Die letzten Tage 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich irgendwann mal über Kopfschmerzen freue. Denn damit erwache ich am Sonntag morgen. Leichte Kopfschmerzen. Im Vergleich zu den Schmerzen der zwei Tage zuvor ist es eine enorme Erleichterung. Auch die Übelkeit hält sich in Grenzen. 

Und so kann ich doch ein wenig produktiv sein. Ich drucke eine Ladung diary cards aus, ich spüle mein Geschirr, ich koche mir Spaghetti Bolognese und mampfe eine Portion mit viel Käse. Zwischendurch kraule ich immer wieder das Katerkind, telefoniere mit meinem Püffchen, schaue Serie. 

Nicht mal mehr 1 ½ Wochen. Dann kommt der Tag, vor dem ich letztes Jahr echt Angst hatte. Auch dieses Jahr kriege ich ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich daran denke. An diesem Tag vor zwei Jahren wurde ich auf der Intensivstation wieder wach. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an die Ergebnisse davor. An den RTW, an die Polizei, an den Notarzt der kam und an seine Worte, an die magischen zehn Minuten, die mich davor bewahrt haben nun nicht mehr da zu sein. Ich erinnere mich an meine Mutter neben meinem Bett. Und am deutlichsten an Schwester Nathalie und Schwester Sabine in der Klinik, an ihre Worte. 

Als es in der DBT um meine Behandlungsziele ging, da war eins für mich klar. Ich will nicht mehr an diesen Punkt. Ich will das nicht nochmal durchleben. Und die Suizidalität wurde dann auch zum obersten Therapieziel. Ich hätte nicht gedacht, dass ich da so viel ändern kann. Als es am Anfang darum ging, die Notausgangstür zu schließen, da dachte ich mir nur „jaja, is klar“. Mir war schon klar, dass ich daran arbeiten muss, ich wollte diese Türe auch schließen, aber das sich wirklich so viel daran ändern kann… Niemals hätte ich das geglaubt. Tja. Wie bei so vielen Dingen. 

Klar ist die Türe nie komplett zu. An manchen Tagen stehe ich mit der Klinke in der Hand da und werfe einen Blick durch den Spalt. Aber mehr passiert nicht. Die Türe öffnet sich nicht so weit, dass ich durchpassen würde. Ich stehe auch nicht mehr ständig daneben um raus zu springen und zu flüchten. Und so oft vergesse ich, dass es diese Option überhaupt gibt. 

Es macht vieles leichter. Ich merke, wieviel Kraft es mich immer gekostet hat diese Gedanken an Suizid auszuhalten, wieviel Kraft mich diese ständig offene Tür gekostet hat. Nun ist klar, dass es keine Option ist. Nicht mehr. Auch wenn die Gedanken da sind, auch wenn sie extrem werden, ich habe einen Lebensvertrag, ich habe klare Handlungsabfolgen bei hoher Suizidalität. Ich habe ein großes Stück mehr Sicherheit im Umgang mit mir in solchen Situationen. 

Gestern war ich zum ersten Mal wieder bei meiner Therapeutin. Ich habe ihr von der Klinik erzählt, von den Dingen, die seitdem anders sind, habe ihr den Lebensvertrag zum unterschreiben gegeben. Sie sagt mir, dass man mir ansieht, dass es besser ist, dass ich entspannter wirke, dass es nicht mehr so aussieht, als würde ich ständig mit aller Kraft gegen die Dinge in mir kämpfen. 

Ich erzähle ihr auch von dem Treffen mit meiner Kinder- und Jugendtherapeutin. Dass dieses Treffen einige Dinge geändert hat. Dass ihre Worte mir geholfen haben zu akzeptieren, dass die Dinge Wirklichkeit waren. Zu wissen, dass ihr bereits vor fast 14 Jahren klar war, was in mir tobt, hat es ein Stück weit mehr Realität werden lassen und mir geholfen es anzunehmen. Und es hat mir gezeigt, wie sehr sie damals an meiner Seite stand, wie viel sie mich unterstützt und mir geholfen hat und auch geschützt. 

Meine Therapiestunden sind aufgebraucht. Ich kann nur noch alle 4 Wochen kommen. „Aber es gibt ja immer Ausnahmen von der Regel.“ sagt sie zu mir. Im Notfall wird sie da sein, das weiß ich. Wenn es brennt, dann wird sie mich unterstützen und mir helfen. 

Morgen bin ich mit M. verabredet, wir werden wohl unser übliches Programm machen, die Zweier-Bordi-Gang on Tour. Und am Donnerstag wird meine Reha starten. Ich bin gespannt. Ich habe erstmal einen Berg Fragen für dort. Wie das mit den Medis laufen wird, wie es mit „Urlaub“ aussieht, mit den Terminen, die ich sonst noch so habe, wie die Therapien laufen werden und, und, und. 

Und bald steht dann unweigerlich mein Geburtstag vor der Tür. Vielleicht sollte ich ihn zweimal feiern. Am Tag des Suizidversuchs und am eigentlichen Tag. Ich könnte auch einfach dann gleich 3 Tage durchfeiern. 

Auch heute war ich relativ produktiv, ich war einkaufen, habe meine Schweinchen mit Salat und Gurke bombardiert (bei den Preisen derzeit werde ich definitiv arm), hab mit dem Katerkind gespielt, in meinem Schlafzimmer ein wenig weiter das Chaos bekämpft, habe mit der Krankenkasse telefoniert und versucht bei meinem Internetanbieter jemanden zu erreichen zwecks Kündigung bzw. Angebot für eine Verlängerung, habe mit der kleinen Hexe telefoniert und mit Puffi und mit Mama, habe meine Medikament sortiert und alle in der Schublade verstaut, damit sie nicht ständig an tausend Orten liegen, mir eine Pizza in den Ofen geschmissen und sie dann gemampft (und gleichzeitig vor dem Zitronenkater verteidigt), Wäsche sortiert und geduscht. Es war heute eine gute Mischung aus etwas tun und rumgammeln. 

Bevor ich mich mit M. treffe muss ich morgen noch beim Psychiater vorbeischauen, ich brauche MPH, ich hab ja keinen Plan wie das bei der Reha läuft, ob ich meine Medis von dort kriege oder nicht oder wie oder was. 

Ich bin immer noch erstaunt darüber, dass kein Absturz kam. Dass nicht wieder alles über mir zusammen bricht. Klar gibt es beschissene Momente, aber es sind eben Momente, kein Dauerzustand. Es erleichtert so viel. Und ich hoffe es wird so bleiben. Ich wünsche es mir so sehr. 

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