ich mich in die Schlafklamotten und ins Bett. Ich habe heute definitiv meine Grenzen erreicht. Ich habe stundenlang geskillt und geskillt und geskillt, die Anspannung ausgehalten, meine impulse nieder gekämpft. Als ich um 17 Uhr dann meinen Therapeuten kennen lerne, bin ich einfach Matsch. Er fragt ein wenig nach, wie lange manche Dinge schon bestehen, fragt nach Trauma, sagt mir, dass ich jederzeit sagen kann, dass es zuviel ist, ist begeistert über die DBT, geht mit mir verschiedene Therapien durch, erklärt mir ein paar Dinge. Er ist sehr nett, kennt sich mit den Grundlagen der DBT aus (juhu, ich muss ihm nicht erklären was eine 5 auf der diary card ist!), hat Erfahrungen mit Traumabearbeitung. Er fragt auch, ob es für mich okay ist, dass ich einen Mann als Therapeuten habe. Ich frage zurück, ob er sich denn umoperieren lässt, wenn ich es nicht okay  finde. Aber es macht mir nichts aus, denn er ist mir direkt sympathisch. 

Wir klären kurz die Suizidalität ab, ich erkläre ihm meinen Lebensvertrag. Ich sage ihm auch, wie furchtbar es heute war für mich. Er versteht das, sagt, dass ich auch zwischendurch jederzeit an seiner Türe klopfen kann, er versucht sich dann wenigstens ein paar Minuten Zeit zu nehmen um zu klären, was ich tun kann, wenn es grade kacke ist. Er sagt mir auch, an welche Stellen ich mich sonst wenden kann. Und fragt, wie meine ärztliche Untersuchung war. 

Abgesehen davon, dass die Ärztin sich als Arzt heraus stellte, war es ganz okay. Wir hatten zwar zwischendurch mal Verständigungsprobleme wegen der Medikamente, aber sonst war er nett. Bei der Untersuchung durfte ich die Kleider anlassen, er bat nur dass ich mal kurz hochhebe, damit er mit dem Stethoskop abhören kann, aber alles unter dem Pulli. Er fragt, ob er die Narben sehen kann. Auch, ob es mir was ausmacht, wenn er die Oberschenkel mal ankuckt wegen den Narben. Es war okay für mich, solange er nur kuckt. 

Morgen habe ich nur wenige Dinge auf dem Plan stehen und kann vermutlich auch schon am Nachmittag wieder heim. Dafür muss ich um halb 8 schon da sein zur Blutabnahme, juhu. N. hat angeboten mich zu fahren (die dritte Rettung heute), sonst hätte ich schon um 5.50 Uhr zuhause losfahren müssen. So ist es erst um kurz nach 7.

Nun rolle ich mich einfach nur noch ein und versuche zu schlafen. Ich bin durch. Völlig. 

Überforderung. 

Verschlafen. Radikal. Am ersten Tag der Tagesklinik. Fängt super an. In der Nacht lag ich 4 Stunden wach. Eins der Meeris zwitscherte wieder, nachdem ich aufgestanden und nachgeschaut habe war dann zwar Ruhe, einschlafen funktionierte aber nicht mehr. 

Meinen ersten Wecker stelle ich aus, in Vertrauen auf die anderen 3. Pustekuchen. N. rettet mich und fährt mich zur Klinik, ich bin noch halbwegs rechtzeitig da. Ich melde mich an und warte. Und warte. Und warte. Die Panik, für die heute morgen keine Zeit war, steigt auf. Anspannung. 50. 60. 70. 80. 90. Kurz vor 100 ziehe ich die Reißleine und werfe mir Bedarf ein. Ich sehne mich nach einer Rasierklinge. Nach einer ruhigen Ecke zum Verkriechen. Ich will mich auflösen, auf der Stelle. Überall sind Menschen, es laufen Patienten und Angestellte vorbei, Leute mit Koffern kommen rein, ich warte und warte. 

Irgendwann sammelt mich eine Frau auf, von der ich mittlerweile weiß, dass sie eine meiner Co-Therapeuten ist. Was auch immer das sein soll. Sie zeigt mir meinen Spint, den Ort an dem ich später zur Ärztin muss, den Speiseraum. Kurz darauf treffe ich einen Patienten, der mein Pate ist. Er ist nett und ungefähr in meinem Alter, begleitet mich erst zum Essen und zeigt mir dort alles. Ich will weg. Nur weg. Die ganze Klinik isst in einem Raum. Es ist voll und laut und zuviel. 

Danach zeigt er mir die Ergotherapie und die Physio, unseren Teamraum, den Aufenthaltsraum. Er verschwindet zur Therapie und ich sinke auf eines der Sofas in einer Ecke im Foyer. Ich will mich verstecken, verschwinden, verletzen. 

Es gibt keine Stationen hier. Nur Teams, denen werden die Patienten zugeteilt. Alles ist im ganzen Gebäude verteilt. Ich kann mir kaum merken, wohin wir laufen. Bin verwirrt mit den ganzen Fluren und Etagen. 

Ich warte auf den Termin bei der Ärztin. Hoffe, dass ich danach verschwinden kann. Nach Hause, in Sicherheit. Ich hoffe es wird besser in den nächsten Tagen. Ich hoffe, dass Routine eintritt, die Überforderung verschwindet. 

Doch gerade will ich mich einfach nur auflösen.