Das Ende ist nur’n Meilenstein und wichtig ist der Weg dahin

Gestern Abend/Nacht bin ich zwei Mal mit Flashbacks an den Schwesternsitz gewankt. Schwester Sabine tat ihr Bestes um mich wieder in die Realität zu holen. „Wo sind Sie hier? Wer bin ich? Welcher Tag ist heute? Wie heißen Sie? Wer ist mit mir im Dienst? Wieviel Uhr ist es?“ Und immer wieder: „Bleiben Sie da.“ So sind wir dann auf der Station hin und her gelaufen, nachdem sie mir einen Eiswürfel zwischen beide Handflächen gedrückt hat und der Schmerz mich endgültig wieder in die Realität geholt hatte. Beim zweiten Mal war ich zwischenzeitlich so weg, dass ich gar nichts mehr mitbekommen habe. Auch da kamen wieder die Fragen, wieder der Eiswürfel und immer wieder ihre Worte. „Es ist vorbei. Sie sind hier sicher. Es passiert Ihnen hier nichts.“ Sie bot mit Tavor an, was ich ablehnte. „Ich stelle mir das richtig furchtbar vor, was Sie grade durchmachen. Das ist doch so kein Zustand.“ Aber nachdem sie mir den Raucherraum nochmal aufschloss und ich nach der Zigarette dann wieder völlig in der Realität war, wollte ich immer noch keine Tavor. Ich habe sie gebeten, mir nochmal zu sagen, dass nichts passieren kann. „Es passiert Ihnen nichts. Ich bin da und Jan ist da. Es kann Ihnen niemand was tun. Das soll mal einer wagen! An uns kommt niemand vorbei!“ sagte sie mir und ich musste lächeln. Mit Dr. House und den Geräuschen, die Jan und Sabine gemacht haben und dem Licht vom Flur bin ich dann irgendwann endlich eingeschlafen.
Heute ist es bisher etwas besser. Ich war zwar heute morgen etwas überdreht, weil ich nur am rumflitzen war, aber sonst habe ich den Tag bisher gut hinter mich gebracht. Mama hatte ihren Haustürschlüssel in der Wohnung liegen lassen und rief mich an. Sie kam dann zu meiner Wohnung, ich sagte ihr, dass ich in der Klinik zu einem Termin muss. Sie weiß nicht, dass ich hier bin, sie weiß nur von dem Aufenthalt nach dem Suizidversuch. Schon damals wollte sie alle verklagen, weil sie mich ja hier unter Drogen setzen und mir einreden, dass ich krank bin. Auf diese Diskussionen habe ich einfach keine Lust, also erzähle ich ihr nichts von den Aufenthalten. Jedenfalls habe ich ihr dann meinen Schlüssel für ihre Wohnung gegeben, nachdem ich hier erst auf die Visite gewartet habe, die nicht in die Gänge kam. Danach bin ich wieder in die Klinik geflitzt, zur Visite, dann zur Ergo, dann zum Mittagessen. Danach mit einer Mitpatientin ewig der Sozialarbeiterin hinterher gelaufen, dann auf eine andere Station zu Bibi, dann zum Sport (wir waren spazieren, tat unglaublich gut), dann wieder auf Station, dann mit zwei Mitpatientinnen zur Bank und zum Supermarkt und wieder auf Station. Dann lag ich tiefenentspannt mit Akupunkturnadeln in den Ohren auf meinem Bett. Ich finde das immer unglaublich entspannend, außer es ist jemand in der Akupunktur zu den Therapiezeiten dabei, der ständig redet oder ein klingelndes Handy in der Tasche hat. Am liebsten habe ich die Akupunktur im Zimmer, da kann ich mich aufs Bett legen und entspannen.
Eine Mitpatientin, jene, mit der ich vor genau einem Jahr das Zimmer teilte und die mich wahnsinnig machte, ist vorhin ausgebüchst und von der Polizei wieder gebracht worden. Die ganze Stimmung war angespannt, sie wurde laut, und auch der Massenauflauf an Polizei war nicht gerade etwas, dass mich beruhigt. Also hat Schwester Laura mich erst mal gut eingeschmiert mit Finalgon (alter Schwede, das brennt immer noch richtig gut). Trotzdem kam dann der Flashback. Pfleger Andreas hat mir Eiswürfel gebracht, hat mir einen an den Oberarm gedrückt, als ich nicht wirklich da war und handeln konnte, danach stand ich noch am Schwesternzimmer, bis ich endgültig wieder in der Realität war. Seitdem ist es ganz okay. Pfleger Arschkeks und Pfleger Jan sind heute im Nachtdienst, ich mag die beiden. Mit ihnen kann man auch mal scherzen und Blödsinn machen und das tut gerade ziemlich gut. Und so sitze ich nun im Tagesraum rum, mit brennendem Arm und Coolpack auf dem Oberschenkel, weil die Wunden dort heiß und rot sind und schmerzen, futter Knabberzeug, schaue Mitpatienten beim Schach zu und schreibe hier.

Ich hoffe, dass dieser Abend und die Nacht ruhiger werden als die letzte, ich habe keine Lust auf Flashbacks und Panik und alles. Und ich bin auch schon unglaublich müde und werde mich bald in mein Bett trollen.

Erzählt den Zweiflern, es hat sich gelohnt 
Für jede Träne wird ein Glas geleert 
Kein Tag war verkehrt 
Und die Parade war’s mir wert

Kommentar verfassen