Ein Leben wie ein Gemälde, kaputt und verschmiert

Gestern

Stundenlang drehe ich mich im Bett hin und her. Ich döse kurz ein und bin einige Minuten später wach. Und das Ganze wieder von vorn. 

Ich fühle mich zerschlagen, Matsch, müde und habe Schmerzen. Ich will nichts mehr als einfach schlafen. 

Nein. Das stimmt nicht. Ich will mich verletzen. Ich glaube es ist zum ersten Mal seit der dbt wieder so schlimm. Ich habe das Gefühl nur noch aus Unterarmen zu bestehen, all mein Denken und Fühlen bündelt sich dort. Ich sehne mich so sehr danach die Klinge anzusetzen. Sehne mich nach dem Gefühl der Erleichterung, nach der Entspannung, nach dem feinen Schmerz, der eigentlich gar kein Schmerz ist. Ich fühle mich innerlich so verletzt, dass ich diese äußere Unversehrtheit kaum ertragen kann. 

Ich achte zu wenig auf mich in den letzten Tagen. Bin erledigt nach dem Klinikalltag. Und noch nicht mal so sehr von den Themen, sondern vom Drumrum. Die Lautstärke, die Menschen, die Fahrt. Ich frage mich, wie ich jahrelang fast jeden Tag von morgens bis mindestens nachmittags weg sein konnte, wie ich arbeiten konnte, wie ich mein Leben halbwegs auf die Reihe gekriegt habe. 

Und so sitze ich kurz nach 3 auf meinem Sofa. Mit dem Katerkind auf dem Schoß, mit enormem Selbstverletzungsdruck und mit Suizidgedanken. Ich frage mich, warum dieser Lebensvertrag mich noch hält. Eigentlich ist es nur ein Stück Papier. Und doch ist er auch mehr. Doch ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehmen soll. Wenn ich doch noch nicht mal in meine eigene Haut schneiden kann. Es fehlt mir, es fehlt mir so sehr. Elf Monate kämpfen und funktional sein und ich habe langsam echt keinen Bock mehr darauf. Es kotzt mich an, es kotzt mich einfach nur noch an und ich will alles hinschmeißen. 

Eigentlich müsste ich Verhaltensanalyse an Verhaltensanalyse hängen. Doch ich weiß wo es hängt, weiß, dass ich mich viel um Selbsthass drehe und viel um das Wirrwarr in mir, dem ich keinen Ausdruck verleihen kann, verleihen darf. Da war und ist seit gefühlt immer die Selbstverletzung als Ventil, Ausgang und Lösung, als Überlebensstrategie, als rettender Halt. 

Ich spüre die Wärme des Katerkinds auf meinen Beinen, spüre sein Schnurren. Ich höre das Heu rascheln und ein gelegentliches Quietschen von einer der Schweinenasen. Ich kann nicht aufgeben. Ich darf nicht aufgeben. Was soll denn aus meinen Fellhaufen werden? Doch es fällt so schwer, so unglaublich schwer. Und ich weiß nicht, wie ich das anders durchstehen soll, als mit Selbstverletzung. 

Manchmal wünsche ich mir die Tage zurück, an denen die Erinnerungen so weit weg waren. Ich sehne mich danach, dass alles „doch gar nicht so schlimm“ war. Nach dem Verdrängen und Runterspielen und Kleinhalten. Doch es funktioniert nicht mehr. Im Endeffekt habe ich jahrelange Hölle hinter mir, Trauma an Trauma an Trauma an Trauma gereiht, habe jahrelang nur darum gekämpft die nächsten Stunden zu überleben, jahrelang nur von einem Schnitt zum nächsten gelebt. 

Ich weiß, dass es erstmal beschissen wird, bevor es besser wird. Nur hilft mir das gerade nur wenig weiter. Wie viel lieber hätte ich einfach nur einen gebrochenen Knochen. Gips drum und in spätestens 3 Monaten ist es wieder okay.

Und genauso wie ich mich nach der Zeit sehne, in der die Erinnerungen vergraben waren, so sehne ich mich nach der Zeit, in denen die Selbstverletzung noch einfacher war. Noch halbwegs harmlos, ohne den Rattenschwanz von Notaufnahme und versorgen lassen und beim Hausarzt zur Kontrolle antanzen. Ohne die Narben, die ich nun kaum noch verbergen kann. Ohne das schlechte Gewissen, weil ich es lassen will. Ohne zugeben zu müssen, dass es passiert ist. Da war einfach nur der Schnitt und die Erleichterung. Niemanden hat es interessiert, ich wollte nicht aufhören, perfekt.  

Doch es ist so vieles anders mittlerweile. Es ist nicht mehr so einfach wie früher, nicht mehr so egal. Ich bin mir nicht mehr so egal. Ich bin anderen Menschen nicht mehr so egal. Ich bin weiter. Und manchmal kotzt mich das echt an. 

Der Therapeut macht den Tag dann doch noch etwas besser. Wir sprechen über den Dienstag, darüber, dass ich von etwas total getriggert wurde. Genau wie freitags in der Traumagruppe. Wir sprechen über die Gefühle dabei. Die direkt danach, die, die dann kamen, die, die danach dann auftauchten. Das Chaos aus Wut und Scham und Angst und Selbsthass. Es tut weh, aber es tut auch gut. 

Nach der schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Tag kippe ich zuhause zuerst aufs Sofa und dann ins Bett. Es dauert zwar lange bis ich einschlafen kann, aber ich schlafe wenigstens mal. 

Heute 

Mein Tag beginnt relativ früh und relativ gut. Ich bin zwar nicht sonderlich motiviert, aber es ist okay. Viel bietet mein Plan heute nicht, aber trotzdem ist der Kliniktag erst um 15 Uhr vorbei. Da ich nicht nach Hause komme (verdammter Fasching, verdammter Umzug!) und noch warten muss, bis die Busse wieder fahren, verbringe ich noch ein wenig Zeit bei einer lieben Mitpatientin auf dem Zimmer mit quatschen und Cappuccino. Und auf dem Heimweg merke ich, dass ich zum ersten Mal nicht völlig erledigt bin, nicht völlig kraftlos. 

Ich muss an meine Tante denken. So lange habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, wie zu so vielen anderen Menschen. Es schmerzt, doch mit jeder weiteren Woche, mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Jahr fällt es schwerer sich zu erklären. Wie soll ich formulieren, dass ich neben Trauma (wieder)entdecken, Ausbildung und irgendwie noch klar kommen einfach keine Kraft hatte. Wie soll ich erklären, was mich da so umgehauen hat? Wie soll ich sowas der Familie erklären, wie soll ich sowas gegenüber einem Menschen äußern, der mit ihm aufgewachsen ist? Auch wenn da seit Jahren kein Kontakt mehr besteht (welch ein Wunder…), so ist es eben doch unsere Familie. Ich habe Angst vor der Reaktion. Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Angst, dass an ihn weiter getragen wird, dass ich darüber spreche. So viel Angst ist da immer und immer wieder. 

Ich habe ihr eine SMS geschrieben. Ihr gesagt, dass ich gerne mal in Ruhe mit ihr reden würde. Ihr gesagt, dass es mir leid tut, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, dass ich gerne erklären mag wieso. Ich bin nervös. Warte auf eine Antwort. Habe Angst vor einer Ablehnung. Oder vor keiner Antwort. Ich male mir die schlimmsten Szenarien aus. 

Ich versuche nicht schreiend im Kreis zu rennen. Nicht durchzudrehen. Stattdessen werde ich meine heute tatsächlich vorhandene Energie nutzen und endlich mal wieder etwas kochen. Und ein wenig aufräumen. Und mein Bett frisch beziehen. 

Wir sind vom Leben gezeichnet
In den buntesten Farben
Und wir tragen sie mit Stolz
Unsere Wunden und Narben
Wir sind vom Leben gezeichnet
Mit Dreck und mit Schmutz
Doch es glänzt wie Perlmut
Wir sind so schön kaputt

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