Ich spüre diese Kraft, sie ist ein Teil von mir. 

Bei um- und aufräumen findet man ja oft alle möglichen Dinge. Mir ist mein Tagebuch in die Hände gefallen. Direkt am Anfang steht groß „ich will nicht mehr“. Das war am 6.12.2002. Ich war 13. Zu der Zeit habe ich mich schon fast 2 Jahre selbst verletzt. Ich schreibe von meinem Vater. Das ich ihn doch liebe. Der Eintrag endet mit „aber er mich…?“.
Ich schreibe davon, dass ich aufhören will mich zu verletzen. Schreibe, dass ich es wieder getan habe. Schreibe, dass ich eine Woche ohne geschafft habe. Schreibe von mehrmals täglich verletzt. Ich schreibe über meinen ersten Liebeskummer, über Freundschaft. Über meinen Vater. Immer und immer wieder sind Worte verwischt, weil ich beim schreiben geweint habe. Ich schreibe, dass ich nicht mehr leben will, schreibe davon, dass ich keine Kraft habe etwas zu tun, dass ich dem Unterricht nicht mehr folgen kann, dass ich nicht schlafen kann. Und immer und immer wieder von Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich schreibe davon, dass ich eine Therapie machen will, mein Vater aber dagegen ist. Ich schreibe von Terminen beim Jugendamt, davon, dass ich da raus will, mich aber nicht traue. Davon, dass ich heimlich beginne zur Therapie zu gehen. Schreibe von der inneren Leere, die mich quält, vom Schneiden, dass diese Leere wenigstens eine Weile vergehen lässt. Schreibe davon, dass das schneiden immer schlimmer wird. Dass ich nicht mal mehr ein paar Stunden ohne aushalte, sondern mich während den Schulstunden auf der Toilette selbst verletze, um den Tag durchzustehen. Da war ich 16. Ab da ist jeder Eintrag voller Suizidgedanken, voller Schneidedruck, voller Schmerz. Im Mai 2006 stehen dann da ganz groß die erlösende Worte: „Der Beginn eines neuen Lebens.“ Was ich schreibe verändert sich. Ich schreibe von der Schwierigkeit bei meinem Vater raus zu sein und damit klar zu kommen. Dass ich trotz allem, was geschehen ist, darunter leide ihn alleine zu lassen. Dann kommt die Zwangseinweisung. Ein paar Wochen später dann die freiwillige stationäre Therapie. Ich schreibe von der Angst vor der neuen Pflegefamilie, von den Einschränkungen und von dem Tag, an dem ich endlich von der Station darf ohne Begleitung vom Personal.
Dann kommt die Zeit, in der alles doch irgendwie schwerer wird. Zwei Zwangseinweisungen, die ersten Wunden, die genäht werden müssen. Ständige psychosomatische Krankheit und Fehlen dadurch in der Schule. Die nächste Zwangseinweisungen, 3 Wochen auf der geschlossenen. Der Auszug in eine eigene Wohnung. Und dann der totale Zusammenbruch ein Jahr vor dem Abi, weil ich immer und immer wieder vertröstet werde in Tübingen bei der DBT, weil letztendlich klar wird, dass es sich so weit verschiebt, dass ich mein Abitur nicht mehr schreiben werden kann, weil einfach alles zusammenbricht. Mein Tagebuch endet 2009 damit, dass ich ungeplant alle Zelte in BaWü abbreche, mich von keinem verabschiede, meine Sachen packe, meine Meeris schnappe und zurückkehre in meine Heimat.
Damals habe ich dann angefangen zu bloggen.
Es ist merkwürdig diese Dinge zu lesen. Es fühlt sich an, als ob es ein ganz anderes Leben wäre, dass da beschrieben ist, und doch weiß ich immer noch, wie ich in meinem Bett saß, so oft heulend, und diese Worte geschrieben habe. Ich erinnere mich an die ersten Schnitte, damals mit dem Teppichmesser, dann an die Schnitte mit dem Skalpell aus dem Badezimmerschrank und letztendlich daran, dass ich mit zitternden Händen und voller Panik zum ersten Mal Rasierklingen gekauft habe. Ich erinnere mich an den Schmerz und die Verzweiflung, wenn mein Vater mich wieder beschimpft und geschlagen hatte, an die Erleichterung, die das schneiden brachte und an das Gefühl, dass ich selber Schuld sei an allem, was er mir antut. Ich erinnere mich an die Angst, als mein Klassenlehrer anrief und meinem Vater sagte, dass er ihm rät mich bei einer Therapeutin vorzustellen. An die Erleichterung, als ich endlich einen Ort hatte, an dem ich alles erzählen konnte und eine Person, die mir glaubt. An die Wut auf meinen Vater, als er sagte, dass ich da nicht mehr hin darf. Denn die Therapeutin hatte es durchschaut. Hatte ihn durchschaut, hatte erkannt, dass nicht ich verrückt bin und Dinge erfinde, sondern dass er mich wirklich so behandelt und ich schwer traumatisiert bin. Ich erinnere mich an die Angst, als ich das erste Mal ohne sein Wissen zu ihr fuhr und erzählte, dass wir in diesen Stunden Mittagsschule haben. Und an die unglaubliche Erleichterung und den Halt, den mir diese Stunden gaben.
Und (und das finde ich eine unglaubliche Entwicklung, denn es war so lange unvorstellbar) ich werde wütend und sauer. Nicht auf mich, sondern auf ihn, für all die Dinge, die er getan hat. Auch wenn ab und zu immer noch in meinem Kopf ist, dass ich selbst Schuld dran sei, so weiß ich heute, dass es nichts auf der Welt gibt, dass Gewalt gegen Kinder rechtfertigt, ich weiß, dass er eine Straftat damit begangen hat (eine? Haha.), dass er nicht im Recht war mit seinen Worten und Taten. Manchmal schmerzt es noch, dass da kein Kontakt mehr ist. Manchmal denke ich, dass ich ihm dieses oder jenes gerne erzählen würde. Manchmal bin ich traurig, weil ich mir einen Vater wünsche, der für mich da ist, mich unterstützt und mir doch wenigstens einmal in meinem Leben sagt, dass er stolz auf mich ist. Und dann kommen die ganzen Erinnerungen und ich bin froh, dass ich ein neues Leben habe, dass ich ein selbstbestimmtes Leben habe ohne ihn darin. So schwer es manchmal fällt, aber ich brauche diesen Abstand, denn sonst lebe ich in ständiger Angst vor ihm und vor dem was er als nächstes tut oder sagt. Ich will ihn nicht in meinem Leben, solange er nicht ehrlich bereut. Und er hat sich so oft entschuldigt und am nächsten Tag dann wieder zugeschlagen, dass ich ihm nie wieder glauben kann, wenn er sowas sagt. Ich will ihn nicht sehen und nichts von ihm hören, will endlich frei sein und frei leben können. Und irgendwann will ich auch frei sein von den Worten, die bis heute so tief in mir festsitzen. Frei sein von „du bist nichts wert“, von „du kannst nichts und wirst nie was erreichen“, von „du faules Stück“, „du fette Schlampe“ und „du wirst nicht mal Putzfrau werden können“. Frei von den ganzen Sätzen, die bis heute in meinem Kopf schwirren, die es mir bis heute schwer machen stolz auf mich zu sein oder mir Gutes zu tun. Und frei von der Angst vor ihm. Ich will frei sein von allem, dass mit ihm in Zusammenhang steht und ich werde das auch schaffen. Chakka! Schritt für Schritt und Tag für Tag. Ich weiß, dass ich die Kraft dazu habe. Und jetzt werde ich mir Gutes tun.
Graadselääds! 🙂

Ich geh‘ nie mehr zurück, das ist Vergangenheit.

Ich bin frei, endlich frei, 
und ich fühl‘ mich wie neugeboren. 
Ich bin frei, endlich frei, 
was es war, ist jetzt vorbei. 

2 Comments

  • Wow, heftig der Eintrag…ich habe alle meine Tagebücher aus der Zeit zwischen 12 und 18 verbrannt…also werde ich nie aus dieser Perspektive zurückschauen…
    Aber daran, was sich seitdem verändert hat, können wir sehen, wie weit wir gekommen sind, wie beachtlich es ist, dass wir immer noch da sind…
    Chakka, liebe Zitrone 🙂

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