In your head, in your head they are dying

Ich sitze auf dem Sofa und schaue meinen Tierchen zu. Die Schweinebande frisst gemütlich Heu, während das Katerkind auf der obersten Etage der Meerivilla liegt und das Treiben beobachtet. Dann beschließt Lilly, das kleine verfressene dicke Schweinchen, dass es ja woanders noch viel tollere Sachen zu fressen geben könnte und macht sich auf den Weg nach oben. Und blickt dort direkt in zwei Kateraugen. Sie fängt an zu schimpfen und ich muss lachen, denn ihr Protest aus lautem Zähneklappern zeigt keinerlei Wirkung auf den Zitronenkater, der einfach nur faul im Heu liegt. Das merkt sie dann auch und beschließt, dass Fressen wichtiger ist als dieses komische Fellding, steigt kurzerhand über ihn drüber (was er mit einem sehr irritierten Blick quittiert) und fängt an genüsslich zu mampfen. Ich liebe meine Fellmonster so sehr, denn sie bringen mich immer wieder zum Lächeln. 

Meine Schlaflosigkeit scheint endlich ein Ende gefunden zu haben. Ich hatte ja erst Angst, dass ich durch die Dauerschlafphase meinen Schlafrhythmus völlig durcheinander gebracht habe, aber gestern bin ich normal ins Bett und heute normal aufgestanden. Und abgesehen von einem Moment in der Nacht, als ich wach wurde weil mir meine Lampe (die am Bett festgemacht ist) auf den Kopf fiel, habe ich auch durchgeschlafen. 

An meiner Türe klingelt es und meine völlig aufgelöste Nachbarin von ganz oben steht vor mir. Aus ihrem Schimpfen und Jammern entnehme ich, dass der Strom bei ihr nicht mehr funktioniert. Also schnappe ich meinen Schlüssel und stapfe die zwei Treppen nach oben, öffne ihren Sicherungskasten und lege den FI-Schalter wieder nach oben. Ihrem neugierigen Stöpsel erkläre ich dann, was ein FI-Schalter ist, während meine Nachbarin glücklich und dankbar ist. 

Gerade als ich beschließe, dass es mir und meinen schmerzenden Nieren sicher nicht schaden würde eine Runde ins Bett zu verschwinden, klingelt es wieder an meiner Türe. Ich bin schon darauf vorbereitet meiner Nachbarin nochmal zu erklären, wo sich ihr FI befindet, da blicke ich in die Augen meiner Mutter, die mir um den Hals fällt und immer wieder „Bin ich so froh!“ ruft. Ich schaue sie verwirrt an und sie erklärt mir, dass mein Großonkel (also ihr Onkel) ihr geschrieben hat, dass ich mit Nierenversagen im Krankenhaus läge. Hätte er bei Facebook gesehen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder wütend werden soll. Ganz davon abgesehen, dass sich auf Facebook nur die Information befindet, dass ich gestern beim ärztlichen Notdienst war, Nierenschmerzen habe und nicht stationär bin. Manmanman, diese Familie. 

Meine Mutter ist natürlich direkt in Panik ausgebrochen, mein letzter Krankenhausaufenthalt scheint immer noch nicht lange genug vorbei zu sein (wobei von der Nachricht aus dem Bett gerissen zu werden, dass die Tochter auf der Intensivstation liegt nach einem Suizidversuch wohl nie „lange genug vorbei“ sein wird) und da sie Angst hatte, ich wäre im Krankenhaus, würde ihr aber nichts sagen, ist sie also schnurstracks zu mir gefahren und hier dann in Erleichterungsbekundungen ausgebrochen. Diese Familie, echt. Irgendwann machen sie mich wahnsinnig. 

Am Mittwoch ist die Abschlussfeier meiner Schwester. Vor ein paar Jahren stand ich selber dort und habe mein Zeugnis entgegen genommen. Manchmal finde ich es unfair, dass sie ohne größere Beeinträchtigungen durch die Welt geht, dass sie einen Vater hat, der zwar manchmal ein Idiot, aber doch grundsätzlich für sie da ist, dass sie immer bei unserer Mutter leben konnte. Aber diese Momente sind äußerst selten und ich bin einfach furchtbar stolz, dass mein kleiner Zwerg nun schon so groß ist und die Prüfungen geschafft hat. Ich freue mich auf den Tag, auch wenn ich noch nicht weiß, wie ich auf eventuelle Fragen meiner ehemaligen Lehrer reagieren soll. Vermutlich ehrlich, denn so ist es nun eben. Auch wenn ich mich manchmal deswegen mies fühle, so versuche ich doch zu akzeptieren, dass es eben so ist wie es ist. Die Schuldfrage ist für mich oft Thema und es fällt mir schwer zu sagen, dass es nicht meine Schuld ist. Dass all die Dinge, die damals geschehen sind, nicht meine Schuld sind. Und eigentlich muss ich mich auch nicht schämen, denn ich kämpfe und bemühe mich wieder zurück ins Leben zu finden. 

Morgen ist nun also mein Termin. Ich habe wahnsinnig Angst davor, ich würde mich so gerne verkriechen und dort nicht hingehen. Aber das löst auch keine Probleme. Es hängt so vieles davon ab, ich weiß gar nicht mehr wohin mit meinen Gedanken. Ich hoffe einfach nur, dass der Termin gut werden wird. Und noch schlimmer wird vermutlich dann das Warten auf das Ergebnis. 

Trotz allem versuche ich einfach zu schlafen. Denn eine schlaflose Nacht wird mir auch nicht wirklich weiter bringen. 

Another head hangs lowly
Child is slowly taken
And the violence cause of silence
Who are we mistaken?

1 Comment

  • Hoffe, dein Termin lief gut! Und du solltest dich absolut nicht schämen, sondern auf dich stolz sein! Leider sind wir großartig darin, die Schuld bei uns zu suchen…

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