I wanna scream till the words dry out

„Können Sie es vorlesen?“ fragt der Therapeut am Donnerstag, als ich das Blatt aus meinem Beutel angel. Ich schüttel heftig den Kopf. „Darf ich es dann vorlesen?“ „Wenn es unbedingt sein muss…“ antworte ich ihm und schiebe ein „Ich glaube es ist okay.“ hinterher. 

Und so beginnt er die Worte zu lesen, die mich gleichzeitig etliche Jahre zurück und viele Kilometer weit weg tragen. Ich bin wieder dort und ich bin wieder das kleine Mädchen. Und gleichzeitig sitze ich im Büro des Therapeuten und bin erwachsen. Den Ball in meiner Hand drücke ich so fest, dass es schmerzt. Der Therapeut macht immer wieder Pausen, fragt wie es mir geht, ob es noch geht. 

Als er die letzten Worte liest und aufblickt bin ich gerade dabei möglichst ruhig und tief zu atmen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken und krame in meinem Skillsbeutel nach einem sauren Bonbon um mich einerseits in der Realität zu halten und andererseits den Geschmack in meinem Mund zu vertreiben. Mir laufen die Tränen. 

Wir fangen an die Gefühle aufzudröseln. Die Flipchart muss herhalten und der Kreis auf dem weißen Papier füllt sich mit Gefühlen und Gedanken. Ein kurzes Lächeln blitzt über mein Gesicht, denn ich muss an meine Therapeutin in Freiburg denken, sie wäre begeistert von den ganzen Gefühlen, die ich so klar sehen und benennen kann mittlerweile. 

Da sind Wut und Angst und Ekel und Scham. Und natürlich Schuld und Selbsthass. Und während die Gedanken dazu ihren Platz finden, während all diese alten Glaubenssätze aus meinem Kopf aufs Papier kommen, ändert sich etwas an der Verteilung der Gefühle. Die Wut nimmt mehr Raum ein. Denn da ist das völlig rationale und professionelle Hirn der Erwachsenen in ihrer Berufsrolle, die sich vorstellt dieses Kind vor sich sitzen zu haben. Und so finden auch andere Sätze ihren Platz auf dem Papier. Die gesunden Sätze, die Sätze, die sagen, dass es vorbei ist, dass Kinder niemals die Schuld tragen, dass ich wütend sein darf. Diese rationale Betrachtungsweise ändert mittlerweile doch auch ein wenig die Gefühle. Sie ermöglicht es mir wütend zu sein und es zu akzeptieren. Sie lindert die Angst, denn es ist vorbei. Die Scham bleibt, denn es ist passiert und ich schäme mich dafür. Die Schuld lässt sich auch nur wenig beeindrucken, denn das Gefühl ist so fest mit meinem Ich verwurzelt, dass es sich nur zögerlich und in winzigen Schritten ändern lässt. Der Selbsthass bleibt, aber wird leichter auszuhalten. 

Und so sitze ich am Ende der Stunde da und bin erstmal erledigt. Es war anstrengend und schmerzhaft und ich bin wieder mal froh, dass ich dem Impuls zu schneiden nicht nachgeben kann, da ich aufgehört habe immer eine Klinge dabei zu haben. 

Doch so schrecklich es auch manchmal ist, ich merke immer wieder, dass es mir gut tut und hilft. Es wird leichter zu sprechen. Leichter zu schreiben. Und leichter die richtigen Dinge zu fühlen, die Gefühle zuzulassen, die da hin passen und nicht den ganzen anderen Kram. Es ist erstaunlich, ich hätte nicht gedacht, dass diese paar Stunden Therapie während der Reha da irgendwas verändern können. 

Und weil ich doch ein wenig stolz auf mich bin, weil ich mir gerne was gönnen möchte und weil mein Handy auf dem morgendlichen Weg zur Klinik drei Mal Suizid beging, stöbere ich ein wenig auf der Seite meines Festnetzanbieters herum, denn ich habe die Möglichkeit mir dort ein Handy zu finanzieren und weniger als eigentlich zu bezahlen, da ich bestehender Kunde bin. Und als bekennender HTC-Liebhaber hüpfe ich anschließend fast vor Begeisterung, denn das neue Smartphone ist verfügbar. Also telefoniere ich kurz mit dem Festnetzanbieter, wie es aussieht mit Konditionen („Naja, eigentlich würde ich ja meinen Vertrag kündigen, ich habe ja schon mit ihrem Kollegen gesprochen wegen Angeboten, ich bin da noch soooooo unsicher, neues Handy, hmmmm, ich weiß ja nicht… „) und mache dann erstmal ein paar Leute wahnsinnig, weil ich nicht weiß ob ich das wirklich tun soll. Schließlich drücke ich doch auf den Button, bekomme kurz darauf eine Mail mit der Bestätigung und habe also ein neues Handy. Und sofort macht sich das schlechte Gewissen breit. Denn der Gesamtpreis ist einfach so viel Geld! Über die Finanzierung und mit dem Bonus als Kunde ist es eigentlich nicht viel, aber zusammen… Wusa! Ich hadere noch eine Weile mit mir, bis ich angedroht bekomme, dass mir jemand gleich mal auf den Hinterkopf schlägt. Dann ist es halbwegs okay und ich warte sehnsüchtig auf eine Mail, dass das Paket unterwegs ist. Die kam gestern und heute morgen aktualisiere ich zuallererst den Status und hoffe, dass es wirklich heute kommt. 

Und dann klingelt es und ich hüpfe begeistert zur Tür, freue mich, die Postbotin freut sich mit mir und kurze Zeit später packe ich mein neues Handy aus. Ein Träumchen! Da ich beim gleichen Hersteller bin gibt es nicht viel Umgewöhnen. Also installiere ich Apps, richte ein, mache dies und das. Und ich freue mich, denn ich habe mir was gegönnt und da mein altes Handy langsam wirklich nicht mehr das tut, was ich von ihm möchte, ist es noch nicht mal nur Luxus. 

Wenn ich unterwegs bin, dann höre ich eigentlich immer Musik. Streaming ist eine feine Sache, man kann quasi fast alles überall hören. Ich nutze gerne diverse Playlists, da kann man immer wieder Sachen neu oder wieder entdecken. So ging es mir am Freitag mit einem Lied, dass ich eigentlich kenne, aber eigentlich noch nie so sonderlich genau auf den Text geachtet habe. Anders am Freitag auf dem Weg zur Klinik. Und so läuft das Lied auf dem Rückweg hoch und runter, in Originalversion und verschiedenen anderen Versionen. Und es trifft momentan so unglaublich gut zu. 

You’ve got the words to change a nation
But you’re biting your tongue
You’ve spent a life time stuck in silence
Afraid you’ll say something wrong

Worte waren schon immer ein Halt für mich. Ob früher in Büchern oder heute auch beim Schreiben. Und so oft Schweige ich. Aus Angst. 

You’ve got a heart as loud as lions
So why let your voice be tamed?
Baby we’re a little different
There’s no need to be ashamed
You’ve got the light to fight the shadows
So stop hiding it away

There’s no need to be ashamed. Das sage ich mir momentan ständig und das sagen die Fachmenschen und die Mitmenschen. Die letzte Person, die sich schämen sollte, bin ich! 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Und genau so fühle ich mich derzeit oftmals. Ich will nicht mehr schweigen, ich will es rausschreien, all die schlimmen Dinge und all den Schmerz, ich will brüllen bis meine Stimme versagt, bis all die Worte aus mir raus sind, bis es okay ist. 

Und ja, mittlerweile kann es auch öffentlich hier stehen (wenn auch fast komplett anonym, abgesehen von den Leuten, die mich privat kennen und den Blog lesen.) I’m not afraid. They can read all about it. Ich habe keine Angst mehr zu schreiben. Keine Angst mehr die Worte zu formulieren. Ich weiß, dass ich nicht daran sterbe. Es bringt mich nicht um in Worte zu fassen was geschehen ist. Und ich habe keine Angst mehr dies über diesen Weg zu tun. Denn ich will auch anderen die Angst nehmen, ich will auch andere ermutigen ihr Schweigen zu brechen. Ich will anderen geben, was mir so lange fehlte: das Gefühl nicht alleine zu sein. Und den Mut, dass es leichter werden kann damit zu leben. 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

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