Fuck you, fuck you, fuck you.

Oftmals sagte meine Therapeutin „Schreiben Sie ihm“. Ein Brief, der nicht abgeschickt wird, keine Struktur braucht, eine Möglichkeit das Chaos, die Wut und den Schmerz loszuwerden. Oft habe ich angefangen, es aber nie zur einem Ende gebracht.
Es gibt so vieles, dass ich gerne schreiben würde. So viele Dinge, die in meinem Kopf und meinen Gefühlen sind, für die aber einfach die Worte fehlen. Es gibt so viele Augenblicke, so viele Momente, an die ich mich noch erinnern kann.
Mit 13/14 Jahren hatte ich meinen ersten Freund. P. ging mit mir in die selbe Klasse, er saß im Unterricht an dem Tisch neben mir. Wir haben oft Briefchen geschrieben über den langweiligen Unterricht, sogar eine Geheimsprache entwickelt.
Irgendwann gestand ich ihm meine Liebe und er mir seine. Ich war furchtbar verliebt damals, furchtbar glücklich. Er war bei mir zu Besuch, ich bei ihm. Lange habe ich gekämpft, dass er zu mir kommen darf. Eines Abends lagen wir zusammen in meinem Bett. Ich ohne Tshirt, er auch. Als du es gesehen hast bist du ruhig geblieben, bis P. weg war. Danach kam das Donnerwetter, die Schläge. Ich habe geheult, stundenlang. Als P. später anrief wie jeden Abend hast du ihm verboten jemals wieder zu kommen, jemals wieder anzurufen, und ich durfte auch nicht mehr zu ihm.
So endete unsere Beziehung dann auch bald. Weg gelassen hast du mich eh nie, auf keine Feiern und Feste. Und ohne telefonieren, ohne gegenseitige Besuche, tja. Somit hattest du meine erste Beziehung zerstört, meine erste große Liebe. Oft lese ich irgendwo, dass man die erste Liebe nie vergisst. Meine Erinnerungen daran sind aber geprägt i. von deinen Schlägen, von deiner Gewalt und deiner Wut.
Dann war da dieses eine Mal, bei dem du die Fernbedienung  gesucht hast. Du fragtest immer und immer wieder, wo ICH sie denn hingemacht hätte. Als ich irgendwann antwortete, dass ich sie ja wohl nicht gefressen habe, bist du ausgeflippt, wie so oft. Schläge, bis ich irgendwann behauptete, dass ich sie hatte aber nicht mehr weiß wo sie ist. Du hast oft auf mich eingeschlagen, bis ich irgendwas zugab, dass ich eigentlich gar nicht getan hatte. Letztendlich tauchte die verdammte Fernbedienung unter deinem Stapel auf dem Schreibtisch auf. Natürlich hatte ich sie da hingelegt, nicht du. Deine Fehler hast du so gut wie nie eingestanden.
Irgendwann, ich war noch im Kindergarten, hast du mir ein blaues Auge geschlagen. Warum weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich so gut daran, weil du damals wolltest, dass ich lüge. Ich sollte erzählen, dass der Gurt im Auto kaputt sei und ich beim bremsen gegen den Vordersitz geknallt bin. Es ging eine lange Zeit so, dass ich diese Lüge erzählen musste, denn immer wieder fragte jemand nach, ob der Gurt repariert sei.
Ich weiß nicht wie viele Male du mir erzählt hast, dass ich nichts wert sei. Eine Schlampe, eine doofe Kuh, nichts würde ich jemals schaffen, außer Putzfrau zu werden. Du hast mich immer mit I. verglichen, einer Klassenkameradin. Sie war ja so hübsch und klug und sowieso bestimmt eine viel bessere Tochter als ich. I. ging relativ früh mit schlechten Noten vom Gymnasium ab, hat soweit ich weiß bis heute keinen Schulabschluss und keine anständige Ausbildung. Aber trotz allem war sie immer besser, hübscher, klüger, toller. Wie sehr sowas einem Kind wehtut, dass war dir völlig egal.
Brachte ich eine 3 nach Hause war direkt klar, dass aus mir nichts wird. Dass ich dumm bin, nichts kann. War es eine 2, dann hätte es ja besser sein können. Und bei einer 1 hieß es, dass andere das auch schaffen, das wäre keine Leistung. Ich konnte also tun was ich wollte.
Wie oft hast du mich in mein Zimmer geschickt. Ohne Mittag- oder Abendessen.
Essen war für dich sowieso wichtig. Dass ich bestimmte Sachen nie mochte war dir dabei egal. Dass der Geschmack mich zum würgen und erbrechen brachte auch. Ich musste es dennoch essen. Wollte ich etwas nicht, so war das für dich der direkte Beweis, dass ich ein undankbares Stück Dreck bin. Wollte ich keinen Nachschlag, dann war es natürlich nicht lecker und ich also direkt wieder undankbar.
Und so habe ich bis heute Probleme mit dem Essen. Oftmals ist es ein totales Chaos, manchmal esse ich bis mir schlecht wird und übergebe mich, manchmal esse ich tagelang kaum etwas. Essen war „Zuhause“ gleichbedeutend mit Liebe. Böses Kind, kein Essen. Gutes Kind, Essen. Kein Nachschlag, böses Kind, kein Essen. Nachschlag, gutes Kind, also gibt es Essen. Deine verquere Welt ist so tief in mir verwurzelt, dass es mir selbst nach fast 10 Jahren Freiheit ohne dich noch schwer fällt aus diesen Mustern auszubrechen.
Du hast dich immer beschwert, dass ich viel zu wenig helfe. Meine Wäsche durfte ich nicht selbst waschen, das könnte ich schließlich nicht. Habe ich gekocht oder gebacken meintest du immer, dass man nun die Küche renovieren müsste. Habe ich geputzt, war es natürlich nicht sauber, weil ich das nicht richtig mache. Deinen unterschwelligen Putzzwang habe ich immer schon mit Chaos im eigenen Zimmer bekämpft. Und bis heute finde ich pure Ordnung furchtbar, denn bei dir war das immer gleichbedeutend mit steril und „bloß nichts anfassen“.
Und dann gibt es noch diese unzähligen Momente, in denen du mir an den Po gefasst hast, drüber gestreichelt hast, selbst als ich schon ein Teenie war. Ich habe so oft gesagt ich mag das nicht, ich will das nicht. Aber für dich war ich dein Eigentum, schließlich hast du dazu beigetragen, dass ich auf der Welt bin und mich groß gezogen, also darfst du auch tun was du willst. Und das war mehr als nur den Po anfassen.
Wenn irgendwas nicht so lief wie du es wolltest, meistens nachdem du mich verprügelt hattest und ich unerklärlicherweise weinte, hast du mir immer gedroht mich zu meiner Mutter zu schicken. Denn ich sei ja genauso bekloppt, gestört, unfähig, doof. Diese Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen.
Für mich war das die Drohung schlechthin, denn du hast mir jahrelang eingeredet, dass die psychisch gestört ist und nicht in der Lage ein Kind aufzuziehen. Und deine Manipulation hat auch bewirkt, dass ich dir geglaubt habe, dass sie mich überhaupt nicht liebt.
Und was auch immer zog war die Drohung, dass du dich umbringst wenn ich nicht mehr bei dir lebe. Denn schließlich würdest du mich über alles lieben, ich wäre das Beste auf der Welt, das einzig wichtige. So hast du mich aber nie behandelt.
Also habe ich immer gesagt, dass ich mich bessere (dabei habe ich nie was getan, was deine Gewalt rechtfertigen würde), gebettelt bei dir bleiben zu dürfen.
Hättest du deine Drohungen doch bloß wahr gemacht. Mein Leben wäre anders verlaufen, ich wäre jetzt vielleicht nicht ganz so kaputt wie ich es eben bin.
3 Jahre lang ging ich in Therapie bevor die Freiheit kam, 3 Jahre lang sagte mir meine Therapeutin immer und immer wieder, dass ich da raus muss. Aber meine Angst war einfach zu groß. Die Angst vor deiner Reaktion, wenn das Jugendamt ein Gespräch mit dir sucht, die Angst vor dir, wenn wir danach wieder alleine sind und du wieder wütend wirst.
Mein Körper ist voller Narben. Verlorene Kämpfe, die ich bis heute gegen mich führe. Ich bin kaputt. Du hast mir meine Kindheit und meine Jugend genommen und zerstört. Ich musste immer auf der Hut sein vor deiner verqueren Welt, in der die Dinge, die gestern noch richtig waren, im heute zu unberechenbaren Ausbrüchen führten.
Ja. Es gab auch schöne Momente. Aber was bringen schöne Momente in einer Kindheit und Jugend voller Angst und Gewalt. Jeder Schlag, jede psychische Gewalt, hat 100 schöne Momente zerstört und kann selbst durch 1000 schöne Momente nicht mehr ausgewogen werden.
Statt einem liebevollen Zuhause habe ich bei dir nur Unberechenbarkeit, Gewalt, Kontrolle, Beleidigungen und Angst gefunden. Jahrelang war das mein Alltag.
Unzählige Kämpfe. Unzählige Narben. Aber den Kampf um meine Freiheit habe ich gewonnen. Den Kampf um ein Leben ohne dich darin, zumindest nicht mehr physisch. Ich habe um ein Leben ohne dich gekämpft und es gefunden. Ein Leben jenseits deiner Vorstellungen und deiner Kontrolle.
Für dich habe ich nur noch ein großes „Fuck you“. Für all den Schmerz, die Angst, die Trauer und Wut, die du in mein Leben gebracht hast. Und für all die Momente, in denen ich bis heute kämpfe, um dich und das Geschehene nicht mein Leben bestimmen zu lassen.
Fuck you!

Do you really enjoy living a life that’s so hateful?
‚Cause there’s a hole where your soul should be
You’re losing control of it and it’s really distasteful
Fuck you
Fuck you very, very much
‚Cause we hate what you do
And we hate your whole crew
So please don’t stay in touch
Fuck you
Fuck you very, very much

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