You must fight just to keep them alive

Nachdem ich das vorhin mit der Freiheit schrieb fallen mir ständig Sachen ein, bei denen ich keine Freiheit hatte.
Daheim bleiben, wenn ich krank war. So richtig krank.
Sagen, dass eine 0,5 l Flasche niemals für einem ganzen Schultag reicht (der ab und an ja auch mal bis 5 Uhr ging).
Mein Pausenbrot wieder mit nach Hause bringen.
Selbst kochen oder backen. Nur etwas warm machen war okay.
Jemanden anrufen. Und schon gleich 3 Mal nicht meine Mutter. Einzige Ausnahme: die Oma jeden Sonntag.
Essen worauf ich Lust hatte und wann ich will. Gegessen wird was auf den Tisch kommt und auch genau dann.
Freunde einladen.
Freunde besuchen. So ohne Grund. Bei schulischen Dingen dann doch, aber widerwillig.
Mit Freunden unterwegs sein.
Später nach Hause kommen als direkt nach der Schule.
Raus gehen wenn ich wollte, manchmal nach viel betteln war es okay.
Am Wochenende laut sein. Denn er musste ja mittags schlafen. Später fand ich das toll, weil ich in der Zeit meine Ruhe hatte. Als kleines Kind ist das eine Qual, sich alleine und mucksmäuschenstill drinnen zu beschäftigen wenn die anderen Kinder draußen spielen.
Meine Meinung sagen.
Widersprechen.
Daheim bleiben anstatt mit einkaufen zu fahren.
Einen Freund haben.
Meine Mutter besuchen.
Abends im Bett lesen.
Duschen oder baden. Das gab es nur sonntags.
Mehrmals in der Woche die Kleider wechseln.
Kleider dreckig machen.
Meine Tante toll finden.
Etwas positives über meine Mutter sagen.
Fernsehen.
Eine Therapie machen.
Weinen.
Den Teller nicht leer essen.
Eine schlechte Note schreiben.
Ein Handy haben.
Internet haben. Selbst als ich es für die Schule brauchte.
Menschen, die mein Vater nicht leiden konnte, grüßen.
Filme schauen, die ich schauen mag. (scheiß Babyprogramm, wenn am Sonntag Kinderfilme liefen. Mit 8 kann man ja auch locker schon Erwachsenenfilme schauen…)
Mich über Post von meiner Mutter freuen.
Mich weigern schon um 6 ins Bett zu gehen, weil ich „nicht lieb“ war.
Ihm nicht jeden Abend zuhören und zustimmen, dass alle Menschen gegen ihn sind und ihm schlechtes wollen.
Mich schminken. Davon gehen ja die Kontaktlinsen kaputt.
Mir die Nägel lackieren.
Etwas aus Versehen kaputt machen.
Alleine zum Arzt gehen.
Nicht direkt reagieren wenn er was will.
Zwischen den „normalen“  Mahlzeiten etwas essen, weil man Hunger hat.
Darauf hinweisen, dass die Spülmaschine seit Jahren unbenutzt da rum steht und ja eigentlich fürs spülen eingebaut wurde.
Im Auto vorne sitzen.
Haustiere haben.
Ihn alleine was machen lassen ohne zu helfen oder dabei zu sein. Und wenn ich nur daneben stand.
Über meine Probleme und Sorgen reden.
Sagen, dass alle anderen Kinder dies oder jenes haben und mich auslachen, weil ich es nicht habe.
Sagen, dass ich meine Mutter vermisse.
Einen einzigen Fehler machen beim Schreiben von Karten zu irgendwelchen Anlässen, oder es wagen nicht akkurat auf einer Linie zu schreiben.
Mich mal eine Weile in mein Zimmer verkriechen und alleine sein.
Angst haben, wenn ich als Kind alleine war.
Sagen, dass man Kinder nicht schlagen darf.
Sagen, dass ich doch gar nichts getan habe, was es rechtfertigt verprügelt zu werden.
Weinen, wenn ich geschlagen werde.
Kritisieren, dass er so viel Geld für Alkohol und Tabak ausgibt und dann sagt, er hat kein Geld etwas zu kaufen.
Irgendwo Dreck oder Unordnung hinterlassen.
Mit dem erwachsenen Sohn des Nachbarn draußen sitzen.
Nach Hause wollen, wenn wir unterwegs waren.
Unterwegs etwas zu trinken oder zu essen wollen, wenn es seiner Meinung nach nicht angemessen war.
Etwas innerhalb der festgefahrenen Rituale ändern.
Einen Kindergeburtstag feiern.
Meine Zimmertür schließen.
Einfach so etwas kriegen oder selbst kaufen, weil man es haben möchte, ohne bestimmten Anlass.
Mich um mich selbst und meine Probleme kümmern anstatt um seine.
Liebeskummer haben.
Vom Mobbing erzählen.
Wild rumtoben.
Etwas lustig finden, dass er nicht lustig findet.
Um eine Schmerztablette bitten.
Die Pinzette benutzen.
Die Badezimmertür zusperren.

Ich könnte vermutlich endlos so weiter machen.
Es gibt Momente und Regeln und Vorschriften, die haben sich so in mein Gedächtnis eingebrannt, dass sie immer und immer wieder mein Handeln bestimmen, bis heute.
Zum Beispiel, als eine Klassenkameradin mit meiner Brotdose in der Grundschule Schnee schaufelte und sie dabei zerbrach. Natürlich habe ich sie zerstört, mutwillig, und muss dafür bestraft werden.
Oder als die Fliese in der Küche einen Sprung hatte, weil er betrunken irgendwas fallen ließ. Das war natürlich ich und er schlug so lange zu, bis ich zugab etwas getan zu haben, dass ich nie getan hatte.
Oder als ich mir den Arm brach und mir gesagt wurde, ich soll mich nicht so anstellen, bevor wir nach stundenlangen Schmerzen endlich mal ins Krankenhaus fuhren.
Oder als er damals sagte, dass ich nie wieder zu dieser Therapeutin gehen werde.
Oder diese ganzen Momente, in denen er mir erklärte, wie faul, nutzlose, wertlos und unfähig ich sei. Und gestört. Wie meine Mutter.
All diese Nachmittage, an denen ich mich nicht mal getraut habe zu husten, aus Angst, dass er aufwacht und sauer wird.
Oder als er mir mit voller Wucht auf einem Fest auf meinen kleinen Kinderfuß trat, weil ich gerne noch etwas zu trinken wollte.
Oder als ich weinend im Auto saß, weil meine Mutter nur 30 Minuten entfernt war, ich aber nicht zu ihr durfte. Ist schließlich zu weit und dauert zu lange.
Oder die ganzen Tage, an denen ich Ausreden erfinden musste. Länger Schule. Projektarbeit. Eine AG. Nur damit ich heimlich zur Therapie fahren konnte.

Wenn ich mein Tagebuch von damals aufschlagen würde, es ist voller solcher Momente. Voll mit dem Schmerz einer Jugendlichen, die in einer absurden Welt lebt, die einfach nur unberechenbar ist. Voller Sätze wie „ich habe wieder geschnitten“ oder „ich will sterben“. Voller Geheimnisse, die ich vor meinem Vater haben musste, um irgendwie zu überleben.

Menschen die oft verletzt wurden, sind gefährlich, denn sie wissen wie man überlebt!

Und jetzt drehe ich die Musik auf und singe laut dazu und genieße es, weil ich weiß, dass du dich darüber aufgeregt hättest. Ätsch!

Rising up, back on the street
Did my time, took my chances
Went the distance, now I’m back on my feet
Just a man and his will to survive

Ein neuer Kampf, ein neuer Tod

Wie vor ein paar Tagen schon mal geschrieben: selbst triggern kann ich mich echt gut.
Ich bin auf einer bekannten social media – Seite rumgeturnt. Dann von dem Freund mal auf einen von seinen geklickt, dann weiter, dann da mal drauf… Und schwupps. Da war er. Der Sohn meiner ehemaligen Tagesmutter. Seine Augen sehen immer noch aus wie damals. Kalt. Böse. Sie machen mir immer noch Angst.
Wie jemand, der eigentlich selbst noch jugendlich ist, auf die Idee kommt einen Menschen so zu quälen, ihm so weh zu tun, bis heute ist mir das nicht begreiflich. Es war nicht nur Missbrauch, es war auch Folter, meinte ein Fachmensch mal zu mir. Und bis heute habe ich Angst vor ihm, Angst, dass er mich findet.
Deswegen habe ich ihn schon vor Jahren, als das mit dem social media Kram so anfing, blockiert. Aber er hat scheinbar ein neues Profil.
Er sagte damals, dass er mich umbringt, wenn ich jemandem davon erzähle. Und es gab viele Momente, in denen ich dachte, dass er mich wirklich umbringt. Manchmal wache ich noch auf und schnappe nach Luft, weil ich davon träume, wie er mir ein Kissen aufs Gesicht drückt. Wie er meinen Kopf unter Wasser hält. Wie er mit seinen Händen meinen Hals packt und zudrückt. Wie er ein Seil immer fester zuzieht. Ich habe bis heute oftmals Angst, wenn ich darüber rede, dass er mich finden wird. Auch wenn es absurd ist, wie soll er denn erfahren, dass ich es jemandem erzähle? Aber er hat es so oft gesagt, immer und immer wieder, dass es einfach schon fest in meinem Kopf sitzt. Auch wenn es nun schon so lange vorbei ist.
Vorbei. Es ist vorbei. Und alles in meinem Kopf, in meinen Gefühlen, die Anspannung und der Druck, die Suizidgedanken gerade, sie werden auch vorbei gehen.
Diese Nacht werde ich wohl auch wieder mit Licht verbringen. In der Hoffnung, dass die Dämonen der Vergangenheit sich davon abhalten lassen.

Du zeichnest die Konturen von Türen mit Kreide an die Wand
Stößt sie auf und rennst ins Dunkel mit dem Messer in der Hand
Du ziehst in immer neue Kriege und es ist doch die selbe Schlacht
Ich hab so viele dieser Träume mitgekämpft und mitbewacht

Und ich häng hier auf Halbmast

Manchmal habe ich eine Auszeichnung in der Kategorie „mich selbst triggern“ verdient. Ich habe auf Google Maps geschaut, welche möglichen Spazierwege es hier so um mich rum gibt und wie weit sie sind.
Und dann kam ich auf die absolut glorreiche Idee mir dort auch die Orte anzuschauen, an denen ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Ich finde es immer noch direkt auf der Karte. Von Stuttgart aus nach Südwesten, immer mehr Ortsnamen, die mir bekannt sind. Bis ich dort gelandet bin. Da ist das Gymnasium, auf das ich gegangen bin. Dort das Schwimmbad, in dem ich schwimmen gelernt habe. Da der kleine Kiosk, in dem wir nach der Schule so oft Halt gemacht haben. Da der Zigarettenautomaten, aus dem ich meine ersten Zigarettenpäckchen gezogen habe.
Dann die Straße entlang. Über die Brücke, an der Kreuzung nach rechts, der Straße folgen. Da ist der Ort, in dem ich gewohnt habe. In dem ich zum Kindergarten und zur Grundschule ging. Da das Haus, in dem wir gewohnt haben, bis ich ungefähr 10 war. Da hinten das Haus, in das wir dann gezogen sind. Die riesige Wiese hinten dran, auf der ich so viele Stunden verbracht habe.
Die Burgruine, die ich als Kind erkundet habe.
Und auf der anderen Seite des Flusses das Haus meiner ehemaligen Tagesmutter. Der Ort, an dem ihr Sohn mir so oft zu nahe kam, so oft meine Grenzen ignorierte.
Zurück auf die andere Seite. „Unsere“ Wohnung. Wie viele Stunden habe ich heulend im Bett gelegen. Wie viele Stunden habe ich schlaflos und voller Angst verbracht. Wie oft habe ich geweint und geschrien und wollte nur sterben. Wie oft habe ich die Klinge angesetzt und mir über den Arm gezogen.
Ich weiß ganz genau, dass es mich triggert sowas zu tun. Ich weiß ganz genau, dass direkt wieder Erinnerungen hoch kommen, wenn ich die ganze Orte sehe. Und trotzdem mache ich es. Trotzdem schaue ich mir die Orte an. Trotzdem schaue ich mir Bilder von Selbstverletzungen an. Trotzdem höre ich Lieder, die alte Erinnerungen wecken. Trotzdem, trotz allem. Früher wollte ich ganz bewusst in einen Zustand kommen, der die Selbstverletzung „rechtfertigt“. Aber das ist schon lange her. Mittlerweile weiß ich gar nicht, warum ich das eigentlich tue. Ich weiß nur, dass ich eigentlich weiß, dass es mir nicht gut tut.
Nun ist es passiert und ich muss das Beste daraus machen. Mir Finalgon auf den Arm schmieren. Mich vollpflastern. Mich in meine Kuscheldecke wickeln und puzzlen. Vielleicht stelle ich mich auch gleich in die Küche und koche mir was. Vulnerabilität verringern ist im Prinzip genauso wichtig wie die Skills. Ausreichend bewegen, ausreichend essen, ausreichend schlafen. Und Essen klappt mehr schlecht als recht. Oder ehrlich gesagt einfach gar nicht.

Immerhin habe ich es heute hin gekriegt raus zu gehen, eine Runde über die Felder zu drehen. Um die 3 km bin ich gegangen und es tat gut. Morgen will ich wieder raus, will vor die Türe, will meinen Kopf frei kriegen.

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Heute bleibt mir nichts anderes mehr übrig als Schadensbegrenzung zu betreiben. Durchhalten, weiter atmen, ablenken, skillen. Ich will es schaffen, ohne mich zu verletzen. Zur Not rufe ich später in der Klinik an. Vorher probiere ich aber mal alles an Skills durch was mir so einfällt. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei.

Vielleicht kann ich irgendwann wieder schlafen
Ohne irgendwas zu nehm’n
Und vielleicht gibt’s irgendwo da draußen
Für mich ein neues Leben
Aber sich das vorzustell’n
Ist grad das Schwerste auf der Welt

Who needs a heart when a heart can be broken?

Wie schon geschrieben, krank sein macht Anspannung. Vielleicht weil krank sein immer schlecht war, weil nicht erwünscht. Vielleicht, weil mein Körper damals nach der Inobhutnahme alles mitgenommen hat was ging, von Erkältungen über Magen-Darm-Infekte bis zur Virusgrippe. Vielleicht auch einfach, weil ich mich so matschig fühle.
Außerdem rückt Weihnachten unaufhaltsam näher und ich mag liebsten auswandern. Ich weiß nicht, wie viele Weihnachten ich in meiner Kindheit und Jugend bei meiner Mutter verbringen durfte, wirklich erinnern kann ich mich an 3. Dafür erinnere ich mich noch zu gut an das Gefühl eigentlich in der gleichen Stadt bei meiner Oma zu sein, aber nicht zu meiner Mutter zu dürfen. Die Ausrede meines Vaters war ja immer, dass die Fahrt so weit und teuer ist. In solchen Momenten war das dann nur noch irrsinnig, denn wir waren ja schon fast da. Aber nein. Genauso durfte meine Mutter mich nicht abholen, dann hätte sein Argument ja auch keinen Sinn mehr gemacht.
Und Weihnachten bei meinem Vater war auch immer so eine Sache. Meistens hatte er getrunken (wann hat er das auch mal nicht…) und war dadurch noch anstrengender als eh, dann natürlich über die Geschenke meiner Mutter gemeckert, mir oft noch nicht mal erlaubt anzurufen. Genau wie Silvester. Wenn ich auf alles geachtet habe, kein falsches Wort, kein falscher Blick, keine falsche Bewegung, dann war es durchaus schön. Aber die kleinste Kleinigkeit brachte es zum kippen. Und die Tatsache, dass meine Mutter und meine Schwester so viele Kilometer entfernt waren machte es auch nie besser.
Und selbst wenn ich dann zu meiner Mutter durfte („warum willst du zu Weihnachten/Silvester da hin, du warst erst zu Ostern dort!“) hatte ich ein unglaublich schlechtes Gewissen, weil mein Vater allein war. Er hat mir auch davor, währenddessen und danach immer wieder erzählt wie schlimm es sei Weihnachten/Silvester alleine zu verbringen. Wie ich mich dabei gefühlt habe war einfach egal, wie immer. Und jedes Jahr um diese Zeit muss ich an damals denken. Und ich muss mit mir selbst kämpfen, dass ich ihn nicht anrufe oder ihm schreibe, weil ich mir so Vorwürfe mache ihn mal wieder alleine zu lassen. Und dann denke ich mir, dass er absolut keine Rechte an mir hat, nur weil er an meiner Zeugung beteiligt war. In mir kämpfen dann Gefühle gegen Verstand, bisher habe ich es mehrere Jahre geschafft standhaft zu bleiben und ich will es auch weiterhin schaffen. Ich weiß, dass der Kontakt mit ihm schlimmer wäre für mich als das schlechte Gewissen. Und trotzdem schleicht es sich immer wieder in die Gefühle und Gedanken. Ich frage mich immer wieder, was all diese Dinge, die ich erlebt habe, erleben musste, mit der Liebe eines Vaters zu tun haben, die er doch immer predigte.
Und wenn ich an Weihnachten denke werde ich gleichzeitig auch wütend, weil ich es eigentlich mag wenn alles weihnachtlich geschmückt ist, wenn es nach Zimtwaffeln und Bratäpfeln riecht und das Jahr sich langsam dem Ende zuneigt. Aber all das Schöne geht unter, weil die Erinnerungen an ihn das ganze so unglaublich trüben. Vielleicht eine Aufgabe für dieses Jahr: mir immer wieder sagen, dass es vorbei ist, dass ich Weihnachten und Silvester mittlerweile so verbringen kann wie ich es möchte.

Ich habe es geschafft zu schlafen und zu essen. Das ist schon mal viel wert. In letzter Zeit habe ich immer mehr das Gefühl, dass mein Essverhalten langsam krankhaft wird. Manchmal ewig nichts essen, dann wieder zu viel, dann wieder nichts. Gekotzt habe ich, bis auf einmal in der Klinik nun (und das auch nicht unbedingt wegen Essen sondern wegen Druck), schon länger nicht mehr. Und es soll auch besser so bleiben. Ich will in der nächsten Zeit neue Rezepte ausprobieren, wieder viel schnibbeln und frisch kochen. Vielleicht wird es dann besser.

Ich war vorhin noch kurz bei meiner Nachbarin oben, jetzt hänge ich auf dem Sofa. Und damit meine ich wirklich hängen. Ich fühle mich ziemlich wie ein Zombie, der Blick in den Spiegel hat mir gesagt, dass ich auch so aussehe.
Haushalt und den Kram habe ich auf morgen verschoben. Falls es mir dann besser geht. In den letzten Jahren habe ich meinem Körper eigentlich nie die Möglichkeit gegeben sich anständig auszukurieren, sondern immer mit Medikamenten nachgeholfen oder eben trotzdem weiter gemacht wie im gesunden Zustand. Das will ich ändern. Selbstfürsorge, hab ich das heute nicht irgendwo schon mal erwähnt?
Und dazu gehört auch, dass ich gleich wohl wieder in mein Bett kippe. Ich hoffe ich kann schlafen und muss nicht ständig Nase putzen. Medis also mal ne Stunde früher nehmen, Kuscheldecke um mich wickeln und hoffentlich schlafen können. Doofes Kranksein.

I’ve been takin‘ on a new direction
But I have to say
I’ve been thinkin‘ about my own protection
It scares me to feel this way

Fuck you, fuck you, fuck you.

Oftmals sagte meine Therapeutin „Schreiben Sie ihm“. Ein Brief, der nicht abgeschickt wird, keine Struktur braucht, eine Möglichkeit das Chaos, die Wut und den Schmerz loszuwerden. Oft habe ich angefangen, es aber nie zur einem Ende gebracht.
Es gibt so vieles, dass ich gerne schreiben würde. So viele Dinge, die in meinem Kopf und meinen Gefühlen sind, für die aber einfach die Worte fehlen. Es gibt so viele Augenblicke, so viele Momente, an die ich mich noch erinnern kann.
Mit 13/14 Jahren hatte ich meinen ersten Freund. P. ging mit mir in die selbe Klasse, er saß im Unterricht an dem Tisch neben mir. Wir haben oft Briefchen geschrieben über den langweiligen Unterricht, sogar eine Geheimsprache entwickelt.
Irgendwann gestand ich ihm meine Liebe und er mir seine. Ich war furchtbar verliebt damals, furchtbar glücklich. Er war bei mir zu Besuch, ich bei ihm. Lange habe ich gekämpft, dass er zu mir kommen darf. Eines Abends lagen wir zusammen in meinem Bett. Ich ohne Tshirt, er auch. Als du es gesehen hast bist du ruhig geblieben, bis P. weg war. Danach kam das Donnerwetter, die Schläge. Ich habe geheult, stundenlang. Als P. später anrief wie jeden Abend hast du ihm verboten jemals wieder zu kommen, jemals wieder anzurufen, und ich durfte auch nicht mehr zu ihm.
So endete unsere Beziehung dann auch bald. Weg gelassen hast du mich eh nie, auf keine Feiern und Feste. Und ohne telefonieren, ohne gegenseitige Besuche, tja. Somit hattest du meine erste Beziehung zerstört, meine erste große Liebe. Oft lese ich irgendwo, dass man die erste Liebe nie vergisst. Meine Erinnerungen daran sind aber geprägt i. von deinen Schlägen, von deiner Gewalt und deiner Wut.
Dann war da dieses eine Mal, bei dem du die Fernbedienung  gesucht hast. Du fragtest immer und immer wieder, wo ICH sie denn hingemacht hätte. Als ich irgendwann antwortete, dass ich sie ja wohl nicht gefressen habe, bist du ausgeflippt, wie so oft. Schläge, bis ich irgendwann behauptete, dass ich sie hatte aber nicht mehr weiß wo sie ist. Du hast oft auf mich eingeschlagen, bis ich irgendwas zugab, dass ich eigentlich gar nicht getan hatte. Letztendlich tauchte die verdammte Fernbedienung unter deinem Stapel auf dem Schreibtisch auf. Natürlich hatte ich sie da hingelegt, nicht du. Deine Fehler hast du so gut wie nie eingestanden.
Irgendwann, ich war noch im Kindergarten, hast du mir ein blaues Auge geschlagen. Warum weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich so gut daran, weil du damals wolltest, dass ich lüge. Ich sollte erzählen, dass der Gurt im Auto kaputt sei und ich beim bremsen gegen den Vordersitz geknallt bin. Es ging eine lange Zeit so, dass ich diese Lüge erzählen musste, denn immer wieder fragte jemand nach, ob der Gurt repariert sei.
Ich weiß nicht wie viele Male du mir erzählt hast, dass ich nichts wert sei. Eine Schlampe, eine doofe Kuh, nichts würde ich jemals schaffen, außer Putzfrau zu werden. Du hast mich immer mit I. verglichen, einer Klassenkameradin. Sie war ja so hübsch und klug und sowieso bestimmt eine viel bessere Tochter als ich. I. ging relativ früh mit schlechten Noten vom Gymnasium ab, hat soweit ich weiß bis heute keinen Schulabschluss und keine anständige Ausbildung. Aber trotz allem war sie immer besser, hübscher, klüger, toller. Wie sehr sowas einem Kind wehtut, dass war dir völlig egal.
Brachte ich eine 3 nach Hause war direkt klar, dass aus mir nichts wird. Dass ich dumm bin, nichts kann. War es eine 2, dann hätte es ja besser sein können. Und bei einer 1 hieß es, dass andere das auch schaffen, das wäre keine Leistung. Ich konnte also tun was ich wollte.
Wie oft hast du mich in mein Zimmer geschickt. Ohne Mittag- oder Abendessen.
Essen war für dich sowieso wichtig. Dass ich bestimmte Sachen nie mochte war dir dabei egal. Dass der Geschmack mich zum würgen und erbrechen brachte auch. Ich musste es dennoch essen. Wollte ich etwas nicht, so war das für dich der direkte Beweis, dass ich ein undankbares Stück Dreck bin. Wollte ich keinen Nachschlag, dann war es natürlich nicht lecker und ich also direkt wieder undankbar.
Und so habe ich bis heute Probleme mit dem Essen. Oftmals ist es ein totales Chaos, manchmal esse ich bis mir schlecht wird und übergebe mich, manchmal esse ich tagelang kaum etwas. Essen war „Zuhause“ gleichbedeutend mit Liebe. Böses Kind, kein Essen. Gutes Kind, Essen. Kein Nachschlag, böses Kind, kein Essen. Nachschlag, gutes Kind, also gibt es Essen. Deine verquere Welt ist so tief in mir verwurzelt, dass es mir selbst nach fast 10 Jahren Freiheit ohne dich noch schwer fällt aus diesen Mustern auszubrechen.
Du hast dich immer beschwert, dass ich viel zu wenig helfe. Meine Wäsche durfte ich nicht selbst waschen, das könnte ich schließlich nicht. Habe ich gekocht oder gebacken meintest du immer, dass man nun die Küche renovieren müsste. Habe ich geputzt, war es natürlich nicht sauber, weil ich das nicht richtig mache. Deinen unterschwelligen Putzzwang habe ich immer schon mit Chaos im eigenen Zimmer bekämpft. Und bis heute finde ich pure Ordnung furchtbar, denn bei dir war das immer gleichbedeutend mit steril und „bloß nichts anfassen“.
Und dann gibt es noch diese unzähligen Momente, in denen du mir an den Po gefasst hast, drüber gestreichelt hast, selbst als ich schon ein Teenie war. Ich habe so oft gesagt ich mag das nicht, ich will das nicht. Aber für dich war ich dein Eigentum, schließlich hast du dazu beigetragen, dass ich auf der Welt bin und mich groß gezogen, also darfst du auch tun was du willst. Und das war mehr als nur den Po anfassen.
Wenn irgendwas nicht so lief wie du es wolltest, meistens nachdem du mich verprügelt hattest und ich unerklärlicherweise weinte, hast du mir immer gedroht mich zu meiner Mutter zu schicken. Denn ich sei ja genauso bekloppt, gestört, unfähig, doof. Diese Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen.
Für mich war das die Drohung schlechthin, denn du hast mir jahrelang eingeredet, dass die psychisch gestört ist und nicht in der Lage ein Kind aufzuziehen. Und deine Manipulation hat auch bewirkt, dass ich dir geglaubt habe, dass sie mich überhaupt nicht liebt.
Und was auch immer zog war die Drohung, dass du dich umbringst wenn ich nicht mehr bei dir lebe. Denn schließlich würdest du mich über alles lieben, ich wäre das Beste auf der Welt, das einzig wichtige. So hast du mich aber nie behandelt.
Also habe ich immer gesagt, dass ich mich bessere (dabei habe ich nie was getan, was deine Gewalt rechtfertigen würde), gebettelt bei dir bleiben zu dürfen.
Hättest du deine Drohungen doch bloß wahr gemacht. Mein Leben wäre anders verlaufen, ich wäre jetzt vielleicht nicht ganz so kaputt wie ich es eben bin.
3 Jahre lang ging ich in Therapie bevor die Freiheit kam, 3 Jahre lang sagte mir meine Therapeutin immer und immer wieder, dass ich da raus muss. Aber meine Angst war einfach zu groß. Die Angst vor deiner Reaktion, wenn das Jugendamt ein Gespräch mit dir sucht, die Angst vor dir, wenn wir danach wieder alleine sind und du wieder wütend wirst.
Mein Körper ist voller Narben. Verlorene Kämpfe, die ich bis heute gegen mich führe. Ich bin kaputt. Du hast mir meine Kindheit und meine Jugend genommen und zerstört. Ich musste immer auf der Hut sein vor deiner verqueren Welt, in der die Dinge, die gestern noch richtig waren, im heute zu unberechenbaren Ausbrüchen führten.
Ja. Es gab auch schöne Momente. Aber was bringen schöne Momente in einer Kindheit und Jugend voller Angst und Gewalt. Jeder Schlag, jede psychische Gewalt, hat 100 schöne Momente zerstört und kann selbst durch 1000 schöne Momente nicht mehr ausgewogen werden.
Statt einem liebevollen Zuhause habe ich bei dir nur Unberechenbarkeit, Gewalt, Kontrolle, Beleidigungen und Angst gefunden. Jahrelang war das mein Alltag.
Unzählige Kämpfe. Unzählige Narben. Aber den Kampf um meine Freiheit habe ich gewonnen. Den Kampf um ein Leben ohne dich darin, zumindest nicht mehr physisch. Ich habe um ein Leben ohne dich gekämpft und es gefunden. Ein Leben jenseits deiner Vorstellungen und deiner Kontrolle.
Für dich habe ich nur noch ein großes „Fuck you“. Für all den Schmerz, die Angst, die Trauer und Wut, die du in mein Leben gebracht hast. Und für all die Momente, in denen ich bis heute kämpfe, um dich und das Geschehene nicht mein Leben bestimmen zu lassen.
Fuck you!

Do you really enjoy living a life that’s so hateful?
‚Cause there’s a hole where your soul should be
You’re losing control of it and it’s really distasteful
Fuck you
Fuck you very, very much
‚Cause we hate what you do
And we hate your whole crew
So please don’t stay in touch
Fuck you
Fuck you very, very much

und ist der Weg auch noch so weit

Der Tag heute war, ja was eigentlich? Gut, interessant, hart, anstrengend, schön?
Eigentlich wollte ich heute morgen gar nicht raus, überhaupt nicht aus dem Bett, meine Mama anrufen und absagen. Letztendlich habe ich mich dann doch aus dem Bett gequält, nachdem mein Handy zehn Mal laut „Baaanaaaanaaaa“ geschrien hat. Wenn meine Schwester mir schreibt oder mich anruft, dann gibt es immer Töne von sich, egal ob lautlos oder nicht. Ist ja auch gut so und war heute eben auch gut. Jedenfalls bin ich dann nach dem ganzen Baaanaaaanaaaa doch los in die Hauptstadt zur Körperwelten-Ausstellung. Die war wirklich interessant und gut, nur manche Dinge fand ich persönlich einfach schlimm, beispielsweise die Adern im Arm (die ich mir ja tatsächlich mal aus Versehen angeschnibbelt habe) oder alles was mit Sprunggelenk zu tun hat, weil ich dann jedes Mal das Gefühl hatte es bricht grade wieder. Bäh.
Aber das war eigentlich gar nicht das interessante an dem Tag, bzw. nicht das interessanteste. Mein Großonkel war nämlich auch dabei. Der Bruder der Mutter meiner Mutter. Und er fuhr mich anschließend heim. Der Spaß dauerte Dank Vollsperrung der Stadtautobahn nur ca. 3 Stunden anstatt der sonstigen höchstens 45 Minuten. Durch Deutschland ging gar nichts, die komplette Stadt bis in die Vororte dicht, also haben wir den Weg übers Ausland genommen, dort ging es zwar auch langsam voran, allerdings doch deutlich schneller als durch Deutschland.
Naja, jedenfalls hatten wir auf den 3 Stunden Weg genug Zeit zum reden, waren danach noch Sushi essen und einen Kaffee trinken und wollen uns in Zukunft auch wieder treffen. Denn, ich will mehr über mich und meine Vergangenheit und die meiner Eltern wissen. Und das findet er auch gut. Er wusste nicht, dass ich _so wenig davon weiß. Sonst hätte er mir das schon früher erzählt.
Mein Opa litt unter Psychosen. Meine Oma führte jahrelang eine Beziehung mit einer Frau. (der Verdacht stand lange im Raum, die Gewissheit habe ich jetzt.)
Und ich will wissen was damals passiert ist. Vor 23 Jahren, als mein Vater das Sorgerecht bekam. Ich will die Akten sehen, will Gewissheit über das Damals.
Ich werde der Mitarbeiterin des Jugendamtes schreiben, die nach der Inobhutnahme für mich zuständig war und fragen, wie ich an die Akten eines anderen Bundeslandes komme. Und ich werde hier anrufen und fragen, wie ich an die Akten hier komme.
Vielleicht ist es Zeit, dass ich nach den ganzen Jahren voller Lügen und Schweigen endlich eine Antwort finde.
Und ja, auch mein Großonkel sprach mich darauf an, ob es sein könnte, dass mein Vater mehr gemacht hat. Manchmal frage ich mich, ob wirklich alle etwas geahnt haben, ob jeder das dachte oder irgendwann fast sicher war, alle außer mir. Und vielleicht hilft mir das auch ein Stück weiter beim akzeptieren und annehmen. Ich bin nicht irre, ich bilde mir nichts ein. So gerne ich das auch manchmal einfach sagen würde. „Ja, es ist nur mein kranker Kopf.“ Aber das ist es nicht. Die Vergangenheit war da, sie wird auch immer so bleiben wie sie eben war.
Ich will diese Akten. Ich will wissen was war.
Und übrigens hat meine Mutter auch meinem Großonkel erzählt, dass das mit dem Missbrauch gar nicht sein kann. Mein Vater wäre ja schwul und würde seit Jahren in einer Beziehung mit einem Mann leben. Und es tut verdammt weh, dass sie einfach nicht hinter mir steht, sondern lieber so einen Mist in die Welt setzt. Dann soll sie doch einfach nichts sagen. Und selbst wenn er schwul wäre (ich kenne keinen homophoberen Menschen als meinen Vater, keinen größeren Rassisten, niemanden, der intoleranter ist. Mit seiner eigenen (lesbischen) Schwester redet er kein einziges Wort mehr.) schließt das ja nicht aus, dass er das getan hat. Wahrscheinlich ist meine Persönlichkeitsstörung einfach vom Himmel gefallen. Manchmal mag ich ihr wirklich vor die Füße kotzen!

Und am dunklen Horizont.
siehst das weit entfernte Licht
und du traust dich wieder nicht
den Schritt zu gehen.
Doch bleib nicht stehen,
denn gehst du weiter wirst du sehen
und vielleicht auch bald verstehen,
dass es das Ziel ist das uns treibt

Vom Aufstehen und Fallen

Ich bin seit ziemlich früh wach und habe gar keine Ruhe. Ich fühle mich wie auf Drogen, so wie ich mich fühle wenn ich mehrere Tage meine Medis vergessen habe.
Wäsche waschen muss ich heute und packen. Mein Kram und das Zeug der Fellnasen.
Morgen geht es in die Klinik, meine Einweisung war ich gerade holen.

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Ich weiß noch was für ein Drama die Diagnose damals für mich war. Lange stand sie als Verdacht im Raum, wurde nicht gestellt weil ich noch zu jung war. Irgendwann hin ich extra in einer der größten Kliniken in der alten Heimat gewesen für die Diagnostik.
Obwohl es mehr oder weniger klar war, dass ich die Diagnosekriterien erfülle, war es etwas anderes das ganze schwarz auf weiß zu sehen.
Es hatte auch sowas von „also war es doch schlimm“. Davor konnte ich mich rausreden, mir selbst einreden, dass ich mit dem allem doch irgendwie klar komme. Aber dann eine Persönlichkeitsstörung? Zu sehen, dass das ganze mich im tiefsten Inneren erschüttert hat, an den Grundfesten meines Daseins, meiner Persönlichkeit gerüttelt hat…
Und auch all die schlechten Dinge, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden. Beziehungsunfähig. Unzuverlässig. Gemein, böse, manipulativ.
Heute muss ich lächeln wenn ich daran denke. Ich weiß, dass ich nicht meine Diagnose bin und nicht zwingend alle Vorurteile erfülle. Mittlerweile ist es eine Erleichterung, dass das Kind einen Namen hat. Es ist etwas Greifbares in dem Chaos aus Gefühlen und Unbeständigkeit.
Heute morgen las ich in einer Facebook-Gruppe von jemandem, der sich „Borderliner“ auf den Arm tätowiert lassen will. An dem Punkt hört bei mir viel Verständnis auf. So sehr ich verstehen kann, dass es eben ein Teil von einem ist, es hat was von Stempel aufdrücken. Ich bin nicht nur Borderliner, ich bin ein verrückter Mensch mit so vielen Facetten, Borderline ist ein einziger Teil davon, der eben auch nur da ist weil mal jemand beschlossen hat bestimmte Kriterien unter einem Namen zusammenzufassen.
Deswegen muss ich doch nicht den Rest meines Lebens „Borderliner“ sein. Viel lieber bin ich Zitrönchen, Schwester, Tochter, Freundin, Gänseblümchen, einfach Ich.
Aber ab und an darf ich einfach auch Borderliner sein, in Momenten die einfach absolut klischeehaft sind. Da kann ich mich durchaus dann auch mal hinsetzen und lachen und sagen „ich hab Borderline, ich darf das“. Genauso mache ich unglaublich gerne Witze darüber. Denn ich hab Borderline, ich darf das. Selbstironie hat etwas wunderbares, in manchen Momenten hilft mir nur tiefschwarzer Humor über so manchen Mist hinweg.

Und Nicki von (ex)JJ macht wieder Musik. Das finde ich einfach wundertollig, ich bin gespannt auf seine Texte. Und ich liebe seine Stimme ❤

Und gleich will ich noch raus, V. kurz treffen, aber vorher die Wäsche anwerfen. Und später kommt die weltbeste Chrissie.

Erklärt den Irren unter uns, dass sie das schon ganz richtig machen
Das eine was uns jetzt noch hilft: die Augen und drüber lachen

Geschützt:

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I thought I’d always be on the run

Ich sitze mit einer großen Schüssel Salat auf dem Sofa, die Meerchen neben mir machen sich über ihren Salat her.
Ich schaue auf meine Uhr, schaue auf das Datum, und muss an morgen denken. Morgen ist sein Geburtstag. Ich weiß nicht wie lange ich meinem Vater schon nicht mehr gratuliert habe. „Meinem Vater“. Das klingt seltsam. Er ist es und er ist es auch irgendwie nicht. Ich weiß nicht, wie ich ihn sonst nennen soll. Täter. Tyrann. Kaputter Mensch. Das alles trifft es und trifft es doch nicht.
Und so wird morgen wieder einer seiner Geburtstage vergehen, ohne dass ich mich melde. Vielleicht auch ohne dass ich an ihn denke. Das ich jemals diese Distanz schaffen würde hätte ich nie gedacht. Vor 9 Jahren, als die Polizei mich aus der Wohnung geholt hat, da war nur Schuld ihm gegenüber. Ich habe ihn allein gelassen. Ich war die Kranke, ich war Schuld an allem. Vor ziemlich genau 9 Jahren war ich das erste mal in einer Psychiatrie. Es war eine schwere, aber auch gute und schöne Zeit und ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben so sein wie ich wirklich bin/war.
Ich glaube es war Mai, damals als der Anfang vom Ende kam, als ich endlich anfangen konnte meinen Weg zu gehen.
Es war so schwer und es ist heute oft auch noch so schwer. Und manchmal frage ich mich, was sich in den ganzen Jahren denn geändert hat. Ich schneide immer noch wieder. Ich habe immer wieder Suizidgedanken, mein letzter Suizidversuch ist erst ein paar Monate her. Vieles fühlt sich so ähnlich an.
Und dann muss ich immer an meine ehemalige Therapeutin denken. Sie verglich den Weg mit einer Spirale. Man kommt zwar immer wieder an den gleichen Punkten vorbei, ist aber eigentlich schon viel weiter oben. Das hilft und macht es einfacher und lässt mich auch die Dinge sehen, die anders sind. Ich kann reden über das was damals passiert ist. Ich bin weg von ihm. Ich habe einen Schulabschluss und eine Ausbildung. So viele Dinge sind anders.
Und manches ist immer noch gleich. Der Schmerz der frischen Schnitte auf meinem Bein, weil die Suizidgedanken vorhin wieder so schlimm wurden. Immerhin habe ich die Kontrolle behalten, es nicht an den Armen gemacht und auch nicht so tief, dass es ärztlich hätte versorgt werden müssen. Anders ist auch, dass ich morgens aufstehe und keine Angst mehr haben muss. Ich kann meine Familie sehen wann ich will. Ich kann meine Schwester treffen, umarmen, anrufen. Ich kann tun was ich will und wann und wo, ohne dass ich mich ständig rechtfertigen muss. Ich kann zur Therapie fahren ohne Angst haben zu müssen, dass es jemand merkt.
Ich wohne mehrere hundert Kilometer weit weg von ihm und allem, was meine Kindheit und Jugend so furchtbar gemacht hat.
Und manchmal ist es auch im Gefühl. Die Sicherheit.

(und das Lied hat mich ganz am Anfang des Endes begleitet. Damals habe ich gerade heimlich die Therapie angefangen, das Album lief oft auf dem Weg zur Thera und zurück.)

There were times in my life I was down on my knees, now it’s over
Deep inside my heart I know
Simply put I’ve been stabbed in the back ever since I remember
And deep inside it hurt to let go

Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt…

Es gibt Tage, die lassen einen einfach sprachlos zurück. Im Kopf ist nichts als Leere, die Gefühle schwanken zwischen völligem Chaos und absolutem nix.
So ein Tag war gestern.
Gegen nachmittag bekam ich die Nachricht, dass eine Freundin sich das Leben genommen hat. Wir kannten uns aus der KiJu, hatten seit einiger Zeit wieder viel Kontakt. Dazwischen in den Jahren auch immer wieder, aus den Augen verloren haben wir uns nie.
Ich wollte zu ihr fahren diesen Sommer. Wir wollten uns endlich mal wieder sehen.
Nun ist sie weg. Und ich sitze hier und fühle nichts als Chaos. Und ich frage nach dem warum. Sie hat nichts gesagt, nichts angedeutet. Die letzten Tage war sie fröhlich, freute sich auf den Sommer.
Damals in der KiJu waren wir unzertrennlich. Haben geheult, als sie entlassen wurde und ich noch blieb.
Ich erinner mich noch so gut daran, als wir uns damals in Stuttgart trafen. Wir saßen in ihrer Wg, haben gemeinsam gelacht und gekocht und einfach nur die gemeinsame Zeit genossen.
Es tut mir leid, dass ich mich in den letzten Jahren so rar gemacht habe. Momentan versuche ich das zu kitten, bei so vielen Menschen. Und du warst die erste davon, warst überhaupt nicht böse, unsere Freundschaft ging einfach weiter als ob keine Zeit dazwischen gelegen hätte.
Vor ein paar Tagen habe ich die Postkarten gefunden, die wir uns immer geschickt haben. Die, die man selbst gestalten konnte.
Du fehlst. Du fehlst so unglaublich. Ich kann es überhaupt noch nicht fassen, dass du nicht mehr da sein sollst…

Die Schwestern waren wundervoll gestern. Haben mich getröstet, mir die Haare aus dem Gesicht gestrichen, meinen Arm verarztet und bei mir gesessen, bis die Tränen aufhörten und die Medis begannen zu wirken.
Pascal hatte gestern seinen letzten Tag hier auf der Station, leider. „Ich weiß, wenn Sie könnten würden Sie es anders machen.“ sagte er beim Verbandswechsel. Und er glaubt daran, dass ich das schaffen werde mithilfe der dbt. Das tat gut.

Schwesterherz hat heute Geburtstag. Nach dem Mittagessen werde ich mich auf den Weg machen nach Hause, Geschenk einpacken und Torte verstauen, dann zu ihr fahren. Sie ist ein Lichtblick heute, ich freue mich auf sie, in dem ganzen Chaos tut die Liebe zu ihr einfach nur gut.

Und trotzdem sind meine Gedanken immer wieder bei dir…

Ich gehe nicht weg
Hab‘ meine Frist verlängert
Neue Zeitreise
Offene Welt
Habe dich sicher
In meiner Seele
Ich trage dich bei mir
Bis der Vorhang fällt
Ich trag dich bei mir
Bis der Vorhang fällt