Geh lieber durch die Wand als immer durch die Tür

Um kurz vor 3 wache ich auf und möchte der Uhr nicht glauben. Ich muss aufs Klo und krabbel schnell wieder ins Bett, in dem der Zitronenkater nach einem müden Blick einfach weiter schläft. Und genau das kann ich nicht mehr. Ich liege wach, höre Hörbuch, drehe mich von der linken Seite auf den Rücken und auf die rechte Seite und wieder zurück. Irgendwann nehme ich das Handy und klicke mich durch das Internet, lese interessante, banale und witzige Dinge, bin furchtbar müde, kann aber einfach nicht einschlafen. Kurz nach 5 stehe ich auf, was auch nur wieder mit einem müden Zitronenkater Block quittiert wird, koche mir einen Tee und rauche eine Zigarette, tapse wieder ins Bett, kuschel mich in die Decke und wickel mich um meine Schlafbanane, mache wieder das Hörbuch an und schließe die Augen. Nach einer Stunde beendet der Sleep-Timer das Hörbuch, ich will aber die Augen nicht öffnen um es wieder anzustellen. Also liege ich weiter im Bett, den warmen Zitronenkater an meinen Bauch gekuschelt, und höre den Vögeln zu, die den Tag begrüßen und merke, wie es vor meinen geschlossenen Augenlidern immer heller wird. Der Nachbar von ganz oben links verlässt das Haus und ich weiß, dass es nun kurz vor 7 ist. Kurz darauf ist es endlich still in mir und um mich und ich schlafe wieder.
Das Katerkind schwankt. Er läuft wirr in der Gegend rum, maut jämmerlich und kann sich dabei kaum auf den Beinen halten. Ich bin bei Menschen, die ich nicht kenne, die furchtbar betrunken sind und unter Drogen stehen. Sie fanden es lustig dem Kater auch welche zu geben und ich will nur noch schnell in die Tierklinik. Unterwegs hört sein kleines Herz auf zu schlagen und das warme und weiche Fell wird langsam kalt…
Ich schrecke auf und brauche einen Moment, um die Geräusche zu sortieren. Mein Wecker klingelt, die Meeris knabbern an was und ein warmes und weiches Fellknäuel liegt schnurrend auf meiner Brust und schaut mich mit goldbraunen Augen an. Ich merke, dass ich die Luft angehalten habe, atme ein und aus und vergrabe mein Gesicht im Zitronenkaterfell, atme seinen Geruch, spüre seine Wärme und langsam vergeht der Schreck des Traumes. Ich brauche einige Zeit um im Leben anzukommen und den Schlaf abzuschütteln. Ich kraule den warmen Fellhaufen, spüre die Sonnenstrahlen auf meiner Haut und kriege einen Schreck, weil die Uhr unaufhaltsam Richtung elf läuft und ich in die Achtsamkeit muss. Zähneputzen und Anziehen funktioniert zeitgleich, schnell noch das Gesicht unter den Wasserhahn gesteckt, die Haare gekämmt, die Tiere gefüttert und raus. Draußen ist es schön. Die Sonne scheint und ich muss automatisch einfach lächeln. Ich laufe zur Klinik, treffe davor S. und wir drücken uns, T. läuft mir mit gepackten Koffern und Mann über den Weg und wir verabreden, dass wir uns bald mal auf einen Kaffee treffen.
Die Achtsamkeit tut gut. Ankommen im hier und jetzt. Beim Yoga knackt mein Rücken zwei Mal gewaltig und die Wirbel sind wieder an den dazugehörigen Orten. Ich atme, lebe, atme, bin da, im jetzt und hier, in meinem Körper, in der Gegenwart. Die Gedanken kommen und ich lasse sie einfach, sehe ihnen dabei zu wie sie kommen und gehen und sich abwechseln, lasse die Gefühle kommen und gehen und atme und fühle das erste Mal seit langem wieder die Bedeutung hinter „Ich bin nicht das Gefühl, ich habe ein Gefühl.“
Nach der Achtsamkeit steige ich die Stufen empor zu „meiner“ Station und setze mich zu I., rede mit ihr, während sie ihr Mittagessen verputzt und gehe dann mit ihr gemeinsam raus in die Sonne auf drei, vier Zigaretten. Ich sitze auf der Bank, um mich rum grün und Blüten und Vogelzwitschern, spüre die Sonne im Gesicht und auf meinen nackten Armen. Ich betrachte sie und wundere mich, dass ich die letzten Tage überstanden habe, ohne mich zu verletzen und muss dann lächeln, weil ich doch ein klein wenig stolz darauf bin. Also sitzen wir rauchend und redend in der Sonne, diskutieren, wer vom Personal am süßesten ist, müssen dann beide beim Gedanken lachen, ständig einen Fachmenschen um uns zu haben. Sie meint, dass eine der Ärztinnen ganz süß sei und ich nicke. Sie meint die knuffige von der Station unten drunter. Sie sagt mir, dass ich eine so hübsche junge Frau bin und ich werde rot. Ich mag I. gerne, aber sie wäre absolut nicht mein Typ. Wir reden noch eine Weile bevor sich unsere Wege vor der Zufahrt zur Pforte trennen und sie nach links auf die Klinik zusteuert und ich den rechten Weg nehme um das Klinikgelände zu verlassen. Ich tapse zum Supermarkt und einmal hindurch und komme mit Zitronen, Avocado und dem Stern bewaffnet wieder raus um mich auf den Weg nach Hause zu machen. Unterwegs treffe ich meine Nachbarin und eine Bekannte, die ein paar Ecken weiter wohnt, wir gehen ein Stück gemeinsam und reden über meine Fahrt nach Berlin und nach Hannover und nach Hamburg.
Daheim setze ich mich auf die Mauer vor der Türe, packe den Stern aus und lese in der Sonne die Titelstory. Es geht um den Flug 4U9525, Hinterbliebene erzählen und es gibt einen kurzen Text über die Krankheit des Piloten. Und wie vor fast einem Jahr kann ich immer noch nicht nachvollziehen, wie man so viele Menschen bei einem Suizid töten kann.  Ich frage mich oft, ob man den Begriff Suizid überhaupt verwenden kann dabei. Erweiterter Suizid klingt genauso falsch. Fachmenschen reden von einem Homozid-Suizid, was die Auslöschung vieler Menschenleben impliziert. Ich denke oft, dass Mord doch ziemlich treffend ist. Aber wie auch immer man es nennen mag, es ist ein Horror für die Hinterbliebenen, für all die Menschen, die jemanden dabei verloren. Ich schreibe hier oft davon, dass ich die Beweggründe hinter einer Selbsttötung verstehen kann, ich stand mehr als einmal selbst an diesem Punkt. Auch wenn ich generell denke, dass man so wenig Menschen wie möglich da mit involvieren sollte, so kann ich es doch verstehen, wenn es aus einer Kurzschlussreaktion geschieht. Manche Menschen kann man nicht ausschließen, Angehörige und Freunde und Bekannte leiden immer darunter, genau wie Rettungsdienst, Polizei und alle anderen Menschen, die bei sowas hinzugezogen werden. Wenn man an einem solchen Punkt angekommen ist, an dem es scheinbar keinen anderen Ausweg mehr gibt, dann verstehe ich auch, dass man dem Impuls nachgibt sich vor einen Zug zu werfen, wenn diese Möglichkeit gerade gegeben ist. Etwas, dass ich nicht verstehen kann ist, wie man bewusst und geplant trotz Krankenschein in ein Flugzeug steigt mit weiteren 149 Menschen an Bord, um es gegen einen Felsen zu steuern. Da weigern sich bei mir sämtliche Gehirnzellen auch nur einen Funken Verständnis aufzubringen. Wir leben in einer Welt und einer Region dieser, die es uns ermöglicht größtenteils freibestimmt zu tun und zu lassen wonach uns ist. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch mit seinem Leben anfangen kann was er mag. Ich stehe oft der Einweisung in eine Klinik wegen Suizidalität kritisch gegenüber, denn es schränkt die Freiheit und Selbstbestimmung eines Menschen ein, auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass es in ausweglosen Situationen eine Hilfe sein kann, wenn man daran gehindert wird das eigene Leben vorzeitig zu beenden. Jeder, der für sich selbst entschieden hat, dass er nicht mehr leben will, kann das meiner Meinung nach gerne zuende bringen. Aber mit sich selbst. Selbstmord. Der Mord am eigenen Ich, an einem selbst und an keinem anderen.
Und ich sitze kopfschüttelnd in der Sonne und denke mir, wie so oft, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die ich nicht verstehen kann und auch nicht will.
Ich schließe meine Wohnungstüre auf und werde vom Katerkind umgerannt, der erst mal durch das Treppenhaus flitzt und überall schnuppert. Ich kraule ihn, als er wieder in die Küche kommt, kippe den Meeris noch ein wenig Futter in die Näpfe und sitze seitdem auf dem Sofa, schlafendes Katerkind zusammengerollt auf meinem Schoß, und schreibe. Gleich werde ich mich aufmachen in die Hauptstadt zur Therapie. Ich wollte noch ein paar Dinge machen, wenn ich schon mal dort bin, habe es aber vergessen. Momentan vergesse ich ständig Dinge, weswegen mir meine Hand beispielsweise als Notizzettel dient.

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Meine Hand kann ich wenigstens nirgends liegen lassen, wenn mein Kopf schon zum Sieb mutiert.
Ich fahre mit ein paar konkreten Dingen im Kopf zur Therapie, die ich hoffentlich nicht unterwegs wieder vergesse, mit guter Laune und Sonnenschein. Sobald die Tage wieder länger werden und die Sonne die Kraft hat alles zu erwärmen geht es mir auch besser. Es hebt meine Stimmung und ist einfach eines der besten Antidepressiva.
Morgen muss ich ein paar Dinge erledigen, Anrufe tätigen, die Wutzis sauber machen und ein wenig Haushaltskram und treffe mich abends dann mit Bibi zum Sushi futtern. Samstagmorgen fahre ich zu Mama und mit ihr Garten kucken, irgendwann am WE wollen K. und S. vorbei kommen und wir wollen Die Minions schauen. Montag muss ich zur Ärztin, durch die Stadt für Teile von Mamas Geburtstagsgeschenk, Freitag und vermutlich das komplette Ostern werde ich mich im Hotel Mama einquartieren. Vermutlich werde ich aber am Samstag nach Hause fahren und sonntags wieder kommen, 4 Tage am Stück sind mir dann doch ein wenig zu viel und ich versuche da auf meine eigenen Grenzen zu achten, denn vier Tage durchgehende Kraftanstrengung bringen mich auch nicht weiter. Zum Glück kann ich immer noch sagen, dass ich nach meinen Tierchen kucken muss.

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1 Comment

  • Nur ein kurzer Gedanke: Man weiß nie was der Mensch und ob er eine Erkrankung hatte: Stimmen, die ihm befehlen etwas zu tun; eine DIS, bei der ein Anteil so agiert, den man nicht unter Kontrolle hat, von dem man nicht mal weiß, dass es ihn gibt. Nur zwei Beispiele. Ich will das damit nicht legitimieren, aber sowas kann auch immer sein.

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