jeder kleine Schritt tut schrecklich weh

Gestern habe ich mich selbst so dermaßen geschockt, dass ich bestimmt 30 Minuten erstmal so durch den Wind war, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Ich wollte schneiden, oberflächlich, um diese verdammte Anspannung los zu werden. Ein paar Mal die Klinge angesetzt, ein paar oberflächliche Wunden, plötzlich klaffte die Haut auseinander, so weit, wie sie es noch nie vorher getan hatte. Der Chirurg in der Klinik sagte, dass ich ein paar tiefere Hautschichten und Arterien erwischt hätte, was aber nicht weiter tragisch sei, nach dem Nähen müsste das alles gut verheilen.
Und ich fühle mich immer noch furchtbar, weil ich das so gar nicht wollte, weil es so schnell ging und einfach so völlig außerhalb meiner Kontrolle war. Seltsamerweise tut es eigentlich kaum weh bisher, die oberflächlichen Schnitte merke ich mehr. Ich vermute aber, dass sich das ändern wird. Ich bin froh, dass ich keine Sehnen oder ähnliches erwischt habe und will eigentlich nie wieder so tiefe Einblicke in meinen Körper haben. Der Chirurg fragte, ob mir kalt sei, ich habe gezittert wie verrückt. Schon seltsam, wie sehr mich eine Selbstverletzung aus der Bahn werfen kann, sonst bin ich danach immer relativ ruhig und sachlich. Aber zum ersten Mal ist mir bei vollem Bewusstsein so eine Entgleisungen passiert, ohne dass ich es wollte. Sonst waren tiefe Schnitte immer ein Produkt von „ich will tief schneiden“ oder von Dissoziation, in der ich keine Kontrolle darüber hatte was ich eigentlich tue.

Da ich eh nicht wirklich schlafen konnte bin ich heute morgen gegen halb 5 aufgestanden und habe P. in die Hauptstadt begleitet, habe dort gefrühstückt und nun geht es wieder heim. Ich mag diese Uhrzeit eigentlich ja gar nicht, aber ich mag es wenn es eigentlich noch so schön ruhig ist, aber trotzdem schon Trubel. Leute auf dem Weg zur oder von der Arbeit, verschlafene Schüler, die im Zug/Bus noch schnell ihre Hausaufgaben hinkritzeln oder Vokabeln auswendig lernen und vermutlich auch so ein paar Menschen wie ich, die unterwegs sind um des Unterwegsseins willen.

Vielleicht ist es ganz gut, dass es heute in die Klinik geht. Ich mache mir selbst ein wenig Angst im Augenblick. Ich hoffe, dass wir auch an diesem etwas läuft gut und danach geht meine Welt unter – Problem arbeiten können, mir fällt leider keine andere Lösung ein als es auszuhalten und zu hoffen, dass es besser wird. Wirklich funktioniert hat es ja leider nicht, mittlerweile ist es nicht mehr nur nach schönen Momenten und Tagen so, sondern auch wenn einfach etwas eigentlich selbstverständliches gut klappt wie aufräumen, einkaufen, Therapie und so ein Kram.

Zuhause werde ich erstmal die Tierchen füttern, dann packen und ein paar Folgen Gilmore Girls auf den Kindle laden. Vielleicht schaffe ich es noch unter die Dusche, mal sehen. Wobei das mit frischen Wunden vielleicht keine gute Idee ist und ich meinen Arm eigentlich auch gar nicht sehen will im Moment.

Erstmal abschalten und runter kommen in der Klinik. Vielleicht schaffe ich es ja auch mir irgendwas Gutes zu tun, ohne dass ich heute Abend direkt wieder die Krise kriege. Schneiden ist dort ja zum Glück etwas schwieriger, wenn ich es schaffe den enormen Druck bis 20 Uhr irgendwie auszuhalten sind die Chancen mich verletzen zu können verschwindend gering, da ich ja ab dann nicht mehr mal eben vor die Türe kann. Dinge, die mich wahnsinnig machen wenn ich Druck habe, mit ein wenig Entfernung betrachtet aber ziemlich gut sind.

Auf in ein neues Klinik-Intervall. Den Zitronenkater und die Meerchen werde ich furchtbar vermissen.

Wie viel Leben passt hier eigentlich rein?
Mehr als irgendwer erwartet hat.
Und wenn du’s selber sehen könntest, du würdest es nicht glauben
Du denkst und träumst, das Leben ist ja so winzig, dass es unter der Tür durchpasst
Und endlich mal nach draußen kommt
Alles besser als das, was war, wir werden sehen.
Hier ist es ätzend kalt und viel zu hell für jemanden der so ungern in den Spiegel schaut!

3 Comments

  • Hm, eine gute Klinik gibt dir doch Input, oder?
    Input, was bei Druck zu tun ist, wie man skillen kann, … und hinterfragt, wie es zu solch einer Anspannung kommt und wie man es verhindern kann

    zumindest wünsche ich dir, dass du dafür etwas findest 🙂

    • Ja, das machen sie hier, haben wir eigentlich auch alles schon viel und oft besprochen. Nur ist es mittlerweile anders geworden, dass es eben wenn irgendwas gut klappt abwärts geht. Das ist leider auch so beim skillen. Erfolgreich geskillt, mehr Druck, mehr skillen, usw. Daran wollen wir jetzt arbeiten.

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