Freiburg

Als mein Wecker zum ersten Mal klingelt habe ich das Gefühl nur wenige Stunden geschlafen zu haben. Dann fällt mir ein, dass es ja tatsächlich so ist. Immerhin habe ich nicht verschlafen und stehe um kurz nach 5 dann tatsächlich auf, wanke ins Bad und füttere auf dem Weg die Meeris und dann den Terrorkater.

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N. sammelt mich bei mir auf und bringt mich netterweise zum Bahnhof, da die Verbindung so früh einfach grausam ist. Wir trinken am Gleis noch einen Kaffee (bzw. ich eine Dose Energy) und dann ziehe ich los. In der Hauptstadt kaufe ich noch kurz Getränke für die Fahrt, ein Notizbuch und Kugelschreiber, da ich meine Sachen natürlich habe zuhause liegen lassen und sonst vermutlich in Freiburg all die Dinge vergesse, die ich fragen will.
Dann laufe ich zum Fernreisebusbahnhof, denn der Bus dorthin braucht noch fast zehn Minuten bis er kommt und ich habe die Befürchtung in der Zeit einfach einzuschlafen. Zu Fuß bin ich auch schneller.
Nach den ersten paar Kilometern bekomme ich ein komisches Gefühl im Bauch. Und dann merke ich auch wieso. Das ist die Strecke, die „nach Hause“ führte so viele Jahre. Die Strecke in die falsche Richtung, über Straßburg und Kehl und einmal bis zum höchsten Berg des Schwarzwalds und dann wieder nach unten und dann war er da, der Ort an dem ich lebte. Bis Kehl ist die Strecke gleich heute. Und es fühlt sich merkwürdig an, denn seit 9 Jahren bin ich diese Strecke nicht mehr gefahren. Als sich die Autobahn endlich teilt und wir den Weg Richtung Basel nehmen, legt sich das ungute Gefühl langsam. Stattdessen betrachte ich die Ausläufer des Gebirges, dass so lange Teil meiner Heimat war, an denen wir entlang fahren, habe Musik auf den Ohren und will das Gespräch einfach hinter mir haben.

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Vom Bahnhof in Freiburg gehe ich die 20 Minuten bis zur Klinik zu Fuß. Nach dem langen sitzen tut das gut, die Luft ist schwülwarm, das Gehen beruhigt mich ein wenig.
Als ich dann vor der Klinik stehe steigt die Panik wieder in mir auf. Wie wird es wohl, wie werde ich die Klinik finden und die Station und die Psychologin, wie lange wird es wohl noch dauern bis ich stationär aufgenommen werden kann, unendlich viele Dinge schwirren in meinem Kopf rum. Ich will umdrehen und fliehen, doch dann killt mich sicherlich der Psychopeut und bestimmt auch Nathalie, sowie ein paar andere Menschen. Außerdem mag ich eigentlich keine 20 Euro für nichts ausgeben. Also suche ich mir eine Bank, betrachte das Geschehen, versuche ruhig zu bleiben. Atmen. Rauchen. Dableiben. Atmen. Ein und aus. Atemzug um Atemzug und Moment für Moment. Es wird gut werden. Es kann nichts passieren. Alles ist okay.
Ich melde mich in der Ambulanz an, lasse mir erklären wo ich hin muss und suche das Zimmer der Therapeutin, bei der ich einen Termin habe. Ich bin zu früh und habe immer mehr Panik, also nehme ich erstmal von den Quetiapin. Dipi habe ich keine dabei, sonst hätte ich davon welche genommen.
Als sie dann auftaucht und wir in ihr Zimmer gegangen sind sagt sie mir erst mal etwas sehr wichtiges. Das es nichts gibt, was ich dort und auch später in der Therapie erzähle, wofür ich mich schämen müsste. Das tut erst mal sehr gut.
Sie fragt viele Dinge, Symptome und woran ich gerne arbeiten würde, über mein Leben und meinen psychiatrischen „Werdegang“.
Danach gehen wir rüber zur Station. Die kann ich leider nicht anschauen, weil dort gerade irgendwas ist, aber alles macht einen netten Eindruck. Der Arzt der Station ist auch nett, fragt noch ein paar Dinge und meint, genau wie die Therapeutin, dass das Konzept der Station gut für mich passen würde. So wie es aussieht kann ich im September in die stationäre DBT starten.
Danach bin ich einfach nur erledigt und müde. Ich buche kurzerhand meine Fahrt um, weil ich den früheren Bus noch kriege, laufe zurück an den Bahnhof, esse dort was und steige in den Bus. Bis kurz vor Straßburg schlafe ich, dann weckt mich ein französischer Polizist. Ausweiskontrolle. Ab da kann ich leider nicht weiter schlafen, also schaue ich Filme und aus dem Fenster. Als wir uns der Grenze nähren muss ich automatisch lächeln. Wie so oft auf dieser Strecke, je näher meine Hauptstadt kam in den ganzen Jahren, desto mehr musste ich lächeln und es hat sich in all den Jahren nicht geändert.

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