Die dunkle Nacht wird mal vergeh’n.

Ich träume vom Ertrinken. Ich kriege keine Luft. Um mich rum ist nur Wasser. Dann wache ich auf und wache doch nicht wirklich auf. Das Bild verändert sich. Es wird dunkler, verwischter. Ich kriege wieder kaum Luft, denn in meinem Mund ist etwas und ich muss kämpfen mich nicht zu übergeben. Ich höre seine Stimme, höre, dass ich mich nicht so anstellen soll, höre, dass das doch schön ist. Ich finde es ganz und gar nicht schön. Aber das kann ich ja nicht sagen, denn ich habe etwas im Mund und ich darf es auch nicht sagen, weil ich sonst wieder Schläge kriege. Mir ist so übel, so unglaublich übel, und ich ringe um jedes winzige bisschen Sauerstoff zwischen den Tränen und Schluchzern. Ich verstehe nicht, was da passiert, ich weiß nur, dass ich es nicht will. Ich kämpfe um die Luft dort in diesem Raum und gleichzeitig in meinem Schlafzimmer. Es gibt mich dort und es gibt mich hier, in der Realität und für einen kurzen Augenblick erkenne ich den Flashback und schaffe es zu handeln. Stechender Geruch reißt mich zurück in die Realität, in der ich zitternd und nach Luft schnappend auf meinem Bett sitze, das Fläschchen Ammoniak in der Hand. Kurze Zeit später hänge ich über meiner Kloschüssel und versuche den Geschmack und das Gefühl der Erinnerung aus mir raus zu befördern. 

Eine Weile und sämtliche Anti-Disso-Skills später sitze ich erschöpft auf dem Sofa und lasse mich von der Wärme und dem Schnurren des Katers in der Realität halten. Ich hasse diese Flashbacks, die mich direkt nach dem Aufwachen überfallen, in dem kurzen Moment, in dem ich noch nicht wirklich wach bin und die Kontrolle wieder habe. So einen Start in den Tag hasse ich, denn die Bilder verschwimmen nur langsam und beeinflussen mich noch mehrere Stunden. 

Die Erinnerungen an diese Situation waren das erste konkrete, das damals kam. Die Dinge davor waren wirr, ohne Gesicht oder Stimme. Diese Erinnerungen riss mir damals den Boden unter den Füßen weg und ich sprach lange nicht darüber, kann bis heute nicht darüber sprechen. Ich schrieb es damals auf, gab es meiner Therapeutin. Denn das Schreiben fällt bis heute deutlich leichter. Es gibt kein direktes Gegenüber, ich tippe nur Buchstaben hinaus in die Welt, kann nebenbei Pausen machen und kann dann und dort schreiben, wenn und wo ich mich sicher fühle. 

Ich denke an die ersten zaghaften Versuche meiner Therapeutin an dieses Thema ran zu kommen. Meine Reaktionen, mein Abblocken, mein vehementes Leugnen einer Möglichkeit, dass diese Dinge Realität sein könnten. Denn die Bilder bis dahin waren genauso eindeutig wie uneindeutig. Es hätte jeder gewesen sein können, es hätte doch auch einfach nur irgendwas anderes sein können. Heute weiß ich, dass es schon damals eindeutig war. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagt meine Therapeutin immer. Ich denke an damals, ich denke an die Worte von Frau S., meiner Kinder- und Jugendtherapeutin.

 Liebe S.,

es war genauso als Du bei mir warst. Ich hatte ebenso das Gefühl, dass da mehr gewesen sein muß und Du warst damals fest der Meinung, dass in Richtung sexueller Mißbrauch bezogen auf Deinen Vater nichts war.

Nachdem ich im Oktober bei ihr war, lange und viel mit ihr geredet habe, fällt es ein wenig leichter darüber zu sprechen. Denn sie hat dem Teil in mir, der so vehement gegen ein mögliches Wahrsein dieser Dinge kämpft, den Wind aus den Segeln genommen. Ihre Worte, die mir bestätigten, dass für sie vor 14 Jahren schon klar war, dass ein Missbrauch stattgefunden haben muss. Ihre Klarheit in Bezug darauf, ihre Fähigkeit mir zu sagen, dass ich nicht solche Flashbacks hätte, wenn sie nicht stimmen würden. Sie hat mir ein Stück mehr geholfen auf dem Weg zu akzeptieren, dass diese Dinge Realität sind. Meine Therapeutin versucht das seit Jahren, doch es war nochmal anders es von jemandem zu hören, der mich auf eine andere Art und Weise kennt, der mich länger kennt, der mit mir nicht den Weg durch die qualvollen Erinnerungen gegangen ist. 

Und so sehr es heute noch Momente gibt, an denen ich nicht wahrhaben will, dass diese Dinge wirklich geschehen sind, so sehr kämpfe ich sich dafür, dass sie wahr sein dürfen, wahr sind. Ich versuche ihnen Raum zu geben, versuche nicht zu schweigen. Es gibt zuviel Schweigen, es gab in meinem Leben zuviel Schweigen. Und plötzlich machen so viele Kleinigkeiten einen Sinn. Plötzlich erklären sich die Körperflashbacks, die Übelkeit und die Schmerzen. Plötzlich erklärt sich die Angst vor dem Ersticken und der Ekel vor Dingen in meinem Mund. Plötzlich erklären sich diese ganzen Zeichen, die ich so lange nicht wahrhaben wollte. 

Vielleicht gehört es dazu, dass man immer wieder zweifelt, ob diese Dinge wirklich passiert sind. Vielleicht wird es niemals aufhören. Aber vielleicht werden der Ekel und die Scham auch weniger und es darf irgendwann wirklich wahr sein, was eigentlich nicht wahr sein darf. 

So oft wünsche ich mir, dass das Leugnen und Schweigen aufhört. Dass ich darüber reden kann. Vor allem mit meiner Mutter. 

Ich verfolge nicht das Ziel, meinem Erzeuger zu schaden. Ich will ihn sein Leben leben lassen, will ihn nicht anschuldigen, anklagen. Es hätte für mich keinen Sinn. Und ich will es auch nicht und schweige deswegen oft noch, denn mir ist klar welche Konsequenzen solche Dinge mit sich ziehen. Und trotz all der Dinge liebe ich ihn und kann das nicht ändern. Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich ihn nicht einfach nur hassen kann. Und manchmal ist es okay wie es ist. Vielleicht wird es leichter das Schweigen zu brechen, wenn er nicht mehr da ist. Denn dann muss ich nicht fürchten, dass ich ihm doch irgendwie schade und bin vielleicht die Angst los, die mich immer noch umtreibt, die Angst vor der brutalen Gewalt, vor den Schlägen, vor dem eingesperrt werden, vor dem völlig ausgeliefert sein. Ich will keine Rache. Ich will einfach nur darüber sprechen können, will damit leben lernen. Und dieser Weg führt nicht durch Schweigen. Ich will gesund werden und ein Leben führen, in dem diese Dinge zwar passiert sind, aber mich nicht mehr ständig heimsuchen. Ich will bestimmen können, wann und wie ich mich damit auseinander setze und nicht morgens um 6 aus der Realität gerissen werden und das kleine Mädchen sein und erleben und spüren, was ich damals erlebte und spürte. 

Ich blicke auf meine Arme. Blicke auf 17 Jahre Narben, 17 Jahre Kampf gegen mich. Vielleicht findet auch das ein Ende, wenn das Schweigen enden darf, wenn ich aussprechen darf, was in mir tobt, wenn ich nicht mehr nur mich hassen darf, sondern auch den Menschen, der mir so wehgetan hat. 

Gestern habe ich vielleicht einen weiteren Schritt gemacht weg vom Schweigen. Ich habe mit meiner Tante telefoniert. Bestimmt 3/4 des Gesprächs habe ich nur geheult, denn es fällt so schwer zu erklären, dass man einfach nicht in der Lage war den Kontakt zu halten, dass der Alltag sämtliche Kraft gefressen hat. Und es fällt noch schwerer zu äußern, wohin diese Kraft ging, dass die Erinnerungen und das Aushalten der Erinnerungen an den Missbrauch einfach alles aufgesaugt haben. Es fällt schwer auszusprechen, dass da mehr war als die körperliche und die seelische Gewalt. Und am liebsten würde ich leugnen, dass diese Dinge Realität sind, denn das ist so viel leichter und um so vieles weniger schmerzhaft. Und so furchtbar es gestern auch war diese Dinge auszusprechen, so befreiend war es auch. Und sie ging auch nicht direkt in eine Verteidigung und ein Um-sich-schlagen wie meine Mutter. Meine Therapeutin wird wohl ein kleines Freudentänzchen hinlegen, wenn ich ihr erzähle, dass ich es endlich geschafft habe, dass der Wunsch, der in der Therapie seit so vielen Jahren besteht, nun Realität wurde. 

Mein Katerkind miaut mich kläglich an, weil ich nun schon wieder auf dem Sofa sitze und heule. In den letzten Wochen heule ich so viel, dass ich manchmal denke die ganzen Tränen der letzten Jahre bahnen sich nun einen Weg. Tränen, die ich sonst nur rot weinen konnte, die nur Ausdruck in den Schnitten auf meinen Armen fanden. 

Es ist kein leichter Weg, den ich gerade gehe. Manchmal möchte ich mich einfach an den Wegesrand setzen und mich weigern weiter zu gehen, manchmal möchte ich den ganzen Weg zurück rennen bis zum Anfang und eine neue Abzweigung finden. Doch es würde nichts daran ändern, die Dinge, die ich auf dem Weg gesehen und erlebt habe, wären dennoch da. 

Heute habe ich, vor allem nach dem furchtbaren Aufwachen, ein extremes Bedürfnis nach Einigeln und Sicherheit. Nach einer Rückzugsmöglichkeit, nach Ruhe. Und genau deswegen werde ich mich in mein Schlafzimmer verziehen, den sicheren Ort meiner Wohnung und dort endlich die Dinge umsetzen, die ich die ganze Zeit schon tun will. Die Fotos an die Wand, die Dinge, die mir in der DBT Halt und Kraft gaben, mein Bett von dem Gewühl der Nacht befreien und die Bettwäsche (mal wieder) in die Maschine stopfen, denn sie ist (mal wieder) komplett nass vom Schwitzen der Angst und Panik, meinen DBT-Kram wieder ordnen, den ich in den letzten Tagen quer in der Wohnung verteilt habe, meine diary cards einheften… An funktionalen Möglichkeiten meinen Tag weiter zu führen mangelt es nicht. Nur noch ein wenig an der Kraft, denn die hängt noch kotzend mit mir über der Kloschüssel. 

Ich weiß noch gar nicht, was mein morgigen Kliniktag bringen wird, außer den sowieso konstanten Dingen wie Arbeitstherapie und Stabigruppe. Mein Plan war am Freitag noch nicht im Fach, also lasse ich mich überraschen. Und vielleicht komme ich auch morgen nicht völlig erledigt nach Hause, das wäre ein weiteres Ziel und ein weiterer Schritt auf dem Weg, der mir zeigt, dass es nun wieder einfacher und leichter wird. 

Wenn Du jetzt aufgibst,
wirst Du’s nie versteh’n.
Du bist zu weit,
um umzudreh’n.

Vor Dir der Berg,
Du glaubst Du schaffst es nicht.
Doch Dreh Dich um
und sieh,
wie weit Du bist.
Im Tal der Tränen liegt auch Gold.
Komm, lass es zu,
dass Du es holst.

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