Du bist das Recht, du bist das, was jeder verdient

Um kurz nach 7 habe ich die Augen aufgeschlagen, weil das Handy zum dritten Mal vor sich hin brummte und ich nach dem dritten Mal nicht die Möglichkeit habe nochmal auf schlummern zu drücken. Stattdessen muss ich mehrere Rechenaufgaben lösen. Und das funktioniert mit geschlossenen Augen relativ schlecht, also musste ich sie eben öffnen.
Und wenn ich mir nicht ziemlich sicher wäre, dass die Menschen bei der Krankenkasse eine Woche vor Weihnachten aufhören zu arbeiten, zwischen Weihnachten und Neujahr keine Lust haben irgendwas anzufangen und im neuen Jahr bestimmt zwei Wochen brauchen, um ihren Arbeitsplatz wieder zu finden, dann wäre ich einfach liegen geblieben. Aber da ich darauf angewiesen bin, dass spätestens vor dem 1. Januar Geld kommt, damit es dann direkt wieder abgebucht werden kann, bin ich eben aus dem Bett und in die Kleider und habe gefrühstückt (es ist seltsam das zu schreiben…), die Fellnasen gefüttert (Katerkind hat natürlich wieder gemeint, dass man das Futter einatmen kann, deswegen kam es dann nochmal Hallo sagen…) und bin vor die Türe gefallen. Und wie das eben so ist, wenn man eigentlich was vor hat und irgendwo hin will: der Bus kam nicht. Wenn eine Schneeflocke vom Himmel gefallen wäre, dann hätte ich erst gar nicht versucht in die Hauptstadt zu kommen. Wintereinbruch ist hier ja immer eine Sensation, woher soll man denn wissen, dass es im Winter schneien könnte?! Ich muss dann jedes Jahr schmunzeln, wenn Busse, Bahnen, Autos und sonstiges Gefährt einfach nicht mehr voran kommt bei dem Schneechaos aus einer Hand voll Flocken. Wenn man am Rande des Schwarzwalds aufgewachsen ist, dann sind 2 Meter Schnee im Winter keine Seltenheit, dass wegen ein paar Flocken alles stillliegt –  das gibt es nicht.
Aber bei einer Temperatur um die 7 Grad wird es wohl nicht schneien.
Also bin ich wieder heim, habe noch zwanzig Minuten das Katerkind gekrault und bin dann nochmal vor die Türe, da kam dann auch tatsächlich ein Bus.
Hauptstadt – Psychiater – Drogeriemarkt (ich bin an den Rasierklingen vorbei gekommen ohne welche zu kaufen!) – anderer Drogeriemarkt (und nochmal geschafft!) – nach Hause.
Daheim werde ich meine Fellnasen frisch machen, sowohl die quietschenden als auch die miauende, räume ein wenig auf (und die 1200 Puzzleteile in meinem Schlafzimmer zusammen), überlege was ich kochen soll, bringe meinen Krankengeldwisch zur Post, kriege Besuch, will mir Gutes tun. Vielleicht drehe ich mal wieder die Musik laut, das habe ich lange nicht getan. Dann hören meine Nachbarn wenigstens auch mal gute Musik.
Wenn ich Glück habe finde ich beim Aufräumen die 10 verschollene Spielzeugmäuse von Katerkind.

Gesten hatte ich übrigens einen sehr schönen Moment, der mir auch heute noch ganz fest im Gefühl hängt.
Ich links eingehängt bei Mama, Schwesterherz rechts, durch die Bahnhofstraße laufend, Weihnachtsmarktgeruch in der Nase und ein unendliches Gefühl von Freiheit.
Freiheit, das ist so eine wichtige Sache für mich. Die Freiheit zu tun wonach mir ist, zu essen was ich will, zu schlafen wann und wo ich will, laut zu singen, zu heulen, zu telefonieren, zu duschen… All das sind Dinge bei denen ich so viele Jahre eingeschränkt war, die ich nicht oder nur dann und dann machen durfte.
Manchmal (und eigentlich bräuchte ich das öfter) muss ich mir das vor Augen halten. Dass damals vorbei ist. Dass es nun so viel anders ist. Dass ich einfach frei bin. Frei von ihm, frei von seinen Einschränkungen, frei von seiner Gewalt. Auch wenn es sich manchmal gar nicht so anfühlt, weil er in meinen Gedanken und Gefühle festklebt wie Kaugummi, weil so viele Dinge eingefahren sind und mich bis heute begleiten, weil ich es eben nie anders gelernt habe. Aber ich bin frei, ich kann selbst bestimmen. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwann auch aus Gefühlen, Gedanken und Handlungen verschwinden wird. Vielleicht nie ganz, aber zumindest so weit, dass es mein Leben nicht mehr bestimmt. Vielleicht ist das eine Idee an das „Gutes tun“ ran zu kommen, weil da soooo viele Dinge drunter fallen, die ich nie durfte und mir deswegen auch unbewusst bis heute verbiete und sie nur schlecht aushalten kann. Vielleicht hilft es, ganz bewusst gegen sein Tun, seinen Einfluss, zu handeln, mir das ganz bewusst zu sagen. Graadselääds! „Und nun tue ich das ganz bewusst, weil ich weiß, dass ich es damals nicht gedurft hatte und du ausgeflippt wärst. Ätsch!“

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen

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