Conmigo nada es fácil

Ordnung machen kann eine türkische Angelegenheit sein. Während ich mein Regal im Schlafzimmer aufräume und darüber nachdenke, dass ich eigentlich dringend ein weiteres Bücherregal brauche, fällt mir der Brief meines Vaters in die Hände. Der Brief, den er mir damals geschrieben hat, vor nun zehn Jahren. Nachdem er im Jugendamt völlig ausgerastet ist, rumgebrüllt hat, als ich sagte, dass ich nicht zurückkommen werde.
Ich weiß nicht, warum ich den Brief über all die Jahre aufgehoben habe. Vielleicht, weil er der einzige Beweis dafür ist, dass er etwas falsch gemacht hat, der einzige Beweis der zeigt, dass er sich dessen auch mal bewusst war. Vielleicht weil es das einzige ist das mir beweist, dass er sich entschuldigt hat. Vielleicht weil ich ihm den Brief irgendwann mal unter die Nase halten will, ihm zeigen will, was er damals geschrieben hat.
Nach dem Brief ist es noch okay. Ich mache weiter, räume ein wenig hier und dort und beginne schließlich die Schubladen unter dem Schreibtisch auszumisten. Und dann knallt es einfach enorm ins Gefühl. Die Schublade mit Dingen, die er mir mal geschickt hat. Kleinigkeiten, hier und dort bei einer Veranstaltung oder einem Fest erhalten. Und es haut so gewaltig rein, weil es an die schönen Momente erinnert, an die gemeinsamen Erlebnisse. Und ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl und beginne zu weinen, kann es nicht halten und möchte es eigentlich auch gar nicht. Ich sehne mich danach meinen Schmerz in Medikamenten zu ertränken, bis da nur noch Watte ist statt Gefühl. Und noch mehr möchte ich mir den Schmerz aus dem Körper schneiden, möchte ihn mit dem Blut aus mir raus schwemmen.
Noch ein paar Stunden zuvor war ich in der Klinik, um der mittlerweile nüchternen Sofanutzerin ein paar Sachen zu bringen, und habe stolz erzählt, dass es nun bald 7 Wochen ohne Selbstverletzung sind, habe von Schwester Laura und Pfleger Jan Lob dafür bekommen, habe mich seit langem einfach gut damit gefühlt mich so lange nicht verletzt zu haben. Und dann war da plötzlich nichts anders mehr als der Wunsch mich zu verletzen.
Der Abend endete dann mit Medis im Bett.
Gestern überfiel mich dann mal wieder einer dieser „ich muss umräumen“ – Anfälle. Und natürlich habe ich sowas immer an einem Tag, der eigentlich voll ist, an dem eigentlich kein Platz dafür ist. Trotzdem habe ich es dann angefangen, war zwischendurch schnell einkaufen, habe der Mama der Alkoholleiche geholfen die Sachen ans Auto zu schleppen, damit meine Wohnung wieder kofferlos ist, habe meinen Kleiderschrank leer gemacht und auseinander genommen (zumindest die zwei Teile von einander getrennt, damit ich ihn schieben konnte), den Kater aus dem Schrank gepflückt, den Schrank durchs Schlafzimmer geschoben, den Kater vom Schrank gepflückt, den Schrank wieder zusammengesetzt, den Kater aus dem Schrank gepflückt, den Schrank wieder eingeräumt, den Kater aus den Klamotten gepflückt. Dann das Bett verschoben, dabei den Kater unterm Bett raus geangelt, den Schreibtisch an eine andere Stelle gepackt, wo der Kater dann erst mal schlief. Nun sieht es zwar noch gewaltig chaotisch aus, aber wenn ich Ordnung geschaffen habe, dann kann ich damit leben. Mir gefällt es, wie es nun steht, ich kann mein Bett wieder von beiden Seiten begehen (vorher stand eine Seite an der Wand), habe haufenweise Dekoideen und brauche dringend ein Bücherregal.
Dann habe ich für mich und N. gekocht, später kam Bibi und wir waren mit dem Hund spazieren bis zum Fluss und wieder zurück.
Zuhause saßen wir vor der Tür, haben uns über meinen russischen betrunkenen Nachbarn amüsiert, der sich zu uns setzte, und jetzt nicht mehr nur mich, sondern auch Bibi liebt.
Chrissie kam ihren Hund wieder abholen und nun haben Kater und ich die Wohnung wieder für uns. Abgesehen von den 4 Möhrennasen, aber die rennen einem ja nicht ständig zwischen die Beine.
Der Zitronenkater hat mein Bett in der Nacht dann mit Waffelkrümeln bestückt. Fressen im Bett ist natürlich am tollsten, besonders wenn ich eigentlich schlafen will.
Den Mittag habe ich erst bei Mama und dann mit ihr und Schwesterherz im Garten in der Sonne verbracht. Es tat gut einfach in der Sonne zu liegen, den SWR3-Podcast „Die größten Hits und ihre Geschichten“ zu hören und sonst nichts zu tun.
Morgen steht dringend Kleiderschrank aufräumen auf dem Plan, den nach dem aus- und wieder einräumen finde ich gar nichts mehr, es ist ein einziges Chaos. Und ich muss dann auch ein wenig weiter im Schlafzimmer aufräumen, generell mal durch die Wohnung wischen und das Bad putzen. Am Dienstag will ich mit meiner Schwester für Ihre Französischprüfung lernen (ich kann es noch gar nicht glauben, dass sie schon so weit ist und in 4 Tagen ihre Fachabiturprüfungen anfangen), mittwochs steht Therapie auf dem Plan, Donnerstag ist Achtsamkeit. Meiner Meinung nach schon wieder viel zu viel für die wenigen Tage, aber es wird schon funktionieren. Momentan kämpfe ich enorm mit Reizüberflutung, alles ist unglaublich anstrengend und stresst mich. Das macht alles, vom einkaufen bis zum Therapietermin, einfach ziemlich schwer.

Ya sabrás la situación
Aquí todo está peor
Pero al menos aún respiro

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