denn der Weg den wir gehen ist selten asphaltiert

Psychiater. Wartezimmer. Überall Menschen. Es ist immer so furchtbar voll hier. Ich habe immer das Bedürfnis zu fliehen, habe das Gefühl, dass der Sauerstoff hier drin nicht reicht für die ganzen Menschen.

Gegen 4 Uhr bin ich aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Katerkind war dann der Meinung, dass er ja auch einfach den Tagesbeginn einläuten kann, stampfte miauend auf mir rum und fegte zwei Mal so durch mein Schlafzimmer, dass mein Puzzle nun wieder aus lauter einzelnen Teilen besteht. Ich muss es wohl jedes Mal zusammenrollen ab jetzt.

Und nun sitze ich eben müde im Wartezimmer rum, mein Termin wäre vor einer Stunde gewesen. „Der Doktor ist heute mindestens 1 ½ Stunden im Verzug“. Na prima.

Die Zugfahrt war furchtbar. Ich dachte ständig daran, wie es wäre wohl so zu sterben. Auf den Gleisen, von einem Zug erfasst. Ob es wohl wehtut, was man davon noch merkt. Wie schnell es vorbei ist. Und an was stirbt man dann eigentlich? Vermutlich ist das unterschiedlich.
Jedenfalls sind Bahnhöfe und Zug fahren relativ anstrengend mit solchen Gedanken. Sobald ich mal nicht ganz da bin tendiere ich dazu irgend einen Mist zu machen.

Gestern habe ich nicht wirklich irgendwas hinbekommen. Nachdem ich draußen war hat mich eine Welle der Müdigkeit überrollt und ich habe mich nicht mehr wirklich imstande gefühlt etwas zu tun. Nur meine Küche habe ich ein kleines bisschen aufgeräumt, während mein Abendessen in der Pfanne brutzelte. Also werde ich das heute tun, wenn ich denn dann irgendwann mal wieder heim komme. Das kann ja dauern.
Ich werde mich dann wohl zwingen etwas zu tun, denn Motivation ist nicht wirklich da. Vielleicht finde ich unterwegs ja irgendwo welche. Es tut mir ja auch gut etwas zu tun, durch das äußere Chaos ordnen kann ich auch das innere ordnen. Und ich fühle mich nicht mies, weil ich nichts hinbekommen habe. So wie gestern. Dabei war es schon besser als an schlimmen Tagen, an denen gar nichts klappt. Ich war spazieren und habe einen Teil der Küche gemacht, ich habe mir Essen gekocht und war nicht den ganzen Tag im Bett. Aber trotzdem war ich sauer auf mich selbst und habe mich einfach schlecht gefühlt. Ich muss funktionieren. Mein Anspruch an mich. Unter Druck setzen, das kann ich wirklich gut. Vielleicht kann ich das nun ansprechen beim Herrn Psychiater. Vielleicht hat er eine Idee, wie das besser werden kann. Vielleicht rufe ich auch heute Mittag in der Klinik an und lasse mich mit dem Herrn Psychopeuten verbinden, das hat Pfleger Thorsten mir geraten als ich dieses „ich muss schneiden, sonst ist es nicht schlecht“ und das „es darf nicht gut sein“ so extrem hatte. Naja, immer noch habe. Es könnte doch netterweise einfach okay sein wenn es doch okay ist. Aber einen „okay-Tag“ kann ich nicht ertragen, denn dann war er nicht gut, dann habe ich nichts hinbekommen. Aber gut darf es ja auch nicht sein. Und wenn es schlecht ist, dann muss ich schneiden, sonst darf es auch nicht schlecht sein. Ist doch alles beschissen, wie soll mein Tag denn dann sein, wenn nicht gut, okay oder schlecht? Möp.
Vielleicht wäre es wirklich gut, wenn ich den Psychopeuten anrufe und ihm das Chaos erkläre. Schaden kann es jedenfalls nicht. Ich glaube, dass momentan jeder winzige Ansatz helfen könnte. Ich bin nämlich ratlos. Abgesehen von radikaler Akzeptanz (*würg*) und Skills (*kotz*) und mir selbst Gutes tun (*schreiend wegrenn*). Am liebsten würde ich mich bis zum Frühling vergraben, denn dann wird alles doch wieder erträglicher. Dann sind Weihnachten, Silvester und Geburtstag vorbei, dann kann man einfach vor die Türe in die Sonne fallen, dann ist alles einfacher.
Vielleicht muss ich doch das Medikament wechseln. Vielleicht hilft es einfach nicht mehr so gut, wie es eigentlich helfen sollte. Aber ich mag nicht. Ich habe keine Lust auf Umstellung, auf Übelkeit und Nebenwirkungen, auf Warten auf Wirkung… Bäh.
Aber das werde ich ja dann wohl irgendwann heute noch mit dem Herrn Psychiater besprechen können. Mittlerweile warte ich übrigens seit 2 ½ Stunden und es sind immer noch eine Menge Leute vor mir. Hmpf.

Meine Arme jucken extrem und tun extrem weh. Ich muss wohl wieder mehrfach täglich wieder mit Contractubex cremen. Und am besten nicht mehr so schlimm schneiden, denn dann gibt es auch keine fiesen fetten Narben, die wehtun und kucken können. Irgendwie logisch.
Ich kann meine Arme im Moment auch gar nicht ansehen, weil ich es selbst so furchtbar finde. Und trotzdem hilft es nicht gegen die Selbstverletzungsgedanken. Dann kommt immer der Gedanke, dass jetzt eine Narbe mehr oder weniger ja wohl auch nichts ausmacht. Ist ja groß genug das Schlachtfeld.

Ich will endlich dran kommen. Ich will die Grütze im Kopf los werden, will wieder nach Hause in meine sichere Zuflucht. Nur rum sitzen und warten mit Suizid- und Selbstverletzungsgedanken im Kopf ist anstrengend. Ich kann mich nur schwer ablenken, kann mich nicht aufs Lesen konzentrieren, kann mich nicht durch Musik ablenken, kann auch sehr schlecht hier hin und her laufen (das würde ich grade so gerne machen). Vielleicht laufe ich einfach wieder die 4 Etagen runter, rauche eine und laufe nochmal hoch. Dann habe ich wenigstens ein wenig Zeit tot geschlagen und meinen Bewegungsdrang ausgelebt. Oder ich schiebe mir hier gleich ein paar Stühle zusammen und hole den Schlaf der Nacht nach. Immerhin sind wir hier in einer psychiatrischen Praxis, da dürfte das wohl kaum auffallen. Aber wahrscheinlich bin ich dann nach ein paar Minuten so weg, dass mich niemand mehr wach kriegt.

Warten ist blöd. Vor allem wenn man eh ein furchtbar ungeduldiger Mensch ist. Und wenn man gar nicht weiß, wie lange man eigentlich noch wartet. Der Tag kann eigentlich ja nur noch besser werden.

(der Termin war nun endlich und wir haben uns entschieden, dass ich das Medi wechsel. Da es erstmal genau das gleiche tut zu Anfang wie mein altes, zumindest in großen Teilen, kann ich das einfach absetzen und anfangen das neue zu nehmen. Erst nach über 30 Tagen ist das dann aus meinem Körper raus. Ganz schön viel.)

Gehst du aus dir heraus, dann legst du Brotkrumen aus,
so findest du jeden Abend deinen Weg nach Haus.
Doch der Heimweg ist dunkel und mit Schuld behaftet.
Wenn du in dich gehst, dann geh nicht unbewaffnet!

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