Druck – Klappe, die trölfzigste

Es war okay, so viele Tage und Wochen. Die Selbstverletzung hat so wenig Raum in meinem Leben eingenommen, dass ich sie an manchen Tagen sogar ganz vergessen habe. Wenn der Druck mal kam, dann war er immer unterschwellig, nie so hoch, dass ich hätte skillen müssen.

Und dann wache ich auf, gerade in dem Moment als ich fertig bin mir im Traum beide Pulsadern aufzuschneiden. Ich sehe meine unverletzten Arme und gleichzeitig das Blut und die Wunden. Es dauert, bis ich sicher bin, dass ich noch lebe, dass es nur ein Traum war.

Was bleibt ist der Druck und die Suizidgedanken. Mit letzteren kann ich umgehen. Sie sind ein leises Hintergrundrauschen, ein geflüstertes „Es wäre so viel leichter“, dem ich aber nichts entgegen setzen muss, weil es okay ist. Die Gedanken dürfen da sein, denn ich bin mir momentan sicher, dass ich sie nicht umsetzen werde und sie sind auch nicht so drängenden, dass ich handeln müsste.

Der Druck hingegen flüstert nicht, er brüllt und tobt. Ich habe seit dem Aufwachen das Gefühl nur noch aus meinen beiden Armen zu bestehen. Alles Körpergefühl sammelt sich dort und ich habe das Gefühl es nur los zu werden, indem ich mir eine Klinge durch die Haut ziehe. Den ganzen Tag über ist der Druck da, manchmal stärker, in manchen Momenten schwächer, aber nie verschwindet der Gedanke an Selbstverletzung aus meinem Kopf. Welle um Welle rollt heute über mich, manchmal sanft und manchmal tosend und brausend. Früher bin ich in solchen Momenten direkt eskaliert. Konnte es nicht aushalten, keinen einzigen Augenblick. In der Klinik waren es die Momente, in denen ich heulend und zitternd am liebsten zusammengebrochen wäre, wenn es keine Möglichkeit gab mich zu verletzen.

Mittlerweile halte ich es aus. Ich halte es aus, weil ich weiß, dass es mich nicht umbringt. Dass ich weder explodieren noch implodieren werde. Und weil ich Mittel und Wege habe es aushalten zu können. Es funktioniert, doch nicht unbegrenzt. Ein Tag dem Druck standhalten kostet unglaublich viel Kraft. Ich will eine Pause, ich will durchatmen können, weil ich momentan eigentlich meine Energie für andere Dinge bräuchte.

Ich weiß nicht warum es nun plötzlich wieder so viel Raum einnimmt. Vielleicht, weil die letzten Wochen stressmäßig ein Balanceakt waren. Vielleicht weil ich die letzten Wochen eh schon angespannt und antriebslos war. Vielleicht weil ich nicht gut schlafe. Vielleicht, weil es einfach wie eine Welle mal mehr, mal weniger ist. Eigentlich ist es auch egal. Wichtig ist gerade durchzuhalten.

Weil ich es schon so lange geschafft habe.

Weil ich meine Postkarte von den Bahamas bei Pfleger Arschkeks abholen will ohne frische Narben.

Weil ich einen Menschen an meiner Seite habe, der mit mir kämpft.

Weil ich Notaufnahmen und Wunden nähen lassen so satt habe.

Weil ich die letzten warmen Sommertage nicht mit Verband verbringen, sondern die Sonne auf meiner Haut spüren will.

Weil es nichts ändert, besser macht oder heilt.

Weil ich es einfach satt habe mein Leben davon so bestimmen zu lassen.

Ich pfeife mir jetzt Bedarf ein, denn für heute ist meine Kraft aufgebraucht. Ich mag nicht mehr kämpfen und stark sein, sondern mich nur noch in meine Decke wickeln, an meinen Schatz kuscheln, das Katerkind auf meinen Füßen liegen haben und mich fallen lassen.

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