when you let your walls fall to the ground

1 Jahr. Eine Herbstbilanz.

Irgendwie ist der Herbst immer eine Zeit, in der ich ein wenig sentimental werde. Sentimentaler als sowieso schon. Wieso auch immer.

Vor gut einem Jahr fing mein Leben an völlig aus den Fugen zu geraten. Dazwischen liegt ein Frühling, ein Winter und ein Sommer, ein Suizidversuch, einige Klinikaufenthalte, eine Kündigung, ein Umzug, ein Katerkind, ein Meerchen weniger, viele Selbstverletzungen, neue Freunde, verlorene Freundschaften, positive und negative Momente.
Und ich frage mich, was anders wurde seitdem.
Eines der wichtigsten Dinge ist wohl, dass es nicht mehr konstant und andauernd und gemeingefährlich wehtut. Liebeskummer ist so eine Sache, die sich immer ein wenig wie sterben anfühlt. Dass es jemals aufhört wehzutun hielt ich am Anfang für unmöglich.

Anders ist auch, wie ich mit meinen Suizidgedanken umgehe. Sie sind so oft und so drängend da, dass ignorieren oder nachgeben einfach keine Option (mehr) ist. Sie akzeptieren, manchmal sogar einfach willkommen heißen, fällt mir immer noch schwer, aber manchmal funktioniert es. Nur in schlimmen Momenten verfalle ich in alte Muster, muss unglaublich kämpfen um das ganze als atmendes Wesen zu überstehen.

Ich schaffe es wieder länger als 3 Tage ohne Selbstverletzung. Auch wenn sie immer noch häufig und extrem vorkommt, es wird in kleinen Schritten besser. Auch so eine Sache, die sich geändert hat.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass vieles in Bewegung ist und es kaum Stillstand gibt. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass nichts sich ändert und alles ist wie früher, so zeigen mir doch viele Momente, dass es nicht mehr so ist.
Ich komme immer wieder in Situationen, die mich heute ganz anders reagieren lassen als noch vor ein paar Monaten. Ich bin nicht mehr so furchtbar impulsiv, gebe nicht mehr direkt auf.
Es gibt wieder Dinge in meinem Leben, die ich genießen kann. Auch Kleinigkeiten wie die Sonne im Gesicht, eine heiße Dusche oder ein schnurrendes Katerkind.
Natürlich ist noch lange nicht alles so, wie ich es gerne hätte. Noch bin ich immer noch „zu krank“ für viele Dinge und manches klappt gar nicht. Aber es ist eben vieles schon besser geworden, manches sogar gut, sogar so sehr, dass ich immer noch darüber staune.

Am Mittwoch steht ein neues Intervall in der Klinik an. Ich würde gerne daran arbeiten, dass es momentan gar nicht gut klappt mit den schönen Dingen. Ich versuche es mittlerweile zu vermeiden, dass zu vieles an einem Tag gut läuft und positiv ist, denn das ertrage ich, warum auch immer, absolut gar nicht.
Gestern war ich mit M. unterwegs und es war wirklich sehr schön und tat mir unglaublich gut, heute kämpfe ich darum, dass es eben auch schön sein darf und ich deswegen nicht in ein tiefes Loch fallen muss.
Im Moment sitze ich mit dem Kater draußen, nachher will ich meinen Kleiderschrank winterfest machen, also die Wintersachen nach vorne räumen und den Sommerkram in die entfernteren Ecken. Dann steht noch Haushalt an, alles Dinge, die mich hoffentlich gut ablenken.

Ein Jahr. Ein Jahr voll mit so vielen Momenten. Oft wünsche ich mir ja, dass der Krankenwagen im Februar 10 Minuten länger gebraucht hätte. Diese magischen 10 Minuten, die das ganze hätten enden lassen. „10 Minuten später und ich hätte nichts mehr tun können.“ Vielleicht werde ich die Stimme des Notarztes irgendwann vergessen. Vielleicht habe ich diesen Klang irgendwann nicht mehr in meinem Kopf. Doch sooft ich auch gezweifelt habe in den letzten Monaten, sooft ich mir gewünscht habe, diese zehn Minuten wären vorbei gegangen ohne dass Hilfe kam…
Gerade, hier und jetzt, bin ich unglaublich froh, dass es diese 10 Minuten damals gab.

This is where the healing begins, oh
This is where the healing starts
When you come to where you’re broken within
The light meets the dark

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