Dies und das und jenes

Vor einigen Tagen habe ich meine Mutter zum Arzt begleitet. Zum Arzt braucht sie mit dem gebrochenen Knöchel 30 Minuten, ich musste vorher noch bis zu ihr kommen, also purzelte ich schon um halb 7 aus meiner Türe, quasi noch halb schlafend. Unterwegs stellte ich fest, dass ich vergessen habe meine Tabletten zu nehmen. In der Notfallbox befand sich nur noch mein Antidepressivum, also ohne Methylphenidat durch den größten Teil des Tages. Der Morgen war in Ordnung, mittags verbrachte ich einige Zeit im Garten, bevor ich mich auf den Rückweg machte. Und die wurde zum Albtraum. Menschen, Reize, ungefiltert, alles prasselte auf mich ein. Netterweise ging der Akku meiner Kopfhörer dann auch noch zur Neige. 

Hinter mir im Bus schlug der metallenen Schlüsselanhänger immer und immer wieder gegen den Reißverschluss des Rucksacks. Vor und neben mir piepste ständig ein Handy. Jemand schmatze laut auf dem Kaugummi. Ein junger Mann trommelte nervös mit den Fingern gegen die Fensterscheibe. Der Busfahrer unterhielt sich mit einer Passagierin. Die Türen quietschen. Der Bus knarrte. 

Zuhause war ich einfach nur durch. Komplett. Ich war ein nervliches Wrack, fühlte mich wie nach 5 Tagen Schlafentzug und Dauerbeschallung. Ich habe seit dem Beginn mit dem Methylphenidat solche Zustände nicht mehr erlebt und völlig vergessen, wie anstrengend es sein kann so von Reizen überflutet zu werden. Klar, manchmal vergesse ich es auch und merke dann, dass es anstrengend ist, aber nach einem stressigen Vormittag voller Menschen und Reize dann noch über eine Stunde mit den Öffis fahren, uff. Da bin ich schon so durch, dass selbst das kleine bisschen an Abschalten und Filtern, dass ich sonst noch hin kriege, nicht mehr funktioniert. 

Mein Geld von der Rentenversicherung ist immer noch nicht da. Sind ja auch nur fast 5 Monate vergangen seit Ende Januar. Die RV sagt, sie brauchen den Brief von der Arbeitsagentur. Die Arbeitsagentur sagt, dass der schon längst bei der RV vorliegt. Und ich stehe kopfschüttelnd da und frage mich wirklich, wann wir an dieser Bürokratie zugrunde gehen. Niemand fühlt sich nun natürlich dafür zuständig mal zu schauen woran es liegt. Ich soll doch den Brief von der Arbeitsagentur faxen. Ähm, ja, dazu bräuchte ich den Brief aber erst. Ja, wir geben es an die Leistungsabteilung weiter, dass der Brief nicht bei der RV ist. Die melden sich. Ob das dieses Jahr noch was wird, ich bezweifle es. Und von meinem Zeugnis habe ich auch noch nichts gehört. 

In den letzten Tagen habe ich oft darüber nachgedacht einfach dieses Leben hinzuwerfen. Doch dann schreit der Zitronenkater ein paar Sekunden ganz jämmerlich und springt mir auf den Schoß, reibt sich miauend an mir und lässt sich dann schnurrend auf meinen Schoß fallen, damit ich ihn kraulen kann. Und ich denke an das verängstigte Häufchen Fell und Augen, dass ich vor fast zwei Jahren aufgenommen habe, dass damals so schnell Vertrauen in mich fasste und heute ein großer Kater mit viel zu viel Energie ist, ich denke an die vielen Nächte, in denen er zusammengerollt auf meinen Füßen schlief und die vielen Nächte, in denen er mich wach hielt, ich denke an das so vertraute Schnurren und den Geruch seines Fells, an den Stolz, mit dem er mir in letzter Zeit ständig Beute anschleppt… Ich kann ihn nicht verlassen. Ich kann diese Liebe nicht zerstören, ich kann mir nicht vorstellen, dass er irgendwo anders lebt und mich sucht und nachts irgendwo anders schlafen muss oder irgendwo landet, wo er vielleicht nicht mehr raus gehen kann. 

Also ist Aufgeben auch weiterhin keine Option. Einatmen, ausatmen, schlafen gehen, aufstehen. Und dazwischen irgendwo leben, meinen Kram regeln, meine Mutter unterstützen, den Garten versorgen. Und bangen, denn meine Schwester hat heute Kolloquium. Die Entscheidung über den Rest ihres Lebens, die Entscheidung, ob sie die Ausbildung bestanden hat. Ich werde sie mittags nach der Verkündung abholen, werde erfahren, ob sie es geschafft hat. Werde sie in den Arm nehmen, entweder mit Freudentränen oder Tränen des Mitleids. Ich werde einfach da sein in diesem entscheidenden Moment und ich bin froh, denn diese ganzen anderen großen Momente in ihrem Leben, die ersten Schritte, das erste Wort, die Einschulung, all diese Dinge habe ich verpasst weil mein Vater den Kontakt so gering wie möglich hielt. 

Vor einer Weile öffne ich die blaue socia und sehe als erste Meldung, dass meine ‚erste Freundin‘ ihren Freund geheiratet hat. Es macht mich irgendwie ein wenig sentimental. Mit ihr hatte ich meine erste ernsthafte Beziehung zu einer Frau. Wir kannten uns schon lange aus einem Forum für Selbstverletzung. Waren gute Freunde und dann kam da eben mehr. Es war klar, dass die Freundschaft danach nie wieder die selbe sein wird. Leider. Es war eine schöne Zeit. Und eine schwere Zeit. Ich habe viel gelitten, denn ihre Eltern durften nichts von uns wissen. Wir sahen uns trotz der Nähe nur selten. Und daran zerbrach ich und dann die Beziehung.  8 Jahre sind seitdem vergangen. In der Zeit haben wir uns nicht mal eine Hand voll Male gesehen. Die Freundschaft, die zuvor existierte, zerbrach genau so wie die Beziehung. Manchmal tut es noch weh. Nicht, dass wir nicht mehr ein Paar sind, sondern der Verlust des Menschen in meinem Leben. 

Ich hoffe, dass sie nun glücklich ist und ihren Weg geht. 

Den Morgen werde ich noch nutzen und ein wenig in meiner Wohnung rumwuseln, bevor ich mich auf den Weg in die Hauptstadt mache zu meiner Schwester. 

1 Comment

  • Es ist schön, dass der Zitronenkater dich dann ein bisschen da rausholt. Das ist ja wie ein Therapiehund, der einen aus Flashbacks holt. Aber Kater, die einen aus Suizidgedanken holen finde ich 10 Mal cooler 🙂

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