Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen.

Einige erinnern sich bestimmt noch an damals. Die Zeit, in der man mit einer Kassette im Fach vor dem Radio saß, den Finger über dem Aufnahmeknopf schwebend. Warten, warten, warten, bis das lang ersehnte Lied endlich kommt. Und dann quatsche der Radiomoderator zwischen rein! Daran muss ich gerade denken, als ich Musik von Youtube ziehe, um N. eine CD zu brennen. 

Damals. Ja, ich kenne noch den Zusammenhang von Stiften und Kassetten. Ich weiß auch, wie man eine Telefonzelle benutzt. Ich erinnere mich noch an das Geräusch, wenn das Modem sich ins Internet wählte. Ich habe Disketten benutzt, Briefe geschrieben, die Festnetznummern meiner Freunde auswendig gewusst, für Referate in der Bibliothek Bücher gewälzt. Ich erinnere mich an nur 3 Fernsehprogramme, an Schreibmaschinen und an das Gefühl, zum ersten Mal Google zu benutzen, zum ersten Mal eine SMS zu schreiben, zum ersten Mal einen mp3-Player in der Hand zu halten. 

Viele Erinnerungen aus meiner Kindheit fehlen mir. Die Erinnerungen, die ich habe, sind größtenteils schmerzhaft. Aber es gab da auch diese schönen Momente. 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals in der Bibliothek der Schule saß, aufgeregt, nervös, immer über die Schulter blickend, ob jemand sieht was ich am PC mache. Mein Deutschlehrer hatte mich beiseite genommen. Mich gebeten in der Mittagspause eine Runde mit ihm zu gehen. Ich war 14, es störte ihn nicht, dass ich beim Laufen eine Zigarette rauchte, er gab mir sogar Feuer. Seine Frau, meine Sportlehrerin, hatte mich eine Weile zuvor im Unterricht am Handgelenk gepackt und meinen Ärmel hoch geschoben. Die frischen Wunden und die Narben gesehen. Er erzählte mir, dass sie einen Bericht gesehen hatten. Über Selbstverletzung. Er gab mir einen Zettel mit einer Internetseite. Und nun saß ich da, nervös, und tippte die Buchstaben in die Adresszeile des Browsers. Und las. Und wusste nicht, was ich fühlen soll. Da waren Menschen, so viele Menschen, die fühlten wie ich. Die sich selbst verletzten. Ich war kein Alien. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass es, wenn überhaupt, nur wenige Menschen auf der Welt gab, die sowas machen. Mehrere Monate später meldete ich mich auf dieser Seite an. Und bin bis heute dort Mitglied. „Mein“ Forum. Bis heute gibt es mir oft Halt. Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben habe ich dort kennen gelernt. Es gibt Freundschaften, die seit Jahren bestehen, über Distanz und Krisen hinweg. 

Wenn ich versuche mich an schöne Erlebnisse meiner Kindheit zu erinnern, dann sind sie immer irgendwie getrübt. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, dass einfach nur positiv war. 

Da ist zum Beispiel die Klassenfahrt nach Frankreich. Marseille, Avignon, Saintes-Maries-de-la-Mer. Es war eine schöne Zeit. Obwohl meine Lehrerin im Vorfeld Bedenken hatte, denn sie wusste von der Selbstverletzung, von den Suizidgedanken. Doch sie ließ sich auf ein Gespräch mit meiner Therapeutin ein und war anschließend beruhigt. Mit der Absprache, dass ich während dieser Zeit nichts anstelle, konnte sie leben. Wir hatten viel Spaß. Ein Klassenkamerad betrank sich dermaßen, dass unsere Referendarin ihn mit Klamotten unter die Dusche setzte und ihm den Finger in den Hals steckte. Ein Lehrer trank etwas viel Wein und torkelte abends an uns vorbei, während wir Shisha rauchten an der Rhone, gegenüber der Pont d’Avignon. „Was rauchen Sie da? Ist da was drin? Dann wird das sofort konsumiert! Äh. Konsumiert! Nein. Konfisziert!“. Als ich in einem Café einen Café au lait bestellte, fragte die Bedienung auf Deutsch „Mit Milch?“ und wir fielen fast lachend von den Stühlen. Es war eine schöne Zeit. Doch es war alles getrübt von dem Wissen, dass ich zurück muss. Zurück zu meinem Vater. Und je mehr Tage vergingen, je mehr Spaß wir hatten, desto dunkler und trauriger wurde es in mit. Ich erlebte zum ersten Mal eine schöne Zeit, als Teenager mit Freunden, hatte Spaß, war weit weg vom Einfluss meines Vaters. Ich sah zum ersten Mal, wie ein Leben sein kann, wie die Leben meiner meisten Mitschüler auch zuhause waren. Es war genauso schmerzhaft wie es schön war. 

Meine erste große Liebe. P. war in meiner Klasse. Und obwohl ich wusste, dass ich Mädels toll fand und mich zu ihnen hingezogen fühlte, so mochte ich ihn auch, war verknallt, wusste noch nicht wirklich viel über Homosexualität und noch weniger über meine eigenen Neigungen. Wir verstanden uns, ich wollte Zeit mit ihm verbringen und machte irgendwann den ersten Schritt. Die erste große Liebe vergisst man nicht, so heißt es immer. Und so ist es auch. Und obwohl das Ende schmerzhaft war, so war es doch schön. Beim ersten Liebeskummer denkt wohl jeder, dass man daran stirbt. Doch die Erinnerungen daran, an die Beziehung, sind aus anderen Gründen schmerzhaft und getrübt. Mein Vater verbot mir diese Beziehung. Verbot mir den Kontakt außerhalb der Schule. Besuche, Anrufe. Und so zerbrach die Beziehung. 

Die erste wirklich freie und schöne Zeit erlebte ich mit 17 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch wenn in meinem Leben drumrum damals alles im Chaos war, die Inobhutnahme erst einen Monat vergangen, die Zukunft ungewiss, so war ich doch endlich frei von meinem Vater. Auch wenn es schmerzhaft war, weil ich mich schuldig fühlte, weil die Suizidgedanken mich umklammert hielten, weil vieles in mir einfach dunkel war, so hatte ich doch unglaublich schöne Momente, fühlte mich sicher. Und ich wusste, dass ich niemals zurück gehen werde. 

Bald ist es elf Jahre her. Elf Jahre sind dann vergangen seit jener Nacht, in der die Polizei und das Jugendamt da waren. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Frau G. in ihrem Auto saß. „Ich brauche eine Zigarette!“ sagte ich heulend und sie bot mir eine an. So saßen wir schweigend in ihrem Auto, beide rauchen, nur unterbrochen von meinem Schniefen. Sie fuhr mich in dieser Nacht zu meinem besten Freund. Am nächsten Tag kam ich zu meiner Notpflegefamilie. Saß heulend bei meiner Lehrerin Frau B. im Lehrerzimmer meiner Schule und erzählte, was passiert war. Wusste nicht, wie es weiter gehen soll. Wusste nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. 

Elf Jahre. So viel Zeit. Manchmal fühlt es sich an, als ob seitdem nur wenig anders geworden ist. Und doch… Es liegen Welten zwischen damals und jetzt. Ich bin frei. Vielleicht muss ich mir das viel öfter sagen. 

Seitdem sind da viel mehr Erinnerungen. Es sind nur noch wenige Löcher in meinem Kopf. Und die Erinnerungen sind nicht mehr durch und durch getrübt von der Dunkelheit, die mich zuhause erwartete während so vieler Jahre. 

Vor kurzem bin ich durch Zufall über ein paar Sätze gestolpert, die mich nachdenklich machten. Es ging um das leidige Thema aufräumen und Ordnung halten. Die Person erzählte, dass ihre Mutter immer alle Schränke ausräumte in ihrem Zimmer aus Wut und sie dann aufräumen musste und es ihr deshalb so schwer fällt. Beim Lesen tauchten Bilder in meinem Kopf auf. Die kleine Zitrone, weinend, inmitten von Dingen, während der wütende Vater Schubladen rausriss und auf dem Boden ausschüttete. Mit Drohungen, Beschimpfungen. Bis x Zeit, dass alles wieder in Ordnung zu bringen. Und ich beginne zu weinen, denn ich fühle den Schmerz des Kindes von damals. Und ich weine über diese „neuen“ alten Erinnerungen. Die ADHS-Diagnose erklärte einige Dinge. Und diese Erinnerungen erklären wohl den Rest. Mein Vater hatte immer schon eine Art der Ordnung und Sauberkeit, die mich als Kind wahnsinnig machte. Ein wenig von meinem eigenen Chaos im Zimmer war eine Rebellion dagegen. Und ich merke, dass all diese Dinge, die Rebellion, die ADHS bedingten Sachen und die Erinnerungen an das Aufräumen müssen mich bis heute beeinflussen. 

Solche Dinge bringen mich immer wieder zu der Frage, ob ich froh bin um die Dinge, an die ich mich nicht erinnere, oder nicht. So vieles wird auf einmal klarer und verständlicher, wenn solche Erinnerungen kommen, so schmerzhaft sie auch sind. Meine Kindheit und Jugend besteht aus mehr weißen Flächen und dunklen Löchern als aus Erinnerungen und ich weiß nicht, ob ich wirklich wissen will, was dort eigentlich schlummert. Aber letztendlich ist es auch keine Entscheidung, die ich bewusst treffen kann, denn ich kann nicht steuern ob und was plötzlich wieder auftaucht. 

Gleich werde ich mal Klamotten zusammen suchen und in die Maschine schmeißen. Wegen ansonsten nackt in die DBT-Stadt fahren und so. Und dann hüpfe ich in Kleider und fahre in die Stadt. Treffe mich mit N. und statte der neu eingerichteten Bücherei mal einen Besuch ab. Vielleicht hole ich mir einen Ausweis, je nach Angebot dort, mal sehen. Auf dem Weg zum Bus gehe ich bei der Post vorbei und bringe die Briefe weg. Später will ich hier noch ein wenig weiter Ordnung machen. Anfangen ein paar Dinge zu packen für meine Fahrt. Meine Medikamentenbox wieder bestücken. Leben. Atmen. Frei sein. 

Freiheit bedeutet sein wie ich bin, Freiheit heißt für mich Fehler machen wie’n Kind.
Und wenn’s sein muss, fall ich halt hin.
Doch ich steh wieder auf, Freiheit heißt zöger nicht, sondern lauf
Wenn du weißt was du willst, dann tu es, wenn nicht dann tust du es auch
Freiheit bedeutet frei sprechen, frei machen, frei bleiben
Mauern die, die Angst vom Versagen errichtet einreißen, Mut haben
Freiheit bedeutet auch zu enttäuschen, sich selbst zu erfüllen
anstatt die Erwartungen von anderen Leuten

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