I thought I’d always be on the run

Ich sitze mit einer großen Schüssel Salat auf dem Sofa, die Meerchen neben mir machen sich über ihren Salat her.
Ich schaue auf meine Uhr, schaue auf das Datum, und muss an morgen denken. Morgen ist sein Geburtstag. Ich weiß nicht wie lange ich meinem Vater schon nicht mehr gratuliert habe. „Meinem Vater“. Das klingt seltsam. Er ist es und er ist es auch irgendwie nicht. Ich weiß nicht, wie ich ihn sonst nennen soll. Täter. Tyrann. Kaputter Mensch. Das alles trifft es und trifft es doch nicht.
Und so wird morgen wieder einer seiner Geburtstage vergehen, ohne dass ich mich melde. Vielleicht auch ohne dass ich an ihn denke. Das ich jemals diese Distanz schaffen würde hätte ich nie gedacht. Vor 9 Jahren, als die Polizei mich aus der Wohnung geholt hat, da war nur Schuld ihm gegenüber. Ich habe ihn allein gelassen. Ich war die Kranke, ich war Schuld an allem. Vor ziemlich genau 9 Jahren war ich das erste mal in einer Psychiatrie. Es war eine schwere, aber auch gute und schöne Zeit und ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben so sein wie ich wirklich bin/war.
Ich glaube es war Mai, damals als der Anfang vom Ende kam, als ich endlich anfangen konnte meinen Weg zu gehen.
Es war so schwer und es ist heute oft auch noch so schwer. Und manchmal frage ich mich, was sich in den ganzen Jahren denn geändert hat. Ich schneide immer noch wieder. Ich habe immer wieder Suizidgedanken, mein letzter Suizidversuch ist erst ein paar Monate her. Vieles fühlt sich so ähnlich an.
Und dann muss ich immer an meine ehemalige Therapeutin denken. Sie verglich den Weg mit einer Spirale. Man kommt zwar immer wieder an den gleichen Punkten vorbei, ist aber eigentlich schon viel weiter oben. Das hilft und macht es einfacher und lässt mich auch die Dinge sehen, die anders sind. Ich kann reden über das was damals passiert ist. Ich bin weg von ihm. Ich habe einen Schulabschluss und eine Ausbildung. So viele Dinge sind anders.
Und manches ist immer noch gleich. Der Schmerz der frischen Schnitte auf meinem Bein, weil die Suizidgedanken vorhin wieder so schlimm wurden. Immerhin habe ich die Kontrolle behalten, es nicht an den Armen gemacht und auch nicht so tief, dass es ärztlich hätte versorgt werden müssen. Anders ist auch, dass ich morgens aufstehe und keine Angst mehr haben muss. Ich kann meine Familie sehen wann ich will. Ich kann meine Schwester treffen, umarmen, anrufen. Ich kann tun was ich will und wann und wo, ohne dass ich mich ständig rechtfertigen muss. Ich kann zur Therapie fahren ohne Angst haben zu müssen, dass es jemand merkt.
Ich wohne mehrere hundert Kilometer weit weg von ihm und allem, was meine Kindheit und Jugend so furchtbar gemacht hat.
Und manchmal ist es auch im Gefühl. Die Sicherheit.

(und das Lied hat mich ganz am Anfang des Endes begleitet. Damals habe ich gerade heimlich die Therapie angefangen, das Album lief oft auf dem Weg zur Thera und zurück.)

There were times in my life I was down on my knees, now it’s over
Deep inside my heart I know
Simply put I’ve been stabbed in the back ever since I remember
And deep inside it hurt to let go

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