Du bist frei.

Dinge, die man so tut, wenn man Geburtstag hat.
Aufwachen und erstmal ’ne Menge Nachrichten lesen und lächeln und dabei den Zitronenkater kraulen. Kuchen backen und dabei Teig naschen. Weitere Nachrichten bekommen und lächeln. Das Geschirr spülen. Ein wenig auf dem Sofa hängen und House schauen. Sich fertig machen und einkaufen gehen. Lächeln. Das Sofa von Hundehaaren befreien. Die Wohnungstüre aufstehen lassen, weil das Katerkind im Flur spazieren geht. Die Salatmonster füttern. Nachrichten lesen und lächeln. Die Wohnung fegen. House schauen. Lächeln. Alle Psychomedis in der Wohnung zusammensuchen und vor der Mutter verstecken. Kuchen naschen. Katerkind kraulen. Kuchen naschen. Besuch bekommen. Tee trinken. Reden. Lachen. Sekt trinken. Über Geschenke freuen. Noch mehr Besuch kriegen. Über noch mehr Geschenke freuen. Kuchen essen. Noch mehr Kuchen essen. Noch mehr Sekt trinken. Reden. Lachen. Glücklich sein. Nochmal Kuchen essen. Katerkind bespaßen. Schwester knuddeln. Glücklich sein. Geschenk zusammenbauen. Lachen. Reden. Gäste irgendwann verabschieden.
Und dann heulend auf dem Sofa sitzen irgendwann, weil es einfach mal wieder so ein Tag ist, an dem ich mir meinen Vater wünsche. Meinen Vater, so wie er in den schönen Momenten war, die wir hatten. Und dann noch mehr weinen, weil ich ihn so sehr für die anderen Momente hasse. Und für die schönen, weil er mir damit gezeigt hat, wie anders er auch sein kann. Und heulen, weil man einfach gerne einen Vater hätte der da ist und sich kümmert und einfach hinter einem steht und nicht solche Dinge getan hat. Einen Vater, der kommt und mit einem anstößt und sich mit einem freut und lacht und einen umarmt, keinen Vater der trinkt und prügelt und einen fertig macht und sonstiges. Und sich dann selbst hassen, weil man mit diesem Gefühlschaos nicht klar kommt. Und heulen und Druck haben und schneiden wollen. Stattdessen rufe ich in der Klinik an. Erzähle Schwester Nathalie von dem Chaos in meinem Kopf, von Berlin, von heute und den letzten Tagen. Und kriege Lob. Weil eben „erst“ ein Jahr zwischen damals und heute liegt. „Einfach so mal nach Berlin fahren, das wäre vor einem Jahr doch noch undenkbar gewesen. Abgesehen davon, dass Sie da auf der Intensivstation lagen…“ Ja. So vieles war vor einem Jahr noch undenkbar. Zum Beispiel hier zu sitzen und über den Missbrauch zu reden und zu heulen. Anstatt im Bad zu sitzen und mir die Arme aufzuschneiden. Sie sagt, ich muss mich nicht dafür hassen, dass ich ihn eben doch mag und gerne einen Vater hatte. Dass ich diese Gedanken akzeptieren soll. Radikale Akzeptanz (ich hasse es!). Aber sie hat Recht und es hilft, dass zu hören. Dass diese Gedanken eben auch okay sind, dass sie auch da sein und ihren Platz haben dürfen. Dass es okay ist und ich okay bin und nicht völlig irre, weil ich ihn trotz allem als Vater liebe. Und auch nochmal zu hören, dass eine Kontaktaufnahme derzeit absolut nicht gut wäre. Ich weiß es, rational gesehen, selber. Trotzdem habe ich so oft das Bedürfnis danach, das Bedürfnis nach ihm, das Gefühl, dass ich es ihm dann doch irgendwie schulde. Es tut gut das alles zu hören und zu reden und nochmal von außen gesagt zu bekommen, wie viel sich in diesem einen Jahr doch getan hat. Klar bin ich trotzdem immer noch instabil und habe teilweise wochenlang nur furchtbare Tage, aber es ist eine enorme Entwicklung gewesen in dieser Zeit. Lob, eine Sache, die ich mittlerweile annehmen kann und die es auch schafft wirklich bei mir anzukommen und nicht irgendwo kleben zu bleiben und von Selbstvorwürfen und Selbsthass zerfressen zu werden. Zwar auch nicht immer, aber viel öfter als zuvor. Auch eine Entwicklung. Und obwohl ich furchtbare Angst davor habe, dass wieder beschissene Tage voller Selbsthass und Suizidgedanken kommen werden, weiß ich doch, dass ich ein Stück des Weges zum Gesundwerden geschafft habe. Und das mir das niemand nehmen kann, auch ich selbst nicht, selbst wenn ich mich wieder verletzen sollte oder sonst was. Und auch wenn ich das in den Momenten dann nicht sehen kann, so ist dieses Gefühl in den guten Momenten da. Und das alleine tut schon unglaublich gut. Sollen Sie nur kommen, die scheiß Momente. Auch die schaffe ich. Ich hab schon so viel geschafft.
„Denken Sie dran, radikale Akzeptanz. Und an meine Zettel.“ sagt Nathalie, und ich verdrehe schon wieder die Augen, weil ich radikale Akzeptanz nicht mehr hören kann. Nach dem Auflegen krabbelt der Zitronenkater verschlafen und mit Käsekuchenbauch auf meinen Schoß und ich sitze da und schaue auf die Zettel an meiner Wand. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Chakka. Der Tag war gut und bleibt auch gut. Du bist frei. Und ich muss lächeln und es ist einer der wenigen Momente, in denen ich mich wirklich frei fühle und in denen ich auch wirklich das Gefühl habe, dass ich das alles schaffen kann. Trotz meiner Vergangenheit, trotz Borderline, trotz Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich werde diesen Weg weiter gehen. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

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