Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen.

Einige erinnern sich bestimmt noch an damals. Die Zeit, in der man mit einer Kassette im Fach vor dem Radio saß, den Finger über dem Aufnahmeknopf schwebend. Warten, warten, warten, bis das lang ersehnte Lied endlich kommt. Und dann quatsche der Radiomoderator zwischen rein! Daran muss ich gerade denken, als ich Musik von Youtube ziehe, um N. eine CD zu brennen. 

Damals. Ja, ich kenne noch den Zusammenhang von Stiften und Kassetten. Ich weiß auch, wie man eine Telefonzelle benutzt. Ich erinnere mich noch an das Geräusch, wenn das Modem sich ins Internet wählte. Ich habe Disketten benutzt, Briefe geschrieben, die Festnetznummern meiner Freunde auswendig gewusst, für Referate in der Bibliothek Bücher gewälzt. Ich erinnere mich an nur 3 Fernsehprogramme, an Schreibmaschinen und an das Gefühl, zum ersten Mal Google zu benutzen, zum ersten Mal eine SMS zu schreiben, zum ersten Mal einen mp3-Player in der Hand zu halten. 

Viele Erinnerungen aus meiner Kindheit fehlen mir. Die Erinnerungen, die ich habe, sind größtenteils schmerzhaft. Aber es gab da auch diese schönen Momente. 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals in der Bibliothek der Schule saß, aufgeregt, nervös, immer über die Schulter blickend, ob jemand sieht was ich am PC mache. Mein Deutschlehrer hatte mich beiseite genommen. Mich gebeten in der Mittagspause eine Runde mit ihm zu gehen. Ich war 14, es störte ihn nicht, dass ich beim Laufen eine Zigarette rauchte, er gab mir sogar Feuer. Seine Frau, meine Sportlehrerin, hatte mich eine Weile zuvor im Unterricht am Handgelenk gepackt und meinen Ärmel hoch geschoben. Die frischen Wunden und die Narben gesehen. Er erzählte mir, dass sie einen Bericht gesehen hatten. Über Selbstverletzung. Er gab mir einen Zettel mit einer Internetseite. Und nun saß ich da, nervös, und tippte die Buchstaben in die Adresszeile des Browsers. Und las. Und wusste nicht, was ich fühlen soll. Da waren Menschen, so viele Menschen, die fühlten wie ich. Die sich selbst verletzten. Ich war kein Alien. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass es, wenn überhaupt, nur wenige Menschen auf der Welt gab, die sowas machen. Mehrere Monate später meldete ich mich auf dieser Seite an. Und bin bis heute dort Mitglied. „Mein“ Forum. Bis heute gibt es mir oft Halt. Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben habe ich dort kennen gelernt. Es gibt Freundschaften, die seit Jahren bestehen, über Distanz und Krisen hinweg. 

Wenn ich versuche mich an schöne Erlebnisse meiner Kindheit zu erinnern, dann sind sie immer irgendwie getrübt. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, dass einfach nur positiv war. 

Da ist zum Beispiel die Klassenfahrt nach Frankreich. Marseille, Avignon, Saintes-Maries-de-la-Mer. Es war eine schöne Zeit. Obwohl meine Lehrerin im Vorfeld Bedenken hatte, denn sie wusste von der Selbstverletzung, von den Suizidgedanken. Doch sie ließ sich auf ein Gespräch mit meiner Therapeutin ein und war anschließend beruhigt. Mit der Absprache, dass ich während dieser Zeit nichts anstelle, konnte sie leben. Wir hatten viel Spaß. Ein Klassenkamerad betrank sich dermaßen, dass unsere Referendarin ihn mit Klamotten unter die Dusche setzte und ihm den Finger in den Hals steckte. Ein Lehrer trank etwas viel Wein und torkelte abends an uns vorbei, während wir Shisha rauchten an der Rhone, gegenüber der Pont d’Avignon. „Was rauchen Sie da? Ist da was drin? Dann wird das sofort konsumiert! Äh. Konsumiert! Nein. Konfisziert!“. Als ich in einem Café einen Café au lait bestellte, fragte die Bedienung auf Deutsch „Mit Milch?“ und wir fielen fast lachend von den Stühlen. Es war eine schöne Zeit. Doch es war alles getrübt von dem Wissen, dass ich zurück muss. Zurück zu meinem Vater. Und je mehr Tage vergingen, je mehr Spaß wir hatten, desto dunkler und trauriger wurde es in mit. Ich erlebte zum ersten Mal eine schöne Zeit, als Teenager mit Freunden, hatte Spaß, war weit weg vom Einfluss meines Vaters. Ich sah zum ersten Mal, wie ein Leben sein kann, wie die Leben meiner meisten Mitschüler auch zuhause waren. Es war genauso schmerzhaft wie es schön war. 

Meine erste große Liebe. P. war in meiner Klasse. Und obwohl ich wusste, dass ich Mädels toll fand und mich zu ihnen hingezogen fühlte, so mochte ich ihn auch, war verknallt, wusste noch nicht wirklich viel über Homosexualität und noch weniger über meine eigenen Neigungen. Wir verstanden uns, ich wollte Zeit mit ihm verbringen und machte irgendwann den ersten Schritt. Die erste große Liebe vergisst man nicht, so heißt es immer. Und so ist es auch. Und obwohl das Ende schmerzhaft war, so war es doch schön. Beim ersten Liebeskummer denkt wohl jeder, dass man daran stirbt. Doch die Erinnerungen daran, an die Beziehung, sind aus anderen Gründen schmerzhaft und getrübt. Mein Vater verbot mir diese Beziehung. Verbot mir den Kontakt außerhalb der Schule. Besuche, Anrufe. Und so zerbrach die Beziehung. 

Die erste wirklich freie und schöne Zeit erlebte ich mit 17 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch wenn in meinem Leben drumrum damals alles im Chaos war, die Inobhutnahme erst einen Monat vergangen, die Zukunft ungewiss, so war ich doch endlich frei von meinem Vater. Auch wenn es schmerzhaft war, weil ich mich schuldig fühlte, weil die Suizidgedanken mich umklammert hielten, weil vieles in mir einfach dunkel war, so hatte ich doch unglaublich schöne Momente, fühlte mich sicher. Und ich wusste, dass ich niemals zurück gehen werde. 

Bald ist es elf Jahre her. Elf Jahre sind dann vergangen seit jener Nacht, in der die Polizei und das Jugendamt da waren. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Frau G. in ihrem Auto saß. „Ich brauche eine Zigarette!“ sagte ich heulend und sie bot mir eine an. So saßen wir schweigend in ihrem Auto, beide rauchen, nur unterbrochen von meinem Schniefen. Sie fuhr mich in dieser Nacht zu meinem besten Freund. Am nächsten Tag kam ich zu meiner Notpflegefamilie. Saß heulend bei meiner Lehrerin Frau B. im Lehrerzimmer meiner Schule und erzählte, was passiert war. Wusste nicht, wie es weiter gehen soll. Wusste nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. 

Elf Jahre. So viel Zeit. Manchmal fühlt es sich an, als ob seitdem nur wenig anders geworden ist. Und doch… Es liegen Welten zwischen damals und jetzt. Ich bin frei. Vielleicht muss ich mir das viel öfter sagen. 

Seitdem sind da viel mehr Erinnerungen. Es sind nur noch wenige Löcher in meinem Kopf. Und die Erinnerungen sind nicht mehr durch und durch getrübt von der Dunkelheit, die mich zuhause erwartete während so vieler Jahre. 

Vor kurzem bin ich durch Zufall über ein paar Sätze gestolpert, die mich nachdenklich machten. Es ging um das leidige Thema aufräumen und Ordnung halten. Die Person erzählte, dass ihre Mutter immer alle Schränke ausräumte in ihrem Zimmer aus Wut und sie dann aufräumen musste und es ihr deshalb so schwer fällt. Beim Lesen tauchten Bilder in meinem Kopf auf. Die kleine Zitrone, weinend, inmitten von Dingen, während der wütende Vater Schubladen rausriss und auf dem Boden ausschüttete. Mit Drohungen, Beschimpfungen. Bis x Zeit, dass alles wieder in Ordnung zu bringen. Und ich beginne zu weinen, denn ich fühle den Schmerz des Kindes von damals. Und ich weine über diese „neuen“ alten Erinnerungen. Die ADHS-Diagnose erklärte einige Dinge. Und diese Erinnerungen erklären wohl den Rest. Mein Vater hatte immer schon eine Art der Ordnung und Sauberkeit, die mich als Kind wahnsinnig machte. Ein wenig von meinem eigenen Chaos im Zimmer war eine Rebellion dagegen. Und ich merke, dass all diese Dinge, die Rebellion, die ADHS bedingten Sachen und die Erinnerungen an das Aufräumen müssen mich bis heute beeinflussen. 

Solche Dinge bringen mich immer wieder zu der Frage, ob ich froh bin um die Dinge, an die ich mich nicht erinnere, oder nicht. So vieles wird auf einmal klarer und verständlicher, wenn solche Erinnerungen kommen, so schmerzhaft sie auch sind. Meine Kindheit und Jugend besteht aus mehr weißen Flächen und dunklen Löchern als aus Erinnerungen und ich weiß nicht, ob ich wirklich wissen will, was dort eigentlich schlummert. Aber letztendlich ist es auch keine Entscheidung, die ich bewusst treffen kann, denn ich kann nicht steuern ob und was plötzlich wieder auftaucht. 

Gleich werde ich mal Klamotten zusammen suchen und in die Maschine schmeißen. Wegen ansonsten nackt in die DBT-Stadt fahren und so. Und dann hüpfe ich in Kleider und fahre in die Stadt. Treffe mich mit N. und statte der neu eingerichteten Bücherei mal einen Besuch ab. Vielleicht hole ich mir einen Ausweis, je nach Angebot dort, mal sehen. Auf dem Weg zum Bus gehe ich bei der Post vorbei und bringe die Briefe weg. Später will ich hier noch ein wenig weiter Ordnung machen. Anfangen ein paar Dinge zu packen für meine Fahrt. Meine Medikamentenbox wieder bestücken. Leben. Atmen. Frei sein. 

Freiheit bedeutet sein wie ich bin, Freiheit heißt für mich Fehler machen wie’n Kind.
Und wenn’s sein muss, fall ich halt hin.
Doch ich steh wieder auf, Freiheit heißt zöger nicht, sondern lauf
Wenn du weißt was du willst, dann tu es, wenn nicht dann tust du es auch
Freiheit bedeutet frei sprechen, frei machen, frei bleiben
Mauern die, die Angst vom Versagen errichtet einreißen, Mut haben
Freiheit bedeutet auch zu enttäuschen, sich selbst zu erfüllen
anstatt die Erwartungen von anderen Leuten

Und als pusten noch half und es Drachen gab

Nicht nur ich habe Schlafstörungen, der Herr Kater auch. Nachdem ich letzte Nacht dran war scheint er nun dran zu sein, denn er macht die ganze Zeit nichts anderes als durch die Wohnung zu schleichen, sich auf einer Tüte zusammen zu rollen um dort zu schlafen, nur um dann 5 Minuten später über mich zu trampeln, auf den Schrank zu springen, sich neben mir zusammen zu rollen und dann das ganze wieder von vorne. Vielleicht hat er Werwolfgene und verspürt heute Nacht den Drang den Mond anzumiauen. 

Nach immer wieder unterbrochenem Schlaf ist es mir um kurz nach 3 dann zu doof. Ich stehe auf und werfe mir ein Oliven-Ciabatta in den Backofen, da mein Magen mich daran erinnert, dass seit Croissant und ein paar Bissen von Vs Dönerbox doch schon eine Weile vergangen ist. 

Also sitze ich mitten in der Nacht mampfend auf dem Sofa, während Kater ein paar Mücken jagt. Ich finde es nicht sonderlich schlimm, nachdem die erste Genervtheit über meinen unterbrochenen Schlaf verflogen ist. Es würde sich ja auch nicht ändern, wenn ich mich jetzt furchtbar aufrege (auch wäre ich doch nur öfter mal so schön rational…). 

In letzter Zeit träume ich häufig von der Gymnasialzeit. Von Mitschülern und Lehrern. Vielleicht, weil ich bald so nah an „dort“ sein werde wie seit 8 Jahren nicht mehr. Ich vermisse wenig von dort. Ein paar Menschen, die Spaziergänge mit dem Hund über die Felder und in das Tal, das mich immer ein wenig an Hobbingen erinnert hat. Und meine ehemalige Therapeutin. Aber sonst verbindet mich wenig mit der Gegend, in der ich fast 16 Jahre lang gelebt habe. Heimat war für mich nie jemals anders als hier. Dieses „ich bin angekommen“ – Gefühl stellte sich immer erst ein, wenn ich beim Blick aus den Auto- oder Zugfenstern meine Hauptstadt näher kommen sah. Wenn endlich der  Radiosender zu empfangen war, die Schilder nur noch wenige Kilometer zeigten, langsam die bekannten Orte und Straßen zu sehen waren. 

Ich habe die Freiheit immer geliebt, die ich hier hatte. In die Stadt gehen und bummeln, irgendwo rum sitzen, Dinge tun, ohne ständig kontrolliert zu werden. Mit meiner Schwester ins Kino gehen und sie auf dem Rückweg huckepack tragen, weil sie so müde war. Mit ihr zusammen mit den Inlinern am Fluss entlang fahren. Sie von der Schule abholen, weil ich schon Ferien hatte und sie nicht. Die Momente hier habe ich als Kind unglaublich genossen, mich frei und unbeschwert und glücklich gefühlt. Umso schlimmer war es dann zurück zu kehren. Wie oft saß ich im Zug und war so unglaublich traurig mit jedem Kilometer, der mich von hier weg trug. Manchmal hätte ich gerne einfach den nächsten Zug zurück genommen. 

Vielleicht kann ich irgendwann die schönen Momente meiner Kindheit sehen ohne die Dunkelheit dazwischen. Vielleicht kann ich das Bunt genießen und nicht an das Schwarz und Weiß denken. Vielleicht tut es irgendwann nicht mehr weh sich zu erinnern. 

Ich starte einen weiteren Versuch noch ein bisschen Schlaf zu bekommen. Der Kater liegt bei den Meerschweinchen und döst, mein Hunger ist gestillt und meine Augen beginnen wieder zuzufallen. 

Wir sind von Couch zu Couch gesprungen,
um der Lava zu entkommen 
und die Moorhuhnjagd war Trendsport am PC. 
Wir haben mit Asterix den Kampf in Gallien aufgenommen. 
Ich war dabei, warst Du dabei?

Monster verkriechen sich, die Schätze gehoben

Nach fast 3 Wochen wieder zuhause zu sein fühlt sich gut an. Mit dem Katerkind auf dem Schoß und der Schweinebande, die gerade Möhren knabbert, sitze ich im Wohnzimmer und werde wach. Das Wachwerden klappt seit der Reduzierung der Quetiapin deutlich besser, ich habe nicht mehr das Gefühl völlig ausgeknockt zu sein und schlafe trotzdem gut. Ab und an wache ich zwar nachts auf, aber meist schlafe ich direkt weiter. So wie heute Nacht, als der Zitronenkater um kurz nach 4 anfing mir ins Ohr zu miauen und unter mein Shirt zu kriechen. Der Herr ist seit ich wieder da bin sehr gesprächig, als ob er mir von jeder Einzelheit der vergangenen Tage erzählen mag.

Meine Wohnung hat die grandiose Fähigkeit sich in ein Schlachtfeld zu verwandeln, ob ich nun da bin oder nicht. Also werde ich heute wohl mal ans Aufräumen gehen, aber erst gegen Nachmittag oder Abend.  Um 1 bin ich mit J. verabredet zum Tee, ich freue mich schon drauf. Auch das Wochenende werde ich wohl zum großen Teil dazu nutzen, morgen will ich mit N. zu Rock gegen Rechts gehen, sonst steht nicht viel an. In der nächsten Woche muss ich dann wohl einiges an Kram klären. Mein Internet/Telefon pausieren lassen für die Zeit, in der ich nicht da bin. Meine Fahrkarte kündigen. Bei der Fluggesellschaft Terror schieben wegen der Entschädigung und der Erstattung der Kosten und dem Öffnen der Koffer und den dadurch entstandenen Schäden. Mir einen Plan schreiben, welche Dinge ich noch tun muss, was ich einpacken muss. Montags zur Therapie. Bei der Hausärztin anrufen wegen Impfungen. Den Reha-Antrag ausfüllen und wegschicken. Die Tage werden definitiv gefüllt sein. Aufbruchstimmung. Weitergehen.

Ich muss unwillkürlich an meinen Aufbruch damals denken, als ich so viele Kilometer weit weg ging und endlich wieder Zuhause ankam. Weg aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Zurück in mein geliebtes Bundesland, zu den Orten und Straßen, die ich so sehr liebe. Damals war nichts geplant. Es ging Knall auf Fall. Ich war 19, kurz vor meinem 20. Geburtstag, hatte eine stationäre DBT in Aussicht und wollte mit der Schule weiter machen. Mein Abi schreiben. Mein Großonkel starb und ich beschloss bei meiner Mutter zu bleiben, bis der Termin zur DBT anstand. Denn alleine Zuhause, mehrere hundert Kilometer entfernt, funktionierte nichts mehr. Ich ging nicht mehr vor die Türe, ich verletzte mich mehrfach täglich. Ich vergrub mich und die Tage vergingen wie in Watte. Doch es kam alles anders. Die Klinik verschob den Aufnahmetermin immer weiter und weiter. Die Zeit, die mir noch blieb,  um zurück in die Schule zu gehen und mich auf das Abi vorzubereiten, wurde immer kürzer und kürzer. Bis es schließlich zu spät war. Es schmerzte, es schmerzte unglaublich. Doch damit stand fest, dass es kein Zurück geben wird. An einem Tag ging es zu meiner Wohnung, meine Sachen kamen in den Transporter und es ging zurück. Nicht mal 24 Stunden dauerte es die Gegend zu verlassen, in der ich fast 17 Jahre gelebt habe.

Rückblickend war es die beste Entscheidung. Auch wenn es sich damals nicht so anfühlte. Zu krank um das Abitur zu schaffen, hängen gelassen von der Klinik (die sich übrigens nie wieder gemeldet hat für einen Termin), weg von meiner Therapeutin. Doch es war auch ein Weggehen von Erinnerungen, die schmerzten, von meinem Vater, es war ein Neuanfang. Bis ich wieder anfing zu leben, zurück in meiner Heimat, dauerte es eine ganze Weile. K. hat damals viel dazu beigetragen, der Beginn der Ausbildung, der Beginn einer neuen Therapie. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass ich völlig am Boden bin, so waren diese Tage und Wochen und Monate damals ein Tiefpunkt meines Lebens.

„Alles hat einen Sinn“ sagte meine ehemalige Vermieterin immer zu mir. Und sie hat Recht. Es kommt, wie es kommt und man muss damit umgehen und weiter gehen. Und rückblickend hat sich doch alles so entwickelt, wie es sich eben entwickelt hat, dass es nun so ist, wie es ist. Ich mag nicht großartig über ein was wäre wenn nachdenken. Früher habe ich das oft getan. Gedacht, dass alles so viel besser wäre nun. Doch vermutlich wäre es das nicht. Sogar ziemlich wahrscheinlich.

Der Zitronenkater schläft fest an mich gekuschelt und ich genieße es in Ruhe wach zu werden. Alleine. Bald werde ich mich anziehen und fertig machen und in Richtung Hauptstadt ziehen. Mit Musik auf den Ohren, einem Lächeln im Gesicht. Und Aufbruchstimmung in mir. Alles fühlt sich so sehr nach Veränderung an derzeit, es kribbelt ein wenig vor Aufregung und ich versuche die Angst und die Panik einfach auszuhalten. Es wird so kommen wie es kommt. Es bringt nichts sich nun schon Sorgen zu machen. Es ist okay Angst zu haben.

Weitergehen.

Immer und immer wieder weitergehen.

Niemals aufgeben. Niemals stehen bleiben.

Weitergehen.

Es gibt viel zu verlieren, du kannst nur gewinnen
Genug ist zuwenig – oder es wird so wie es war
Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders
Der erste Stein fehlt in der Mauer
Der Durchbruch ist nah, der Durchbruch ist nah
Der Durchbruch ist nah
Kein Ersatz – Deine Droge bist Du, bist Du

Life’s better now than it was back then

Während ich durch die Hauptstadt laufe auf dem Weg zu meinem Psychiater und in Gedanken beginne meine Sachen für die Klinik zu packen, fällt mir plötzlich auf, dass ich schon seit einiger Zeit nicht mehr ständig mit einer Klinge unterwegs bin. Quasi seitdem ich mein Handy in Reparatur gab. Denn die Klingen befanden sich grundsätzlich in der Handyhülle, die dann lange Zeit einfach zuhause lag und vor der Wiederbenutzung mal ausgeräumt wurde. Dabei fielen mir zwar die Klingen auf, aber ich räumte sie wie selbstverständlich einfach weg, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich ja eigentlich immer welche dabei habe. Das ist seltsam und neu, denn sonst war es immer ein Kampf sie auszuräumen. Schon damals vor 13 Jahren, als der Vertrauenslehrer mich fragte, ob ich sie ihm anvertraue. Dann waren da viele Momente, in denen ich es immer wieder versucht habe aber nie lange durchhielt ohne welche im Gepäck. Und diese Momente, die mich viel Überwindung kosteten, in denen ich sie J. in die Hand drückte.
In der Nacht habe ich von Selbstverletzung geträumt. Von den Klingen und dem feinen Schmerz und dem Blut. Als der Wecker zum ersten Mal klingelt fühle ich mich nicht in der Lage aufzustehen, ohne dass ich mich verletze. Also drehe ich mich nochmal um, drücke die Kuschelschildkröte, die meine erste Therapeutin mir schenkte, fest an mich und schließe die Augen. Der Zitronenkater macht es sich auf meinen Fußgelenken bequem, ich spüre die Vibration seines Schnurrens durch die Decke. Als der Wecker wieder klingelt ist es besser. Ich bleibe noch ein paar Minuten im Bett liegen, höre dem Radio zu, kraule den Zitronenkater, der mit seiner Nase in meinem Gesicht hängt und atme ein und aus. Der Gedanke an die Selbstverletzung und das Gefühl im Traum sind nicht verflogen, aber weniger intensiv und drängend.
Ich stehe auf, gehe ins Bad, gehe in die Küche und mache mir einen Tee, füttere den Kater und dann die Meeris, trinke meinen Tee, rauche, ziehe mich an und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt.
Während ich im Wartezimmer sitze mustere ich die Menschen. Neben mir sind 12 weitere Personen da. Alle deutlich älter als ich und ich überlege, warum sie wohl hier sind. Ob es psychische Ursachen hat oder sie neurologisch in Behandlung sind. Manchmal fühle ich mich unwohl, wenn ich im Aufzug stehe und die Etage drücke, neben der das Schild auf die Praxis hinweist. Ich frage mich, was die Menschen um mich denken, die in andere Etagen unterwegs sind. Im Sommer sieht man mir an, warum ich hier aussteige. Die Narben auf meinen Armen sprechen eine deutliche Sprache. Heute sehe ich aus wie eine normale junge Frau. Chucks, Jeans, die Weste einer Band, den Beutel über der rechten Schulter, die Kopfhörer in den Ohren. Ungeschminkt und mit bad hair day und Piercings im Gesicht. Ich würde nicht auffallen unter der Masse der Menschen in der Stadt. Doch mit dem drücken des Knopfs im Aufzug gebe ich viel über mich Preis. Genau wie im Sommer. Ich gebe Preis, dass ich einen Kampf kämpfe, den man nicht sieht, der aber deutliche Spuren hinterlässt. Ich gebe Preis, dass ich Libellen mag und Tattoos.
Während ich warte, dass mein Psychiater die Überweisung, Einweisung und Rezepte unterschreibt, muss ich an das erste Mal denken, den ersten Besuch hier. Das ist einige Jahre her und ich fühlte mich furchtbar und ängstlich zwischen all diesen Menschen, nicht wissend wie der Psychiater so ist, ob ich mit ihm klar komme. Heute bin ich froh, dass ich damals diese Praxis aufgesucht habe, denn ich liebe meinen Psychiater für seine Art und sein Fachwissen und seine Kompetenz, sowohl im therapeutischen als auch im psychiatrischen und neurologischen Bereich.
Auf dem Weg zurück nach Hause mache ich einen Abstecher in den Bahnhofsdrogeriemarkt. Als ich an den Klingen vorbei laufe muss ich kurz lächeln. Oftmals brachte allein der Anblick mich völlig aus dem Konzept. Oft habe ich genau hier an dieser Stelle eine Packung aus dem Regal genommen, bin damit zur Kasse und nach Hause. Mit dem Gefühl etwas verbotenes getan zu haben.
Die ersten Male Rasierklingen kaufen haben meinen Puls in enorme Höhen getrieben. Immer noch ein paar Sachen dazu, damit es vielleicht nicht so auffällt zwischen den anderen Dingen. Nie gleichzeitig Klingen und Verbandszeug.
Irgendwann wurde es ein wenig selbstverständlicher, auch wenn ich mich oft gefragt habe, was die Verkäuferinnen sich wohl denken. Ein junges Mädel, manchmal mit Verband am Arm, meistens jedoch mit langen Ärmeln, dass Klingen, Kompressen und Verband kauft. Damals wurde wenig darüber berichtet, heute hat fast jeder mal von Selbstverletzung gehört. Und ich muss an damals denken, den Moment vor 16 Jahren, an dem ich mir zum ersten Mal bewusst in die Haut schnitt und daran, dass ich damals dachte, dass ich völlig verrückt bin, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der sowas tut. Damals hatte ich kein Internet, im Fernsehen wurde nicht darüber berichtet, das Forum gab es noch nicht. Erst 4 Jahre später stieß ich in der Schulbibliothek im Internet auf das Forum, auf Menschen, die genau das selbe taten wie ich. Und fühlte mich so unglaublich erleichtert, zum ersten Mal verstanden. Und ich überlege, ob es etwas geändert hätte damals, wenn ich gewusst hätte was ich da mache, dass es dafür einen Fachbegriff gibt und dass ich durchaus nicht der einzige Mensch war, der das macht.
Später lernte ich dann Menschen persönlich kennen, die sich auch selbst verletzten. Zwei Klassen unter mir auf dem Gymnasium war ein Mädel, dass sich auch in die Arme schnitt. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie waren einige, die so versuchten mit ihren Gefühlen umzugehen. Mittlerweile habe ich viele wunderbare Menschen aus dem Forum getroffen, die ähnliche Kämpfe austragen. Ich weiß, dass ich eine von vielen bin. Es beruhigt einerseits, auf der anderen Seite schmerzt es, dass einfach so viele Menschen diesen Weg kennen lernen und nicht anders damit umgehen können.
Manchmal begegne ich Menschen mit eindeutigen Narben. Auf dem Weg durch die Hauptstadt, in der Bahn, auf Konzerten. Und oftmals blicken wir uns dann an und lächeln beide, weil wir wissen, dass der andere einen Krieg führt in sich.
Beim Warten auf den Zug läuft ein Mann an mir vorbei, mittleres Alter, Bierdose in der einen und Zigarette in der anderen Hand, die Haare schmierig und die Kleidung dreckig und ein übler Geruch nach Alkohol umgibt ihn. Er murmelt etwas von „diese Borderliner“ vor sich hin, als er mit einem Blick auf meine Arme, die mittlerweile sichtbar sind durch Ausziehen der Weste, an mir vorbei geht. Ich überlege, ob ich „diese Alkoholiker“ zurückmurmeln soll, lasse es dann aber und lächle einfach nur, was ihn deutlich irritiert. Auch in der Bahn und im Bus werde ich angestarrt, manche blicken nicht einmal weg, als sie bemerken, dass ich ihre Blicke bemerkt habe.
Auf dem Rückweg steige ich eine Station früher aus der Bahn, nehme den Bus zum ZOB und von dort aus weiter zum Supermarkt, der heute Fliegenschutz im Angebot hat. Fürs Schlafzimmer gibt es einen Rahmen mit stabilem Fliegennetz, damit Katerkind nicht durch das Fenster ausbüchsen kann und direkt auf der Straße steht. Das Küchenfenster kriegt ein normales Netz mit einer Ecke unbefestigt, damit Katerkind rein und raus kann.
Den Rest des Tages habe ich dann damit verbracht das Ding zusammen zu bauen. Ich bin handwerklich wirklich nicht unbegabt, aber die Anleitung hat mich schon zum Wahnsinn getrieben, das Sägen und Zusammenstecken (was mehr ein Zusammenhämmern war…) waren dann nicht wirklich besser. Nun ist das Ding aber am Fenster und hält auch Katerkind aus, meine Hände und Arme tun weh und ich bin erledigt.
Als ich das Fenster für einen winzigen Moment öffnete um zu messen, schlüpfte Katerkind an mir vorbei und war weg. Wunderbar. Genau dort, wo er nicht hin soll, direkt an der Straße, die durch eine Umleitung momentan relativ viel befahren wird. Also bin ich hinterher und habe ihn nach ein paar Minuten dann aus dem Gebüsch im Nachbarvorgarten geangelt, was er mit lautem Protest quittierte. Den ganzen Tag war das Fenster nach hinten zu Hof und Garten offen, dass fand er bei weitem nicht so spannend wie das Schlafzimmerfenster. Manchmal bringt er mich wirklich ein wenig zur Verzweiflung.
Den Rest des Abends verbringe ich nun entspannt auf dem Sofa mit TV. Es war wirklich genug für einen Tag, vor allem das blöde Netzding.
Morgen muss ich in die Apotheke und Tierfutter für 3 Tage besorgen, am Samstag werde ich dann ja Zuhause sein und abends zum Konzert fahren. Ich muss meinen Kram packen und will ein wenig Ordnung machen, bevor ich am Mittwoch weg bin. N. will am Abend vorbei schauen, ansonsten werde ich mir einfach viel Gutes tun und für mich sorgen. Das ist manchmal auch wirklich schwer genug.

If I could relive those days
I know the one thing that would never change

Und wenn ich auch laufe durch’s finstere Tal

In Stuttgart ist die lange Nacht der Museen. Und ich werde traurig. Denn ich war immer mit meinem Vater dort. Damals. Es scheint so lange her. Das waren welche von den guten Momenten, meistens. Nächte, die interessant und spannend waren, die schön waren. Und ich habe das Bedürfnis ihn anzurufen. Weil ich mich an die gute Seite in ihm erinnere, weil wir dann schöne Momente hatten. Ich kann das nicht in Einklang bringen mit seiner anderen Seite. Kann nicht klar kriegen, dass eine Person so völlig verschieden sein kann. Kann diese zwei Gesichter nicht miteinander in Verbindung bringen. Wenn ich an die guten Momente denke, dann vermisse ich ihn, will anrufen, will mit ihm telefoniert. Dann kommt die Erinnerung an die anderen Momente. Und dann hasse ich ihn. Und dann hasse ich mich, weil ich das Gefühl habe ihn nicht hassen zu dürfen. Chaos im Kopf. Bäh.

Der Tag war schön. Ich war mit einer Bekannten in der Hauptstadt, wir saßen in der Sonne und danach im Kino. „Raum“ handelt von einer Frau, die mit 17 entführt und in einen Raum gesperrt wird. 7 Jahre später schafft sie es mit Hilfe ihres 5jährigen Sohnes zu entkommen und mit ihm einen Platz in der Welt zu finden. Sehr bewegender Film, sehr toll gespielt.
Es war ein schöner Mittag und Abend und tat sehr gut. 🙂

Am Donnerstag war ich mit meiner Mutter nach einer Waschmaschine schauen. Wenn ich Glück habe wird sie nächste Woche geliefert und die alte wird mitgenommen. Hoffentlich, denn ich kann ja nicht waschen. Und muss auch sonst irgendwie den Kliniktermin verschieben.
Und vielleicht ist auch nächste Woche mein Handy endlich fertig.
Ansonsten war ich in den letzten Tagen nicht sonderlich produktiv, abgesehen von einkaufen und Krankenkasse entnervt fragen, was schon wieder mit meinem Geld schief lief. In der Nacht auf Freitag lag ich wach bis 5 und kam dann auf letztendlich knapp 90 Minuten Schlaf, bevor ich in die Klinik tapste und mich von I. verabschiedete für die nächsten 3 Monate bis sie wieder kommt. Sie wohnt nicht in Deutschland, sie einfach so besuchen fällt also aus.
Morgen werde ich mich auf den Weg zu Mama und Schwesterherz und Lieblingsschwager in spe machen und mit ihnen zusammen in den Zirkus gehen, das hat Mama sich gewünscht. Ich würde lieber zuhause bleiben und mich vor der Welt verstecken, aber vermutlich ist raus kommen besser. Auch wenn ich seit Ostern genug Mama hatte für die nächsten paar Wochen. Oder Monate.
Und nun werde ich aufräumen. Gegen das Chaos im Kopf. Oftmals hilft das, vielleicht habe ich ja Glück. Denn ich mag nicht heute noch heulend und mit einer Klinge im Bad sitzen, dafür war der Tag zu schön.
Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Schritt für Schritt und Skill für Skill.

Zuhause ist die Welt noch in Ordnung
Hier ist mein Unterschlupf im Krieg

Above all else, we choose to stay.

Als ich heute mit I. vor die Klinik tapste, die Ärmel noch hochgekrempelt, weil es drinnen warm war und wir auf die Bank plumsen, fragt eine Frau auf der Bank nebenan „Bist du Borderline?“. Ich antworte, dass ich nicht Borderline bin sondern Borderline habe, will schon ansetzen zu erklären, dass nicht jeder Borderliner sich verletzt und nicht jeder, der sich verletzt, Borderline hat, als sie mich mit „Warum tust du das?“ und einem Blick auf meine Arme unterbricht. Während ich noch überlege, ob ich ehrlich, sarkastisch oder gar nicht antworten soll, erwidert I.: „Um sich zu spüren.“ Und damit hat sie an sich eigentlich gar nicht mal so unrecht.
Im Laufe des Tages habe ich mich immer wieder gefragt, ob es eigentlich eine einfache Erklärung gibt für meine Selbstverletzung. Vermutlich nicht unbedingt. Eigentlich ist die Antwort ziemlich lang und kompliziert.
Denn im Grunde beginnt alles in den frühen Stunden eines Freitags im Februar Ende der 80er. Ich komme als erstes und einziges Kind einer damals schon bröckelnden Ehe auf die Welt. Als Kind einer Mutter Ende Zwanzig und eines Vaters Anfang Dreißig. Beide berufstätig, beide psychisch irgendwie vorbelastet. Weiter geht es drei Jahre später, als die Ehe endgültig auseinander bricht und der Vater mich mitnimmt zu Verwandten, einfach so, ohne die Zustimmung meiner Mutter, die sich seit der Scheidung das Sorgerecht mit ihm teilt. Was folgt ist ein schmutziger Sorgerechtsstreit, der mit unfairen Mitteln gekämpft wird und letztendlich meinen Vater als Sieger hervorgehen lässt. Also wachse ich bei meinem alleinerziehenden Vater auf, der dem Alkohol nicht abgeneigt ist, als Außenseiter unter gleichaltrigen, weil mich nicht die Mutter vom Kindergarten abholt und später dann zur Schule bringt. Weil ich keinen Kindergeburtstag feier und Freunde einlade, weil ich oftmals nicht nachmittags mit den anderen Kindern auf der Straße spiele. Und weil ich schon damals anders bin. Weil ich oft mit blauen Flecken auftauche, oft Bauchschmerzen habe oder mich übergebe.
Mit guten Noten komme ich aufs Gymnasium, bin immer noch ein Außenseiter. Ich vergrabe mich gerne in Buchseiten, träume mich oft in andere Welten, und bin immer noch die ohne Mutter, ohne Geburtstagsfeiern, diejenige, die nicht als Teenie im Jugendzentrum abhängt oder bis spät abends mit den anderen im Schwimmbad sitzt. Stattdessen bin ich irgendwann diejenige, die sich ritzt. Denn damit beginne ich 11 Jahre nach meiner Geburt, weil ich das Gefühl habe den Schmerz und die Angst und Verzweiflung nicht mehr auszuhalten. Und obwohl ich versuche es zu verstecken fällt es auf. Beim Umziehen zum Sport, wenn ich in Ungedanken den Ärmel hochschiebe, weil jemand es gesehen hat und weiter erzählt. Schon früh habe ich mir Wunden immer wieder aufgekratzt, die Fingernägel so weit abgefummelt, bis es blutete. Und irgendwann saß ich an einem Kunstprojekt, das Teppichmesser in der Hand, und fand plötzlich die Idee mir damit in die Haut zu schneiden extrem verlockend. Und plötzlich war da Erleichterung, die mich durchströmt. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Ballon, der zuviel aufgepustet wurde, nicht mehr wie ein wandelndes Etwas ohne jegliche Gefühle. Es fühlt sich gut an, erleichternd, lebendig. Und es tut nicht weh. Von da an ist es mein Ventil, mein Weg mit dem Leben klarzukommen. Wenn mein Vater wieder mal getrunken hat, wenn er mich wieder mal geschlagen hat, wenn er mir wieder mal erklärt hat, wie nutzlos und fett und unfähig ich bin. Wenn er mir wieder mal verboten hat meine Mutter und meine mittlerweile geborene Halbschwester zu besuchen. Wenn ich in der Schule mal wieder alleine in der Pause stand. Wenn die anderen mal wieder begeistert von einer Geburtstagsfeier erzählten.
Mit 13 beginne ich zu schreiben, beginne Worte zu finden für das Grauen in mir, für die Angst und die Verzweiflung und die Suizidgedanken. Die Selbstverletzung bleibt. Als ich mit 14 heimlich eine Therapie beginne bleibt das Schreiben ein Weg meine Gefühle auszudrücken. Und so schreibe ich meiner Therapeutin regelmäßig die Dinge, für die mir in der Therapie die Worte fehlen, schreibe Zeile um Zeile auf Papier und bringe ihr das Chaos aus Gedanken und Gefühlen mit. Drei Jahre lang schaffe ich es so zu überleben, schaffe den Alltag und die Schule und die Therapie irgendwie, schaffe es die Schläge und die Worte meines Vaters durchzustehen, schaffe es die Sehnsucht nach meiner Mutter und meiner Schwester auszuhalten. Mit Schreiben und Schneiden, vom Teppichmesser bin ich mittlerweile zu Rasierklingen umgestiegen.
Dann findet mein Vater einen Brief an meine Therapeutin, als er meine Sachen durchsucht. Er wird wütend und trinkt und wird wütender und trinkt mehr. „Ich bringe dich um.“ Diese Worte werde ich nie vergessen. Er sagt sie mir ins Gesicht, dreht sich um und geht ins Wohnzimmer um noch mehr zu trinken. „Wenn ich gleich wieder komme schlage ich dich tot.“ Diese Worte schaffen, was vorher jahrelang unmöglich war. Ich fliehe. Ich klingel Sturm beim Nachbarn und hämmer gegen die Tür. Im Schlafanzug, heulend, zitternd. Jahrelang versuchte meine Therapeutin erfolglos mich dazu zu bewegen endlich dort raus zu gehen. Es blieb immer die Angst vor seiner Reaktion und seine Worte. „Wenn du mich alleine lässt bringe ich mich um.“ Aber ihn zu sehen, ihn sagen zu hören „Ich bringe dich um.“, das fegte alles beiseite und lies nur die pure Angst um mein Leben zurück. Zitternd und heulend sitze ich also beim Nachbarn. Höre meinen Vater aus der Wohnung kommen. Höre ihn klingeln. Ich flehe heulend, dass sie die Türe nicht aufmachen dürfen. Ich höre ihn gehen, höre ihn draußen nach mir suchen. Ich rufe meine Therapeutin auf dem Handy an. Und dann kommt alles ins Rollen. Der Rest der Nacht und auch die folgenden Tage fliegen an mir vorbei. Die Polizei, die vorbei kommt und mit mir redet. Der Polizist, der mich in die Wohnung begleitet, um ein paar Sachen zu packen, mein Vater, der im Wohnzimmer sitzt, umgeben von Polizisten und immer wieder stammelt, dass er nicht wisse was los ist. Die Frau vom Jugendamt, die mich bei meinem damals besten Freund absetzt, mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass alles gut wird. Meine Lehrerin in der Schule, der ich erkläre, was passiert ist, und dass ich nicht weiß wie es weitergehen soll. Wieder die Frau vom Jugendamt, die mich zu einer Notpflegefamilie bringt. Mein Gefühlschaos, dass ich auch durch schneiden nicht los werde. Meine Angst vor meinem Vater, meine Wut mir gegenüber, weil ich ihn alleine lasse. Die Worte meiner Therapeutin, die nicht wirklich bei mir ankommen. Der Tag, an dem ich wieder in die Schule gehe und die Blicke der Lehrer und Mitschüler.
Vier Wochen später stehe ich das erste Mal vor einer Psychiatrie. Irgendwann lerne ich meine Pflegefamilie kennen und ziehe nach der Entlassung aus der Psychiatrie dort hin. Es folgen zwei Jahre voller Höhen und Tiefen. Ich verletze mich zum ersten Mal so tief, dass es genäht werden muss. Mit 19 ziehe ich aus diversen Gründen aus. Stürze ab, lande tief in der Depression, in der Selbstverletzung. Ich ziehe zu meiner Mutter. Atme, lebe, kämpfe, schneide. Irgendwann habe ich das Gefühl angekommen zu sein. Ich beginne meine Ausbildung, ziehe mit meiner Freundin zusammen, ziehe die Ausbildung durch und verletze mich insgesamt wenig. Ich mache Therapie und grabe irgendwann aus, dass mein Vater mir noch viel mehr angetan hat. Und vor nun gut einem Jahr brach ich völlig zusammen. Es gab keinen speziellen Grund, es war eher mehr der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Und daran ist nicht dieser einzelne Tropfen Schuld, sondern die ganzen anderen, die das Fass gefüllt haben.
Und warum schneide ich nun? Vielleicht gibt es darauf keine adäquate Antwort. Vielleicht liegt die Antwort ziemlich nah an „Weil ich überlebt habe.“. Vielleicht mit dem Zusatz, dass ich noch immer brauche um zu verstehen, dass weder Gefühle noch Leere mich umbringen. Weil ich vielleicht noch nicht in der Sicherheit angekommen bin, in der ich mich befinde. Weil es schwer ist etwas aufzugeben, dass einem half zu überleben. Weil es manchmal so viel leichter ist als konstruktiv zu sein. Es ist eine Mischung aus all dem und aus meiner Geschichte. Es gibt keine einfache Antwort darauf.
Fakt ist einfach, dass ich noch lebe. Dass ich kämpfe und atme und meinen Weg gehe. Und irgendwann werden die Schnitte weniger werden, irgendwann werde ich sie nicht mehr brauchen, um zu überleben. Daran glaube ich und daran halte ich mich fest. Und auch wenn ich oftmals einfach aufgeben möchte, wenn ich oftmals an allem zweifel und weine und schreie und schneide, so geht es doch weiter. Immer.

Und ich habe wieder twloha-Worte im Kopf.
Hope is real.
Your story is important.
No one else can play your part.

Above all else, we choose to stay. We choose to fight the darkness and the sadness, to fight the questions and the lies and the myth of all that’s missing. There is much not missing. We choose to stay, because we are all stories still going. Because there is still some time for things to turn around, time to be surprised and time for change. We stay because no one else can play your part.

Life is worth living. We’ll see you tomorrow.

 

 

Weil man nur bleibt, wenn man auch glaubt

Draußen regnet und stürmt es und ich war gerade einkaufen. Das Duschen habe ich mir für heute also gespart. Ein Regenschirm hätte wenig gebracht, denn durch den Sturm regnet es aus allen Richtungen, nur nicht von oben. Und lange hätte ein Schirm das auch nicht überlebt. Nun bin ich wenigstens stolz, dass ich trotz dem Wetter draußen war und sitze eingekuschelt in meine Decke auf dem Sofa, meine Klamotten habe ich über die Heizung gehängt.
Ich habe in der Klinik angerufen und einen neuen Termin gemacht (am 16. geht es zu einem neuen Intervall) und überlege, ob ich morgen in die Hauptstadt fahre, um beim Psychiater Rezept und Einweisung abzuholen. Nachher will ich ein wenig Wii spielen, damit ich mich mal bewege (denn raus ist eben heute nicht drin), ich sollte mein Geschirr spülen und Wäsche waschen und ein wenig aufräumen.
Ansonsten plagt mich die berühmte Leere. Ich weiß nichts mit mir anzufangen, ich weiß nicht wie ich mich fühle. Vermutlich ist es ganz gut, dass ich nächste Woche wieder in die Klinik gehe.
Katerkind schleicht die ganze Zeit miauend unter der Lampe rum und springt immer wieder auf Tisch, Regale und die Meerivilla, er will unbedingt in meine neue Lampe krabbeln. Warum auch immer. Wenn man ihn hochhebt steckt er den Kopf rein und versucht mit den Pfoten irgendwo Halt zu finden. Sie scheint ihn auf jeden Fall zu interessieren.
Im Umkreis wurden alle Rosenmontagsumzüge abgesagt. Bei dem Wetter auch kein Wunder, die meisten Menschen wären vermutlich eh nicht aus der Haustüre raus.
Ich muss an die Fastnacht denken, die ich als Kind und Jugendliche erlebt habe. An die Fasent. Ich bin aufgewachsen in dem Landkreis, der als Hochburg der schwäbisch-alemannischen Fastnacht gilt. Und dort ist prinzipiell fast jeder in der Narrenzunft. Ich war von klein an in der Garde. Irgendwann fand ich es nur noch anstrengend und habe es nur weiter gemacht, weil mein Vater es wollte und eben alle mitmachten. Training ab dem Sommer für zwei verschiedene Tänze, die ersten Auftritte im Januar und dann natürlich noch die Umzüge. Oftmals stundenlang, erst ewiges warten, bis es endlich los ging und dann noch die Strecke laufen, danach Auftritte mit den Tänzen. Quasi jedes Wochenende von Januar bis Aschermittwoch war verplant. Schlimm war irgendwann auch, dass alle anderen ohne Eltern mitfuhren und bei mir immer der Vater mitging. Ob ich wollte oder nicht. Irgendwann habe ich es geschmissen, nach viel Geheule und Geschrei.
Heute bin ich froh, wenn ich nicht allzu viel von dem Rummel mitbekomme, auch wenn es hier völlig anders ist als damals. Hier wird sich einfach irgendwie verkleidet, in der schwäbisch-alemannischen Fasnet haben alle Verkleidungen (das Häs) eine lange Tradition und stellen verschiedene Figuren dar. Die Tradition und die Verkleidungen fand ich schon immer schön, nur jahrelang selber drin stecken war einfach anstrengend. Jede Zunft hat verschiedene Gestalten, davon hat jede einen eigenen Ruf, den man als Zuschauer vervollständigen muss, damit man etwas von ihnen bekommt. Die Hexen oder andere „böse“ Gestalten treiben Unfug ohne Ende, sie schnappen einen und tragen einen mit, werfen einen in einen Wagen mit Heu, binden einem die Schnürsenkel zusammen oder stecken einen in diese tollen Tannenbaumeinpackmaschinen, so dass man nachher eingeschnürrt wieder heraus kommt. Und es wird unglaublich viel getrunken. Die Fasnet wird eingeleitet, indem man die verschiedenen Figuren erweckt, genau so werden sie am Aschermittwoch wieder verbrannt bzw. dort hin geschickt, wo sie her kommen.
Hier beginnt der Spaß am Donnerstag und endet am Mittwoch. Absehbar und aushaltbar. Und man kann sich hier, im Gegensatz zu dort, gut davor verstecken und die Zeit verbringen, ohne allzu viel mitzubekommen.
Morgen will ich eventuell mit K. und S. zu einem Umzug, falls das Wetter morgen anders ist als heute. Ansonsten werde ich morgen nicht wirklich vor die Türe gehen. Außer eventuell zum Psychiater.
Eigentlich ist das Wetter perfekt, um in der Wohnung etwas zu tun. Wenn ich jetzt noch irgendwo ein Paket Motivation finden würde, dann wäre es perfekt.
Vielleicht fange ich mit ein paar weniger wichtigen Dingen an, die ich erledigen muss und finde so einen Anfang.
Ein wenig weiter häkeln will ich auch noch. Das wird aber vermutlich eher etwas für heute Abend vor dem TV. Also muss ich mich nun eben motivieren etwas zu tun, mich vom kuschlig warmen Sofa zu bewegen und Ordnung zu schaffen. Wenn ich mal dran bin ist es okay, nur bis ich anfange brauche ich eine Menge Zeit. Vielleicht sollte ich für ein paar Tage mal meine Medis erhöhen, dann würde ich vor lauter Unruhe wahrscheinlich wieder meine ganze Wohnung putzen. Aber man spielt ja nicht mit Medikamenten.
Also werde ich eben weiter mit mir kämpfen, damit ich das alles auf die Reihe kriege. Bäh.
Wenigstens brachte meine Waage mich heute morgen zum lächeln. Trotz dem Kuchengelage und dem Futteranfall nach den Dipis zeigte sie etwas wenig an.

Solang‘ das Eis uns noch trägt.
Solang‘ der Körper sich bewegt.
Solang‘ die müden Beine tragen und der Mut den Zweifel schlägt, werden wir tun, was wir können.

We said someday we’d find out how it feels

In letzter Zeit muss ich oft an meine Schulzeit denken. Nicht, weil sie besonders schön war, sondern weil manche Erinnerungen einfach kommen. Vielleicht ist es dieses „die Seele ist bereit dafür“. Meine Schulzeit habe ich, genau wie so viele Dinge, vor 8 Jahren mit meinem abrupten und schnellen Wegzug aus BaWü einfach von mir weggeschoben.
Es gibt nicht viele schöne Erinnerungen an die Jahre auf dem Gymnasium. Es fing schon damit an, dass ich nur eine von drei Schülern aus der Grundschule war, die es aufs Gymnasium geschafft haben. Damit brachen meine damals bestehenden Grundschulfreundschaften (und das waren auch nur wenige) quasi auseinander. Mit den anderen zweien hatte ich mich noch nie allzu gut verstanden und sie bildeten ein Duo in das keine weitere Person passte. Dazu kam, dass ich eben nicht „cool“ war. Ich hatte keine Markenklamotten, kein Handy, war pummelig, kam schon immer besser mit Jungs aus als mit Mädels. Damit eckte ich eben an. Zu dem verkorksten Verhältnis zu Essen meines Vaters habe ich ja schon mal geschrieben, mein Verhältnis war und ist davon so sehr beeinflusst, dass es eben auch nicht gesund war und ist. Essen war eine Belohnung. War ich (in seinen Augen) lieb, dann bekam ich Essen, war ich es nicht, musste ich ohne Essen ins Bett. Habe ich nicht mindestens einmal Nachschlag verlangt, dann war ich undankbar. Und er beleidigt, weil er gekocht hatte und ich es nicht würdigte. Mein Vater hat immer viel Fleisch gekocht, viel fettig. Und auch generell viel Geld für Essen ausgegeben. Von den teuren Dingen durfte ich immer nur wenig essen und er die Hauptmenge. Selber kochen durfte ich nicht, mir nur Sachen warm machen. Und dann galt, dass ich es auch leer essen muss. Ist schwer, wenn man als Kind eine Dose Ravioli oder ähnliches vor die Nase gestellt bekommt und sie ganz leer essen soll, als eine Mahlzeit. Habe ich mal Pausenbrot wieder mit nach Hause gebracht gab es gewaltig Ärger. Und so verschwand einerseits alles Gefühl für richtige Mengen und Hunger, andererseits auch jedes Bewusstsein für gesunde Ernährung. Essen wurde zur Belohnung, wenn etwas nicht gut lief, zum Seelentröster, wenn es mir schlecht ging. Und irgendwann wurde essen und kotzen zum Ventil. Erst in den letzten Monaten kriege ich es hin langsam einen gesunden Umgang mit Essen zu finden. In den letzten Jahren gab es immer mal wieder gute Phasen, aber auch Phasen in denen es einfach gar nicht ging bis hin zum anderen Extrem: nichts mehr essen. Oftmals auch, weil alte Missbrauchserinnerungen triggerten und alles im Mund und Schlucken einfach gar nicht ging. Wenn ich extrem angespannt bin, dann geht essen immer noch nicht, aber damit kann ich ganz gut leben. Immer wieder habe ich versucht abzunehmen, weil ich mich einfach nicht wohlgefühlt habe, immer wieder ist es an meinem kaputten Verhältnis zum Essen gescheitert. Langsam bin ich auf einem guten Weg, versuche gesund und anständig zu essen und vor allem auch regelmäßig und fühle mich besser. Naja, soviel dazu.
Während meiner Zeit auf dem Gymnasium hatte ich eigentlich nur eine Freundin während der ersten Jahre. Ohne sie wäre vieles sicherlich noch viel schlimmer gewesen. Mobbing war an der Tagesordnung, ich habe mich nicht wohl gefühlt in meiner Klasse. Etwas besser wurde es, als ich damals mit meinem ersten Freund zusammen kam. Ich wurde in seinem Freundeskreis mehr oder weniger anerkannt und fühlte mich nicht mehr so sehr als Außenseiter. Nach der Trennung war es schwer, aber es ging. Als meine beste Freundin dann die Schule verließ habe ich mich wieder einsam gefühlt, auch wenn ich mittlerweile ein paar andere Mitschüler hatte, mit denen ich mich gut verstand. Dennoch war ich immer wieder die Außenseiterin, besonders als wir in das Alter kamen, in dem man mal wegging oder abends zusammen irgendwo rumhing. Ich war immer noch uncool, keine tollen Klamotten, kein Handy, und weggehen durfte ich auch nicht. Genauso wenig durfte ich Freunde mit zu mir bringen. Und dann sickerte irgendwann durch, dass ich die Verrückte bin, die sich selbst verletzt. Da war es dann ganz vorbei. Dann war ich das Mädchen, dass in einer Pflegefamilie wohnt, dass Mädchen, dass in der Psychiatrie war. Als ich dann aufgrund der gesundheitlichen Fehlzeiten die 12. Klasse wiederholen musste war es vorbei. Keine Freunde, Mobbing, Angst vor der Schule, mein Körper spielte verrückt und ich habe so oft gekotzt oder mit Migräne im Bett gelegen, weil die Psyche einfach meinen Körper so sehr beeinflusste.

Immer noch bin ich der Meinung, dass es die richtige Entscheidung war damals alles dort abzubrechen und hinter mir zu lassen und zurück in meine Heimat zu gehen. Alles andere hätte mich über kurz oder lang kaputt gemacht, noch kaputter als sowieso. Und es war auch gut in Bezug auf meinen Vater, denn erst seitdem schaffe ich es wirklich Distanz zwischen uns zu bringen und mich auch sicherer zu fühlen.
Doch manchmal, so wie eben in den letzten Tagen, ist die räumliche und zeitliche Distanz zu damals einfach weg und ich fühle mich wieder wie mit 11, 14 oder 16, fühle den Schmerz von damals und die Angst. Es gibt eine Hand voll Menschen aus der Schulzeit, die mir fehlen und an die ich ab und an mal denken muss. Mit dem Rest will ich nichts mehr zu tun haben, will nicht daran denken und nicht daran erinnert werden. Ich bin froh, dass ich ihnen hier nicht einfach mal so über den Weg laufen werde, bin froh, dass ich sie hinter mir gelassen habe. Und irgendwann wird auch das leichter werden.
Und es ist fast egal um welche Dinge aus meiner Vergangenheit es geht, es beginnt und endet bei meinem Vater. So viele Dinge, die ich in den Jahren bei ihm erlebt habe, beeinflussen mich bis heute. Auch wenn ich an vielem arbeite und manches auch recht erfolgreich „bekämpft“ habe, so würde ich ihm immer noch so gerne für diesen ganzen Kram einfach mit irgendwas richtig gewaltig eine überziehen. Aber auch das würde nichts ändern, nur mein Bedürfnis danach befriedigen.

Mein Tag heute war schön. Ich freue mich immer V zu treffen und mein Katerkind mochte ihn auch. Nachdem ich ihn bis zum nächsten Bahnhof begleitet hatte bin ich noch in den Supermarkt gefallen, damit ich für ein paar Tage versorgt bin. Für Montag ist hier ein halber Weltuntergang angekündigt mit Sturm von 110 km/h. Die Rosenmontagsumzüge werden eventuell abgesagt. Finde ich persönlich nicht schlimm, ich hatte eh nicht vor mich in die Nähe eines solchen zu begeben.

Every memory of looking out the back door
I had the photo album spread out on my bedroom floor
It’s hard to say it
Time to say it
Goodbye, goodbye
Every memory of walking out the front door
I found the photo of the friend that I was looking for
It’s hard to say it
It’s time to say it
Goodbye, goodbye

Ich spüre diese Kraft, sie ist ein Teil von mir. 

Bei um- und aufräumen findet man ja oft alle möglichen Dinge. Mir ist mein Tagebuch in die Hände gefallen. Direkt am Anfang steht groß „ich will nicht mehr“. Das war am 6.12.2002. Ich war 13. Zu der Zeit habe ich mich schon fast 2 Jahre selbst verletzt. Ich schreibe von meinem Vater. Das ich ihn doch liebe. Der Eintrag endet mit „aber er mich…?“.
Ich schreibe davon, dass ich aufhören will mich zu verletzen. Schreibe, dass ich es wieder getan habe. Schreibe, dass ich eine Woche ohne geschafft habe. Schreibe von mehrmals täglich verletzt. Ich schreibe über meinen ersten Liebeskummer, über Freundschaft. Über meinen Vater. Immer und immer wieder sind Worte verwischt, weil ich beim schreiben geweint habe. Ich schreibe, dass ich nicht mehr leben will, schreibe davon, dass ich keine Kraft habe etwas zu tun, dass ich dem Unterricht nicht mehr folgen kann, dass ich nicht schlafen kann. Und immer und immer wieder von Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich schreibe davon, dass ich eine Therapie machen will, mein Vater aber dagegen ist. Ich schreibe von Terminen beim Jugendamt, davon, dass ich da raus will, mich aber nicht traue. Davon, dass ich heimlich beginne zur Therapie zu gehen. Schreibe von der inneren Leere, die mich quält, vom Schneiden, dass diese Leere wenigstens eine Weile vergehen lässt. Schreibe davon, dass das schneiden immer schlimmer wird. Dass ich nicht mal mehr ein paar Stunden ohne aushalte, sondern mich während den Schulstunden auf der Toilette selbst verletze, um den Tag durchzustehen. Da war ich 16. Ab da ist jeder Eintrag voller Suizidgedanken, voller Schneidedruck, voller Schmerz. Im Mai 2006 stehen dann da ganz groß die erlösende Worte: „Der Beginn eines neuen Lebens.“ Was ich schreibe verändert sich. Ich schreibe von der Schwierigkeit bei meinem Vater raus zu sein und damit klar zu kommen. Dass ich trotz allem, was geschehen ist, darunter leide ihn alleine zu lassen. Dann kommt die Zwangseinweisung. Ein paar Wochen später dann die freiwillige stationäre Therapie. Ich schreibe von der Angst vor der neuen Pflegefamilie, von den Einschränkungen und von dem Tag, an dem ich endlich von der Station darf ohne Begleitung vom Personal.
Dann kommt die Zeit, in der alles doch irgendwie schwerer wird. Zwei Zwangseinweisungen, die ersten Wunden, die genäht werden müssen. Ständige psychosomatische Krankheit und Fehlen dadurch in der Schule. Die nächste Zwangseinweisungen, 3 Wochen auf der geschlossenen. Der Auszug in eine eigene Wohnung. Und dann der totale Zusammenbruch ein Jahr vor dem Abi, weil ich immer und immer wieder vertröstet werde in Tübingen bei der DBT, weil letztendlich klar wird, dass es sich so weit verschiebt, dass ich mein Abitur nicht mehr schreiben werden kann, weil einfach alles zusammenbricht. Mein Tagebuch endet 2009 damit, dass ich ungeplant alle Zelte in BaWü abbreche, mich von keinem verabschiede, meine Sachen packe, meine Meeris schnappe und zurückkehre in meine Heimat.
Damals habe ich dann angefangen zu bloggen.
Es ist merkwürdig diese Dinge zu lesen. Es fühlt sich an, als ob es ein ganz anderes Leben wäre, dass da beschrieben ist, und doch weiß ich immer noch, wie ich in meinem Bett saß, so oft heulend, und diese Worte geschrieben habe. Ich erinnere mich an die ersten Schnitte, damals mit dem Teppichmesser, dann an die Schnitte mit dem Skalpell aus dem Badezimmerschrank und letztendlich daran, dass ich mit zitternden Händen und voller Panik zum ersten Mal Rasierklingen gekauft habe. Ich erinnere mich an den Schmerz und die Verzweiflung, wenn mein Vater mich wieder beschimpft und geschlagen hatte, an die Erleichterung, die das schneiden brachte und an das Gefühl, dass ich selber Schuld sei an allem, was er mir antut. Ich erinnere mich an die Angst, als mein Klassenlehrer anrief und meinem Vater sagte, dass er ihm rät mich bei einer Therapeutin vorzustellen. An die Erleichterung, als ich endlich einen Ort hatte, an dem ich alles erzählen konnte und eine Person, die mir glaubt. An die Wut auf meinen Vater, als er sagte, dass ich da nicht mehr hin darf. Denn die Therapeutin hatte es durchschaut. Hatte ihn durchschaut, hatte erkannt, dass nicht ich verrückt bin und Dinge erfinde, sondern dass er mich wirklich so behandelt und ich schwer traumatisiert bin. Ich erinnere mich an die Angst, als ich das erste Mal ohne sein Wissen zu ihr fuhr und erzählte, dass wir in diesen Stunden Mittagsschule haben. Und an die unglaubliche Erleichterung und den Halt, den mir diese Stunden gaben.
Und (und das finde ich eine unglaubliche Entwicklung, denn es war so lange unvorstellbar) ich werde wütend und sauer. Nicht auf mich, sondern auf ihn, für all die Dinge, die er getan hat. Auch wenn ab und zu immer noch in meinem Kopf ist, dass ich selbst Schuld dran sei, so weiß ich heute, dass es nichts auf der Welt gibt, dass Gewalt gegen Kinder rechtfertigt, ich weiß, dass er eine Straftat damit begangen hat (eine? Haha.), dass er nicht im Recht war mit seinen Worten und Taten. Manchmal schmerzt es noch, dass da kein Kontakt mehr ist. Manchmal denke ich, dass ich ihm dieses oder jenes gerne erzählen würde. Manchmal bin ich traurig, weil ich mir einen Vater wünsche, der für mich da ist, mich unterstützt und mir doch wenigstens einmal in meinem Leben sagt, dass er stolz auf mich ist. Und dann kommen die ganzen Erinnerungen und ich bin froh, dass ich ein neues Leben habe, dass ich ein selbstbestimmtes Leben habe ohne ihn darin. So schwer es manchmal fällt, aber ich brauche diesen Abstand, denn sonst lebe ich in ständiger Angst vor ihm und vor dem was er als nächstes tut oder sagt. Ich will ihn nicht in meinem Leben, solange er nicht ehrlich bereut. Und er hat sich so oft entschuldigt und am nächsten Tag dann wieder zugeschlagen, dass ich ihm nie wieder glauben kann, wenn er sowas sagt. Ich will ihn nicht sehen und nichts von ihm hören, will endlich frei sein und frei leben können. Und irgendwann will ich auch frei sein von den Worten, die bis heute so tief in mir festsitzen. Frei sein von „du bist nichts wert“, von „du kannst nichts und wirst nie was erreichen“, von „du faules Stück“, „du fette Schlampe“ und „du wirst nicht mal Putzfrau werden können“. Frei von den ganzen Sätzen, die bis heute in meinem Kopf schwirren, die es mir bis heute schwer machen stolz auf mich zu sein oder mir Gutes zu tun. Und frei von der Angst vor ihm. Ich will frei sein von allem, dass mit ihm in Zusammenhang steht und ich werde das auch schaffen. Chakka! Schritt für Schritt und Tag für Tag. Ich weiß, dass ich die Kraft dazu habe. Und jetzt werde ich mir Gutes tun.
Graadselääds! 🙂

Ich geh‘ nie mehr zurück, das ist Vergangenheit.

Ich bin frei, endlich frei, 
und ich fühl‘ mich wie neugeboren. 
Ich bin frei, endlich frei, 
was es war, ist jetzt vorbei. 

Und das war er also, der heilige Abend. Tag 1 von 3 ist vorbei.
Ich liege in Mamas Bett und will schneiden. Will weinen. Will in die Küche gehen, im T-Shirt, ihr meine Arme hinhalten und laut rufen „da, das hat er mir angetan, so schlimm war es und ist es immernoch.“ Stattdessen verstecke ich meine Narben weiterhin unter langen Ärmeln, sage ihr ruhig, dass ich nichts von ihm hören möchte, wenn sie wieder somit anfängt, lächle wenn meine Schwester von Weihnachtsfesten erzählt, die ich nicht miterleben durfte, lächle, wenn sie von Weihnachten bei unserer Oma und unserer Uroma spricht, von so vielen Momenten, in denen ich nicht da war, in denen ich innerlich schreiend bei ihm saß und meine Familie so furchtbar vermisste.
Ich will schneiden, weil der innerliche Schmerz so furchtbar ist. Ich will schneiden, weil ich das Gefühl habe das nicht auszuhalten. Doch ich versuche mich zusammen zu reißen, versuche mich abzulenken, denn unbemerkt komme ich heute Nacht nicht in ein Krankenhaus. Und ich weiß, dass ich es nicht schaffen würde nur oberflächlich zu schneiden.
Ich habe meine Medis genommen und hoffe, dass sie bald wirken. Wenn nicht werfe ich Bedarf hinterher. Ich kuschel mich in die Decke, die nach Mamas Waschmittel riecht, kuschel mich an das Pummeleinhorn, dass meine Schwester mir geschenkt hat, versuche meine Gedanken bei der Folge walking dead zu lassen, die läuft, versuche es auszuhalten indem ich es hier aufschreibe.
Manchmal zerreißt es mich fast, wenn ich weiß, dass die Mutter, die ich jahrelang vermisst habe und so sehr gebraucht hätte, hier direkt nebenan ist. Oder sonst auch nur einige Kilometer entfernt. Es zerreißt mich, das zu wissen und auf der anderen Seite zu wissen, dass sie das eben nicht kann. Meine Vergangenheit verstehen, akzeptieren und mittragen. Mich tragen. Da sein, so wie eine Mutter da sein sollte. Und dann könnte ich wieder weinen und will ihr meine Arme unter die Nase halten, will sie schütteln, anbrüllen, ihr sagen wie sehr ich sie bräuchte und wie wichtig es wäre, dass sie endlichendlichendlich akzeptiert was er mir angetan hat und ihn nicht ständig in Schutz nimmt und alles schön redet.
Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass sie das nicht kann und wahrscheinlich auch nie können wird. Vielleicht muss ich das akzeptieren, genauso wie ich damals akzeptieren musste, dass er nicht der Vater sein kann, den sich ein Kind wünscht.
Ich will nur heil durch diese Nacht kommen. Durch diese und die nächste, durch die Tage, bis ich mich wieder nach Hause in meine 4 Wände flüchten kann, in meine Sicherheit.