Just don’t ask me what it was

Wie war das bei Ihnen? Wie sind Sie aufgewachsen, was hat Ihre Sprachbiografie beeinflusst? Gab es in der Familie Dinge, über die man nicht geredet hat, schwarze Löcher…“

Ich höre schon nicht mehr zu. Mich katapultiert es aus dem Seminar zurück in die Vergangenheit, zu den unzähligen Momenten in denen ich so gerne gesprochen hätte, erzählt hätte. Meine Kindheit und Jugend war gefüllt mit diesen schwarzen Löchern, über die man nicht reden durfte. Über die ich nicht reden durfte. Eigene Probleme, meine Mutter, meine Sorgen, meine Schwester, über das erste Verliebtsein, über meine Tante, über Gefühle, über meine komplette Familie mütterlicherseits und fast die komplette Familie väterlicherseits, an manchen Tagen nicht mal über das Wetter, weil er bei jedem Thema einfach nur explodierte. Eigentlich habe ich meine Kindheit und Jugend größtenteils damit verbracht schwarze Löcher zu umgehen, irgendwie einen Weg dazwischen zu finden, zu nicken, still zu sein und zu versuchen zu verstehen welches System hinter der tickenden Zeitbombe mit Zufallsgenerator steckte, die mein Vater war. Schweigen, Lügen, Belanglosigkeiten. Das ist meine Sprachbiografie. Eine Erklärung finden, warum ich nicht da war. Referatsarbeit statt dem tatsächlichen Treffen mit einer Freundin. Nachmittagsunterricht statt der tatsächlichen Therapiestunde. Kein Wort über die Telefonate mit meiner Mutter. Kein Wort über meine Oma, die im Sterben lag und die ich so gerne besucht hätte. Kein Wort über die Sehnsucht nach meiner Schwester. „An den Feiertagen soll es schneien“ statt „ich will zu meiner Familie!“

Diese Zeit des Jahres ist regelmäßig einfach schwer für mich. Auch wenn ich seit 10 Jahren die Feiertage so verbringen kann wie ich es möchte, so ist es dennoch nicht leichter geworden. Zu tief sitzen die Jahre, in denen mein Vater schon im Herbst darüber klagte, dass ich schon wieder zu meiner Mutter fahre an Weihnachten. Schon wieder. Wenn ich Glück hatte, dann alle zwei Jahre. Manchmal auch alle drei, mit der Begründung, ich hätte sie ja an Ostern gesehen. In seiner wortgewandten Art erzählte er mir wie einsam und alleine er sein würde, wie schrecklich es wäre alleine zu sein an den Feiertagen, an denen andere Menschen Zeit mit ihrer Familie verbringen. Dabei wollte ich doch nur genau das auch. Zeit mit meiner Familie, mit meiner Mutter und meiner Schwester und damals noch meiner Großtante und meinem Großonkel. Zeit mit den Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Stattdessen konnte ich diese seltenen Momente kaum genießen, weil mein Kopf voller Schuldgefühle war.

Und auch heute noch fühle ich mich schuldig ihn alleine zu lassen. Ich weiß, dass ich ihm nichts schulde, dass ich nicht für ihn und sein verkorkstes Leben zuständig bin und auch niemals die Ansprüche als sein Lebensmittelpunkt erfüllen könnte oder möchte. Und trotzdem sind diese eingeimpften Gefühle so sehr Teil von mir, dass ich sie nicht abschütteln kann.

Jahr für Jahr für Jahr das selbe Chaos. Ich hoffe immer noch, dass es irgendwann leichter wird. Doch was sind 10 Jahre Erwachsenenleben gegen 14 Jahre prägende Kindheit und Jugend? Wie wird man solche Dinge wieder los, mit denen man aufwuchs, die so sehr Normalität waren, dass der Wahnsinn dahinter gar nicht auffiel, die so sehr die eigene Entwicklung geprägt haben?

In vielen Dingen funktioniert es. Rationalität, alles was der Kopf leisten kann, ist seltener ein Problem. Doch diese Sache mit den Gefühlen, die ist verflixt.

Und dann haut es mich mitten aus einem Seminar in die Vergangenheit. Weil diese Jahreszeit so schwer ist und Kraft kostet, weil Gefühle scheiße sind, weil ich so unglaublich schlecht schlafe in den letzten Wochen. Mir fehlen die Kraftreserven um mit den Triggern des Alltags aktuell umgehen zu können.

Und so rettet mich eine Tavor auf dem Weg nach Hause aus dem Strudel von Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken, füllt meinen Kopf einfach nur mit Watte und dämpft das Chaos in mir drin auf ein erträgliches Maß.

Und trotz Tavor, immer wieder zufallenden Augen und allumfassender Müdigkeit komme ich trotzdem nicht zur Ruhe.

Von mir aus könnte jetzt der Frühling beginnen.

I think it’s because I’m clumsy
I try not to talk too loud
Maybe it’s because I’m crazy
I try not to act too proud
They only hit until you cry
After that you don’t ask why
You just don’t argue anymore
You just don’t argue anymore
You just don’t argue anymore

~ Luka – Suzanne Vega

1 Comment

  • Ich verstehe so gut, was du meinst…mit den schwarzen Löchern und der Tatsache, dass die Zeit vor Weihnachten einfach nur noch mehr Druck macht, selbst, wenn man sie nun selbst gestalten darf…ich wünsch uns beiden ein gutes Durchhaltevermögen und dass eine Portion guter Kekse zumindest einen kleinen Lichtblick bedeuten.

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