Die stärkste Seele wird mal schwach.

Nach dem Abendessen ging bei mir nichts mehr. Schon davor wat ich extrem angespannt, danach wollte ich nur noch schneiden, so tief, dass ich es nicht überlebe. Schwester Tina kam mir nach und hat die abgeschlossene Badtüre von Außen aufgemacht, auf mich eingeredet, immer und immer wieder gesagt, dass ich schon so weit bin, dass ich schon so vieles geschafft habe, dass ich auch das schaffe. In meinem Kopf war nur noch der Horror der letzten Wochen und der Gedanke, dass ich es nicht weiter schaffe. Dass da einfach keine Kraft mehr ist, kein Wille weiter zu machen, nichts. Dann kam der Pfleger ins Bad, nachdem Tina nicht mehr weiter wusste. Er versuchte nich abzulenken, hat mit mir über Geocachen geredet, über Alltägliches und Dinge, die ich gerne mache. Zwischendrin konnte ich mich immer wieder darauf einlassen, konnte die Gedanken im Kopf vergessen, doch letztendlich überwog dann wieder der Wunsch einfach nur noch zu sterben. Schon vorher hatte auch Tina gesagt, dass der Weg dann letztendlich über Deeskalationsteam und Arzt zur Fixierung und Überwachungszimmer führt wenn ich nicht endlich die Klinge aus der Hand lege und aus dem Bad komme. Auch der Pfleger ging dann wieder unvollendeter Dinge. Ich hatte die Badtüre kaum wieder zu und abgesperrt, da klopfte die Ärztin. Schon da war ich dann unglaublich geladen, weil ich einfach nur mehr meine Ruhe wollte, Ruhe vor der Welt und dem Leben. Sie fragte dann was denn los sei. Ich habe sie angefahren, dass ich das nun schon zwei Mal erzählt habe seit ich da sitze, also rief sie Tina, die dann kam und ihr erklärt was los ist. Sie fragte dann trotzdem nochmal nach, immer wieder, bis ich anfing zu schreien, dass ich keine Kraft mehr habe für die ganze Scheiße, dass ich einfach nicht mehr kann, dass ich nicht wieder aus so einem Tief klettern will, nachdem es eigentlich doch größtenteils in der letzten Zeit okay war. Und dann brachen die Dämme und ich habe nur noch geheult. Die Ärztin setzte sich neben mich, legte mir ihren Arm um die Schultern und streichelte meinen Kopf und meinen Arm. „Weinen Sie nur. Weinen Sie. Weinen Sie alles raus.“ Und danach war es dann okay. Ich kam wieder runter, konnte wieder leichter atmen. Mit Tina bin ich dann runter vor die Türe und habe eine geraucht und mein Gesicht in den Regen gehalten. Später bin ich nochmal alleine raus und eine Runde um den See und habe geschrien, dass es weh tat im Körper. Zuvor hielt mir Tina nur kommentarlos die Hand hin, als ich sagte ich gehe raus und wartete, bis ich ihr meine Hand gab und so ohne Worte versprach, dass ich heil und vollständig wieder zurück komme, dann ließ sie mich ziehen. Ich selbst hätte mir dieses Vertrauen nach einer solchen Aktion nicht entgegen gebracht. Das finde ich eines der besten Dinge hier und es ist auch etwas, was mir enorm hilft. Vertrauen. Das Vertrauen, dass mir entgegen gebracht wird, dass ich mich an ein Versprechen halte, dass ich mein Bestes gebe, dass ich kämpfe. Und genau so auch das Vertrauen, das andersrum funktioniert. Ich kann darauf vertrauen, dass hier immer jemand ist, dass ich unterstützt werde und dass ich nicht alleine kämpfe.
Der Abend war dann okay. Ich habe im Tagesraum gesessen, den immer wieder aufsteigenden Druck mit Finalgon, reden und Plakate malen für den Kinoabend irgendwie ausgehalten. Fürs Plakate malen bekam ich als Dankeschön von Pfleger Arschkeks, der den Kinoabend veranstaltet, eine Tasse heiße Milch mit einer Extraportion Honig. Die hat mich dann vollends aufgemuntert und nun liege ich müde und mit nur noch mittlerer Anspannung im Bett, mache mir gleich House an und werde dann hoffentlich schnell dabei einschlafen.

Wenn Du dann durchdrehst
ist’s erlaubt
Doch wer hat Dir,
den Mut geraubt.

Wenn Du jetzt aufgibst,
wirst Du’s nie versteh’n.
Du bist zu weit,
um umzudreh’n.

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